Jean Paul Flegeljahre Eine Biographie (Erstdruck 1804) Erstes Bändchen Nro. 1. Bleiglanz: Testament - Das Weinhaus Nro. 2. Katzensilber aus Thüringen: J.P.F.R.s Brief an den Stadtrat Nro. 3. Terra miraculosa Saxoniae: Die Akzessit-Erben - der schwedische Pfarrer Nro. 4. Mammutsknochen aus Astrakan: Das Zauberprisma Nro. 5. Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern: Vorgeschichte Nro. 6. Kupfernickel: Quod Deus Vultiana Nro. 7. Violenstein: Kindheits-Dörfchen - der große Mann Nro. 8. Koboldblüte: Das Notariats-Examen Nro. 9. Schwefelblumen: Streckverse Nro. 10. Stinkholz: Das Kapaunengefecht der Prosaisten Nro. 11. Fisetholz: Lust-Chaos Nro. 12. Unechte Wendeltreppe: Reiterstück Nro. 13. Berliner Marmor mit glänzenden Flecken: Ver- und Erkennung Nro. 14. Modell eines Hebammenstuhls: Projekt der Äther-Mühle - der Zauberabend Nro. 15. Riesenmuschel: Die Stadt - chambre garnie Nro. 16. Berggur: Sonntag eines Dichters Nro. 17. Rosenholz: Rosental Zweites Bändchen Nro. 18. Echinit: Der Schmollgeist Nro. 19. Mergelstein: Sommers-Zeit - Klothars-Jagd Nro. 20. Zeder von Libanon: Das Klavierstimmen Nro. 21. Das Großmaul oder Wydmonder: Aussichten Nro. 22. Saffafras: Peter Neupeters Wiegenfest Nro. 23. Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen: Tischreden Klothars und Glanzens Nro. 24. Glanzkohle: Der Park - der Brief Nro. 25. Smaragdfluß: Musik der Musik Nro. 26. Ein feiner Pektunkulus und Turbinite: Das zertierende Konzert Nro. 27. Spathdrüse von Schneeberg: Gespräche Nro. 28. Seehase: Neue Verhältnisse Nro. 29. Grobspeisiger Bleiglanz: Schenkung Nro. 30. Mißpickel aus Sachsen: Gespräch über den Adel Nro. 31. Pillenstein: Das Projekt Nro. 32. Heller im Straußenmagen: Menschenhaß und Reue Drittes Bändchen Nro. 33. Strahlglimmer: Die Brüder - Wina Nro. 34. Inkrustierte Kletten: Kopierstunde Nro. 35. Chrysopras: Träumen - Singen - Beten - Träumen Nro. 36. Kompaßmuschel: Träume aus Träumen Nro. 37. Eine auserlesene Kabinetsdrüse: Neues Testament Nro. 38. Marienglas: Raphaela Nro. 39. Papiernautilus: Antritt der Reise Nro. 40. Cedo nulli: Wirtshäuser - Reisebelustigungen Nro. 41. Trödelschnecke: Der Bettel-Stab Nro. 42. Schillerspath: Das Leben Nro. 43. Polierter Bernsteinstengel: Schauspieler - der Maskenherr - der Eiertanz der Einkäuferin Nro. 44. Katzengold aus Sachsen: Abenteuer Nro. 45. Katzenauge: Eß- und Trink-Wette - das Mädchen Nro. 46. Edler Granat: Der frische Tag Nro. 47. Titanium: Kartause der Phantasie - Bonmots Nro. 48. Stahlkies: Die Rosenhöfer-Nacht Nro. 49. Blätter-Erz: Beschluß der Reise Nro. 50. Halber Blasenstein eines Dachshunds: J.P.F.R.s Brief an den Haßlauer Stadtrat Viertes Bändchen Nro. 51. Ausgestopfter Blaumüller: Entwicklungen der Reise - und des Notariats Nro. 52. Ausgestopfter Fliegenschnäpper: Vornehmes Leben Nro. 53. Kreuzstein bei Gefrees im Baireuthischen: Gläubiger-Jagdstück Nro. 54. Surinamischer Äneas: Malerei - Wechselbrief - Fehdebrief Nro. 55. Pfefferfraß: Leides des jungen Walts - Einquartierung Nro. 56. Fliegender Hering: Brief des Biographen - Tagebuch - Nachtrag Nro. 57. Regenpfeifer: Doppel-Leben Nro. 58. Giftkuttel: Erinnerungen Nro. 59. Notenschnecke: Korrektur - Wina Nro. 60. Scherschwänzel: Schlittschuh-Fahrt Nro. 61. Labrador-Blende von der Insel St. Paul: Vults antikritische Bosheit - die Neujahrs-Nacht Nro. 62. Saustein: Einleitungen Nro. 63. Titan-Schörl: Larven-Tanz Nro. 64. Mondmilch vom Pilatusberg: Brief - Nachtwandler - Traum Erstes Bändchen Nro. 1: Bleiglanz Testament - das Weinhaus Solange Haßlau eine Residenz ist, wußte man sich nicht zu erinnern, daß man darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet hätte - die Geburt des Erbprinzen ausgenommen - als auf die Eröffnung des Van der Kabelschen Testaments. - Van der Kabel konnte der Haßlauer Krösus - und sein Leben eine Münzbelustigung heißen, oder eine Goldwäsche unter einem goldnen Regen, oder wie sonst der Witz wollte. Sieben noch lebende weitläuftige Anverwandten von sieben verstorbenen weitläuftigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Plätze im Vermächtnis, weil der Krösus ihnen geschworen, ihrer da zu gedenken; aber die Hoffnungen blieben zu matt, weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte, da er nicht nur so mürrisch-sittlich und uneigennützig überall wirtschaftete - in der Sittlichkeit aber waren die sieben Anverwandten noch Anfänger -, sondern auch immer so spöttisch dareingriff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und Fallstricke, daß sich auf ihn nicht fußen ließ. Das fortstrahlende Lächeln um seine Schläfe und Wulstlippen und die höhnische Fistel-Stimme schwächten den guten Eindruck, den sein edel gebautes Gesicht und ein Paar große Hände, aus denen jeden Tag Neujahrsgeschenke und Benefiz-Komödien und Gratiale fielen, hätten machen können; deswegen gab das Zug-Gevögel den Mann, diesen lebendigen Vogelbeerbaum, worauf es aß und nistete, für eine heimliche Schneuß aus und konnte die sichtbaren Beere vor unsichtbaren Haarschlingen kaum sehen. Zwischen zwei Schlagflüssen hatt' er sein Testament aufgesetzt und dem Magistrate anvertraut. Noch als er den Depositionsschein den sieben Präsumtiv-Erben halbsterbend übergab: sagt' er mit altem Tone, er wolle nicht hoffen, daß dieses Zeichen seines Ablebens gesetzte Männer niederschlage, die er sich viel lieber als lachende Erben denke denn als weinende; und nur einer davon, der kalte Ironiker, der Polizei-Inspektor Harprecht, erwiderte dem warmen: ihr sämtlicher Anteil an einem solchen Verluste stehe wohl nicht in ihrer Gewalt. Endlich erschienen die sieben Erben mit ihrem Depositionsschein auf dem Rathause, namentlich der Kirchenrat Glanz, der Polizei-Inspektor, der Hofagent Neupeter, der Hoffiskal Knoll, der Buchhändler Paßvogel, der Frühprediger Flachs und Flitte aus Elsaß. Sie drangen bei dem Magistrate auf die vom sel. Kabel insinuierte Charte und die Öffnung des Testaments ordentlich und geziemend. Der Ober-Exekutor des letztern war der regierende Bürgermeister selber, die Unter-Exekutores der restierende Stadt-Rat. Sofort wurden Charte und Testament aus der Rats-Kammer vorgeholt in die Ratsstube - sämtlichen Rats- und Erbherrn herumgezeigt, damit sie das darauf gedruckte Stadt-Sekret besähen - die auf die Charte geschriebene Insinuations-Registratur vom Stadtschreiber den sieben Erben laut vorgelesen und ihnen dadurch bekannt gemacht, daß der Selige die Charte dem Magistrate wirklich insinuiert und scrinio rei publicae anvertraut, und daß er am Tage der Insinuation noch vernünftig gewesen - endlich wurden die sieben Siegel, die er selber darauf gesetzt, ganz befunden. Jetzt konnte das Testament - nachdem der Stadtschreiber wieder über dieses alles eine kurze Registratur abgefasset - in Gottes Namen aufgemacht und vom regierenden Bürgermeister so vorgelesen werden, wie folgt: Ich Van der Kabel testiere 179? den 7. Mai hier in meinem Hause in Haßlau in der Hundsgasse ohne viele Millionen Worte, ob ich gleich ein deutscher Notarius und ein holländischer Dominé gewesen. Doch glaub' ich, werd' ich in der Notariatskunst noch so zu Hause sein, daß ich als ordentlicher Testator und Erblasser auftreten kann. Testatoren stellen die bewegenden Ursachen ihrer Testamente voran. Diese sind bei mir, wie gewöhnlich, der selige Hintritt und die Verlassenschaft, welche von vielen gewünscht wird. Über Begraben und dergleichen zu reden, ist zu weich und dumm. Das aber, als was Ich übrig bleibe, setze die ewige Sonne droben in einen ihrer grünen Frühlinge, in keinen düstern Winter. Die milden Gestifte, nach denen Notarien zu fragen haben, mach' ich so, daß ich für dreitausend hiesige Stadtarmen jeder Stände ebenso viele leichte Gulden aussetze, wofür sie an meinem Todes-Tage im künftigen Jahre auf der Gemeinhut, wenn nicht gerade das Revüe-Lager da steht, ihres aufschlagen und beziehen, das Geld froh verspeisen und dann in die Zelte sich kleiden können. Auch vermach' ich allen Schulmeistern unsers Fürstentums, dem Mann einen Augustd'or, so wie hiesiger Judenschaft meinen Kirchenstand in der Hofkirche. Da ich mein Testament in Klauseln eingeteilt haben will, so ist diese die erste. 2te Klausel Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten Testamentsstücke gezählt. Demzufolge vermach' ich denn dem Herrn Kirchenrat Glanz, dem Herrn Hoffiskal Knoll, dem Herrn Hofagent Peter Neupeter, dem Herrn Polizei-Inspektor Harprecht, dem Herrn Frühprediger Flachs und dem Herrn Hofbuchhändler Paßvogel und Herrn Flitten vor der Hand nichts, weniger weil ihnen als den weitläuftigsten Anverwandten keine Trebellianica gebührt, oder weil die meisten selber genug zu vererben haben, als weil ich aus ihrem eigenen Munde weiß, daß sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist. -- Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf. Am meisten fand sich der Kirchenrat, ein noch junger, aber durch gesprochene und gedruckte Kanzelreden in ganz Deutschland berühmter Mann, durch solche Stiche beleidigt - dem Elsasser Flitte entging im Sessionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch - Flachsen, dem Frühprediger, wuchs das Kinn zu einem Bart abwärts - mehrere leise Stoß-Nachrufe an den seligen Kabel, mit Namen Schubjack, Narr, Unchrist usw., konnte der Stadtrat hören. Aber der regierende Bürgermeister Kuhnold winkte mit der Hand, der Hoffiskal und der Buchhändler spannten alle Spring- und Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an, und jener las fort, obwohl mit erzwungenem Ernste: 3te Klausel Ausgenommen gegenwärtiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben genannten Herren Anverwandten anfallen und zugehören soll, welcher in einer halben Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein Paar Tränen über mich, seinen dahingegangenen Onkel, vergießen kann vor einem löblichen Magistrate, der es protokolliert. Bleibt aber alles trocken, so muß das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich sogleich nennen werde. - Hier machte der Bürgermeister das Testament zu, merkte an, die Bedingung sei wohl ungewöhnlich, aber doch nicht gesetzwidrig, sondern das Gericht müsse dem ersten, der weine, das Haus zusprechen, legte seine Uhr auf den Sessionstisch, welche auf 111/2 Uhr zeigte, und setzte sich ruhig nieder, um als Testaments-Vollstrecker so gut wie das ganze Gericht aufzumerken, wer zuerst die begehrten Tränen über den Testator vergösse. - Daß es, solange die Erde geht und steht, je auf ihr einen betrübtern und krausern Kongreß gegeben als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten trocknen Provinzen, kann wohl ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden. Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch bloß verwirrt gestaunt und gelächelt; der Kongreß sah sich zu plötzlich in jenen Hund umgesetzt, dem mitten im zornigsten Losrennen der Feind zurief: wart' auf! - und der plötzlich auf die Hinterfüße stieg und Zähne-blöckend aufwartete - vom Verwünschen wurde man zu schnell ins Beweinen emporgerissen. An reine Rührung konnte - das sah jeder - keiner denken, so im Galopp an Platzregen, an Jagdtaufe der Augen; doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen. Der Kaufmann Neupeter fragte, ob das nicht ein verfluchter Handel und Narrensposse sei für einen verständigen Mann, und verstand sich zu nichts; doch verspürt' er bei dem Gedanken, daß ihm ein Haus auf einer Zähre in den Beutel schwimmen könnte, sonderbaren Drüsen-Reiz und sah wie eine kranke Lerche aus, die man mit einem eingeölten Stecknadelknopfe - das Haus war der Knopf - klystiert. Der Hoffiskal Knoll verzog sein Gesicht wie ein armer Handwerksmann, den ein Gesell Sonnabendabends bei einem Schusterlicht rasiert und radiert; er war fürchterlich erboset auf den Mißbrauch des Titels von Testamenten und nahe genug an Tränen des Grimms. Der listige Buchhändler Paßvogel machte sich sogleich still an die Sache selber und durchging flüchtig alles Rührende, was er teils im Verlage hatte, teils in Kommission; und hoffte etwas zu brauen; noch sah er dabei aus wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundarzt Hemet auf die Nase gestrichen, langsam ableckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt. Flitte aus Elsaß tanzte geradezu im Sessionszimmer, besah lachend alle Ernste und schwur, er sei nicht der Reichste unter ihnen, aber für ganz Straßburg und Elsaß dazu wär' er nicht imstande, bei einem solchen Spaß zu weinen. - Zuletzt sah ihn der Polizei-Inspektor Harprecht sehr bedeutend an und versicherte: falls Monsieur etwan hoffe, durch Gelächter aus den sehr bekannten Drüsen und aus den Meibomischen und der Karunkel und andern die begehrten Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschweiß zu beschlagen, so wolle er ihn erinnern, daß er damit so wenig gewinnen könne, als wenn er die Nase schneuzen und davon profitieren wollte, indem in letztere, wie bekannt, durch den ductus nasalis mehr aus den Augen fließe als in jeden Kirchenstuhl hinein unter einer Leichenpredigt. - Aber der Elsasser versicherte, er lache nur zum Spaß, nicht aus ernstern Absichten. Der Inspektor seinerseits, bekannt mit seinem dephlegmierten Herzen, suchte dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben, daß er mit ihnen sehr starr und weit offen blickte. Der Frühprediger Flachs sah aus wie ein reitender Betteljude, mit welchem ein Hengst durchgeht; indes hätt' er mit seinem Herzen, das durch Haus- und Kirchenjammer schon die besten schwülsten Wolken um sich hatte, leicht wie eine Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das nötigste Wasser aufgezogen, wär' ihm nur nicht das herschiffende Flöß-Haus immer dazwischengekommen als ein gar zu erfreulicher Anblick und Damm. Der Kirchenrat, der seine Natur kannte aus Neujahrs- und Leichenpredigten, und der gewiß wußte, daß er sich selber zuerst erweiche, sobald er nur an andere Erweichungs-Reden halte, stand auf - da er sich und andere so lang am Trockenseile hängen sah - und sagte mit Würde, jeder, der seine gedruckten Werke gelesen, wisse gewiß, daß er ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen, wie Tränen sind, eher zurückzudrängen, um keinem Nebenmenschen damit etwas zu entziehen, als mühsam hervorzureizen nötig habe aus Nebenabsichten »Dies Herz hat sie schon vergossen, aber heimlich, denn Kabel war ja mein Freund«, sagt' er und sah umher. Mit Vergnügen bemerkte er, daß alle noch so trocken dasaßen wie Korkhölzer; besonders jetzt konnten Krokodile, Hirsche, Elefanten, Hexen, Reben leichter weinen als die Erben, von Glanzen so gestört und grimmig gemacht. Bloß Flachsen schlugs heimlich zu; dieser hielt sich Kabels Wohltaten und die schlechten Röcke und grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdienstes, den Lazarus mit seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Köpfen so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld und sich selber, wie er sich da so erbärmlich um den Testaments-Artikel in seinen jungen Jahren abquäle und abringe - noch drei Stöße hatt' er zu tun mit dem Pumpenstiefel, so hatte er sein Wasser und Haus. »O Kabel, mein Kabel,« - fuhr Glanz fort, fast vor Freude über nahe Trauertränen weinend - »einst wenn neben deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe auch die meinige zum Vermod« -- »Ich glaube, meine verehrtesten Herren,« - sagte Flachs, betrübt aufstehend und überfließend umhergehend - »ich weine« - setzte sich darauf nieder und ließ es vergnügter laufen; er war nun auf dem Trocknen; vor den Akzessit-Augen hatt' er Glanzen das Preis-Haus weggefischt, den jetzt seine Anstrengung ungemein verdroß, weil er sich ohne Nutzen den halben Appetit weggesprochen hatte. Die Rührung Flachsens wurde zu Protokoll gebracht und ihm das Haus in der Hundsgasse auf immer zugeschlagen. Der Bürgermeister gönnt' es dem armen Teufel von Herzen; es war das erstemal im Fürstentum Haßlau, daß Schul- und Kirchenlehrers-Tränen sich, nicht wie die der Heliaden in leichten Bernstein, der ein Insekt einschließet, sondern, wie die der Göttin Freia, in Gold verwandelten. Glanz gratulierte Flachsen sehr und machte ihm froh bemerklich, vielleicht hab' er selber ihn rühren helfen. Die übrigen trennten sich durch ihre Scheidung auf dem trockenen Weg von der Flachsischen auf dem nassen sichtbar, blieben aber noch auf das restierende Testament erpicht. Nun wurd' es weiter verlesen. 4te Klausel Von jeher habe ich zu einem Universalerben meiner Activa - also meines Gartens vor dem Schaftore, meines Wäldleins auf dem Berge und der 11000 Georgd'ors in der Südseehandlung in Berlin und endlich der beiden Fronbauern im Dorf Elterlein der dazu gehörigen Grundstücken - sehr viel gefodert, viel leibliche Armut und geistlichen Reichtum. Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in Elterlein ein solches Subjekt aufgetrieben. Ich glaubte nicht, daß es in einem Dutzend- und Taschenfürstentümlein einen blutarmen, grund-guten, herzlich-frohen Menschen gebe, der vielleicht unter allen, die je den Menschen geliebt, es am stärksten tut. Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt, und zweimal im Dunkeln eine Tat getan, daß ich nun auf den Jüngling baue, fast auf ewig. Ja ich weiß, dieses Universalerben tät' ihm sogar wehe, wenn er nicht arme Eltern hätte. Ob er gleich ein juristischer Kandidat ist, so ist er doch kindlich, ohne Falsch, rein, naiv und zart, ordentlich ein frommer Jüngling aus der alten Väterzeit und hat dreißigmal mehr Kopf, als er denkt. Nur hat er das Böse, daß er erstlich ein etwas elastischer Poet ist, und daß er zweitens, wie viele Staaten von meiner Bekanntschaft bei Sitten-Anstalten, gern das Pulver auf die Kugel lädt, auch am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. Es ist nicht glaublich, daß er je eine Studenten-Mausfalle aufstellen lernt; und wie gewiß ihm ein Reisekoffer, den man ihm abgeschnitten, auf ewig aus den Händen wäre, erhellet daraus, daß er durchaus nicht zu spezifizieren wüßte, was darin gewesen und wie er ausgesehen. Dieser Universalerbe ist der Schulzen-Sohn in Elterlein, namens Gottwalt Peter Harnisch, ein recht feines, blondes, liebes Bürschchen -- Die sieben Präsumtiv-Erben wollten fragen und außer sich sein; aber sie mußten forthören. 5te Klausel Allein er hat Nüsse vorher aufzureißen. Bekanntlich erbte ich seine Erbschaft selber erst von meinem unvergeßlichen Adoptivvater Van der Kabel in Broek im Waterland, dem ich fast nichts dafür geben konnte als zwei elende Worte, Friedrich Richter, meinen Namen. Harnisch soll sie wieder erben, wenn er mein Leben, wie folgt, wieder nach- und durchlebt. 6te Klausel Spaßhaft und leicht mags dem leichten poetischen Hospes dünken, wenn er hört, daß ich deshalb bloß fordere und verordne, er soll - denn alles das lebt' ich eben selber durch, nur länger - weiter nichts tun als: a) Einen Tag lang Klavierstimmer sein - ferner b) Einen Monat lang mein Gärtchen als Obergärtner bestellen - ferner c) Ein Vierteljahr Notarius - ferner d) so lange bei einem Jäger sein, bis er einen Hasen erlegt, es dauere nun 2 Stunden oder 2 Jahre - e) er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen - f) er soll eine buchhändlerische Meßwoche mit Herrn Paßvogel beziehen, wenn dieser will - g) er soll bei jedem der Herren Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen (der Erbe müßt' es sich denn verbitten) und alle Wünsche des zeitigen Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfüllen - h) er soll ein paar Wochen lang auf dem Lande Schule halten - endlich i) soll er ein Pfarrer werden; dann erhält er mit der Vokation die Erbschaft. - Das sind seine neun Erb-Ämter. 7te Klausel Spaßhaft, sagt' ich in der vorigen, wird ihm das vorkommen, besonders da ich ihm verstatte, meine Lebens-Rollen zu versetzen und z. B. früher die Schulstube als die Messe zu beziehen - bloß mit dem Pfarrer muß er schließen -; aber, Freund Harnisch, dem Testament bieg' ich zu jeder Rolle einen versiegelten Regulier-Tarif, genannt die geheimen Artikel, bei, worin ich Euch in den Fällen, wo Ihr das Pulver auf die Kugel ladet, z.B. in Notariatsinstrumenten, kurz, gerade für eben die Fehler, die ich sonst selber begangen, entweder um einen Abzug von der Erbschaft abstrafe, oder mit dem Aufschube ihrer Auslieferung. Seid klug, Poet, und bedenkt Euren Vater, der so manchem Edelmann im -a-n gleicht, dessen Vermögen wie das eines russischen zwar in Bauern besteht, aber doch nur in einem einzigen, welches er selber ist. Bedenkt Euren vagabunden Bruder, der vielleicht, eh' Ihrs denkt, aus seinen Wanderjahren mit einem halben Rocke vor Eure Türe kommen und sagen kann: »Hast du nichts Altes für deinen Bruder? Sieh diese Schuhe an!« - Habt also Einsichten, Universalerbe! 8te Klausel Den Herrn Kirchenrat Glanz und alle bis zu Herrn Buchhändler Paßvogel und Flitte (inclusive) mach' ich aufmerksam darauf, wie schwer Harnisch die ganze Erbschaft erobern wird, wenn sie auch nichts erwägen als das einzige hier an den Rand genähte Blatt, worauf der Poet flüchtig einen Lieblings-Wunsch ausgemalt, nämlich den, Pfarrer in Schweden zu werden.« (Herr Bürgermeister Kuhnold fragte hier, ob ers mitlesen solle; aber alle schnappten nach mehreren Klauseln, und er fuhr fort:) »Meine T. Herren Anverwandten fleh' ich daher - wofür ich freilich wenig tue, wenn ich nur zu einiger Erkenntlichkeit ihnen zu gleichen Teilen hier sowohl jährlich zehn Prozent aller Kapitalien als die Nutznießung meines Immobiliar-Vermögens, wie es auch heiße, so lange zuspreche, als besagter Harnisch noch nicht die Erbschaft nach der sechsten Klausel hat antreten können - solche fleh' ich als ein Christ die Christen an, gleichsam als sieben Weise dem jungen möglichen Universalerben scharf aufzupassen und ihm nicht den kleinsten Fehltritt, womit er den Aufschub oder Abzug der Erbschaft verschulden mag, unbemerkt nachzusehen, sondern vielmehr jeden gerichtlich zu bescheinigen. Das kann den leichten Poeten vorwärts bringen und ihn schleifen und abwetzen. Wenn es wahr ist, ihr sieben Verwandten, daß ihr nur meine Person geliebt, so zeigt es dadurch, daß ihr das Ebenbild derselben recht schüttelt (den Nutzen hat das Ebenbild) und ordentlich, obwohl christlich, chikaniert und vexiert und sein Regen- und Siebengestirn seid und seine böse Sieben. Muß er recht büßen, nämlich passen, desto ersprießlicher für ihn und für euch. 9te Klausel Ritte der Teufel meinen Universalerben so, daß er die Ehe bräche, so verlör' er die Viertels-Erbschaft - sie fiele den sieben Anverwandten heim -; ein Sechstel aber nur, wenn er ein Mädchen verführte. - Tagreisen und Sitzen im Kerker können nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wohl aber Liegen auf dem Kranken- und Totenbette. 10te Klausel Stirbt der junge Harnisch innerhalb 20 Jahren, so verfället die Erbschaft den hiesigen corporibus piis. Ist er als christlicher Kandidat examiniert und bestanden: so zieht er, bis man ihn voziert, zehn p.c. mit den übrigen Herren Erben, damit er nicht verhungere. 11te Klausel Harnisch muß an Eides Statt geloben, nichts auf die künftige Erbschaft zu borgen. 12te Klausel Es ist nur mein letzter Wunsch, obwohl nicht eben mein letzter Wille, daß, wie ich den Van der Kabelschen Namen, er so den Richterschen bei Antritt der Erbschaft annehme und fortführe; es kommt aber sehr auf seine Eltern an. 13te Klausel Ließe sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben auftreiben und gewinnen, der in Bibliotheken wohl gelitten wäre: so soll man dem venerabeln Mann den Antrag tun, die Geschichte und Erwerbzeit meines möglichen Universalerben und Adoptivsohnes, so gut er kann, zu schreiben. Das wird nicht nur diesem, sondern auch dem Erblasser - weil er auf allen Blättern vorkommt - Ansehen geben. Der treffliche, mir zur Zeit noch unbekannte Historiker aber nehme von mir als schwaches Andenken für jedes Kapitel eine Nummer aus meinem Kunst- und Naturalienkabinet an. Man soll den Mann reichlich mit Notizen versorgen. 14te Klausel Schlägt aber Harnisch die ganze Erbschaft aus, so ists so viel, als hätt' er zugleich die Ehe gebrochen und wäre Todes verfahren; und die 9te und 10te Klausel treten mit vollen Kräften ein. 15te Klausel Zu Exekutoren des Testaments ernenn' ich dieselben hochedlen Personen, denen oblatio testamenti geschehen; indes ist der regierende Bürgermeister, Herr Kuhnold, der Ober-Vollstrecker. Nur er allein eröffnet stets denjenigen unter den geheimen Artikeln des Reguliertarifs vorher, welcher für das jedesmalige gerade von Harnisch gewählte Erb-Amt überschrieben ist. - In diesem Tarif ist es auf das Genaueste bestimmt, wie viel Harnischen z.B. für das Notariuswerden beizuschießen ist - denn was hat er? - und wie viel jedem Akzessit-Erben zu geben, der gerade ins Erbamt verwickelt ist, z.B. Herrn Paßvogel für die Buchhändler-Woche oder für siebentägigen Hauszins. Man wird allgemein zufrieden sein. 16te Klausel Folioseite 276 seiner vierten Auflage fodert Volkmannus emendatus von Erblassern die providentia oder »zeitige Fürsehung«, so daß ich also in dieser Klausel festzusetzen habe, daß jeder der sieben Akzessit-Erben oder alle, die mein Testament gerichtlich anzufechten oder zu rumpieren suchen, während des Prozesses keinen Heller Zinsen erhalten, als welche den andern oder - streiten sie alle - dem Universalerben zufließen. 17te und letzte Klausel Ein jeder Wille darf toll und halb und weder gehauen noch gestochen sein, nur aber der letzte nicht, sondern dieser muß, um sich zum zweiten-, dritten-, viertenmal zu ründen, also konzentrisch, wie überall bei den Juristen, zur clausula salutaris, zur donatio mortis causa und zur reservatio ambulatoriae voluntatis greifen. So will ich denn hiemit darzu gegriffen haben, mit kurzen und vorigen Worten. - Weiter brauch' ich mich der Welt nicht aufzutun, vor der mich die nahe Stunde bald zusperren wird. - Sonstiger Fr. Richter, jetziger Van der Kabel. So weit das Testament. Alle Formalien des Unterzeichnens und Untersiegelns etc. etc. fanden die sieben Erben richtig beobachtet. Nro. 2: Katzensilber aus Thüringen J. P. F. R.s Brief an den Stadtrat Der Verfasser dieser Geschichte wurde von der Testaments-Exekution, besonders vom trefflichen Kuhnold, zum Verfasser gewählt. Auf einen solchen ehrenvollen Auftrag gab er folgende Antwort. P. P. Einem hochedlen Stadtrat oder einer trefflichen Testaments-Exekution die Freude zu malen, daß Sie und die Klausel: Ließe sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller etc. mich aus 55000 zeitigen Autoren zum Geschichtschreiber eines Harnisch ausgelesen; Ihnen mit bunten Farben das Vergnügen zu schildern, daß ich mit solchen Arbeiten und Mitarbeitern beehrt worden - dazu hatt' ich vorgestern, da ich mit Weib und Kind und allem von Meinungen nach Koburg zog und unzählige Dinge auf- und abzuladen hatte, ganz natürlich keine Zeit. Ja, kaum war ich zum Stadt-Tore und zur Haus-Türe hinein, so ging ich wieder heraus auf die Berge, wo eine Menge schöner Gegenden neben- und hintereinander wohnen: »Wie oft«, sagt' ich droben, »wirst du dich nicht künftig auf diesen Tabors verklären!« Hier send' ich dem etc. etc. Stadtrate die erste Nummer, Bleiglanz überschrieben, ganz ausgearbeitet; ich bitte aber die trefflichen Exekutoren, zu bedenken, daß die künftigen Nummern reicher und feiner ausfallen und ich mich darin mehr werde zeigen können als in der ersten, wo ich fast nichts zu machen hatte als die Abschrift der erhaltenen Testaments-Kopie. Das Katzensilber aus Thüringen habe ganz erhalten; nächstens läuft das Kapitel dafür ein, das aus einer Kopie des gegenwärtigen Briefes, für die Leser, bestehen soll. Ein weder zu barocker noch zu verbrauchter Titel für das Werk ist auch schon fertig; Flegeljahre ist es betitelt. So hat denn die Maschine ihren ordentlichen Mühlengang. Wenn die Van der Kabelsche Kunst- und Naturalien-Sammlung siebentausend und zweihundertunddrei Stücke und Nummern stark ist, wie ich aus dem Inventarium ersehe: so werden wir wohl, da der Selige für jedes Stück sein ganzes Kapitel haben will, die Kapitel etwas einlaufen lassen müssen, weil sonst ein Werk herauskäme, das sich länger ausstreckte als alle meine opera omnia (inclusive dieses) zusammengenommen. In der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt, Kapitel von einem Alphabet bis zu Kapiteln von einer Zeile. Was die Arbeit selber anlangt, so verpfändet sich der Meister einem hochedlen Stadtrate dafür, daß er eine liefern will, die man keck jedem Mitmeister, er sei Stadt- oder Frei- und Gnadenmeister, zu beschauen geben kann, besonders da ich vielleicht mit dem sel. Van der Kabel, sonst Richter, selber verwandt bin. Das Werk - um nur einiges vorauszusagen - soll alles befassen, was man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum Buche der Seligen - Dienstboten, angehenden Knaben und erwachsenen Töchtern wie auch Landmännern und Fürsten werden darin die Collegia conduitica gelesen - Ein Stylisticum lieset das Ganze - Für den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Völker wird darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit- und Vorwelt - Ich berühre darin die Vaccine - den Buch- und Wollenhandel - die Monatsschriftsteller - Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem -- die neuen Territorialpfähle - die Schwänzelpfennige - die Feldmäuse samt den Fichtenraupen - und Bonaparten, das berühr' ich, freilich flüchtig als Poet - Über das weimarsche Theater äußer' ich meine Gedanken, auch über das nicht kleinere der Welt und des Lebens - Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, obwohl diese jetzt so selten ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof - Böse Charaktere, so mir der hochedle Rat hoffentlich zufertigt, werden tapfer gehandhabt, doch ohne Persönlichkeiten und Anzüglichkeiten; denn schwarze Herzen und schwarze Augen sind ja - näher in letztere gefasset - nur braun; und ein Halbgott und ein Halbvieh können sehr gut dieselbe zweite Hälfte haben, nämlich die menschliche - und darf die Peitsche wohl je so dick sein als die Haut? - Trockne Rezensenten werden ergriffen und (unter Einschränkung) durch Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Tränen gerührt, wie man mürbe Reliquien ausstellt, damit es regne - Über das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das achtzehnte human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei - Das Schaf, das eine Chrestomathie oder Jean Pauls Geist aus meinen Werken auszog mit den Zähnen, bekommt aus jedem Bande einen Band zu extrahieren in die Hand, so daß besagtes gar keine Auslese, sondern nur eine Abschrift zu machen braucht, samt den einfältigsten Noten und Präfationen - Gleich dem Not- und Hülfs-Büchlein muß das Buch Arzneimittel, Ratschläge, Charaktere, Dialogen und Historien liefern, aber so viele, daß es jenem Not-Büchlein könnte beigebunden werden als Hülfs-Buch, als weitläuftiger Auszug und Anhang, weil jedes Werk der Darstellung so gut aus einem Spiegel in eine Brille muß umzuschleifen sein, als venezianische Spiegelscherben zu wirklichen Brillengläsern genommen werden - In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata Wahrheiten - Täglich wird das Werkchen höher klettern, aus Lesebibliotheken in Leihbibliotheken, aus diesen in Ratbibliotheken, die schönsten Ehren- und Parade-Betten und Witwensitze der Musen -- Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wirds ... O hochedler Stadtrat! Exekutoren des Testaments! sollt' es mir einst vergönnet werden, in meinem Alter alle Bände der Flegeljahre ganz fertig abgedruckt in hohen, aus Tübingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen -- Bis dahin aber erharr' ich mit sonderbarer Hochachtung Ew. Wohlgeb. etc. etc. etc. Koburg, den 6. Juni 1803 J. P. F. Richter Legaz. Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben für den Leser ist wohl jetzt nicht mehr nötig, da er ihn eben gelesen. Auf ähnliche Weise setzen uneigennützige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn für die Zettel selber an, setzen aber nachher, wiewohl sie ins Unendliche fort könnten, nichts weiter für das Ansetzen des Ansetzens an. Ob aber der Verfasser der Flegeljahre nicht noch viel nähere historische Leithämmel und Leithunde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu verwenden habe als bloß einen trefflichen Stadtrat; und wer besonders sein herrlichster Hund und Hammel darunter sei - darüber würde man jetzt die Leser mit dem größten Vergnügen beruhigen, wenn man sich überzeugen könnte, es sei sachdienlich, es sei prudentis. Nro. 3: Terra miraculosa Saxoniae Die Akzessit-Erben - der schwedische Pfarrer Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich auf sieben Weisen im Gesicht. Viele sagten gar nichts. Alle fragten, wer von ihnen den jungen Burschen kenne, ausgenommen der Hoffiskal Knoll, der selber gefragt wurde, weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals war. »Es sei nichts Besonderes am jungen Haeredipeta,« versetzte Knoll, »sein Vater aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig.« - Vergeblich umrangen die Erben den einsilbigen Fiskal, ebenso Rats- als neubegierig. Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars, andere vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf. Der Bürgermeister erklärte den Erben, man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend vorbescheiden. Knoll erwiderte: »da er übermorgen, das heißet den 13ten hujus, nämlich Donnerstags, in Gerichts-Geschäften nach seiner Gerichtshalterei Elterlein gehe: so sei er imstande, dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die Zitation zu insinuieren.« Es wurde bewilligt. Jetzt suchte der Kirchenrat Glanz nur auf eine kurze Lese-Minute um das Blättchen nach, worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte ausgemalet haben. Er bekams. Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhändler Paßvogel und las schnell die Seite zweimal herunter, eh' sie der Kirchenrat umkehrte; zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn, er sah sich um und sagte, es sei wohl besser, wenn ers gar vorlese: Das Glück eines schwedischen Pfarrers So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Rückhalt recht groß hermalen und mich selber unter dem Pfarrer meinen, damit mich die Schilderung, wenn ich sie nach einem Jahre wieder überlese, ganz besonders auswärme. Schon ein Pfarrer an sich ist selig, geschweige in Schweden. Er genießet da Sommer und Winter rein, ohne lange verdrüßliche Unterbrechungen; z.B. in seinen späten Frühling fällt statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein, weißrot und blütenschwer, so daß man in einer Sommernacht das halbe Italien, und in einer Winternacht die halbe zweite Welt haben kann. Ich will aber bei dem Winter anfangen und das Christfest nehmen. Der Pfarrer, der aus Deutschland, aus Haßlau in ein sehr nördlich-polarisches Dörflein voziert worden, steht heiter um 7 Uhr auf und brennt bis 91/2 Uhr sein dünnes Licht. Noch um 9 Uhr scheinen Sterne, der helle Mond noch länger. Aber dieses Hereinlangen des Sternen-Himmels in den Vormittag gibt ihm liebe Empfindungen, weil er ein Deutscher ist und über einen gestirnten Vormittag erstaunt. Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchengänger mit Laternen in die Kirche gehen; die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre, in die Winterstunden und Weihnachtsmetten zurück, wo jeder sein Lichtchen mit hatte. Auf der Kanzel sagt er seinen lieben Zuhörern lauter Sachen vor, deren Worte gerade so in der Bibel stehen; vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernünftig, aber wohl ein redliches Gemüt. Darauf teilt er mit heimlicher Freude über die Gelegenheit, jeder Person so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr wie einem Kinde Trank und Speise einzugeben, das heilige Nachtmahl aus und genießet es jeden Sonntag selber mit, weil er sich nach dem nahen Liebesmahl in den Händen ja sehnen muß. Ich glaube, es müßt' ihm erlaubt sein. (Hier sah der Kirchenrat mit einem fragenden Rüge-Blick unter den Zuhörern umher, und Flachs nickte mit dem Kopfe; er hatte aber wenig vernommen, sondern nur an sein Haus gedacht.) Wenn er dann mit den Seinigen aus der Kirche tritt, geht gerade die helle Christ- und Morgensonne auf und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen. Die vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenrot gefärbt. Der Pfarrer könnte dann, wenn er auf die tote Mutter-Erde und den Gottesacker hinsähe, worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen, wohl diesen Polymeter dichten: »Auf der toten Mutter ruhen die toten Kinder in dunkler Stille. Endlich erscheint die ewige Sonne, und die Mutter steht wieder blühend auf, aber später alle ihre Kinder.« Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der Bücherwand. Den Nachmittag verbringt er schön, weil er vor einem ganzen Blumen-Gestelle von Freuden kaum weiß, wo er anhalten soll. Ists am heiligen Christfest, so predigt er wieder, vom schönen Morgenlande oder von der Ewigkeit; dabei wirds ganz dämmernd im Tempel; nur zwei Altar-Kerzen werfen wunderbare lange Schatten umher durch die Kirche; der oben herabhängende Taufengel belebt sich ordentlich und fliegt beinahe; draußen scheinen die Sterne oder der Mond herein - der feurige Pfarrer oben im Finstern auf seiner Kanzel bekümmert sich nun um nichts, sondern donnert aus der Nacht herab, mit Tränen und Stürmen, von Welten und Himmeln und allem, was Brust und Herz gewaltig bewegt. Kommt er flammend herunter: so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen, der für ihn gewiß eine aus dem ewigen Südmorgen herüberschlagende Aurora ist, oder ein Wald aus heiligen feurigen Mosis-Büschen um Gottes Thron. Ists ein anderer Nachmittag, so fahren Gäste mit erwachsenen Töchtern von Betragen an; wie die große Welt diniert er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2 Uhr und trinkt den Kaffee bei Mondschein; das ganze Pfarrhaus ist ein dämmernder Zauberpalast. - Oder er geht auch hinüber zum Schulmeister in die Nachmittagsschule und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei Licht um sein Großvater-Knie und ergötzet und belehret sie. - Ist aber das alles nicht: so kann er ja schon von drei Uhr an in der warmen Dämmerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas Orangenzucker dazu beißen, um das schöne Welschland mit seinen Gärten auf die Zunge und vor alle Sinne zu bekommen. Kann er nicht bei dem Monde denken, daß dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeer-Bäumen hänge? Kann er nicht erwägen, daß die Äolsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die Sterne und die Kinder in heißen und kalten Ländern dieselben sind? Wenn nun gar die reitende Post, die aus Italien kommt, durchs Dorf bläset und ihm auf wenigen Tönen blumige Länder an das gefrorne Museums-Fenster hebt; wenn er alte Rosen- und Lilienblätter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt, wohl auch eine geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel; wenn dabei die prächtigen Klänge Salatzeit, Kirschenzeit, Trinitatissonntage, Rosenblüte, Marientage das Herz anrühren: so wird er kaum mehr wissen, daß er in Schweden ist, wenn Licht gebracht wird und er verdutzt die fremde Stube ansieht. Will ers noch weiter treiben, so kann er sich daran ein Wachskerzchen-Endchen anzünden, um den ganzen Abend in die große Welt hineinzugehen, aus der ers herhat. Denn ich sollte glauben, daß am Stockholmer Hofe, wie anderwärts, von den Hofbedienten Endchen von Wachskerzen, die auf Silber gebrannt hatten, für Geld zu haben wären. Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas Schöners als Italien, wo die Sonne viel früher als in Haßlau untergeht, nämlich der herrlich beladne längste Tag an seine Brust an und hält die Morgenröte voll Lerchengesang schon um 1 Uhr nachts in der Hand. Ein wenig vor 2 Uhr oder Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche bunte Reihe im Pfarrhause ein, weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vorhat. Sie ziehen nach 2 Uhr, wenn alle Blumen blitzen und die Wälder schimmern. Die warme Sonne droht kein Gewitter und keinen Platzregen, weil beide selten sind in Schweden. Der Pfarrer geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder - er trägt sein kurzes Wams mit breiter Schärpe, sein kurzes Mäntelchen darüber, seinen Rundhut mit wehenden Federn und Schuhe mit hellen Bändern; - natürlich sieht er, wie die andern auch, wie ein spanischer Ritter, wie ein Provenzale oder sonst ein südlicher Mensch aus, zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus Beeten und Ästen hervorgezogne hohe Blüten- und Blätterfülle fliegen. Daß ein solcher längster Tag noch kürzer als ein kürzester verfliege, ist leicht zu denken, bei so viel Sonne, Äther, Blüte und Muße. Schon nach 8 Uhr abends bricht die Gesellschaft auf - die Sonne brennt sanfter über den halbgeschlossenen schläfrigen Blumen - um 9 Uhr hat sie ihre Strahlen abgenommen und badet nackt im Blau - gegen 10 Uhr, wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder ankommt, wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht, weil im Dorfe, obgleich die tiefe laue Sonne noch ein müdes Rot um die Häuser und an die Scheiben legt, alles schon still und in tiefem Schlafe liegt, so wie auch die Vögel in den gelb-dämmernden Gipfeln schlummern, bis zuletzt die Sonne selber, wie ein Mond, einsam untergeht in der Stille der Welt. Dem romantisch bekleideten Pfarrer ist, als sei jetzt ein rosenfarbnes Reich aufgetan, worin Feen und Geister herumgehen, und ihn würd' es wenig wundern, wenn in dieser goldnen Geisterstunde auf einmal sein in der Kindheit entlaufner Bruder heranträte, wie vom blühenden Zauber-Himmel gefallen. Der Pfarrer lässet aber seine Reisegesellschaft nicht fort, er hält sie im Pfarrgarten fest, wo jeder, wer will, sagt' er, in schönen Lauben die kurze laue Stunde bis zu Sonnen-Aufgang verschlummern kann. Es wird allgemein angenommen und der Garten besetzt; manches schöne Paar tut vielleicht nur, als schlaf' es, hält sich aber wirklich an der Hand. Der glückliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab. Kühle und wenige Sterne kommen. Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark, so hell es auch ist. In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dämmerung auf. Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdörfchen und an das Leben und Sehnen der Menschen und wird still und voll genug. Da greift die frische Morgen-Sonne wieder in die Welt. Mancher, der sie mit der Abend-Sonne vermengen will, tut die Augen wieder zu; aber die Lerchen erklären alles und wecken die Lauben. Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an; -- und es fehlt wenig, so schilder' ich mir diesen Tag ebenfalls, ob er gleich vom vorigen vielleicht um kein Blütenblatt verschieden ist. Glanz, dessen Gesicht die günstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke war, sah, mit einigem Triumphe über ein solches Werk, unter den Erben umher; nur der Polizei-Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem Gesicht: »Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstande noch zu schaffen machen.« Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren längst aus Ekel vor der Lektüre weg und ans Fenster gegangen, um etwas Vernünftiges zu sprechen. Sie verließen die Gerichtsstuben. Unterwegs äußerte der Kaufmann Neupeter: »Das versteh' ich noch nicht, wie ein so gesetzter Mann als unser sel. Vetter noch am Rande des Grabes solche Schnurren treiben kann.« - »Vielleicht aber« - sagte Flachs, der Hausbesitzer, um die andern zu trösten - »nimmt der junge Mensch die Erbschaft gar nicht an, wegen der schweren Bedingungen.« Knoll fuhr den Hausbesitzer an: »Gerade so schwere wie heute eine. Sehr dumm wär's von ihm und für uns. Denn nach Clausul. IX. Schlägt aber Harnisch fielen ja den corporibus piis drei Viertel zu. Wenn er sie aber antritt und lauter Böcke schießet« - »Das gebe doch Gott«, sagte Harprecht. »- schießet,- fuhr jener fort, »so haben wir doch die Klauseln Spaßhaft sagt' ich in der vorigen - und Ritte der Teufel - und Den Herrn Kirchenrat Glanz und alle für uns und können viel tun.« Sie erwählten ihn sämtlich zum Schirmherrn ihrer Rechte und rühmten sein Gedächtnis. - »Ich erinnere mich noch,« sagte der Kirchenrat, »daß er nach der Klausel der Erb-Ämter vorher zu einem geistlichen Amte gelangen soll, wiewohl er jetzt nur Jurist ist« --- »Da wollt ihr nämlich,« versetzte Knoll geschwind, »Ihr geistlichen Herren und Narren, dem Examinanden schon so einheizen, so zwicken - wahrhaftig das glaub' ich« - und der Polizei-Inspektor fügte bei, er hoffe das selber. Da aber der Kirchenrat, dem beide schon als alte Kanzel-Stürmer, als Baumschänder kanonischer Haine bekannt waren, noch vergnügt einen Rest von Eß-Lust verspürte, der ihm zu teuer war, um ihn wegzudisputieren: so suchte er sich nicht recht sonderlich zu ärgern, sondern sah nach. Man trennte sich. Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten, dessen Gerichtsagent er war, nach Hause und eröffnete ihm, daß der junge Harnisch schon längst habe - als riech' er etwas vom Testamente, das dergleichen auch fordere - Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen, und daß er am Donnerstag nach Elterlein gehe, um ihn dazu zu kreieren. (Knoll war Pfalzgraf.) »So mög' er doch machen,« bat der Agent, »daß der Mensch bei ihm logiere, da er eben ein schlechtes unbrauchbares Dachstübchen für ihn leer habe.« - »Sehr leicht«, versetzte Knoll. Das erste, was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte, war ein Billet an den alten Schulz in Elterlein, worin er ihm bedeutete, »er werde übermorgen Donnerstags durch und retour passieren und unterwegs, gegen Abend, seinen Sohn zum Notarius kreieren; auch hab' er ein treffliches, aber wohlfeiles Quartier für solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden«. - Vor dem regierenden Bürgermeister hatt' er demnach eine Verabredung, die er jetzt erst traf, schon für eine getroffne ausgegeben, um, wie es scheint, das Macherlohn für einen Notar, das ihm der Testator auszahlte, vorher auch von den Eltern zu erheben. In allen Erzählungen und Äußerungen blieb er äußerst wahrhaft, solange sie nur nicht in die Praxis einschlugen; denn alsdann trug er (da Raubtiere nur in der Nacht ziehen) sein nötiges Stückchen Nacht bei sich, das er entweder aus blauem Dunst verfertigte als Advokat, oder aus arsenikalischen Dämpfen als Fiskal. Nro. 4: Mammutsknochen aus Astrakan Das Zauberprisma Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Haßlau, so unruhig liefen die Seelen wie Wellen untereinander, um etwas vom jungen Harnisch zu erfahren. Eine kleine Stadt ist ein großes Haus, die Gassen sind nur Treppen. Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab, um nur den Erben zu sehen; er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen. Der General Zablocki, der ein Rittergut im Dorfe hatte, beschied seinen Verwalter in die Stadt, um zu fragen. Manche halfen sich damit, daß sie einen eben angekommenen Flöten-Virtuosen, Van der Harnisch, für den gleichnamigen Erben nahmen und davon sprachen; besonders tatens einhörige Leute, die, dabei taub auf dem zweiten Ohre, alles nur mit halbem hörten. Erst Mittwochs abends - am Dienstage war Testaments-Öffnung gewesen - bekam die Stadt Licht, in der Vorstadt bei dem Wirt zum weichen Krebs. Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewöhnlich in die Dinte ihres Schreib-Tages einiges Abendbier, um die schwarze Farbe des Lebens zu verdünnen. Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schultheiß Harnisch seit 20 Jahren einkehrte: so war er imstande, wenigstens vom Vater ihnen zu erzählen, daß er jede Woche Regierung und Kammer anlaufe mit leeren Fragen, und daß er jedesmal unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren Amte, seinen vielen juristischen Einsichten und Büchern und seiner »zweiherrigen« Wirtschaft und seinen Zwillingssöhnen abendelang vorsinge, ohne doch je in seinem Leben mehr dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug - Es führe zwar, fuhr der Wirt fort, der Schulz sehr starke hochtrabende Worte, sei aber ein Hase, der seine Frau schickte bei handfesten Vorfällen, oder er reiche eine lange Schreiberei ein; hab' auch ein zu nobles Naturell und könne sich über eine krumme Miene zu Tagen kränken und habe noch unverdauete Nasen, die er im Winter von der Regierung bekommen, im Magen. Nur von der Hauptsache, beschloß er, von den Söhnen, wiss' er nichts, als daß der eine, der Spitzbube, der Flötenpfeifer Vult, im 141/2 Jahre mit einem solchen Herrn - er zeigte auf Herrn van der Harnisch - durchgegangen; und vom andern, der der Erbe sei, könne gewiß der Herr unten mit den schwarzen Knopflöchern die beste Auskunft geben, denn es sei der Herr Kandidat und Schulmeister Schomaker aus Elterlein, sein gewesener Präzeptor. Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler mit Bleistift korrigiert, eh' er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wickelte. Er antwortete nicht, sondern wickelte wieder weißes Papier über das bedruckte, siegelte es ein und schrieb an alle Ecken: Gift! - darauf überwickelte und überschrieb er wieder und ließ nicht nach, bis ers siebenmal getan und ein dickes Oktav-Paquet vor sich hatte. Jetzt stand er auf, ein breiter, starker Mann, und sagte sehr furchtsam, indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als jeder im Schreiben: »Ganz wahr, daß er mein Schüler, und hinlänglich, erstlich, daß er so ädel ist, zweitens, daß er treffliche Gedichte, nach einem neuen Metrum, machet, so er den Streckvers nennet, ich einen Polymeter.« Bei diesen Worten fing der Flöten-Virtuose van der Harnisch, der bisher kalt die Runde um die Stube gemacht, plötzlich Feuer. Wie andere Virtuosen hatt' er aus großen Städten die Verachtung kleiner mitgebracht - ein Dorf schätzen sie wieder -, weil in kleinen das Rathaus kein Odeum, die Privathäuser keine Bilderkabinette, die Kirchen keine Antiken-Tempel sind. Er bat verbindlich den Kandidaten um Ausführlichkeit. »Fodert meine Pflicht schon,« versetzte dieser, »daß ich morgen, bei der Heimkunft, dem Erben selber, die Eröffnung eines Vermächtnisses noch nicht eröffne, weil es erst die Obrigkeit, am Sonnabend, tuet, wie vielmehr, daß ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen, nie ohne seine Erlaubnis, kundtue, wie vielmehr - Aber Gott, wer von uns wird die Leiche sein!« setzt' er dazu, da er die Stundenglocke ins Gebetläuten tönen hörte; und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung, um dreist zu werden, weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen, worauf unzählige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt. Über diesen religiösen Skrupel-Luxus zog der Flötenist ein sehr verächtliches Gesicht und sagte - indem er ein Prisma aus der Tasche holte und vier Lichter verlangte - verdrüßlich: »Ich könnte es bald wissen, wer die Leiche sein wird; aber ich will Ihnen, Herr Kandidat, lieber alles erzählen aus diesem Zauber-Prisma, was Sie mir nicht erzählen wollen.« Er sagte, das Prisma verschließe die viererlei Wasser, welche man aus den vier Welt-Ecken sammle, man reib' es am Herzen warm, fordere leise, was man in der Vergangenheit oder Zukunft zu sehen wünsche, und wenn man vorher etwas vorgenommen, was er ohne Todes-Gefahr nicht sagen dürfte - daher das Geheimnis immer nur von Sterbenden mitgeteilet werde, oder auch von Selbstmördern -, alsdann entstehe in den viererlei Wassern ein Nebel, dieser ringe und arbeite, bis er sich in helle Menschengestalten zusammengezogen, welche nun ihre Vergangenheit wiederholen oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen, wie man es eben gefordert. Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgültig und fest gegen das Prisma, weil er wußte, ihm habe, wenn er bete, kein Teufel viel an. Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der Tasche und sie sich über den Kopf und war darunter rege und leise; endlich hörte man das Wort: Schomakers Stube. Jetzt warf er sie zurück, starrete erschrocken in das Prisma hinein und beschrieb laut und eintönig jede Kleinigkeit, die in dessen stillem Zölibats-Zimmer war, von einer Druckerpresse an bis auf die Vögel hinter dem Ofen, ja sogar bis auf die Maus, die eben darin umherlief. Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge; als aber der Seher sagte: »Irgendein Geister-Schatte in der leeren Stube hat Ihren Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette« - so überlief es ihn sehr kalt. »Das war etwas Gegenwart von Ihnen«, sagte der Virtuose; »nun einige wenige Vergangenheit, und dann soviel Zukunft, als man braucht, um zu sehen, ob Sie etwan die diesjährige Leiche werden.« Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rück- und Vor-Seherei entgegen; er versetzte, er halte sich ganz an die Geister, die es ausbaden möchten, und fing schon an, im Prisma zu sehen, daß der Kandidat als junger Mensch eine Frühpredigers-Stelle und eine Ehe ausschlug, bloß aus 11000 Gewissensskrupeln. Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr, wovon das Wort Schlägerei vorklang. Schomaker, der noch mehr seine Zukunft als seine Vergangenheit zu hören mied, schlug auf moralische Unkosten der Geister den Ausweg vor, er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermächtnisse so interessanten Harnischischen Familie geben; Herr van der Harnisch möge dabei ins Prisma sehen und ihm einhelfen. Das hatte der quälende Virtuose gewollt. Beide arbeiteten nun miteinander eine kurze Vor-Geschichte des Testaments-Helden aus, welche man um so lieber im Vogtländischen Marmor mit mäusefahlen Adern - denn so heißet die folgende Nummer - finden wird, da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt, auf den Helden näher zu stoßen, wär's auch nur im Hintergrunde. Der Verfasser wird dabei die Pflicht beobachten, beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen noch dadurch auszuglätten, daß er ihm Patavinitäten ausstreicht und etwas Glanz-Stil an Nro. 5: Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern Vorgeschichte Der Schultheiß Harnisch - der Vater des Universalerben - hatte sich in seiner Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und wäre bei seinen Anlagen zu Mathematik und Stubensitzen - denn er las Sonntage lang draußen im Reiche - weit gekommen, hätt' er sich nicht an einem frohen Marientage in einem Wirtshause in das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen, in die Flasche. Vergeblich wollt' er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus; sie hatten ihn fest und darin. Er war unschlüssig, sollt' er hinausschleichen und sich in der Küche die Vorderzähne ausschlagen, um keine für die Patronen zum Regimente zu bringen, oder sollt' er lieber - denn es konnt' ihn doch die Artillerie als Stückknecht fassen - vor den Fenstern des Werb- und Wirtshauses einen Dachsschliefer niedermachen, um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte kantonfrei. Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiß vor. Allein der erlegte Dachs machte ihn zwar aus den Werber-Händen los, aber er biß ihn wie ein Zerberus aus seiner Gewerkschaft aus. »Nu, nu,« sagte Lukas in seinen Land-Bildern, »lieber einen Schlitz in dem Strumpf aufgerissen, als einen in der Wade zugenäht.« - So sehr floh er, wie ein Gelehrter, den Wehrstand. Damals starb sein Vater, auch Schultheiß; er kam nach Hause und war der Erbe des Hauses wie der Kronerbe des Amts; obwohl seine Krongüter in Kron-Schulden bestanden. In kurzem vermehrte er diese Krongüter beträchtlich. Er warf sich mit Leib und Seele auf das Jus - versaß seine kanonischen Stunden an angeborgten Akten und gekauften Büchern, teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus, ganze Bogen und Tage lang - jeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich und konzipierte und mundierte das Schreiben mit schöner gebrochener Fraktur und schiefer Kurrent, wobei ers noch für sich selber kopierte - schauete als Schulz überall nach, lief überall hin und regierte den ganzen Tag. Durch alles dieses blühte wenigstens das Dorf mehr als seine Äcker und Wiesen, und das Amt lebte von ihm, nicht er vom Amte. Er konnte gleich den besten Städtern, die ein gutes Haus machen, sich nun, wie die Sorbonne, als das ärmste unterschreiben (pauperrima domus). Alle verständige Elterleiner traten darin einander bei, daß er ohne sein hantierendes Weib - eine gesunde Vernunft in corpore -, das an einem Morgen für Vieh und Menschen kochte, grasete, mähte, längst mit dem Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern hätte von seinem regierenden Haus und Hof ziehen müssen, wovon er eigentlich nur der Pächter seiner Gläubiger war. Nur eine Arzenei gabs für ihn, nämlich den Entschluß, das Haus und dadurch die Schultheißerei wegzugeben. Aber er ließ sich ebensogerne köpfen, als er diese Arzenei nur roch oder einnahm, einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft. Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen Zeiten bei seiner Familie gewesen, wie die Regentengeschichte derselben beweiset; sein Jus und Herz hing daran, ja seine ewige Seligkeit, weil er wußte, daß im ganzen Dorfe kein so guter Jurist für diesen Posten zu finden war als er, wiewohl Sachverständige erklärten, es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu einem römischen Kaiser nach der goldnen Bulle*, nämlich ein gerechter, guter und brauchbarer Mann. Sein Haus anlangend, so trat vollends folgender frappanter Jammer ein. Elterlein war zweiherrig: am rechten Bachufer lagen die Lehnmänner des Fürsten, am linken die Einsassen des Edelmanns; wiewohl sie einander im gemeinen Leben nur schlecht die Rechten und Linken hießen. Nun lief nach allen Flurbüchern und Grenzrezessen in alten Zeiten die Demarkationslinie, der Bach, dicht an des Schulzen Hause vorbei. Nachher veränderte der Bach sein Bette, oder ein dürrer Sommer nahm ihn gen Himmel; kurz Harnischens Wohnung wurde so weit hinübergebaut, daß nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand, sondern auch eine Stubendecke und, wenn man ihn hinsetzte, ein Krüpelstuhl. Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel, so wie zugleich seine kameralistische Vorhölle. Mit unsäglichem Vergnügen sah er oft in seiner Wohnstube - die an der Wand ein fürstlicher Grenz- und Wappenpfahl abmarkte - sich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche, bald auf ritterschäftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte, daß er nachts ein Rechter wäre - weil er fürstlich schlief - und nur am Tage ein Linker, weil Tisch und Ofen geadelt waren. Es war seinen Söhnen nichts Seltenes, daß er Sonntags vor dem Abend-Essen, wenn er viel gedacht hatte, mehrmals heiter und hastig den Kopf schüttelte und dabei murmelte: »Mein Haus ist einem redlichen Iktus** sag' ich, ordentlich wie auf den Leib gemacht - ein jeder anderer Mann würde die besten importantesten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern, weil er gar nicht der Mann dazu wäre - denn er wäre in der Sache gar nicht zu Hause -, und ich alter verständiger Iktus soll heraus, solls losschlagen, höre, Vronel?« - Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber: »Nun und nimmermehr«, ohne die Antwort Veronikas, seiner Frau, zu hören. Freilich wenn er sich täglich gegen seine Gläubiger mehr in die Zitadelle seines Hauses zurückzog und ihnen dabei wie andere Kommendanten die Vorstädte, nämlich das Feld, d. h. die Felder räumte und, so gut er konnte, mit dem Hause zugleich seinen Schulzenposten, den Spielraum seiner Kenntnisse, zu versteigern aufschob, statt solchen zu steigern - gleichsam sein schlagendes Herz, den Saitensteg seines lauten Lebens, wenn er das tat: so hatt' er noch vier von ihm selber gezeugte Hände im Auge, die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Töne und Mißtöne wieder stellen sollten; nämlich seine Zwillingssöhne. Als Veronika mit diesen niederkommen wollte, hielt er, als sei sie eine sizilianische oder englische Königin, hinlängliche Geburtszeugen bereit, die nachher sich in Taufzeugen einteilten. Das Kindbette hatt' er ins ritterschaftliche Territorium geschoben, weil es einen Sohn geben konnte, den man durch diese Bettstelle der Bettstelle den landesherrlichen Händen entzog, die ihm eine Soldatenbinde umlegen konnten statt der schon bestimmten Themisbinde. In der Tat trat auch der Held dieses Werkes, Peter Gottwalt, ans Licht. Aber die Kreißende fuhr fort; der Vater hielt es für Pflicht und Vorsicht, das Bette dem Fürsten zuzuschieben, damit jeder sein Recht bekomme. »Höchstens gibts ein Mädchen,« sagte er, »oder was Gott will.« Es war keines, sondern das letztere; daher der Knabe nach des Kandidaten Schomakers Übersetzung den Namen des Bischofs von Karthago unter Geiserich, nämlich Quod Deus vult, oder Vult im Alltagswesen bekam. Jetzt wurden in der Stube scharfe Markungen, Einhegungen und Teilungs-Traktate gemacht, Wiegen und alles wurde geschieden. Gottwalt schlief und wachte und trank als Linker, Vult als Rechter; späterhin, als beide ein wenig kriechen konnten, wurde Gottwalten, dem adeligen Sassen, das fürstliche Gebiet durch ein kleines Gitterwerk - das man bloß am Hühner- und andern Ställen auszuheben brauchte - leicht zugesperrt; und ebenso sprang der wilde Vult hinter seinem Pfahlwerk, der dadurch fast das Ansehen eines auf- und ablaufenden Leoparden im Käfig gewann. Erst mit langer Mühe und Strenge schaffte Veronika die lächerliche Ab- und Erbsonderung ab; denn der alte Lukas hatte, wie jeder Gelehrte, eine besondere Hartnäckigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltsinn gegen das Lächerlichwerden. * Aur. bull. 1. homo justus, bonus et utilis. (Zurück) ** Juristen. (Zurück) Bald wurde deutlich, daß wissenschaftliche Fächer künftig Gottwalts Fach sein würden; ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken, daß er weißlockig, dünnarmig, zartstämmig und, wenn er einen ganzen Sommer Schafhirtlein gewesen, noch schnee- und lilienweiß in solchem Grade war, daß der Vater sagte: einen Stiefel woll' er mit einem Eiweiß-Häutchen statt Pfundleder ebensogut besohlen, als den Jungen zum Bauersmann einrichten. Dabei hatte der Knabe ein so gläubiges, verschämtes, überzartes, frommes, gelehriges, träumerisches Wesen und war zugleich bis zum Lächerlichen so eckig und elastisch-aufspringend, daß zum Verdrusse des Vaters - der sich einen Juristen nachziehen wollte - jedermann im Dorfe, selber der Pfarrer, sagte, er müsse, wie Cäsar, der erste im Dorfe werden, nämlich der Pfarrer. Denn wie? - fragte man Gottwalt, der blauäugige Blondin mit aschgrauem Haar und feiner Schneehaut - wie? dieser soll einmal ein Kriminalist werden und unter dem großen Triumphator Carpzov dienen, welcher bloß mit seinem Federmesser, wozu er das Themis-Schwert ausgeschliffen, an zwanzigtausend Mann niedergehauen? So schickt ihn doch, fuhr man fort, nur versuchsweise mit einem Gerichtssiegel zu einer blassen Witwe, die mit gefalteten Händen auf dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre Effekten anzeigt, und lasset ihn den Auftrag, unbehindert alle ihre alten Türen und Schränke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpetschieren, vollziehen und seht zu, ob ers kann, vor Herzklopfen und Mitleiden! - Aber der jüngere Zwilling, Vult, sagte man in froherem Tone, der schwarzhaarige, pockennarbige, stämmige Spitzbube, der sich mit dem halben Dorfe rauft und immer umher streift und ein wahres tragbares theatre aux Italiens ist, das jede Physiognomie und Stimme nachspielt - dieser ist ein anderer Mensch, dem gebt Akten unter den Arm, oder einen Schöppenstuhl unter den Steiß. Wenn Walt am Fastnachtstage in der tanzenden Schulstube den Kandidaten und dessen Geige mit dem Bäßlein unterstützte und mit nichts hüpfte als mit ungemein freudigen Blicken und mit dem Bogen: so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer Groschenflöte im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem Schabernack - Sollen solche Talente nicht für das Jus benutzt werden, Herr Schulz? beschloß man -- Sie sollens, sagt' er. Also Gottwalt wurde auf die Himmelsleiter gesetzt als zukünftiger Pfarrer und Konsistorialvogel; Vult aber mußte sich die Grubenleiter in die delphische Rechtshöhle zimmern, damit er ein juristischer Steiger würde, von welchem der Schultheiß alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete, und der ihn aus der giftigen Grube ziehen sollte, zugleich mit Gold- und Silber-Geäder umwunden, es sei nun, daß der Sohn Prozesse für ihn führte, oder schwere ihm ersparte, oder Gerichtshalter im Orte wurde, oder Regierungsrat, oder wie es etwa ginge, oder daß er ihm jeden Quatember viel schenkte. Allein Vult hatte außerdem, daß er bei dem Schulmeister und Kandidaten Schomaker nichts lernen wollte, noch das Verdrüßliche an sich, daß er ewig blies auf einer Batzenflöte, und daß er sich im 14. Jahr bei der Kirms unten vor die spielende Flöten-Uhr des Schlosses hinstellte, um bei ihr als seiner ersten Lehrerin, wenn nicht Stunden zu nehmen, doch Viertelstunden. - Hier sollte Zeit sein, das Axiom einzuschichten, daß überhaupt die Menschen mehr in Viertelstunden als in Stunden gelernt. Kurz, an einem Tage, wo Lukas ihn in die Stadt und unter das Rekrutenmaß geführet (Scheines und Ordnung halber), lief er mit einem betrunkenen Musikus, der nur noch sein Instrument, aber nicht mehr sich und die Zunge regieren konnte, in die weite breite Welt hinein. Er blieb dann weg. Jetzt mußte Gottwalt Peter daran, ans Jus. Aber er wollte auf keine Weise. Da er stets las - was das Volk beten heißet, wie Cicero religio von relegere, oft lesen, ableitet -, so lief er dem Dorfe schon als Pfarrherrlein durch die Finger, ja ein Metzger aus Tyrol nannte ihn bald den Pfarrbuben, bald den Pfarrknecht*, weil er in der Tat ein kleiner Kaplan und Küster, nämlich dessen Koadjutorie war, insofern er die schwarze Bibel gern auf die Kanzel trug, das Kommunikantentüchlein am Altare den Oblaten und dem Kelche unterhielt, allein den Nachmittagsgottesdienst, wenn Schomaker sich nach Hause geschlichen, hinausorgelte und ein fleißiger Kirchengänger bei Wochentaufen war. Ja, sah abends der Pfarrer nach dem Studieren mit Mütze und Pfeife aus dem Fenster, so hofft' er nicht zurückzubleiben, wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und weißen Mütze an seines legte, welche letztere dem Knabengesicht ein zu altväterisches Ansehen gab. Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein Gesangbuch unter den Arm und stattete, wie der Pfarrer, bei einer ihm ganz gleichgültigen, arthritischen, steinalten Schneidersfrau einen ordentlichen Krankenbesuch ab und fing an, aus dem Liede: »O Ewigkeit, du Freudenwort« ihr vorzulesen? Und mußt' er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus einstellen, weil ihn Tränen übermannten, nicht über die taube, trockne Frau, sondern über den Aktus? Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an, daß er eines Abends vor dem Gerichtsmann - »so hör' ich mich lieber nennen als Schulz«, sagte Lukas - frei erklärte, er glaubte, im geistlichen Stande komme man besser fort, besonders zarte Naturelle. Da nun der Kandidat selber nichts geworden war als sein eignes Minus und seine eigne Vakanzstelle, so beantwortete der Gerichtsmann die Rede bloß mit einem höflichen Gemurmel und führte nur seine schimmlige Geschichte wieder auf, daß einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredet habe: »Meine Hochzuverehrende Herren Justizminister, geheime Kabinetsräte, wirkliche Geheime Räte, Präsidenten, Finanz-, Staats- und andere Räte und Syndikus, denn man weiß ja noch nicht, was aus Ihnen allen wird!« Er führte noch an, im Preußischen werde die Stunde eines Advokaten auf 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxiert, und bat, man solle das nur einmal für ein Jahr ausschlagen - ferner einem rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei, und er wolle ebensogut ein Ferkel am eingeseiften Schwanz festhalten als einen Advokaten am jus - (welches wohl im edlern Stile heißen würde: Kenntnis des Rechts ist die um einen Mann geschriebene Münz-Legende und verwehrt das Beschneiden des Stücks) - und Heringe wie sein Peter Walt wären eben die ganzen Hechte; je dünner der Messerrücken, desto schärfer die Schneide; und er kenne Iktusse, die durch Nadelöhre zu fädeln waren, die aber ungemein zustachen. Wie immer, halfen seine Reden nichts; aber die verständige Veronika, seine Frau, wollte gegen die Sitte der Weiber, die im häuslichen Konsistorium immer als geistliche Räte gegen die weltlichen stimmen, den Sohn aus dem geistlichen Schafstall in die juristische Fleischscharre treiben; und das bloß, weil sie einmal bei einem Stadtpfarrer gekocht habe und das Wesen kenne, wie sie sagte. Diese hielt, als sie einst allein mit dem Sohne war, der mehr an ihr als am Vater hing, ihm bloß so viel vor: »Mein Gottwalt, ich kann dich nicht zwingen, daß du dem Vater folgst; aber höre mich an: das erstemal, wo du predigst, so tue ich meinen Trauerrock an und die weißen Tücher um und gehe in die Kirche und bücke mich unter der ganzen Predigt wie bei einer Leichenpredigt mit dem Kopfe nieder und weine, und wenn mich die Weiber fragen, so zeig' ich auf dich.« - Dieses Bild packte seine Phantasie so gewaltsam an, daß er weinend Nein Nein schrie - womit er das Trauer-Verhüllen meinte- und Ja Ja zum Advozieren sagte. So werden uns die Lebens-Bahnen, wie die Ideen, vom Zufall angewiesen; nur das Fort- und Absetzen der einen wie der andern bleibt der Willkür freigestellt. Walt erlernte nun, wie Völker, Sprachen fast von selber. Er warf dadurch den Vater in ein Freuden-Meer; denn Dorfleute finden, wie die Schulleute, fast bloß auf der Zunge den Unterschied des Lehr- und Nährstandes. Der Ex-Mäuerer bauete daher in einem trocknen Frühjahr ohne allen Widerspruch des toten Dachshundes und des Gewerks ein eignes Studierstübchen für seinen Iktus. Dieser frequentierte das Lyzeum (illustre) Johanneum; darauf wurd' er ins Gymnasium (illustre) Alexandrinum geschickt; - welches beides niemand war als in kollegialischer Eintracht der Kandidat Schomaker allein, der Johann Alexander hieß. Anfangs hatte Walt noch mit Vulten, eh' er davongelaufen, die Kleintertia und darauf die Großtertia sowohl besucht als repräsentiert; aber nachher mußt' er ohne den Pfeifer die ganze Sekunda und Prima allein ausmachen, worin er das Hebräische, das in beiden Klassen die Theologen trieben, wie gewöhnlich auch mit aufschnappte. Im zwanzigsten Jahre war er vom Gymnasium oder Gymnasiarchen unmittelbar als Abiturient abgegangen auf die hohe Schule Leipzig, in welche er aus Mangel einer höhern so lange täglich ging, als er es vor Hunger aushalten konnte. »Seit Ostern sitzt er bei den Eltern und wird morgen abendes zum Notarius kreieret, um zu leben«, beschloß der Kandidat Schomaker die artige Historie. * Jener bedeutet in Tyrol den Pfarrer, dieser den Diakonus. (Zurück) Nro. 6: Kupfernickel Quod Deus Vultiana Nach dem Ende der Geschichte trat der Flötenist mit grimmigem Gesicht an den betrübten Schulmeister, fragend: »Wäret Ihr nicht wert, daß ich sogleich ins Prisma sähe und Euch darin als lange Leiche anträfe? Wie, Ihr moralischer Mikrolog, Ihr moralischer esprit de bagatelle, Ihr konntet Euch aus Furcht vor schätzbaren Weissagungen erfrechen, gegen Euer Gewissen die Geheimnisse zweier bedeutender Brüder und Eltern aus dem Laub herauszuziehen? Es soll Euch gereuen, wenn ich Euch entdecke, daß ich kein wahres Wort gesagt und daß ich die Geheimnisse nicht vom Prisma, sondern von dem davongelaufenen Flötenisten Vult selber erfahren, der ein ganz anderer Mensch ist. Ich habe mit dem Manne im andern Elterlein, nämlich im Bergstädtlein bei Annaberg, vereint geblasen. Damit ich aber nach dem bisherigen Weismachen der Gesellschaft glaubhaft werde, so will ichs ihr so beschwören: ewig verdammt will ich sein, kenn' ich ihn nicht und habe ich nicht alles von ihm.« Es war kein Meineid; denn er war ja jener entlaufne Vult selber, aber ein starker Schelm. Der Kandidat nahm alles friedlich hin, weil ihn eine neue Lage, in welche er sich immer so schnell geworfen fühlte, daß er keine Sekunde Zeit zum Ausarbeiten eines moralischen Modells und Lineals bekam, über alles abstieß. Es gab wenige Kasuisten und Pastoraltheologen, die er nicht gelesen, sogar den Talmud, bloß um selig zu werden. Er hielt mit jedem Steckbrief seine eigne Person zusammen, um, im Falle sie zufällig der begehrten gleichsähe, sofort juristisch und sittlich gesattelt zu sein, so wie er sich häufig des Mords, der Notzucht und anderer Fraischfälle heimlich aus Spaß anklagte, um sich darein zu finden, falls ein Bösewicht öffentlich dasselbe täte im Ernst. Er versetzte daher nur, daß er dem Bruder Gottwalt keine frohere Nachricht bringen könne als die von Vults Leben, da er den Flüchtling unendlich liebe. »So, lebt die Fliege noch?- fiel der Wirt ein. »Wir hielten sie sämtlich für krepiert. Wie sah er denn aus, gnädiger Herr?« »Sehr wie ich,« (versetzte Vult und sah bedeutend trinkende Dikasterianten an) »falls nicht das Geschlecht einen Unterschied macht; denn ich könnte wohl ebensogut eine verkleidete Ritterin d'Eon sein als diese bekannte Frau, Messieurs, - ob wir gleich davon abbrechen wollen. - Vult selber ist wohl der artigste Mann und der schönste, ohne es aber zu wissen, dem ich je ins Gesicht gesehen, nur zu ernst und zu gelehrt, nämlich für einen Musikus. Sie alle sollten ihn sehen, das heißet hören. - Und doch so bescheiden, wie schon gesagt. 'Der Musikdirektor der Sphärenmusik werd' ich doch nie', sagt' er einst, sich verbeugend die Flöte weglegend, und meinte wahrscheinlich Gott. Jeder konnte mit ihm so frei reden wie mit einem russischen Kaiser, der in Kaiserspracht in die Kulisse von der Bühne kommt und fühlt, daß ihn Kotzebue geschaffen und er diesen. - Er war herzensgut und voll Liebe, nur aber zu aufgebracht auf sämtliche Menschen. Ich weiß, daß er Fliegen, die ihn plagten, einen Flügel auszupfte und sie auf die Stube warf mit den Worten: 'Kriecht! die Stube ist für euch und mich weit genug', indes er gleichwohl mehreren ältlichen Herren ins Gesicht sagte, sie wären siebenfache Spitzbuben, alte, obwohl in Milch eingeweichte Heringe, die sich dadurch für frische gäben; inzwischen, setzt' er sogleich dazu, er hoffe, sie deuteten ihn nicht falsch, und bewies ihnen jede Artigkeit. - Unsere erste Bekanntschaft machte sich, als er von einer fürstlichen Versteigerung herkam und einen erstandenen Nachttopf aus Silber öffentlich so närrisch vor sich her und heim trug, daß jede Gasse stutzig wurde, wodurch er ging. - Ich wollte, er wäre mit hier und besuchte die Seinigen. - Ich habe eine so besondere Liebhaberei für die Harnische, als meine Namensvettern, daß ich sogar im Leipziger Reichsanzeiger mir ihren Stammbaum und Stammwald bestimmt ausbat ohne Effekt.« Jetzt schied er kurz und höflich und ging auf sein Zimmer, nachdem er bei allem milden Scheine eines Mannes von Welt den ganzen Tag alles getan, was er gewollt. Er roch ohne Anstand an Fensterblumen vorübergehend; - er rückte auf dem Markte einem bettelnden Judenjungen seinen schlechten Bettel-Stil vor und zeigte ihm öffentlich, wie er anzuhalten habe - er setzte seinen französischen Paß in keinen deutschen um, bloß deshalb, um unter dem Stadttore die sämtliche Torschreiberei dadurch in Zank und Buchstabieren zu verflechten, indes er still dabei wartete und sagte, er steife sich auf seinen Paß - und am ersten Tage machte er den Scherz der Zauberschlägerei, von welcher oben der Wirt dem Kandidaten ins Ohr erzählt hatte. Er wußte nämlich ganz allein in seinem Zimmer ein solches Kunst-Geräusch zu erregen, daß es die vorübergehende Scharwache hörte und schwur, eine Schlägerei zwischen fünf Mann falle im zweiten Stocke vor; als sie straffertig hinaufeilte und die Türe aufriß, drehte sich Quod deus Vult vor dem Rasier-Spiegel mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um und fragte, indem er das Messer hoch hielt, verdrüßlich, ob man etwas suche; - ja nachts repetierte er die akustische Schlägerei und fuhr die hineinguckende Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an: »Wer Henker steht draußen und stört die Menschen im ersten Schlafe?« Dies alles kam daher, daß er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab wenig schätzte, dann Obrigkeit und Hof, etwa Bürger aber mehr. Bei einer solchen in Lustigkeit eingekleideten Verachtung konnt' ers nicht von sich erhalten, sich den Kleinstädtern, die ihn in seinen glänzenden Tagen unter Großstädtern nicht gesehen, in diesen überwölkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen; lieber adelte er sich selber eigenhändig. Nach Haßlau war er nur gekommen, um ein Konzert zu geben, dann nach Elterlein zu laufen und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen, aber durchaus ungesehen. Unmöglich wars ihm, daß er nach einem Dezennium Abwesenheit, worin er über so viele europäische Städte wie eine elektrische Korkspinne, ohne zu spinnen und zu fangen, gesprungen war, wieder vor seinen dürftigen Eltern erscheinen sollte, aber nämlich, o Himmel, als was? - Als dürftiger Querpfeifer in langer Strumpfhose, gelbem Studentenkollet und grünem Reisehut und mit nichts in der Tasche (wenige Spezies ausgenommen) als mit einem Spiel gesiegelter Entrée-Karten für künftige Flötenkonzerte? - »Nein,« sagt' er, »eh' ich das täte, lieber wollt' ich täglich Essig aus Kupfer trinken, oder eine Fischotter an meiner Brust groß säugen, oder eine kantianische Messe lesen oder hören, eine Ostermesse.« Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen Vater endlich zu überwältigen hoffen konnte durch einige Musik-Stunden und durch Erzählungen aus fremden Ländern: so blieb doch die unbestechliche Mutter unverändert übrig mit ihren kalten hellen Augen, mit ihren eindringenden Fragen, die seine Vergangenheit samt seiner Zukunft unerbittlich zergliederten. Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm verändert - aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberfläche und eine bewegte Tiefe in das seinige hinauf. - Walts Liebe gegen ihn hatt' ihn ordentlich angegriffen - dessen poetische Morgensonne wollt' er ganz nahe besehen und drehen und an ihre Achse Erddiameter und an ihre Kraft Licht- und Wärme-Messer anlegen - Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht -- Kurz, Vult konnte kaum den künftigen Tag erwarten, um nach Elterlein zu laufen, heimlich Walts Notariats-Examen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende sich dem Bruder zu entdecken, wenn ers verdiente. Mit welcher Ungeduld der gegenwärtige Schreiber auf den offiziellen, den Helden endlich aus seinen tiefen Spiegeln hervorziehenden Bericht des folgenden Kapitels mag gepasset haben, ermesse die Welt aus ihrer. Nro. 7: Violenstein Kindheits-Dörfchen - der große Mann Vult van der Harnisch reisete aus der Haßlauer Vorstadt nach Elterlein aus, als die halbe Sonne noch frisch und waagrecht über die tauige Fluren-Welt hinblitzte. Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten; er fand Ähnlichkeiten und dachte, er sei unter den vieren der Zwilling, der am stärksten glühe, desgleichen der zweite Krebs. In der Tat hatte schon in der Bergstadt Elterlein bei Annaberg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf angefangen und zugenommen auf allen Gassen; schon ein gleichnamiger Mensch, wie vielmehr ein gleichnamiger Ort drängt sich warm ins Herz. Auf der lebendigen Haßlauer Straße - die ein verlängerter Markt schien - nahm er seine Flöte heraus und warf allen Passagiers durch Flötenansätze Konzertansätze entgegen und nach, schnappte aber häufig in guten Koloraturen und in bösen Dissonanzen ab und suchte sein Schnupftuch, oder sah sich ruhig um. Die Landschaft stieg bald rüstig auf und ab, bald zerlief sie in ein breites ebenes Grasmeer, worin Kornfluren und Raine die Wellen vorstellten und Baumklumpen die Schiffe. Rechts in Osten lief wie eine hohe Nebelküste die ferne Bergkette von Pestitz mit, links in Abend floß die Welt eben hinab, gleichsam den Abendröten nach. Da Vult erst nachts anzulangen brauchte, so hielt er sich überall auf. Seine Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemähten Wiesen, eine Linnäische Blumenuhr aus Gras: stehendes zeigte auf 4 Uhr morgens - liegendes auf 5 bis 7 - zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 Uhr - Hügel aus Heu auf 3 - Berge auf den Abend. Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeits-Idylle an diesem Tage zum erstenmal; so sehr hatten bisher die langen Fußreisen das übersättigte Auge blind gemacht. Eben da der Hügel in dieser Sanduhr am höchsten anlief: so zogen sich die Kirsch- und Apfelbäume wie die Abend-Schatten lang dahin - runde grüne Obstfolgen wurden häufiger - in einem Tale lief schon als dunkle Linie das Bächlein, das durch Elterlein hüpft - vor ihm grünte auf einem Hügel, von der Abendsonne golden durchschlagen, das runde dünne Fichten-Gehölz, woraus die Bretter seiner Wiege geschnitten waren, und worin man oben gerade in das Dorf hinuntersah. Er lief ins Gehölz und dessen schwimmendes Sonnen-Gold hinein, für ihn eine Kinder-Aurora. Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus, und der Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter, daß ihm war, als sei er ein Knabe, und jetzt sei Feierabend; und noch schöner läuteten ihn die Viehglocken in ein Rosenfest. Die einzelnen rotweißen Häuser schwankten durch die besonnten Baumstämme. Endlich sah er draußen das traute Elterlein dem Hügel zu Füßen liegen - ihm gegenüber standen die Glocken des weißen Schieferturms und die Fahne des Maienbaums und das hohe Schloß auf dem runden Wall voll Bäume - unten liefen die Poststraße und der Bach breit durchs offne Dorf - auf beiden Seiten standen die Häuser einzeln, jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstämmen - um das Dörfchen schlang sich ein Lustlager von Heu-Hügeln wie von Zelten und von Wagen und Leuten herum, und über dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rübsenflächen für Bienen und Öl heiter dem Auge entgegen. Als er von diesem Grenzhügel des gelobten Kinderlandes hinunterstieg, hört' er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte Stimme sagen: »Leute, Leute, sponselt doch euer Vieh; hab' ichs nicht schon so Millionenmal anbefohlen? - Bube, sage zu Hause, der Gerichtsmann hat gesagt, morgen wird ungesäumt mit zwei Mann gefront, auf der Klosterwiese.« Es war sein Vater; der mattäugige, schmächtige, bleichfarbige Mann (in dessen Gesicht der warme Heu-Tag noch einige weiße Farbenkörner mehr gesäet) schritt mit einer leuchtenden Sense auf der Achsel aus den Rainen in die Straße herein. Vult mußte umblicken, um nicht erblickt zu werden, und ließ den Vater voraus. Dann fiel er ihm mit einigen klingenden Paradiesen der Flöte, und zwar - weil er wußte, wie ihm Chorale schmeckten - mit diesen in den Rücken. Lukas schritt noch träger fort, um länger zurückzuhören - und die ganze Welt war hübsch. Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weißen Zähnen setzten die Grassicheln an die Augenbraunen, um den vorbeipfeifenden Studenten ungeblendet zu sehen - die Viehhirtinnen zogen mit ihren Wandel-Glöckchen auf beiden Seiten mit - Lukas schneuzte sich, weil ihn der Choral bewegte, und sah ein ungesponseltes Weide-Pferd nur ernsthaft an - aus den Schornsteinen des Schlosses und Pfarrhauses und des väterlichen hoben sich vergoldete Rauchsäulen ins windstille kühle Blau - Und so kam Vult ins überschattete Elterlein hinab, wo er das närrische verhüllte träumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum, angehoben und wo er im Bette zu diesem Traum, weil er erst ein kurzer Knabe war, sich noch nicht hatte zu krümmen gebraucht. Im Dorfe war das Alte das Alte. Das große Haus der Eltern stand jenseits des Bachs unverändert mit der weißen Jahrszahl 1784 auf dem Dach-Schiefer da. - Er lehnte sich mit dem Flötenliede: »Wer nur den lieben Gott läßt walten« an den glatten Maienbaum und blies ins Gebetläuten hinein. Der Vater ging, sehr langsam unter dem Scheine des Umsehens, über den Bachsteg in sein Haus und henkte die Sense an den hölzernen Pflock an der Treppe. Die rüstige Mutter trat aus der Türe in einem Manns-Wamse und schüttete, ohne aufs Flöten zu hören, das abgeblattete Unkraut des Salats aus einem Scheffel, und beide sagten zueinander - wie Land-Gatten pflegen - nichts. Vult ging ins nachbarliche Wirtshaus. Von dem Wirte erfuhr er, daß der Pfalzgraf Knoll mit dem jungen Harnisch Felder beschaue, weil die Notariusmacherei erst abends angehe. »Trefflich,« dachte Vult, »so wirds immer dunkler, und ich stelle mich ans Backofen-Fenster und sehe ihrem Kreieren drinnen zu.« Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer großblumigen Damast-Weste an die Türe heraus und wetzte in Hemdärmeln an der Schwelle das Messer für das Souper des Notarius-Schöpfers ab. »Aber das Pürschlein solls auch nicht herausreißen«, setzte der Wirt hinzu, der ein Linker war; »der Alte hat mir seine schöne Branntweinsgerechtigkeit verkauft, und der Sohn hat von der Blase studiert. Aber lieber das Haus sollt' er weggeben, und zwar an einen gescheuten Schenkwirt; sapperment! dem würden Biergäste zufliegen, der Bierhahn wäre Hahn im Korbe, aber ganz natürlich. Denn die Stube hat zweierlei Grenzen, und man könnte darin zuprügeln und kontrebandieren und bliebe doch ein gedeckter Mann.