Jean Paul Flegeljahre Eine Biographie (Erstdruck 1804) Erstes Bändchen Nro. 1. Bleiglanz: Testament - Das Weinhaus Nro. 2. Katzensilber aus Thüringen: J.P.F.R.s Brief an den Stadtrat Nro. 3. Terra miraculosa Saxoniae: Die Akzessit-Erben - der schwedische Pfarrer Nro. 4. Mammutsknochen aus Astrakan: Das Zauberprisma Nro. 5. Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern: Vorgeschichte Nro. 6. Kupfernickel: Quod Deus Vultiana Nro. 7. Violenstein: Kindheits-Dörfchen - der große Mann Nro. 8. Koboldblüte: Das Notariats-Examen Nro. 9. Schwefelblumen: Streckverse Nro. 10. Stinkholz: Das Kapaunengefecht der Prosaisten Nro. 11. Fisetholz: Lust-Chaos Nro. 12. Unechte Wendeltreppe: Reiterstück Nro. 13. Berliner Marmor mit glänzenden Flecken: Ver- und Erkennung Nro. 14. Modell eines Hebammenstuhls: Projekt der Äther-Mühle - der Zauberabend Nro. 15. Riesenmuschel: Die Stadt - chambre garnie Nro. 16. Berggur: Sonntag eines Dichters Nro. 17. Rosenholz: Rosental Zweites Bändchen Nro. 18. Echinit: Der Schmollgeist Nro. 19. Mergelstein: Sommers-Zeit - Klothars-Jagd Nro. 20. Zeder von Libanon: Das Klavierstimmen Nro. 21. Das Großmaul oder Wydmonder: Aussichten Nro. 22. Saffafras: Peter Neupeters Wiegenfest Nro. 23. Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen: Tischreden Klothars und Glanzens Nro. 24. Glanzkohle: Der Park - der Brief Nro. 25. Smaragdfluß: Musik der Musik Nro. 26. Ein feiner Pektunkulus und Turbinite: Das zertierende Konzert Nro. 27. Spathdrüse von Schneeberg: Gespräche Nro. 28. Seehase: Neue Verhältnisse Nro. 29. Grobspeisiger Bleiglanz: Schenkung Nro. 30. Mißpickel aus Sachsen: Gespräch über den Adel Nro. 31. Pillenstein: Das Projekt Nro. 32. Heller im Straußenmagen: Menschenhaß und Reue Drittes Bändchen Nro. 33. Strahlglimmer: Die Brüder - Wina Nro. 34. Inkrustierte Kletten: Kopierstunde Nro. 35. Chrysopras: Träumen - Singen - Beten - Träumen Nro. 36. Kompaßmuschel: Träume aus Träumen Nro. 37. Eine auserlesene Kabinetsdrüse: Neues Testament Nro. 38. Marienglas: Raphaela Nro. 39. Papiernautilus: Antritt der Reise Nro. 40. Cedo nulli: Wirtshäuser - Reisebelustigungen Nro. 41. Trödelschnecke: Der Bettel-Stab Nro. 42. Schillerspath: Das Leben Nro. 43. Polierter Bernsteinstengel: Schauspieler - der Maskenherr - der Eiertanz der Einkäuferin Nro. 44. Katzengold aus Sachsen: Abenteuer Nro. 45. Katzenauge: Eß- und Trink-Wette - das Mädchen Nro. 46. Edler Granat: Der frische Tag Nro. 47. Titanium: Kartause der Phantasie - Bonmots Nro. 48. Stahlkies: Die Rosenhöfer-Nacht Nro. 49. Blätter-Erz: Beschluß der Reise Nro. 50. Halber Blasenstein eines Dachshunds: J.P.F.R.s Brief an den Haßlauer Stadtrat Viertes Bändchen Nro. 51. Ausgestopfter Blaumüller: Entwicklungen der Reise - und des Notariats Nro. 52. Ausgestopfter Fliegenschnäpper: Vornehmes Leben Nro. 53. Kreuzstein bei Gefrees im Baireuthischen: Gläubiger-Jagdstück Nro. 54. Surinamischer Äneas: Malerei - Wechselbrief - Fehdebrief Nro. 55. Pfefferfraß: Leides des jungen Walts - Einquartierung Nro. 56. Fliegender Hering: Brief des Biographen - Tagebuch - Nachtrag Nro. 57. Regenpfeifer: Doppel-Leben Nro. 58. Giftkuttel: Erinnerungen Nro. 59. Notenschnecke: Korrektur - Wina Nro. 60. Scherschwänzel: Schlittschuh-Fahrt Nro. 61. Labrador-Blende von der Insel St. Paul: Vults antikritische Bosheit - die Neujahrs-Nacht Nro. 62. Saustein: Einleitungen Nro. 63. Titan-Schörl: Larven-Tanz Nro. 64. Mondmilch vom Pilatusberg: Brief - Nachtwandler - Traum Erstes Bändchen Nro. 1: Bleiglanz Testament - das Weinhaus Solange Haßlau eine Residenz ist, wußte man sich nicht zu erinnern, daß man darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet hätte - die Geburt des Erbprinzen ausgenommen - als auf die Eröffnung des Van der Kabelschen Testaments. - Van der Kabel konnte der Haßlauer Krösus - und sein Leben eine Münzbelustigung heißen, oder eine Goldwäsche unter einem goldnen Regen, oder wie sonst der Witz wollte. Sieben noch lebende weitläuftige Anverwandten von sieben verstorbenen weitläuftigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Plätze im Vermächtnis, weil der Krösus ihnen geschworen, ihrer da zu gedenken; aber die Hoffnungen blieben zu matt, weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte, da er nicht nur so mürrisch-sittlich und uneigennützig überall wirtschaftete - in der Sittlichkeit aber waren die sieben Anverwandten noch Anfänger -, sondern auch immer so spöttisch dareingriff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und Fallstricke, daß sich auf ihn nicht fußen ließ. Das fortstrahlende Lächeln um seine Schläfe und Wulstlippen und die höhnische Fistel-Stimme schwächten den guten Eindruck, den sein edel gebautes Gesicht und ein Paar große Hände, aus denen jeden Tag Neujahrsgeschenke und Benefiz-Komödien und Gratiale fielen, hätten machen können; deswegen gab das Zug-Gevögel den Mann, diesen lebendigen Vogelbeerbaum, worauf es aß und nistete, für eine heimliche Schneuß aus und konnte die sichtbaren Beere vor unsichtbaren Haarschlingen kaum sehen. Zwischen zwei Schlagflüssen hatt' er sein Testament aufgesetzt und dem Magistrate anvertraut. Noch als er den Depositionsschein den sieben Präsumtiv-Erben halbsterbend übergab: sagt' er mit altem Tone, er wolle nicht hoffen, daß dieses Zeichen seines Ablebens gesetzte Männer niederschlage, die er sich viel lieber als lachende Erben denke denn als weinende; und nur einer davon, der kalte Ironiker, der Polizei-Inspektor Harprecht, erwiderte dem warmen: ihr sämtlicher Anteil an einem solchen Verluste stehe wohl nicht in ihrer Gewalt. Endlich erschienen die sieben Erben mit ihrem Depositionsschein auf dem Rathause, namentlich der Kirchenrat Glanz, der Polizei-Inspektor, der Hofagent Neupeter, der Hoffiskal Knoll, der Buchhändler Paßvogel, der Frühprediger Flachs und Flitte aus Elsaß. Sie drangen bei dem Magistrate auf die vom sel. Kabel insinuierte Charte und die Öffnung des Testaments ordentlich und geziemend. Der Ober-Exekutor des letztern war der regierende Bürgermeister selber, die Unter-Exekutores der restierende Stadt-Rat. Sofort wurden Charte und Testament aus der Rats-Kammer vorgeholt in die Ratsstube - sämtlichen Rats- und Erbherrn herumgezeigt, damit sie das darauf gedruckte Stadt-Sekret besähen - die auf die Charte geschriebene Insinuations-Registratur vom Stadtschreiber den sieben Erben laut vorgelesen und ihnen dadurch bekannt gemacht, daß der Selige die Charte dem Magistrate wirklich insinuiert und scrinio rei publicae anvertraut, und daß er am Tage der Insinuation noch vernünftig gewesen - endlich wurden die sieben Siegel, die er selber darauf gesetzt, ganz befunden. Jetzt konnte das Testament - nachdem der Stadtschreiber wieder über dieses alles eine kurze Registratur abgefasset - in Gottes Namen aufgemacht und vom regierenden Bürgermeister so vorgelesen werden, wie folgt: Ich Van der Kabel testiere 179? den 7. Mai hier in meinem Hause in Haßlau in der Hundsgasse ohne viele Millionen Worte, ob ich gleich ein deutscher Notarius und ein holländischer Dominé gewesen. Doch glaub' ich, werd' ich in der Notariatskunst noch so zu Hause sein, daß ich als ordentlicher Testator und Erblasser auftreten kann. Testatoren stellen die bewegenden Ursachen ihrer Testamente voran. Diese sind bei mir, wie gewöhnlich, der selige Hintritt und die Verlassenschaft, welche von vielen gewünscht wird. Über Begraben und dergleichen zu reden, ist zu weich und dumm. Das aber, als was Ich übrig bleibe, setze die ewige Sonne droben in einen ihrer grünen Frühlinge, in keinen düstern Winter. Die milden Gestifte, nach denen Notarien zu fragen haben, mach' ich so, daß ich für dreitausend hiesige Stadtarmen jeder Stände ebenso viele leichte Gulden aussetze, wofür sie an meinem Todes-Tage im künftigen Jahre auf der Gemeinhut, wenn nicht gerade das Revüe-Lager da steht, ihres aufschlagen und beziehen, das Geld froh verspeisen und dann in die Zelte sich kleiden können. Auch vermach' ich allen Schulmeistern unsers Fürstentums, dem Mann einen Augustd'or, so wie hiesiger Judenschaft meinen Kirchenstand in der Hofkirche. Da ich mein Testament in Klauseln eingeteilt haben will, so ist diese die erste. 2te Klausel Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten Testamentsstücke gezählt. Demzufolge vermach' ich denn dem Herrn Kirchenrat Glanz, dem Herrn Hoffiskal Knoll, dem Herrn Hofagent Peter Neupeter, dem Herrn Polizei-Inspektor Harprecht, dem Herrn Frühprediger Flachs und dem Herrn Hofbuchhändler Paßvogel und Herrn Flitten vor der Hand nichts, weniger weil ihnen als den weitläuftigsten Anverwandten keine Trebellianica gebührt, oder weil die meisten selber genug zu vererben haben, als weil ich aus ihrem eigenen Munde weiß, daß sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist. -- Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf. Am meisten fand sich der Kirchenrat, ein noch junger, aber durch gesprochene und gedruckte Kanzelreden in ganz Deutschland berühmter Mann, durch solche Stiche beleidigt - dem Elsasser Flitte entging im Sessionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch - Flachsen, dem Frühprediger, wuchs das Kinn zu einem Bart abwärts - mehrere leise Stoß-Nachrufe an den seligen Kabel, mit Namen Schubjack, Narr, Unchrist usw., konnte der Stadtrat hören. Aber der regierende Bürgermeister Kuhnold winkte mit der Hand, der Hoffiskal und der Buchhändler spannten alle Spring- und Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an, und jener las fort, obwohl mit erzwungenem Ernste: 3te Klausel Ausgenommen gegenwärtiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben genannten Herren Anverwandten anfallen und zugehören soll, welcher in einer halben Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein Paar Tränen über mich, seinen dahingegangenen Onkel, vergießen kann vor einem löblichen Magistrate, der es protokolliert. Bleibt aber alles trocken, so muß das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich sogleich nennen werde. - Hier machte der Bürgermeister das Testament zu, merkte an, die Bedingung sei wohl ungewöhnlich, aber doch nicht gesetzwidrig, sondern das Gericht müsse dem ersten, der weine, das Haus zusprechen, legte seine Uhr auf den Sessionstisch, welche auf 111/2 Uhr zeigte, und setzte sich ruhig nieder, um als Testaments-Vollstrecker so gut wie das ganze Gericht aufzumerken, wer zuerst die begehrten Tränen über den Testator vergösse. - Daß es, solange die Erde geht und steht, je auf ihr einen betrübtern und krausern Kongreß gegeben als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten trocknen Provinzen, kann wohl ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden. Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch bloß verwirrt gestaunt und gelächelt; der Kongreß sah sich zu plötzlich in jenen Hund umgesetzt, dem mitten im zornigsten Losrennen der Feind zurief: wart' auf! - und der plötzlich auf die Hinterfüße stieg und Zähne-blöckend aufwartete - vom Verwünschen wurde man zu schnell ins Beweinen emporgerissen. An reine Rührung konnte - das sah jeder - keiner denken, so im Galopp an Platzregen, an Jagdtaufe der Augen; doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen. Der Kaufmann Neupeter fragte, ob das nicht ein verfluchter Handel und Narrensposse sei für einen verständigen Mann, und verstand sich zu nichts; doch verspürt' er bei dem Gedanken, daß ihm ein Haus auf einer Zähre in den Beutel schwimmen könnte, sonderbaren Drüsen-Reiz und sah wie eine kranke Lerche aus, die man mit einem eingeölten Stecknadelknopfe - das Haus war der Knopf - klystiert. Der Hoffiskal Knoll verzog sein Gesicht wie ein armer Handwerksmann, den ein Gesell Sonnabendabends bei einem Schusterlicht rasiert und radiert; er war fürchterlich erboset auf den Mißbrauch des Titels von Testamenten und nahe genug an Tränen des Grimms. Der listige Buchhändler Paßvogel machte sich sogleich still an die Sache selber und durchging flüchtig alles Rührende, was er teils im Verlage hatte, teils in Kommission; und hoffte etwas zu brauen; noch sah er dabei aus wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundarzt Hemet auf die Nase gestrichen, langsam ableckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt. Flitte aus Elsaß tanzte geradezu im Sessionszimmer, besah lachend alle Ernste und schwur, er sei nicht der Reichste unter ihnen, aber für ganz Straßburg und Elsaß dazu wär' er nicht imstande, bei einem solchen Spaß zu weinen. - Zuletzt sah ihn der Polizei-Inspektor Harprecht sehr bedeutend an und versicherte: falls Monsieur etwan hoffe, durch Gelächter aus den sehr bekannten Drüsen und aus den Meibomischen und der Karunkel und andern die begehrten Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschweiß zu beschlagen, so wolle er ihn erinnern, daß er damit so wenig gewinnen könne, als wenn er die Nase schneuzen und davon profitieren wollte, indem in letztere, wie bekannt, durch den ductus nasalis mehr aus den Augen fließe als in jeden Kirchenstuhl hinein unter einer Leichenpredigt. - Aber der Elsasser versicherte, er lache nur zum Spaß, nicht aus ernstern Absichten. Der Inspektor seinerseits, bekannt mit seinem dephlegmierten Herzen, suchte dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben, daß er mit ihnen sehr starr und weit offen blickte. Der Frühprediger Flachs sah aus wie ein reitender Betteljude, mit welchem ein Hengst durchgeht; indes hätt' er mit seinem Herzen, das durch Haus- und Kirchenjammer schon die besten schwülsten Wolken um sich hatte, leicht wie eine Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das nötigste Wasser aufgezogen, wär' ihm nur nicht das herschiffende Flöß-Haus immer dazwischengekommen als ein gar zu erfreulicher Anblick und Damm. Der Kirchenrat, der seine Natur kannte aus Neujahrs- und Leichenpredigten, und der gewiß wußte, daß er sich selber zuerst erweiche, sobald er nur an andere Erweichungs-Reden halte, stand auf - da er sich und andere so lang am Trockenseile hängen sah - und sagte mit Würde, jeder, der seine gedruckten Werke gelesen, wisse gewiß, daß er ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen, wie Tränen sind, eher zurückzudrängen, um keinem Nebenmenschen damit etwas zu entziehen, als mühsam hervorzureizen nötig habe aus Nebenabsichten »Dies Herz hat sie schon vergossen, aber heimlich, denn Kabel war ja mein Freund«, sagt' er und sah umher. Mit Vergnügen bemerkte er, daß alle noch so trocken dasaßen wie Korkhölzer; besonders jetzt konnten Krokodile, Hirsche, Elefanten, Hexen, Reben leichter weinen als die Erben, von Glanzen so gestört und grimmig gemacht. Bloß Flachsen schlugs heimlich zu; dieser hielt sich Kabels Wohltaten und die schlechten Röcke und grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdienstes, den Lazarus mit seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Köpfen so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld und sich selber, wie er sich da so erbärmlich um den Testaments-Artikel in seinen jungen Jahren abquäle und abringe - noch drei Stöße hatt' er zu tun mit dem Pumpenstiefel, so hatte er sein Wasser und Haus. »O Kabel, mein Kabel,« - fuhr Glanz fort, fast vor Freude über nahe Trauertränen weinend - »einst wenn neben deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe auch die meinige zum Vermod« -- »Ich glaube, meine verehrtesten Herren,« - sagte Flachs, betrübt aufstehend und überfließend umhergehend - »ich weine« - setzte sich darauf nieder und ließ es vergnügter laufen; er war nun auf dem Trocknen; vor den Akzessit-Augen hatt' er Glanzen das Preis-Haus weggefischt, den jetzt seine Anstrengung ungemein verdroß, weil er sich ohne Nutzen den halben Appetit weggesprochen hatte. Die Rührung Flachsens wurde zu Protokoll gebracht und ihm das Haus in der Hundsgasse auf immer zugeschlagen. Der Bürgermeister gönnt' es dem armen Teufel von Herzen; es war das erstemal im Fürstentum Haßlau, daß Schul- und Kirchenlehrers-Tränen sich, nicht wie die der Heliaden in leichten Bernstein, der ein Insekt einschließet, sondern, wie die der Göttin Freia, in Gold verwandelten. Glanz gratulierte Flachsen sehr und machte ihm froh bemerklich, vielleicht hab' er selber ihn rühren helfen. Die übrigen trennten sich durch ihre Scheidung auf dem trockenen Weg von der Flachsischen auf dem nassen sichtbar, blieben aber noch auf das restierende Testament erpicht. Nun wurd' es weiter verlesen. 