« - Vult nahm keinen so spaßhaften Anteil am Wirte, als er sonst getan hätte; er erstaunte ganz, daß er unter der Hand ordentlich in eine heftige Sehnsucht nach Eltern und Bruder, besonders nach der Mutter, hineingeraten war, »was doch«, sagt' er, »auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen«. Es war ihm erwünscht, daß ihn der Wirt beim Ärmel ergriff, um ihm den Pfalzgrafen zu zeigen, der eben in des Schulzen Haus, aber ohne Gottwalt ging; Vult eilte aus seinem, um drüben alles zu sehen. Draußen fand er das Dorf so voll Dämmerung, daß ihm war, als steck' er selber wieder in der helldunkeln Kinderzeit, und die ältesten Gefühle flatterten unter den Nachtschmetterlingen. Hart am Stege watete er durch den alten lieben Bach, worin er sonst breite Steine aufgezogen, um eine Grundel zu greifen. Er machte einen Bogen-Umweg durch ferne Bauernhöfe, um hinter den Gärten dem Hause in den Rücken zu kommen. Endlich kam er ans Backofenfenster und blickte in die breite zweiherrige Grenzstube - keine Seele war darin, die einer schreienden Grille ausgenommen, Türen und Fenster standen offen; aber alles war in den Stein der Ewigkeit gehauen: der rote Tisch, die roten Wandbänke, die runden Löffel in der hölzernen Wand-Leiste, um den Ofen das Trocken-Gerüste, der tiefe Stubenbalken mit herunterhängenden Kalendern und Herings-Köpfen, alles war über das Meer der langen Zeit, gut eingepackt, ganz und wie neu herübergeführt, auch die alte Dürftigkeit. Er wollte am Fenster länger empfinden, als er über sich Leute hörte und am Apfelbaum den Lichtschimmer der obern Stube erblickte. Er lief auf den Baum, woran der Vater Treppe und Altan gebaut; und sah nun gerade in die Stube hinein und hatte das ganze Nest. Darin sah er seine Mutter Veronika mit einer weißen Küchenschürze stehend, eine starke, etwas breite, gesund nachblühende Frau, das stille, scharfe, aber höfliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt - dieser ruhig sitzend und an seinem breiten Kopfe das Nabel-Gehenke eines Pfeifenkopfes befestigend - der Vater gepudert und im heiligen Abendmahls-Rock unruhig laufend, halb aus achtender Angst vor dem großen eingefleischten corpus juris neben ihm, das gegen Fürsten und alle Welt gerade so keck war als er selber scheu, halb aus sorgender, das corpus nehm' es übel, daß Walt noch fehlte. Am Fenster, das dem Baum und Vulten am nächsten war, saß Goldine, eine bildschöne, aber bucklige Jüdin, auf ihr rotes Knäul niedersehend, woraus sie einen schafwollenen Rotstrumpf strickte; Veronika ernährte die blutarme, aber fein-geschickte Waise, weil Gottwalt sie ungemein liebte und lobte und sie einen kleinen Edelstein hieß, der Fassung brauchte, um nicht verloren zu gehen. »Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt«, versetzte Lukas, als der Fiskal unwillig erzählte, Walt habe nicht einmal seine eignen Felder, geschweige des sel. Van der Kabels seine ihm zu zeigen gewußt, sondern ihm einen Fronbauern Kabels dazu hergeholt und sei wie ein Grobian weggeblieben. Vom erfreulichen Testamente, sah Vult, hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt. Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper herein, verbeugte sich eckig und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da, und helle Freuden-Tränen liefen aus den blauen Augen über sein glühendes Gesicht. »Was ist dir?« fragte die Mutter. »O meine liebe Mutter,« (sagt' er sanft) »gar nichts. Ich kann mich gleich examinieren lassen.« - »Und dazu heulst du?« fragte Lukas. Jetzt stieg sein Auge und sein Ton: »Vater, ich habe«, sagte er, »heute einen großen Mann gesehen.« - »So?« versetzte Lukas kühl- »Und hast dich vom großen Kerl wamsen lassen und zudecken? Gut!« »Ach Gott«, rief er; und wandte sich an die aufmerksame Goldine, um es so dem Examinator mit zu erzählen. Er hatte nämlich oben im Fichtenwäldchen eine haltende Kutsche gefunden und unweit davon am Waldhügel einen bejahrten Mann mit kranken Augen, der die schöne Gegend im Sonnenuntergange ansah. Gottwalt erkannte leicht zwischen dem Manne und dem Kupferstiche eines großen deutschen Schriftstellers - dessen deutscher Name hier bloß griechisch übersetzt werde, in den des Plato - die Ähnlichkeit. »Ich tat« - fuhr er feurig fort - »meinen Hut ab, sah ihn still immerfort an, bis ich vor Entzückung und Liebe weinen mußte. Hätt' er mich angefahren, so hätte ich doch mit seinem Bedienten über ihn viel gesprochen und gefragt. Aber er war ganz sanft und redete mit der süßesten Stimme mich an, ja, er fragte nach mir und meinem Leben, ihr Eltern; ich wollt', ich hätt' ein längeres gehabt, um es ihm aufzutun. Aber ich macht' es ganz kurz, um ihn mehr zu vernehmen. Worte, wie süße Bienen, flogen dann von seinen Blumen-Lippen, sie stachen mein Herz mit Amors Pfeilen wund, sie füllten wieder die Wunden mit Honig aus: O der Liebliche! Ich fühlt' es ordentlich, wie er Gott liebt und jedes Kind. Ach, ich möcht' ihn wohl heimlich sehen, wenn er betete, und auch, wenn er selber weinen müßte in einem großen Glück. - Ich fahre sogleich fort«, unterbrach sich Walt, weil er vor Rührung nicht fortfahren konnte; bezwang sie aber etwas leichter, als er umhersah und gar keine sonderliche Fremde fand. »Er sagte« - fuhr er fort - »die besten Sachen. Gott, sagt' er, gibt in der Natur wie die Orakel die Antwort, eh die Frage getan ist - desgleichen, Goldine: was uns Schwefelregen der Strafe und Hölle deucht, offenbart sich zuletzt als bloßer gelber Blumenstaub eines zukünftigen Flors. Und einen sehr guten Ausspruch hab' ich ganz vergessen, weil ich meine Augen zu sehr auf seine richtete. Ja, da war die Welt rings umher voll Zauberspiegel gestellt, und überall stand eine Sonne, und auf der Erde gab es für mich keine Schmerzen als die seiner lieben Augen. Liebe Goldine, ich machte auf der Stelle, so begeistert war ich, den Polymeter: 'Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer, aber o Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne.' Dann nahm er meine Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich mußte ihm unser Dorf zeigen; da sagt' ich kühn den Polymeter: 'Sehet, wie sich alles schön verkehrt, die Sonne folgt der Sonnenblume.' Da sagt' er, das tue nur Gott gegen die Menschen, der sich mehr ihnen zuwende als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie, scherzte aber artig über ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgewöhne; Gefühle, sagt' er, sind Sterne, die bloß bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten. So mag gewiß der letzte Satz geheißen haben; denn ich hörte nur den ersten, weil es mich erschreckte, daß er an den Wagen ging und scheiden wollte. Da sah er mich sehr freundlich an, gleichsam zum Troste, daß mir war, als klängen aus den Abendröten Flötentöne.« - »Ich blies in die Röten hinein«, sagte Vult, war aber etwas bewegt. »Ja endlich, glaubt mirs, Eltern, drückt' er mich an seine Brust und an den lieblichen Mund, und der Wagen rollte mit dem Himmlischen dahin.« -- »Und« - fragte der alte Lukas, der bisher, zumal wegen Platos vornehmen Amtsnamen, jede Minute gewärtig gewesen, daß der Sohn einen beträchtlichen Beutel vorzöge, den ihm der große Mann in die Hand gedrückt - »er ist weggefahren und hat dir keinen Pfennig geschenkt?« - »O wie denn das, Vater?« fragte Walt. »Ihr kennt ja sein weiches Gemüt«, sagte die Mutter. »Ich kenne diesen Skribenten nicht«, sagte der Pfalzgraf; »aber ich dächte, statt solcher leerer Historien, die zu nichts führen, fingen wir einmal das Examen an, das ich anstellen muß, eh' ich jemand zum Notarius kreieren will.« »Hier steh' ich«, sagte Walt, im Schanzlooper hin und von Goldinen weg fahrend, deren Hand er für ihre Teilnahme an seiner Seligkeit öffentlich genommen hatte. Nro. 8: Koboldblüte Das Notariats-Examen »Wie heißet Herr Notariand?« fing Knoll an - Alles war nämlich so, erstlich, daß Knoll als ein zusammengewachsenes verknöchertes Revolutionstribunal das Vorhängschloß des Pfeifen-Kopfes am eignen hatte und zu allem saß - ferner, daß Lukas seinen auf zwei Ellenbogen wie auf Karyatiden gestützten Kopf auf den Tisch setzte, jeder Frage nachsinnend, eine Stellung, die seine matten grauen Augen und sein blutloses Gelehrten-Gesicht, zumal unter dem Leichenpuder auf der gebräunten Haut, sehr ins nahe Licht setzte, so wie seinen ewigen regnerischen Feldzug gegen das Geschick - ferner, daß Veronika dicht neben dem Sohne, mit den Händen auf dem Magen betend, stand und das stille Weiber-Auge, das in die närrischen Arbeits-Logen der Männer dringen will, zwischen Examinator und Examinanden hin und wieder gleiten ließ - und zuletzt, daß Vult mit seinen leisen Flüchen zwischen den unreifen Pelzäpfeln saß und neben ihm - da ja alle Leser durch ein Fenster in die Stube sehen - auf den benachbarten Ästen sämtliche 10 deutsche Reichs- und Lese-Kreise oder Lese-Zirkel; so viele tausend Leser und Seelen von jedem Stande, was in dieser Zusammenstellung auf dem Baume lächerlich genug wird. -- Alles ist in der größten Erwartung über den Ablauf des Examens, Knoll in der allergrößten, weil er nicht wußte, ob nicht vielleicht manche mögliche Ignoranzen den Notariandus nach den geheimen Artikeln des Testaments auf mehrere Monate zurückschöben oder sonst beschädigten. »Wie heißet Herr Notariand?« fing er bekanntlich an. »Peter Gottwalt«, versetzte der sonst blöde Walt auffallend frei und laut. - Der geliebte entflogne Göttermensch hob noch seine Brust; nach einem solchen Anblicke werden, wie in der ersten Liebe, uns alle Menschen zwar näher und lieber, aber kleiner. Er dachte mehr an Plato als an Knoll und sich und träumte sich bloß in die Stunde, wo er recht lange darüber mit Goldinen sprechen könnte. »Peter Gottwalt«, hatt' er geantwortet. »'Harnisch' muß noch bei«, sagte sein Vater. »Dessen selben Eltern und Wohnort?« fragte Knoll - Walt hatte die besten Antworten bei der Hand. »Ist Herr Harnisch ehelich geboren?« fragte Knoll - Gottwalt konnte schamhaft nicht antworten. »Das Taufzeugnis ist gelöset«, sagte der Schulz. »Es ist nur um Ordnung willen«, sagte Knoll und fragte weiter: »Wie alt?« - »So alt als mein Bruder Vult,« (sagte Walt) - »vierundzwanzig« - »Jahre nämlich«, sagte der Vater. »Was Religion? - Wo studiert? usw.« Gute Antworten fehlten nicht. »Wen hat Herr Harnisch von den Kontrakten gelesen? - Wie viele Personen sind zu einem Gerichte erforderlich? - Wie viel wesentliche Stücke gehören zu einem ordentlichen Prozesse?« - Der Notariand nannte sehr nötige, schlug aber die Ungehorsams-Beschuldigung nicht an. »Nein, Herr, 13 sind schon nach Beieri Volkmanno emendato«, sagte der Pfalzgraf heftig. »Hat man Kaiser Maximilians Notariats-Ordnung von anno 1512 zu Cölln aufgerichtet nicht nur oft, sondern auch recht gelesen?« fragt' er weiter. »Sauberer und eigenhändiger konnte mans ihm nicht abschreiben als ich, Herr Hofpfalzgraf!« sagte der Schulz. »Was sind Lytae?« fragte Knoll. »Lytae oder litones oder Leute« (antwortete freudig Walt, und Knoll rauchte ruhig zu seiner Vermengung fort) »waren bei den alten Sachsen Knechte, die noch ein Drittel Eigentum besaßen und daher Kontrakte schließen konnten.« - »Eine Zitation dazu!« sagte der Pfalzgraf. »Möser«, versetzte Walt. »Sehr wohl« - antwortete der Fiskal spät und rückte die Pfeife in die Ecke des formlosen Mundes, der nun einer aufgeschlitzten Wunde glich, die man ihm ins Siberien des Lebens mitgegeben - »sehr wohl! Aber lytae sind sehr verschieden von litonibus; lytae sind die jungen Juristen, die zu Justinianus' Zeiten im vierten Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvierten*; und die Antwort war eine Ignoranz.« Gottwalt antwortete gutmütig. »Wahrhaftig, das hab' ich nicht gewußt.« »So wird man wohl auch nicht wissen, was auf den Strümpfen, die der Kaiser bei der Krönung in Frankfurt anhat, steht?« - »Ein Zwickel, Gottwalt«, soufflierte hinter ihm Goldine. »Natürlich«, fuhr Knoll fort; »Herr Tychsen hat es uns folgender Gestalt ins Deutsche übersetzt aus dem arabischen Texte: 'Ein prächtiges königliches Strumpfband.'« - Darüber, über den Text und Übersetzer der Strümpfe, fuhr das Mädchen in ein freies Gelächter aus; aber Vater und Sohn nickten ehrerbietig. Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlöcherten Fischwaage des Examens blöde und stumm gestiegen war, ging der Pfalzgraf ans Kreieren. Er sprach mit der Pfeife und auf dem Sessel Walten den Notariats-Eid auswendig zum Erstaunen aller vor; und Walt sagte ihn mit gerührter Stimme nach. Der Vater nahm die Mütze ab; Goldine hielt ihre Strumpfwirkerei innen. Der erste Eid macht den Menschen ernst; denn der Meineid ist die Sünde gegen den Heiligen Geist, weil er mit der höchsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Throne des moralischen Gesetzes begangen wird. Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied, auf die Fersen gar ausgeschaffen. Dinte, Feder und Papier wurden ihm von Knollen überreicht und dabei gesagt, man investiere ihn hiemit. Ein goldner Ring wurde seinem Finger angesteckt und sogleich wieder abgezogen. Endlich brachte der Comes palatinus ein rundes Käppchen (Barettlein hieß ers) aus der Tasche und setzte es dem Notarius mit dem Beifügen auf den Kopf, ebenso ohne Falten und rund sollen seine Notarien-Händel sein. Goldine rief ihm zu, sich umzudrehen; er drehte ihr und Vulten ein Paar große blaue unschuldige Augen zu, eine hochgewölbte Stirne und ein einfaches beseeltes durchsichtiges, mehr von der innern als von der äußern Welt ausgebildetes Gesicht mit einem feinen Munde, welches auf einem etwas schiefen Torso stand, der wieder seinerseits auf eingeklappten Knie-Winkeln ruhte; aber Goldinen kam er lächerlich und dem Bruder wie ein rührendes Lustspiel vor und im Schanzlooper wie ein Meistersänger aus Nürnberg. Noch wurd' sein Notariats-Signet und das in Haßlau verfaßte Diplom dieser Würde übergeben; - und so hatte Knoll in seiner Glashütte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen - oder bloß in einer andern Metapher, er brachte aus dem Backofen einen ausgebacknen offnen geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus. * Heinecc. hist. jur. civ. stud. Ritter. L. I. § 393. (Zurück) Hierauf ging dieser zum Vater und sagte gerührt mit Hände-Drücken. »Wahrhaftig, Vater, Ihr sollet sehen, welche Wogen auch..... « Mehr konnt' er nicht vor Rührung oder Bescheidenheit sagen. »Konsideriere besonders, Peter, daß du Gott und dem Kaiser geschworen, bei Testamenten 'absonderlich derer Hospitäler und anderer notdürftiger Personen Sachen, desgleichen gemeine Wege befördern zu helfen'. - Du weißt, wie schlecht die Wege ums Dorf sind, und unter den notdürftigen Personen bist du die allererste.« - »Nein, ich will die letzte sein«, versetzte der Sohn. Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen Papier-Wickel - denn die Menschen versilbern, so zu sagen, die Pille des rohen Geldes einander durch Papier, erstlich aus feiner Schonung des fremden Eigennutzes, und zweitens, um es zu verstecken, wenn es zu wenig sein sollte -; der Vater drückt' es höflich in die fiskalische langgedehnte haarige Hand mit den Worten: »Pro rata, Herr Hoffiskalis! Es ist das Schwanz-Geld von unserer Kuh und etwas darüber. »Vom Kaufschilling des Viehs soll der Notarius auskommen in der Stadt. - Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein, der sie uns abgekauft. Es ist blutwenig, aber aller Anfang ist schwer; beim Aufgehen der Jagd hinken die Hunde noch; ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen, der anfangs von nichts lebte. - Sei nur besonders vigilant, Peter, denn sobald der Mensch auf der Welt einmal etwas Braves gelernt« -- »Ein Notarius« - fing heiter Knoll unter dem Geld-Einstecken an und hielt die Pfeife lange ans Licht, eh' er fortfuhr - »ist zwar nichts Sonderliches, im Reiche seynd viel, nämlich Notarii, sagt der Reichs-Abschied von 1500 Art. XIV, wiewohl ich selber meines Orts nur Notarien machen kann, und doch kein Instrument.« - »Wie mancher Pfalzgraf und mancher Vater« - sagte leise Goldine - »keine Gedichte, aber doch einen Dichter.« - »Indes ist in Haßlau« - fuhr er fort - »so oft bald ein Testament, bald ein Interrogatorium, bald ein Vidimus, zuweilen, aber höchst selten eine donatio inter vivos zu machen; falls nun der junge Mensch advoziert« - »Das muß mein Peter«, sagte Lukas - »- Falls ers aber« - fuhr er fort - »recht macht, anfangs schlechte, zweideutige Prozesse mit Freuden annimmt, weil große Advokaten sie von der Hand weisen, letztere häufig konsultiert, sich windet und bückt und dreht« - »So kann er ein rechtes Wasser auf desjenigen Mühle werden, der sein Vater ist, ja eine ganze Mühlwelle; er kann ihm ja nach Gelegenheit von Zeit zu Zeit ein beträchtliches Stück Geld zufertigen«, sagte der Vater - »O meine Eltern, wenn ich das einmal könnte!« sagte leise Walt entzückt. »O Gott, steh' mir bei,« sagte Lukas zornig, »wer denn sonst? Etwan dein Spitzbube, dein Landläufer und Querpfeifer, der Vult?« - Dieser schwur auf seinem Baume, vor einem solchen Vater sich ewig zu verkappen. »Falls nun« - fuhr Knoll lauter und unwillig über das Stören fort - »der junge Anfänger kein eingebildeter Narr oder Neuling ist, sondern ein Mensch, der bloß im juristischen Fache lebt und webt, wie hier sein vernünftiger Vater, der vielleicht mehr vom Jus versteht.....« Nun konnte Lukas sich nicht mehr halten: »Herr Hoffiskalis! Peter hat seines Vaters Sinn nicht; mich hätte man jura lassen sollen. Gott! ich hatte Gaben und mein Pferdgedächtnis und Sitzfleisch. - Es ist nur ein schlechter Gerichtsmann, der nicht zugleich ein Zivilist - ein Kameralist - ein Kriminalist - ein Feudalist - ein Kanolist - ein Publist ist, soweit er kann. Längst hätt' ich dieses mein Amt niedergelegt - denn was zieh' ich weiter davon als jährlich 3 Scheffel Besoldung und die Faß-Kanne und viel Versäumnis und Verdrüßlichkeit -, wär' im ganzen Dorf ein Mensch zu haben, ders wieder nähme und scharmant versähe. Wo sind denn die vielen Schulzen hier zu Lande, die vier Schulzenordnungen im Hause haben wie ich, nämlich die alte gothaische, die kursächsische, die württembergische und die haarhaarische? - Und setz' ich nicht in jede Bücherlotterie und erstehe die gescheutesten Sachen, unter andern: 'Julii Bernhards von Rohr vollständiges Haushaltungs-Recht, in welchem die nützlichsten Rechtslehren, welche sowohl beiden Landgütern überhaupt, derselben Kaufung, Verkaufung und Verpachtung, als insonderheit bei dem Ackerbau, Gärtnerei etc. etc. und andern ökonomischen Materien vorkommen, der gesunden Vernunft, denen römisch- und teutschen Gesetzen nach ordentlich abgehandelt werden, allen denenjenigen, so Landgüter besitzen, oder dieselben zu administrien haben, höchst nützlich und ohnentbehrlich. Die andere Auflage. Leipzig, 1738 - Verlegts J. Ch. Martini, Buchhändler in der Grimmischen Straße.' Es macht aber zwei Bände, sehen Sie!« - »Ich habe sie selber«, sagte Knoll. - »Nun wohl!« (schloß der Vater daraus weiter fort) »Muß ein Gerichtsmann nicht wie ein Hufschmidt die Taschen schon im Schurzfell bei der Hand haben, nicht erst in den Hosen? O du lieber Gott, Herr Fiskalis, wo zu pfänden ist - zu taxieren - zu einquartieren - mündlich und schriftlich Unzähliges anzuzeigen - wo Kränze um Brunnen zu machen, Zigeuner aus dem Lande zu jagen, auf Straßen und Feuerschau zu schauen -wo in Dörfern Pesten, Exzesse, Spitzbübereien sind: - da ist ja ein Gerichtsmann der erste dabei und zeigt die Sachen an, sowohl bei löblicher Landeshauptmannschaft als, wenn der Fall, bei der Ritterschaft. Was Wetter! da kann er nicht wie eine Kanzeluhr die Woche nur einmal gehen, Tag für Tag läuft er zum größten Schaden seiner Wirtschaft in alle Löcher - in alle Felder und Wälder - in alle Häuser und nachher in die Stadt und rapportierts mündlich, worauf ers schriftlich aus der Tasche zieht. Es sollen mir Pferdner und Anspänner oder Hintersättler hertreten und sagen: Lukas, lasse die Flausen! Du bist auch da und da fahrlässig gewesen! O solche große Verleumder! sehen sie denn nicht, daß ich mich darüber klaftertief in Schulden stecke, und wäre künftig der Notarius und Tabellio nicht....« »Hör' einmal auf, Gerichtsmann«, sagte Veronika und wandte sich an den Fiskal, dessen Schuldner ihr Mann war - »Herr Fiskal, er sagt das nur so, um etwas zu sagen. Begehren Sie nichts? - Und ich habe nachher eine große Frage zu tun.« Lukas schwieg sehr willig und schon gewohnt, daß in seiner Ehe-Sonatine die linke Hand, die Frau, weit über die rechte herauf griff in die höchsten Töne zum harmonischen Vorteil. »Er schnapse gern vor dem Essen«, versetzte Knoll zu Walts Erstaunen über ein solches Postillions-Zeitwort von einem Stadt- und Hofmann. Die Mutter ging und brachte in der einen Hand das Extrapost-Blut und Elementarfeuer, aber in der andern ein dickes Manuskript. Walt nahm es ihr blutrot weg. Goldinens Augen schimmerten entzückt. »Du mußt aus dem Liederbuch lesen,« sagte die Mutter, »der gelehrte Herr sollen sagen, ob es taugt. Herr Kandidat Schomaker will es sehr loben.« »Und ich lob' es wirklich«, sagte Goldine. Da trat der Kandidat selber herein, warf sich bloß vor dem Fiskale krumm und salutierte mit blitzenden Augen. Er sah aus allen, daß die Freuden-Post des Testaments noch nicht in der Stube erschollen war. »Sehr spät,« sagte Lukas, »der exzellente Aktus ist ganz vorbei.« Ausführlich beteuerte der Kandidat, er sei erst gegen Vesperzeit aus der Stadt gekommen; »ich steh' auch« - sagte er und sah gern den Schulzen an, vergnügt, daß er nicht einen so vornehmen und bedenklichen Herrn wie Knoll beschauen mußte - »schon seit einer geraumen Vierteil-Stunde unten im Hofe, habe mich aber vor fünf Gänsen, welche vor der Türe Flügel und Schnabel gegen mich aufgemachet, nicht hereingetraut.« - »Nein, sechs warens«, sagte die satirische Jüdin. »Oder auch sechs«, versetzte er; »genung, eine ist genung, wie ich gelesen, um einen Menschen durch einen wütigen Biß ganz toll und wasserscheu zu machen.« »Ah ça! « wandt' er sich zu Walten (mehr französisch konnt' er nicht), »Ihre Polymeter!« »Was sinds?« fragte Knoll trinkend. »Herr Graf,« (sagte Schomaker und ließ die Pfalz weg) »in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten, meines Schülers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlängert, seiten-, bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter.« Vult fluchte aus Ungeduld zwischen den Äpfeln. Walt stellte sich endlich mit dem Manuskripte und mit dem Profil seiner Bogenstirn und seiner geraden Nase vor das Licht - blätterte über alle Beschreibung lange und blöde nach dem Frontispiz seines Musentempels - der Kandidat tat mit der einen Hand in der Weste, mit der andern in der Hose drei Streck-Schritte nach Vults Fenster, um hinaus zu - spucken. Stotternd, aber mit schreiender ungebildeter Stimme fing der Dichter an: Nro. 9: Schwefelblumen Streckverse »Ich weiß nicht, ich finde jetzt kein rechtes Gedicht, ich muß auf Geratewohl ausheben: Der Widerschein des Vesuvs im Meer 'Seht, wie fliegen drunten die Flammen unter die Sterne, rote Ströme wälzen sich schwer um den Berg der Tiefe und fressen die schönen Gärten. Aber unversehrt gleiten wir über die kühlen Flammen, und unsere Bilder lächeln aus brennender Woge.' Das sagte der Schiffer erfreut und blickte besorgt nach dem donnernden Berg' auf. Aber ich sagte: 'Siehe, so trägt die Muse leicht im ewigen Spiegel den schweren Jammer der Welt, und die Unglücklichen blicken hinein, aber auch sie erfreuet der Schmerz.'« »Was weint denn der wunderliche Mensch, da er ja alles sich selber ausgesonnen?« rief Lukas. »Weil er selig ist«, sagte Goldine, ohne es zu treffen; es war bloß das Weinen der Bewegung, die weder eine entzückte noch betrübte, sondern nur eine Bewegung zu sein braucht. Er las jetzt: »Der Kindersarg in den Armen Wie schön, nicht nur das Kind wird leicht in den Armen gewiegt, auch die Wiege. Die Kinder Ihr Kleinen steht nahe bei Gott, die kleinste Erde ist ja der Sonne am nächsten. Der Tod unter dem Erdbeben* Der Jüngling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine, um sie schlief der Himmel, und die Erde war leise - die Vögel schwiegen - der Zephyr schlummerte in den Rosen ihres Haars und rückte kein Löckchen. Aber das Meer stieg lebendig auf, und die Wellen zogen in Herden heran. 'Aphrodite,' betete der Jüngling, 'du bist nahe, dein Meer bewegt sich gewaltig, und die Erde ist furchtsam, erhöre mich, herrliche Göttin, verbinde den Liebenden ewig mit seiner Geliebten.' Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fuß der heilige Boden, die Myrten bogen sich zu ihm, und die Erde donnerte, und ihre Tore sprangen ihm auf. - Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte, und der selige Jüngling stand bei ihr, denn die Göttin hatte sein Gebet gehört.« Vult fluchte gewaltig im Laube vor lauter Jubel, seine sonst leicht zufallende Seele stand weit den Musen offen: »Liebes Gottwältlein! du allein sollst mich kennen lernen; ja bei Gott, das geht an, das muß er mit ausführen - Himmel! wie wird der blöde göttliche Narr erstaunen, wenn ichs ihm vorlege«, sagte er und hatte einen neugebornen Plan im Sinne. »Ich sollte meinen,« (sagte Schomaker) »daß er die Auktoren der Anthologie nicht ohne Nutz unter mir studieret.« Da Knoll nicht antwortete, sagte der Vater: »Lies weiter!« Mit schwächerer Stimme las Walt: »Bei einem brennenden Theatervorhang Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst, stiegst du langsam hinauf. Jetzt verschlingt dich schnell die hungrige Flamme, und verworren, unselig und dampfend erscheint die Bühne der Freude. Leise steige und falle der Vorhang der Liebe, aber nie sink' er als feurige Asche auf immer darnieder. Die nächste Sonne Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau, ihr fremder Strahl fliegt seit Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du sanfter, naher Gott, kaum tut ja der Menschengeist sein kleines, junges Aug auf, so strahlst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister! Der Tod eines Bettlers Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stöhnte sehr im Schlaf. Da rief der Arme laut, um den Greis aus einem bösen Traum aufzuwecken, damit den matten Busen nicht die Nacht noch drücke. Der Bettler wurde nicht wach, aber ein Schimmer flog über das Stroh; da sah der Arme ihn an, und er war jetzt gestorben; denn Gott hatt' ihn aus einem längern Traum aufgeweckt. Die alten Menschen Wohl sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber sie zeigen alle nach Morgen. Der Schlüssel zum Sarge 'O schönstes, liebstes Kind, fest hinunter gesperrt ins tiefe dunkle Haus, ewig halt' ich den Schlüssel deiner Hütte, und niemals, niemals tut er sie auf!' - Da zog vor der jammernden Mutter die Tochter blühend und glänzend die Sterne hinan und rief herunter: 'Mutter, wirf den Schlüssel weg, ich bin droben und nicht drunten!'« * Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Luft still, nur das Meer woget. (Zurück) Nro. 10: STINKHOLZ Das Kapaunengefecht der Prosaisten »O Himmel, wär's nur morgen, Brüderlein! Es ist verdammt, man sollte nie passen müssen«, sagte Vult. - »Ich habe genug«, sagte Knoll, der bisher die eine Tabakswolke gerade so groß und so langsam geschaffen hatte wie die andere. - »Ich meines Parts«, sagte Lukas, »kann mir nichts Rechts daraus nehmen, und den Versen fehlt auch der rechte Schwanz, aber gib her. - »Fromme und traurige Sachen stehen wohl darin«, sagte die Mutter. Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch in der goldnen Morgenwolke der Dichtkunst, und außen vor der Wolke stehe, kam es ihm vor, der ferne Plato als Sonnenball und durchglühe sie. Der Kandidat Schomaker sah scharf auf den Pfalzgrafen und passete auf Entscheidungen. Aus religiöser Freiheit glaubte er überall zu sündigen, wo er eilen sollte und wagen. Daher hatt' er nicht den chirurgischen Mut, seine Schulkinder ordentlich zu prügeln - er ängstigte sich vor möglichen Frakturen, Wundfiebern und dergleichen -, sondern er suchte sie von weitem zu züchtigen, indem er in einer Nebenkammer dem Züchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt. »Meine Meinung« - fing Knoll mit bösem Niederzug seiner schwarzwaldigen Augenbraunen an - »ist ganz kurz diese: Dergleichen ist wahrlich rechter Zeitverderb. Ich verachte einen Vers nicht, wenn er lateinisch ist, oder doch gereimt. Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und - schmeichl' ich mir nicht - etwas andere als diese. Ja, als comes palatinus kreier' ich ja eigenhändig Poeten und kann sie also am wenigsten ganz verwerfen. Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer, die nichts zu tun und genug zu leben haben, können in der Tat Gedichte machen und lesen, so viele sie wollen; aber nur kein gesetzter Mensch, der sein gutes solides Fach hat und einen vernünftigen Juristen vorstellen will - der soll es verachten, besonders Verse ohne allen Reim und Metrum, dergleichen ich 1000 in einer Stunde hecke, wenns sein muß.« - Vult genoß still den Gedanken, daß er in Haßlau schon Zeit und Ort finden werde, dem Pfalzgrafen durch Öl ins Feuer und durch Wasser ins brennende Öl zur Belohnung irgendein Bad zu bereiten und zu gesegnen. - Und doch konnt' ers vor Zorn kaum aushalten, wenn er bedachte, daß der Kandidat und der Pfalzgraf so lange dastanden, ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken. Hätt' er sehen und schreiben können, er hätte einen Stein mit einem Rapport-Wickel als sanfte Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen. »Hörst du?« sagte Lukas. »Sie sind auch eben nicht schön geschrieben, wie ich sehe« und machte blätternd einen Versuch, das Manuskript ins Licht hinein zu halten. Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter entriß es ihm plötzlich mit greifender Faust. - »In den Nebenstunden aber denn doch so etwa?« fragte Schomaker, für welchen der einzige Titel Hoffiskal einen Ruprechts-Zwilling und Doppelhaken in sich faßte; denn schon, wo einem Worte Hof oder Leib zum Vorsprung anhing - und wars an einem Hofpauker und Leibvorreiter -: da sah er in eine gehelmte Vorrede (praefatio galeata) und hatte seine Schauer; wie vielmehr bei dem Worte Fiskal, das jeden auf Pfähle oder in Türme zu stecken drohte. »In meinen Nebenstunden«, versetzte Knoll, »las ich alle mögliche auftreibliche Aktenstücke und wurde vielleicht das, was ich bin. Überspannte Floskeln hingegen greifen zuletzt in dem Geschäftsstil Platz und vergiften ihn ganz; ein Gericht weiset dergleichen dann zurück als inept.« - »Natürlich denn und verzeihlich daher,« (fing Schomaker als Selbstkrummschließer an) »daß ich aus Unkunde der Rechtskunde diese mit der Poesie vereinbaren wollen; aber ganz wahrscheinlich deshalb, daß Herr Harnisch, seinem alleinigen Fache heißer sich weihend, nun ganz vom poetischen absteht: nicht gewiß, gewiß, Herr Notar?« Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch - den Abfall des sonst lobenden Lehrers für eine Hofmännerei ansehend, die gleich einem Balbiermesser sich vor- und rückwärts beugt, obgleich Schomaker bloß nicht fähig war, so auf der Stelle, in der Schnelle, einem Thron-Diener gegenüber und bei der Liebe für den Schüler im Herzen sogleich das Jus auszufinden, sondern immer zu leicht fürchtete, unter der Hand gegen seinen Fürsten zu rebellieren, indes er sonst bei dem Bewußtsein des Rechts jeder Not und Gewalt entgegengezogen wäre - da schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Löwe empor, sprang vor den Kandidaten und ergriff dessen Achseln mit beiden Händen und schrie aus lang gemarterter Brust so heftig auf, daß der Kandidat wie vor nahem Totschlag aufhüpfte: »Kandidat! bei Gott, ich werde ein guter Jurist von fleißiger Praxis, meiner armen Eltern wegen. Aber, Kandidat, ein Donnerkeil spalte mein Herz, der Ewige werfe mich dem glühendsten Teufel zu, wenn ich je den Streckvers lasse und die himmlische Dichtkunst.« Hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig: »Ich dichte fort« - alle schwiegen erstaunt - in Schomaker hielt noch halbes Leben - Knoll allein zeigte ein grimmiges eisernes Lächeln - auch Vult wurde auf seinem Aste wild, schrie: »Recht, recht!« und griff blindlings nach unreifen Pelzäpfeln, um eine Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern. - Darauf ging der Notar als Sieger hinaus, und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach: »Es geschieht euch recht, ihr Prosaner!« - Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum und hob nach der Sternenseite des Lebens, nach dem Himmel, das beseelte Antlitz, auf welchem alle seine Gedichte und Träume zu zählen waren. Beinahe wäre der Flötenspieler auf die verletzte Brust als ein weicher Pfühl herabgefallen; er hätte gern den nassen guten Sangvogel, dem es wie der Lerche gegangen, die auf das tote Meer, als wäre es blühendes Land, herunterstürzt und darin ersäuft, hoch unter die trocknende Sonne gehalten; aber Goldinens Ankunft verbot die schöne Erkennung, sie nahm Walts Hand, aber er schaute noch immer mit tauben Augen nach der Höhe, wo nur helle Sterne, keine trübe Erde standen. »Herr Gottwalt,« sagte sie, »denken Sie nicht mehr über die prosaischen Pinsel. Sie haben Sie abgetrumpft. Dem Juristen streu' ich heute noch Pfeffer in den Tabak und dem Kandidaten Tabak in den Pfeffer.« - »Nein, liebe Goldine,« fing er mit schmerzlich sanfter Stimme an, »nein, ich war es heute nicht wert, daß mich der große Plato küßte. War es denn möglich? - Gott! es sollte ein froher letzter Abend werden. - Teuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld zum Notariate her - der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden fast in allem - Gott segnet mich mit dem Himmel an Platos Herzen -- und ich Satan fahre so höllisch auf! O Gott, o Gott! - Aber mein alter Glaube, Goldine, wie trifft er immer ein: nach jeder rechter inniger Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Unglück.« »Das dacht' ich gleich«, sagte Goldine zornig; »man schlage Sie ans Kreuz, so werden Sie eine festgenagelte Hand vom Querbalken losarbeiten, um damit einem Kriegsknecht seine zu drücken. - Haben denn Sie oder die Strohköpfe droben den heutigen Weinmonat, ich möchte sagen zum Weinessigmonat, versäuert?« - »Ich kenne«, versetzte er, »keine andere Ungerechtigkeiten gewiß und genau, als die ich an andern verübe; - die, so andere an mir begehen, können mir wegen der Ungewißheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden sein. Ach es gibt ja mehr Irrtümer des Hasses als der Liebe. Wenn nun einmal eine Natur, welche die Antithese und Dissonanz der meinigen ist, existieren sollte, wie von allem die Antithesen: so könnte sie mir ja leicht begegnen; und da ich ebensowohl ihre Dissonanz bin als sie meine, so hab' ich nicht mehr über sie zu klagen als sie über mich.« Goldine konnte, wie Vult, nichts gegen diese Denkweise einwenden, aber beiden war sie äußerst verdrüßlich. Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig der Vater: »Renne, Peter, renne, wir stehen im Testament und werden vorbeschieden auf den 15ten hujus.« Nro. 11: Fisetholz Lust-Chaos Der Pfalzgraf hatte das Erstarren über Walts Sturmlaufen mit der Bemerkung flüssiger gemacht, daß der »Sansfaçon« es nicht verdiene, in einem wichtigen Testamente zu stehen, zu dessen Eröffnung er ihn vorzuladen habe, und dessen Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrugen. Da war das Anschlagerad und der Dämpfer gerichtlich von des Schulmeisters ton- und wortvoller Seele abgehoben, und er konnte nun alle Glocken läuten - er wußte und gab die angenehmsten Artikel des Testaments, welche der Fiskal durch die unangenehmen ganz bestätigte. Der Kandidat handelte so lange ungewöhnlich sanft nach einer Beleidigung, bis man ihn ersuchte, sie zu vergeben. Lukas rief schon im halben Hören Walten wie toll hinein, um nur etwas zu reden. Von zarter Schamröte durchdrungen, erschien dieser - niemand gab auf ihn acht - man steckte im Testamente, ausgenommen Knoll. Dieser hatte gegen den Jüngling seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Haß gefaßt - so wie die Musik zwar Nachtigallen zum Schlagen reizt, aber Hunde zum Heulen -, weil ihm der eine Umstand, daß ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte (was seinen fiskalischen Kern anfraß), mehr wehe tat als der andere süß, daß sein Eigennutz selber keinen Erben hätte auslesen können, der geschickter wäre, die Erbschaft zu verscherzen. Walt hörte gerührt der Wiederholung und Forterzählung der Erb-Ämter und der Erbstücke zu. Als um Lukas Ohren jetzt die Worte »11000 Georgd'ors in der Südsee-Handlung und zwei Fronbauern samt Feldern in Elterlein« flatterten, stand sein Gesicht, das der plötzliche warme Süd-Zephyr des Glückes umspülte, wie zergangen und verblüfft da, und er fragte: »Den 15ten? 11000?« - Darauf warf er seine Mütze, die er in der Hand hatte, weit über die Stube weg - sagte: »Den hujus dieses?« - Darauf schleuderte er ein Bierglas gegen die Stubentüre über Schomakern weg. »Gerichtsmann,« rief die Frau, »was ist Euch?« - »Ich habe so mein Gaudium«, sagte er. »Nun aber komme mir der erste beste Hund aus der Stadt, ich will ihn lausen, breit tret' ich das Vieh. Und wir werden alle geadelt, wie wir hier sitzen, und ich bleibe der adelige Gerichtsherr - oder ich werde der Gerichthalter und studiere. Und auf meine Kabelschen Grundstücke säe ich nichts als Reps.« »Mein Freund,« sagte verdrüßlich der Fiskal, »Sein poetischer Sohn hat noch vorher einige Nüsse aufzubeißen, dann ist der der Erbe.« - Mit Freuden-Tränen trat der Notar zum enterbten Fiskal und zog dessen zähe Hände mit der Versicherung an sich: »Glauben Sie mir, Freuden-Bote und Evangelist, ich werde alles tun, um die Erbschaft zu erringen, alles, was Sie gefodert haben« - (»Was wollt Ihr mit mir?« sagte Knoll, die Hände wegziehend) - »denn ich tue es ja für Menschen,« (fuhr Walt fort, alle andere ansehend) »die noch mehr für mich getan, vielleicht für den Bruder, wenn er noch lebt. Sind denn die Bedingungen nicht so leicht, und die letzte so schön, die vom Pfarrerwerden? - Der gute Van der Kabel! Warum ist er denn so gut gegen uns? Ich entsinne mich seiner lebhaft, aber ich dachte, er liebte mich nicht. Doch mußt' ich ihm meine Streckverse vorlesen. Kann man denn zu gut von den Menschen denken?« Vult lachte und sagte: »Kaum!« Ganz blöde und schamhaft trat Walt zu Schomaker mit den Worten: »Vielleicht verdanke ich der Dichtkunst die Erbschaft - und gewiß die Dichtkunst dem Lehrer, der mir die vorige Minute vergebe!« - »So sei vergessen,« versetzte dieser, »daß man mich vorhin nicht einmal mehr Herr genannt, was doch so allgemein. Wonne herrsche jetz! - Aber Ihr Herr Bruder, dessen Sie gedachten, lebt noch und im Flore. Ein lebhafter Herr van der Harnisch vergewisserte mich dessen, zohe mich aber in eine unerlaubte Ausschwatzung Ihres Hauses hinein, für die mir Ihre Verzeihung so wenig entstehe, als Ihnen die meine!« Der Notar rief es durch das Zimmer, der Bruder lebe noch. »Im erzgebürgischen Elterlein traf ihn der Herr in der Stadt«, sagte Schomaker. - »O Gott, er kommt gewiß heut oder morgen, beste Eltern«, rief Walt entzückt. - »Soll mir lieb sein,« sagte der Schulz, »ich werd' ihm unter der Haustüre mit der Habern-Sense die Beine abmähen und ihn mit einem Holzapfel erstecken, einen solchen Vagabunden!« - Gottwalt aber trat zu Goldinen, die er weinen sah, und sagte: »O ich weiß es worüber, Gute« - und setzte leise hinzu: »Über das Glück Ihres Freundes.« - »Ja bei Gott!« antwortete sie und sah ihn entzückter an. Die Mutter warf nur die Bemerkung, wie oft ihr Gemüt durch ähnliche Sagen von ihres guten Kindes Wiederkunft betrogen worden, flüchtig unter die Männer, um sich bloß mit dem verdrüßlichen Fiskale abzugeben, welchem sie freundlich alle böse Klauseln des Testaments deutlich abfragte. Den Pfalzgrafen aber verdroß das von seiner Erbportion bestrittene Freudenfest am Ende dermaßen, daß er hastig aufstand, die Zitationsgebühren im Namen des Ratsdieners forderte und den männlichen Jubelköpfen die Hoffnung aufsagte, ihn am Abendtische unter sich zu haben, weil er lieber, gab er vor, bei dem Wirte drüben speise, der schon seinem Vater ein Darlehn schuldig sei, wovon er seit so vielen Jahren, sooft er Gericht halte, etwas abesse und abtrinke, um zu dem Seinigen zu kommen. Als er fort war, stieg Veronika auf ihre weibliche Kanzel und hielt ihre Brandpredigten und Inspektionsreden an die Männer: sie müßtens haben, wenn der Fiskal ihnen das Kapital aufkündigte; ihr Frohtun habe ihn als einen ausgeschlossenen Erben ja verschnupfen müssen. - »Zieht denn aber er oder ich die Interessen für jetz, he? - Er!« sagte Lukas. - Schomaker fügte noch den Bericht bei, daß schon der Frühprediger Flachs das Kabelsche ganze Haus in der Hundsgasse durch weniges Weinen erstanden. Der Schulz fuhr klagend auf und versicherte, das Haus sei seinem Sohne so gut wie gestohlen; denn weinen könne jeder; dieser aber sagte, es tröst' ihn ordentlich über sein Glück, daß ein anderer armer Erbe auch etwas habe. Veronika versetzte: »Du hast noch nichts. Ich bin nur eine Frau, aber im ganzen Testamente merk' ich eine Partitenmacherei. Seit vorgestern wurde schon im Dorfe von Erbschaften gemunkelt von fremden Stadtherren, ich sagte aber gern meinem Gerichtsmanne nichts. Du, Walt, hast gar kein Geschick zu Welthändeln; und so können leicht zehn Jahre verstreichen, und du hast nichts, und bist doch auch nichts; wie dann, Gerichtsmann?« - »So schlag' ich ihn«, sagte dieser, »tot, wenn er nicht so viel Verstand zeigt wie ein Vieh; und von dir, Vronel, wars auch keiner, mich nicht zu avertieren.« - »Ich verpfände mich«, sagte Schomaker, »für Herrn Notars Finesse. Poeten sind durchtriebene Füchse, und haben Wind von allem. Ein Grotius, der Humanist, war ein Gesandter - ein Dante, der Dichter, ein Staatsmann - ein Voltaire, der beides, auch beides.« Vult lachte, nicht über den Schulmann, aber über den gutherzigen Walt, als dieser sanft beifügte: »Ich habe vielleicht aus Büchern mehr Weltklugheit geschöpft als Ihr denkt, liebe Mutter. - Aber nun nach zwei Jahren, allgütiger Gott! - Wenigstens malen wollen wir uns heute die glänzende Zeit, wo alle hier frei und freudig leben, und ich nichts von allem brauche und wünsche, weil ich zu glücklich auf zwei alten heiligen Höhen wohne, auf der Kanzel und dem Musenberg« - »Du sollst dann auch«, sagte Lukas, »streckversen den ganzen Tag, weil du doch ein Narr darauf bist, wie dein Vater aufs Jus.« - »Jetzt aber werd' ich sehr aufmerksam«, sagte Walt, »das Notarienwesen treiben, besonders da ich es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe; das Advozieren kann nun wohl wegbleiben.« - »Seht ihr,« rief die Mutter, »er will nur wieder recht über seine langen Verse her, denn er hats ja vorhin so gotteslästerlich beschworen - ich hab' es nicht vergessen, Walt!« »So wollt' ich doch, daß Donner und Teufel« - rief Lukas, der rein-froh sein wollte - »muß man denn aus jedem Turmknopf einen Nadelknopf machen wie du?« Er wollte gerade das Umgekehrte vorbringen. Er zog den Ehemanns-Vexierzug: »Schweig!« Sie tats immer sogleich, wiewohl mit dem Entschluß, etwas später erst recht anzufangen. Man schritt zur Abend-Tafel, wie man dastand, Walt im Schanzlooper, obgleich in der Heu-Ernte, weil er sein Nanking-Röckchen schonte. Goldinens Freudenwein war mit vielen Tränen über die Trennung des Morgens gewässert. Der Notar war unendlich entzückt über die Entzückung des Vaters, welcher allmählich, da er sie ein wenig verdauet hatte, nun milder wurde und anfing, mit Trenchiermesser und Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegenzugehen und dem Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen: »Du bist mein Glück.« So lange verharrte Vult auf dem Baume. Als aber die Mutter nun erst die ausführlichen Berichte Schomakers über den Flötenspieler um ihr warmes Herz versammlen wollte, stieg er, um nichts zu hören, weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob süß, vom Baume herunter, schon beglückt genug durch den Bruder, dessen Unschuld und Dichtkunst ihn so liebend-eng umstrickten, daß er gern die Nacht im Abendrot ersäuft hätte, um nur den Tag zu haben und den Poeten an der Brust. Nro. 12: Unechte Wendeltreppe Reiterstück Früh am betaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Haustüre reit- und reisefertig. Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommer- und Frühlings-Rock von Nanking am Leibe, weil er als Universalerbe mehr aufwenden konnte, einen runden weißen braungeflammten Hut auf dem Kopf, die Reit-Gerte in der Hand und Kindestränen in den Augen. Der Schulz rief halt, sprang zurück und sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung, die er ihm in die Tasche steckte. Drüben vor dem Wirtshause stand der knappe flinke Student Vult im grünen Reisehut und der Wirt, welcher der Familien-Antichrist und ein Linker war. Das Dorf wußte alles und paßte. Es war des Universalerben erster Ritt in seinem Leben. Veronika - die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln für Eröffnung und Erfüllung des Testaments vorgezeichnet hatte - zerrete den Schimmel am langen Zügel aus dem Stall. Walt sollte hinauf. Über den Ritt und Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen - mehr als ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstück zu geben, lieferte aber freilich mehr die rohen Farbhölzer auf die Leinwand als deren feinsten Absud - auch ist das mein erstes Tierstück von Belang, das ich in die Gänge dieses Werks aufhänge und festmache --: ich werde demnach einige Mühe daran wenden und die größte Wahrheit und Pracht. In der Apokalypsis stand so lang ein alter verschimmelter Schimmel, bis ihn der Fleischer bestieg und aus ihr in die Zeit herüberritt. Der poetische Lenz liegt weit hinter dem Gaul, wo er eignes Fleisch statt des fremden trug und mit eignen Haaren den Sattel auspolsterte; er hat das Leben und den Menschen - dieses reitende Folterpferd der wunden Natur - zu lange getragen. Der aus zitternden Fühlfaden gesponnene Notar, der den Tag vorher im Stalle um dessen Keilschrift der Zeit, um die Stigmen von Sporen, Sattel und Stangengebiß, herumging, hätte für Geld keinen Finger in die Narben legen können, geschweige am Tage darauf die Knuten-Schneide oder den Sporendolch. Hätte doch der Himmel dem Konföderations-Tiere des Menschen nur irgendeinen Schmerzenslaut beschert, damit der Mensch, dem das Herz nur in den Ohren sitzt, sich seiner erbarmte. Jeder Tierwärter ist der Plagegeist seines Tiers; indes er gegen ein anderes, z.B. der Jäger gegen das Pferd, der Fuhrmann gegen den Jagdhund, der Offizier gegen Leute außer dem Soldatenstande, ein wahres weichwolliges Lamm ist. Dieser Schimmel betrat am Morgen die Bühne. Der Notar hatte den Tag vorher den Gaul an eine seiner Gehirnwände festgebunden und - wie die rechte Seite des Konvents und des Rheins - sich immer die linke vorgestellt, um daran aufzusteigen; - in alle Stellungen hatt' er in seinen vier Gehirnkammern das Schulroß gedreht, geschwind es links bestiegen und so sich selber völlig zugeritten für den Gaul. Dieser wurde gebracht und gewandt. Gottwalts Auge blieb fest an den linken Steigbügel gepicht - aber sein Ich wurd' ihm unter den Händen zu groß für sein Ich - seine Tränen zu dunkel für sein Auge - er besteige, merkt' er, mehr einen Thron als einen Sattel - die linke Roß-Seite hielt er noch fest; nur kam jetzt die neue Aufgabe, wie er die eigne linke so damit verknüpfen könnte, daß beide die Gesichter vorwärts kehrten. - Wozu die teuflische Qual! Er probierte, wie ein preußischer Kavallerist, rechts aufzuspringen. Pfiffen Leute wie Vult und der Wirt seine Probe aus, so zeigten sie weiter nichts, als daß sie nie gesehen hatten, wie emsig preußische Kavalleristen auf dem rechten Bügel aufsitzen lernen, um gesattelt zu sein, falls einmal der linke entzweigeschossen wird. Auf dem Sattel hat nun Walt als Selbst-Quartiermeister das Seinige zu tun, alles zu setzen - sich gerade und sattelfest -, auszubreiten - die Finger in die Zügel, die Rockschöße über den Pferderücken -, einzuschichten - die Stiefel in die Steigeisen -; und anzufangen - den Abschied und Ausritt. An letztern wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen. Walts delikates Rückwärtsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel, als wichse man ihn mit einem Pferde-Haar. Ein paar mütterliche Handschläge auf den Nacken nahm er für Streicheln. Endlich kehrte der Gerichtsmann eine Heugabel um und gab ihm mit dem Stiel auf den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag, um damit seinen Sohn als Reiter aus dem Dorfe in die Welt zu schicken, sowohl in die gelehrte als schöne. Das war dem Tier ein Wink, bis an den Bach vorzuschreiten; hier stand es vor dem Bilde des Reiters fest, kredenzte den Spiegel, und als der Notar droben mit unsäglicher Systole und Diastole der Füße und Bügel arbeitete, weil das halbe Dorf lachte und der Wirt ohnehin, glaubte der Harttraber seinen Irrtum des Stehens einzusehen und trug Walten von der Tränke wieder vor die Stalltüre hin, stört' aber die Rührungen des Reiters bedeutend. »Wart' nur!« sagte, ins Haus laufend, der Vater, kam wieder und langte ihm eine Büchsenkugel zu: »Setz' ihm die ins Ohr,« sagt' er, »so will ich kavieren, er zieht aus, weil doch das Blei die Bestie kühlen muß, glaub' ich.« Kaum war das Rennpferd, wie ein Geschütz, mit dem Kopf gegen das Tor gerichtet und das Ohr mit der Schnellkugel geladen: so fuhr es durchs Tor und davon; - und durch das mit Augen bestellte Dorf und vor des Kandidaten Glückwunsch flog der Notarius vorüber, oben sitzend, mit dem Gießbuckel des ersten Versuchs, als ein gebogenes Komma. »Weg ist er!« sagte Lukas und ging zu den Heuschobern hinaus. Still wischte die Mutter mit der Schürze das Auge und fragte den Großknecht, worauf er noch warte und gaffe. Nur ein weinendes Auge hatte Goldine mit dem Tuche bedeckt, um mit dem andern nachzublicken, und sagte: »Es geh' Ihm gut!« und ging langsam in sein leeres Studierstübchen hinauf. Vult eilte dem reitenden Bruder nach. Als er aber vor dem Maienbaume des Dorfs vorüberging und am Fenster die schönäugige Goldine und im Hausgärtchen die einsame Mutter erblickte, die mit tropfenden Augen, noch im Sitzen gebückt, große Bohnen steckte und Knoblauch band: so überströmte seines Bruders warmes mildes Blut plötzlich sein Herz, und er lehnte sich an den Baum und blies einen Kirchenchoral, damit beider Augen sich süßer löseten und ihr Gemüt aufginge; denn er hatte an beiden den kecken scharfen Seelen-Umriß innigst wert gewonnen. Es war schade, daß der Notarius, der samt dem Schimmel auf Wiesenflächen zwischen grünschimmernden Hügeln, im blauen wehenden Tage flog, es nicht wußte, daß hinter ihm sein Bruder sein fernes Dörfchen und gerührte liebe Herzen mit Echos erfülle. Oben auf einem Berge legte Walt sich auf den Hals des Flugpferds, um aus dem Ohr die Druckkugel zu graben. Da er sie erwischt hatte: so trat das Tier wieder gesetzter einher als ein Mensch hinter einer Leiche; und nur der Berg schob es herunter, und in der Ebene ging es, wie ein silberner glatter Fluß, unmerklich weiter. Jetzt genoß der zur Ruhe gesetzte Notarius ganz seine sitzende Lebensart auf dem Sattel und den weiten singenden Tag. Sein hoher Aufenthalt auf der Sattelwarte stellte ihm, diesem ewigen Fußgänger, alle Berge und Auen unter ihn, und er regierte die glänzende Gegend. An einer neuen Anhöhe stieg ein Wagenzug von sieben Fuhrleuten auf, den er gern zu Pferde eingeholt und überritten hätte, um nicht in seinen Träumen durch ihr Umschauen gestört zu werden; aber am Hügel-Fuße wollte der gerittene Blondin so gut die Natur genießen - die für ihn in Gras bestand - als der reitende und stand sehr fest. Walt setzte sich zwar anfangs dagegen und stark, wirkte auf viele Seiten des Viehs vor- und rückwärts; aber da es auf dem Feststehen bestand, ließ ers fressen und setzte sich selber herum auf dem Sattel, um die ausgedehnte Natur hinter sich mit seligen Blicken auszumessen und gelegentlich diese sieben spöttischen Fuhr-Hemden so weit vorauszulassen, daß ihnen nicht mehr unter die Augen nachzureiten war. Am Ende kommt doch eines, ein Ende - der Bereiter wünschte am Hügelfuße, als er sich wieder vorwärts gesetzt, sich herzlich von der Stelle und etwa hinauf; denn die sieben Plejaden mußten nun längst untergegangen sein. Auch sah er den netten Studenten nachkommen, der das Besteigen gesehen. Aber setzte irgend jemand besondern Wert auf Ernte-Ferien, so tats der Schimmel - vor solcher Anhöhe vollends stand er im Drachenschwanz, im aufsteigenden Knoten - die Zäume, die Fußbälle auf der Erde, alle brachten ihn nicht vorwärts. Da nun der Notar auch die lebendige Quecksilberkugel jetzt nicht wieder mit diesem fixierten weißen Merkurius verquicken wollte - wegen der unglaublichen Mühe, sie aus dem Ohr zu fischen -: so saß er lieber ab und spannte sich seiner eigenen Vorspann vor, indem er sie durch den Flaschenzug des Zügels wirklich hinaufwand. Oben blühte frische Not: hinter sich sah er eine lange katholische Wallfahrt nachschleichen, gerade vor sich unten im langen Dorfe die böse Fuhr-Sieben trinken und tränken, die er einholen mußte, er mochte wollen oder nicht. Es grünte ihm auf der andern Seite Hoffnung, aber fruchtlos; er hatte Aussichten, durch des Kleppers Allegro ma non troppo den haltenden Fuhrleuten ziemlich vorzusprengen; er ritt erheitert in starkem Schritt den Berg hinab, ins Dorf hinein; - aber da kehrte das Filial-Pferd ohne sonderliches Disputieren ein, es kannte den Wirt, jeder Krug war seine Tochter-, jeder Gasthof seine Mutterkirche. »Gut, gut,« sagte der Notar, »anfangs wars ja selber mein Gedanke« - und befahl unbestimmt einem Unbestimmten, dem Gaule etwas zu geben. Jetzt kam auch der flinke Grünhut nach. Vults Herz wallete auf vor Liebe, da er sah', wie der erhitzte schöne Bruder von der schneeweißen Bogenstirn den Hut lüftete, und wie im Morgenwehen seine Locken das zarte, mit Rosenblute durchgossene kindliche Gesicht anflatterten, und wie seine Augen so liebend und anspruchlos auf alle Menschen sanken, sogar auf das Siebengestirn. Gleichwohl konnte Vult den Spott über das Pferd nicht lassen: »Der Gaul«, sagt' er, mit seinen schwarzen Augen auf den Bruder blitzend und die Mähne streichelnd, »geht besser, als er aussieht; wie ein Musenpferd schwang er sich über das Dorf.« - »Ach das arme Tier!« sagte Walt mitleidig und entwaffnete Vulten. Sämtliche Passagiere tranken im Freien - die Pilgrime gingen singend durchs Dorf - alle Tiere auf dem Dorfe und in der Luft wieherten und kräheten vor Lust - der kühlende Nord-Ost durchblätterte den Obstgarten und rauschte allen gesunden Herzen zu: weiter hinaus ins freie weite Leben! - »Ein sehr göttlicher Tag,« sagte Vult, »verzeihen Sie, mein Herr!« Walt sah ihn blöde an und sagte doch heftig: »O gewiß, mein Herr! Die ganze Natur stimmt ordentlich ein jubelndes herzerfrischendes Jagdlied an, und aus den blauen Höhen tönen doch auch sanfte Alphörner herunter.« Da hingen die Fuhrleute die Gebisse wieder ein. Er zahlte schnell, nahm den Überschuß nicht an und saß im Wirrwarr auf, willens, allen vorzufliegen. Es ist ein Grundsatz der Pferde, gleich den Planeten nur in der Sonnen-Nähe eines Wirtshauses schnell zu gehen, aber langsam daraus weg ins Aphelium; der Schimmel heftete seine vier Fuß-Wurzeln als Stifte eines Nürnberger Spielpferdes fest ins lackierte Brett der Erde und behauptete seinen Ankerplatz. Der bewegte Zaum war nur sein Ankertau - fremde leidenschaftliche Bewegung setzt' ihn in eigne nicht - umsonst schnalzte der leichte Reiter, in grün-atlasener Weste und mit braunen Hutflammen, er konnte ebensogut den Sattel über einen Bergrücken geschnallet haben und diesen spornen. Einige dieser sanftesten Fuhrleute bestrichen die Hinterbeine des Quietisten; er hob sie, aber ohne vordere. Lange genug hatte nun Walt auf sein Mitleiden gegen das Vieh gehört; jetzt warf er ohne weiters dem Trauerpferd den Schusser ins Ohr - die Kugel konnte die Massa, den Queue fortstoßen ins grüne Billard. Walt flog. Er rauschte schnell dicht hinter der Hühner-Kette von Pilgern, die scheu auseinanderspritzte, bis leider auf eine an der Spitze gehende taube Vorsängerin, die Reiten und Warnen nicht vernahm - umsonst zupften seine sterbenden Finger voll Todesnot im Ohr und wollten Kugelzieher sein - seine fliegende Kniescheibe rannte an ihr Schulterblatt und warf sie um - sie erstand schleunigst, um frühe genug, unterstützt von allen ihren Konfessions-Verwandten, ihm über alle Beschreibung nachzufluchen. Weit hinter dem Fluchen bracht' er nach langer Ballotage die Glücks- und Unglückskugel zwischen dem Daumen und Zeigefinger heraus, teuer schwörend, nie dieses Oberons-Horn mehr anzusetzen. Wenn er freilich jetzt die Bestie wie eine Harmonika traktierte, nämlich langsam - so daß jeder die größten Schulden auf ihr absitzen konnte, sogar ein Staat, wenns anders für diesen einen andern Schuldturm geben könnte außer dem Babelturm -: so wär' es wohl gegangen, hätt' er sich nicht umgedreht und gesehen, was hinter seiner Statua equestris und curulis zog; ein Heer, sah er, setz' ihm hitzig mit und ohne Wagen nach, Pilger voll Flüche, sieben weiße Weisen voll Spaß und der Student. Der menschliche Verstand muß sehr irren, oder an dem, was er nachher tat, hatte die Vermutung aus dem Vorigen großen Teil, daß der nachschwimmende Hintergrund nicht nur seinen Durchgang durch ein rotes Meer erzwingen, sondern daß sogar das Meer selber mit ihm gehen würde; weil er auf seinem lebendigen Laufstuhl niemand zu entrinnen vermochte. Schon das bloße Zurückdenken an den Nachtrab mußte wie Lärmtrommeln in die schönsten leisen Klänge fahren, die er jetzt am blauesten Tage aus den Himmels-Sphären seiner Phantasie leicht herunterhören konnte. Deshalb ritt er geradezu aus der Landstraße über Wiesen in eine Schäferei hinein, wo er halb gleichgültig gegen lächerlichen Schein, halb mit errötender Ruhmliebe - für Geld, gute Worte und sanfte Augen - es sich von der Schäferin erbat, daß dem Schimmel so lange - denn er verstand nichts von Roß-Diätetik - Heu vorgesetzet würde, bis etwan die Feinde sich eine Stunde voraus- und ihn mathematisch gewiß gemacht hätten, daß sie nicht zu ereilen wären, gesetzt auch, sie futterten zwei Stunden. So neu-selig und erlöset setzt' er sich hinter das Haus unter eine schwarzgrüne Linde in den frischen Schatten-Winter und tauchte sein Auge still in den Glanz der grünen Berge, in die Nacht des tiefen Äthers und in den Schnee der Silberwölkchen. Darauf stieg er nach seiner alten Weise über die Gartenmauer der Zukunft und schauete in sein Paradies hinein: welche volle rote Blumen und welches weiße Blütengestöber füllte den Garten! - Endlich - nach einer und der andern Himmelfahrt - machte er drei Streckverse, einen über den Tod, einen über einen Kinderball und einen über eine Sonnenblume und Nachtviole. Kaum wollte er, da das Pferd Heu genug hatte, von der kühlen Linde fort; er entschloß sich, heute nicht weiter zu reisen als nach dem sogenannten Wirtshaus zum Wirtshaus, eine kleine Meile von der Stadt. Indes eben in diesem Wirtshaus hatten alle seine Feinde um 1 Uhr Halt und Mittag gemacht; und sein Bruder war da geblieben, um ihn zu erwarten, weil er wußte, daß die Landstraße und der Schimmel und Bruder durch den Hof liefen. Vult mußte lange passen und seine Gedanken über die nächsten Gegenstände haben, z. B. über den Wirt, einen Herrnhuter, der auf sein Schild nichts weiter malen lassen als wieder ein Wirtshausschild mit einem ähnlichen Schild, auf dem wieder das Gleiche stand; es ist das die jetzige Philosophie des Witzes, die, wenn der ähnliche Witz der Philosophie das Ich-Subjekt zum Objekt und umgekehrt macht, ebenso dessen Ideen sub-objektiv widerscheinen lässet; z.B. ich bin tiefsinnig und schwer, wenn ich sage: Ich rezensiere die Rezension einer Rezension vom Rezensieren des Rezensierens, oder ich reflektiere auf das Reflektieren auf die Reflexion einer Reflexion über eine Bürste. Lauter schwere Sätze von einem Widerschein ins Unendliche und einer Tiefe, die wohl nicht jedermanns Gabe ist; ja vielleicht darf nur einer, der imstande ist, denselben Infinitiv, von welchem Zeitwort man will, im Genitiv mehrmals hintereinander zu schreiben, zu sich sagen: ich philosophiere. Endlich um 6 Uhr hörte Vult, der aus seiner Stube sah, den Wirt oben aus dem Dachfenster rufen: »He, Patron, scher' Er sich droben weg! -Will Er ins Guckgucks Namen wegreiten?!« - Das Wirtshaus stand auf einem Birken-Hügel. Gottwalt war seitwärts aus dem Wege an den herrnhutischen Gottesacker hinaufgeritten, aus welchem der Schimmel Schoten aus den Staketen zog, während der Herr das dichterische Auge in den zierlichen Garten voll gesäeter Gärtner irren ließ. Wiewohl er den Kalkanten der groben Pedalstimme nicht durch die Birken sehen konnte: so zog er doch - da den Menschen überhaupt nach einer Grobheit feinstes Empfinden schwer verfolgt - sogleich den rupfenden Rüssel aus dem Spaliere auf und gelangte bald mit den Schoten im nassen Gebisse vor der Stall-Tür an. Er tat an den sehr ernst unter seiner Türe stehenden Wirt von fernen - umsonst wollt' er gar vor ihn hinreiten - barhaupt am Stalle die Frage, ob er hier mit seinem Gaul logieren könne. Ein ganzer heller Sternenhimmel fuhr Vulten durch die Brust und brannte nach. Auch der Wirt wurde sternig und sonnig; aber wie wär' er - sonst hätt' er höflicher aus dem Dache gesprochen - darauf gekommen, daß ein Passagier zu Pferde in dieser Nähe der Stadt und Ferne der Nacht ihn mit einem Stillager beehren werde. - Als er wahrnahm, daß der Passagier ein besonderes Vieleck oder Dreieck mit dem rechten Beine über dem Gaule absitzend beschrieb, und daß er die schweren, mit einem organisierten Sattel behangenen Schenkel ins Haus trug, ohne weiter nach dem Tiere oder Stalle zu sehen: so wußte der Schelm sehr gut, wen er vor sich habe; und lachte zwar nicht mit den Lippen, aber mit den Augen den Gast aus, ganz verwundert, daß dieser ihn für ehrlich und es für möglich hielt, er werde den Hafer, den er morgen in die Rechnung eintragen konnte, schon heute dem Schimmel vorsetzen. »Nun geht«, sagte Vult bildlich, der mit Herzklopfen die Treppe hinab dem Bruder entgegenging, »ein ganz neues Kapitel an.« Unbildlich geschiehts ohnehin. Nro. 13: Berliner Marmor mit glänzenden Flecken Ver- und Erkennung Unten im Korrelationssaal und Simultanzimmer der Gäste forderte der Notar nach Art der Reise-Neulinge schnell einen Trunk, eine einmännige Stube und dergleichen Abendmahlzeit, damit der Wirt nicht denken sollte, er verzehre wenig. Der lustige Vult trat ein, tat mit Welt-Manier ganz vertraulich und freute sich sehr des gemeinschaftlichen Übernachtens. »Wenn - Ihr Schimmel zu haben ist,« sagt' er, »so hab' ich Auftrag, ihn für jemand zu einem Schießpferd zu kaufen, denn ich glaube, daß er steht.« - »Es ist nicht der meinige«, sagte Walt. »Er frisset aber brav«, sagte der Wirt, der ihn bat, nachzufolgen in sein Zimmer. Als ers aufschloß, war die Abendwand nicht sowohl ganz zerstört - denn sie lag ein Stockwerk tiefer unten in ziemlichen Stücken - als wahrhaft verdoppelt - denn die neue lag als Stein und Kalk unten darneben -. »Weiter,« fügte der Herrnhuter seelenruhig bei, als der Gast ein wenig erstaunt mit dem großen Auge durch das sieben Schritt breite Luftfenster durchfuhr, »weiter hab' ich im ganzen Hause nichts leer, und jetzt ists Sommer.« - »Gut«, sagte Walt stark und suchte zu befehlen; »aber einen Besen!« - Der Wirt lief demütig und gehorchend hinab. »Ist unser Wirt nicht ein wahrer Filou?« sagte Vult. »Im Grunde, mein Herr,- - versetzte jener freudig - »ist das für mich schöner. Welcher herrliche lange Strom von Feldern und Dörfern, der hereinglänzt und das Auge trägt und zieht; und die Abendsonne und -röte und den Mond hat man ganz vor sich, sogar im Bette die ganze Nacht!« - Diese Einstimmung ins Geschick und ins Wirtshaus kam aber nicht bloß von seiner angebornen Milde, überall nur die übermalte, nicht die leere Seite der Menschen und des Lebens vorzudrehen, sondern auch von jener göttlichen Entzückung und Berauschung her, womit besonders Dichter, die nie auf Reisen waren, einen von Träumen und Gegenden nachblitzenden Reisetag beschließen; die prosaischen Felder des Lebens werden ihnen, wie in Italien die wirklichen, von poetischen Myrten umkränzt und die leeren Pappeln von Trauben erstiegen. Vult lobte ihn wegen der Gemsenartigkeit, womit er, wie er sehe, von Gipfeln zu Gipfeln setze über Abgründe. »Der Mensch soll«, versetzte Walt, »das Leben wie einen hitzigen Falken auf der Hand forttragen, ihn in den Äther auflassen und wieder herunterrufen können, wie es nötig ist, so denk' ich.« - »Der Mars, der Saturn, der Mond und die Kometen ohne Zahl stören« (antwortete Vult) »unsere Erde bekanntlich sehr im Laufe; - aber die Erdkugel in uns, sehr gut das Herz genannt, sollte beim Henker sich von keiner fremden laufenden Welt aus der Bahn bringen lassen, wenns nicht etwa eine solche tut wie die weise Pallas - oder die reiche Ceres - und die schöne Venus, die als Hesper und als Luzifer die Erdbewohner schön mit dem lebendigen Merkur verbindet. - Und erlauben Sie es, mein Herr, so werfen wir heute unsere Soupers zusammen, und ich speise mit hier vor der Breche, wo das Mondsviertel in der Suppe schwimmen und die Abendröte den Braten übergolden kann.« Walt sagte heiter Ja. Auf Reisen macht man abends lieber romantische Bekanntschaften als morgens. Auch trachtete er, wie alle Jünglinge, stark, viele zu machen, besonders vornehme, unter welche er den lustigen Kauz mit seinem grünen Reise-Hute rechnete, diesem Gegenhut eines Bischofs, der einen nur innen grünen und außen schwarzen trägt. Da kam der Wirt und der Besen, um den Bau-Abhub und Bodensatz über die Stube hinauszufegen; in den linken Fingern hing ihm ein breiter, in Holz eingerahmter Schiefer. Er zeigte an, sie müßten ihre Namen daraufsetzen, weil es hier zu Lande wie im Gothaischen wäre, wo jeder Dorfwirt den Schiefer am Tage darauf mit den Namen aller derer, die nachts bei ihm logieret hätten, in die Stadt an die Behörde tragen müßte. »O man kennt euch Wirte« - sagte Vult und faßte die ganze Tafel - »ihr seid wohl ebenso begierig darhinter her, was euer Gast für ein Vogel ist, als irgendein regierender Hof in Deutschland, der gleich abends nach dem Tor- und Nachtzettel aller Einpassanten greift, weil er keinen bessern Index Autorum kennt als diesen.« Vult setzte mit einem angeketteten Schiefer-Stift auf den Schiefer mit Schiefer - so wie unser Fichtisches Ich zugleich Schreiber, Papier, Feder, Dinte, Buchstaben und Leser ist - seinen Namen so: »Peter Gottwalt Harnisch, K. K. offner geschworner Notarius und Tabellio, geht nach Haßlau.« Darauf nahm ihn Walt, um sich auch als Notarius selber zu verhören und seinen Namen und Charakter zu Protokoll und zu Papier zu bringen. Erstaunt sah er sich schon darauf und schauete den Grünhut an, dann den Wirt, welcher wartete, bis Vult den Schiefer nahm und dem Wirte mit den Worten gab: »Nachher, Freund! - ce n'est qu'un petit tour que je joue à notre hôte«, sagt' er mit so schneller Aussprache, daß Walt kein Wort verstand und daher erwiderte: »Oui.« Aber durch seinen verwirrten Rauch schlugen die freudigsten Funken; alles verhieß, glaubte er, eines der schönsten Abenteuer; denn er war dermaßen mit Erwartungen ganz romantischer Naturspiele des Schicksals, frappanter Meerwunder zu Lande ausgefüllet, daß er es eben nicht über sein Vermuten gefunden hätte - bei aller Achtung eines Stubengelehrten und Schulzensohns für höhere Stände -, falls ihm etwa eine Fürstentochter einmal ans Herz gefallen wäre, oder der fürstliche Hut ihres Herrn Vaters auf den Kopf. Man weiß so wenig, wie die Menschen wachen, noch weniger, wie sie träumen, nicht ihre größte Furcht, geschweige ihre größte Hoffnung. Der Schiefer war ihm eine Kometenkarte, die ihm Gott weiß welchen neuen feurigen Bartstern ansagte, der durch seinen einförmigen Lebens-Himmel fahren würde. »Herr Wirt,« - sagte Vult freudig, dem seine beherrschende Rolle so wohltat wie sein sanfter Bruder ohne Stolz - »servier' Er hier ein reiches Souper, und trag' Er uns ein Paar Flaschen vom besten aufrichtigsten Krätzer auf, den er auf dem Lager hält.« Walten schlug er einen Spaziergang auf den benachbarten Herrnhuter Gottesacker vor, während man fege; »ich ziehe droben«, fügt' er bei, »mein Flauto traverso heraus und blase ein wenig in die Abendsonne und über die toten Herrnhuter hinüber; - lieben Sie das Flauto?« - »O wie sehr gut sind Sie gegen einen fremden Menschen!« antwortete Walt mit Augen voll Liebe; denn das Ganze des Flötenspielers verkündigte bei allem Mutwillen des Blicks und Mundes heimliche Treue, Liebe und Rechtlichkeit. »Wohl lieb' ich«, fuhr er fort, »die Flöte, den Zauberstab, der die innere Welt verwandelt, wenn er sie berührt, eine Wünschelrute, vor der die innere Tiefe aufgeht.« - »Die wahre Mondachse des innern Monds«, sagte Vult. »Ach, sie ist mir noch sonst teuer«, sagte Walt und erzählte nun, wie er durch sie oder an ihr einen geliebten Bruder verloren - und welchen Schmerz er und die Eltern bisher getragen, da es ein kleinerer sei, einen Verwandten im Grabe zu haben, als in jeder frohen Stunde sich zu fragen: mit welcher dunklen, kalten mag jetzt der Flüchtling auf seinem Brett im Weltmeer ringen? »Da aber Ihr Herr Bruder ein Mann von musikalischem Gewicht sein soll, so kann er ja ebensogut im Überflusse schwimmen als im Weltmeer«, sagte er selber. »Ich meine,« versetzte Walt, »sonst dachten wir so traurig, jetzt nicht mehr; und da war es kein Wunder, wenn man jede Flöte für ein Stummenglöckchen hielt, das der in Nacht hinaus verlorne Bruder hören ließ, weil er nicht zu uns reden konnte.« Unwillkürlich fuhr Vult nach dessen Hand, gab sie ebenso schnell zurück, sagte: »Genug! Mich rühren 100 Sachen zu stark - Himmel, die ganze Landschaft hängt ja voll Duft und Gold!« Aber nun vermochte sein entbranntes Herz keine halbe Stunde länger den Kuß des brüderlichen aufzuschieben; so sehr hatte die vertrauende unbefangene Bruderseele heute und gestern in seiner Brust, aus welcher die Winde der Reisen eine Liebes-Kohle nach der andern verweht hatten, ein neues Feuer der Bruderflammen angezündet, welche frei und hoch aufschlugen ohne das kleinste Hindernis. Stiller gingen jetzt beide im schönen Abend. Als sie den Gottesacker öffneten, schwamm er flammig im Schmelz und Brand der Abendsonne. Hätte Vult zehn Meilen umher nach einem schönen Postamente für eine Gruppe zwillings-brüderlicher Erkennung gesucht, ein besseres hätt' er schwerlich aufgetrieben, als der Herrnhuter Totengarten war mit seinen flachen Beeten, worin Gärtner aus Amerika, Asia und Barby gesäet waren, die sich alle auf einander mit dem schönen Lebens-Endreim »heimgegangen« reimten. Wie schön war hier der Knochenbau des Todes in Jugend-Fleisch gekleidet und der letzte blasse Schlaf mit Blüten und Blättern zugedeckt! Um jedes stille Beet mit seinem Saat-Herzen lebten treue Bäume, und die ganze lebendige Natur sah mit ihrem jungen Angesicht herein. Vult, der jetzt noch ernster geworden, freuete sich, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasen habe, weil seine Brust, solcher Erschütterungen ungewohnt, heute nicht genug Atem für sein Spiel behielt. Er stellte sich weg vom Bruder, gegenüber der strahlenlosen Abendsonne, an einen Kirschbaum, aus welchem das Brust- und Halsgeschmeide eines blühenden Jelängerjelieber wie eigne Blüte hing; und blies statt der schwersten Flöten-Passaden nur solche einfache Ariosos nebst einigen eingestreuten Echos ab, wovon er glauben durfte, daß sie ins unerzogne Ohr eines juristischen Kandidaten mit dem größten Glanz und Freuden-Gefolge ziehen würden. Sie tatens auch. Immer langsamer ging Gottwalt, mit einem langen Kirschzweige in der Hand, zwischen der Morgen- und der Abend-Gegend auf und nieder. Seliger als nie in seinem trockenen Leben war er, als er auf die liebäugelnde Rosen-Sonne losging und über ein breites goldgrünes Land mit Turmspitzen in Obstwäldern und in das glatte weiße Mutterdorf der schlafenden stummen Kolonisten im Garten hineinsah, und wenn dann die Zephyre der Melodien die duftige Landschaft wehend aufzublättern und zu bewegen schienen. Kehrt' er sich um, mit gefärbtem Blick, nach dem Osthimmel und sah die Ebene voll grüner auf- und ablaufender Hügel wie Landhäuser und Rotunden stehen und den Schwung der Laubholzwälder auf den fernen Bergen und den Himmel in ihre Windungen eingesenkt: so lagen und spielten die Töne wieder drüben auf den roten Höhen und zuckten in den vergoldeten Vögeln, die wie Aurorens Flocken umherschwammen, und weckten an einer düstern schlafenden Morgenwolke die lebendigen Blicke aufgehender Blitze auf. Vom Gewitter wandt' er sich wieder gegen das vielfarbige Sonnenland - ein Wehen von Osten trug die Töne - schwamm mit ihnen an die Sonne - auf den blühenden Abendwolken sang das kleine Echo, das liebliche Kind, die Spiele leise nach. - Die Lieder der Lerchen flogen gaukelnd dazwischen und störten nichts. -- Jetzt brannte und zitterte in zartem Umriß eine Obstallee durchsichtig und riesenhaft in der Abendglut - schwer und schlummernd schwamm die Sonne auf ihrem Meer - es zog sie hinunter - ihr goldner Heiligenschein glühte fort im leeren Blau - und die Echotöne schwebten und starben auf dem Glanz: Da kehrte sich jetzt Vult, mit der Flöte am Munde, nach dem Bruder um und sah es, wie er hinter ihm stand, von den Scharlachflügeln der Abendröte und der gerührten Entzückung überdeckt und mit blödem stillen Weinen im blauen Auge. - Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben. Auch dem Flötenspieler quoll jetzt die Brust voll von ungestümer Liebe. Walt schrieb sie bloß den Tönen zu, drückte aber wild und voll lauterer Liebe die schöpferische Hand. Vult sah ihn scharf an, wie fragend. »Auch an meinen Bruder denk' ich«, sagte Walt; »und wie sollt' ich mich jetzt nicht nach ihm sehnen?« Nun warf Vult Kopf-schüttelnd die Flöte weg - ergriff ihn - hielt ihn von sich, da er ihn umarmen wollte - sah ihm brennend ins fromme Gesicht und sagte: »Gottwalt, kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja der Bruder.« - »Du? O schöner Himmel! - Und du bist mein Bruder Vult?« schrie Walt und stürzte an ihn. Sie weinten lange. Es donnerte sanft in Morgen. »Höre unsern guten Allgütigen!« sagte Walt. Der Bruder antwortete nichts. Ohne weitere Worte gingen beide langsam Hand in Hand aus dem Gottesacker. Nro. 14: Modell eines Hebammenstuhls Projekt der Äther-Mühle - der Zauberabend Für zwei luftige Komödianten, die den Orest und Pylades sich einander abhören, mußte jeder beide halten, der ihnen aus dem Wirtshaus nachsah, wie sie unten in einer abgemähten Wiese sich in Lauf-Zirkeln umtrieben, mit langen Zweigen in der Hand, um ihre Vergangenheiten gegeneinander auszutauschen. Aber der Tausch war zu schwer. Der Flötenspieler versicherte, sein Reiseroman - so künstlich gespielt auf dem breiten Europa - so niedlich durchflochten mit den seltensten confessions - stets von neuem gehoben durch die Windlade und Hebemaschine der Flûte de travers - wäre zwar für die Magdeburger Zenturiatoren, wenn sie ihm nachschreibend nachgezogen wären, ein Stoff und Fund gewesen, aber nicht für ihn jetzt, der dem Bruder andere Sachen zu sagen habe, besonders zu fragen, besonders über dessen Leben. Etwas von dieser Kürze mocht' ihm auch der Gedanke diktieren, daß in seiner Geschichte Kapitel vorkämen, welche die herzliche Zuneigung, womit der unschuldige, ihn freudig beschauende Jüngling seine erwiderte, in einem so weltunerfahrnen reinen Gemüte eben nicht vermehren könnten; er merkte an sich - da man auf Reisen unverschämt ist -, er sei fast zu Hause. Walts Lebens-Roman hingegen wäre schnell in einen Universitätsroman zusammengeschrumpft, den er zu Hause auf dem Sessel spielte durch Lesen der Romane, und seine Acta eruditorum in den Gang eingelaufen, den er in den Hörsaal machte und zurück in sein viertes Stockwerk - wenn nicht das Van der Kabelsche Testament gewesen wäre; aber durch dieses hob sich der Notar mit seiner Geschichte. Er wollte den Bruder mit den Notizen davon überraschen; aber dieser versicherte, er wisse schon alles, sei gestern beim Examen gewesen und unter dem Zanke auf dem Pelzapfelbaum gesessen. - Der Notar glühte schamrot, daß Vult seinen Zorn-Kaskatellen und seinen Versen zugehorcht; - er sei wohl, fragt' er verwirrt, schon mit dem Herrn van der Harnisch angekommen, der mit dem Kandidaten von ihm gesprochen. »Jawohl,« sagte Vult, »denn ich bin jener Edelmann selber.« Walt mußte fortstaunen und fortfragen, wer ihm denn den Adel gegeben. »Ich an Kaisers Statt,« versetzte dieser, »gleichsam so als augenblicklicher sächsischer Reichsvikarius des guten Kaisers; es ist freilich nur Vikariats-Adel.« - Walt schüttelte moralisch den Kopf. »Und nicht einmal der,« sagte Vult, »sondern etwas ganz Erlaubtes nach Wiarda*, welcher sagt, man könne ohne Bedenken ein von entweder vor den Ort oder auch vor den Vater setzen, von welchem man komme; ich konnte mich nach ihm ebensogut Herr von Elterlein umtaufen als Herr von Harnisch. Nennt mich einer gnädiger Herr, so weiß ich schon, daß ich einen Wiener höre, der jeden bürgerlichen Gentleman so anspricht, und lass' ihm gern seine so unschuldige Sitte.« - »Aber du konntest es gestern aushalten,« sagte Walt, »die Eltern zu sehen und den Jammer der Mutter unter dem Essen über dein Schicksal zu hören, ohne herab und hinein an die besorgten Herzen zu stürzen?« - »So lange saß ich nicht auf dem Baume -- Walt,« sagt' er, plötzlich vor ihn vorspringend - »Sieh mich an! Wie Leute gewöhnlich sonst aus ihren Not- und Ehrenzügen durch Europa heimkommen, besonders wie morsch, wie zerschabt, wie zerschossen gleich Fahnen, braucht dir wohl niemand bei deiner ausgedehnten Lektüre lange zu sagen; - ob es gleich sehr erläutert würde, wenn man dir dazu einen Fahnenträger dieser Art - dir unbekannt, aber aus einem altgräflichen Hause gebürtig und dessen Ahnenbildersaal mit sich als Hogarths Schwanzstück und Finalstock beschließend - wenn man dir jenen Grafen vorhalten könnte, der eben jetzt vollends in London versiert und einst nie mehr Arbeit vor sich finden wird, als wenn er von den Toten auferstehen will und sich seine Glieder, wie ein Frühstück in Paris, in der halben alten Welt zusammenklauben muß, die Wirbelhaare auf den Straßendämmen nach Wien - die Stimme in den Konservatorien zu Rom - seine erste Nase in Neapel, wo sich mehrere Statuen mit zweiten ergänzen - seine anus cerebri (diese Gedächtnis-Sitze nach Hoobocken) und seine Zirbeldrüse und mehrere Sachen in der Propaganda des Todes mehr als des Lebens -- Kurz der Tropf (er hat mir den Redefaden verworren) findet nichts auf dem Kirchhof neben sich als das, worein er jetzt, wie andere Leichen auf dem St. Innozenz-Kirchhof in Paris, ganz verwandelt ist, das Fett -- Nun aber beschau' mich und die Jünglingsrosen - das Männermark - die Reisebräune - die Augenflammen - das volle Leben: was fehlt mir? Was dir fehlet - etwas zu leben. Notar, ich bin nicht sehr bei Geld.« »Desto besser« - versetzte Walt so gleichgültig, als kenn' er das Schöpfrad aller Virtuosen ganz gut, das sich immer zu füllen und zu leeren, eigentlich aber nur durch beides umzuschwingen sucht - »ich habe auch nichts, doch haben wir beide die Erbschaft« ... Er wollte noch etwas Freigebiges sagen, aber Vult unterfuhr ihn: »Ich wollte vorhin nur andeuten, Freund, daß ich mithin in Ewigkeit nie mich in verlorner Sohnes-Gestalt vor die Mutter stelle - und vollends vor den Vater! - Freilich, könnt' ich mit einer langen Stange von Gold in die Haustüre einschreiten! -- Bei Gott, ich wollte sie oft beschenken - ich nahm einmal absichtlich Extrapost, um ihnen eine erkleckliche Spiel-Summe (nicht auf der Flöte, sondern auf der Karte erspielt) zugleich mit meiner Person schneller zu überreichen; leider aber zehr' ichs gerade durch die Schnelle selber auf und muß auf halbem Weg leer umwenden. Glaub' es mir, guter Bruder, ob ichs gleich sage. Sooft ich auch nachher ging und flötete, das Geld ging auch flöten.« »Immer das Geld!« - sagte Walt - »die Eltern geht nur ihr Kind, nicht dessen Gaben an; könntest du so scheiden und zumal die liebe Mutter in der langen nagenden Sorge lassen, woraus du mich erlöset?« - »Gut!« sagt' er. »So mög' ihnen denn durch irgendeinen glaubwürdigen Mann aus Amsterdam oder Haag, etwan durch einen Herrn van der Harnisch, geschrieben werden, ihr schätzbarer Sohn, den er persönlich kenne und schätze, emergiere mehr, habe jetzt Mittel und vor tausenden das Prä und lange künftig an, so wie jetzt aus. Ach was! Ich könnte selber nach Elterlein hinausreiten, Vults Geschichte erzählen und beschwören und falsche Briefe von ihm an mich vorzeigen - die noch dazu wahre wären -, nämlich dem Vater; die Mutter, glaub' ich, erriete mich, oder sie bewegte mich, denn ich liebe sie wohl kindlich! - Scheiden, sagtest du? Ich bleibe ja bei dir, Bruder!« Das überfiel den Notarius wie eine versteckte Musik, die an einem Geburtstage herausbricht. Er konnte nicht aufhören, zu jubeln und zu loben. Vult aber eröffnete, warum er dableibe, nämlich erstlich und hauptsächlich, um ihm als einem arglosen Singvogel, der besser oben fliegen als unten scharren könne, unter dem adeligen Inkognito gegen die sieben Spitzbuben beizustehen; denn, wie gesagt, er glaube nicht sonderlich an dessen Sieg. »Du bist freilich«, versetzte Walt betroffen, »ein gereiseter Weltmann, und ich hätte zu wenig gelesen und gesehen, wollt' ich das nicht merken; aber ich hoffe doch, daß ich, wenn ich mir immer meine Eltern vorhalte, wie sie so lange angekettet auf dem dunstigen Ruderschiffe der Schulden ein bitteres Leben befahren, und wenn ich alle meine Kräfte zur Erfüllung der Testaments-Bedingungen zusammennehme, ich hoffe wohl, daß ich dann die Stunde erzwinge, wo ihnen die Ketten entzweigeschlagen und sie auf ein grünes Ufer einer Zuckerinsel ausgeschifft sind und wir uns alle frei unter dem Himmel umarmen. Ja, ich hatte bisher gerade die umgekehrte Sorge für die armen Erben selber, an deren Stelle ich mich dachte, wenn ich sie um alles brächte; und nur die Betrachtung machte mich ruhig, daß sie doch die Erbschaft, schlüg' ich sie auch aus, nicht bekämen und daß ja meine Eltern weit ärmer sind und mir näher.« »Der zweite Grund,« - versetzte Vult -, »warum ich in Haßlau verbleibe, hat mit dem ersten nichts zu tun, sondern alles bloß mit einer göttlichen Windmühle, die der blaue Äther treibt, und auf welcher wir beide Brot - du erbst indes immer fort -, soviel wir brauchen, mahlen können. Ich weiß nicht, ob es sonst nicht noch für uns beide etwas so Angenehmes oder Nützliches gibt als eben die Äthermühle, die ich projektieren will; die Frisiermühlen der Tuchscherer, die Bandmühlen der Berner, die Molae asinariae oder Eselsmühlen der Römer kommen nicht in Betracht gegen meine.« Walt war in größter Spannung und bat sehr darum. »Droben bei einem Glas Krätzer«, versetzte Vult. Sie eilten den Hügel auf zum Wirtshaus. Drinnen taten sich schon an einem Tische, der die Marschalls-, Pagen- und Lakaientafel war, schnelle Freßzangen auf und zu. Der Wein wurde auf einen Stuhl gesetzt ins Freie. Das weiße Tischtuch ihres verschobenen Soupers glänzte schon aus der wandlosen Stube herab. Vult fing damit an, daß er dem Modelle der künftigen Äthermühle das Lob von Walts gestrigen Streckversen vorausschickte - daß er sein Erstaunen bezeugte, wie Walt, bei sonstigem Überwallen im Leben, doch jene Ruhe im Dichten habe, durch welche ein Dichter es dem Wasser-Rennen der Bayerinnen gleichtut, welche mit einem Scheffel Wasser oder Hippokrene auf dem Kopfe unter der Bedingung wettlaufen, nichts zu verschütten, und daß er fragte, wie er als Jurist zu dieser poetischen Ausbildung gekommen. Der Notarius trank mit Geschmack den Krätzer und sagte, zweifelnd vor Freude: wenn würklich etwas Poetisches an ihm wäre, auch nur der Flaum einer Dichterschwinge, so käme es freilich von seinem ewigen Bestreben in Leipzig her, in allen vom Jus freigelassenen Stunden an gar nichts zu hangen, an gar nichts aufzuklettern als am hohen Olymp der Musen, dem Göttersitze des Herzens, wiewohl ihm noch niemand recht gegeben als Goldine und der Kandidat; »aber, guter Vult, scherze hier nicht mit mir. Die Mutter nannte dich schon früh den Spaßer. Ist dein Urteil Ernst?« - »Ich will hier den Hals brechen, Tabellio,« versetzte Vult, »bewunder' ich nicht dich und deine Verse aus voller Kunst-Seele. Hör' erst weiter!« - »Ach warum werd' ich denn so überglücklich?« (unterbrach ihn Walt und trank) »Gestern find' ich den Plato, heute dich, gerade zwei Nummern nach meinem Aberglauben. Du hörtest gestern alle Verse?« - Mitten unter dem heftigen Auf- und Abschreiten suchte er immer das Wirtskind, das im Hofe unter der Baute von Kartoffeln-Samenkapseln furchtsam aufguckte, jedesmal sehr anzulächeln, damit es nicht erschräke. Vult fing, ohne ihm zu antworten, sein Mühlen-Modell folgendermaßen vorzulegen an, sehr unbesorgt, wie jeder Reisende, über ein zufälliges fünftes Ohr: »Andächtiger Mitbruder und Zwilling! Es gibt Deutsche. Für sie schreiben dergleichen. Jene fassen es nicht ganz, sondern rezensieren es, besonders exzellenten Spaß. Sie wollen der poetischen Schönheitslinie ein Linienblatt unterlegen; dabei soll der Autor noch nebenher ein Amt haben, was aber so schlimm ist, als wenn eine Schwangere die Pocken zugleich hat. Die Kunst sei ihr Weg und Ziel zugleich. Durch den jüdischen Tempel durfte man nach Lightfoot nicht gehen, um bloß nach einem andern Orte zu gelangen; so ist auch ein bloßer Durchgang durch den Musentempel verboten. Man darf nicht den Parnaß passieren, um in ein fettes Tal zu laufen. - Verdammt! Lass' mich anders anfangen! zanke nicht! Trinke! - Jetzt: Walt! Ich habe nämlich auf meinen Flötenreisen ein satirisches Werk in den Druck gegeben als Manuskript, die grönländischen Prozesse in zwei Bänden anno 1783 bei Voß und Sohn in Berlin.