4te Klausel Von jeher habe ich zu einem Universalerben meiner Activa - also meines Gartens vor dem Schaftore, meines Wäldleins auf dem Berge und der 11000 Georgd'ors in der Südseehandlung in Berlin und endlich der beiden Fronbauern im Dorf Elterlein der dazu gehörigen Grundstücken - sehr viel gefodert, viel leibliche Armut und geistlichen Reichtum. Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in Elterlein ein solches Subjekt aufgetrieben. Ich glaubte nicht, daß es in einem Dutzend- und Taschenfürstentümlein einen blutarmen, grund-guten, herzlich-frohen Menschen gebe, der vielleicht unter allen, die je den Menschen geliebt, es am stärksten tut. Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt, und zweimal im Dunkeln eine Tat getan, daß ich nun auf den Jüngling baue, fast auf ewig. Ja ich weiß, dieses Universalerben tät' ihm sogar wehe, wenn er nicht arme Eltern hätte. Ob er gleich ein juristischer Kandidat ist, so ist er doch kindlich, ohne Falsch, rein, naiv und zart, ordentlich ein frommer Jüngling aus der alten Väterzeit und hat dreißigmal mehr Kopf, als er denkt. Nur hat er das Böse, daß er erstlich ein etwas elastischer Poet ist, und daß er zweitens, wie viele Staaten von meiner Bekanntschaft bei Sitten-Anstalten, gern das Pulver auf die Kugel lädt, auch am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. Es ist nicht glaublich, daß er je eine Studenten-Mausfalle aufstellen lernt; und wie gewiß ihm ein Reisekoffer, den man ihm abgeschnitten, auf ewig aus den Händen wäre, erhellet daraus, daß er durchaus nicht zu spezifizieren wüßte, was darin gewesen und wie er ausgesehen. Dieser Universalerbe ist der Schulzen-Sohn in Elterlein, namens Gottwalt Peter Harnisch, ein recht feines, blondes, liebes Bürschchen -- Die sieben Präsumtiv-Erben wollten fragen und außer sich sein; aber sie mußten forthören. 5te Klausel Allein er hat Nüsse vorher aufzureißen. Bekanntlich erbte ich seine Erbschaft selber erst von meinem unvergeßlichen Adoptivvater Van der Kabel in Broek im Waterland, dem ich fast nichts dafür geben konnte als zwei elende Worte, Friedrich Richter, meinen Namen. Harnisch soll sie wieder erben, wenn er mein Leben, wie folgt, wieder nach- und durchlebt. 6te Klausel Spaßhaft und leicht mags dem leichten poetischen Hospes dünken, wenn er hört, daß ich deshalb bloß fordere und verordne, er soll - denn alles das lebt' ich eben selber durch, nur länger - weiter nichts tun als: a) Einen Tag lang Klavierstimmer sein - ferner b) Einen Monat lang mein Gärtchen als Obergärtner bestellen - ferner c) Ein Vierteljahr Notarius - ferner d) so lange bei einem Jäger sein, bis er einen Hasen erlegt, es dauere nun 2 Stunden oder 2 Jahre - e) er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen - f) er soll eine buchhändlerische Meßwoche mit Herrn Paßvogel beziehen, wenn dieser will - g) er soll bei jedem der Herren Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen (der Erbe müßt' es sich denn verbitten) und alle Wünsche des zeitigen Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfüllen - h) er soll ein paar Wochen lang auf dem Lande Schule halten - endlich i) soll er ein Pfarrer werden; dann erhält er mit der Vokation die Erbschaft. - Das sind seine neun Erb-Ämter. 7te Klausel Spaßhaft, sagt' ich in der vorigen, wird ihm das vorkommen, besonders da ich ihm verstatte, meine Lebens-Rollen zu versetzen und z. B. früher die Schulstube als die Messe zu beziehen - bloß mit dem Pfarrer muß er schließen -; aber, Freund Harnisch, dem Testament bieg' ich zu jeder Rolle einen versiegelten Regulier-Tarif, genannt die geheimen Artikel, bei, worin ich Euch in den Fällen, wo Ihr das Pulver auf die Kugel ladet, z.B. in Notariatsinstrumenten, kurz, gerade für eben die Fehler, die ich sonst selber begangen, entweder um einen Abzug von der Erbschaft abstrafe, oder mit dem Aufschube ihrer Auslieferung. Seid klug, Poet, und bedenkt Euren Vater, der so manchem Edelmann im -a-n gleicht, dessen Vermögen wie das eines russischen zwar in Bauern besteht, aber doch nur in einem einzigen, welches er selber ist. Bedenkt Euren vagabunden Bruder, der vielleicht, eh' Ihrs denkt, aus seinen Wanderjahren mit einem halben Rocke vor Eure Türe kommen und sagen kann: »Hast du nichts Altes für deinen Bruder? Sieh diese Schuhe an!« - Habt also Einsichten, Universalerbe! 8te Klausel Den Herrn Kirchenrat Glanz und alle bis zu Herrn Buchhändler Paßvogel und Flitte (inclusive) mach' ich aufmerksam darauf, wie schwer Harnisch die ganze Erbschaft erobern wird, wenn sie auch nichts erwägen als das einzige hier an den Rand genähte Blatt, worauf der Poet flüchtig einen Lieblings-Wunsch ausgemalt, nämlich den, Pfarrer in Schweden zu werden.« (Herr Bürgermeister Kuhnold fragte hier, ob ers mitlesen solle; aber alle schnappten nach mehreren Klauseln, und er fuhr fort:) »Meine T. Herren Anverwandten fleh' ich daher - wofür ich freilich wenig tue, wenn ich nur zu einiger Erkenntlichkeit ihnen zu gleichen Teilen hier sowohl jährlich zehn Prozent aller Kapitalien als die Nutznießung meines Immobiliar-Vermögens, wie es auch heiße, so lange zuspreche, als besagter Harnisch noch nicht die Erbschaft nach der sechsten Klausel hat antreten können - solche fleh' ich als ein Christ die Christen an, gleichsam als sieben Weise dem jungen möglichen Universalerben scharf aufzupassen und ihm nicht den kleinsten Fehltritt, womit er den Aufschub oder Abzug der Erbschaft verschulden mag, unbemerkt nachzusehen, sondern vielmehr jeden gerichtlich zu bescheinigen. Das kann den leichten Poeten vorwärts bringen und ihn schleifen und abwetzen. Wenn es wahr ist, ihr sieben Verwandten, daß ihr nur meine Person geliebt, so zeigt es dadurch, daß ihr das Ebenbild derselben recht schüttelt (den Nutzen hat das Ebenbild) und ordentlich, obwohl christlich, chikaniert und vexiert und sein Regen- und Siebengestirn seid und seine böse Sieben. Muß er recht büßen, nämlich passen, desto ersprießlicher für ihn und für euch. 9te Klausel Ritte der Teufel meinen Universalerben so, daß er die Ehe bräche, so verlör' er die Viertels-Erbschaft - sie fiele den sieben Anverwandten heim -; ein Sechstel aber nur, wenn er ein Mädchen verführte. - Tagreisen und Sitzen im Kerker können nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wohl aber Liegen auf dem Kranken- und Totenbette. 10te Klausel Stirbt der junge Harnisch innerhalb 20 Jahren, so verfället die Erbschaft den hiesigen corporibus piis. Ist er als christlicher Kandidat examiniert und bestanden: so zieht er, bis man ihn voziert, zehn p.c. mit den übrigen Herren Erben, damit er nicht verhungere. 11te Klausel Harnisch muß an Eides Statt geloben, nichts auf die künftige Erbschaft zu borgen. 12te Klausel Es ist nur mein letzter Wunsch, obwohl nicht eben mein letzter Wille, daß, wie ich den Van der Kabelschen Namen, er so den Richterschen bei Antritt der Erbschaft annehme und fortführe; es kommt aber sehr auf seine Eltern an. 13te Klausel Ließe sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben auftreiben und gewinnen, der in Bibliotheken wohl gelitten wäre: so soll man dem venerabeln Mann den Antrag tun, die Geschichte und Erwerbzeit meines möglichen Universalerben und Adoptivsohnes, so gut er kann, zu schreiben. Das wird nicht nur diesem, sondern auch dem Erblasser - weil er auf allen Blättern vorkommt - Ansehen geben. Der treffliche, mir zur Zeit noch unbekannte Historiker aber nehme von mir als schwaches Andenken für jedes Kapitel eine Nummer aus meinem Kunst- und Naturalienkabinet an. Man soll den Mann reichlich mit Notizen versorgen. 14te Klausel Schlägt aber Harnisch die ganze Erbschaft aus, so ists so viel, als hätt' er zugleich die Ehe gebrochen und wäre Todes verfahren; und die 9te und 10te Klausel treten mit vollen Kräften ein. 15te Klausel Zu Exekutoren des Testaments ernenn' ich dieselben hochedlen Personen, denen oblatio testamenti geschehen; indes ist der regierende Bürgermeister, Herr Kuhnold, der Ober-Vollstrecker. Nur er allein eröffnet stets denjenigen unter den geheimen Artikeln des Reguliertarifs vorher, welcher für das jedesmalige gerade von Harnisch gewählte Erb-Amt überschrieben ist. - In diesem Tarif ist es auf das Genaueste bestimmt, wie viel Harnischen z.B. für das Notariuswerden beizuschießen ist - denn was hat er? - und wie viel jedem Akzessit-Erben zu geben, der gerade ins Erbamt verwickelt ist, z.B. Herrn Paßvogel für die Buchhändler-Woche oder für siebentägigen Hauszins. Man wird allgemein zufrieden sein. 16te Klausel Folioseite 276 seiner vierten Auflage fodert Volkmannus emendatus von Erblassern die providentia oder »zeitige Fürsehung«, so daß ich also in dieser Klausel festzusetzen habe, daß jeder der sieben Akzessit-Erben oder alle, die mein Testament gerichtlich anzufechten oder zu rumpieren suchen, während des Prozesses keinen Heller Zinsen erhalten, als welche den andern oder - streiten sie alle - dem Universalerben zufließen. 17te und letzte Klausel Ein jeder Wille darf toll und halb und weder gehauen noch gestochen sein, nur aber der letzte nicht, sondern dieser muß, um sich zum zweiten-, dritten-, viertenmal zu ründen, also konzentrisch, wie überall bei den Juristen, zur clausula salutaris, zur donatio mortis causa und zur reservatio ambulatoriae voluntatis greifen. So will ich denn hiemit darzu gegriffen haben, mit kurzen und vorigen Worten. - Weiter brauch' ich mich der Welt nicht aufzutun, vor der mich die nahe Stunde bald zusperren wird. - Sonstiger Fr. Richter, jetziger Van der Kabel. So weit das Testament. Alle Formalien des Unterzeichnens und Untersiegelns etc. etc. fanden die sieben Erben richtig beobachtet. Nro. 2: Katzensilber aus Thüringen J. P. F. R.s Brief an den Stadtrat Der Verfasser dieser Geschichte wurde von der Testaments-Exekution, besonders vom trefflichen Kuhnold, zum Verfasser gewählt. Auf einen solchen ehrenvollen Auftrag gab er folgende Antwort. P. P. Einem hochedlen Stadtrat oder einer trefflichen Testaments-Exekution die Freude zu malen, daß Sie und die Klausel: Ließe sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller etc. mich aus 55000 zeitigen Autoren zum Geschichtschreiber eines Harnisch ausgelesen; Ihnen mit bunten Farben das Vergnügen zu schildern, daß ich mit solchen Arbeiten und Mitarbeitern beehrt worden - dazu hatt' ich vorgestern, da ich mit Weib und Kind und allem von Meinungen nach Koburg zog und unzählige Dinge auf- und abzuladen hatte, ganz natürlich keine Zeit. Ja, kaum war ich zum Stadt-Tore und zur Haus-Türe hinein, so ging ich wieder heraus auf die Berge, wo eine Menge schöner Gegenden neben- und hintereinander wohnen: »Wie oft«, sagt' ich droben, »wirst du dich nicht künftig auf diesen Tabors verklären!« Hier send' ich dem etc. etc. Stadtrate die erste Nummer, Bleiglanz überschrieben, ganz ausgearbeitet; ich bitte aber die trefflichen Exekutoren, zu bedenken, daß die künftigen Nummern reicher und feiner ausfallen und ich mich darin mehr werde zeigen können als in der ersten, wo ich fast nichts zu machen hatte als die Abschrift der erhaltenen Testaments-Kopie. Das Katzensilber aus Thüringen habe ganz erhalten; nächstens läuft das Kapitel dafür ein, das aus einer Kopie des gegenwärtigen Briefes, für die Leser, bestehen soll. Ein weder zu barocker noch zu verbrauchter Titel für das Werk ist auch schon fertig; Flegeljahre ist es betitelt. So hat denn die Maschine ihren ordentlichen Mühlengang. Wenn die Van der Kabelsche Kunst- und Naturalien-Sammlung siebentausend und zweihundertunddrei Stücke und Nummern stark ist, wie ich aus dem Inventarium ersehe: so werden wir wohl, da der Selige für jedes Stück sein ganzes Kapitel haben will, die Kapitel etwas einlaufen lassen müssen, weil sonst ein Werk herauskäme, das sich länger ausstreckte als alle meine opera omnia (inclusive dieses) zusammengenommen. In der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt, Kapitel von einem Alphabet bis zu Kapiteln von einer Zeile. Was die Arbeit selber anlangt, so verpfändet sich der Meister einem hochedlen Stadtrate dafür, daß er eine liefern will, die man keck jedem Mitmeister, er sei Stadt- oder Frei- und Gnadenmeister, zu beschauen geben kann, besonders da ich vielleicht mit dem sel. Van der Kabel, sonst Richter, selber verwandt bin. Das Werk - um nur einiges vorauszusagen - soll alles befassen, was man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum Buche der Seligen - Dienstboten, angehenden Knaben und erwachsenen Töchtern wie auch Landmännern und Fürsten werden darin die Collegia conduitica gelesen - Ein Stylisticum lieset das Ganze - Für den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Völker wird darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit- und Vorwelt - Ich berühre darin die Vaccine - den Buch- und Wollenhandel - die Monatsschriftsteller - Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem -- die neuen Territorialpfähle - die Schwänzelpfennige - die Feldmäuse samt den Fichtenraupen - und Bonaparten, das berühr' ich, freilich flüchtig als Poet - Über das weimarsche Theater äußer' ich meine Gedanken, auch über das nicht kleinere der Welt und des Lebens - Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, obwohl diese jetzt so selten ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof - Böse Charaktere, so mir der hochedle Rat hoffentlich zufertigt, werden tapfer gehandhabt, doch ohne Persönlichkeiten und Anzüglichkeiten; denn schwarze Herzen und schwarze Augen sind ja - näher in letztere gefasset - nur braun; und ein Halbgott und ein Halbvieh können sehr gut dieselbe zweite Hälfte haben, nämlich die menschliche - und darf die Peitsche wohl je so dick sein als die Haut? - Trockne Rezensenten werden ergriffen und (unter Einschränkung) durch Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Tränen gerührt, wie man mürbe Reliquien ausstellt, damit es regne - Über das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das achtzehnte human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei - Das Schaf, das eine Chrestomathie oder Jean Pauls Geist aus meinen Werken auszog mit den Zähnen, bekommt aus jedem Bande einen Band zu extrahieren in die Hand, so daß besagtes gar keine Auslese, sondern nur eine Abschrift zu machen braucht, samt den einfältigsten Noten und Präfationen - Gleich dem Not- und Hülfs-Büchlein muß das Buch Arzneimittel, Ratschläge, Charaktere, Dialogen und Historien liefern, aber so viele, daß es jenem Not-Büchlein könnte beigebunden werden als Hülfs-Buch, als weitläuftiger Auszug und Anhang, weil jedes Werk der Darstellung so gut aus einem Spiegel in eine Brille muß umzuschleifen sein, als venezianische Spiegelscherben zu wirklichen Brillengläsern genommen werden - In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata Wahrheiten - Täglich wird das Werkchen höher klettern, aus Lesebibliotheken in Leihbibliotheken, aus diesen in Ratbibliotheken, die schönsten Ehren- und Parade-Betten und Witwensitze der Musen -- Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wirds ... O hochedler Stadtrat! Exekutoren des Testaments! sollt' es mir einst vergönnet werden, in meinem Alter alle Bände der Flegeljahre ganz fertig abgedruckt in hohen, aus Tübingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen -- Bis dahin aber erharr' ich mit sonderbarer Hochachtung Ew. Wohlgeb. etc. etc. etc. Koburg, den 6. Juni 1803 J. P. F. Richter Legaz. Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben für den Leser ist wohl jetzt nicht mehr nötig, da er ihn eben gelesen. Auf ähnliche Weise setzen uneigennützige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn für die Zettel selber an, setzen aber nachher, wiewohl sie ins Unendliche fort könnten, nichts weiter für das Ansetzen des Ansetzens an. Ob aber der Verfasser der Flegeljahre nicht noch viel nähere historische Leithämmel und Leithunde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu verwenden habe als bloß einen trefflichen Stadtrat; und wer besonders sein herrlichster Hund und Hammel darunter sei - darüber würde man jetzt die Leser mit dem größten Vergnügen beruhigen, wenn man sich überzeugen könnte, es sei sachdienlich, es sei prudentis. Nro. 3: Terra miraculosa Saxoniae Die Akzessit-Erben - der schwedische Pfarrer Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich auf sieben Weisen im Gesicht. Viele sagten gar nichts. Alle fragten, wer von ihnen den jungen Burschen kenne, ausgenommen der Hoffiskal Knoll, der selber gefragt wurde, weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals war. »Es sei nichts Besonderes am jungen Haeredipeta,« versetzte Knoll, »sein Vater aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig.« - Vergeblich umrangen die Erben den einsilbigen Fiskal, ebenso Rats- als neubegierig. Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars, andere vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf. Der Bürgermeister erklärte den Erben, man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend vorbescheiden. Knoll erwiderte: »da er übermorgen, das heißet den 13ten hujus, nämlich Donnerstags, in Gerichts-Geschäften nach seiner Gerichtshalterei Elterlein gehe: so sei er imstande, dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die Zitation zu insinuieren.« Es wurde bewilligt. Jetzt suchte der Kirchenrat Glanz nur auf eine kurze Lese-Minute um das Blättchen nach, worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte ausgemalet haben. Er bekams. Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhändler Paßvogel und las schnell die Seite zweimal herunter, eh' sie der Kirchenrat umkehrte; zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn, er sah sich um und sagte, es sei wohl besser, wenn ers gar vorlese: Das Glück eines schwedischen Pfarrers So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Rückhalt recht groß hermalen und mich selber unter dem Pfarrer meinen, damit mich die Schilderung, wenn ich sie nach einem Jahre wieder überlese, ganz besonders auswärme. Schon ein Pfarrer an sich ist selig, geschweige in Schweden. Er genießet da Sommer und Winter rein, ohne lange verdrüßliche Unterbrechungen; z.B. in seinen späten Frühling fällt statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein, weißrot und blütenschwer, so daß man in einer Sommernacht das halbe Italien, und in einer Winternacht die halbe zweite Welt haben kann. Ich will aber bei dem Winter anfangen und das Christfest nehmen. Der Pfarrer, der aus Deutschland, aus Haßlau in ein sehr nördlich-polarisches Dörflein voziert worden, steht heiter um 7 Uhr auf und brennt bis 91/2 Uhr sein dünnes Licht. Noch um 9 Uhr scheinen Sterne, der helle Mond noch länger. Aber dieses Hereinlangen des Sternen-Himmels in den Vormittag gibt ihm liebe Empfindungen, weil er ein Deutscher ist und über einen gestirnten Vormittag erstaunt. Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchengänger mit Laternen in die Kirche gehen; die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre, in die Winterstunden und Weihnachtsmetten zurück, wo jeder sein Lichtchen mit hatte. Auf der Kanzel sagt er seinen lieben Zuhörern lauter Sachen vor, deren Worte gerade so in der Bibel stehen; vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernünftig, aber wohl ein redliches Gemüt. Darauf teilt er mit heimlicher Freude über die Gelegenheit, jeder Person so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr wie einem Kinde Trank und Speise einzugeben, das heilige Nachtmahl aus und genießet es jeden Sonntag selber mit, weil er sich nach dem nahen Liebesmahl in den Händen ja sehnen muß. Ich glaube, es müßt' ihm erlaubt sein. (Hier sah der Kirchenrat mit einem fragenden Rüge-Blick unter den Zuhörern umher, und Flachs nickte mit dem Kopfe; er hatte aber wenig vernommen, sondern nur an sein Haus gedacht.) Wenn er dann mit den Seinigen aus der Kirche tritt, geht gerade die helle Christ- und Morgensonne auf und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen. Die vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenrot gefärbt. Der Pfarrer könnte dann, wenn er auf die tote Mutter-Erde und den Gottesacker hinsähe, worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen, wohl diesen Polymeter dichten: »Auf der toten Mutter ruhen die toten Kinder in dunkler Stille. Endlich erscheint die ewige Sonne, und die Mutter steht wieder blühend auf, aber später alle ihre Kinder.« Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der Bücherwand. Den Nachmittag verbringt er schön, weil er vor einem ganzen Blumen-Gestelle von Freuden kaum weiß, wo er anhalten soll. Ists am heiligen Christfest, so predigt er wieder, vom schönen Morgenlande oder von der Ewigkeit; dabei wirds ganz dämmernd im Tempel; nur zwei Altar-Kerzen werfen wunderbare lange Schatten umher durch die Kirche; der oben herabhängende Taufengel belebt sich ordentlich und fliegt beinahe; draußen scheinen die Sterne oder der Mond herein - der feurige Pfarrer oben im Finstern auf seiner Kanzel bekümmert sich nun um nichts, sondern donnert aus der Nacht herab, mit Tränen und Stürmen, von Welten und Himmeln und allem, was Brust und Herz gewaltig bewegt. Kommt er flammend herunter: so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen, der für ihn gewiß eine aus dem ewigen Südmorgen herüberschlagende Aurora ist, oder ein Wald aus heiligen feurigen Mosis-Büschen um Gottes Thron. Ists ein anderer Nachmittag, so fahren Gäste mit erwachsenen Töchtern von Betragen an; wie die große Welt diniert er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2 Uhr und trinkt den Kaffee bei Mondschein; das ganze Pfarrhaus ist ein dämmernder Zauberpalast. - Oder er geht auch hinüber zum Schulmeister in die Nachmittagsschule und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei Licht um sein Großvater-Knie und ergötzet und belehret sie. - Ist aber das alles nicht: so kann er ja schon von drei Uhr an in der warmen Dämmerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas Orangenzucker dazu beißen, um das schöne Welschland mit seinen Gärten auf die Zunge und vor alle Sinne zu bekommen. Kann er nicht bei dem Monde denken, daß dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeer-Bäumen hänge? Kann er nicht erwägen, daß die Äolsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die Sterne und die Kinder in heißen und kalten Ländern dieselben sind? Wenn nun gar die reitende Post, die aus Italien kommt, durchs Dorf bläset und ihm auf wenigen Tönen blumige Länder an das gefrorne Museums-Fenster hebt; wenn er alte Rosen- und Lilienblätter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt, wohl auch eine geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel; wenn dabei die prächtigen Klänge Salatzeit, Kirschenzeit, Trinitatissonntage, Rosenblüte, Marientage das Herz anrühren: so wird er kaum mehr wissen, daß er in Schweden ist, wenn Licht gebracht wird und er verdutzt die fremde Stube ansieht. Will ers noch weiter treiben, so kann er sich daran ein Wachskerzchen-Endchen anzünden, um den ganzen Abend in die große Welt hineinzugehen, aus der ers herhat. Denn ich sollte glauben, daß am Stockholmer Hofe, wie anderwärts, von den Hofbedienten Endchen von Wachskerzen, die auf Silber gebrannt hatten, für Geld zu haben wären. Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas Schöners als Italien, wo die Sonne viel früher als in Haßlau untergeht, nämlich der herrlich beladne längste Tag an seine Brust an und hält die Morgenröte voll Lerchengesang schon um 1 Uhr nachts in der Hand. Ein wenig vor 2 Uhr oder Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche bunte Reihe im Pfarrhause ein, weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vorhat. Sie ziehen nach 2 Uhr, wenn alle Blumen blitzen und die Wälder schimmern. Die warme Sonne droht kein Gewitter und keinen Platzregen, weil beide selten sind in Schweden. Der Pfarrer geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder - er trägt sein kurzes Wams mit breiter Schärpe, sein kurzes Mäntelchen darüber, seinen Rundhut mit wehenden Federn und Schuhe mit hellen Bändern; - natürlich sieht er, wie die andern auch, wie ein spanischer Ritter, wie ein Provenzale oder sonst ein südlicher Mensch aus, zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus Beeten und Ästen hervorgezogne hohe Blüten- und Blätterfülle fliegen. Daß ein solcher längster Tag noch kürzer als ein kürzester verfliege, ist leicht zu denken, bei so viel Sonne, Äther, Blüte und Muße. Schon nach 8 Uhr abends bricht die Gesellschaft auf - die Sonne brennt sanfter über den halbgeschlossenen schläfrigen Blumen - um 9 Uhr hat sie ihre Strahlen abgenommen und badet nackt im Blau - gegen 10 Uhr, wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder ankommt, wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht, weil im Dorfe, obgleich die tiefe laue Sonne noch ein müdes Rot um die Häuser und an die Scheiben legt, alles schon still und in tiefem Schlafe liegt, so wie auch die Vögel in den gelb-dämmernden Gipfeln schlummern, bis zuletzt die Sonne selber, wie ein Mond, einsam untergeht in der Stille der Welt. Dem romantisch bekleideten Pfarrer ist, als sei jetzt ein rosenfarbnes Reich aufgetan, worin Feen und Geister herumgehen, und ihn würd' es wenig wundern, wenn in dieser goldnen Geisterstunde auf einmal sein in der Kindheit entlaufner Bruder heranträte, wie vom blühenden Zauber-Himmel gefallen. Der Pfarrer lässet aber seine Reisegesellschaft nicht fort, er hält sie im Pfarrgarten fest, wo jeder, wer will, sagt' er, in schönen Lauben die kurze laue Stunde bis zu Sonnen-Aufgang verschlummern kann. Es wird allgemein angenommen und der Garten besetzt; manches schöne Paar tut vielleicht nur, als schlaf' es, hält sich aber wirklich an der Hand. Der glückliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab. Kühle und wenige Sterne kommen. Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark, so hell es auch ist. In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dämmerung auf. Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdörfchen und an das Leben und Sehnen der Menschen und wird still und voll genug. Da greift die frische Morgen-Sonne wieder in die Welt. Mancher, der sie mit der Abend-Sonne vermengen will, tut die Augen wieder zu; aber die Lerchen erklären alles und wecken die Lauben. Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an; -- und es fehlt wenig, so schilder' ich mir diesen Tag ebenfalls, ob er gleich vom vorigen vielleicht um kein Blütenblatt verschieden ist. Glanz, dessen Gesicht die günstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke war, sah, mit einigem Triumphe über ein solches Werk, unter den Erben umher; nur der Polizei-Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem Gesicht: »Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstande noch zu schaffen machen.« Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren längst aus Ekel vor der Lektüre weg und ans Fenster gegangen, um etwas Vernünftiges zu sprechen. Sie verließen die Gerichtsstuben. Unterwegs äußerte der Kaufmann Neupeter: »Das versteh' ich noch nicht, wie ein so gesetzter Mann als unser sel. Vetter noch am Rande des Grabes solche Schnurren treiben kann.« - »Vielleicht aber« - sagte Flachs, der Hausbesitzer, um die andern zu trösten - »nimmt der junge Mensch die Erbschaft gar nicht an, wegen der schweren Bedingungen.« Knoll fuhr den Hausbesitzer an: »Gerade so schwere wie heute eine. Sehr dumm wär's von ihm und für uns. Denn nach Clausul. IX. Schlägt aber Harnisch fielen ja den corporibus piis drei Viertel zu. Wenn er sie aber antritt und lauter Böcke schießet« - »Das gebe doch Gott«, sagte Harprecht. »- schießet,- fuhr jener fort, »so haben wir doch die Klauseln Spaßhaft sagt' ich in der vorigen - und Ritte der Teufel - und Den Herrn Kirchenrat Glanz und alle für uns und können viel tun.« Sie erwählten ihn sämtlich zum Schirmherrn ihrer Rechte und rühmten sein Gedächtnis. - »Ich erinnere mich noch,« sagte der Kirchenrat, »daß er nach der Klausel der Erb-Ämter vorher zu einem geistlichen Amte gelangen soll, wiewohl er jetzt nur Jurist ist« --- »Da wollt ihr nämlich,« versetzte Knoll geschwind, »Ihr geistlichen Herren und Narren, dem Examinanden schon so einheizen, so zwicken - wahrhaftig das glaub' ich« - und der Polizei-Inspektor fügte bei, er hoffe das selber. Da aber der Kirchenrat, dem beide schon als alte Kanzel-Stürmer, als Baumschänder kanonischer Haine bekannt waren, noch vergnügt einen Rest von Eß-Lust verspürte, der ihm zu teuer war, um ihn wegzudisputieren: so suchte er sich nicht recht sonderlich zu ärgern, sondern sah nach. Man trennte sich. Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten, dessen Gerichtsagent er war, nach Hause und eröffnete ihm, daß der junge Harnisch schon längst habe - als riech' er etwas vom Testamente, das dergleichen auch fordere - Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen, und daß er am Donnerstag nach Elterlein gehe, um ihn dazu zu kreieren. (Knoll war Pfalzgraf.) »So mög' er doch machen,« bat der Agent, »daß der Mensch bei ihm logiere, da er eben ein schlechtes unbrauchbares Dachstübchen für ihn leer habe.« - »Sehr leicht«, versetzte Knoll. Das erste, was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte, war ein Billet an den alten Schulz in Elterlein, worin er ihm bedeutete, »er werde übermorgen Donnerstags durch und retour passieren und unterwegs, gegen Abend, seinen Sohn zum Notarius kreieren; auch hab' er ein treffliches, aber wohlfeiles Quartier für solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden«. - Vor dem regierenden Bürgermeister hatt' er demnach eine Verabredung, die er jetzt erst traf, schon für eine getroffne ausgegeben, um, wie es scheint, das Macherlohn für einen Notar, das ihm der Testator auszahlte, vorher auch von den Eltern zu erheben. In allen Erzählungen und Äußerungen blieb er äußerst wahrhaft, solange sie nur nicht in die Praxis einschlugen; denn alsdann trug er (da Raubtiere nur in der Nacht ziehen) sein nötiges Stückchen Nacht bei sich, das er entweder aus blauem Dunst verfertigte als Advokat, oder aus arsenikalischen Dämpfen als Fiskal. Nro. 4: Mammutsknochen aus Astrakan Das Zauberprisma Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Haßlau, so unruhig liefen die Seelen wie Wellen untereinander, um etwas vom jungen Harnisch zu erfahren. Eine kleine Stadt ist ein großes Haus, die Gassen sind nur Treppen. Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab, um nur den Erben zu sehen; er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen. Der General Zablocki, der ein Rittergut im Dorfe hatte, beschied seinen Verwalter in die Stadt, um zu fragen. Manche halfen sich damit, daß sie einen eben angekommenen Flöten-Virtuosen, Van der Harnisch, für den gleichnamigen Erben nahmen und davon sprachen; besonders tatens einhörige Leute, die, dabei taub auf dem zweiten Ohre, alles nur mit halbem hörten. Erst Mittwochs abends - am Dienstage war Testaments-Öffnung gewesen - bekam die Stadt Licht, in der Vorstadt bei dem Wirt zum weichen Krebs. Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewöhnlich in die Dinte ihres Schreib-Tages einiges Abendbier, um die schwarze Farbe des Lebens zu verdünnen. Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schultheiß Harnisch seit 20 Jahren einkehrte: so war er imstande, wenigstens vom Vater ihnen zu erzählen, daß er jede Woche Regierung und Kammer anlaufe mit leeren Fragen, und daß er jedesmal unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren Amte, seinen vielen juristischen Einsichten und Büchern und seiner »zweiherrigen« Wirtschaft und seinen Zwillingssöhnen abendelang vorsinge, ohne doch je in seinem Leben mehr dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug - Es führe zwar, fuhr der Wirt fort, der Schulz sehr starke hochtrabende Worte, sei aber ein Hase, der seine Frau schickte bei handfesten Vorfällen, oder er reiche eine lange Schreiberei ein; hab' auch ein zu nobles Naturell und könne sich über eine krumme Miene zu Tagen kränken und habe noch unverdauete Nasen, die er im Winter von der Regierung bekommen, im Magen. Nur von der Hauptsache, beschloß er, von den Söhnen, wiss' er nichts, als daß der eine, der Spitzbube, der Flötenpfeifer Vult, im 141/2 Jahre mit einem solchen Herrn - er zeigte auf Herrn van der Harnisch - durchgegangen; und vom andern, der der Erbe sei, könne gewiß der Herr unten mit den schwarzen Knopflöchern die beste Auskunft geben, denn es sei der Herr Kandidat und Schulmeister Schomaker aus Elterlein, sein gewesener Präzeptor. Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler mit Bleistift korrigiert, eh' er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wickelte. Er antwortete nicht, sondern wickelte wieder weißes Papier über das bedruckte, siegelte es ein und schrieb an alle Ecken: Gift! - darauf überwickelte und überschrieb er wieder und ließ nicht nach, bis ers siebenmal getan und ein dickes Oktav-Paquet vor sich hatte. Jetzt stand er auf, ein breiter, starker Mann, und sagte sehr furchtsam, indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als jeder im Schreiben: »Ganz wahr, daß er mein Schüler, und hinlänglich, erstlich, daß er so ädel ist, zweitens, daß er treffliche Gedichte, nach einem neuen Metrum, machet, so er den Streckvers nennet, ich einen Polymeter.« Bei diesen Worten fing der Flöten-Virtuose van der Harnisch, der bisher kalt die Runde um die Stube gemacht, plötzlich Feuer. Wie andere Virtuosen hatt' er aus großen Städten die Verachtung kleiner mitgebracht - ein Dorf schätzen sie wieder -, weil in kleinen das Rathaus kein Odeum, die Privathäuser keine Bilderkabinette, die Kirchen keine Antiken-Tempel sind. Er bat verbindlich den Kandidaten um Ausführlichkeit. »Fodert meine Pflicht schon,« versetzte dieser, »daß ich morgen, bei der Heimkunft, dem Erben selber, die Eröffnung eines Vermächtnisses noch nicht eröffne, weil es erst die Obrigkeit, am Sonnabend, tuet, wie vielmehr, daß ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen, nie ohne seine Erlaubnis, kundtue, wie vielmehr - Aber Gott, wer von uns wird die Leiche sein!« setzt' er dazu, da er die Stundenglocke ins Gebetläuten tönen hörte; und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung, um dreist zu werden, weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen, worauf unzählige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt. Über diesen religiösen Skrupel-Luxus zog der Flötenist ein sehr verächtliches Gesicht und sagte - indem er ein Prisma aus der Tasche holte und vier Lichter verlangte - verdrüßlich: »Ich könnte es bald wissen, wer die Leiche sein wird; aber ich will Ihnen, Herr Kandidat, lieber alles erzählen aus diesem Zauber-Prisma, was Sie mir nicht erzählen wollen.« Er sagte, das Prisma verschließe die viererlei Wasser, welche man aus den vier Welt-Ecken sammle, man reib' es am Herzen warm, fordere leise, was man in der Vergangenheit oder Zukunft zu sehen wünsche, und wenn man vorher etwas vorgenommen, was er ohne Todes-Gefahr nicht sagen dürfte - daher das Geheimnis immer nur von Sterbenden mitgeteilet werde, oder auch von Selbstmördern -, alsdann entstehe in den viererlei Wassern ein Nebel, dieser ringe und arbeite, bis er sich in helle Menschengestalten zusammengezogen, welche nun ihre Vergangenheit wiederholen oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen, wie man es eben gefordert. Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgültig und fest gegen das Prisma, weil er wußte, ihm habe, wenn er bete, kein Teufel viel an. Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der Tasche und sie sich über den Kopf und war darunter rege und leise; endlich hörte man das Wort: Schomakers Stube. Jetzt warf er sie zurück, starrete erschrocken in das Prisma hinein und beschrieb laut und eintönig jede Kleinigkeit, die in dessen stillem Zölibats-Zimmer war, von einer Druckerpresse an bis auf die Vögel hinter dem Ofen, ja sogar bis auf die Maus, die eben darin umherlief. Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge; als aber der Seher sagte: »Irgendein Geister-Schatte in der leeren Stube hat Ihren Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette« - so überlief es ihn sehr kalt. »Das war etwas Gegenwart von Ihnen«, sagte der Virtuose; »nun einige wenige Vergangenheit, und dann soviel Zukunft, als man braucht, um zu sehen, ob Sie etwan die diesjährige Leiche werden.« Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rück- und Vor-Seherei entgegen; er versetzte, er halte sich ganz an die Geister, die es ausbaden möchten, und fing schon an, im Prisma zu sehen, daß der Kandidat als junger Mensch eine Frühpredigers-Stelle und eine Ehe ausschlug, bloß aus 11000 Gewissensskrupeln. Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr, wovon das Wort Schlägerei vorklang. Schomaker, der noch mehr seine Zukunft als seine Vergangenheit zu hören mied, schlug auf moralische Unkosten der Geister den Ausweg vor, er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermächtnisse so interessanten Harnischischen Familie geben; Herr van der Harnisch möge dabei ins Prisma sehen und ihm einhelfen. Das hatte der quälende Virtuose gewollt. Beide arbeiteten nun miteinander eine kurze Vor-Geschichte des Testaments-Helden aus, welche man um so lieber im Vogtländischen Marmor mit mäusefahlen Adern - denn so heißet die folgende Nummer - finden wird, da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt, auf den Helden näher zu stoßen, wär's auch nur im Hintergrunde. Der Verfasser wird dabei die Pflicht beobachten, beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen noch dadurch auszuglätten, daß er ihm Patavinitäten ausstreicht und etwas Glanz-Stil an Nro. 5: Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern Vorgeschichte Der Schultheiß Harnisch - der Vater des Universalerben - hatte sich in seiner Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und wäre bei seinen Anlagen zu Mathematik und Stubensitzen - denn er las Sonntage lang draußen im Reiche - weit gekommen, hätt' er sich nicht an einem frohen Marientage in einem Wirtshause in das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen, in die Flasche. Vergeblich wollt' er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus; sie hatten ihn fest und darin. Er war unschlüssig, sollt' er hinausschleichen und sich in der Küche die Vorderzähne ausschlagen, um keine für die Patronen zum Regimente zu bringen, oder sollt' er lieber - denn es konnt' ihn doch die Artillerie als Stückknecht fassen - vor den Fenstern des Werb- und Wirtshauses einen Dachsschliefer niedermachen, um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte kantonfrei. Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiß vor. Allein der erlegte Dachs machte ihn zwar aus den Werber-Händen los, aber er biß ihn wie ein Zerberus aus seiner Gewerkschaft aus. »Nu, nu,« sagte Lukas in seinen Land-Bildern, »lieber einen Schlitz in dem Strumpf aufgerissen, als einen in der Wade zugenäht.« - So sehr floh er, wie ein Gelehrter, den Wehrstand. Damals starb sein Vater, auch Schultheiß; er kam nach Hause und war der Erbe des Hauses wie der Kronerbe des Amts; obwohl seine Krongüter in Kron-Schulden bestanden. In kurzem vermehrte er diese Krongüter beträchtlich. Er warf sich mit Leib und Seele auf das Jus - versaß seine kanonischen Stunden an angeborgten Akten und gekauften Büchern, teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus, ganze Bogen und Tage lang - jeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich und konzipierte und mundierte das Schreiben mit schöner gebrochener Fraktur und schiefer Kurrent, wobei ers noch für sich selber kopierte - schauete als Schulz überall nach, lief überall hin und regierte den ganzen Tag. Durch alles dieses blühte wenigstens das Dorf mehr als seine Äcker und Wiesen, und das Amt lebte von ihm, nicht er vom Amte. Er konnte gleich den besten Städtern, die ein gutes Haus machen, sich nun, wie die Sorbonne, als das ärmste unterschreiben (pauperrima domus). Alle verständige Elterleiner traten darin einander bei, daß er ohne sein hantierendes Weib - eine gesunde Vernunft in corpore -, das an einem Morgen für Vieh und Menschen kochte, grasete, mähte, längst mit dem Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern hätte von seinem regierenden Haus und Hof ziehen müssen, wovon er eigentlich nur der Pächter seiner Gläubiger war. Nur eine Arzenei gabs für ihn, nämlich den Entschluß, das Haus und dadurch die Schultheißerei wegzugeben. Aber er ließ sich ebensogerne köpfen, als er diese Arzenei nur roch oder einnahm, einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft. Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen Zeiten bei seiner Familie gewesen, wie die Regentengeschichte derselben beweiset; sein Jus und Herz hing daran, ja seine ewige Seligkeit, weil er wußte, daß im ganzen Dorfe kein so guter Jurist für diesen Posten zu finden war als er, wiewohl Sachverständige erklärten, es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu einem römischen Kaiser nach der goldnen Bulle*, nämlich ein gerechter, guter und brauchbarer Mann. Sein Haus anlangend, so trat vollends folgender frappanter Jammer ein. Elterlein war zweiherrig: am rechten Bachufer lagen die Lehnmänner des Fürsten, am linken die Einsassen des Edelmanns; wiewohl sie einander im gemeinen Leben nur schlecht die Rechten und Linken hießen. Nun lief nach allen Flurbüchern und Grenzrezessen in alten Zeiten die Demarkationslinie, der Bach, dicht an des Schulzen Hause vorbei. Nachher veränderte der Bach sein Bette, oder ein dürrer Sommer nahm ihn gen Himmel; kurz Harnischens Wohnung wurde so weit hinübergebaut, daß nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand, sondern auch eine Stubendecke und, wenn man ihn hinsetzte, ein Krüpelstuhl. Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel, so wie zugleich seine kameralistische Vorhölle. Mit unsäglichem Vergnügen sah er oft in seiner Wohnstube - die an der Wand ein fürstlicher Grenz- und Wappenpfahl abmarkte - sich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche, bald auf ritterschäftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte, daß er nachts ein Rechter wäre - weil er fürstlich schlief - und nur am Tage ein Linker, weil Tisch und Ofen geadelt waren. Es war seinen Söhnen nichts Seltenes, daß er Sonntags vor dem Abend-Essen, wenn er viel gedacht hatte, mehrmals heiter und hastig den Kopf schüttelte und dabei murmelte: »Mein Haus ist einem redlichen Iktus** sag' ich, ordentlich wie auf den Leib gemacht - ein jeder anderer Mann würde die besten importantesten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern, weil er gar nicht der Mann dazu wäre - denn er wäre in der Sache gar nicht zu Hause -, und ich alter verständiger Iktus soll heraus, solls losschlagen, höre, Vronel?« - Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber: »Nun und nimmermehr«, ohne die Antwort Veronikas, seiner Frau, zu hören. Freilich wenn er sich täglich gegen seine Gläubiger mehr in die Zitadelle seines Hauses zurückzog und ihnen dabei wie andere Kommendanten die Vorstädte, nämlich das Feld, d. h. die Felder räumte und, so gut er konnte, mit dem Hause zugleich seinen Schulzenposten, den Spielraum seiner Kenntnisse, zu versteigern aufschob, statt solchen zu steigern - gleichsam sein schlagendes Herz, den Saitensteg seines lauten Lebens, wenn er das tat: so hatt' er noch vier von ihm selber gezeugte Hände im Auge, die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Töne und Mißtöne wieder stellen sollten; nämlich seine Zwillingssöhne. Als Veronika mit diesen niederkommen wollte, hielt er, als sei sie eine sizilianische oder englische Königin, hinlängliche Geburtszeugen bereit, die nachher sich in Taufzeugen einteilten. Das Kindbette hatt' er ins ritterschaftliche Territorium geschoben, weil es einen Sohn geben konnte, den man durch diese Bettstelle der Bettstelle den landesherrlichen Händen entzog, die ihm eine Soldatenbinde umlegen konnten statt der schon bestimmten Themisbinde. In der Tat trat auch der Held dieses Werkes, Peter Gottwalt, ans Licht. Aber die Kreißende fuhr fort; der Vater hielt es für Pflicht und Vorsicht, das Bette dem Fürsten zuzuschieben, damit jeder sein Recht bekomme. »Höchstens gibts ein Mädchen,« sagte er, »oder was Gott will.« Es war keines, sondern das letztere; daher der Knabe nach des Kandidaten Schomakers Übersetzung den Namen des Bischofs von Karthago unter Geiserich, nämlich Quod Deus vult, oder Vult im Alltagswesen bekam. Jetzt wurden in der Stube scharfe Markungen, Einhegungen und Teilungs-Traktate gemacht, Wiegen und alles wurde geschieden. Gottwalt schlief und wachte und trank als Linker, Vult als Rechter; späterhin, als beide ein wenig kriechen konnten, wurde Gottwalten, dem adeligen Sassen, das fürstliche Gebiet durch ein kleines Gitterwerk - das man bloß am Hühner- und andern Ställen auszuheben brauchte - leicht zugesperrt; und ebenso sprang der wilde Vult hinter seinem Pfahlwerk, der dadurch fast das Ansehen eines auf- und ablaufenden Leoparden im Käfig gewann. Erst mit langer Mühe und Strenge schaffte Veronika die lächerliche Ab- und Erbsonderung ab; denn der alte Lukas hatte, wie jeder Gelehrte, eine besondere Hartnäckigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltsinn gegen das Lächerlichwerden. * Aur. bull. 1. homo justus, bonus et utilis. (Zurück) ** Juristen. (Zurück) Bald wurde deutlich, daß wissenschaftliche Fächer künftig Gottwalts Fach sein würden; ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken, daß er weißlockig, dünnarmig, zartstämmig und, wenn er einen ganzen Sommer Schafhirtlein gewesen, noch schnee- und lilienweiß in solchem Grade war, daß der Vater sagte: einen Stiefel woll' er mit einem Eiweiß-Häutchen statt Pfundleder ebensogut besohlen, als den Jungen zum Bauersmann einrichten. Dabei hatte der Knabe ein so gläubiges, verschämtes, überzartes, frommes, gelehriges, träumerisches Wesen und war zugleich bis zum Lächerlichen so eckig und elastisch-aufspringend, daß zum Verdrusse des Vaters - der sich einen Juristen nachziehen wollte - jedermann im Dorfe, selber der Pfarrer, sagte, er müsse, wie Cäsar, der erste im Dorfe werden, nämlich der Pfarrer. Denn wie? - fragte man Gottwalt, der blauäugige Blondin mit aschgrauem Haar und feiner Schneehaut - wie? dieser soll einmal ein Kriminalist werden und unter dem großen Triumphator Carpzov dienen, welcher bloß mit seinem Federmesser, wozu er das Themis-Schwert ausgeschliffen, an zwanzigtausend Mann niedergehauen? So schickt ihn doch, fuhr man fort, nur versuchsweise mit einem Gerichtssiegel zu einer blassen Witwe, die mit gefalteten Händen auf dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre Effekten anzeigt, und lasset ihn den Auftrag, unbehindert alle ihre alten Türen und Schränke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpetschieren, vollziehen und seht zu, ob ers kann, vor Herzklopfen und Mitleiden! - Aber der jüngere Zwilling, Vult, sagte man in froherem Tone, der schwarzhaarige, pockennarbige, stämmige Spitzbube, der sich mit dem halben Dorfe rauft und immer umher streift und ein wahres tragbares theatre aux Italiens ist, das jede Physiognomie und Stimme nachspielt - dieser ist ein anderer Mensch, dem gebt Akten unter den Arm, oder einen Schöppenstuhl unter den Steiß. Wenn Walt am Fastnachtstage in der tanzenden Schulstube den Kandidaten und dessen Geige mit dem Bäßlein unterstützte und mit nichts hüpfte als mit ungemein freudigen Blicken und mit dem Bogen: so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer Groschenflöte im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem Schabernack - Sollen solche Talente nicht für das Jus benutzt werden, Herr Schulz? beschloß man -- Sie sollens, sagt' er. Also Gottwalt wurde auf die Himmelsleiter gesetzt als zukünftiger Pfarrer und Konsistorialvogel; Vult aber mußte sich die Grubenleiter in die delphische Rechtshöhle zimmern, damit er ein juristischer Steiger würde, von welchem der Schultheiß alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete, und der ihn aus der giftigen Grube ziehen sollte, zugleich mit Gold- und Silber-Geäder umwunden, es sei nun, daß der Sohn Prozesse für ihn führte, oder schwere ihm ersparte, oder Gerichtshalter im Orte wurde, oder Regierungsrat, oder wie es etwa ginge, oder daß er ihm jeden Quatember viel schenkte. Allein Vult hatte außerdem, daß er bei dem Schulmeister und Kandidaten Schomaker nichts lernen wollte, noch das Verdrüßliche an sich, daß er ewig blies auf einer Batzenflöte, und daß er sich im 14. Jahr bei der Kirms unten vor die spielende Flöten-Uhr des Schlosses hinstellte, um bei ihr als seiner ersten Lehrerin, wenn nicht Stunden zu nehmen, doch Viertelstunden. - Hier sollte Zeit sein, das Axiom einzuschichten, daß überhaupt die Menschen mehr in Viertelstunden als in Stunden gelernt. Kurz, an einem Tage, wo Lukas ihn in die Stadt und unter das Rekrutenmaß geführet (Scheines und Ordnung halber), lief er mit einem betrunkenen Musikus, der nur noch sein Instrument, aber nicht mehr sich und die Zunge regieren konnte, in die weite breite Welt hinein. Er blieb dann weg. Jetzt mußte Gottwalt Peter daran, ans Jus. Aber er wollte auf keine Weise. Da er stets las - was das Volk beten heißet, wie Cicero religio von relegere, oft lesen, ableitet -, so lief er dem Dorfe schon als Pfarrherrlein durch die Finger, ja ein Metzger aus Tyrol nannte ihn bald den Pfarrbuben, bald den Pfarrknecht*, weil er in der Tat ein kleiner Kaplan und Küster, nämlich dessen Koadjutorie war, insofern er die schwarze Bibel gern auf die Kanzel trug, das Kommunikantentüchlein am Altare den Oblaten und dem Kelche unterhielt, allein den Nachmittagsgottesdienst, wenn Schomaker sich nach Hause geschlichen, hinausorgelte und ein fleißiger Kirchengänger bei Wochentaufen war. Ja, sah abends der Pfarrer nach dem Studieren mit Mütze und Pfeife aus dem Fenster, so hofft' er nicht zurückzubleiben, wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und weißen Mütze an seines legte, welche letztere dem Knabengesicht ein zu altväterisches Ansehen gab. Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein Gesangbuch unter den Arm und stattete, wie der Pfarrer, bei einer ihm ganz gleichgültigen, arthritischen, steinalten Schneidersfrau einen ordentlichen Krankenbesuch ab und fing an, aus dem Liede: »O Ewigkeit, du Freudenwort« ihr vorzulesen? Und mußt' er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus einstellen, weil ihn Tränen übermannten, nicht über die taube, trockne Frau, sondern über den Aktus? Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an, daß er eines Abends vor dem Gerichtsmann - »so hör' ich mich lieber nennen als Schulz«, sagte Lukas - frei erklärte, er glaubte, im geistlichen Stande komme man besser fort, besonders zarte Naturelle. Da nun der Kandidat selber nichts geworden war als sein eignes Minus und seine eigne Vakanzstelle, so beantwortete der Gerichtsmann die Rede bloß mit einem höflichen Gemurmel und führte nur seine schimmlige Geschichte wieder auf, daß einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredet habe: »Meine Hochzuverehrende Herren Justizminister, geheime Kabinetsräte, wirkliche Geheime Räte, Präsidenten, Finanz-, Staats- und andere Räte und Syndikus, denn man weiß ja noch nicht, was aus Ihnen allen wird!« Er führte noch an, im Preußischen werde die Stunde eines Advokaten auf 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxiert, und bat, man solle das nur einmal für ein Jahr ausschlagen - ferner einem rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei, und er wolle ebensogut ein Ferkel am eingeseiften Schwanz festhalten als einen Advokaten am jus - (welches wohl im edlern Stile heißen würde: Kenntnis des Rechts ist die um einen Mann geschriebene Münz-Legende und verwehrt das Beschneiden des Stücks) - und Heringe wie sein Peter Walt wären eben die ganzen Hechte; je dünner der Messerrücken, desto schärfer die Schneide; und er kenne Iktusse, die durch Nadelöhre zu fädeln waren, die aber ungemein zustachen. Wie immer, halfen seine Reden nichts; aber die verständige Veronika, seine Frau, wollte gegen die Sitte der Weiber, die im häuslichen Konsistorium immer als geistliche Räte gegen die weltlichen stimmen, den Sohn aus dem geistlichen Schafstall in die juristische Fleischscharre treiben; und das bloß, weil sie einmal bei einem Stadtpfarrer gekocht habe und das Wesen kenne, wie sie sagte. Diese hielt, als sie einst allein mit dem Sohne war, der mehr an ihr als am Vater hing, ihm bloß so viel vor: »Mein Gottwalt, ich kann dich nicht zwingen, daß du dem Vater folgst; aber höre mich an: das erstemal, wo du predigst, so tue ich meinen Trauerrock an und die weißen Tücher um und gehe in die Kirche und bücke mich unter der ganzen Predigt wie bei einer Leichenpredigt mit dem Kopfe nieder und weine, und wenn mich die Weiber fragen, so zeig' ich auf dich.« - Dieses Bild packte seine Phantasie so gewaltsam an, daß er weinend Nein Nein schrie - womit er das Trauer-Verhüllen meinte- und Ja Ja zum Advozieren sagte. So werden uns die Lebens-Bahnen, wie die Ideen, vom Zufall angewiesen; nur das Fort- und Absetzen der einen wie der andern bleibt der Willkür freigestellt. Walt erlernte nun, wie Völker, Sprachen fast von selber. Er warf dadurch den Vater in ein Freuden-Meer; denn Dorfleute finden, wie die Schulleute, fast bloß auf der Zunge den Unterschied des Lehr- und Nährstandes. Der Ex-Mäuerer bauete daher in einem trocknen Frühjahr ohne allen Widerspruch des toten Dachshundes und des Gewerks ein eignes Studierstübchen für seinen Iktus. Dieser frequentierte das Lyzeum (illustre) Johanneum; darauf wurd' er ins Gymnasium (illustre) Alexandrinum geschickt; - welches beides niemand war als in kollegialischer Eintracht der Kandidat Schomaker allein, der Johann Alexander hieß. Anfangs hatte Walt noch mit Vulten, eh' er davongelaufen, die Kleintertia und darauf die Großtertia sowohl besucht als repräsentiert; aber nachher mußt' er ohne den Pfeifer die ganze Sekunda und Prima allein ausmachen, worin er das Hebräische, das in beiden Klassen die Theologen trieben, wie gewöhnlich auch mit aufschnappte. Im zwanzigsten Jahre war er vom Gymnasium oder Gymnasiarchen unmittelbar als Abiturient abgegangen auf die hohe Schule Leipzig, in welche er aus Mangel einer höhern so lange täglich ging, als er es vor Hunger aushalten konnte. »Seit Ostern sitzt er bei den Eltern und wird morgen abendes zum Notarius kreieret, um zu leben«, beschloß der Kandidat Schomaker die artige Historie. * Jener bedeutet in Tyrol den Pfarrer, dieser den Diakonus. (Zurück) Nro. 6: Kupfernickel Quod Deus Vultiana Nach dem Ende der Geschichte trat der Flötenist mit grimmigem Gesicht an den betrübten Schulmeister, fragend: »Wäret Ihr nicht wert, daß ich sogleich ins Prisma sähe und Euch darin als lange Leiche anträfe? Wie, Ihr moralischer Mikrolog, Ihr moralischer esprit de bagatelle, Ihr konntet Euch aus Furcht vor schätzbaren Weissagungen erfrechen, gegen Euer Gewissen die Geheimnisse zweier bedeutender Brüder und Eltern aus dem Laub herauszuziehen? Es soll Euch gereuen, wenn ich Euch entdecke, daß ich kein wahres Wort gesagt und daß ich die Geheimnisse nicht vom Prisma, sondern von dem davongelaufenen Flötenisten Vult selber erfahren, der ein ganz anderer Mensch ist. Ich habe mit dem Manne im andern Elterlein, nämlich im Bergstädtlein bei Annaberg, vereint geblasen. Damit ich aber nach dem bisherigen Weismachen der Gesellschaft glaubhaft werde, so will ichs ihr so beschwören: ewig verdammt will ich sein, kenn' ich ihn nicht und habe ich nicht alles von ihm.« Es war kein Meineid; denn er war ja jener entlaufne Vult selber, aber ein starker Schelm. Der Kandidat nahm alles friedlich hin, weil ihn eine neue Lage, in welche er sich immer so schnell geworfen fühlte, daß er keine Sekunde Zeit zum Ausarbeiten eines moralischen Modells und Lineals bekam, über alles abstieß. Es gab wenige Kasuisten und Pastoraltheologen, die er nicht gelesen, sogar den Talmud, bloß um selig zu werden. Er hielt mit jedem Steckbrief seine eigne Person zusammen, um, im Falle sie zufällig der begehrten gleichsähe, sofort juristisch und sittlich gesattelt zu sein, so wie er sich häufig des Mords, der Notzucht und anderer Fraischfälle heimlich aus Spaß anklagte, um sich darein zu finden, falls ein Bösewicht öffentlich dasselbe täte im Ernst. Er versetzte daher nur, daß er dem Bruder Gottwalt keine frohere Nachricht bringen könne als die von Vults Leben, da er den Flüchtling unendlich liebe. »So, lebt die Fliege noch?- fiel der Wirt ein. »Wir hielten sie sämtlich für krepiert. Wie sah er denn aus, gnädiger Herr?« »Sehr wie ich,« (versetzte Vult und sah bedeutend trinkende Dikasterianten an) »falls nicht das Geschlecht einen Unterschied macht; denn ich könnte wohl ebensogut eine verkleidete Ritterin d'Eon sein als diese bekannte Frau, Messieurs, - ob wir gleich davon abbrechen wollen. - Vult selber ist wohl der artigste Mann und der schönste, ohne es aber zu wissen, dem ich je ins Gesicht gesehen, nur zu ernst und zu gelehrt, nämlich für einen Musikus. Sie alle sollten ihn sehen, das heißet hören. - Und doch so bescheiden, wie schon gesagt. 'Der Musikdirektor der Sphärenmusik werd' ich doch nie', sagt' er einst, sich verbeugend die Flöte weglegend, und meinte wahrscheinlich Gott. Jeder konnte mit ihm so frei reden wie mit einem russischen Kaiser, der in Kaiserspracht in die Kulisse von der Bühne kommt und fühlt, daß ihn Kotzebue geschaffen und er diesen. - Er war herzensgut und voll Liebe, nur aber zu aufgebracht auf sämtliche Menschen. Ich weiß, daß er Fliegen, die ihn plagten, einen Flügel auszupfte und sie auf die Stube warf mit den Worten: 'Kriecht! die Stube ist für euch und mich weit genug', indes er gleichwohl mehreren ältlichen Herren ins Gesicht sagte, sie wären siebenfache Spitzbuben, alte, obwohl in Milch eingeweichte Heringe, die sich dadurch für frische gäben; inzwischen, setzt' er sogleich dazu, er hoffe, sie deuteten ihn nicht falsch, und bewies ihnen jede Artigkeit. - Unsere erste Bekanntschaft machte sich, als er von einer fürstlichen Versteigerung herkam und einen erstandenen Nachttopf aus Silber öffentlich so närrisch vor sich her und heim trug, daß jede Gasse stutzig wurde, wodurch er ging. - Ich wollte, er wäre mit hier und besuchte die Seinigen. - Ich habe eine so besondere Liebhaberei für die Harnische, als meine Namensvettern, daß ich sogar im Leipziger Reichsanzeiger mir ihren Stammbaum und Stammwald bestimmt ausbat ohne Effekt.« Jetzt schied er kurz und höflich und ging auf sein Zimmer, nachdem er bei allem milden Scheine eines Mannes von Welt den ganzen Tag alles getan, was er gewollt. Er roch ohne Anstand an Fensterblumen vorübergehend; - er rückte auf dem Markte einem bettelnden Judenjungen seinen schlechten Bettel-Stil vor und zeigte ihm öffentlich, wie er anzuhalten habe - er setzte seinen französischen Paß in keinen deutschen um, bloß deshalb, um unter dem Stadttore die sämtliche Torschreiberei dadurch in Zank und Buchstabieren zu verflechten, indes er still dabei wartete und sagte, er steife sich auf seinen Paß - und am ersten Tage machte er den Scherz der Zauberschlägerei, von welcher oben der Wirt dem Kandidaten ins Ohr erzählt hatte. Er wußte nämlich ganz allein in seinem Zimmer ein solches Kunst-Geräusch zu erregen, daß es die vorübergehende Scharwache hörte und schwur, eine Schlägerei zwischen fünf Mann falle im zweiten Stocke vor; als sie straffertig hinaufeilte und die Türe aufriß, drehte sich Quod deus Vult vor dem Rasier-Spiegel mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um und fragte, indem er das Messer hoch hielt, verdrüßlich, ob man etwas suche; - ja nachts repetierte er die akustische Schlägerei und fuhr die hineinguckende Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an: »Wer Henker steht draußen und stört die Menschen im ersten Schlafe?« Dies alles kam daher, daß er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab wenig schätzte, dann Obrigkeit und Hof, etwa Bürger aber mehr. Bei einer solchen in Lustigkeit eingekleideten Verachtung konnt' ers nicht von sich erhalten, sich den Kleinstädtern, die ihn in seinen glänzenden Tagen unter Großstädtern nicht gesehen, in diesen überwölkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen; lieber adelte er sich selber eigenhändig. Nach Haßlau war er nur gekommen, um ein Konzert zu geben, dann nach Elterlein zu laufen und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen, aber durchaus ungesehen. Unmöglich wars ihm, daß er nach einem Dezennium Abwesenheit, worin er über so viele europäische Städte wie eine elektrische Korkspinne, ohne zu spinnen und zu fangen, gesprungen war, wieder vor seinen dürftigen Eltern erscheinen sollte, aber nämlich, o Himmel, als was? - Als dürftiger Querpfeifer in langer Strumpfhose, gelbem Studentenkollet und grünem Reisehut und mit nichts in der Tasche (wenige Spezies ausgenommen) als mit einem Spiel gesiegelter Entrée-Karten für künftige Flötenkonzerte? - »Nein,« sagt' er, »eh' ich das täte, lieber wollt' ich täglich Essig aus Kupfer trinken, oder eine Fischotter an meiner Brust groß säugen, oder eine kantianische Messe lesen oder hören, eine Ostermesse.« Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen Vater endlich zu überwältigen hoffen konnte durch einige Musik-Stunden und durch Erzählungen aus fremden Ländern: so blieb doch die unbestechliche Mutter unverändert übrig mit ihren kalten hellen Augen, mit ihren eindringenden Fragen, die seine Vergangenheit samt seiner Zukunft unerbittlich zergliederten. Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm verändert - aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberfläche und eine bewegte Tiefe in das seinige hinauf. - Walts Liebe gegen ihn hatt' ihn ordentlich angegriffen - dessen poetische Morgensonne wollt' er ganz nahe besehen und drehen und an ihre Achse Erddiameter und an ihre Kraft Licht- und Wärme-Messer anlegen - Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht -- Kurz, Vult konnte kaum den künftigen Tag erwarten, um nach Elterlein zu laufen, heimlich Walts Notariats-Examen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende sich dem Bruder zu entdecken, wenn ers verdiente. Mit welcher Ungeduld der gegenwärtige Schreiber auf den offiziellen, den Helden endlich aus seinen tiefen Spiegeln hervorziehenden Bericht des folgenden Kapitels mag gepasset haben, ermesse die Welt aus ihrer. Nro. 7: Violenstein Kindheits-Dörfchen - der große Mann Vult van der Harnisch reisete aus der Haßlauer Vorstadt nach Elterlein aus, als die halbe Sonne noch frisch und waagrecht über die tauige Fluren-Welt hinblitzte. Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten; er fand Ähnlichkeiten und dachte, er sei unter den vieren der Zwilling, der am stärksten glühe, desgleichen der zweite Krebs. In der Tat hatte schon in der Bergstadt Elterlein bei Annaberg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf angefangen und zugenommen auf allen Gassen; schon ein gleichnamiger Mensch, wie vielmehr ein gleichnamiger Ort drängt sich warm ins Herz. Auf der lebendigen Haßlauer Straße - die ein verlängerter Markt schien - nahm er seine Flöte heraus und warf allen Passagiers durch Flötenansätze Konzertansätze entgegen und nach, schnappte aber häufig in guten Koloraturen und in bösen Dissonanzen ab und suchte sein Schnupftuch, oder sah sich ruhig um. Die Landschaft stieg bald rüstig auf und ab, bald zerlief sie in ein breites ebenes Grasmeer, worin Kornfluren und Raine die Wellen vorstellten und Baumklumpen die Schiffe. Rechts in Osten lief wie eine hohe Nebelküste die ferne Bergkette von Pestitz mit, links in Abend floß die Welt eben hinab, gleichsam den Abendröten nach. Da Vult erst nachts anzulangen brauchte, so hielt er sich überall auf. Seine Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemähten Wiesen, eine Linnäische Blumenuhr aus Gras: stehendes zeigte auf 4 Uhr morgens - liegendes auf 5 bis 7 - zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 Uhr - Hügel aus Heu auf 3 - Berge auf den Abend. Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeits-Idylle an diesem Tage zum erstenmal; so sehr hatten bisher die langen Fußreisen das übersättigte Auge blind gemacht. Eben da der Hügel in dieser Sanduhr am höchsten anlief: so zogen sich die Kirsch- und Apfelbäume wie die Abend-Schatten lang dahin - runde grüne Obstfolgen wurden häufiger - in einem Tale lief schon als dunkle Linie das Bächlein, das durch Elterlein hüpft - vor ihm grünte auf einem Hügel, von der Abendsonne golden durchschlagen, das runde dünne Fichten-Gehölz, woraus die Bretter seiner Wiege geschnitten waren, und worin man oben gerade in das Dorf hinuntersah. Er lief ins Gehölz und dessen schwimmendes Sonnen-Gold hinein, für ihn eine Kinder-Aurora. Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus, und der Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter, daß ihm war, als sei er ein Knabe, und jetzt sei Feierabend; und noch schöner läuteten ihn die Viehglocken in ein Rosenfest. Die einzelnen rotweißen Häuser schwankten durch die besonnten Baumstämme. Endlich sah er draußen das traute Elterlein dem Hügel zu Füßen liegen - ihm gegenüber standen die Glocken des weißen Schieferturms und die Fahne des Maienbaums und das hohe Schloß auf dem runden Wall voll Bäume - unten liefen die Poststraße und der Bach breit durchs offne Dorf - auf beiden Seiten standen die Häuser einzeln, jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstämmen - um das Dörfchen schlang sich ein Lustlager von Heu-Hügeln wie von Zelten und von Wagen und Leuten herum, und über dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rübsenflächen für Bienen und Öl heiter dem Auge entgegen. Als er von diesem Grenzhügel des gelobten Kinderlandes hinunterstieg, hört' er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte Stimme sagen: »Leute, Leute, sponselt doch euer Vieh; hab' ichs nicht schon so Millionenmal anbefohlen? - Bube, sage zu Hause, der Gerichtsmann hat gesagt, morgen wird ungesäumt mit zwei Mann gefront, auf der Klosterwiese.« Es war sein Vater; der mattäugige, schmächtige, bleichfarbige Mann (in dessen Gesicht der warme Heu-Tag noch einige weiße Farbenkörner mehr gesäet) schritt mit einer leuchtenden Sense auf der Achsel aus den Rainen in die Straße herein. Vult mußte umblicken, um nicht erblickt zu werden, und ließ den Vater voraus. Dann fiel er ihm mit einigen klingenden Paradiesen der Flöte, und zwar - weil er wußte, wie ihm Chorale schmeckten - mit diesen in den Rücken. Lukas schritt noch träger fort, um länger zurückzuhören - und die ganze Welt war hübsch. Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weißen Zähnen setzten die Grassicheln an die Augenbraunen, um den vorbeipfeifenden Studenten ungeblendet zu sehen - die Viehhirtinnen zogen mit ihren Wandel-Glöckchen auf beiden Seiten mit - Lukas schneuzte sich, weil ihn der Choral bewegte, und sah ein ungesponseltes Weide-Pferd nur ernsthaft an - aus den Schornsteinen des Schlosses und Pfarrhauses und des väterlichen hoben sich vergoldete Rauchsäulen ins windstille kühle Blau - Und so kam Vult ins überschattete Elterlein hinab, wo er das närrische verhüllte träumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum, angehoben und wo er im Bette zu diesem Traum, weil er erst ein kurzer Knabe war, sich noch nicht hatte zu krümmen gebraucht. Im Dorfe war das Alte das Alte. Das große Haus der Eltern stand jenseits des Bachs unverändert mit der weißen Jahrszahl 1784 auf dem Dach-Schiefer da. - Er lehnte sich mit dem Flötenliede: »Wer nur den lieben Gott läßt walten« an den glatten Maienbaum und blies ins Gebetläuten hinein. Der Vater ging, sehr langsam unter dem Scheine des Umsehens, über den Bachsteg in sein Haus und henkte die Sense an den hölzernen Pflock an der Treppe. Die rüstige Mutter trat aus der Türe in einem Manns-Wamse und schüttete, ohne aufs Flöten zu hören, das abgeblattete Unkraut des Salats aus einem Scheffel, und beide sagten zueinander - wie Land-Gatten pflegen - nichts. Vult ging ins nachbarliche Wirtshaus. Von dem Wirte erfuhr er, daß der Pfalzgraf Knoll mit dem jungen Harnisch Felder beschaue, weil die Notariusmacherei erst abends angehe. »Trefflich,« dachte Vult, »so wirds immer dunkler, und ich stelle mich ans Backofen-Fenster und sehe ihrem Kreieren drinnen zu.« Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer großblumigen Damast-Weste an die Türe heraus und wetzte in Hemdärmeln an der Schwelle das Messer für das Souper des Notarius-Schöpfers ab. »Aber das Pürschlein solls auch nicht herausreißen«, setzte der Wirt hinzu, der ein Linker war; »der Alte hat mir seine schöne Branntweinsgerechtigkeit verkauft, und der Sohn hat von der Blase studiert. Aber lieber das Haus sollt' er weggeben, und zwar an einen gescheuten Schenkwirt; sapperment! dem würden Biergäste zufliegen, der Bierhahn wäre Hahn im Korbe, aber ganz natürlich. Denn die Stube hat zweierlei Grenzen, und man könnte darin zuprügeln und kontrebandieren und bliebe doch ein gedeckter Mann.« - Vult nahm keinen so spaßhaften Anteil am Wirte, als er sonst getan hätte; er erstaunte ganz, daß er unter der Hand ordentlich in eine heftige Sehnsucht nach Eltern und Bruder, besonders nach der Mutter, hineingeraten war, »was doch«, sagt' er, »auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen«. Es war ihm erwünscht, daß ihn der Wirt beim Ärmel ergriff, um ihm den Pfalzgrafen zu zeigen, der eben in des Schulzen Haus, aber ohne Gottwalt ging; Vult eilte aus seinem, um drüben alles zu sehen. Draußen fand er das Dorf so voll Dämmerung, daß ihm war, als steck' er selber wieder in der helldunkeln Kinderzeit, und die ältesten Gefühle flatterten unter den Nachtschmetterlingen. Hart am Stege watete er durch den alten lieben Bach, worin er sonst breite Steine aufgezogen, um eine Grundel zu greifen. Er machte einen Bogen-Umweg durch ferne Bauernhöfe, um hinter den Gärten dem Hause in den Rücken zu kommen. Endlich kam er ans Backofenfenster und blickte in die breite zweiherrige Grenzstube - keine Seele war darin, die einer schreienden Grille ausgenommen, Türen und Fenster standen offen; aber alles war in den Stein der Ewigkeit gehauen: der rote Tisch, die roten Wandbänke, die runden Löffel in der hölzernen Wand-Leiste, um den Ofen das Trocken-Gerüste, der tiefe Stubenbalken mit herunterhängenden Kalendern und Herings-Köpfen, alles war über das Meer der langen Zeit, gut eingepackt, ganz und wie neu herübergeführt, auch die alte Dürftigkeit. Er wollte am Fenster länger empfinden, als er über sich Leute hörte und am Apfelbaum den Lichtschimmer der obern Stube erblickte. Er lief auf den Baum, woran der Vater Treppe und Altan gebaut; und sah nun gerade in die Stube hinein und hatte das ganze Nest. Darin sah er seine Mutter Veronika mit einer weißen Küchenschürze stehend, eine starke, etwas breite, gesund nachblühende Frau, das stille, scharfe, aber höfliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt - dieser ruhig sitzend und an seinem breiten Kopfe das Nabel-Gehenke eines Pfeifenkopfes befestigend - der Vater gepudert und im heiligen Abendmahls-Rock unruhig laufend, halb aus achtender Angst vor dem großen eingefleischten corpus juris neben ihm, das gegen Fürsten und alle Welt gerade so keck war als er selber scheu, halb aus sorgender, das corpus nehm' es übel, daß Walt noch fehlte. Am Fenster, das dem Baum und Vulten am nächsten war, saß Goldine, eine bildschöne, aber bucklige Jüdin, auf ihr rotes Knäul niedersehend, woraus sie einen schafwollenen Rotstrumpf strickte; Veronika ernährte die blutarme, aber fein-geschickte Waise, weil Gottwalt sie ungemein liebte und lobte und sie einen kleinen Edelstein hieß, der Fassung brauchte, um nicht verloren zu gehen. »Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt«, versetzte Lukas, als der Fiskal unwillig erzählte, Walt habe nicht einmal seine eignen Felder, geschweige des sel. Van der Kabels seine ihm zu zeigen gewußt, sondern ihm einen Fronbauern Kabels dazu hergeholt und sei wie ein Grobian weggeblieben. Vom erfreulichen Testamente, sah Vult, hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt. Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper herein, verbeugte sich eckig und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da, und helle Freuden-Tränen liefen aus den blauen Augen über sein glühendes Gesicht. »Was ist dir?« fragte die Mutter. »O meine liebe Mutter,« (sagt' er sanft) »gar nichts. Ich kann mich gleich examinieren lassen.« - »Und dazu heulst du?« fragte Lukas. Jetzt stieg sein Auge und sein Ton: »Vater, ich habe«, sagte er, »heute einen großen Mann gesehen.« - »So?« versetzte Lukas kühl- »Und hast dich vom großen Kerl wamsen lassen und zudecken? Gut!« »Ach Gott«, rief er; und wandte sich an die aufmerksame Goldine, um es so dem Examinator mit zu erzählen. Er hatte nämlich oben im Fichtenwäldchen eine haltende Kutsche gefunden und unweit davon am Waldhügel einen bejahrten Mann mit kranken Augen, der die schöne Gegend im Sonnenuntergange ansah. Gottwalt erkannte leicht zwischen dem Manne und dem Kupferstiche eines großen deutschen Schriftstellers - dessen deutscher Name hier bloß griechisch übersetzt werde, in den des Plato - die Ähnlichkeit. »Ich tat« - fuhr er feurig fort - »meinen Hut ab, sah ihn still immerfort an, bis ich vor Entzückung und Liebe weinen mußte. Hätt' er mich angefahren, so hätte ich doch mit seinem Bedienten über ihn viel gesprochen und gefragt. Aber er war ganz sanft und redete mit der süßesten Stimme mich an, ja, er fragte nach mir und meinem Leben, ihr Eltern; ich wollt', ich hätt' ein längeres gehabt, um es ihm aufzutun. Aber ich macht' es ganz kurz, um ihn mehr zu vernehmen. Worte, wie süße Bienen, flogen dann von seinen Blumen-Lippen, sie stachen mein Herz mit Amors Pfeilen wund, sie füllten wieder die Wunden mit Honig aus: O der Liebliche! Ich fühlt' es ordentlich, wie er Gott liebt und jedes Kind. Ach, ich möcht' ihn wohl heimlich sehen, wenn er betete, und auch, wenn er selber weinen müßte in einem großen Glück. - Ich fahre sogleich fort«, unterbrach sich Walt, weil er vor Rührung nicht fortfahren konnte; bezwang sie aber etwas leichter, als er umhersah und gar keine sonderliche Fremde fand. »Er sagte« - fuhr er fort - »die besten Sachen. Gott, sagt' er, gibt in der Natur wie die Orakel die Antwort, eh die Frage getan ist - desgleichen, Goldine: was uns Schwefelregen der Strafe und Hölle deucht, offenbart sich zuletzt als bloßer gelber Blumenstaub eines zukünftigen Flors. Und einen sehr guten Ausspruch hab' ich ganz vergessen, weil ich meine Augen zu sehr auf seine richtete. Ja, da war die Welt rings umher voll Zauberspiegel gestellt, und überall stand eine Sonne, und auf der Erde gab es für mich keine Schmerzen als die seiner lieben Augen. Liebe Goldine, ich machte auf der Stelle, so begeistert war ich, den Polymeter: 'Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer, aber o Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne.' Dann nahm er meine Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich mußte ihm unser Dorf zeigen; da sagt' ich kühn den Polymeter: 'Sehet, wie sich alles schön verkehrt, die Sonne folgt der Sonnenblume.' Da sagt' er, das tue nur Gott gegen die Menschen, der sich mehr ihnen zuwende als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie, scherzte aber artig über ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgewöhne; Gefühle, sagt' er, sind Sterne, die bloß bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten. So mag gewiß der letzte Satz geheißen haben; denn ich hörte nur den ersten, weil es mich erschreckte, daß er an den Wagen ging und scheiden wollte. Da sah er mich sehr freundlich an, gleichsam zum Troste, daß mir war, als klängen aus den Abendröten Flötentöne.« - »Ich blies in die Röten hinein«, sagte Vult, war aber etwas bewegt. »Ja endlich, glaubt mirs, Eltern, drückt' er mich an seine Brust und an den lieblichen Mund, und der Wagen rollte mit dem Himmlischen dahin.« -- »Und« - fragte der alte Lukas, der bisher, zumal wegen Platos vornehmen Amtsnamen, jede Minute gewärtig gewesen, daß der Sohn einen beträchtlichen Beutel vorzöge, den ihm der große Mann in die Hand gedrückt - »er ist weggefahren und hat dir keinen Pfennig geschenkt?« - »O wie denn das, Vater?« fragte Walt. »Ihr kennt ja sein weiches Gemüt«, sagte die Mutter. »Ich kenne diesen Skribenten nicht«, sagte der Pfalzgraf; »aber ich dächte, statt solcher leerer Historien, die zu nichts führen, fingen wir einmal das Examen an, das ich anstellen muß, eh' ich jemand zum Notarius kreieren will.« »Hier steh' ich«, sagte Walt, im Schanzlooper hin und von Goldinen weg fahrend, deren Hand er für ihre Teilnahme an seiner Seligkeit öffentlich genommen hatte. Nro. 8: Koboldblüte Das Notariats-Examen »Wie heißet Herr Notariand?« fing Knoll an - Alles war nämlich so, erstlich, daß Knoll als ein zusammengewachsenes verknöchertes Revolutionstribunal das Vorhängschloß des Pfeifen-Kopfes am eignen hatte und zu allem saß - ferner, daß Lukas seinen auf zwei Ellenbogen wie auf Karyatiden gestützten Kopf auf den Tisch setzte, jeder Frage nachsinnend, eine Stellung, die seine matten grauen Augen und sein blutloses Gelehrten-Gesicht, zumal unter dem Leichenpuder auf der gebräunten Haut, sehr ins nahe Licht setzte, so wie seinen ewigen regnerischen Feldzug gegen das Geschick - ferner, daß Veronika dicht neben dem Sohne, mit den Händen auf dem Magen betend, stand und das stille Weiber-Auge, das in die närrischen Arbeits-Logen der Männer dringen will, zwischen Examinator und Examinanden hin und wieder gleiten ließ - und zuletzt, daß Vult mit seinen leisen Flüchen zwischen den unreifen Pelzäpfeln saß und neben ihm - da ja alle Leser durch ein Fenster in die Stube sehen - auf den benachbarten Ästen sämtliche 10 deutsche Reichs- und Lese-Kreise oder Lese-Zirkel; so viele tausend Leser und Seelen von jedem Stande, was in dieser Zusammenstellung auf dem Baume lächerlich genug wird. -- Alles ist in der größten Erwartung über den Ablauf des Examens, Knoll in der allergrößten, weil er nicht wußte, ob nicht vielleicht manche mögliche Ignoranzen den Notariandus nach den geheimen Artikeln des Testaments auf mehrere Monate zurückschöben oder sonst beschädigten. »Wie heißet Herr Notariand?« fing er bekanntlich an. »Peter Gottwalt«, versetzte der sonst blöde Walt auffallend frei und laut. - Der geliebte entflogne Göttermensch hob noch seine Brust; nach einem solchen Anblicke werden, wie in der ersten Liebe, uns alle Menschen zwar näher und lieber, aber kleiner. Er dachte mehr an Plato als an Knoll und sich und träumte sich bloß in die Stunde, wo er recht lange darüber mit Goldinen sprechen könnte. »Peter Gottwalt«, hatt' er geantwortet. »'Harnisch' muß noch bei«, sagte sein Vater. »Dessen selben Eltern und Wohnort?« fragte Knoll - Walt hatte die besten Antworten bei der Hand. »Ist Herr Harnisch ehelich geboren?« fragte Knoll - Gottwalt konnte schamhaft nicht antworten. »Das Taufzeugnis ist gelöset«, sagte der Schulz. »Es ist nur um Ordnung willen«, sagte Knoll und fragte weiter: »Wie alt?« - »So alt als mein Bruder Vult,« (sagte Walt) - »vierundzwanzig« - »Jahre nämlich«, sagte der Vater. »Was Religion? - Wo studiert? usw.« Gute Antworten fehlten nicht. »Wen hat Herr Harnisch von den Kontrakten gelesen? - Wie viele Personen sind zu einem Gerichte erforderlich? - Wie viel wesentliche Stücke gehören zu einem ordentlichen Prozesse?« - Der Notariand nannte sehr nötige, schlug aber die Ungehorsams-Beschuldigung nicht an. »Nein, Herr, 13 sind schon nach Beieri Volkmanno emendato«, sagte der Pfalzgraf heftig. »Hat man Kaiser Maximilians Notariats-Ordnung von anno 1512 zu Cölln aufgerichtet nicht nur oft, sondern auch recht gelesen?« fragt' er weiter. »Sauberer und eigenhändiger konnte mans ihm nicht abschreiben als ich, Herr Hofpfalzgraf!« sagte der Schulz. »Was sind Lytae?« fragte Knoll. »Lytae oder litones oder Leute« (antwortete freudig Walt, und Knoll rauchte ruhig zu seiner Vermengung fort) »waren bei den alten Sachsen Knechte, die noch ein Drittel Eigentum besaßen und daher Kontrakte schließen konnten.« - »Eine Zitation dazu!« sagte der Pfalzgraf. »Möser«, versetzte Walt. »Sehr wohl« - antwortete der Fiskal spät und rückte die Pfeife in die Ecke des formlosen Mundes, der nun einer aufgeschlitzten Wunde glich, die man ihm ins Siberien des Lebens mitgegeben - »sehr wohl! Aber lytae sind sehr verschieden von litonibus; lytae sind die jungen Juristen, die zu Justinianus' Zeiten im vierten Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvierten*; und die Antwort war eine Ignoranz.« Gottwalt antwortete gutmütig. »Wahrhaftig, das hab' ich nicht gewußt.« »So wird man wohl auch nicht wissen, was auf den Strümpfen, die der Kaiser bei der Krönung in Frankfurt anhat, steht?« - »Ein Zwickel, Gottwalt«, soufflierte hinter ihm Goldine. »Natürlich«, fuhr Knoll fort; »Herr Tychsen hat es uns folgender Gestalt ins Deutsche übersetzt aus dem arabischen Texte: 'Ein prächtiges königliches Strumpfband.'« - Darüber, über den Text und Übersetzer der Strümpfe, fuhr das Mädchen in ein freies Gelächter aus; aber Vater und Sohn nickten ehrerbietig. Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlöcherten Fischwaage des Examens blöde und stumm gestiegen war, ging der Pfalzgraf ans Kreieren. Er sprach mit der Pfeife und auf dem Sessel Walten den Notariats-Eid auswendig zum Erstaunen aller vor; und Walt sagte ihn mit gerührter Stimme nach. Der Vater nahm die Mütze ab; Goldine hielt ihre Strumpfwirkerei innen. Der erste Eid macht den Menschen ernst; denn der Meineid ist die Sünde gegen den Heiligen Geist, weil er mit der höchsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Throne des moralischen Gesetzes begangen wird. Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied, auf die Fersen gar ausgeschaffen. Dinte, Feder und Papier wurden ihm von Knollen überreicht und dabei gesagt, man investiere ihn hiemit. Ein goldner Ring wurde seinem Finger angesteckt und sogleich wieder abgezogen. Endlich brachte der Comes palatinus ein rundes Käppchen (Barettlein hieß ers) aus der Tasche und setzte es dem Notarius mit dem Beifügen auf den Kopf, ebenso ohne Falten und rund sollen seine Notarien-Händel sein. Goldine rief ihm zu, sich umzudrehen; er drehte ihr und Vulten ein Paar große blaue unschuldige Augen zu, eine hochgewölbte Stirne und ein einfaches beseeltes durchsichtiges, mehr von der innern als von der äußern Welt ausgebildetes Gesicht mit einem feinen Munde, welches auf einem etwas schiefen Torso stand, der wieder seinerseits auf eingeklappten Knie-Winkeln ruhte; aber Goldinen kam er lächerlich und dem Bruder wie ein rührendes Lustspiel vor und im Schanzlooper wie ein Meistersänger aus Nürnberg. Noch wurd' sein Notariats-Signet und das in Haßlau verfaßte Diplom dieser Würde übergeben; - und so hatte Knoll in seiner Glashütte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen - oder bloß in einer andern Metapher, er brachte aus dem Backofen einen ausgebacknen offnen geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus. * Heinecc. hist. jur. civ. stud. Ritter. L. I. § 393. (Zurück) Hierauf ging dieser zum Vater und sagte gerührt mit Hände-Drücken. »Wahrhaftig, Vater, Ihr sollet sehen, welche Wogen auch..... « Mehr konnt' er nicht vor Rührung oder Bescheidenheit sagen. »Konsideriere besonders, Peter, daß du Gott und dem Kaiser geschworen, bei Testamenten 'absonderlich derer Hospitäler und anderer notdürftiger Personen Sachen, desgleichen gemeine Wege befördern zu helfen'. - Du weißt, wie schlecht die Wege ums Dorf sind, und unter den notdürftigen Personen bist du die allererste.« - »Nein, ich will die letzte sein«, versetzte der Sohn. Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen Papier-Wickel - denn die Menschen versilbern, so zu sagen, die Pille des rohen Geldes einander durch Papier, erstlich aus feiner Schonung des fremden Eigennutzes, und zweitens, um es zu verstecken, wenn es zu wenig sein sollte -; der Vater drückt' es höflich in die fiskalische langgedehnte haarige Hand mit den Worten: »Pro rata, Herr Hoffiskalis! Es ist das Schwanz-Geld von unserer Kuh und etwas darüber. »Vom Kaufschilling des Viehs soll der Notarius auskommen in der Stadt. - Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein, der sie uns abgekauft. Es ist blutwenig, aber aller Anfang ist schwer; beim Aufgehen der Jagd hinken die Hunde noch; ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen, der anfangs von nichts lebte. - Sei nur besonders vigilant, Peter, denn sobald der Mensch auf der Welt einmal etwas Braves gelernt« -- »Ein Notarius« - fing heiter Knoll unter dem Geld-Einstecken an und hielt die Pfeife lange ans Licht, eh' er fortfuhr - »ist zwar nichts Sonderliches, im Reiche seynd viel, nämlich Notarii, sagt der Reichs-Abschied von 1500 Art. XIV, wiewohl ich selber meines Orts nur Notarien machen kann, und doch kein Instrument.« - »Wie mancher Pfalzgraf und mancher Vater« - sagte leise Goldine - »keine Gedichte, aber doch einen Dichter.« - »Indes ist in Haßlau« - fuhr er fort - »so oft bald ein Testament, bald ein Interrogatorium, bald ein Vidimus, zuweilen, aber höchst selten eine donatio inter vivos zu machen; falls nun der junge Mensch advoziert« - »Das muß mein Peter«, sagte Lukas - »- Falls ers aber« - fuhr er fort - »recht macht, anfangs schlechte, zweideutige Prozesse mit Freuden annimmt, weil große Advokaten sie von der Hand weisen, letztere häufig konsultiert, sich windet und bückt und dreht« - »So kann er ein rechtes Wasser auf desjenigen Mühle werden, der sein Vater ist, ja eine ganze Mühlwelle; er kann ihm ja nach Gelegenheit von Zeit zu Zeit ein beträchtliches Stück Geld zufertigen«, sagte der Vater - »O meine Eltern, wenn ich das einmal könnte!« sagte leise Walt entzückt. »O Gott, steh' mir bei,« sagte Lukas zornig, »wer denn sonst? Etwan dein Spitzbube, dein Landläufer und Querpfeifer, der Vult?« - Dieser schwur auf seinem Baume, vor einem solchen Vater sich ewig zu verkappen. »Falls nun« - fuhr Knoll lauter und unwillig über das Stören fort - »der junge Anfänger kein eingebildeter Narr oder Neuling ist, sondern ein Mensch, der bloß im juristischen Fache lebt und webt, wie hier sein vernünftiger Vater, der vielleicht mehr vom Jus versteht.....« Nun konnte Lukas sich nicht mehr halten: »Herr Hoffiskalis! Peter hat seines Vaters Sinn nicht; mich hätte man jura lassen sollen. Gott! ich hatte Gaben und mein Pferdgedächtnis und Sitzfleisch. - Es ist nur ein schlechter Gerichtsmann, der nicht zugleich ein Zivilist - ein Kameralist - ein Kriminalist - ein Feudalist - ein Kanolist - ein Publist ist, soweit er kann. Längst hätt' ich dieses mein Amt niedergelegt - denn was zieh' ich weiter davon als jährlich 3 Scheffel Besoldung und die Faß-Kanne und viel Versäumnis und Verdrüßlichkeit -, wär' im ganzen Dorf ein Mensch zu haben, ders wieder nähme und scharmant versähe. Wo sind denn die vielen Schulzen hier zu Lande, die vier Schulzenordnungen im Hause haben wie ich, nämlich die alte gothaische, die kursächsische, die württembergische und die haarhaarische? - Und setz' ich nicht in jede Bücherlotterie und erstehe die gescheutesten Sachen, unter andern: 'Julii Bernhards von Rohr vollständiges Haushaltungs-Recht, in welchem die nützlichsten Rechtslehren, welche sowohl beiden Landgütern überhaupt, derselben Kaufung, Verkaufung und Verpachtung, als insonderheit bei dem Ackerbau, Gärtnerei etc. etc. und andern ökonomischen Materien vorkommen, der gesunden Vernunft, denen römisch- und teutschen Gesetzen nach ordentlich abgehandelt werden, allen denenjenigen, so Landgüter besitzen, oder dieselben zu administrien haben, höchst nützlich und ohnentbehrlich. Die andere Auflage. Leipzig, 1738 - Verlegts J. Ch. Martini, Buchhändler in der Grimmischen Straße.' Es macht aber zwei Bände, sehen Sie!« - »Ich habe sie selber«, sagte Knoll. - »Nun wohl!« (schloß der Vater daraus weiter fort) »Muß ein Gerichtsmann nicht wie ein Hufschmidt die Taschen schon im Schurzfell bei der Hand haben, nicht erst in den Hosen? O du lieber Gott, Herr Fiskalis, wo zu pfänden ist - zu taxieren - zu einquartieren - mündlich und schriftlich Unzähliges anzuzeigen - wo Kränze um Brunnen zu machen, Zigeuner aus dem Lande zu jagen, auf Straßen und Feuerschau zu schauen -wo in Dörfern Pesten, Exzesse, Spitzbübereien sind: - da ist ja ein Gerichtsmann der erste dabei und zeigt die Sachen an, sowohl bei löblicher Landeshauptmannschaft als, wenn der Fall, bei der Ritterschaft. Was Wetter! da kann er nicht wie eine Kanzeluhr die Woche nur einmal gehen, Tag für Tag läuft er zum größten Schaden seiner Wirtschaft in alle Löcher - in alle Felder und Wälder - in alle Häuser und nachher in die Stadt und rapportierts mündlich, worauf ers schriftlich aus der Tasche zieht. Es sollen mir Pferdner und Anspänner oder Hintersättler hertreten und sagen: Lukas, lasse die Flausen! Du bist auch da und da fahrlässig gewesen! O solche große Verleumder! sehen sie denn nicht, daß ich mich darüber klaftertief in Schulden stecke, und wäre künftig der Notarius und Tabellio nicht....« »Hör' einmal auf, Gerichtsmann«, sagte Veronika und wandte sich an den Fiskal, dessen Schuldner ihr Mann war - »Herr Fiskal, er sagt das nur so, um etwas zu sagen. Begehren Sie nichts? - Und ich habe nachher eine große Frage zu tun.« Lukas schwieg sehr willig und schon gewohnt, daß in seiner Ehe-Sonatine die linke Hand, die Frau, weit über die rechte herauf griff in die höchsten Töne zum harmonischen Vorteil. »Er schnapse gern vor dem Essen«, versetzte Knoll zu Walts Erstaunen über ein solches Postillions-Zeitwort von einem Stadt- und Hofmann. Die Mutter ging und brachte in der einen Hand das Extrapost-Blut und Elementarfeuer, aber in der andern ein dickes Manuskript. Walt nahm es ihr blutrot weg. Goldinens Augen schimmerten entzückt. »Du mußt aus dem Liederbuch lesen,« sagte die Mutter, »der gelehrte Herr sollen sagen, ob es taugt. Herr Kandidat Schomaker will es sehr loben.« »Und ich lob' es wirklich«, sagte Goldine. Da trat der Kandidat selber herein, warf sich bloß vor dem Fiskale krumm und salutierte mit blitzenden Augen. Er sah aus allen, daß die Freuden-Post des Testaments noch nicht in der Stube erschollen war. »Sehr spät,« sagte Lukas, »der exzellente Aktus ist ganz vorbei.« Ausführlich beteuerte der Kandidat, er sei erst gegen Vesperzeit aus der Stadt gekommen; »ich steh' auch« - sagte er und sah gern den Schulzen an, vergnügt, daß er nicht einen so vornehmen und bedenklichen Herrn wie Knoll beschauen mußte - »schon seit einer geraumen Vierteil-Stunde unten im Hofe, habe mich aber vor fünf Gänsen, welche vor der Türe Flügel und Schnabel gegen mich aufgemachet, nicht hereingetraut.« - »Nein, sechs warens«, sagte die satirische Jüdin. »Oder auch sechs«, versetzte er; »genung, eine ist genung, wie ich gelesen, um einen Menschen durch einen wütigen Biß ganz toll und wasserscheu zu machen.« »Ah ça! « wandt' er sich zu Walten (mehr französisch konnt' er nicht), »Ihre Polymeter!« »Was sinds?« fragte Knoll trinkend. »Herr Graf,« (sagte Schomaker und ließ die Pfalz weg) »in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten, meines Schülers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlängert, seiten-, bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter.« Vult fluchte aus Ungeduld zwischen den Äpfeln. Walt stellte sich endlich mit dem Manuskripte und mit dem Profil seiner Bogenstirn und seiner geraden Nase vor das Licht - blätterte über alle Beschreibung lange und blöde nach dem Frontispiz seines Musentempels - der Kandidat tat mit der einen Hand in der Weste, mit der andern in der Hose drei Streck-Schritte nach Vults Fenster, um hinaus zu - spucken. Stotternd, aber mit schreiender ungebildeter Stimme fing der Dichter an: Nro. 9: Schwefelblumen Streckverse »Ich weiß nicht, ich finde jetzt kein rechtes Gedicht, ich muß auf Geratewohl ausheben: Der Widerschein des Vesuvs im Meer 'Seht, wie fliegen drunten die Flammen unter die Sterne, rote Ströme wälzen sich schwer um den Berg der Tiefe und fressen die schönen Gärten. Aber unversehrt gleiten wir über die kühlen Flammen, und unsere Bilder lächeln aus brennender Woge.' Das sagte der Schiffer erfreut und blickte besorgt nach dem donnernden Berg' auf. Aber ich sagte: 'Siehe, so trägt die Muse leicht im ewigen Spiegel den schweren Jammer der Welt, und die Unglücklichen blicken hinein, aber auch sie erfreuet der Schmerz.'« »Was weint denn der wunderliche Mensch, da er ja alles sich selber ausgesonnen?« rief Lukas. »Weil er selig ist«, sagte Goldine, ohne es zu treffen; es war bloß das Weinen der Bewegung, die weder eine entzückte noch betrübte, sondern nur eine Bewegung zu sein braucht. Er las jetzt: »Der Kindersarg in den Armen Wie schön, nicht nur das Kind wird leicht in den Armen gewiegt, auch die Wiege. Die Kinder Ihr Kleinen steht nahe bei Gott, die kleinste Erde ist ja der Sonne am nächsten. Der Tod unter dem Erdbeben* Der Jüngling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine, um sie schlief der Himmel, und die Erde war leise - die Vögel schwiegen - der Zephyr schlummerte in den Rosen ihres Haars und rückte kein Löckchen. Aber das Meer stieg lebendig auf, und die Wellen zogen in Herden heran. 'Aphrodite,' betete der Jüngling, 'du bist nahe, dein Meer bewegt sich gewaltig, und die Erde ist furchtsam, erhöre mich, herrliche Göttin, verbinde den Liebenden ewig mit seiner Geliebten.' Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fuß der heilige Boden, die Myrten bogen sich zu ihm, und die Erde donnerte, und ihre Tore sprangen ihm auf. - Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte, und der selige Jüngling stand bei ihr, denn die Göttin hatte sein Gebet gehört.« Vult fluchte gewaltig im Laube vor lauter Jubel, seine sonst leicht zufallende Seele stand weit den Musen offen: »Liebes Gottwältlein! du allein sollst mich kennen lernen; ja bei Gott, das geht an, das muß er mit ausführen - Himmel! wie wird der blöde göttliche Narr erstaunen, wenn ichs ihm vorlege«, sagte er und hatte einen neugebornen Plan im Sinne. »Ich sollte meinen,« (sagte Schomaker) »daß er die Auktoren der Anthologie nicht ohne Nutz unter mir studieret.« Da Knoll nicht antwortete, sagte der Vater: »Lies weiter!« Mit schwächerer Stimme las Walt: »Bei einem brennenden Theatervorhang Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst, stiegst du langsam hinauf. Jetzt verschlingt dich schnell die hungrige Flamme, und verworren, unselig und dampfend erscheint die Bühne der Freude. Leise steige und falle der Vorhang der Liebe, aber nie sink' er als feurige Asche auf immer darnieder. Die nächste Sonne Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau, ihr fremder Strahl fliegt seit Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du sanfter, naher Gott, kaum tut ja der Menschengeist sein kleines, junges Aug auf, so strahlst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister! Der Tod eines Bettlers Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stöhnte sehr im Schlaf. Da rief der Arme laut, um den Greis aus einem bösen Traum aufzuwecken, damit den matten Busen nicht die Nacht noch drücke. Der Bettler wurde nicht wach, aber ein Schimmer flog über das Stroh; da sah der Arme ihn an, und er war jetzt gestorben; denn Gott hatt' ihn aus einem längern Traum aufgeweckt. Die alten Menschen Wohl sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber sie zeigen alle nach Morgen. Der Schlüssel zum Sarge 'O schönstes, liebstes Kind, fest hinunter gesperrt ins tiefe dunkle Haus, ewig halt' ich den Schlüssel deiner Hütte, und niemals, niemals tut er sie auf!' - Da zog vor der jammernden Mutter die Tochter blühend und glänzend die Sterne hinan und rief herunter: 'Mutter, wirf den Schlüssel weg, ich bin droben und nicht drunten!'« * Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Luft still, nur das Meer woget. (Zurück) Nro. 10: STINKHOLZ Das Kapaunengefecht der Prosaisten »O Himmel, wär's nur morgen, Brüderlein! Es ist verdammt, man sollte nie passen müssen«, sagte Vult. - »Ich habe genug«, sagte Knoll, der bisher die eine Tabakswolke gerade so groß und so langsam geschaffen hatte wie die andere. - »Ich meines Parts«, sagte Lukas, »kann mir nichts Rechts daraus nehmen, und den Versen fehlt auch der rechte Schwanz, aber gib her. - »Fromme und traurige Sachen stehen wohl darin«, sagte die Mutter. Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch in der goldnen Morgenwolke der Dichtkunst, und außen vor der Wolke stehe, kam es ihm vor, der ferne Plato als Sonnenball und durchglühe sie. Der Kandidat Schomaker sah scharf auf den Pfalzgrafen und passete auf Entscheidungen. Aus religiöser Freiheit glaubte er überall zu sündigen, wo er eilen sollte und wagen. Daher hatt' er nicht den chirurgischen Mut, seine Schulkinder ordentlich zu prügeln - er ängstigte sich vor möglichen Frakturen, Wundfiebern und dergleichen -, sondern er suchte sie von weitem zu züchtigen, indem er in einer Nebenkammer dem Züchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt. »Meine Meinung« - fing Knoll mit bösem Niederzug seiner schwarzwaldigen Augenbraunen an - »ist ganz kurz diese: Dergleichen ist wahrlich rechter Zeitverderb. Ich verachte einen Vers nicht, wenn er lateinisch ist, oder doch gereimt. Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und - schmeichl' ich mir nicht - etwas andere als diese. Ja, als comes palatinus kreier' ich ja eigenhändig Poeten und kann sie also am wenigsten ganz verwerfen. Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer, die nichts zu tun und genug zu leben haben, können in der Tat Gedichte machen und lesen, so viele sie wollen; aber nur kein gesetzter Mensch, der sein gutes solides Fach hat und einen vernünftigen Juristen vorstellen will - der soll es verachten, besonders Verse ohne allen Reim und Metrum, dergleichen ich 1000 in einer Stunde hecke, wenns sein muß.