« (»Ich erstaune ganz«, sagte Walt verehrend.) »Ich würde dich inzwischen ohne Grund mit Lügen besetzen, wenn ich dir verkündigen wollte, die Bekanntmachung dieser Bände hätte etwan mich oder die Sachen selber im geringsten bekannt gemacht. Nimmt man sechs oder sieben Schergen, zugleich Schächer und Schächter, aus - und hier fallen zwei auf die Allgemeine deutsche Bibliothek, die also wohl einer sind -, so hat leider keine Seele die Scripta getadelt und gekannt. Es ist hier - wegen deiner Ungeduld nach der versprochenen Äthermühle - wohl nicht der Ort, es glücklich auseinanderzusetzen warum; - habe genug, wenn ich dir schwöre, daß die Rezensenten Sünder sind, aber arme, echte Gurkenmaler, die sich daher Gurken herausnehmen, Grenzgötter ohne Arme und Beine auf den Grenzhügeln der Wissenschaften, und daß wir alle hinauf und hinab florieren würden, gäb' es nur so viele gute Kunstrichter als Zeitungen, für jede einen, so wie es wirklich so viele meisterhafte Schauspieler gibt als - eine in die andere übergerechnet - Truppen. * Wiarda über deutsche Vor- und Geschlechtsnamen, S. 216-221. (Zurück) Es ist eine der verwünschtesten Sachen. Oft rezensiert die Jugend das Alter, noch öfter das Alter die Jugend, eine Rektors-Schlafhaube kämpfet gegen eine Jünglings-Sturmhaube - Wie Kochbücher arbeiten sie für den Geschmack, ohne ihn zu haben - Solchen Sekanten, Kosekanten, Tangenten, Kotangenten kommt alles exzentrisch vor, besonders das Zentrum; der Kurzsichtige findet nach Lambert* den Kometenschwanz viel länger als der Weitsichtige - Sie wollen den Schiffskiel des Autors lenken, nämlich den ordentlichen Schreib-Kiel, sie wollen den Autor mit ihrem Richterstabe, wie Minerva mit ihrem Zauber-Stabe den Ulysses, in einen Bettler und Greis verkehren - Sie wollen die erbärmlichsten Dinge bei Gott« - (Des Notars Gesicht zog sich dabei sichtlich ins lange, weil er wie jeder, der nur gelehrte Zeitungen hält, aber nicht macht und kennt, von einer gewissen Achtung für sie, vielleicht gar einer hoffenden, nicht frei war.) »Indes jeder Mensch« - fuhr jener fort - »sei billig; denn ich darf nicht übersehen, daß es mit Büchern ist wie mit Pökelfleisch, von welchem Huxham dartat, daß es zwar durch mäßiges Salz sich lange halte, aber auch durch zu vieles sogleich faule und stinke - Notarius, ich machte das Buch zu gut, mithin zu schlecht.« - »Du wimmelst von Einfällen« - (versetzte Walt) »scherzhaft zu reden, hast du so viele Windungen und Köpfe wie die lernäische Schlange.« »Ich bin nicht ohne Witz,« erwiderte Vult in vergeblicher Absicht, daß der Bruder lache -, »aber du reißest mich aus dem Zusammenhang. - Was kann ich nun dabei machen? Ich allein nichts; aber mit dir viel, nämlich ein Werk; ein Paar Zwillinge müssen, als ihr eigenes Widerspiel, zusammen einen Einling, ein Buch zeugen, einen trefflichen Doppel-Roman. Ich lache darin, du weinst dabei oder fliegst doch - du bist der Evangelist, ich das Vieh darhinter - jeder hebt den andern - alle Parteien werden befriedigt, Mann und Weib, Hof und Haus, ich und du. - Wirt, mehr Krätzer, aber aufrichtigen! - Und was sagst du nun zu diesem Projekt und Mühlengang - wodurch wir beide herrlich den Mahlgästen Himmelsbrot verschaffen können, und uns Erdenbrot, was sagst du zu dieser Musenroß-Mühle?« - Aber der Notar konnte nichts sagen, er fuhr bloß mit einer Umhalsung an den Projektmacher. Nichts erschüttert den Menschen mehr - zumal den belesenen - als der erste Gedanke seines Drucks. Alte tiefe Wünsche der Brust standen auf einmal aufgewachsen in Walten da und blühten voll; wie in einem südlichen Klima fuhr in ihm jedes nordische Strauchwerk zum Palmenhain auf; er sah sich bereichert und berühmt und wochenlang auf dem poetischen Geburtsstuhl. Er zweifelte in der Entzückung an nichts als an der Möglichkeit und fragte, wie zwei Menschen schreiben könnten, und woher ein romantischer Plan zu nehmen sei. »Geschichten, Walt, hab' ich auf meinen Reisen an 1001 erlebt, nicht einmal gehört; diese werden sämtlich genommen, sehr gut verschnitten und verkleidet. Wie Zwillinge in ein Dintenfaß tunken? Beaumont und Fletcher, sich hundsfremd, nähten an einem gemeinschaftlichen Schneider-Tische Schauspiele, nach deren Naht und Suturen noch bis heute die Kritiker fühlen und tasten. Bei den spanischen Dichtern hatte oft ein Kind an neun Väter, nämlich eine Komödie, nämlich Autoren. Und im 1sten Buch Mosis kannst du es am allerersten lesen, wenn du den Professor Eichhorn dazu liesest, der allein in der Sündflut drei Autoren annimmt, außer dem vierten im Himmel. Es gibt in jedem epischen Werke Kapitel, worüber der Mensch lachen muß, Ausschweifungen, die das Leben des Helden unterbrechen; diese kann, denk' ich, der Bruder machen und liefern, der die Flöte bläset. Freilich Parität, wie in Reichsstädten, muß sein, die eine Partei muß so viele Zensoren, Büttel, Nachtwächter haben als die andere. Geschieht nun das mit Verstand, so mag wohl ein Werk zu hecken sein, ein Ledas-Ei, das sich sogar vom Wolfischen Homer unterscheidet, an dem so viele Homeriden schrieben und vielleicht Homer selber.« - »Genug, genug«, rief Walt. »Betrachte lieber den himmlischen Abend um uns her!« In der Tat blühten Lust und Lebens-Lob in allen Augen. Mehrere Gäste, die schon abgesessen, tranken ihren Krug im Freien, alle Stände standen untereinander, die Autoren mitten im tiers-état. Die Fledermäuse schossen als Tropikvögel eines schönen Morgens um die Köpfe. An einer Rosen-Staude krochen die Funken der Johanniswürmlein. Die fernen Dorfglocken riefen wie schöne verhallende Zeiten herüber und ins dunkle Hirtengeschrei auf den Feldern hinein. Man brauchte so spät auf allen Wegen, nicht einmal in dem Gehölze, Lichter, und man konnte bei dem Schein der Abendröte die hellen Köpfe deutlich durch das hohe Getreide waten sehen. Die Dämmerung lagerte sich weit und breit nach Westen hinein, mit der scharfen Mond-Krone von Silber auf dem Kopfe; nur hinter dem Hause schlich sich, aber ungesehen, die große hohle Nacht aus Osten heran. In Mitternacht glomm es leise wie Apfelblüte an, und liebliche Blitze aus Morgen spielten herüber in das junge Rot. Die nahen Birken dufteten zu den Brüdern hinab, die Heu-Berge unten dufteten hinauf. Mancher Stern half sich heraus in die Dämmerung und wurde eine Flug-Maschine der Seele. Vult vergabs dem Notar, daß er kaum zu bleiben wußte. Er hatte so viele Dinge und unter ihnen den Krätzer im Kopfe; denn in diesem entsetzlichen Weine, wahrem Weinbergs-Unkraut für Vult, hatte sich der arme Teufel - dem Wein so hoch klang wie Äther - immer tiefer in seine Jahre zurückgetrunken, ins 20te, 18te und letztlich ins 15te. Auf Reisen trifft man Leute an, die darauf zurückschwimmen bis ins 1te Jahr, bis an die Quelle. Vormittags predigen es die Äbte in ihren Visitationspredigten: werdet wie die Kinder! Und abends werden sie es samt dem Kloster, und beide lallen kindlich. »Warum siehst du mich so an, geliebter Vult?« sagte Walt. - »Ich denke an die vergangenen Zeiten,« versetzte jener, »wo wir uns so oft geprügelt haben; wie Familienstücke hängen die Bataillenstücke in meiner Brust - ich ärgerte mich damals, daß ich stärker und zorniger war und du mich doch durch deine elastische wütige Schnelle aller Glieder häufig unter bekamst. Die unschuldigen Kinderfreuden kommen nie wieder, Walt!« Aber der Notar hörte und sah nichts als Apollos flammenden Sonnenwagen in sich rollen, worauf schon die Gestalten seines künftigen Doppelromans kolossalisch standen und kamen; unwillkürlich macht' er große Stücke vom Buche fertig und konnte sie dem verwunderten Bruder zuwerfen. Dieser wollte endlich davon aufhören, aber der Notar drang noch auf den Titel ihres Buchs. Vult schlug Flegeljahre vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der teils so auffallend sei, teils so wild. »Gut, so mag denn die Duplizität der Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer beliebter Autor tut, etwan: Hoppelpoppel oder das Herz.« Bei diesem Titel mußte es bleiben. Beide mengten sich wieder in die Gegenwart ein. Der Notar nahm ein Glas und drehte sich von der Gesellschaft ab und sagte mit tropfenden Augen zu Vult: »Auf das Glück unserer Eltern und auch der armen Goldine! Sie sitzen jetzt gewiß ohne Licht in der Stube und reden von uns.« - Hierauf zog der Flötenist sein Instrument hervor und blies der Gesellschaft einige gemeine Schleifer vor. Der lange Wirt tanzte darnach langsam und zerrend mit dem schläfrigen Knaben; manche Gäste regten den Takt-Schenkel; der Notarius weinte dazu selig und sah ins Abendrot. »Ich möchte wohl« - sagt' er dem Bruder ins Ohr - »die armen Fuhrleute sämtlich in Bier freihalten.« - »Wahrscheinlich,« sagte Vult, »würfen sie dich dann aus point d'honneur den Hügel hinunter. Himmel! sie sind ja Krösi gegen uns und sehen herab.- Vult ließ den Wirt plötzlich, statt zu tanzen, servieren; so ungern der Notarius in seine Entzückung hinein essen und käuen wollte. »Ich denke roher,« sagte Vult, »ich respektiere alles, was zum Magen gehört, diese Montgolfiere des Menschen-Zentaurs; der Realismus ist der Sancho Pansa des Idealismus. - Aber oft geh' ich weit und mache in mir edle Seelen, z. B. weibliche, zum Teil lächerlich, indem ich sie essen und als Selbst-Futterbänke ihre untern Kinnbacken so bewegen lasse, daß sie dem Tier vorschneiden.« Walt unterdrückte sein Mißfallen an der Rede. Beglückt aßen sie oben vor der ausgebrochenen Wand; die Abendröte war das Tafellicht. Auf einmal rauschte mit verlornem Donnern eine frische Frühlingswolke auf Laub und Gräser herunter, der helle goldne Abendsaum blickte durch die herabtropfende Nacht, die Natur wurde eine einzige Blume und duftete herein, und die erquickte gebadete Nachtigall zog wie einen langen Strahl einen heißen langen Schlag durch die kühle Luft. »Vermissest du jetzt sonderlich«, fragte Vult, »die Park-Bäume, den Paruckenbaum, den Gerberbaum - oder hier oben die Bedienten, die Servicen, den Goldteller mit seinem Spiegel, damit darauf die Portion mit falschen Farben schwimme?« - »Wahrlich nicht«, sagte Walt; »sieh, die schönsten Edelsteine setzt die Natur auf den Ring unseres Bundes« - und meinte die Blitze. Die Luftschlösser seiner Zukunft waren golden erleuchtet. Er wollte wieder vom Doppel-Romane und dem Stoff dazu anfangen - und sagte, er habe hinter der Schäferei heute drei hineinpassende Streckverse gemacht. Aber der Flötenist, einer und derselben Materie bald überdrüssig und nach Rührungen ordentlich des Spaßes bedürftig, fragte ihn: warum er zu Pferde gegangen? »Ich und der Vater«, sagte Walt ernst, »dachten, eh wir von der Erbschaft wußten, ich würde dadurch der Stadt und den Kunden bekannter, weil man unter dem Tore, wie du weißt, nur die Reiter ins Intelligenzblatt setzt.« Da brachte der Flötenist wieder den alten Reiterscherz auf die Bahn und sagte: »der Schimmel gehe, wie nach Winckelmann die großen Griechen, stets langsam und gesetzt - er habe nicht den Fehler der Uhren, die immer schneller gehen, je älter sie werden - ja vielleicht sei er nicht älter als Walt, wiewohl ein Pferd stets etwas jünger sein sollte als der Reiter, so wie die Frau jünger als der Mann - ein schönes römisches Sta Viator, Steh', Weg-Machender! bleibe der Gaul für den, so darauf sitze« ... »O lieber Bruder,« - sagte Walt sanft, aber mit der Röte der Empfindlichkeit und Vults Laune noch wenig fassend und belachend - »zieh mich damit nicht mehr auf, was kann ich dafür?« - »Nu, nu, warmer Aschgraukopf,« - sagte Vult und fuhr mit der Hand über den Tisch und unter alle seine weiche Locken, streichelnd Haar und Stirn - »lies mir denn deine drei Polymeter vor, die du hinter der Schäferei gelammet. Er las folgende: Das offene Auge des Toten Blick' mich nicht an, kaltes, starres, blindes Auge, du bist ein Toter, ja der Tod. O drücket das Auge zu, ihr Freunde, dann ist es nur Schlummer. »Warst du so trübe gestimmt an einem so schönen Tage?« fragte Vult. »Selig war ich wie jetzt«, sagte Walt. Da drückte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend: »Dann gefällts mir, das ist der Dichter. Weiter!« Der Kinderball Wie lächelt, wie hüpfet ihr, blumige Genien, kaum von der Wolke gestiegen! Der Kunst-Tanz und der Wahn schleppt euch nicht, und ihr hüpfet über die Regel hinweg. - Wie, es tritt die Zeit herein und berührt sie? Große Männer und Frauen stehen da? Der kleine Tanz ist erstarrt, sie heben sich zum Gang und schauen einander ernst ins schwere Gesicht? Nein, nein, spielet ihr Kinder, gaukelt nur fort in eurem Traum, es war nur einer von mir. Die Sonnenblume und die Nachtviole Am Tage sprach die volle Sonnenblume-. »Apollo strahlt, und ich breite mich aus, er wandelt über die Welt, und ich folge ihm nach.- In der Nacht sagte die Viole: »Niedrig steh' ich und verborgen - und blühe in kurzer Nacht; zuweilen schimmert Phöbus milde Schwester auf mich, da werd' ich gesehen und gebrochen und sterbe an der Brust.« »Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz!« sagte Vult gerührt, weil die Kunst gerade so leicht mit ihm spielen konnte als er mit der Natur, und er schied mit einer Umarmung. In Walts Nacht wurden lange Violenbeete gesäet - an das Kopfkissen kamen durch die offne Wand die Düfte der erquickten Landschaft heran und die hellen Morgentöne der Lerche - sooft er das Auge auftat, fiel es in den blauen vollgestirnten Westen, an welchem die späten Sternbilder nacheinander hinunterzogen als Vorläufer des schönen Morgens. * Lamberts Beiträge zur Mathematik III. B. p. 236. (Zurück) Nro. 15: Riesenmuschel Die Stadt - chambre garnie Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrot auf und suchte den brüderlichen, als er seinen Vater, der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht, mit weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah. Er hielt ihn an. Er mußte lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene Mauer herunter verteidigen. Darauf bat er den müden Vater, zu reiten, indes er zu Fuße neben ihm laufe. Lukas nahm es ohne Dank an. Sehnsüchtig nach dem Bruder, der sich nicht zeigen durfte, verließ Walt die Bühne eines so holden Spielabends. Auf dem waagrechten Wege, der keinen Wassertropfen rollen ließ, bewegte sich das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne, dem der Vater von der Sattel-Kanzel unzählige Rechts- und Lebensregeln herabwarf. Was konnte Gottwalt hören? Er sah nur in und außer sich glänzende Morgenwiesen des Jugendlebens, ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussée, ferner die dunklen Blumengärten der Liebe, den hohen hellen Musenberg und endlich die Türme und Rauchsäulen der ausgebreiteten Stadt. Jetzt saß der Vater mit dem Befehle an den Notarius ab, durchs Tor zum Fleischer zu reiten, in sein Logis, und um 10 Uhr in den weichen Krebs zu gehen, wo man auf ihn warten wolle, um mit ihm gehörig vor dem Magistrate zu erscheinen. Walt saß auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel. Die Zeit war so anmutig; an den Häuser-Reihen glänzte weißer Tag, in den grünen tauigen Gärten bunter Morgen, selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheißen, weil es seinem Stall nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam. - Der Notarius sang laut im Fluge des Schimmels. Im ganzen Fürstentum stand kein Ich auf einem so hohen Gehirnhügel als sein eigenes, welches davon herab wie von einem Ätna in ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah, daß die blitzenden Säulen, die umgekehrten Städte und Schiffe den ganzen Tag hängen blieben in der Spiegelluft. Unter dem Tore befragte man ihn: woher? »Von Haßlau«, versetzte er entzückt, bis er den lächerlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte: »Nach Haßlau.« Das Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die bevölkerten Gassen an den Stall, wo er mit Dank und in Eile abstieg, um sofort seine »chambre garnie« zu beziehen. Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei, gleichsam Kompagniegassen eines Lustlagers, sah ers gern, daß er seinen Hausherrn, den Hofagent Neupeter, kaum finden konnte. Er gewann damit die Zeit, die verschüttete Gottes-Stadt der Kindheit auszuscharren und den Schutt wegzufahren, so daß zuletzt völlig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen, ebenso prächtig, so breit und voll Paläste und Damen, wie die waren, durch welche er einmal als Kind gegangen. Ganz wie zum erstenmale faßte ihn die Pracht des ewigen Getöses, die schnellen Wagen, die hohen Häuser mit ihren Statuen darauf und die flitternen Opern- und Galakleider mancher Person. Er konnte kaum annehmen, daß es in einer Stadt einen Mittwoch, einen Sonnabend und andere platte Bauerntage gebe, und nicht jede Woche ein hohes Fest von sieben Feiertagen. Auch sehr sauer wurd' es ihm, zu glauben - sehen mußt' ers freilich -, daß so gemeine Leute wie Schuhflicker, Schneidermeister, Schmidte und andere Ackerpferde des Staats, die auf die Dörfer gehörten, mitten unter den feinsten Leuten wohnten und gingen. Er erstaunte über jeden Werkeltagshabit, weil er selber mitten in der Woche den Sonntag anhabend - den Nanking - gekommen war; alle große Häuser füllte er mit geputzten Gästen und sehr artigen Herren und Damen an, die jene liebewinkend bewirteten, und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker hinauf. Er warf helle Augen auf jeden vorübergehenden lackierten Wagen und auf jeden roten Schaul, auf jeden Friseur, der sogar werkeltags arbeitete und tafelfähig machte, und auf den Kopfsalat, der im Springbrunnen schon vormittags gewaschen wurde, anstatt in Elterlein nur Sonntagsabends. Endlich stieß er auf die lackierte Türe mit dem goldgelben Titelblatt »Material-Handlung von Peter Neupeter et Compagnie« und ging durch die Ladentüre ein. Im Gewölbe wartete er es ab, bis die hin- und herspringenden Ladenschürzen alle Welt abgefertigt hätten. Zuletzt, da endlich nach der Ancienneté der Mahlgäste auch seine Reihe kam, fragte ihn ein freundliches Pürschchen, was ihm beliebe. »Nichts« - versetzte er so sanft, als es seine Stimme nur vermochte - »ich bekomme hier eine chambre garnie und wünsche dem Herrn Hofagenten mich zu zeigen.« - Man wies ihn an die Glastüre der Schreibstube. Der Agent - mehr Seide im Schlafrock tragend als die Gerichtsmännin im Sonntagsputz - schrieb den Brief-Perioden gar aus und empfing mit einem Apfel-roten und -runden Gesichte den Mietsmann. Der Notarius gedachte wahrscheinlich, mit seinem Roßgeruch und seiner Spießgerte zu imponieren als Reiter; aber für den Agenten - den wöchentlichen Lieferanten der größten Leute und den jährlichen Gläubiger derselben - war ein Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Importanz. Er rief ganz kurz einem Laden-Pagen herrisch zu, den Herrn anzuweisen. Der Page rief wieder auf der ersten Treppe ein bildschönes nettes, sehr verdrüßliches Mädchen heraus, damit sie den Herrn mit der Spießgerte bis zur vierten brächte. Die Treppen waren breit und glänzend, die Geländer figurierte Eisen-Guirlanden, alles froh erhellt, die Tür-Schlösser und Leisten schienen vergoldet, an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche. Unterwegs suchte er die Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen, daß er sanft ihren Namen zu wissen wünschte. Flora heißet der Name, womit das schöne mürrische Ding auf die Nachwelt übergeht. Die chambre garnie ging auf. - Freilich nicht für jeden wäre sie gewesen, ausgenommen als chambre ardente; mancher, der im roten Hause zu Frankfurt oder im Egalitäts-Palaste geschlafen, hätte an diesem langen Menschen-Koben voll Ururur-Möbeln, die man vor dem glänzenden Hause hier zu verstecken suchte, vieles freimütig ausgesetzt. Aber ein Polymetriker im Göttermonat der Jugend, ein ewig entzückter Mensch, der das harte Leben stets, wie Kenner die harten Cartons von Raffael, bloß im (poetischen) Spiegel beschauet und mildert - der an einer Fischer-, Hunds- und jeder Hütte ein Fenster aufmacht und ruft: ist das nicht prächtig draußen? - der überall, er sei im Eskurial, das wie ein Rost, oder in Karlsruh, das wie ein Fächer, oder in Meinungen, das wie eine Harfe, oder in einem Seewurm-Gehäuse, das wie eine Pfeife gebauet ist, die Sommerseite findet und dem Roste Feuerung abgewinnet, dem Fächer Kühlung, der Harfen Töne, der See-Pfeife desfalls - ich meine überhaupt, ein Mensch wie der Notarius, der mit einem solchen Kopfe voll Aussichten über die weite Bienenflora seiner Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen flüchtigen Überschlag des Honigs macht, den er darein aus tausend Blumen tragen wird, ein solcher Mensch darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen, wenn er sogleich ans Abend-Fenster schreitet, es aufreißet und vor Floren entzückt ausruft: »Göttliche Aussicht! Da unten der Park - ein Abschnitt Marktplatz - dort die zwei Kirchtürme - drüben die Berge - Wahrlich sehr schön!« - Denn dem Mädchen wollt' er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen. Er warf jetzt sein gelbes Röckchen ab, um als Selbstquartiermeister in Hemdärmeln alles so zu ordnen, daß, wenn er von der verdrüßlichen Erscheinung vor dem Stadtrate nach Hause käme, er sogleich ganz wie zu Hause sein könnte und nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines Himmels und seinen Streckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman. Den Abhub der Zeit, den Bodensatz der Mode, den der Agent im Zimmer fallen lassen, nahm er für schöne Handelszeichen, womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt für ihn offenbaren wollen. Mit Freuden trug er von zwölf grünen, in Tuch und Kuhhaar gekleideten Sesseln die Hälfte - man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen - ins Schlafgemach zu einem lackierten Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem Frauen-Schattenriß. Aus einer Kommode - einem Häuschen im Haus - zog er mit beiden Händen ein Stockwerk nach dem andern aus, um seine nachgefahrne fahrende Habe darein zu schaffen. Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das Heiße getrunken werden, da es beides so kühlte. Er erstaunte über den Überfluß, worin er künftig schwimmen sollte. Denn es war noch eine Paphose da (er wußte gar nicht, was es war) - ein Bücherschrank mit Glastüren, deren Rahmen und Schlösser ihm, weil die Gläser fehlten, ganz unbegreiflich waren, und worein er oben die Bücher schickte, unten die Notariats-Händel - ein blau angestrichener Tisch mit Schubfach, worauf ausgeschnittene bunte Bilder, Jagd-, Blumen- und andere Stücke, zerstreuet aufgepappet waren, und auf welchem er dichten konnte, wenn ers nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfüßen und einem Einsatz von lackiertem Blech tun wollte - endlich ein Kammerdiener oder eine Servante, die er als Sekretär an den Schreibtisch drehte, um auf ihre Scheiben Papier, eine feine Feder zur Poesie, eine grobe zum Jus zu legen. Das sind vielleicht die wichtigern Pertinenzstücke seiner Stube, wobei man Lappalien, leere Markenkästchen, ein Nähpult, einen schwarzen basaltenen Kaligula, der aus Brust-Mangel nicht mehr stehen konnte, ein Wandschränklein usw., nicht anschlagen wollte. Nachdem er noch einmal seine Stiftshütte und deren Ordnung vergnügt überschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weißen Kiesgänge und dunkeln vollaubigen Bäume besehen hatte: machte er sich auf den Weg zum Vater und freuete sich auf den Treppen, daß er in einem so kostbaren Hause ein elendes Wohn-Nest besitze. Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Couvert an die Hofagentin festgehalten. Es roch wie ein Garten, so daß er bald auf der Duft-Wolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schönsten Königinnen und Herzoginnen und Landgräfinnen hineinschwamm; indes hielt ers für Pflicht, durch das Ladengewölbe zu gehen und das Couvert redlich mit den Worten abzugeben: hier sei etwas an Madame. Hinter seinem Rücken lachte sämtliche Handels-Pagerie ungewöhnlich. Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an. Dieser stellte ihn als Universalerben sämtlichen Gästen vor. Er schämte sich, als eine Merkwürdigkeit dieser Art lange dem Beschauen bloßzustehen, und beschleunigte die Erscheinung vor dem Stadtrat. Verschämt und bange trat er in die Ratsstube, wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte, auf welchen andere Menschen wie Saiten gespannt waren; er schlug die Augen vor den Akzessit-Erben nieder, die gekommen waren, ihren Brotdieb abzuwägen. Bloß der stolze Neupeter fehlte samt dem Kirchenrat Glanz, der ein viel zu berühmter Prediger auf dem Kanzel- und dem Schreibpulte war, um zur Schau eines ungedruckten Menschen nur drei Schritte zu tun, von dem er die größte Begierde forderte, vielmehr Glanzen aufzusuchen. Der regierende Bürgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit einem Blick der heimliche Freund des Jünglings, der mit so errötendem Schmerz sich allein, vor den Augen stehender gefräßiger Zuschauer, an die gedeckte Glückstafel setzte. Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf. Das Testament wurde verlesen. Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold auf den Frühprediger Flachs, als den redlichen Finder und Gewinner des Kabelschen Hauses; und Walt warf schnell die Augen auf ihn, und sie standen voll Glückwünsche und Gönnen. Als er in der 4ten Klausel sich anreden hörte vom toten Wohltäter: so wäre er den Tränen, deren er sich in der Ratsstube schämte, zu nahe gekommen, wenn er nicht über Lob und Tadel wechselnd hätte erröten müssen. Der Lorbeerkranz und die Zärtlichkeit, womit Kabel ihm jenen aufsetzte, begeisterte ihn mit einer ganz andern, heißern Liebe als das Füllhorn, das er über seine Zukunft ausschüttete. - Die darauf folgenden Stellen, welche für den Vorteil der sieben Erben allerlei aussprachen, versetzten dem Schultheiß den Atem, indem sie dem Sohne einen freiern gaben. Nur bei der 14ten Klausel, der seiner unbefleckten Schwanenbrust den Schandfleck einer weiblichen Verführung zutrauete oder verbot, wurde sein Gesicht eine rote Flamme; wie konnte, dachte er, ein sterbender Menschenfreund so oft so unzart schreiben? Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knoll nach der 11ten Klausel »Harnisch muß« einen Eid von ihm, nichts auf das Testament zu entlehnen. Kuhnold sagte, er sei nur »an Eides Statt« es zu geloben schuldig. »Ich kann ja zweierlei tun; denn es ist ja einerlei, Eid und an Eides Statt und jedes bloße Wort«, sagte Walt; aber der biedere Kuhnold ließ es nicht zu. Es wurde protokolliert, daß Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswähle - Der Vater erbat sich Testaments-Kopie, um davon eine für den Sohn zu nehmen, welche dieser täglich als sein altes und neues Testament lesen und befolgen sollte - Der Buchhändler Paßvogel besah und studierte den Gesamt-Erben nicht ohne Vergnügen und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht, deren das Testament, sagt' er, flüchtig erwähne - Der Polizei-Inspektor Harprecht nahm ihn bei der Hand und sagte: »Wir müssen uns öfters suchen, Sie werden kein Erb-Feind von mir sein, und ich bin ein Erbfreund; man gewöhnt sich zusammen und kann sich dann so wenig entbehren wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster, den man, wie Le Vayer sagt, nie ohne Empfindung ausreißen sieht. Wir wollen einander dann wechselseitig mit Worten verkleinern; denn die Liebe spricht gern mit Verkleinerungswörtern.« Walt sah ihm arglos ins Auge, aber Harprecht hielt es lange aus. Ohne Umstände schied Lukas vom gerührten Sohne, um die Kabelschen Erbstücke, den Garten und das Wäldchen vor dem Tore und das verlorne Haus in der Hundsgasse, so lange zu besehen, bis der Ratsschreiber den letzten Willen mochte abgeschrieben haben. Gottwalt schöpfte wieder Frühlings-Atem, als er die Ratsstube wie ein enges dumpfiges Winterhaus voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte; so vieles hatt' ihn bedrängt; er hatte der unreinen Mimik des Hunds- und Heißhungers gemeiner Welt-Herzen zuschauen - und sich verhaßt und verworren sehen müssen - die Erbschaft hatte, wie ein Berg, die bisher von der Ferne und der Phantasie versteckten und gefällten Gräben und Täler jetzt in der Nähe aufgedeckt und sich selber weiter hinausgerückt - der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhörlich ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn gelockt, wie den Gefangnen blühende Zweige und Schmetterlinge, die sich außen vor seinen Gittern bewegen. Der liebliche Jesuiterrausch, den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen großen Stadt im Kopfe hat, war in der Ratsstube meistens verraucht. An der Wirtstafel, an der er sich einmietete, kam unter der rauhen ehelosen Zivil-Kaserne von Sachwaltern und Kanzelisten über seine Zunge, außer etwas Weniges von einer geräucherten, nichts, kein warmer Bruder-Laut, den er hätte aussprechen oder erwidern können. Den Bruder Vult wußt' er nicht zu finden; und am schönsten Tage blieb er daheim, damit ihn dieser nicht fehlginge. In der Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat für den Haßlauer Kriegs- und Friedens-Boten auf, worin er als Notarius anzeigte, wer und wo er sei; ferner einen kurzen anonymen Streckvers für den Poeten-Winkel des Blattes - Poets corner -, überschrieben. Der Fremde ^---^^^^-^^-,-^-^-^-, ---^-^^-,-^-^-^-^-^-^-^^-, ---,^-^^,-^-^-^-^-. Gemein und dunkel wird oft die Seele verhüllt, die so rein und offen ist; so deckt graue Rinde das Eis, das zerschlagen innen licht und hell und blau wie Äther erscheint. Bleib' euch stets die Hülle fremd, bleib' es euch nur der Verhüllte nicht. Schwerlich werden einem Haßlauer Ohre von einiger Zärte die Härten dieses Verses - z. B. der Proceleusmatikus: kel wird oft die - der zweite Päon: die Hülle fremd - der Molossus: bleib' euch stets - entwischen; durfte aber nicht der Dichter seine Ideen-Kürze durch einige metrische Rauheit erkaufen? - Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß es dem Dichter keinen Vorteil schafft, daß man seine Streck- und Einverse nicht als eine Zelle drucken lassen kann; und es wäre zu wünschen, es gäbe dem Werke keinen lächerlichen Anstrich, wenn man aus demselben arm-lange Papierwickel wie Flughäute flattern ließe, die herausgeschlagen dem Kinde etwan wie ein Segelwerk von Wickelbändern säßen; aber ich glaube nicht, daß es Glück machte. Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten, weil er glaubte, er müsse auf ihnen an die beiden Töchter und die Frau des Hauses seinen Namen abgeben; und gab sie ab. Als er eilig seine Inserate in der nahen Zeitungsdruckerei ablieferte: fiel sein Auge erschreckend auf das neueste Wochenblatt, worin noch mit nassen Buchstaben stand: »Das Flötenkonzert muß ich noch immer verschieben, weil ein schnell wachsendes Augen-Übel mir verbietet, Noten anzusehen. J. van der Harnisch« Welch einen schweren Kummer trug er aus der Druckerei in sein Stübchen zurück! Auf den ganzen Frühling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen, sobald sein freudiger Bruder die freudigen Augen verloren, die er an seiner Seite darauf werfen sollte. Er lief müßig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn. Die Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und füllte das Zimmer mit Goldstaub; noch war der Geliebte unsichtbar, den er gestern von derselben Sonnenzeit erst wieder bekommen. Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an, aus stürmischem Heimwehe nach ihm, zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen können: guten Morgen und lebe wohl, Vult! - Da ging die Türe auf und der festlich gekleidete Flötenist herein. »O mein Bruder!« rief Walt schmerzlich-freudig. »Donner! leise,« fluchte Vult leise, »es geht hinter mir - nenne mich Sie!« - Flora kam nach. »Morgen Vormittag demnach, Herr Notarius,« fuhr Vult fort, »Wünsche ich, daß Sie den Mietkontrakt zu Papier brächten. Tu parles français, Monsieur?« - »Misérablement,« versetzte Walt, »ou non«. - »Darum, Monsieur, komme ich so spät,« erwiderte Vult, »weil ich erstlich meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern fremden einsprach; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will, der tue es in den ersten Tagen, wo er einpassiert; da sucht man noch die seinige, um ihn nur überhaupt zu sehen; später, wenn man ihn hundertmal gesehen, ist man ein alter Hering, der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem Markte bloßgestanden.« »Gut,« sagte Walt, »aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus, da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las« - und zog leise die Türe des Schlafkämmerchens zu, worin Flora bettete. »Die Sache bleibt wohl die« - fing Vult an und stieß kopfschüttelnd die Pforte wieder auf - »pudoris gratia factum est atque formositatis*«, erwiderte Walt auf das Schütteln - »bleibt wohl die, sag' ich, was Sie auch mögen hier eingewendet haben, die, daß das deutsche Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeißet als in Wunden oder in Metastasen. Ich meine aber weiter nichts als soviel: daß das Publikum z. B. einen Maler sehr gut bezahlt und rekommandiert, der aber etwan mit dem linken Fuße pinselte - oder einen Hornisten, der aber mit der Nase bliese - desgleichen einen Harfenierer, der mit beiden Zahnreihen griffe - auch einen Poeten, der Verse machte, aber im Schlafe - und so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten, der sonst gut pfiffe, aber doch den zweiten Vorzug Dülons hätte, stockblind zu sein. - Ich sagte noch Metastasen, nämlich musikalische. Ich gab einmal einem Fagottisten und einem Bratschisten, die zusammen reiseten, den Rat, ihr Glück dadurch zu machen, daß der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig machte, auf dem Fagott etwas Bratschen-Gleiches zu geben, und der andere, auf der Bratsche so etwas vom Fagott. Ihr machts nur so, sagt' ich, daß ihr euch ein finsteres Zimmer wie die Mund-Harmoniker oder Lolli bedingt; da spiele denn jeder sein Instrument und geb' es für das fremde, so wie jener ein Pferd, das er mit dem Schwanze an die Krippe gebunden, als eine besondere Merkwürdigkeit sehen ließ, die den Kopf hinten trage. - Ich weiß aber nicht, ob sie es getan.« Flora ging; und Vult fragte ihn, was er mit der Türschließerei und dem Latein gewollt. Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann, er sei nun so, daß er sich schäme und quäle, wenn er eine Schönheit wie Flora in die knechtischen Verhältnisse der Arbeit gestürzt und vergraben sehe; eine niedrig hantierende Schönheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem niederländischen Gemälde. - »Oder jener Correggio, den man in Schweden an die königlichen Stallfenster annagelte als Stall-Gardine **« - sagte Vult -; »aber erzähle das Testament!« Walt tats und vergaß etwan ein Drittel: »Seit die poetischen Äthermühlflügel, die du Mühlenbaumeister angegeben, sich vor mir auf ihren Höhen regen, ist mir die Testaments-Sache schon sehr unscheinbar geworden«, setzte er dazu. - »Das ist mir gar nicht recht«, versetzte Vult. »Ich habe den ganzen heutigen Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors gehalten, um die Herren Akzessit-Erben von weitem zu sehen - so die meisten davon verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt. Du bekommst wahrlich schwere Aufgaben durch sie.« - Walt sah sehr ernsthaft aus. - »Denn«, fuhr jener lustiger fort, »erwägt man dein liebliches Nein und Addio, als Flora vorhin nach Befehlen fragte, und ihr belvedere, d. h. ihre belle-vue von schönem Gesicht und dazu das enterbte Diebs- und Siebengestirn, das dir vielleicht bloß wegen der Klausel, die dich um ein Sechstel puncto Sexti zu strafen droht, eine Flora so nahe mag hergesetzt haben, die zu deflorieren« --- »Bruder!« - unterbrach ihn der zorn- und schamrote Jüngling und hoffte, eine ironische Frage zu tun - »ist das die Sprache eines Weltmanns wie du?« - »Auch wollt' ich effleurer sagen statt déflorer«, sagte Vult. »O, reiner starker Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten reinen krystallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse.« Er brach ab und fragte nach der Ursache, warum er ihn vorhin so traurend gefunden. Walt, jetzt zu verschämt, sein Sehnen zu bekennen, sagte bloß, wie es gestern so schön gewesen und wie immer, so wie in andere Feste Krankheiten*** fallen, so in die heiligsten der Menschen Schmerzen, und wie ihm das Augen-Übel in der Zeitung wehegetan, das er noch nicht recht verstehe. Vult entdeckt' ihm den Plan, daß er nämlich vorhabe, so gesund auch sein Auge sei, es jeden Markttag im Wochenblatt für kränker und zuletzt für stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Flötenkonzert zu geben, das ebenso viele Zuschauer als Zuhörer anziehe. »Ich sehe,« sagte Vult, »du willst jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf; aber predige nicht; die Menschen verdienen Betrug - Gegen dich hingegen bin ich rein und offen, und deine Liebe gegen den Menschen lieb' ich etwas mehr als den Menschen selber.« - »O wie darf denn ein Mensch so stolz sein und sich für den einzigen halten, dem allein die volle Wahrheit zufließe?« fragte Walt. - »Einen Menschen«, versetzte Vult, »muß jeder, der auf den Rest Dampf und Nebel loslässet, besitzen, einen Auserwählten, vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck' hinein. Der Glückliche bist nun du; bloß weil du - soviel du auch, merk' ich, Welt hast - doch im ganzen ein frommer, fester Geselle bist, ein reiner Dichter und dabei mein Bruder, ja Zwilling und - so lass' es dabei!« - Walt wußte sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die fremde; er sah der schönen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte, ein Schattenleben wie seines hätte Vulten diese vielfärbige moralische Nesselsucht gewiß erspart. Bis tief in die Nacht brachten beide mit friedlichen Entwürfen und Grenzrezessen ihres Doppelromans zu, und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor, daß Walt den andern Tag weiter nichts brauchte als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen. Froh sah er dem morgenden Sonntag entgegen; der Flötenist aber jenem Abend, wo er, wie er sagte, wie ein Finke geblendet pfeife. * »Es geschah der Schamhaftigkeit und Wohlgestalt zu Liebe.« (Zurück) ** Winckelmann von der Nachahmung etc. (Zurück) *** Weil die meisten Feste in große Wetter-Krisen treffen. (Zurück) Nro. 16: Berggur Sonntag eines Dichters Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der Türme dunkelrot vor der frühen July-Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Gebürgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Walt hätte sich gefürchtet, seine namenlose Wonne laut zu machen, wenns nicht vor Gott gewesen wäre. Er begann nun den Doppelroman. Es ist bekannt genug, daß unter allen Kapiteln keine seliger geschrieben werden (auch oft gelesen) als das erste und dann das letzte, gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend. Besonders erfrischt' es ihn, daß er nun einmal ohne allen juristischen Gewissensbiß auf dem Parnaß spazieren gehen durfte und oben mit einer Muse spielen; indem er, hofft' er, gestern im juristischen Fache das Seinige gearbeitet, nämlich das Testament vernommen und erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, daß der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte als bloß nach einem Freunde, nicht nach einer Heldin: so ließ er ihn es zwei Stunden, oder im Buche selber so viele Jahre lang, wirklich tun; er selber aber sehnte sich auch mit und über die Maßen. Das Schmachten nach Freundschaft, dieser Doppelflöte des Lebens, holt' er ganz aus eigner Brust; denn der geliebte Bruder konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen. Oft sprang er auf, beschauete den duftigen goldhellen Morgen, öffnete das Fenster und segnete die ganze frohe Welt, vom Mädchen am Springbrunnen an bis zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel. So rückt die Bergluft der eignen Dichtung alle Wesen näher an das Herz des Dichters, und ihm, erhoben über das Leben, nähern die Lebendigen sich mehr, und das Größte in seiner Brust befreundet ihn mit dem Kleinsten in der fremden. Fremde Dichtungen hingegen erheben den Leser allein, aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit. Allmählich ließ ihn der Sonntag mit seinem Schwalbengeschrei, Kirchengeläute, seinen Ladendiener-Klopfwerken und Nach-Walkmühlen an Sonntagsröcken in allen Korridoren schwer mehr sitzen; er sehnte sich nach einem und dem andern leibhaften Strahl der Morgensonne, von welcher ihm in seinem Abendstübchen nichts zu Gesichte kam als der Tag. Nachdem lange der Schreibtisch und die sonnenhelle Natur ihre magnetischen Stäbe an ihn gehalten und er sich vergeblich zwei Ichs gewünscht, um mit dem einen spazieren zu gehen, während das andere mit der Feder saß: so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll Himmelsluft und den Kopf voll Landschaften (Aurorens Gold-Wölkchen spielten ihm auf der Gasse noch um die Augen) über den frohen lauten Markt und zog mit dem Viertels-Flügel der fürstlichen Kriegsmacht fort, welcher blies und trommelte, und der Nikolaiturm warf dazu seine Blasemusik in die untere hinein, die mit ihr im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde. Draußen vor dem Tore hörte er, daß das magische, wie von fernen kommende Freudengeschrei in seinem Innern von einem schwarzen fliegenden Corps oder Chor Kurrendschüler ausgesprochen wurde, das in der Vorstadt fugierte und schrie. Herrlich wiegte sich in bunter Fülle der Van der Kabelsche Garten vor ihm, den er einmal erben konnte, wenn ers recht anfing und recht ausmachte; er ging aber verschämt nicht hinein, weil Menschen darin saßen, sondern erstieg das nahe Kabelsche Wäldchen auf dem Hügel. Darin saß er denn entzückt auf Glanz und Tau und sah gen Himmel und über die Erde. Allmählich sank er ins Vorträumen hinein - was so verschieden vom engern Nachträumen ist, da die Wirklichkeit dieses einzäunt, indes der Spielplatz der Möglichkeit jenem frei liegt. Auf diesem heitern Spielplatze beschloß er das große Götterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meißeln - was er im Romane nicht gedurft -, wie ers für sich brauchte. »Mein ewig teurer Freund, den ich einmal gewiß bekomme,« - sagt' er zu sich -, »ist göttlich, ein schöner Jüngling und dabei von Stande, etwa ein Erbprinz oder Graf; - und eben dadurch so zart ausgebildet für das Zarte. Im Gesicht hat er viel Römisches und Griechisches, eine klassische Nase, aus deutscher Erde gegraben; aber er ist doch die mildeste Seele, nicht bloß die feurigste, die ich je gefunden, weil er in der Eisen-Brust zur Wehre ein Wachs-Herz zur Liebe trägt. So treuen, unbefleckten, starken Gemüts, mit großen Felsen-Kräften, gleich einer Bergreihe, nur gerade gehend - ein wahres philosophisches Genie oder auch ein militärisches oder ein diplomatisches - daher setzt er mich und viele eben in ein wahres Staunen, daß ihn Gedichte und Tonkunst entzücken bis zu Tränen. Anfangs scheuete ich ordentlich den gerüsteten Kriegsgott; aber endlich einmal in einem Garten in der Frühlings-Dämmerung, oder weil er ein Gedicht über die Freundschaft der zurückgetretenen Zeiten hörte, über den griechischen Phalanx, der bis in den Tod kämpfte und liebte, über das deutsche Schutz- und Trutzbündnis befreundeter Männer, da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach dem Herzen, und er träumt sich seufzend eine Seele, die sich sehnet wie er. Wenn diese Seele - das Schicksal will, daß ichs sei - endlich neben seinen schönen Augen voll Tränen steht, alles recht gut errät, ihm offen entgegenkommt, ihn ihre Liebe, ihre Wünsche, ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen lässet, gleichsam als wollte sie fragen: ist dir weniges genug?, so könnt' es wohl ein zweites gutes Schicksal fügen, daß der Graf, gleich Gott alle Seelen liebend, auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwählte, der dem Gotte dann gleich werden kann - daß dann wir beide in der hellsten Lebensstunde einen Bund ewiger, starker, unverfälschter Liebe beschwüren«..... Den Traum durchriß ein schöner langer Jüngling, der in roter Uniform auf einem Engländer unten auf der Heerstraße vorüberflog, dem Stadttore zu. Ein gut gekleideter Bettler lief mit dem offnen Hute ihm entgegen - dann ihm nach, dann voraus - der Jüngling kehrte das Roß um - der Bettler sich - und jetzt hielt jener, in den Taschen suchend, den stolzen Waffentanz des schönen Rosses so lange auf, daß Walt ziemlich leicht die Melancholie auf dem prangenden Gesicht, wie Mondschein auf einem Frühling, bemerken konnte, so wie einen solchen Stolz der Nase und der Augen, als könn' er die Siegszeichen des Lebens verschenken. Der Jüngling warf dem Manne seine Uhr in den Hut, welche dieser lang an der Kette trug, indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte. Jetzt war der Notarius nicht mehr imstande, eine Minute aus der Stadt zu bleiben, wohin der Reiter geflogen war, der ihm fast als der Freund, nämlich als der Gott vorkam, den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller übrigen Götter (signis Pantheis) geputzet hatte. »Befreunden« - sagt' er zu sich, in seinem romantischen, durch das Testament noch gestärkten Mute, und auf sein liebe-quellendes Herz vertrauend - »wollten wir uns leicht, falls wir uns erst hätten.« - Er wäre gern zu seinem Bruder gegangen, um sowohl das dürstende Herz an dessen Brust zu kühlen, als ihn über den schönen Jüngling auszufragen; aber Vult hatte ihn gebeten, der Spionen wegen und besonders vor dem Blinden-Konzert den Besuch viel lieber anzunehmen als abzustatten. Mitten aus dem heiligen Opferfeuer rief ihn der Hofagent Neupeter in seine dunkle Schreib-Stube hinein, damit er darin vor dem Essen einige Wechsel protestierte. Wie an einem Käfer, der erst vom Fluge gekommen, hingen an ihm die Flügel noch lang unter den Flügeldecken heraus; aber er protestierte doch mit wahrer Lust, es war sein erster Notariats-Aktus; und - was ihm noch mehr galt - seine erste Dankhandlung gegen den Agenten. Nichts wurde ihm länger und lästiger als das erste Vierteljahr, worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder beköstigte, bloß weil ihm der Mensch so viele Dienste und Mühen vorschoß, ohne von ihm noch das Geringste zu ziehen. Er protestierte gut und sehr, mußte sich aber vom lächelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war überhaupt kaum bei sich; denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkugel, die er durch Adler in alle helle Ätherräume hat reißen lassen, plötzlich unten auf der Erde an, so hängt er doch noch entzückt unter dem Glob' und sieht verblüfft umher. Das war der Sonntags-Vormittag. Der Nachmittag schien sich anders anzufangen. Walt war von der hellen Wirtstafel - wo er mit seinem Puder und Nanking zwischen Atlas, Manchester, Lackzöpfen, Degen, Battist, Ringen und Federbüschen wettgeeifert und gespeiset hatte - in seine Schattenstube im völligen Sonntagsputz zurückgegangen, den er nicht ausziehen konnte, weil eben der Putz in nichts als in einigem Puder bestand, womit er sich sonntäglich besäete. Sah er so weiß aus, so schmeckt' er freilich so gut als der Fürst, was sowohl Sonntage heißen als Putz. Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des Putzwerkes offen; denn das Glück weht ihm irgendeinen Lappen zu, womit er sein größtes Loch zuflickt; dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und bietet es still schlechtem porösen Bettel-Volk. Nur aber war der frohe Vorsatz, den ganzen Nachmittag seinem Kopfe und seinem Romane dichtend zu leben, jetzt über seine Kräfte, bloß wegen des Sonntags-Schmucks; ein gepuderter Kopf arbeitet schwer. So müßte zum Beispiel gegenwärtiger Verfasser - steckte man ihn in dieser Minute zur Probe in Königsmäntel, in Krönungsstrümpfe, in Sporenstiefel, unter Kurhüte -, auf solche Weise verziert, die Feder weglegen und verstopft aufstehen, ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben; denn es geht gar nicht im herrlichsten Anzug; - ausgenommen allein bei dem verstorbenen Büffon, von welchem Madame Necker berichtet, daß er zuerst sich wie zur Gala und darauf erst seine Bemerkungen eingekleidet, um welche er als ein geputzter und putzender Kammerdiener herum ging, indem er ihnen vormittags die Nennwörter anzog, und nachmittags die Beiwörter. Den Notar störte außer dem Puder noch das Herz. Die Nachmittags-Sonne glitt jetzt herein, und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die helle Welt, ins Freie; er bekam das Sonntags-Heimweh, was fast armen Teufeln mehr bekannt und beschwerlich ist als reichen. Wie oft trug er in Leipzig an schönen Sonntagen die Vesper-Wehmut durch die entvölkerten Alleen um die Stadt! Nur erst abends, wenn die Sonne und die Lust-Gäste heimgingen, wurd' ihm wieder besser. Ich habe geplagte Kammerjungfern gekannt, welche imstande waren, wöchentlich siebenthalbe Tage zu lachen und zu springen, nur aber Sonntags nach dem Essen unmöglich; das Herz und das Leben wurd' ihnen nachmittags zu schwer, sie strichen so lange in ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum, bis sie darin auf irgendein dunkles Plätzchen stießen, etwan auf ein altes niedriges Grab, worauf sie sich setzten, um sich auszuweinen, bis die Herrschaft wiederkam. Gräfin, Baronesse, Fürstin, Mulattin, Holländerin oder Freiin, die du nach weiblicher Weise immer noch herrischer gegen die Sklavin bist als gegen den Sklaven - sei das doch Sonntags nach dem Essen nicht! Die Leute in deinem Dienste sind arme Landteufel, für welche der Sonntag, der in großen Städten, in der großen Welt und auf großen Reisen gar nicht zu haben ist, sonst ein Ruhe-Tag war, als sie noch glücklicher waren, nämlich noch Kinder. Gern werden sie, ohne etwas zu wünschen, leer und trocken bei deinen Hoffesten, Hochzeit- und Leichenfesten stehen und die Teller und die Kleider halten; aber an dem Sonntage, dem Volks- und Menschenfest, auf das alle Wochen-Hoffnungen zielen, glauben die Armen, daß ihnen irgendeine Freude der Erde gebühre, da ihnen zumal die Kinderzeit einfallen muß, wo sie an diesem Bundes-Feste der Lust wirklich etwas hatten, keine Schulstunde - schöne Kleider - spaßhafte Eltern - Spielkinder - Abendbraten - grünende Wiesen und einen Spaziergang, wo gesellige Freiheit dem frischen Herzen die frische Welt ausschmückte. Liebe Freiin! wenn dann am Sonntage, wo gedachte Person weniger in der Arbeit, der Lethe des Lebens, watet, das jetzige dumpfe Leben sie erstickend umfängt und ihr über die Unfruchtbarkeit der tauben Gegenwart die helle Kinderzeit, die ja allen Menschen einerlei Eden verheißet, mit süßen Klängen wie neu herüberkommt: dann strafe die armen Tränen nicht, sondern entlasse die Sehnsüchtige etwan bis Sonnen-Untergang aus deinem Schlosse! - Als der Notar sich noch sehnte, stürmte lustig Vult herein, den Mittagswein im Kopf, ein schwarzes Seidenband um ein Auge, mit offenem Hals und losem Haar, und fragte, warum er noch zu Hause sitze, und wie viel er vormittags geschrieben. Walt gab es ihm. Als ers durch hatte, sagte er: »Du bist ja des Teufels, Götterchen, und ein Engel im Schreiben. So fahre fort! - Ich habe auch« (fuhr er mit kälterer Stimme fort und zog das Manuskript aus der Tasche) »diesen Morgen in unserm Hoppelpoppel oder das Herz gearbeitet und darin ausgeschweift, so viel als nötig für ein erstes Kapitel. Ich will dir den Schwanzstern (so nenn' ich jede Digression) halb vorsagen - wenn du mich nur, o Gott, mehr zu goutieren wüßtest! -, nicht vorlesen, denn eben darum! Ich fahre im Schwanzstern besonders wild auf die jungen Schreiber los, die von dir abweichen und in ihren Romanen die arme Freundschaft nur als Tür- und Degengriff der Liebe vornen an diese so unnütz anbringen wie den Kalender und das genealogische Verzeichnis der regierenden Häupter vornen an die Blumenlesen. Der Spitzbube, der Kränkling von Schwächling von Helden will nämlich auf den ersten paar Bogen sich stellen, als seufz' er ziemlich nach einem Freunde, als klaffe auf sein Herz nach einer Unendlichkeit - schreibt sogar das Sehnen nach einem Freund, wenns Werk in Briefen ist, an einen, den er schon hat zum Epistolieren -ja er verrät noch Schmachtungen nach der zweiten Welt und Kunst; - kaum aber ersieht und erwischt die Bestie ihr Mädchen (der Operngucker sieht immer nach dem Freunde hin), so hat sie satt und das Ihrige; wiewohl der Freund noch elendiglich mehrere Bogen nebenher mitstapeln muß bis zu dem Bogen Ix, auf welchem dem geliebten Freunde wegen einer Treulosigkeit des Mädchens frei gesagt wird, es gebe auf der Erde kein Herz, keine Tugend und gar nichts. Hier spei' ich, Bruder, auf das schreibende Publikum Feuer; Spitzbube, so rede ich im Schwanzstern an, Walt, Spitzbube, sei wenigstens ehrlich und tue dann, was du willst, da doch dein Unterschied zwischen einem Freund und einem Liebhaber nur der zwischen einem Sau- und einem Hunds-Igel ist!« -- Hier sah Vult lange das Papier, dann Walten an. »Der ist aber?« fragte dieser. - »So fragt auch mein Schwanzstern«, sagte jener. »Keiner nämlich. - Denn es gibt eben keine Schwein-Igel nach Bechstein*, sondern was man dafür nahm, waren Weibchen oder Junge. Mit den Schweins-Dächsen ists ebenso. Was hilfts, ihr romantischen Autoren,« (las Vult weiter und sah immer vom Papier weg, um das Komische mehr zu sagen als, weil ers wenig konnte, vorzulegen) »daß ihr euere unterirdische Blattseite gegen den Himmel aufstülpet? Sie dreht sich wieder um; wie an Glastafeln wird nur euere der Erde zugekehrte Seite betauet; wie an elektrischen Katzen müsset ihr vorher aus eurem Bürzel einen Funken locken, bevor ihr einen aus dem Kopfe wieder bekommt und vice versa. Seid des Teufels lebendig; aber nur offen; liebt entsetzlich, denn das kann jedes Tier und jedes Mädchen, das sich deshalb für eine Edle, eine Dichterin und einen Welt-Solitär ansieht - aber befreundet euch nicht, was ja an liebendem Vieh so selten ist wie bei euch. Denn ihr habt nie aus Johann Müllers Briefen oder aus dem alten Testament oder aus den Alten gelernt, was heilige Freundschaft ist und ihr hoher Unterschied von Liebe, und daß es das Trachten - nicht eines Halbgeistes nach einer ehelichen oder sonstigen Hälfte, sondern - eines Ganzen nach einem Ganzen, eines Bruders nach einem Bruder, eines Gottes nach einem Universum ist, mehr um zu schaffen und dann zu lieben, als um zu lieben und dann zu schaffen..... Und so geht denn der Schwanzstern weiter«, beschloß Vult, der sich nicht erwehren konnte, ein wenig die Hand des Bruders zu drücken, dessen voriges Freundschafts-Kapitel ordentlich wie helles warmes angebornes Blut in sein Herz gelaufen war. Walt schien davon entzückt zu sein, fragte aber, ob nicht auch oft die Freundschaft nach der Liebe und Ehe komme, oft sogar für dieselbe Person - ob nicht der treueste Liebhaber eben darum der treueste Freund sei - ob nicht die Liebe mehr romantische Poesie habe als die Freundschaft - ob jene am Ende nicht in die gegen Kinder übergehe - ob er nicht fast hart mit seinen Bildern sei; - und noch mehr wollte Gottwalt lindern und schlichten. Aber Vult fuhr auf, sowohl aus voriger Rührung als aus Erwartung eines viel weniger bedingten Lobes, hielt sich die Ohren vor Rechtfertigungen der Menschen zu und klagte: er sehe nur gar zu gut voraus, wie ihm künftig Walt eine Erbosung nach der andern versalzen werde durch sein Überzuckern; beifügend, in ihrem »Hoppelpoppel oder das Herz« gewännen ja eben die süßen Darstellungen am meisten durch die schärfsten, und gerade hinter dem scharfen Fingernagel liege das weichste empfindsamste Fleisch; »aber«, fuhr er fort, »von etwas Angenehmerem, von den sieben Erb-Dieben, wobei ich mir wieder deinetwegen Mühe gegeben! Ich muß etwas bei dir sitzen.« »Noch etwas Angenehmes vorher«, versetzte Walt und schilderte ihm den roten götterschönen Jüngling, und daß solcher, wie ein Donnergott auf einem Sturmvogel, zwischen Aurora und Iris gezogen und unter dem blauen Himmel wie durch eine Ehrenpforte geritten wäre. »Ach, nur seine Hand,« endigte er, »wenn ich sie je anrühren könnte, dacht' ich heute, zumal nach dem Freundschafts-Kapitel. O kennst du ihn?« »Kenn' ihn so nicht, deinen Donner- und Wetter- -- Gott!« (sagte Vult kühl und nahm Stock und Hut) »Verschimmle nur nicht in deinem Storchnest - lauf hinaus ins Rosental wie ich, wo du alle Haßlauer beau monde's-Rudel mit einem Sau-Garn überziehen und fangen kannst, und ihn mit. Vielleicht jag' ich darunter den gedachten Donnergott auf -- möglich ists der Graf Klothar - Nein, Freund, ich gehe absichtlich ohne dich; auch tu' überhaupt nicht draußen, als ob du mich sonderlich kenntest, falls ich etwa zu nahe vor dir vorübergehen sollte vor Augen-Schwäche; denn nachgerade muß ich mich blind machen, ich meine die Leute. Addio!« * Dessen Naturgeschichte Deutschlands. 1. B. 2te Auflage. (Zurück) Nro. 17: Rosenholz Rosental In drei Minuten stand der Notar, dem Vults Verstimmung entgangen war, freudig auf dem grünen Wege nach dem Haßlauer Rosentale, das sich vom schönen Leipziger besonders dadurch unterscheidet, daß es sowohl Rosen hat als auch ein Tal und daher mehr der Fantaisie bei Baireuth ähnlich ist, die bloß die Zuckerbäcker-Arabesken und Phantasie-Blumen und Prunk-Pfähle vor ihm voraushat. Aus der Stadt zog er eigentlich kaum, denn er fand die halbe unterwegs; und alle seine Seelen-Winkel wurden voll Sonnenlicht bei dem Gedanken, so mitzugehen unter Leuten, die mitgehen, mitfahren, mitreiten. Rechts und links standen die Wiesen, die wallenden Felder und der Sommer. Aus der Stadt lief das Nachmittags-Geläute der Kirche in die grüne warme Welt heraus, und er dachte sich hinein, wie jetzt die Kirchengänger sich herausdenken und ihn und das freie luftige Leben göttlich finden würden, in den schmalen, kalten, steinernen Kirchen auf langen leeren Bänken einzeln schreiend, mit schönen breiten Sonnenstreifen auf den Schenkeln und mit der Hoffnung, nach der Kirche nachzumarschieren so schnell als möglich. Die Zugherings-Herde von Menschen legte sich in die Bucht des Rosentals an. Die Laubbäume taten sich auf und zeigten ihm die glänzende offne Tafel des July-Sonntags, die aus einbeinigen Täfelchen unter Bäumen bestand - »köstlich«, sagte der Notar zu sich, »ist doch wahrlich das allgemeine Sesselholen, Zeltaufschlagen, Rennen grüner Lauferschürzen, Weglegen der Schauls und Stöcke, Ausziehen der Körke und Wählen eines Tischchens, die stolzen Federhüte zwischendurch, die Kinder im Grase, die Musikanten hinten, die gewiß gleich anfangen, die warmblühenden Mädchen-Stirnen, die durchschimmernden Gartenrosen unter den weißen Schleiern, die Arbeitsbeutel, die Goldanker und Kreuze und andere Gehenke auf ihren Hälsen und die Pracht und die Hoffnung, und daß noch immer mehr Leute nachströmen -- O ihr lieben Menschen, macht euch nur recht viel Lust, wünsch' ich!« - Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu stören. Vom Zuckerguß seines stillen Vergnügtseins fest überlegt, saß er daran, sich erfreuend, daß jetzt fast in ganz Europa Sonn- und Lusttag sei, und nichts begehrend als neue Köpfe, weil er jeden zwischen die Augen nahm, um auszufühlen, ob er dem roten Jüngling angehöre, wornach seiner Seele alle ihre Blütenblätter standen. Ein Geistlicher spazierte vorüber, vor dem er sitzend den Hut abnahm, weil er glaubte, daß Priester, gewohnt, durch ihre Rockfarbe jeden Hut zu bewegen auf dem Lande, jedesmal Schmerzen in der Stadt empfinden müßten, wenn ein ganz fester vorbeiginge. Der Geistliche sah ihn scharf an, fand aber, daß er ihn nicht kenne. Jetzt trabten zwei Reiter heran, von welchen der eine wenig zu leben hatte, der andere aber nichts, Vult und Flitte. Der Elsasser tanzte reichgekleidet und lustig - obgleich seine te deum laudamus in laus deo bestanden - nach seinem eignen Gesang vom Steigbügel unter seine Bekanntschaften, d.h. sämtliche Anwesende hinein; geliebt von jedem, dem er nichts schuldig war. Er überstand lustig eine kurze Aufmerksamkeit auf sich als den Menschen, der die Kabelsche Erbportion eingebüßet, welche er schon als Faustpfand so oft wie den Reliquienkopf eines Heiligen vervielfacht unter seine Gläubiger verteilt hatte, weil das marseillische Schiff, worauf er eine große, ebensooft verpfändete Dividende hatte, jedem zu lange ausblieb. Walt wunderte und freute sich, daß der singende Tänzer, der alle Weiber grüßte, der kühn ihre Fächer und Sonnenschirme und Armbands-Medaillons handhabte und kühner die Häng-Medaillen und Häng-Uhren von jeder weißen Brust mit den Fingern ans Auge erhob, sich gerade vor den Tisch der drei häßlichsten postierte, denen er Wasser und Aufwärter holte, sogar schöne Gespielinnen. Es waren die drei Neupeterischen Damen, bei welchen Gottwalt gestern drei Visiten-Karten abgegeben. Der Elsasser machte in kurzem umherlaufend das ganze Rosental mit dem dort sitzenden Nanking bekannt, der den alten Kabel beerbte; aber Walt, zu aufmerksam auf andere und zu wenig sich voraussetzend, entging durch sein menschenfreundliches Träumen dem Mißvergnügen, das allgemeine Schielen zu sehen. - Zuletzt trat Flitte gar zu ihm und verriet durch einen Gruß ihn der Kaufmannschaft. Unter allen sieben Erben schien der lustige Bettler gerade am wenigsten erbittert auf Walten zu sein; auch dieser gewann ihn herzlich lieb, da er zuerst den Spielteller der Musikanten nahm, belegte und herumtrug, und gern hätt' er ihm ein großes Stück der Erbportion oder des Testaments zum Lohne mit daraufgeworfen. Der Notar war besonders auf die feinste Lebensart seines Bruders neugierig. Diese bestand aber darin, daß er sich um nichts bekümmerte, sondern auswärts tat, als sitz' er warm zu Hause und es gebe keine Fremden auf der Welt. Sollt' es nicht einige Verachtung oder Härte anzeigen, dachte Walt, durchaus keine fremde erste Stunde anzuerkennen, sondern nur eine vertraute zweite, zehnte etc.? - Dabei machte Vult das ruhigste Gesicht von der Welt vor jedem schönsten, trat sehr nahe an dieses, klagte, sein Auge komme täglich mehr herunter, und blickte (als Schein-Myops) unbeschreiblich kalt an und weg, als sitze die Physiognomie, verblasen zu einem gestaltlosen Nebel, an einer Bergspitze hängend vor ihm da. Sehr fiel dem Notarius - welcher glaubte, auch gesehen zu haben in Leipzig in Rudolphs Garten, was feinste Sitten und Menschen sind, und mit welchen forcierten Märschen junge männliche Kaufmannschaft weibliche bedient und bezaubert, gleichsam willige Kartesianische Teufelchen, die der Damenfinger auf- und niederspringen lässet - sehr fiel ihm Vults männliche Ruhe auf, bis er zuletzt gar seine Definition des Anstands änderte und sich folgende für den »Hoppelpoppel« aus dem weltgewandten Bruder abzog: »Körperlicher Anstand ist kleinste Bewegung; nämlich ein halber Schritt oder schwacher Ausbug statt eines Gemsensprunges - ein mäßiger Bogen des Ellenbogens statt einer ausgereckten spitzen Fechter-Tangente, das ist die Manier, woran ich den Weltmann erprobe.« - Zuletzt wurde der Notar auch keck und voll Welt und Lebensart und stand auf mit dem Vorsatz, wacker hin und her zu spazieren. Er konnte so zuweilen ein Wort seines Bruders von der Seite wegschnappen; und besonders irgendwo den roten Liebling des Morgens auffischen. Die Musik, welche die Dienste des Vogelgesangs tat eben durch Unbedeutsamkeit, schwemmte ihn über manche Klippe hinüber. Aber welche Flora von Honoratioren! Er genoß jetzt das stille Glück, das er oft gewünscht, den Hut abzuziehen vor mehr als einem Bekannten, vor Neupeter et Compagnie, die ihm kaum dankten; und er konnte sich nicht enthalten, manche frohe Vergleichungen seiner jetzigen lachenden Lage im Haßlauer Rosental mit seiner sonstigen anonymen im Leipziger anzustellen, wo ihn außer den wenigen, die er nicht richtig bezahlen konnte, fast keine Katze kannte. Wie oft war er in jener unbekannten Zeit versucht, öffentlich auf einem Beine zu tanzen, oder auch mit zwei zinnernen Kaffeekannen in der Hand, oder geradezu eine Flammen-Rede über Himmel und Erde zu halten, um nur Seelen-Bekannte sich ans Herz zu holen! - So sehr setzt der Mensch - der älter kaum bedeutenden Menschen und Büchern zuläuft - jünger schon bloß neuen Leuten und Werken feurig nach. Mit Freuden bemerkt' er im Gehen, wie Vult in seine Ruhe und Würde so viel insinuante Verbindlichkeit, und in sein Gespräch so viele selber an Ort und Stelle geerntete Kenntnisse von Europens Bilderkabinetten, Künstlern, berühmten Leuten und öffentlichen Plätzen zu legen wußte, daß er wirklich bezauberte; worin ihn freilich seine Verbindung mit seinen schwarzen Augen (darin bestand besonders seine schwarze Kunst bei Weibern) und wieder die Kälte, welche imponiert (Wasser gefriert sich immer erhoben), sichtbar unterstützte. Eine alte Hofdame des regierenden Häuschens von Haßlau wollte schwer von ihm weg; und bedeutende Herren befragten ihn. - Aber er hatte den Fehler, nichts so sehr zu lieben - das Bezaubern ausgenommen - als Entzaubern darauf, und besonders die Sucht, Weiber, wie ein elektrisierter Körper leichte Sachen, anzuziehen, um sie abzustoßen. Walt mußte über Vults Einfälle über Weiber bei Weibern selber erstaunen; denn er konnte im Vorübergehen recht gut vernehmen, daß Vult sagte: sie kehrten stets im Leben und sonst, wie an ihren Fächern, gerade die reichste bemalte Fläche andern zu und behielten die leere - und mehr dergleichen, als z.B.: sie machten, wie man die Coeurs auf Karten zu Gesichtern mit malerischer Spielerei umgewandelt, wieder leicht aus ihrem und einem fremden Gesicht ein Coeur - oder auch: die rechte poetische, aber spitzbübische Art der Männer, sie zu interessieren, sei, ihnen immer die geistige Vergangenheit, ihre Lieblingin vortönen zu lassen, als z.B. welche Träume vergangen, und wie sich sonst das Herz gesehnt usw.; das sei die kleine Sourdine die man in die Weite des Waldhorns stecke, dessen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge. »Sie pfeifen auf der Flöte?« sagte die Hofagentin Neupeter. Er zog die Ansätze und Mittelstücke aus der Tasche und wies alles vor. Ihre beiden häßlichen Töchter und fremde schöne baten um einige Stücke und Griffe. Er steckte aber die Ansätze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert. »Sie geben wohl Stunden?« fragte die Agentin. »Nur schriftliche,« versetzt' er, »da ich bald da, bald dort bin. Denn längst ließ ich in den Reichs-Anzeiger folgendes setzen: 'Endes Unterschriebener kündigt an, daß er in portofreien Briefen - die ausgenommen, die er selber schreibt - allen, die sich darin an ihn wenden, Unterricht auf der herrlichen Flûte traversière (sie hier zu loben, ist wohl unnötig) zu geben verspricht. Wie die Finger zu setzen, die Löcher zu greifen, die Noten zu lesen, die Töne zu halten, will er brieflich posttäglich mitteilen. Fehler, die man ihm schreibt, wird er im nächsten Briefe verbessern.' Unten stand mein Name. Gleicherweise kegle ich auch in Briefen mit einem sehr eingezognen Bischof (ich wollt', ich könnt' ihn nennen); wir schreiben uns, redlicher vielleicht als Forstbeamte, wie viel Holz jeder gemacht; der andere stellt und legt seine Kegel genau nach dem Briefe und schiebt dann seinerseits.« Die Haßlauer mußten lachen, ob sie gleich ihm glaubten; aber die Agentin strich sich mit innerer Hand so rot als einen Postwagen, dessen Stöße Herr Peter Neupeter am besten kannte, an und fragte die Töchter nach Tee. Das Kirwanentee-Kästchen war vergessen. Flitte war froh, sagte, er sitze auf nach dem Kästchen, hoffe es in fünf Minuten aus der Stadt herzureiten, und sollte sein Gaul fallen - d. h. der geborgte, denn sein Zutritt in allen Häusern war auch einer in allen Ställen -, und er denke sogar noch dem Herrn van der Harnisch eine bewährte Starbrille mitzubringen. Vult behandelte, glaubte Walt, das Anerbieten und das Männchen etwas zu stolz. Wirklich kam Flitte nach 7 Minuten zurückgesprengt, ohne Starbrille - denn er hatte sie nur versprochen -, aber mit dem Neupeterischen Tee-Kästchen von Mahagony, dessen Deckel einen Spiegel mit der Tee-Doublette aufschlug. Plötzlich fuhr Vult, als aus dem sogenannten Poetengange des Rosentals eine reiche rote Uniform mit rundem Hut heraustrat, auf den spazierenden Notarius los - tat kurzsichtig, als glaub' er ihn zu kennen - fragte ihn unter vielen Komplimenten leise, ob jener rote Bediente des Grafen von Klothar der bewußte sei - entschuldigte sich nach dem Kopfschütteln des bestürzten Notars laut mit seinem Kurzblicke, der jetzt Bekannte und Unbekannte durcheinanderwerfe, und setzte hinzu: »Verzeihen Sie einem Halbblinden, ich hielt Sie für den Herrn Waldherrn Pamsen aus Hamburg, meinen Intimen« - und ließ ihn im Bewußtsein einer Verlegenheit, deren Quelle der redliche Notar nicht in seiner Wahrhaftigkeit suchte, sondern in seinem Mangel an Reisen, die immer das Hölzerne aus den Menschen wegnehmen, wie die Versetzungen das Holzige aus den Kohlrüben. Jetzt trat nach dem dienerischen Abendrote der Aurora, hinter welcher der Notar seine Lebens-Sonne finden wollte, wirklich der Reiter des Morgens im blauen Überrock, aber mit Federbusch und Ordensstern aus dem dichten Laubholze heraus samt Gesprächen mit einem fremden Herrn. Der Flötenspieler brauchte bloß auf einen brennenden Blick des Notars seinen kalten zu werfen, um fest zu wissen, daß der Morgen-Mann dem Feuer-Herzen des Bruders wieder erschiene, den er nur aus Ironie mit der Verwechslung des roten Bedienten mit dem blauen Herrn geneckt. Walt ging ihm entgegen; in der Nähe erschien diesem der Musengott seiner Gefühle noch länger, blühender, edler. Unwillkürlich nahm er den Hut ab; der vornehme Jüngling dankte stumm fragend und setzte sich ans erste beste Tischchen, ohne durch den sprungfertigen Rot-Rock etwas zu fodern. Der Notar ging auf und ab, um, wie er hoffte, vielleicht unter das Füllhorn der Reden zu kommen, das der schöne Jüngling über den Begleiter goß. »Wenn auch .... « (fing der Jüngling an, und der Wind wehte das Hauptwort Bücher weg) »nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch.« Wie rührend und nur aus dem Innersten in das Innerste dringend klang ihm diese Stimme, welche des schönen wehmütigen Flors um das Angesicht würdig war! - Darauf versetzte der andere Herr: »Die Dichtkunst führt ihre Inhaber zu keinem bestimmten menschlichen Charakter; wie Kunstpferde machen sie Küssen und Totstellen und Komplimentieren und andere fremde Künste nach; sind aber nicht die dauerhaftesten Pferde zum Marsch.« - Das Gespräch war offenbar im Poetengange aufgewachsen. »Ich bin gar nicht in Abrede,« - versetzte der blaue Jüngling ruhig ohne alle Gestus, und Gottwalt ging immer schneller und öfter vorüber, um ihn zu hören -, »sondern vielmehr in der Meinung, daß jede, auch willkürliche Wissenschaft, dergleichen Theologie, Jurisprudenz, Wappenkunde und andere sind, eine ganz neue, aber feste Seite an den Menschen oder der Menschheit nicht nur zeige, auch wirklich hervorbringe. Aber desto besser! Der Staat macht den Menschen nur einseitig und folglich einförmig. Der Dichter sollte also, wenn er könnte, alle Wissenschaften, d.h. alle Einseitigkeiten in sich senden; alle sind dann Vielseitigkeit; denn er allein ist ja der einzige im Staat, der die Einseitigkeiten unter einen Gesichtspunkt zu fassen Ruf und Kräfte hat und sie höher verknüpfen und durch loses Schweben alles überblicken kann.« »Ganz evident«, sagte der Fremde, »ist mir das nicht.« - »Ich will ein Beispiel geben«, versetzte der Graf Klothar. »Im ganzen mineralogischen, atomistischen oder toten Reiche der Krystallisation herrschst nur die gerade Linie, der scharfe Winkel, das Eck; hingegen im dynamischen Reiche von den Pflanzen bis zu den Menschen regiert der Zirkel, die Kugel, die Walze, die Schönheitswelle! Der Staat, Sir, und die positive Wissenschaft wollen nur, daß sein Arsenik, seine Salze, sein Demant, sein Uranmetall in platten Tafeln, Prismen, langrautigen Parallelepipedis usw. anschießen, um leichter eingemauert zu werden. Hingegen die organisierende Kraft, eben darum die isolierende, will das nicht, das ganze Wesen will kein Stück sein; es lebt von sich und von der ganzen Welt. So ist die Kunst; sie sucht die beweglichste und vollste Form und ist, wie sonst Gott, nur wie ein Zirkel oder ein Augapfel abzubilden.« Aber der Notar zwang ihn aufzuhören. - Er hatte sich darüber Skrupel gemacht, daß er so im Auf- und Abschleichen die obwohl lauten Meinungen des edeln Jünglings heimlich weghorche; daher lehnt' er sich aus Gewissen an einen Baum und sah unter dem Hören dem Blaurock deutlich ins Gesicht, um ihm anzuzeigen, daß er aufpasse. Aber den Jüngling verdroß es, und er verließ den Tisch. Herzlich wünschte der nachgehende Notar den Flötenisten herbei, um durch ihn mehr hinter den Donnergott zu kommen. Zum Glücke teilte und durchschnitt der Graf einen bunten Menschen-Klumpen, der sich um ein Kunstwerk ansetzte. Es war ein knabenhohes und -langes Kauffahrteischiff, womit ein armer Kerl auf der Achse zu Lande ging, um mit diesem Weberschiffchen die Fäden seines hungrigen Lebens zu durchschießen und zusammenzuhalten. Als der Notar sah, daß der Jüngling sich ans Fahrzeug und Notruder des Menschen stellte, drang er ihm nach, um dicht neben ihm zu halten. Der Schiffspatron sang sein altes Lied von den Schiffsteilen, den Masten, Stengen, Reen, Segel- und Touw-Werk ab. »Das muß ihm hundslangweilig werden, es täglich wiederholen«, sagte der Herr zum Grafen. »Es folgen sich«, versetzte dieser mit einigem Lehrtone, »in jeder Sache, die man täglich treibt, drei Perioden: in der ersten ist sie neu, in der nächsten alt und langweilig, in der dritten keines von beiden, sondern gewohnt.« Hier kam Vult. Der Notar gab ihm durch Winke die entbehrliche Nachricht des Funds. »Aber, Patron,« sagte der Graf zum Schiffsherrn, »die Brassen der Fock-Ree müssen ja mitten von dem großen Stag an nach den Schinkel-Blocken laufen, dann sieben oder sechs Fuß tiefer nach dem großen Stag durch die Blocke und so weiter nach dem Verdeck. Und wo habt Ihr denn den Vor-Teckel, die Schoten des Vor-Mars-Segels, die Gy-Touwen des Bezaans-Segels und das Fall von dem Seyn?« - Hier ließ der Graf verachtend den Schiffer, der seinen Mangel durch Bewunderung fremder Kenntnis verkleistern wollte, in einer zweiten, aufrichtigern über eine Geld-Fracht stehen, dergleichen ihm sein Proviantschiff und Brotwagen noch nie aus den beiden Indien des Adels- und des Bürgerstandes zugefahren. Walt - auch in einem süßen Erstaunen über die nautischen Einsichten bei so viel philosophischen - ließ den blauen stolzen Jüngling schwer durchpassieren und sich von ihm statt an die Brust doch recht an die Seite so lange drücken, daß der Blaurock ziemlich ernsthaft ihn ansah. Vult war verschwunden. Der Jüngling flog bald mit seinem Bedienten auf schönen Pferden davon. Aber der Notarius blieb als ein Seliger in diesem Josaphats-Tal zurück, ein geheimer stiller Bacchant des Herzens. »Das ist ja gerade der Mensch,« sagt' er heftig, »den du feurig wolltest, so jung, so blühend, so edel, so stolz - höchst wahrscheinlich ein Engländer, weil er Philosophie und Schiffsbau und Poesie wie drei Kronen trägt. Lieber Jüngling, wie kannst du nicht geliebt werden, wenn du es verstattest!« Jetzt verschüttete die Abendsonne unter ihre Rosen das Tal. Die Musikanten schwiegen, von dem Spielteller das Silber speisend, der umgelaufen war. Die Menschen zogen nach Hause. Der Notarius ging noch eilig um vier leere Tische, woran holde Mädchen gesessen, bloß um die Freude einer solchen Tischnachbarschaft mitzunehmen. Er wurde nun im langsamen Strome ein Tropfen, aber ein rosenroter heller, der ein Abendrot und eine Sonne auffaßte und trug. »Bald«, sagt' er sich, als er die drei Stadttürme sah, an welchen das Abendgold herunterschmolz, »erfahr' ich von meinem Vult, wer er ist und wo - und dann wird mir ihn Gott wohl schenken.« Wie liebt' er alle Jünglinge auf dem Wege, bloß des blauen wegen! »Warum liebt man«, sagt' er zu sich, »nur Kinder, nicht Jünglinge, gleichsam als wären diese nicht eben so unschuldig?« - Ungemein gefiel ihm der Sonntag, worin jeder sich schon durch den Anzug poetisch fühlte. Die erhitzten Herren trugen Hüte in Händen und sprachen laut. Die Hunde liefen lustig und ohne scharfe Befehle. Ein Postzug Kinder hatte sich vor eine volle Kinderkutsche gespannt, und Pferde und Passagiere waren sehr gut angezogen. Ein Soldat mit dem Gewehr auf der Achsel führte sein Söhnchen nach Hause. Einer führte seinen Hund an seinem rotseidnen Halstuch. Viele Menschen gingen Hand in Hand, und Walt begriff nicht, wie manche Fußgänger solche Finger-Paare und Liebes-Ketten trennen konnten, um nur gerade zu gehen; denn er ging gern herum. Sehr erfreuet' es ihn, daß sogar gemeine Mägde etwas vom Jahrhundert hatten und ihre Schürzen so weit und griechisch in die Höhe banden, daß ein geringer Unterschied zwischen ihnen und den vornehmsten Herrschaften verblieb. Nahe um die Stadt unter dem ersten Tore rasete die Schuljugend, ja ein gedachtes Mädchen gab der herrischen Schildwache einen Blumenstrauß keck neben das Gewehr - und so schien dem Notar die ganze Welt so tief in die Abendröte geworfen, daß die Rosenwolken herrlich wie Blumen und Wogen in die Welt hineinschlugen. Ende des ersten Bändchens Zweites Bändchen Nro. 18: Echinit Der Schmollgeist Es braucht keinen großen diplomatischen Verstand, um zu erraten, daß der Notar in der Sonntags-Nacht nicht zu Hause blieb, sondern noch spät zu dem Theater-Schneider Purzel gehen wollte, wo sein Bruder wohnte, um bei ihm mehr über den blauen Jüngling zu hören. Aber dieser empfing heruntereilend ihn auf der Gasse, die er als Saal und Corso des Volks in Feier-Nächten erhob und zum Spaziergange vorschlug. Ziemlich entzückt nahms Walt an. So Sonntags in der Nacht unter den Sternen mit Hunderten auf- und abzugehen, sagt' er, das zeig' ihm, was Italien sei; zumal da man den Hut aufbehalten und ungestört zu Fuße träumen könne. Er wollte sofort viel reden und fragen, aber Vult bat ihn, bis in andere, einsamere Gassen zu schweigen und nicht Du zu sagen. »Wie so gern!« sagte Walt. Unbemerkt war ihm in der Dämmerung die Brust voll Liebe gelaufen wie eine Blume voll Tau - sooft er durfte, streift' er mit der Hand ein wenig an eine jede blutfremde vorbeigehende an, weil er nicht wissen könne, dacht' er, ob er sie je wieder berühre - ja, er wagt' es in schattigern Stellen der Nacht sogar, zu Erkern und Balkons, wo deutlich die vornehmsten Mädchen standen, aufzusehen und sich von der Gasse hinaufzudenken mitten darunter mit einer an der Hand als Bräutigam, den sein Himmel halb erstickt. Endlich spannt' er vor dem Flötenspieler in einer schicklichen Sackgasse das glänzende historische Blatt von seinem innern Banquet und Freuden-Gewühle eines Nachmittags auf, der darin bestand - als Vult neugierig näher nachsah -, daß er draußen hin und her gegangen und den Blaurock getroffen. »Man sollte geschworen haben,« versetzte Vult, »Sie kämen eben aus Gladheim* statt aus dem Rosentale her und hätten sich entweder die Freya oder die Siöfna oder die Gunnur oder die Gierskogul oder die Mista oder sonst eine Göttin zur Ehe abgeholt, und ein Paar Taschen voll Weltkugeln als Brautgabe dazu. - Doch ists zu rühmen, wenn ein Mann das Galakleid der Lust noch so wenig abgetragen - die Fäden zähl' ich auf meinem -, ausgenommen wenn der Mann nicht bedenkt, daß Zauberschlösser leicht die Vorzimmer von Raubschlössern sind.« Aber jetzt wies ihm Walt den Berg der heutigen Weinlese, den blauen Jüngling, und fragte nach dessen Namen und Wohnung. Der Bruder erwiderte gelassen, es sei der Graf Klothar, ein sehr reicher, stolzer, sonderbarer Philosoph, der fast den Briten spiele, sonst gut genug. Dem Notar wollte der Ton nicht gefallen, er legte Vulten Klothars reiche Worte und Kenntnisse vor. Vult erwiderte, darin seh' er fast einige merkliche Eitelkeit des Stolzes. »Ich könnt' es nicht ertragen,« versetzte Walt, »wenn Menschen gewisser Größe demütig wären.« - »Und ich kann«, versetzte Vult, »es nicht erdulden, wenn der englische Stolz, oder der irländische oder der schottische, der sich sehr gut in Bücher-Darstellungen ausnimmt, in der Wirklichkeit auftritt und pustet. In Romanen gefällt uns fremde Liebe und Stolziererei und Empfindelei; - aber darüber hinaus schlecht.« »Nein, nein,« (sagte Walt) »wie mir denn dein eigener Stolz gefällt. Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund - daher kann uns oft Demut ebensogut quälen; - daher ist unser Haß des Stolzes kein Neid gegen Vorzüge; denn indes wir allzeit größere über uns anerkennen und nur erstohlne, vorgespiegelte hassen: so ist unser Haß nicht Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit.« - »Sie philosophieren ja wie ein Graf«, sagte Vult. »Hier wohnt der Graf.« Mit unsäglicher Freude sah Walt an die leuchtenden Fenster-Reihen einer Garten-Villa hinauf, die der Gasse den glänzenden Rücken zeigte und in welche ein langer Garten durch eine breite Vorhalle von Bäumen-Ordnungen führte. Jetzt ließ Walt vor dem Bruder eine durstige Seele in alle ihre Gedichte und Hoffnungen der Liebe ausbrechen. Der Flötenspieler sagte (eine gewöhnliche Ergießung seines Zorns): »Freilich in gewissen Stücken - indessen - zumal so - insofern ja freilich, o Himmel!« und fügte bei, seines schwachen Bedünkens sei Klothar vielleicht nicht weit von dem entfernt, was man im gemeinen Sprachgebrauch einen Egoisten nennt. Walt hielt es jetzt schon für Freundes-Pflicht, den unbekannten Grafen hierüber heftig zu beschützen, und berief sich auf dessen edle Physiognomie, die gewiß darum, vermutete er, so trübe beschattet sei, weil er fruchtlos nach einer Sonne sehe, die ihm auf irgendeinem Altare voll Opfer-Asche den alten Phönix der Freundschaft erwecke; und ganz reiner Liebe schließe gewiß kein Herz sich zu. »Wenigstens setzen Sie vorher,« sagte Vult, »eh' Sie vor seinen Kammerdiener treten, einen Fürstenhut auf, ziehen einen Stern an, binden ein blaues Hosenband um: - dann mögen Sie bei ihm zur Cour vorfahren; so nicht wohl. Ich ja selber, der ich von einem so eisgrauen Adel bin, daß er vor Alters-Marasmus fast erloschen ist, mußte vorher bei ihm eigne Verdienste vorschützen. - Und wie wollen Sie ihm Ihre Freundschaft promulgieren? Denn bloßes Hegen derselben tuts nicht.« - »Von morgen an«, sagte Walt unschuldig, »such' ich ihm so nahe zu kommen, daß er alles deutlich lesen kann in meinem Herzen und Gesicht, was die Liebe an ihn hineingeschrieben, Vult!« - »Van der Harnisch, zum Henker! Was ist zu Vulten? Sie bauen demnach auf Ihren Diskurs und dessen Gewalt?« versetzte Vult. - »Jawohl,« sagte Walt, »was hat denn der Mensch außer so seltnen Taten noch anderes?« - Aber den Flötenspieler überraschte an einem so bescheidenen Wesen, das höhere Stände vergötterte, dieses stille feste Vertrauen auf Sieg ausnehmend. Die Sache war indes, daß der Notar schon seit geraumen Jahren, wo er Petrarcas Leben gelesen, sich für den zweiten Petrarca still ansah, nicht bloß in der ähnlichen Zeugungskraft kleiner Gedichte - oder darin, daß der Welsche von seinem Vater nach Montpellier geschickt wurde, um das Jus zu studieren, das er gegen Verse später fahren ließ -, sondern auch - und hauptsächlich - darin mit, daß der erste Petrarca ein gewandter zierlicher Staatsmann war. Der Notar glaubte, er dürfe, nach den Reden zu schließen, die er mehrmals siegend an Goldinen und die Mutter gehalten, ohne Unbescheidenheit auf einige Ähnlichkeit mit dem Italiener rechnen, falls man ihn nur in die rechten Lagen brächte. So geht eigentlich in dieser Minute kein Jüngling in ganz Jena, Weimar, Berlin usw. über den Markt, der nicht glauben müßte, als Schrein - Sakramentshäuschen - Heiligen-Haus - Rindenhaus - oder Mumienkasten irgendeines jetzt oder sonst lebenden Geister-Riesen heimlich herumzulaufen, so daß, wenn man besagten Schrein und Mumienkasten aufschlage, der gedachte Riese deutlich ausgestreckt darin läge und munter blickte. Ja, Schreiber dieses war früher fünf bis sechs große Männer schnell nacheinander, so wie er sie eben gerade nachahmte. Kommt man freilich zu Jahren, nämlich zu Einsichten, besonders zu den größten, so ist man nichts. »Wir wollen doch in einem fort hier auf- und abgehen«, sagte Walt, der in Vults Repliken, zumal von seiner Himmelsluft berauscht, nichts spürte als dessen Manier. »Ins Bette lieber; - wir stören vielleicht Klotharn, der schon darin liegt, denn ich höre, morgen verreiset er auf einige Tage sehr frühe« - berichtete Vult, als woll' er, ordentlich sich selber zur Pein, aus Walts vollem Herzen recht viel Liebe vorpressen. »So ruhe sanft, Geliebter!« sagte Walt und schied gern von der lieben Stelle und dann vom verdrüßlichen Bruder. Voll Freude und Friede zog der Notar nach Hause - in die stillen Gassen schaueten nur die hohen Sterne - er sah im Marktwasser einer nach Norden offnen Straße die Mitternachts-Röte abgespiegelt - im Himmel zogen helle Wölkchen wie verspätet aus dem Tage heim und trugen vielleicht oben die Genien, die den Menschentag reich beschenket hatten - und Walt konnte, als er so glücklich in sein einsames dämmerndes Stübchen zurückkam, sich sowohl des Weinens als des Dankens nicht enthalten. * Das Freuden-Tal in Walhalla. (Zurück) Sehr früh bekam er am Morgen von Vulten ein Briefchen, mit einer versiegelten Inlage, überschrieben: »tempori!« Jenes lautete: »Freund, ich fodere nichts von Euch als eine kurze Unsichtbarkeit, bis mein Blinden- und Flötenkonzert gegeben ist, zumal da ich dazu Gründe habe, die Ihr selber habt. Schreiben können wir uns sehr. Wächst mein Erblinden so hastig fort wie bisher: so blas' ich den vierzehnten, obgleich als stockblinder Dülon, bloß um nur das arme Ohren-Publikum nicht länger aus einem Wochentagsblatt ins andere zu schleppen. - Ich bitt' Euch, macht kein Instrument, ohne mirs zu schreiben. - Ich hoffe, daß Ihr die Familien-Ehre schonet, wenn Ihr in den Webstuhl tretet, um das bewußte Freundschafts-Band zu weben, und daß Ihr darauf rechnet, daß ich nötigsten Falls auch ein paar Fußstöße im Stuhle mitzutun bereit wäre. Auf Beilage setzt Euer Siegel neben meines und schickt sie zurück; zu gehöriger Stunde wird sie vor Euch einst erbrochen. Addio! v. d. H. N.S. Man muß jetzt meiner Augen wegen mit ellenlangen Buchstaben an mich schreiben wie diese da.