« - Vult genoß still den Gedanken, daß er in Haßlau schon Zeit und Ort finden werde, dem Pfalzgrafen durch Öl ins Feuer und durch Wasser ins brennende Öl zur Belohnung irgendein Bad zu bereiten und zu gesegnen. - Und doch konnt' ers vor Zorn kaum aushalten, wenn er bedachte, daß der Kandidat und der Pfalzgraf so lange dastanden, ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken. Hätt' er sehen und schreiben können, er hätte einen Stein mit einem Rapport-Wickel als sanfte Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen. »Hörst du?« sagte Lukas. »Sie sind auch eben nicht schön geschrieben, wie ich sehe« und machte blätternd einen Versuch, das Manuskript ins Licht hinein zu halten. Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter entriß es ihm plötzlich mit greifender Faust. - »In den Nebenstunden aber denn doch so etwa?« fragte Schomaker, für welchen der einzige Titel Hoffiskal einen Ruprechts-Zwilling und Doppelhaken in sich faßte; denn schon, wo einem Worte Hof oder Leib zum Vorsprung anhing - und wars an einem Hofpauker und Leibvorreiter -: da sah er in eine gehelmte Vorrede (praefatio galeata) und hatte seine Schauer; wie vielmehr bei dem Worte Fiskal, das jeden auf Pfähle oder in Türme zu stecken drohte. »In meinen Nebenstunden«, versetzte Knoll, »las ich alle mögliche auftreibliche Aktenstücke und wurde vielleicht das, was ich bin. Überspannte Floskeln hingegen greifen zuletzt in dem Geschäftsstil Platz und vergiften ihn ganz; ein Gericht weiset dergleichen dann zurück als inept.« - »Natürlich denn und verzeihlich daher,« (fing Schomaker als Selbstkrummschließer an) »daß ich aus Unkunde der Rechtskunde diese mit der Poesie vereinbaren wollen; aber ganz wahrscheinlich deshalb, daß Herr Harnisch, seinem alleinigen Fache heißer sich weihend, nun ganz vom poetischen absteht: nicht gewiß, gewiß, Herr Notar?« Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch - den Abfall des sonst lobenden Lehrers für eine Hofmännerei ansehend, die gleich einem Balbiermesser sich vor- und rückwärts beugt, obgleich Schomaker bloß nicht fähig war, so auf der Stelle, in der Schnelle, einem Thron-Diener gegenüber und bei der Liebe für den Schüler im Herzen sogleich das Jus auszufinden, sondern immer zu leicht fürchtete, unter der Hand gegen seinen Fürsten zu rebellieren, indes er sonst bei dem Bewußtsein des Rechts jeder Not und Gewalt entgegengezogen wäre - da schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Löwe empor, sprang vor den Kandidaten und ergriff dessen Achseln mit beiden Händen und schrie aus lang gemarterter Brust so heftig auf, daß der Kandidat wie vor nahem Totschlag aufhüpfte: »Kandidat! bei Gott, ich werde ein guter Jurist von fleißiger Praxis, meiner armen Eltern wegen. Aber, Kandidat, ein Donnerkeil spalte mein Herz, der Ewige werfe mich dem glühendsten Teufel zu, wenn ich je den Streckvers lasse und die himmlische Dichtkunst.« Hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig: »Ich dichte fort« - alle schwiegen erstaunt - in Schomaker hielt noch halbes Leben - Knoll allein zeigte ein grimmiges eisernes Lächeln - auch Vult wurde auf seinem Aste wild, schrie: »Recht, recht!« und griff blindlings nach unreifen Pelzäpfeln, um eine Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern. - Darauf ging der Notar als Sieger hinaus, und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach: »Es geschieht euch recht, ihr Prosaner!« - Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum und hob nach der Sternenseite des Lebens, nach dem Himmel, das beseelte Antlitz, auf welchem alle seine Gedichte und Träume zu zählen waren. Beinahe wäre der Flötenspieler auf die verletzte Brust als ein weicher Pfühl herabgefallen; er hätte gern den nassen guten Sangvogel, dem es wie der Lerche gegangen, die auf das tote Meer, als wäre es blühendes Land, herunterstürzt und darin ersäuft, hoch unter die trocknende Sonne gehalten; aber Goldinens Ankunft verbot die schöne Erkennung, sie nahm Walts Hand, aber er schaute noch immer mit tauben Augen nach der Höhe, wo nur helle Sterne, keine trübe Erde standen. »Herr Gottwalt,« sagte sie, »denken Sie nicht mehr über die prosaischen Pinsel. Sie haben Sie abgetrumpft. Dem Juristen streu' ich heute noch Pfeffer in den Tabak und dem Kandidaten Tabak in den Pfeffer.« - »Nein, liebe Goldine,« fing er mit schmerzlich sanfter Stimme an, »nein, ich war es heute nicht wert, daß mich der große Plato küßte. War es denn möglich? - Gott! es sollte ein froher letzter Abend werden. - Teuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld zum Notariate her - der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden fast in allem - Gott segnet mich mit dem Himmel an Platos Herzen -- und ich Satan fahre so höllisch auf! O Gott, o Gott! - Aber mein alter Glaube, Goldine, wie trifft er immer ein: nach jeder rechter inniger Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Unglück.« »Das dacht' ich gleich«, sagte Goldine zornig; »man schlage Sie ans Kreuz, so werden Sie eine festgenagelte Hand vom Querbalken losarbeiten, um damit einem Kriegsknecht seine zu drücken. - Haben denn Sie oder die Strohköpfe droben den heutigen Weinmonat, ich möchte sagen zum Weinessigmonat, versäuert?« - »Ich kenne«, versetzte er, »keine andere Ungerechtigkeiten gewiß und genau, als die ich an andern verübe; - die, so andere an mir begehen, können mir wegen der Ungewißheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden sein. Ach es gibt ja mehr Irrtümer des Hasses als der Liebe. Wenn nun einmal eine Natur, welche die Antithese und Dissonanz der meinigen ist, existieren sollte, wie von allem die Antithesen: so könnte sie mir ja leicht begegnen; und da ich ebensowohl ihre Dissonanz bin als sie meine, so hab' ich nicht mehr über sie zu klagen als sie über mich.« Goldine konnte, wie Vult, nichts gegen diese Denkweise einwenden, aber beiden war sie äußerst verdrüßlich. Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig der Vater: »Renne, Peter, renne, wir stehen im Testament und werden vorbeschieden auf den 15ten hujus.« Nro. 11: Fisetholz Lust-Chaos Der Pfalzgraf hatte das Erstarren über Walts Sturmlaufen mit der Bemerkung flüssiger gemacht, daß der »Sansfaçon« es nicht verdiene, in einem wichtigen Testamente zu stehen, zu dessen Eröffnung er ihn vorzuladen habe, und dessen Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrugen. Da war das Anschlagerad und der Dämpfer gerichtlich von des Schulmeisters ton- und wortvoller Seele abgehoben, und er konnte nun alle Glocken läuten - er wußte und gab die angenehmsten Artikel des Testaments, welche der Fiskal durch die unangenehmen ganz bestätigte. Der Kandidat handelte so lange ungewöhnlich sanft nach einer Beleidigung, bis man ihn ersuchte, sie zu vergeben. Lukas rief schon im halben Hören Walten wie toll hinein, um nur etwas zu reden. Von zarter Schamröte durchdrungen, erschien dieser - niemand gab auf ihn acht - man steckte im Testamente, ausgenommen Knoll. Dieser hatte gegen den Jüngling seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Haß gefaßt - so wie die Musik zwar Nachtigallen zum Schlagen reizt, aber Hunde zum Heulen -, weil ihm der eine Umstand, daß ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte (was seinen fiskalischen Kern anfraß), mehr wehe tat als der andere süß, daß sein Eigennutz selber keinen Erben hätte auslesen können, der geschickter wäre, die Erbschaft zu verscherzen. Walt hörte gerührt der Wiederholung und Forterzählung der Erb-Ämter und der Erbstücke zu. Als um Lukas Ohren jetzt die Worte »11000 Georgd'ors in der Südsee-Handlung und zwei Fronbauern samt Feldern in Elterlein« flatterten, stand sein Gesicht, das der plötzliche warme Süd-Zephyr des Glückes umspülte, wie zergangen und verblüfft da, und er fragte: »Den 15ten? 11000?« - Darauf warf er seine Mütze, die er in der Hand hatte, weit über die Stube weg - sagte: »Den hujus dieses?« - Darauf schleuderte er ein Bierglas gegen die Stubentüre über Schomakern weg. »Gerichtsmann,« rief die Frau, »was ist Euch?« - »Ich habe so mein Gaudium«, sagte er. »Nun aber komme mir der erste beste Hund aus der Stadt, ich will ihn lausen, breit tret' ich das Vieh. Und wir werden alle geadelt, wie wir hier sitzen, und ich bleibe der adelige Gerichtsherr - oder ich werde der Gerichthalter und studiere. Und auf meine Kabelschen Grundstücke säe ich nichts als Reps.« »Mein Freund,« sagte verdrüßlich der Fiskal, »Sein poetischer Sohn hat noch vorher einige Nüsse aufzubeißen, dann ist der der Erbe.« - Mit Freuden-Tränen trat der Notar zum enterbten Fiskal und zog dessen zähe Hände mit der Versicherung an sich: »Glauben Sie mir, Freuden-Bote und Evangelist, ich werde alles tun, um die Erbschaft zu erringen, alles, was Sie gefodert haben« - (»Was wollt Ihr mit mir?« sagte Knoll, die Hände wegziehend) - »denn ich tue es ja für Menschen,« (fuhr Walt fort, alle andere ansehend) »die noch mehr für mich getan, vielleicht für den Bruder, wenn er noch lebt. Sind denn die Bedingungen nicht so leicht, und die letzte so schön, die vom Pfarrerwerden? - Der gute Van der Kabel! Warum ist er denn so gut gegen uns? Ich entsinne mich seiner lebhaft, aber ich dachte, er liebte mich nicht. Doch mußt' ich ihm meine Streckverse vorlesen. Kann man denn zu gut von den Menschen denken?« Vult lachte und sagte: »Kaum!« Ganz blöde und schamhaft trat Walt zu Schomaker mit den Worten: »Vielleicht verdanke ich der Dichtkunst die Erbschaft - und gewiß die Dichtkunst dem Lehrer, der mir die vorige Minute vergebe!« - »So sei vergessen,« versetzte dieser, »daß man mich vorhin nicht einmal mehr Herr genannt, was doch so allgemein. Wonne herrsche jetz! - Aber Ihr Herr Bruder, dessen Sie gedachten, lebt noch und im Flore. Ein lebhafter Herr van der Harnisch vergewisserte mich dessen, zohe mich aber in eine unerlaubte Ausschwatzung Ihres Hauses hinein, für die mir Ihre Verzeihung so wenig entstehe, als Ihnen die meine!« Der Notar rief es durch das Zimmer, der Bruder lebe noch. »Im erzgebürgischen Elterlein traf ihn der Herr in der Stadt«, sagte Schomaker. - »O Gott, er kommt gewiß heut oder morgen, beste Eltern«, rief Walt entzückt. - »Soll mir lieb sein,« sagte der Schulz, »ich werd' ihm unter der Haustüre mit der Habern-Sense die Beine abmähen und ihn mit einem Holzapfel erstecken, einen solchen Vagabunden!« - Gottwalt aber trat zu Goldinen, die er weinen sah, und sagte: »O ich weiß es worüber, Gute« - und setzte leise hinzu: »Über das Glück Ihres Freundes.« - »Ja bei Gott!« antwortete sie und sah ihn entzückter an. Die Mutter warf nur die Bemerkung, wie oft ihr Gemüt durch ähnliche Sagen von ihres guten Kindes Wiederkunft betrogen worden, flüchtig unter die Männer, um sich bloß mit dem verdrüßlichen Fiskale abzugeben, welchem sie freundlich alle böse Klauseln des Testaments deutlich abfragte. Den Pfalzgrafen aber verdroß das von seiner Erbportion bestrittene Freudenfest am Ende dermaßen, daß er hastig aufstand, die Zitationsgebühren im Namen des Ratsdieners forderte und den männlichen Jubelköpfen die Hoffnung aufsagte, ihn am Abendtische unter sich zu haben, weil er lieber, gab er vor, bei dem Wirte drüben speise, der schon seinem Vater ein Darlehn schuldig sei, wovon er seit so vielen Jahren, sooft er Gericht halte, etwas abesse und abtrinke, um zu dem Seinigen zu kommen. Als er fort war, stieg Veronika auf ihre weibliche Kanzel und hielt ihre Brandpredigten und Inspektionsreden an die Männer: sie müßtens haben, wenn der Fiskal ihnen das Kapital aufkündigte; ihr Frohtun habe ihn als einen ausgeschlossenen Erben ja verschnupfen müssen. - »Zieht denn aber er oder ich die Interessen für jetz, he? - Er!« sagte Lukas. - Schomaker fügte noch den Bericht bei, daß schon der Frühprediger Flachs das Kabelsche ganze Haus in der Hundsgasse durch weniges Weinen erstanden. Der Schulz fuhr klagend auf und versicherte, das Haus sei seinem Sohne so gut wie gestohlen; denn weinen könne jeder; dieser aber sagte, es tröst' ihn ordentlich über sein Glück, daß ein anderer armer Erbe auch etwas habe. Veronika versetzte: »Du hast noch nichts. Ich bin nur eine Frau, aber im ganzen Testamente merk' ich eine Partitenmacherei. Seit vorgestern wurde schon im Dorfe von Erbschaften gemunkelt von fremden Stadtherren, ich sagte aber gern meinem Gerichtsmanne nichts. Du, Walt, hast gar kein Geschick zu Welthändeln; und so können leicht zehn Jahre verstreichen, und du hast nichts, und bist doch auch nichts; wie dann, Gerichtsmann?« - »So schlag' ich ihn«, sagte dieser, »tot, wenn er nicht so viel Verstand zeigt wie ein Vieh; und von dir, Vronel, wars auch keiner, mich nicht zu avertieren.« - »Ich verpfände mich«, sagte Schomaker, »für Herrn Notars Finesse. Poeten sind durchtriebene Füchse, und haben Wind von allem. Ein Grotius, der Humanist, war ein Gesandter - ein Dante, der Dichter, ein Staatsmann - ein Voltaire, der beides, auch beides.« Vult lachte, nicht über den Schulmann, aber über den gutherzigen Walt, als dieser sanft beifügte: »Ich habe vielleicht aus Büchern mehr Weltklugheit geschöpft als Ihr denkt, liebe Mutter. - Aber nun nach zwei Jahren, allgütiger Gott! - Wenigstens malen wollen wir uns heute die glänzende Zeit, wo alle hier frei und freudig leben, und ich nichts von allem brauche und wünsche, weil ich zu glücklich auf zwei alten heiligen Höhen wohne, auf der Kanzel und dem Musenberg« - »Du sollst dann auch«, sagte Lukas, »streckversen den ganzen Tag, weil du doch ein Narr darauf bist, wie dein Vater aufs Jus.« - »Jetzt aber werd' ich sehr aufmerksam«, sagte Walt, »das Notarienwesen treiben, besonders da ich es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe; das Advozieren kann nun wohl wegbleiben.« - »Seht ihr,« rief die Mutter, »er will nur wieder recht über seine langen Verse her, denn er hats ja vorhin so gotteslästerlich beschworen - ich hab' es nicht vergessen, Walt!« »So wollt' ich doch, daß Donner und Teufel« - rief Lukas, der rein-froh sein wollte - »muß man denn aus jedem Turmknopf einen Nadelknopf machen wie du?« Er wollte gerade das Umgekehrte vorbringen. Er zog den Ehemanns-Vexierzug: »Schweig!« Sie tats immer sogleich, wiewohl mit dem Entschluß, etwas später erst recht anzufangen. Man schritt zur Abend-Tafel, wie man dastand, Walt im Schanzlooper, obgleich in der Heu-Ernte, weil er sein Nanking-Röckchen schonte. Goldinens Freudenwein war mit vielen Tränen über die Trennung des Morgens gewässert. Der Notar war unendlich entzückt über die Entzückung des Vaters, welcher allmählich, da er sie ein wenig verdauet hatte, nun milder wurde und anfing, mit Trenchiermesser und Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegenzugehen und dem Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen: »Du bist mein Glück.« So lange verharrte Vult auf dem Baume. Als aber die Mutter nun erst die ausführlichen Berichte Schomakers über den Flötenspieler um ihr warmes Herz versammlen wollte, stieg er, um nichts zu hören, weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob süß, vom Baume herunter, schon beglückt genug durch den Bruder, dessen Unschuld und Dichtkunst ihn so liebend-eng umstrickten, daß er gern die Nacht im Abendrot ersäuft hätte, um nur den Tag zu haben und den Poeten an der Brust. Nro. 12: Unechte Wendeltreppe Reiterstück Früh am betaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Haustüre reit- und reisefertig. Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommer- und Frühlings-Rock von Nanking am Leibe, weil er als Universalerbe mehr aufwenden konnte, einen runden weißen braungeflammten Hut auf dem Kopf, die Reit-Gerte in der Hand und Kindestränen in den Augen. Der Schulz rief halt, sprang zurück und sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung, die er ihm in die Tasche steckte. Drüben vor dem Wirtshause stand der knappe flinke Student Vult im grünen Reisehut und der Wirt, welcher der Familien-Antichrist und ein Linker war. Das Dorf wußte alles und paßte. Es war des Universalerben erster Ritt in seinem Leben. Veronika - die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln für Eröffnung und Erfüllung des Testaments vorgezeichnet hatte - zerrete den Schimmel am langen Zügel aus dem Stall. Walt sollte hinauf. Über den Ritt und Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen - mehr als ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstück zu geben, lieferte aber freilich mehr die rohen Farbhölzer auf die Leinwand als deren feinsten Absud - auch ist das mein erstes Tierstück von Belang, das ich in di