- Letzteres tat Walt in seiner Antwort gern, aber der Blindheit gedacht' er nicht, aus Wahrheitsliebe. Er versprach alles Verlangte und beklagte leidend die Trennung einer so kurzen Vereinigung; beteuerte aber, daß Vult jeden Schritt und jedes Glück bei dem Grafen mit ihm schriftlich teilen solle. - Übrigens erkannte Walt in dieser Unsichtbarkeit den Bruder nur als einen rechten Weltluchs, der sich auch gegen das kleinste Wetter-Leuchten des Zufalls einbauet, das den Menschen oft mitten in seiner besten Dunkelheit vom Scheitel bis zur Sohle aufrecht erhellet. Das geheime Paquet hätte man dem Notar ebensogut unversiegelt geben können, so sehr erfreute er sich, eine Gelegenheit der Treue gegen andere und sich zu erleben. Das versiegelte Blatt lautete so: »Da es ungewiß ist, ob du je diesen Brief an dich lesen darfst: so kann ich offen genug schreiben. Es hat mich ungemein und diese ganze Nacht durch gekränkt, lieber Bruder - wer weiß, ob wir uns noch so anreden bei dem Erbruche dieses Blattes, der entweder im schlimmsten oder im besten Falle geschieht -, daß du von der Freundschaft deines Bruders nicht so wie er von deiner befriediget wirst, sondern schon eine neue suchst. Daß ich deinetwegen im dummen Haßlau bleibe, oder daß ich für dich mit Würg-Engeln und Scharf- und Höllenrichtern mich herumschlagen würde - daraus kann nicht viel gemacht werden; aber daß ein Mensch, dem auf seinem Reisewagen das Herz halb ausgefahren, gerädert, ja abgeschnitten worden, doch für dich allein eines mitbringt, das darf er anrechnen, zumal in einem Tausche gegen deines, das zwar unbeschreiblich rein und heiß, aber auch sehr offen - der Windrose aller Weltgegenden - dasteht. Und nun wirds gar einem Grafen aufgemacht, der als Freund den Thron besteigt, indes ich auf dem Geschwister-Bänkchen oder Kinder-Stühlchen sitze - o Bruder, das durchbrennt mich. So rottenweise, so in der Landsmannschaft aller Menschen auch mit geliebt zu werden und um ein Herz sich mit seinem samt hundert andern Herzen wie ein Archipelagus von Zirkel-Inseln herumzulagern - - Freund, das ist mein Geschmack nicht. Ich muß wissen und halten, was ich habe. Wollt' ich dir freilich meinen schwülen Giftbaum, worunter ich diese Nacht geschlafen, aufblättern: so kenn' ich dein schönes sanftes opferndes Gemüt; - aber lieber wollt' ich ihn ganz abernten, eh' ich so demütig wäre. Es verdrießet mich schon, daß ich vor dir nur so viel schon am Grafen getadelt. Sieh selber - wähle selber - nur deine Empfindung treibe dich, hinzu oder hinweg - Umgekehrt vielmehr werd' ich dir alle mögliche Flugwerke, Strickleitern und Schneckentreppen zum hohen Grafen machen und leihen, dem ich so gram bin; aber dann, wann du entweder ganz bezaubert, oder ganz entzaubert bist, lös' ich das Siegel von folgender Schilderung dieses Herrn: Er ist nicht zum Ausstehen. Eitelkeit des Stolzes und Egoismus sind die beiden Brenn- oder Frostpunkte seiner Ellipse. Mir mißfällt ein junger elender Fant gar nicht - denn ich seh' ihn nicht -, der ein Narr ist, ein Bilderdiener seines Spiegelbilds, ein Spiegel seiner Pfauenspiegel; und so gern ich in effigie jedem männlichen Fratzen, der sich hinsetzen und als Elegant einem Mode-Journalisten sitzen kann, einen tapfern Fußtritt gäbe: so bekümmern mich doch die Narren zu wenig, ja, ich könnte einem, der frei seine Eitelkeit erklärte, solche nachsehen ... Hingegen einem, der sie leugnet - der den Pfauenschweif hinter den Adlersflügeln einheften will - der nur an Sonntagen schwarz gehet, weil da der Schornsteinfeger weiß gehet - der sehr ernst sich bloß die Glatze auskämmt - der wie eine Spinne nächtlich das Gewebe, womit er die Sums-Mücke Lob einfängt, wieder verschluckt und dann wieder ausspannt - und der die Ansprüche des Philosophen und Narren gern verbände - und der natürlich noch dabei vollends so egoistisch ist ... Ich sage egoistisch. Macht sich ein Mensch, Bruder, aus den Menschen nicht viel, so bin ich stiller als einer dazu; nur mach' er sich auch nicht mehr aus sich, und im Streit-Fall seines und fremden Glücks wähl' er großmütig. Hingegen ein echter, recht frecher Selbstsüchtling, der ganz unverschämt gerade die Liebe begehrt, die er verweigert, der die Welt in einer Kochenille-Mühle mahlen könnte, um sich Weste und Wangen rot zu färben, der sich für das Herz der Allheit ansieht, deren Geäder ihm Blut zu- und abführt, und der den Schöpfer und Teufel und Engel und die gewesenen Jahrtausende bloß für die Schaffner und stummen Knechte, die Weltkugeln für die Dienerhäuser eines einzigen erbärmlichen Ichs nimmt: - Walt, es ist bekannt, einen solchen könnt' ich gelassen und ohne Vorreden totschlagen und verscharren. Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, großmütige, obwohl zerreißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille sich einbeißende fortsaugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine. Du, glaub' ich, vermietest deine rechte an Weiber, die linke an Männer und behilfst dich, so gut du kannst, im Herzohr oder Herzbeutel. Vom Grafen will ich dir nichts sagen, als daß er als protestantischer Philosoph eine liebliche, aber katholische Braut - dir frappant ähnlich in der Liebe gegen jeden Atem des Lebens - schlechterdings aus ihrer Religion in seine schleppen will, bloß aus egoistischer stolzer Unduldsamkeit gegen einen stillen Glauben in der Ehe, der seinen als einen falschen schölte. Und dieses Menschen Kebs-Braut wolltest du werden? - Es schmerzet mich jetzt, wo ich mich ins Kühle geschrieben, recht ins Herz hinein, daß du Sanfter bis dahin, bis zur Eröffnung dieses Testaments dieses Briefs, so manche Plage von zwei Spitzbuben erdulden wirst, wovon der zweite ich selber bin. Denn wie ich bis dahin schmollen, dich auf harte Proben stellen - z.B. auf die, ob meine Unsichtbarkeit, Ergrimmung und Ungerechtigkeit dir genug ans Herz gehe - und wie ich überhaupt des Teufels gegen dich sein werde, ist Gott und mir am besten bekannt; denn ich kenne meine Schmoll-Natur, welche - so sehr ich mir auf dieser Zeile das Gegenteil vornehme - so wenig als ein schwimmender Kork in einem Gefäß Wasser in der Mitte bleiben kann. Ach, auf jedem frischen Druckbogen des Lebens kommt immer unten der Haupttitel des Werks wieder vor. Mein Übel aber eben ist der Schmollgeist, esprit de dépit d'amour, den mir eine der vermaledeitesten Feen muß in die Nasenlöcher eingeblasen haben. Eine schlimmere Bestie von Polter- und Plagegeist ist mir in allen Dämonologien und Geisterinseln noch nicht aufgestoßen. - Ordentlich als sei das Lieben nur zum Hassen da, erboset man sich den ganzen Tag auf das süßeste Herz, sucht es sehr zu peinigen, breitzudrücken, einzuquetschen, zu vierteilen, zu beizen -- aber wozu? - Um es halbtot an die Brust zu nehmen und zu schreien: o ich Höllenhund! So gottlos hielt ich mit Freunden Haus, noch gottloser freilich mit Freundinnen. - Dreitausendzweihundertundfünfmal söhnt' ich mich mit einer thüringischen Geliebten in dem kurzen Wonnemonde unserer Liebe aus - mit andern aber öfter -; und kündigte doch gleich darauf, wie ein kopulierter Fürst, die Seelen-Trauung wieder durch Kanonen-Schüsse und Mord-Knälle an, weil ich wieder den kleinsten schönsten allerliebsten Reif der Liebe für Schnee ansah. - Bei solchen Umständen, das schwur ich feierlich, heirate der Teufel oder ein Gott; denn ist die Person nicht abwesend, die man zu lieben hat (abwesend gehts sehr; auch brieflich), oder was ebensogut ist, abgegangen mit Tod (Liebe und Testament werden durch Sterben erst ewig): so hat man nach den bekannten wenigen Flitter-Sekunden seine Blei-Jahre, bringt sein Leben wie an einem Kamin hin, halb den Steiß im Feuer, halb den Bauch im Frost, oder wie ein Stück Eis im Wasser, oben von der schönen Sonne, unten durch die Wellen zerfließend. - Und da schaue Gott den Jammer! jeder hüte sich, lebt' ich oft genug, vor dem sauern Schmoll- und Salzgeist, weils keinen schlimmern gibt. - Daß ich immer abreisete von alten Menschen zu neuen, muß ich eben tun, um nicht zu zanken, sondern noch zu lieben. Der Himmel weiß, wie ich dich peinigen werde. Aber vorausgesagt hab' ichs hier in bester Laune; und dann sei dieses Blatt, wenn es aufgemacht wird, mein Schirm-, mein Feigen-, mein Ölblatt. Q. H.« Nro. 19: Mergelstein Sommers-Zeit - Klothars-Jagd Jetzt fing das Notariat des Notarius ordentlich erst recht an. Er wurde der allgemeine Instrumenten-Macher der neugierigen Stadt. Gerichtlich bei den Testamentsexekutoren sind die Schuldverschreibungen, die Protokolle über verdorbne Warenfässer, Pachtbriefe über Handelsgewölbe, Kontrakte über zu reparierende Stadt-Uhren und dergleichen niederlegt, die er in so kurzer Zeit ausfertigte, daß ein alter hinkender Notarius nicht wußte, was er dazu sagen sollte aus Grimm, sondern zu Gott hoffte, der Amtsbruder werde, was er da einbrocke, schon einmal auszuessen haben, wenn ihm einst die sieben Erben und die geheimen Testamentsartikel für jedes Notariats-Verbrechen bei den Haaren nehmen, wie ja das sein tägliches Gebet zum Himmel sei. Walt fand nichts dabei unbegreiflich, als daß er - freilich mehr sein Petschaft - imstande sein sollte, die wichtigsten Dinge zu bestätigen, da er kaum begriff, wie er einst einen Ehemann oder Staatsbürger abgeben könnte statt einem leeren Jüngling. Seinem Bruder schrieb er, wie er mitten unter den Instrumenten den Roman weiter webe, indem er so lange, bis eine Kopie abtrockne, ungehindert dichten könne - so wie D'Aguesseau behauptete, er habe viele seiner Werke im Zwischenraume gemacht, wo er sagte, qu'on serve, und wo man meldete, qu'il etoit servi. Aber Vult schrieb ihm Bitten und Gebote zurück, ums Himmels willen bei sich zu sein, sich nie zu irren, kein Stunden-Datum und andere Beiwerke der Kontrakte zu vergessen, nie zu abbrevieren mit Zeichen oder notis, obgleich notarius davon herstamme; - da er zumal sicher wisse, daß man jedem Federzug auflaure und daß ihm nur deshalb der Hoffiskal das Kunden-Heer zuweise. Einst schrieb ihm etwas Ähnliches sein Vater Lukas - nachdem er bisher jeden dritten Tag mündlich deswegen gekommen war - in einem kalligraphischen, kopierten Briefe, worin er ihn bei der Erbschaft beschwor, in seinen Instrumenten nichts zu radieren, noch zweierlei Dinte zu nehmen, und darauf befragte, ob es außer Treibers Spatzenrecht, Kluvers Hundsrecht und Müllers Bienenrecht nicht noch Wespenrechte, Hühnerrechte und Rabenrechte gebe, und was das Bienenrecht statuiere, wenn einer nur eine Biene totmache oder ein paar. Der Sohn schickte eine höfliche und ernste Antwort mit einer Spielkarte, worein er einen Maxd'or als einen Ehrensold für den Rat gesteckt. Er hatte das Goldstück gegen übermäßiges Agio von Neupetern erwechselt, und seine Eltern durch das Gold (den Phönix und Messias des Landvolks) in den dritten Himmel zu werfen. Die Botenfrau mußt' ihm aber die Viertelstunde ihrer Ankunft bestimmen und beteuern, damit er erstlich bis dahin in den seligsten Träumen des nahen elterlichen Glückes schwimmen und zweitens doch noch die Viertelstunde kosten könne, wo er entschieden wußte, das ganze Haus in Elterlein sei nun außer sich vor Jubel über den Maxd'or und lasse Schomakern aus dem Schul- und die Goldwaage aus dem Pfarrhause darzu holen. So viel süßer wirds, lieber durch Boten als mit der Hand, lieber fernen Leuten als einem dasitzenden Mann zu schenken, der alles ausmacht, wenn er einsteckt und sich bedankt. Seine alte Seelen-Schwester Goldine erhielt jetzt einen Brief. Vorn herein schrieb er: »er übertreib' es nicht, wenn er sowohl in Rücksicht seiner jetzigen Bekanntschaften als seiner künftigen Hoffnungen sich für ein Glückskind des gütigsten Schicksals erkläre; und nur mit griechischer Furcht vor der Nemesis bekenn' er, daß sein erster Ausflug fast zu glücklich, seine erste Ziel-Palme schon voll Früchte sei und seine Abende einen Abendstern besäßen, und die Morgen den Morgenstern.« Darauf ging er weiter zur Malerei des Sommerlebens, an welche er sich ohne Furcht mit folgenden Farben machte: »Schon der Sommer allein erhöbe! Gott, welche Jahres-Zeit! Wahrlich ich weiß oft nicht, bleib' ich in der Stadt, oder geh' ich aufs Feld, so sehr ists einerlei und hübsch. Geht man zum Tor hinaus: so erfreuen einen die Bettler, die jetzt nicht frieren, und die Postreiter, die mit vieler Lust die ganze Nacht zu Pferde sitzen können, und die Schäfer schlafen im Freien. Man braucht kein dumpfes Haus; jede Staude macht man zur Stube und hat dabei gar meine guten emsigen Bienen vor sich und die prächtigsten Zweifalter. In Gärten auf Bergen sitzen Gymnasiasten und ziehen im Freien Vokabeln aus Lexizis. Wegen des Jagdverbotes wird nichts geschossen, und alles Leben in Büschen und Furchen und auf Ästen kann sich so recht sicher ergötzen. Überall kommen Reisende auf allen Wegen daher, haben die Wagen meist zurückgeschlagen, den Pferden stecken Zweige im Sattel und den Fuhrleuten Rosen im Mund. Die Schatten der Wolken laufen, die Vögel fliegen darzwischen auf und ab, Handwerkspursche wandern leicht mit ihren Bündeln und brauchen keine Arbeit. Sogar im Regenwetter steht man sehr gern draußen und riecht die Erquickung, und es schadet den Viehhirten weiter nichts, die Nässe. Und ists Nacht, so sitzt man nur in einem kühlern Schatten, von wo aus man den Tag deutlich sieht am nördlichen Horizont und an den süßen warmen Himmels-Sternen. Wohin ich nur blicke, so find' ich mein liebes Blau, am Flachs in der Blüte, an den Kornblumen und am göttlichen unendlichen Himmel, in den ich gleich hineinspringen möchte wie in eine Flut. - Kommt man nun wieder nach Hause, so findet sich in der Tat frische Wonne. Die Gasse ist eine wahre Kinder-Stube, sogar abends nach dem Essen werden die Kleinen, ob sie gleich sehr wenig anhaben, wieder ins Freie gelassen, und nicht wie im Winter unter die Bett-Decke gejagt. Man isset am Tage und weiß kaum, wo der Leuchter steht. Im Schlafzimmer sind die Fenster Tag und Nacht offen, auch die meisten Türen, ohne Schaden. Die ältesten Weiber stehen ohne Frost am offnen Fenster und nähen. Überall liegen Blumen, neben dem Dintenfaß, auf den Akten, auf den Sessions- und Ladentischen. Die Kinder lärmen sehr, und man hört das Rollen der Kegelbahnen. Die halbe Nacht geht man in den Gassen auf und ab und spricht laut und sieht die Sterne am hohen Himmel schießen. Selber die Fürstin geht noch abends vor dem Essen im Park spazieren. Die fremden Virtuosen, die gegen Mitternacht nach Hause gehen, geigen noch auf der Gasse fort bis in ihr Quartier, und die Nachbarschaft fährt an die Fenster. Die Extraposten kommen später, und die Pferde wiehern. Man liegt im Lärm am Fenster und schläft ein, man erwacht von Posthörnern, und der ganze gestirnte Himmel hat sich aufgetan. O Gott, welches Freuden-Leben auf dieser kleinen Erde! Und doch ist das erst Deutschland! Denk' ich vollends an Welschland! - Goldine, dabei hab' ich noch die tröstende Aussicht, daß ich diesen Erntetanz der Zeit, den ich Ihnen hier in matter Prosa geschildert, weil ich Ihre Liebe, Ihr Vergeben kenne, mit ganz anderem poetischen Farben-Schmelze malen kann. -- Freundin, ich schreibe einen Roman. - Genug, genug! was ich sonst noch gefunden, was ich vielleicht nach anderthalb Stunden finde - Goldine, dürfte ich diese Freuden in Ihr Herz ausgießen! O müßt' ich nicht vor die glänzenden Sonnen-Wolken verhüllende Erdenwolken ziehen! - Addio, Carissima!« Aber hier sprang er auf, ließ unabgeschrieben den Kaufbrief liegen, unter dessen Abfassung er heute eben vernommen, daß Klothar zurück und der Himmel in der Nähe sei, und lief in des Grafen Garten. Im Schreiben war Walt Befehlshaber seiner Phantasie beträchtlich, aber im Leben nur Diener derselben; wenn jene spielend ihm ihre Blumen und Früchte wechselnd in den Schoß hinein und über den Kopf hinüber warf: so drang unaufhaltsam sein ernsteres Herz seinen Gärten, seinem Gipfel zu und suchte den Zweig. In Klothars Park hofft' er auf ein schönes Begegnen. Alle Fenster der Villa standen offen, aber kein Kopf darin. Der Gärtner, der ihn für einen Gartenfreund nahm, ging ihm nach der Sitte mit einem Blumenstrauß in der Hoffnung entgegen, er werde diese Gärtners-Blumen-Schwabacher und Fernschreiberei lesen können und ihm dafür ein paar Groschen schenken. Der Notar weigerte sich höflich vor dem blühenden Geschenke, nahm es endlich mit den dankbarsten Mienen an und drückte den aufrichtigsten Dank noch mündlich vor dem Gärtner aus, der sich mit den finstersten überwebte, weil er keinen Heller bekam. Selig strich der Notar durch die Gänge, in die dunkeln Busch-Nischen, an betitelte Felsen und Mauern, vor grüne Bänke der Aussichten - und überall flog ihm ein Blumenkranz auf den Kopf oder ein Sommervogel ans Herz, nämlich wahre Freuden, weil er überall ein Beet erblickte, woraus, wie er dachte, sein künftiger Freund sich einige Blumen oder Früchte des schnellen Lebens-Frühlings ausgezogen. »Der edle Jüngling kann« - sagte Gottwalt an den verschiedenen Plätzen - »wohl auf dieser Bank lang der Abendröte nachgesehen haben - in diesem Blütendickicht dämmernde Herzens-Träume ausgesponnen - auf dem Hügel wird er an Gott gedacht haben voll Rührung - Hier neben der Statue, o wenn er hier könnte die sanfte Hand seiner Geliebten genommen haben, falls er eine hat - wenn er betet, tat ers gewiß in diesem mächtigen Hain.« Es gab wenige Bänke im Park, worauf er sich nicht niedersetzte, voraussetzend, Klothar habe früher da gesessen. - »Der englische Garten ist göttlich« - sagt' er abgehend zum stillen Gärtner an der Pforte - »abends erschein' ich gewiß wieder, liebster Mann!« Er machte auch zur versprochnen Zeit die Gartentüre auf. In der Villa war Musik. Er verbarg sich und seine Wünsche in die schönste Grotte des Parks. Aus der Felsenwand hinter ihm drangen Quellen und überhängende Bäume. Vor ihm goß der glatte Fluß seinen langen Spiegel durch ein Auen-Land. Windmühlen kreiseten ungehört auf den fernen Höhen um. Ein sanfter Abendwind wehte das rote Sonnengold aus den Blumen höher um die Hügel. Eine weibliche Statue, die Hände in ein Vestalinnen-Gewand gehüllt, stand mit gesenktem Haupte neben ihm. Die Töne der Villa hingen sich wie helle Sterne ins Quellen-Rauschen und blitzten durch. Da Gottwalt nicht wußte, welches Instrument Klothar spiele: so gab er ihm lieber alle in die Hand; denn jedes sprach einen hohen, tiefen Gedanken aus, den er dem Herzen des Jünglings leihen mußte. Er entwarf sich unter den süßen Klängen mehrmals den Umriß von der unerhörten Seligkeit, wenn der Jüngling auf einmal in die Grotte träte und sagte: »Gottwalt, warum stehest du so allein? Komme zu mir, denn ich bin dein Freund.« Er half sich durch einige Streckverse an Jonathan (so wollt' er im Haßlauer Wochenblatte den Grafen verziffern), die ihm aber schlecht gelangen, weil sein innerer Mensch viel zu rege und zitternd war, um den poetischen Pinsel zu halten. Zwei andere Streckgedichte, unter welcher er jene absichtlich im Wochenblatte zum Scheine mischen wollte, als sei alles Dichtung, waren viel besser und hießen so: Bei einem Wasserfalle mit dem Regenbogen O wie schwebt auf dem grimmigen Wassersturm der Bogen des Friedens so fest. So steht Gott am Himmel, und die Ströme der Zeiten stürzen und reißen, und auf allen Wellen schwebet der Bogen seines Friedens. Die Liebe als Sphinx Freundlich blickt die fremde Gestalt dich an, und ihr schönes Angesicht lächelt. Aber verstehst du sie nicht: so erhebt sie die Tatzen. Eben kam der Gärtner und befahl ihm an, sich weg zu machen, weil man den Garten schließe. Er dankte und ging willig. Aber zu seinem Erstaunen fuhr er in der Theaterschneiders-Gasse nahe vor einem sechsspännigen Fackel-Wagen vorbei, worin Klothar saß nebst andern, so daß er im Garten manches, sah er, vergeblich empfunden. Er ging noch eine halbe Stunde vor Vults Fenstern auf und nieder, zwar ohne diesen zu sehen, der ihn sah, aber doch um ihn sich nahe zu denken. Tags darauf hatt' er das Glück, den Grafen, der mit einer alten krummen Dame englisch sprach, auf einem Garten-Gange zu treffen und vor dessen ernstem schönen Gesicht den Hut mit Liebes-Augen zu ziehen. Er suchte ihm noch sechs- oder siebenmale aufzustoßen und zog ebensooft - aus Unbekanntschaft mit der Garten-Kleiderordnung - den Salutier-Hut, was zuletzt dem Grafen so verdrüßlich fiel, daß er unter Dach und Fach auswich. Auch der Gärtner, der längst über ihn und seine scharfen Beobachtungen des Land-Hauses seine eignen angestellt, wurde konfus und glaubte, etwas zu vermuten. Noch spät abends kam ein Läufer vom polnischen General Zablocki - der in Elterlein das bekannte Ritterschloß hatte - mit dem Befehle, sich morgen ganz früh punkt 11 Uhr einzustellen, um etwas zu machen. »O lieber wenn doch mein Klothar ein Instrument bei mir bestellte! Gäb' es denn eine holdere Gelegenheit?« dacht' er. Punkt 11 Uhr kam derselbe Läufer und bestellt' ihn ab. Aber an der Wirtstafel vernahm er, welche Himmelskugel nahe vor ihm seitwärts weggezogen war. Die Tisch-Genossenschaft vereinigte sich nämlich, das göttliche Gemüt einer gewissen »Generals-Wina« zu erheben ... Es gibt vielerlei Ewigkeiten in der armen zeitlichen Menschenbrust, ewige Wünsche, ewige Schrecken, ewige Bilder - so auch ewige Töne. Der Laut Wina, ja nur der verwandte Winchen, Wien, Mine, München, erfaßte den Notar ebensosehr, als wenn er an - Aurikeln roch, auf deren Duft-Wolken er sich so lange in neue ausländische Welten verschwamm, bis er entdeckte, daß er nur die frühesten seines Lebens tauig ausgebreitet sehe. Und die Ursache war eben eine. In seiner Kindheit war nämlich, da er an den Blattern blind dalag, ein Fräulein Wina, die Tochter des General Zablocki, dem das halbe Dorf oder die sogenannten Linken gehörte, mit der Mutter zum Schultheiß gekommen. In der Familie hatte sich erhalten, daß das kleine Mädchen gesagt, der arme Kleine sei ja sehr tot, und sie woll' ihm alle ihre Aurikeln geben, weil sie ihm keine Hand geben dürfte. Der Notar beteuerte, daß er sich es noch klar und süß erinnere, wie ihn Blinden der Aurikeln-Geruch durchdrungen und ordentlich berauscht und aufgelöset habe, und wie er ein peinliches Schmachten gefühlt, nur eine Fingerspitze des Kindes, dessen süßes Stimmchen ihm fern, fern herzukommen schien, anzurühren, und wie er die kühlen Blumenblätter an seinen heißen Lippen totgedrückt. Diese Blumen-Geschichte mußt' ihm, erzählt' er, in der Krankheit und nachher in der Gesundheit unzählige Male erzählt werden, er habe aber Wina nie aus seiner Kindheits-Dämmerung gelassen und sie später nie angesehen, weil er es für Sünde gegen dieses für das Tageslicht ordentlich zu heilige zarte Wesen gehalten. Wenn ansehnliche Dichter ihre Arme und Flügel zusammenstellen, um wie auf einem Minervens-Schilde eine Schönheit emporzuheben durch Wolken hindurch, über schwache Monde, mitten unter die Nacht-Sonnen hinein: so hob doch Walt die ungesehene, süß sprechende Wina viel höher, nämlich in das dunkle tiefste Sternenblau, wo das Höchste und das Schönste glüht und strahlt, ohne Strahlen für uns Tiefe: gleich den großen Zentral-Sonnen Herschels, welche durch ihre unendliche Größe ihren unendlichen Glanz wieder an sich ziehen und ungesehen in ihrem Feuer schweben. Gottwalt fragte, ob diese Wina die Tochter Zablockis sei. Er hörte, es sei diese eben die Braut - Klothars. Welche Überraschung, sich einen männlichen, markigen, scharfen Geist und Freund mit der sanften Liebe zu denken, mit dem Dämpfer, der das Schmettern zu Nach- und Wiederklängen erweicht, einen Heros neben einer heiligen Jungfrau - und auf der andern Seite sich die Braut eines Freundes zu denken, diese höhere geistige Schwester, diese Gott geweihte Nonne im Tempel der Freundschaft (denn für eine schöne Seele gibt es keine schönere als des Freundes Geliebte) -- mehr Liebe und Freuden-Träume konnte eine einzige Nachricht schwerlich einem Menschen zuwerfen als die neue dem Notar, die neueste ausgenommen, daß heute beim General die Ehepakten auf gesetzet worden oder doch würden. Der Notar, der aus seiner Abbestellung das Widerspiel wußte, fuhr ordentlich vor der aufgeschobenen Herzens-Szene zusammen, die ihm entgangen war; »ich glaube, ich sterbe« - dacht' er - »vor Liebe gegen zwei solche Menschen, die ich auf einmal in ihrer fände; den Kontrakt würd' ich ohnehin mit zehntausend Fehlern aufsetzen, und stände mein Kopf darauf.« Er hörte aber noch mehr. Der Graf, sagte die Wirtstafel, heirate sie bei seinem Reichtum nur der Schönheit und Ausbildung wegen, denn er habe zehnmal mehr Geld als der General Schulden. »Was tuts,« sagt' ein unbeweibter Komödiant, der Väter machte, »die Hehre soll die Liebe und Charis selber sein.« - »Zwar die Mutter in Leipzig, glaub' ich,« - versetzte ein Konsistorial-Sekretär - »konsentiert bequem, da sie lutherischer Konfession ist, so gut wie der Bräutigam; aber der Vater« -- »Wieso?« fragte der Komödiant. »Tochter und Vater sind nämlich Katholiken«, antwortete der Sekretär. - »Wird sie die Religion changieren?« fragte ein Offizier. »Das weiß man eben nicht« - (sagte der Sekretär) »bleibt sie inzwischen bei ihrer, so sind sehr viele Dinge vorher auszumachen; und beide müssen durchaus zweimal kopuliert werden, einmal von einem lutherischen Geistlichen, hernach von einem katholischen.« - »Ihr Konsistorien«, sagte der Offizier, »bleibt doch bei Gott ein ganzer wahrer diffiziler, nichtsnutziger, langweiliger Schnickschnack, der mich ordentlich revoltiert; wie stecht ihr ab gegen einen Feldprediger!« - So beklommen, als (nach der medizinischen Geschichte) Leute erwachen, die in ihrem Schlafzimmer einen Pomeranzenbaum hatten, der in der Nacht die Blüten auftat und sie mit seinem Duft-Frühling überfiel: so stand Walt, mit der süßnagenden Geschichte am liebewunden Herzen, vom Tische auf. Er wollte, er mußte die Brautleute sehen. Wina, die er früher als der Graf wenigstens gehört, konnt' er ordentlich bitten, ihn dem Bräutigam, und diesen, den er längst gesehen und gesucht, ihn der Braut vorzustellen. Sehr hatt' ihm an der Wirtstafel die Bemerkung gefallen, daß Wina eine Katholikin sei, weil er sich darunter immer eine Nonne und eine welsche Huldin zugleich vorstellte. Auch daß sie eine Polin war, sah er für eine neue Schönheit an; nicht als hätt' er etwa irgendeinem Volke den Blumenkranz der Schönheit zugesprochen, sondern weil er so oft in seinen Phantasien gedacht: Gott, wie köstlich muß es sein, eine Polin zu lieben - oder eine Britin - oder Pariserin - oder eine Römerin - eine Berlinerin - eine Griechin - Schwedin - Schwabin - Koburgerin - oder eine aus dem 13. Säkul - oder aus den Jahrhunderten der Chevalerie - oder aus dem Buche der Richter - oder aus dem Kasten Noäh - oder Evas jüngste Tochter - oder das gute arme Mädchen, das am letzten auf der Erde lebt gleich vor dem Jüngsten Tage. So waren seine Gedanken. Den ganzen Tag ging er in neuer Stimmung herum - so kühn und leicht, als lieb' er selber, war ihm - und doch war ihm wieder, als wenn er zwar alle habe, aber keine - er wollte Winen eine Brautführerin zuführen, in die er selber sterblich verliebt wäre - er lechzete nach dem Bruder, nicht um ihn darüber zu belehren oder zu vernehmen, sondern um eine liebe Menschenbrust zum Druck an seine zu haben - ein großer Regenbogen abends in Osten spannt' ihn noch höher. Der leichte schwebende Bogen schien ihm ein offnes Farben-Tor für ein unbekanntes Paradies - es war der alte glänzende Siegesbogen der Sonne, durch welchen schon oft so viele schöne, tapfere Tage gegangen, so viele sehnsüchtige Augen gesehen. Auf einmal fiel ihm ein gutes Mittel ein, drei Wünsche zu befriedigen, zwei laute und einen stillen. Nro. 20: Zeder von Libanon Das Klavierstimmen Es ist bekannt, daß nach der sechsten Klausel des Testamentes der Notar auch einen Tag lang stimmen muß, um zu erben. Längst hatt' ihn außer Vult noch sein Vater, der nicht erwarten konnte, wie der sogenannte Regulier-Tarif oder die geheimen Artikel Fehler setzen und strafen würden, um Verwaltung dieses Erb-Amts als des kürzesten angelegen, um hinter die Ehrlichkeit des sel. Testators zu kommen; aber Walt hatte beiden stets das Unrecht entgegengesetzt, den alten gebenden Mann für einen Schelm zu halten. Aus schönern Gründen hingegen konnt' er jetzt stimmen, wenn er wollte; diese waren die dreifache Hoffnung, er werde, da sein Stimm-Amt vorher im Wochenblatt dem Publikum mußte angeboten werden, in die vornehmsten Häuser und Zimmer kommen - die schönsten Töchter vorfinden (denn Töchter und Instrumente sind nicht weit auseinander) - und wohl auch die köstlichen Mahagony-Piano von Schiedmaier aufdecken, auf deren Tasten Klothar und Wina die beringten Finger gehabt. Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Ratfragen. Er zeigte seinen Willen den Testament-Exekutoren oder dem regierenden Bürgermeister Kuhnold an. Dieser eröffnete ihm, daß er nach dem geheimen Regulier-Tarif 4 Louis aus der Erbschaftskasse erhalte, weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder Bezahlung aussetzen wollen. Wie ein Vater ermahnte er ihn, sein Ohr unter dem Stimmen nicht zu zerstreuen, und er würde ihm deutlicher raten, sagt' er, wenn es seine Pflicht erlaubte. »Auch ich geb' Ihnen ein Instrument«, setzt' er mit einem wohlwollenden Lächeln dazu. Walt - in die Liebe verliebt - erinnerte sich mit Vergnügen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Töchter. Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt. Der einsilbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen, fast ernsthaften Kautelar-Bogen voll Predigten über Saiten-Nummern, Saiten-Sprengen und falsche Temperaturen, samt dem Flehen, doch nur einen Tag lang kein Dichter zu sein. »Sondern Instrumente, statt zu machen wie ein Notar, zu stimmen wie ein ordentlicher Regensburger Komitial-Mensch.« Am Abend vor dem Stimm-Tag erhielt Walt die Liste der Stimmhäuser; aber darunter war weder sein Wohnhaus - Neupeter war zu stolz dazu - noch Klothars und Zablockis ihre, doch sonst hohe genug. Als er am Morgen zuerst bei Kuhnold - nach der ancienneté des Meldens hatt' er zu hausieren - als Stimmer ankam: fand er im netten, glatten Klavier-Zimmer statt der Demoiselles Kuhnold den oben gedachten hinkenden grämlichen Notar, den der Fiskal Knoll, als der Kardinalprotektor der sieben Erben, hergeschickt zum Zeugen aller Fehler, weil ein Notar, wie Deutschland weiß, zwei Zeugen schwer wiegt, folglich für das Jus gerade jener nervus probandi und erster Grundsatz des Widerspruchs, jene geistige tonica dominante oder Primzahl ist, wornach so lange schon die Weltweisen wettrennen, um solche nur zu sehen; daher der Jurist in Minuten mehr beweiset als der Philosoph in Säkuln. - Auch war Knoll weitläuftig schriftlich darauf bestanden, den Stimm-Tag durchaus nicht zu Walts Notariats-Zeit zu schlagen - was sich, replizierte Kuhnold, ja von selber verstanden hätte. Das heiter-geordnete Zimmer ohne Töchter trug indes überall die Farben-Asche weiblicher Schmetterlings-Flügel, bunte Arbeiten und Arbeitszeug schöner Finger. Das Pianoforte war fast wie gestimmt, nur zu hoch um einen Ton - eine Stimmgabel lag dabei - auf den Tasten waren die Nummern der Saiten, auf dem Sangboden neben den Stiften das Tasten-Abc mit schwärzerer Dinte retouchiert - für Stille war in der Nachbarschaft gesorgt - und Kuhnold kam zuweilen nachschauend, aber ohne ein Wort zu sagen. Er bot den Notarien ein Frühstück an. »Wollte Gott,« dachte Walt, »eine oder die andere Tochter trüg' es herein!« Eine runzlige ehrliche männliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht' es so freundlich, als sei sie in der Tat der Wirt. -- Redlicher Bürgermeister von Haßlau, lasse mich in dieser Minute, wo ich eben die folgende Nummer und Naturalie Großmaul oder Wydmonder samt Dokumenten von dir und der Post erhalte, die Geschichte mit der Versicherung stören, daß ich wissen würde, wie hoch ich dich zu stellen habe - wärest du auch weniger der Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars -, schon daraus, mein' ich, daß du erstlich einen ganz alten (wahrscheinlich beweibten) Bedienten hast, und daß er zweitens noch vergnügt aussieht. Beide Notarien frühstückten, und der Exekutor sprach, während die Wachparade gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen, mit einem Geschrei auf der Trommel, das nicht bloß an die Haut des sie überziehenden Tiers erinnerte, vorbeimarschierte und niemanden sonderlich die Stimme und das Stimmen zuließ. Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog: so versicherte Kuhnold, jetzt höre niemand sein Wort, geschweige den zartesten Mißton. So ging der ganze Vormittag unter fehler- und töchter-losem Stimmen vorüber und beide Notarien zum Essen, jeder ganz verdrüßlich, der hinkende darüber, daß er wie ein Narr dagesessen ohne das geringste mögliche Niederschreiben, der stimmende, daß er niemand gesehen. In gewissen Jahren versteht das männliche - und das weibliche Geschlecht unter Niemand das eigne, und unter Jemand das andere. Zu Buchhändler Paßvogel zogen darauf beide Notars. Dem Flügel des Stimm-Hauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als Saiten dazu. Statt des Stimmhammers mußte Walt mit einem Gewölb-Schlüssel drehen und arbeiten für Musikschlüssel. Ein geschmücktes schönes Mädchen von 15 Jahren, Paßvogels Nichte, führte einen Knaben von 5, dessen Sohn, in seinem Hemde herum und suchte leise-singend eine leise Tanz-Musik aus den zufälligen Stimm-Tönen zusammenzuweben für den jungen Satan. Der Kontrast des kleinen Hemdes und der langen Chemise war artig genug. Plötzlich sprangen die drei Saiten a, c, h, nach Haßlauer offiziellen Berichten, welche gleichwohl nicht festsetzen, in welchen gestrichnen Oktaven. »Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen, Herr Harnisch-, sagte Paßvogel. »Sie wissen doch die musikalische Anekdote von Bach. Es fehlt Ihnen nur mein p!« - »Ich stimme am b,« sagte Walt, »aber für das Springen kann ich nicht.« - Da der hinkende Notar so viel Verstand besaß, um einzusehen, daß ein Stimm-Schlüssel nicht drei Saiten auf einmal sprenge: so stand er auf und sah nach und fands. »Aus dem Ach wird ja ein Bach!« (scherzte der Buchhändler ablenkend). »Was macht der Zufall für Wortspiele, die gewiß keine Bibliothek der schönen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe!- Allein der hinkende Notar versicherte, die Sache sei sonderbar und protokoll-mäßig; und als er noch einmal den Sangboden besah, guckte gar hinter der Papier-Spirale aus dem Resonanz-Loche eine - Maus heraus. »Die hats gemacht«, sagt' er, schrieb es nieder und schüttelte so, als ob er vermute, der Buchhändler habe sie aus Absichten in den Sangboden schießen lassen. Walt fragte auf einmal sich besinnend: »Stimm' ich denn fort? Ich sehe überall die Mausspuren, und alles springt.« Er legte den Gewölb-Schlüssel sanft hin. Paßvogel wollte als hitziger Mann ausfallen. Aber Walt entkräftete ihn durch die Erklärung, er wolle in der Stadt herumstimmen und zu ihm zuletzt, aber bei andern Saiten kommen. Sie gingen zu Herrn van der Harnisch, der sich auch auf die Liste gesetzt. Er sagte, er erwartete jede Stunde sein Miet-Pantalon, und ließ beide fast eine ganze lauern. Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar, der noch dazu nicht faßte, wie der stimmende den Edelmann so liebreich anschauen konnte. Walt schrieb alles dem brüderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu, indes Vult dabei die Absicht hatte, dem Tage und Band-Wurm, der an der Erbschaft fraß, ein Stück abzureißen. Endlich ließ er beide unverrichteter Sache abziehen, nachdem er sie ein paarmal gefragt, ob sie noch da wären, weil er sie nicht höre in seiner Blindheit. Sie kamen zu einer verwittibten schönen Stückjunkerin, die sich mit ihrem Stickrahmen (eine Paukendecke stickte sie) sehr nahe an das gleißend-gebohnte Klavier setzte, das sie ihn vielleicht stimmen ließ, um ihn für sich zu stimmen. Er horchte so vergnügt auf ihre Anreden, daß er einmal den Stimmhammer auf den Sangboden fallen ließ und ein paar Saiten abdrehte. Am Ende des Geschäfts zeigte sie ihm das musikalische Würfelspiel und bat ihn, damit zur Probe zu komponieren. Er tats und spielte seine erste Komposition vom Blatte; er wollte noch länger vorspielen - denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen -; aber der hinkende Notar setzt' ihm die Testaments-Klausel entgegen. Die Stückjunkerin machte selber einige prüfende Griffe - der Schoß-Hund sprang empor und ging mit vier dergleichen über die Tastatur und verstimmte ein wenig. Walt wollte nachhelfen; aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen. Er ging ungern. Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um 5 oder 7 Jahre jünger als eine Jungfrau von 30. Es freuete ihn, daß die Saite doch einmal der herrufende Klingeldraht der Schönheit geworden; »aber Himmel,« dacht' er, »ein Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zufälle gebrauchen!« - Er mußte zum Polizei-Inspektor Harprecht, der, wie sein Protokollist sagte, mit einer Herde Töchter geschoren sei. Harprecht empfing ihn sehr verbindlich, stäubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich zum Stimmen vor. Töchter waren nicht zu sehen. Walt stutzte und sagte mit langer sanfter Höflichkeit Nein; er setzte auseinander, daß er, da in der 6. Klausel nur von Klavieren die Rede sei, durch heutiges Stimmen - morgendes versprach er ihm gern - gegen die vielen noch restierenden Stimm-Häuser auf der Liste (er wies sie vor) verstoßen würde, die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne Geld besäßen. Auch der hinkende Notar sagte, unter Klavier könne nicht wohl ein Hackbrett begriffen werden. »Oft doch« - versetzte mit alter Liebreichigkeit Harprecht, lächelnd bloß mit einem Mundwinkel, so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte -; allein er sei vielleicht so billig als einer; und da er mit dem Hoffiskal Knoll ein Instrument gemeinschaftlich gemietet für ihre Kinder, so begleit' er ihn zum Stimmen desselben hin, um sich das Vergnügen seiner Gesellschaft etwas zu verlängern, dürf' aber gewiß bei der Testaments-Exekution darauf antragen, daß das Kompagnie-Instrument und also jeder Stimm-Fehler für zwei gelte, wobei ja Herr Harnisch genug an Zeit und Mühe erspare und gewinne. - »Wahrlich,« versetzte Walt, »ich wollt', es wäre recht, ich fragte nichts darnach.« Harprecht drückte ihm die Hand und sagte, einen solchen jungen Mann hätt' er längst zu finden gewünscht; und alle gingen. »Eben jetzt«, sagte Harprecht unterwegs, »ist Tanz- und Klavierschule bei Knoll und alle meine Töchter.« Es wird nicht unter der Würde der Geschichte sein, hier anzumerken, daß Harprecht und Knoll sich ein einziges Spinett als eine Finger-Tenne und Palästra für ihre Jugend und deren partielle Gymnastik, ein passives Hammerwerk für ihr aktives, gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzelisten, und daß das Spinett alternierend von einem Semester zum andern in den Häusern beider Dioskuren stand. Harprecht hatte sogar den Curas und Meidinger aus der Gymnasiumsbibliothek für die gallischen Stunden seiner Töchter geborgt und sagte, er schäme sich dessen gar nicht. Der kürzere Weg zum Fiskal ging durch grüne, rote, blaue, bunte Gärten, denen der Vor-Herbst schon die Früchte färbte vor den Blättern; und Walt, dem die Vesper-Sonne so warm-freundlich ins Angesicht fiel, sehnte sich in den Abend-Glanz hinaus. »Wären Sie imstande,« sagte Harprecht, »so auf der Stelle ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung, die man so lobt, auf was man will, zu machen -? Etwa ein Gedicht über die Dichter selber, z. B. wie sie glücklicherweise so hoch stehen auf ihrer fernen idealischen Welt, daß sie von der kleinen wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen?« - Er sann lange nach; und sah gen Himmel; endlich schlug aus diesem der schöne Blitz eines Gedichtes in sein Herz. Er sagte, er hab' etwas; und bitt' ihn bloß, sich zu dessen Verständnis an die astronomische Meinung zu erinnern, daß das, womit die Sonne leuchtet, nicht ihr Körper sei, sondern ihr Gewölke. Er fing an und deklamierte, in die Sonne schauend: Die Täuschungen des Dichters Schön sind und reizend die Irrtümer des Dichters alle, sie erleuchten die Welt, die die gemeinen verfinstern. So steht Phöbus am Himmel; dunkel wird die Erde unter ihrem kalten Gewölke, aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine Wolken, sie reichen allein das Licht herab und wärmen die kalten Welten; und ohne Wolken ist er auch Erde. »Hübsch und spitzig genug«, sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer Ironie, die er im Streckvers fand, die aber nicht der Dichter, sondern das Schicksal hineingelegt. - »In solcher Eile« - versetzte Walt - »kann man zwar wohl den Gedanken schaffen - denn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptu -, aber gar zu schwer den rechten Versbau; ich gäbe ein solches Gedicht nie öffentlich.« Sie traten ins laute Knollische Zimmer ein, wo außer dem Kompagnie-Spinett und dem Kompagnie-Musik- und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester war, die mit Füßen und mit Händen sausen und brausen wollten - lauter hagere, schmalleibige, hänghäutige, mokante, scharfe Mädchen-Figuren von jedem Alter, worunter zwei Knaben mitturnierten. Sämtliche Tanzschule harrete auf ihre Klavierschule, die wieder auf das Stimmen des Spinetts wartete. Das Musikmeisterlein schwur, heute sei daran nichts zu brauchen, so toll klinge das Spinett. Gleichwohl hatte sich den Abend vorher der Polizei-Inspektor über das Spinett gemacht, um, wie er sagte zum Fiskal, der ihn vertrauend machen ließ, dem jungen Universal-Erben etwas vorzuarbeiten - hatte aber die meisten Saiten zu tief herabgelassen - ferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern auf dreimal gestrichne Noten oder Tasten gespannt - und in der Tat genug gefehlt. Walt fing an. Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei. Harprecht kegelte mit Saiten-Rollen aus der einen Hand in die andere und trachtete sehr, wie er sagte, seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschäft zu versüßen durch Diskurse; auch reicht' er ihm die Saiten-Knäule, die er brauchte. Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus, daß er sogar, da ihm keines Menschen Freudenstunde gleichgültig war, teils in das stimmende Oktaven- und Quinten-Probieren eine Art leichtern Tanz-Takt zu legen versuchte, teils ins Einhämmern der Stifte, so unangenehm ihm auch die sämtlichen Mädchen erschienen, die sogleich in den jüngsten Jahren die venia aetatis*, die einem Freiherrn über 300 fl. in Wien kostet, auf dem Gesicht als Brautschatz mitgebracht. Da aber jede Saite zersprang - und beinahe sein eignes Trommelfell, das er und andere spannten und aufschraubten -: so ersuchte er um erforderliche Stille. Man schwieg allgemein - er stimmte fort und lärmte allein - die Tanzschule samt dem Tanz- und Musikmeisterlein sah jede Minute dem Anfange der Klavierstunde entgegen - Walt durchschwitzte die Wind- und Meerstille - die Saiten sprangen jetzt statt der Tänzer - das Stimmen verstimmte sein Herz und Spinett - er hatte die annahende Nacht und die restierenden Stimmhäuser voll schönster Töchter und Zimmer im Kopfe - verdumpft hatt' er sich schon längst, weil keine Anspannung so hart ins Gehirn drückt als die des Ohrs - an siebenundzwanzig Saiten-Sprünge hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebracht - und nun läutete die Abendglocke. - Mit Wut warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer und rief: »Der Donner unds ... Was ist das? - Doch der bürgerliche und kanonische Tag ist jetzt zu Ende, Herr Inspektor, und alles; die Saiten zahl' ich.« Am Morgen darauf wurde ihm von Herrn Kuhnold der geheime Artikel des Regulier-Tarifs eröffnet, welcher bestimmt verordnete, daß ihn jede Saite, die er im Erb-Amte des Stimmens zerrissen hätte, ein Beet der Erb-Äcker kosten sollte, so daß er jetzt, nach dem Protokoll des Hink-Notars, um zweiunddreißig Saiten oder Beete ärmer war. Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen. Aber als er dem regierenden redlichen Bürgermeister in das traurige Gesicht recht sah, erriet er etwas, nämlich dessen ganze gestrige Güte, die ihm durch ein hoch gespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die Entfernung der schönen Töchter sowohl die Gelegenheit zu Saiten-Rissen im eignen Hause abschnitt als auch ein großes Stück Zeit zu mehreren in einem fremden. Dieser erquickende Gewinn einer schönen warmen Erfahrung erstattete ihm den metallischen Verlust so reichlich, daß er den Abschied vom Bürgermeister mit einer frohen dankenden Rührung nahm, die jener nur halb zu verstehen scheinen mußte. Nro. 21: Das Großmaul oder Wydmonder Aussichten Gottwalt schwur beim Eintritt in sein Haus, er finde darin nach einem solchen Stein-, Platz- und Mäuse-Regen des Schicksals ein sehr hübsches Stück Sonnenschein. Und Flora brachte das Stück, nämlich eine mündliche Einladungskarte - weil man ihn einer schriftlichen nicht wert halten konnte, so lieb ihm auch ein Expektanzdekret eines Himmels, ein Wechselbrief auf Lust gewesen wäre -, nämlich morgen Sonntags mittags zu Neupeters Geburtstags-Diner auf einen Löffel Suppe zu erscheinen. Auf den Diner-Löffel und das Souper-Butterbrot, auf diese Eß-Pole laden die Deutschen ein, nie auf die Mitte, auf Hechte, Hasen, Säue und dergleichen. Flora sagte, des Grafen Klothars wegen feiere man die Geburt schon um 2 Uhr. Walt beteuerte, er komme gewiß. Ihn wiegte darauf ein zweiter warmer Glückswind, das Wochenblatt mit Vults Nachricht ans Publikum, er flöte lieber Sonntags abends um 7 Uhr öffentlich, so stockblind er jetzt sei, als daß er länger ein verehrtes Publikum forttäusche und herumzerre in großen Erwartungen. Dem Zeitungs-Blatte lag ein Billet an Walten bei, worin ihn Vult um einen Vorschuß von 2 Louis für die Konzert-Dienerschaft ersuchte und um das Protokoll des Stimm-Tags und um ein Paar Ohren für morgen und um das Ohren-Gehenk, das Herz. Es hat nicht den Anschein, daß einen so schönen und schweren Terzentriller der Lust jene Göttin, die immer plötzlich ins arme, von rauhen Wirklichkeiten zerrissene Menschen-Ohr mit linden Melodien herabfährt, je vor dem Notar geschlagen als eben den mitgeteilten. Er war selig und alles und redselig und schrieb erstlich: »Hier das begehrte Darlehn doppelt, was gestern von Kabel für das Stimmen eingelaufen« - dann schrieb er die köstlichen Hoffnungen auf Klothar - zugleich die Streckverse auf den Grafen - die bisherigen Preßgänge und Kesseljagden nach diesem - die Träume vom morgenden Flötengedackt und von der Zukunft eines freiern Bruder-Lebens ohne Blindheit - und den Verlust von 32 Beeten. Es fürchte doch immer der Mensch die innerste Entzückung, er glaube nur nie ganz toll, es werde jemals ein so leiser sanfter Himmels-Tau, wie sie ist, auf der stürmischen Erde und in ihren Windklüften die seltenen Windstillen finden, worin allein er sich in feste offne Blumenkelche einsenkt, gleichsam die helle gediegne Perle aus dem grauen Wolken-Meer. Sondern der Mensch erwarte, daß er den zweiten Brief sogleich erhalten werde, den Vult an Walt in folgender Stimmung schrieb: Vult hatte sich nämlich seit dem gestrigen Anblicke des Bruders mit ganz frischer Liebe für denselben versorgt und sich besonders heimlich mit ihm befreunden wollen durch die Bitte, ihm vorzuschießen - er hatte sich gute Plane voll jauchzender Hoffnungen auf die Zeit nach dem Sonn- und Konzert-Tag entworfen und sich gesagt: »Sobald ich nur sehe, was ich gleich nach dem Konzerte tue, so fallen lauter Bundes-Feste des Zusammenlebens und -schreibens vor, und mein versiegelter Brief an ihn wird täglich dümmer« - er war, wie oft, aus seinem eignen Himmels- sein eigner Höllenstürmer geworden - er hatt' es recht tapfer gefühlt, daß einige fliegende Winter des Herzens, den fliegenden Sommern so ähnlich, dessen freudige Wärme nicht mehr wegnehmen als Eisstücke an den Ufern den Lenz. So bekam er Walts obiges Freudengeschrei und Schreiben an einen Bruder, der so lange als blinder Mann zu Hause gesessen - gegen dessen Unsichtbarkeit der andere sich noch so wenig gesträubt - auf welchen dieser noch kein einziges Streck-Gedicht gemacht, obwohl auf den fremden Narren zwei oder drei - kurz, an einen Mann, der den alliebenden Notar dreitausend Mal mehr liebe und allein ... Folgendes setzte der Mann an Walten auf: »Anbei folgen 2 Plus-Louis retour; mehr war ich nicht benötigt, obgleich kein Mensch so viel Geld bedarf als einer, ders verachtet. - Das hole der Teufel, daß 32 Beete jetzt vom Feinde mit Unkraut angesäet werden. Solche Tonleitern sind mehr Höllen- als Himmelsleitern für mich. Bei Gott, ein anderer als der eine von uns hätte vorher zu sich gesagt: pass' auf! Kato schrieb ein Kochbuch; ein Streckdichter könnte wahrlich stimmen, wenn er wollte; nur umgekehrt gehts nicht, daß ein Koch einen Kato schreibt, sondern höchstens ein Cicero, dieser Cicerone alter Römer. Böse Träume, die echten Seelen-Wanzen des armen Schlafs, gegen welche mein Kopf nicht so viel verfangen will als ein Pferde-Kopf gegen Leibes-Wanzen, hatten mir manches vorgepredigt, was ich jetzt nachpredige vor Denenselben, mein Herr! Noch zeigen Sie mir fast verwundert an, daß Ihnen, nach der Marsch-Ordre vom und zum General Zablocki dahier um 11 Uhr, gerade um dieselbe Stunde Kontre-Ordre zum Kontre-Marsch zugekommen, ohne daß Sie zu erwägen scheinen, daß er sich einen ganzen Tag Zeit genommen, um sich zu ändern. Herr, sind denn die Großen nicht eben das einzige echte Quecksilber der Geisterwelt? - Die erste Ähnlichkeit damit bleibt stets ihre Verschiebbarkeit - ihr Rinnen - Rollen - Durchseigern - Einsickern - Verdammt! die rechten Gleichheiten dringen nach und sind nicht zu zählen. Wie besagtes Quecksilber so kalt und doch nicht zu festem stoischem Eis zu bringen - glänzend ohne Licht - weiß ohne Reinheit - in leichter Kugelform und doch schwer drückend - rein und sogleich zu ätzendem Gift sublimiert - zusammenfließend, ohne den geringsten Zusammenhang - recht zu Folien und Spiegeln unterzulegen - sich mit nichts so eng verquickend als mit edlen Metallen - und noch, aus wahrer Wahl-Anziehung, etwan mit Quecksilber selber - Männer, die sich mit ihnen befassen, sehr zum Ausspucken reizend -- Herr, das wollt' ich die große Welt nennen, deren goldnes Alter immer das quecksilberne ist. Aber auf solchen glatten, blanken Weltkügelchen siedle sich nur niemand an! - Übrigens folgen auch Einlaßbillets für das Flötenkonzert; à revoir, Monsieur! v. d. H.« Walten taten indes nur die Retour-Louis so weh, als wären sie von Louis XVIII geprägt; sonst nahm er Vults Stampfen aus Zorn für Tanzen aus Lust und für Takt-Treten. Hätt' er ahnen können, mit welchen Peinigungen der Liebe er den Schmollgeist Vults wechselnd weg- und herbannte: er hätte in seiner ganzen Gegenwart wenige Hoffnungen gefunden. Jetzt schlief er mit der schönsten auf morgen ein. Nro. 22: Saffafras Peter Neupeters Wiegenfest Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheutes machen als Plane, an einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarca zu sein, oder ein in einem Dorfe gebrochner Juwel, der sich auf der Edelsteinmühle der Stadt schon sehr ausgeschliffen. Er hielt sich vor, das sei das erstemal, daß er in den schimmernden Tier-Kreis des feinsten Cercle oder Kränzchens rücke. »Gott, wie fein werden sie alles drehen«, sagte er sich, »und vor Tournüre kaum reden! Madame - kann der Graf sagen -, ich bin zu glücklich, um es zu sein. Herr Graf, kann sie versetzen, Ihr Verdienst und Ihre Schuld - Darf man das Erraten erraten? fragt er - Sollte Fragen mehr erlaubt sein als Antworten? fragt sie - Das eine erspart das andere, versetzt er - Oh Graf, sagt sie - Aber Madame, sagt er; denn nun können sie vor Feinheit nichts mehr vorbringen, und wenn sie toll würden. Ich für meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz.« Walt goß sich bei Zeiten seinen Sonntags-Beschlag, den Nanking, als sein eigner Gelbgießer über und setzte statt des braunflammigen Hutes - den wollt' er in der Hand tragen - mehr Puder als gewöhnlich auf. Er ging geputzt ein paar Stunden leicht auf und ab. Er hörte vergnügt einen Wagen nach dem andern vordonnern; »nur abgeladen!« sprach er, »lauter Fracht und Meßgut für den Roman, in dem ich Leute von Stande so nötig habe als Dinte. Und wie wird sich uns allen mein Klothar von so mannigfachen Seiten zeigen müssen; der alte treue Freund! Gott wird mir schon dazu verhelfen, daß ich auch etwas sagen kann zu ihm.« Da er endlich bei einem neuen Rollen es für Zeit hielt, sich hinabzumachen und den Cercle zu schließen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Bückling: so stellt' er sich oben, mit seinem Hute in der Hand, ans Treppengeländer und schauete so lange hiedurch hinab, bis er dem neuen Nachschuß sich zuschießen konnte, um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale einzutreffen. Er glänzte sehr, der Saal, die vergoldeten Schlösser waren aus den Papier-Wickeln herausgelassen, dem Lüstre der Staub- und Bußsack ausgezogen, die Seiden-Stühle hatten höflich vor jedem Steiß die Kappen abgenommen, und auf dem getäfelten Fußboden war die Leinwand ganz von den Papiertapeten weggezogen, welche die ostindische Decke so zudeckten, daß diese sowohl sich als den getäfelten Fußboden an einigen Winkeln leicht zeigte. Den Salon selber hatte der Kaufmann, weil lebendige Sachen zuletzt jeden krönen, mit Gästen-Gefüllsel ordentlich wie ein hohes Pasteten-Gewölb satuiert, namentlich mit Aigretten - Chemisen - Schmink-Backen - Rotnasen - feinsten Tuchröcken - spanischen Röhren - Patentwaren und französischen Uhren, so daß vom Kirchenrat Glanz an bis zu netten Reisedienern und ernsten Buchhaltern sich alles mischen mußte. Der große Kaufmann sucht weiter in keine höchste Klasse zu kommen als in die der Gläubiger, wenn seine hohen Schuldner fallieren. Er, als kalter stiller Justierer des Verdienstes, schätzt gleich sehr den niedrigsten Bürger, wenn er Geld hat, und den höchsten Adel, wenn dessen altes Blut in silbernen und goldnen Adern läuft und dessen Stammbaum Nahrungs- und Handelszweige treibt. Freilich - so wie dem Pater Hardouin die Münzen der Alten mehr historische Glaubwürdigkeit hatten als alles Schriftliche derselben - so kann der abwägende Kaufmann Adels-Pergament und sonstige Ehren-Punktierkunst nie so hoch stellen als dessen Münzen, insofern er von fremder Zuverlässigkeit sprechen soll. Schon die Anfurt des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter, als er nur hoffen wollen; denn er bemerkte bald, daß er nicht bemerkt wurde, sondern sich auf jeden Seidenstuhl setzen konnte und ihn zum Weberstuhl seiner Träume machen. Noch hatte er nichts vom Grafen noch vom Wiegenfest und den beiden Töchtern gesehen - als endlich Klothar, der Eßkönig, zu seiner Freude blühend hereintrat, obwohl in Stiefeln und Überrock, als hab' er sich mehr auf parlamentarische Wollen-Säcke zu setzen als auf seidne Agenten-Stühle. »Herr Hofagent,« sagt' er, ohne die Versammlung zu prüfen, »wenn Sie wollen, mich hungert verdammt.« Der Hofagent befahl Suppe und Töchter; denn er schätzte den Grafen längst und innigst, weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten wußte, wie viel er war, besonders ihm selber; und er behauptete oft, einem Manne von so vielen jährlichen Einkünften solle doch jede vernünftige Seele es zugute halten, wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese, was er wolle. Plötzlich kam Musik - mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten Geburtsfestliedern - dann die beiden Töchter mit einer langen Blumen-Guirlande, die sie Neupeter so geschickt über den Körper wanden, daß er in einem blühenden Ordensband dastand - die Komtoristen liefen und teilten die Gedichte aus - und zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes - Nun fing andere Instrumentalmusik an, um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten - die Gesellschaft mit ihren Papieren in den Händen stimmte ihn an als ein längeres Tischgebet - und selber Neupeter sah singend in sein Blatt. Vult hätte nicht unter die gehört, die dabei am ernsthaftesten geblieben wären, zumal als der blumige Ordens-Mann sich selber ansang; aber wohl Gottwalt war dazu gemacht. Ein Mensch, sobald er an seine Geburt denkt, ist so wenig lächerlich, als es ein Toter sein kann; da wir, wie sinesische Bilder, zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht groß, an welchen Schatten man denke. Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme; und als es vorbei und der Alte sehr gerührt war über das fremde Gedächtnis für sein Wiegenfest bei eigner Vergeßlichkeit und die Seinigen ihm früher gratulierten als die Fremden: so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als Gottwalts ferner und stiller; aber es beklemmte ihn, daß der Mensch - »besonders, seh' ich, an Höfen«, dacht' er - gerade den heiligen Tag, wo er sein erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte, im Rauschen fremder Wellen verhört - daß er das neue Dasein mit der lärmenden Wiederholung des alten feiert, anstatt mit neuen Entschlüssen - daß er statt der einsamen Rührung mit den Seinigen, deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen, den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht. Der Notar setzte sich vor, seinen ersten Geburtstag, an den ihn ein guter Mensch erinnere - denn noch hatt' er in seiner harten Armut keinen einzigen erlebt -, ganz anders zu begehen, nämlich sehr weich, still und fromm. -- Man setzte sich zu Tisch. Walt wurde neben den zweiten armen Teufel - Flitten - als der erste postiert und rechts neben den jüngsten Buchhalter. Ihm verschlugs wenig; ihm gegenüber saß der Graf. Rund wie Geld, das wie der Tod alles gleichmacht, war die Tafel, gleichsam ein größerer Kompagnie-Teller. Der Notar, ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts, streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hände zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Säbel des Messers zu führen; belesen genug, um mit der Breite des Löffels zu essen, nicht mit der Spitze, erhielt er sich bloß bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel, nicht eher anzuspießen, bis ihm andere das Speisen vorgemacht; wiewohl er sie bei den Artischocken so wenig für nötig erachtete, daß er, Beweisen nach, deren bittern Stuhl und die Spitzblätter aufkäuete, die er hätte in die holländische Sauce getunkt ablecken können und sollen. Was ihm indes weit besser schmeckte als alles, was darin lag, waren die Senfdosen, Dessertlöffel, Eierbecher, Eistassen, goldne Obstmesser, weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Küchenschrank abliefern konnte: »Esset ihr in Gottesnamen«, dacht' er, »die Kibitzen-Eier, die Mainzer Schinken und Rauch-Lächse; sobald ich nur die Namen richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte, so hab' ich alles, was ich für meinen Roman brauche, und kann auftischen.« In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen, der keine Umstände machte - geradezu weißen Portwein forderte - und einen Kapaunenflügel mit nichts abschalte als mit dem Gebiß - des Gebacknen nicht zu gedenken, das er mit den Fingern annahm. Diese schöne Freiheit - eingekleidet noch in Stiefeln und Überrock - spornte Walten an, daß er, als mehrere Herren Konfekt einsteckten für ihre Kinder, sich es zur Pflicht und Welt rechnete, auch einige süße Papierchen oder Süßbriefchen, die ihm ganz gleichgültig waren, in die Tasche zu schaffen. Auch sein Nachbar Flitte, der ungemein fraß und foderte, zeigte deutlich, wie man zu leben habe - besonders wovon. Indes war sein ewiger Wunsch der, etwas zu sagen und von Klothar vernommen, wenn nicht gar angeredet zu werden. Aber es ging nicht. Dem Grafen war aus Achtung ein philosophischer Nachbar, der Kirchenrat Glanz, an die linke Seite gebeten - an die rechte die Agentin gesetzt; - aber er aß bloß. Walt sann scharf nach, inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei, kein Wort zu sagen zur Hausfrau. Er behalf sich, wie ein Verliebter, mit optischer Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Es war ihm doch einige Erquickung, wenn der schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm - oder die Flasche - oder froh umhersah - oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster - oder in den auf einem lieblichen Gesicht. Aber bitterböse wurd' er auf den Kirchenrat, der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schönsten Gebrauch von derselben, da er doch so leicht, dachte Walt, über Klothars Hand zufällig mit seiner hinstreichen könnte und vollends ihn ins Reden locken. Allein Glanz glänzte lieber - er war vergötterter Kanzelredner und Kanzelschreiber - auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Münzen geprägt: Bononia docet* - wie andere Redner die Augen, so schloß er die Ohren unter dem Flusse der Zunge -- Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloß er Klothars stolzen Mund. Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf. Er hielt es für Tisch-Pflicht, jedem Gesicht eine Freuden-Blume über die Tafel hinüber zu werfen - die Artigkeit in Person zu sein - und immer ein wenig zu sprechen. Wie gern hätt' er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen! Leider wie Moses saß er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da, weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset, in das aufgetischte Zungen- und Lippen-Gehäcke, das er fast roh und unbedeutend fand, etwas Bedeutendes seinerseits zu werfen, da es ihm unmöglich war, etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen: ein Westfale, der einen feinen Faden spinnt, ist gar nicht vermögend, einen groben zu ziehen. Je länger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob, desto glänzender, glaubt er, müßt' er aufgehen, und sinnet auf eine Sonne dazu; könnt' er endlich mit einer Sonne einfallen, so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Aufgang, und in Westen will er nicht gern zuerst empor. Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts. Walt legte sich indes auf Taten. Die beiden Töchter Neupeters hatten unter allen schönen Gesichtern, die er je gesehen, die häßlichsten. Nicht einmal der Notarius, der wie alle Dichter zu den weiblichen Schönheits-Mitteln gehörte und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte, um ein Wüsten-Gesicht mit Reizen anzusäen, hätte sich darauf einlassen können, eine und die andere Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken. Es war zu schwer. Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche Häßlichkeit, die er für einen lebenslangen Schmerz hielt: so sah er die Blonde (Raphaela hieß sie), die ihm zum Glücke Blickschußrecht saß, in einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an, um ihr dadurch zu verraten, hofft' er, wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstoßen lasse. Auch auf die Brünette, namens Engelberta, ließ er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick anfallen, wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids würdigte. Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden, daß beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen; - als vergoldete Wirtschaftsbirnen, geschminkte Blatternarben, in herrlichen Franz gebundene Leberreime mußte man sie anerkennen. Hoch mußt' er bei dieser Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen, der mit ihm in Aufmerksamkeit und Achtung für dieselbe häßliche Raphaela wetteiferte! Er drückte Flitten - der als armer Teufel nichts weiter von der verhaßten Schönheit wollte als die Hand mit dem Heiratsgut - unter der Serviette die seinige; und sagte nach dem dritten Glas Wein, »Auch ich würde mit einer Häßlichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schönen.« - »Sehr galant!« (sagte der Elsasser) »Sahen Sie aber je eine superbere Taille?« - Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Töchtern auf Erinnern wahr; wer sie köpfte, machte jede zur Venus, ja mit dem Kopfe sogar konnte jede sich für eine Grazie halten, aber in doppelten Spiegeln. Gelehrte kennen keine Schönheiten als physiognomische; Walt war majorenn geworden, ohne zu wissen, daß er zwei Backenbärte habe, oder andere Leute Taillen, schöne Finger, häßliche Finger usw. - »Wahrhaftig,« antwortete der Notar dem Elsasser, »ich wollte wohl einer Häßlichen ohne allen Gewissensbiß die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben, um die Arme damit bekannt und darauf stolz zu machen.« Wenn Flitte etwas gar nicht begriff, so fragte er nichts darnach, sondern sagte schnell ja. Walt heftete jetzt in einem fort recht sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille, um sie damit bekannt zu machen. Die Blonde schielte von seinen Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch. »Wer mir lieber, Herr? die Blonde oder Braune?« (sagte der Hofagent, vom Weine lustig) - »Auf jeden Fall die Blonde, sag' ich; denn sie kostet vierteljährlich der Kassa zwölf Groschen weniger. Für 3 Tlr. 12 Gr. gutes Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig (vinaigre de rouge) nota bene für Blonde; für Braune hingegen jede um nette 4 Tlr.; hat sie vollends schwarzes Haar, so muß ich gar die Flasche zu 4 Tlr. 12 Gr. verschreiben. Raphel! du sollst leben!« - »Cher père,« versetzte sie, »nennen Sie mich doch nur Raphaela.« - »Er verdiente,« (dachte Walt, betroffen über Neupeters Ungeschicklichkeit) »daß sie sagte. Scheer-Bär!« Denn so hatt' er verstanden. »Heute gibt der arme blinde Baron sein Flöten-Konzert«, sagte schnell Raphaela; »ach! ich weiß noch, wie ich über Dülon geweint.« - »Ich weiß des Menschen Namen nicht« - sagte die brillantierte Mutter, namens Pulcheria, aus Leipzig, wohin sie beide Töchter mehrmals abgeführt, als in eine hohe Schule bester Sitten - »der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher.« - Walt arbeitete in sich, weinglühend, an der schnellsten Verteidigung. - »Sobald ein poweres Edelmännchen«, sagte Engelberta spöttisch, »nur etwas lernt und versteht, so nehm' ichs nicht so genau.- - »Wer weiß es denn,« sagte die Mutter, »was er auf der Flöte kann für Leute, die schon was gehört haben?« - »Er ist«, fuhr Walt in größter Kürze los, »nicht grob, nicht dürftig, nicht ungeschickt, nicht manches andere, sondern wahrlich ein königlicher Mensch.« Hinterher merkt' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner Stimme und Kürze; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende Kauffrau überrumpelt, die zwar in den Zeiten hübsch gewesen, wo sie Gellerten reiten sehen, die aber jetzt - aus ihren eignen Relikten bestehend - als ihr eignes Gebeinhaus - als ihre eigne bunte Toilettenschachtel - ihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen, mit Samt ausgeschlagenen, mit vergoldeten Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte. Walt hatte gar nicht wild sein wollen, nur gerecht. Man hörte seine vorlaute Phrasis mit kurzem Erstaunen und Verachten an. Neupeter aber nahm sofort den Faden auf: »Bulchen,« sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit, »ich will, weils doch eine arme Haut sein soll und noch dazu blind, drei Billette für euch Weibsen holen lassen vom powern Wicht.« »Die ganze Stadt geht hin,« sagte Raphaela, »auch meine teuerste Wina. O! Dank, cher père! Wenn ich den Unglücklichen höre, zumal im Adagio, ich freue mich darauf, ich weiß, da 'sammlen sich alle gefangnen Tränen um mein Herz'**, ich denke an den blinden Julius im Hesperus, und Tränen begießen die Freuden-Blumen.« Darauf sah sie nicht nur der Vater entzückt über ihren Sprechstil an - ob er gleich als ein alter Mann den seinigen fortackerte -, desgleichen Flitte begeistert, sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in ihr Gesicht herauf, voll kurzer Wünsche, letzteres wäre auszustehen oder doch zu heben durch Liebe, da er unter einem Dache mit ihr lebte. Aber ihm wurde durch Winas Ankündigung ein Sturm in die Seele geschickt - sein beseeltes Auge hing sich an ihren Bräutigam - als plötzlich wieder Raphaela die größten Revolutionen an dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz: »Wie kommts, Herr Kirchenrat, um auf Sehende zu kommen, daß alle Bilder im Auge verkehrt sind, und wir doch nichts verkehrt erblicken?« Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lektüre so gut auseinandersetzte, daß die Tafel bewundern mußte: so fing der Graf Feuer. Es sei, daß er satt war des Essens - oder satt des Hörens - oder übersatt der Glanzischen theologischen Halbwisserei und lingua franca, jener schalen Kanzel-Philosophie, wovon 1/4 moralisch, 1/4 unmoralisch, 1/4 verständig, 1/4 schief ist und das Ganze gestohlen - genug, der Graf begann und unterhielt ein so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrat - wozu die nahe Nummer Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen aus- und eingeräumt wird -, daß er ordentlich nicht mehr Haß gegen das Mattgold der theologischen Moralisten und Autoren hätte zeigen können, wenn er auch der Flötenspieler Quod deus vult selber gewesen wäre, der sich allerdings so aussprach: »Von alten Schimmelwäldchen der Philosophen klauben sich die Theologen die abgefallnen Lese-Früchte auf und säen damit an. - Diese größten engsten Egoisten machen Gott zum frère servant der Pönitenzpfarren, wohin sie voziert worden, und auf dem Wege nach dem Filial glauben sie, die Sonnenfinsternis sei gekommen, damit sie weniger schwitzen und schattiger reiten - und so fegen sie die Herzen und Köpfe, wie in Irland die Bedienten die Treppen, mit ihren Perücken.« * Bologna lehrt. (Zurück) ** Die Redensart hat sie aus dem Hesperus. (Zurück) Nro. 23: Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen Tischreden Klothars und Glanzens Nachdem also Glanz geäußert hatte: »daß eben, da sich im Auge alle Gegenstände umwenden, also wir uns auch mit, wir mithin nichts von einem Umkehren spüren könnten« - So entgegnete der Graf -. »Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit umgekehrt? - Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt? - Was hat denn das Hautbildchen mit dem innern Bilde zu tun? Warum fragt man nicht auch, warum uns nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine?« - Glanz äußerte nach Garve: »unsere Vorzüge seien am Ende keine und daher Demut unsere Pflicht.« Der Graf entgegnete: »So seh' ich wenigstens nicht, warum ich Bettler demütig gegen den zweiten Bettler sein soll; - und ist er gar stolz, so hab' ich ja einen zweiten Vorzug vor ihm, die Demut.« Es wurde ein schöner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angeführt: daß die Kinder für Geringschätzung des Alters die vergeltende Strafe gewiß von ihren eigenen Kindern empfangen würden. Klothar entgegnete: »Folglich hat das gering geschätzte Alter auch einmal gering geschätzt; und es geht ins Unendliche, oder man kann die Strafe erhalten ohne die Sünde.« Glanz äußerte, wie leicht das Gedächtnis zu überladen sei. Klothar entgegnete: »Das ist bloß unmöglich. Ist denn, etwas zu behalten, eine Beschwerde für Gehirn oder Geist? Verspürt ein Mann den Schatz, den zwanzig Jahre Leben in ihm niederlegten, wohl an seinem Gedächtnis, als wäre dieses belasteter als in der Jugend? - Aber ferner: der Bauer trägt ebenso viele Ideen in seinem Gedächtnis als der Gelehrte, nur andere, Sachen, Bäume, Äcker, Menschen. Überladung des Gedächtnisses kann also nichts heißen als versäumte Kultur anderer Kräfte.« Glanz äußerte, man könne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte aussetzen, daß die Nase für die Brille geschaffen sei. Klothar versetzte. »Und das ist die Nase auch: sobald alle Kräfte einer Welt berechnet wurden, mußte auch die Kraft in Anschlag kommen, Gläser zu schleifen.« Glanz äußerte: er sei ja dafür und finde in allen seinen gedruckten Reden in der künstlichen Weltordnung einen unendlichen Verstand. Klothar fragte: »Was soll gedachter Verstand dabei sein?« Glanz äußerte. »Die Ursache.« Jener entgegnete: »Jede künstliche Ordnung, z.B. im Körperbau, erklären Sie doch jetzt aus blinden Kräften, nicht aus einer fremden Schöpfung, diese Kräfte wieder aus blinden, und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit einschlagen?« - Glanz äußerte spät darauf: eine hübsche eingeschränkte Monarchie wie in England sei wohl am besten für jeden. Klothar versetzte: »Nur nicht für die Freiheit. Warum hatten nur meine Voreltern die Freiheit, sich Gesetze zu wählen, und ich nicht? Wohin ich fliehe, find' ich schon Gesetze. Das Ideal eines Staats wäre, daß die kleinsten Föderativstaaten, die sich immer freie Gesetze gäben, sich in Föderativ-Dörfer - dann in Föderativ-Häuser - und zuletzt in Föderativ-Individuen zerfälleten, die in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben könnten.« Glanz äußerte, durch kleinere Staaten würden freilich eher die Kriege aufhören. Klothar versetzte: »Gerade umgekehrt. An mehreren Orten zugleich und häufiger in der Zeit entständen sie. Soll auf der ganzen Erde der Krieg aufhören: so muß sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben; davon muß der eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staate auf der Kugel Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden. Glanz glaubte beim Dessert wenigstens so viel äußern zu dürfen, daß es gut sei, daß die Aufklärung den Hexenglauben vertrieben. Klothar entgegnete: »Noch nicht einmal untersucht hat sie ihn.« Glanz schüttelte leicht. »Ich weiß nicht,« fuhr jener fort, »welche von zwei Meinungen Sie haben, aber da Sie nur eine von beiden hegen können - entweder die, daß alles Trug des Zeitalters, oder die, daß etwas Wunderbares bei der Sache ist: so müssen Sie in beiden Fällen irren.« Glanz schüttelte sehr, äußerte aber, er sei wie jeder Vernünftige der ersten Meinung. Klothar versetzte: »Die Wundergeschichte der Hexen ist ebenso historisch bewiesen als die der griechischen Orakel im Herodot; und diese ists geradeso sehr als überhaupt alle Geschichte. Auch Herodot unterscheidet sehr die wahren von den bestochenen Orakeln. In jedem Falle war es eine große Zeit, wo noch Götter die Weltgeschichte lenkten und darin mitspielten; daher ist Herodot so poetisch wie Homer. - Gemeine Seelen machen in der Hexen-Geschichte alles zum Werk der Einbildung. Wer aber viele Hexenprozesse gelesen, findet es unmöglich. Eine durch Völker und Zeiten reichende Einbildung festgehaltener, nuancierter Tatsachen ist so unmöglich als die Einbildung einer Nation, daß sie einen Krieg oder König habe, der nicht ist. Will man die Einbildung als Kopie einer solchen allgemeinen Einbildung erklären, so hat man das Urbild vorher zu deduzieren. Meist waren alte, dürftige, einfältige Frauen die Aktricen des Trauerspiels, mithin gerade am wenigsten fähig der Phantasie; auch malt die Phantasie mehr ins Große und Verschiedene zugleich. Hier findet man nur erbärmliche wiederholte Geschichten der Nachbarschaft - der Buhle, der Teufel, begleitet in gemeiner Kleidung die Frau zu Fuße auf irgendeinen benachbarten Berg, wo sie Tanz, bekannte Spielleute, elendes Essen und Trinken, lauter Bekannte aus dem Dorfe antrifft und nach dem Tanze mit dem Buhlen wieder heimgeht. Die Versammlungen auf dem Blocksberge können bloß für dessen nächste Anwohnerinnen gelten; aber in andern Ländern wurde nur der nachbarliche Berg zum Tanzplatz gewählt. Will man alle Bekenntnisse für Lügengeburten der Folter erklären: so bedenkt man nicht, daß man in den Prozessen findet, daß sie oft nach der Tortur zwei, drei unbedeutende Bekenntnisse, die ihnen den Tod nicht ersparten, feierlich und ängstlich widerriefen; und daß also der halbe Widerruf das halbe Geständnis - besiegelt, umso mehr, da man in damaligen Zeiten zu religiös dachte, um mit Lügen auf der Zunge zu sterben. Die berauschenden Getränke und Salben, womit sie sich sollen in den Traum vom Blocksberg und dergleichen gezaubert haben, sind nirgends aus den Akten erweislich oder nach der Physiologie möglich - da es kein Getränk gibt, das faktisch bestimmte Visionen erschüfe -; und dann, um nur beide zu brauchen, mußten sie sich ja schon für Hexen halten.« Glanz äußerte: »Warum gibt es aber jetzt keine mehr? Und warum ist alles so natürlich und alltäglich dabei zugegangen, wie Sie vorhin selber einräumten? Doch mach' ich diese Einwürfe gar nicht, Herr Graf, als wenn ich glaubte, daß Sie im Ernste jener Meinung wären!« Klothar versetzte: »Dann verkennen Sie meine Denkweise. Wie? kann man aus dem Aussetzen oder Wegbleiben einer Erfahrung, z. B. einer elektrischen, einer somnambulistischen, auf ihre Unmöglichkeit schließen? Nur aus positiven Erscheinungen ist zu beweisen; negative sind ein logischer Widerspruch. Kennen wir die Bedingungen einer Erscheinung? So viele Menschen und Jahre gehen vorüber, kein Genie ist darunter; - und doch gibts Genies; - könnt' es nicht ebenso mit den Sonntags-Kindern sein, die Augen und Verhältnisse für Geister haben? - Was Ihre Alltäglichkeit, die Sie einwenden, anlangt, so gilt diese auch für jede positive Religion, die sich in die Alltäglichkeit ihrer ersten Apostel versteckt; alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Natürliche an wie unsere Freiheit an die Naturnotwendigkeit.« Glanz äußerte: er wünsche nun doch sehr zu erfahren, was die zweite Meinung für sich habe. Klothar versetzte: »Zuerst die damaligen Zeugen für die erste. Um eine Frau zu verurteilen, brauchte man statt der Tatsachen nur Zeugenschlüsse; meistens aus drei ganz fremden Tatsachen, aus dem Alpdruck, dem Drachen-Einflug und einem schnellen Unglück, z.B. Tod des Viehes, der Kinder etc., schlossen die Zeugen, und ihre Schlüsse waren ihre Zeugnisse. Zweitens lief der ganze Zauber-Erfolg auf ein Raupen- oder Schnecken- oder anderes Schadenpulver hinaus, das der Buhle, der Teufel, dem getäuschten Weibe nebst einem Antritts- oder Werbe-Taler gab, den sie zu Hause oft als eine Scherbe befand. Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichtum, noch einen Schutzbrief gegen den Scheiterhaufen. Ich schließe aus allem, daß damals die Männer sich des Zauberglaubens bedienten, um unter der leichten Verkleidung eines teufelischen Buhlen die Weiber schnöde zu mißbrauchen; ja daß vielleicht irgendeine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hülle eines Hexen-Tanzes verbarg. Immer machten Männer in den Hexenprozessen den Teufel gegen die Weiber, selten umgekehrt. - Nur unbegreiflich bleibts, daß die Weiber bei dem damaligen Schauder vor dem Teufel, so wie vor der Hölle, sich nicht vor seiner Erscheinung und vor der höllischen Umtaufe* und Apostasie entsetzet haben.« Glanz lächelte, äußerte aber, jetzt träfen sie beide ja vielleicht zusammen - Klothar versetzte sehr ernst: »Kaum! denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild nicht auf, sie setzt eben eines voraus. Noch mangelt eine rechte Geschichte des Wunder-Glaubens oder vielmehr des Glaubens-Wunders - von den Orakeln, Gespenstern an bis zu den Hexen und sympathetischen Kuren; - aber kein engsichtiger und engsüchtiger Aufklärer könnte sie geben, sondern eine heilige dichterische Seele, welche die höchsten Erscheinungen der Menschheit rein in sich und in ihr anschauet, nicht außer ihr in materiellen Zufälligkeiten sucht und findet - welche das erste Wunder aller Wunder versteht, nämlich Gott selber, diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistererscheinungen auf dem engen Boden eines endlichen Menschen.« ... Hier konnte sich der Notar nicht länger halten; eine solche schöne Seelenwanderung seiner Gedanken hatt' er in dem hohen Jüngling nicht gesucht: »Auch im Weltall«, hob er an, »war Poesie früher als Prosa, und der Unendliche müßte vielen engen prosaischen Menschen, wenn sie es sagen wollten, nicht prosaisch genug denken.« »Was wir uns als höhere Wesen denken, sind wir selber, eben weil wir sie denken; wo unser Denken aufhört, fängt das Wesen an«, sagte Klothar feurig, ohne auf den Notarius sonderlich hinzusehen. »Wir ziehen immer nur einen Theater-Vorhang von einem zweiten weg und sehen nur die gemalte Bühne der Natur«, sagte Walt, der so gut wie Klothar etwas getrunken. Keiner antwortete mehr recht dem andern. »Gäb' es nichts Unerklärliches mehr, so möcht' ich nicht mehr leben, weder hier noch dort. Ahnung ist später als ihr Gegenstand; ein ewiger Durst ist ein Widerspruch, aber auch ein ewiges Trinken ist einer. Es muß ein Drittes geben, so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft«, sagte der Graf. »Der heilige, der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen, aber er schafft wieder Gestalten«**, sagte Walt, den die Fülle der Wahrheit allein fortzog, nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft. »Eine geistige Kraft bildet den Körper, dann bildet der Körper sie, dann aber bewegt sie am mächtigsten auf der Erde die Körper«, sagte Klothar. »O die unterirdischen Wasser der tiefen zweiten Welt, die den gemeinen weltweisen Berg-Knappen in seinem Bergbau stören und ersäufen, ihn, der Höhen nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will - diese sind eben für den rechten Geist der große Todesfluß, der ihn in den Mittelpunkt zieht« ... sagte Walt; er stand längst aufrecht am Tisch und hört' und sah nicht mehr. »Echte Spekulation« -- fing der Graf an. »Mr. Vogtländer« - unterbrach Neupeter, sich zum Buchhalter wendend und Klotharn am Arm haltend, da er gelehrten Diskursen ebensogern zuhörte als entsprang - »die 23 Ellen Spekulation haben Sie doch heute gebuchet?*** Nun aber weiter, Herr Philosoph!« - Der Graf hörte den Mißton des Mißgriffs und schwieg und stand gern auf, die vergessene, längst wartende Gesellschaft noch lieber. Des Notars Keckheit und Rede-Narrheit hatte am meisten sie unterhalten. Der Kirchenrat Glanz hatt' es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben, was sie von den gräflichen Sätzen zu halten hätten, und daß dergleichen ihn nicht weniger langweilte und anekelte als jeden. Walt war in den dritten Himmel gefahren und behielt zwei übrig in der Hand, um sie wegzuschenken. Er und der Graf trugen nun - nach seinem Gefühl - die Ritterkette des Freundschafts-Ordens miteinander; nicht etwan, weil er mit ihm gesprochen - der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen Wunsch der Audienz -, sondern weil Klothar ihm als eine große, freie, auf einem weiten Meere spielende Seele erschien, die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die Wellen geworfen; weil ihm sein kecker Geistes-Gang groß vorkam, der weniger einen weiten Weg als weite Schritte machte, und weil der Notar unter die wenigen Menschen gehörte, die mit unähnlichem Werte sympathisieren, wie das Klavier von fremden Blas- und Bogen-Tönen anklingt. So lieben Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt ihnen der Vater, und die Mutter kann die Waisen schwer ernähren. Wie ganz anders - nämlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernkalt und vipernglatt - stehen die Menschen von Tafeln, selber an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! - Neupeter bot leicht seinen Park dem Grafen an - der schlug ein - Walt drang nach. Unterwegs riß der Agent sein blumiges Ordens-Band entzwei und steckt' es ein, weil er, sagt' er, nicht wie ein Narr aussehen wolle. * Bekanntlich hob der Buhle die erste Taufe durch eine unreine wieder auf. (Zurück) ** Die Figuren auf klingenden Glasscheiben. (Zurück) *** d. h. zu Buch gebracht. - Spekulation ist in Neupeters Sinn ein ungekreuzter halbleinener, halbseidener Pariser Zeug, der sich von der enzyklopädistischen Spekulation, ebenfalls da gewebt, zu seinem Vorteil unterscheidet. (Zurück) Nro. 24: Glanzkohle Der Park - der Brief Der Graf ging zwischen seinen Brautführern, wovon der linke im Gehen das Spinnrad drehte zu einem Faden der Rede und Seile der Liebe; doch hielts oft schwer, in den engsten Gängen drei Mann hoch aufzumarschieren. Ein Markthelfer hielt sich hinter ihnen, um aus dem Sande alle 6 Fußstapfen auszubügeln. Der Agent führte Klotharn vor die Glanz-Partien des Parks in der Absicht, Ehrenflinten und -säbel da von Grafenhand zu empfangen - vor Kinderstatuen unter Turm-Bäumen - vor Herkules-Würggruppen unter Blumen; aber den Grafen griff nichts an. Neupeter zählte das »schöne Geld« aufs Rechenbrett hin, das ihm die Bildsäulen schon gefressen, besonders einige der feinsten, die er gegen Regenwetter in ordentliche wasserdichte Ober- oder Reitersröcke eingewindelt, und bracht' ihn vor eine eingekleidete Venus im Wachtrock. Klothar schwieg. Neupeter ging weiter im Versuche und Garten, er setzte eigenhändig seinen Park herunter gegen einen in England und erhob z.B. Hagley's seinen darüber; »aber«, sagt' er, »die Engländer haben auch die Batzen dazu.« Der Graf widerlegte nichts. Bloß Walt bemerkte: »am Ende werde doch jeder Garten, sei er noch so groß, kurz jede künstliche Eingrenzung klein und ein Kindergärtchen in der unermeßlichen Natur; nur das Herz baue den Garten, der noch zehnmal kleiner sein könne als dieser.« Darauf fragte der Kaufmann den Grafen, warum er nicht aufgucke, z.B. an die Bäume, wo manches hänge. Dieser sah auf: weiße Zolltafeln der Empfindung waren von Raphaelen daran geschlagen zum Überlesen; »bei Gott, meine Tochter hat sie ohne fremde Hülfe ersonnen,« sagte der Vater, »und sie sind sehr neu und hochtragend geschrieben, so glaub' ich.« Der Graf stand vor den nächsten Gefühls-Brettern und Herz-Blättern poetischer Blumen fest; auch der Notar las den an die Welt wie an Arznei-Gläschen gebundnen Gebrauchzettel herab, welcher verordnete, wie man schöne Natur einzunehmen habe, in welchen Löffeln und Stunden. Walten gefiel die Gefühls-Anstalt, es waren doch Antritts- oder Oster-Programmen der Frühlings-Natur, Frachtbriefe der Jahrs-Zeiten, zweite, heimlich abgedruckte Titelblätter der Natur-Bilderbibel. Dennoch strich Klothar stumm darunter hinweg. Aber Walt sagte, begeistert von den Baum-Not- und Hülfs-Täfelchen: »Alles ist hier schön, die Partien, die Bäume und die Tafeln. Wahrhaftig man sollte die Poesie verehren, auch bis ins Streben darnach. Freilich wird nur die höchste, die griechische, gleich den Schachten der Erdkugel immer wärmer, je tiefer man dringt, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint; indes andere Gedichte nur oben wärmen.« - »Mein Mietsmann, Herr Notar Harnisch« - sagte schnell der über dessen Nähe und Kecke verdrüßliche Neupeter, als der Graf ihn bedeutend ansah - »Der Lac da um Ermenonville herum - so lässet meine Frau den Teich nennen, weil sie sich auf Gärten versteht, da sie aus Leipzig ist - der Teich, sag' ich, ist bloß um die Insel herumgeführt, die ich um meinen seligen Vater, einen Kaufmann wie wenige, aufschütten lassen. Die Statue drinnen, das ist er selber nun.« - Auf der Teich-Insel sah unter Trauer- und Pappel-Bäumen allein, gleichsam wie ein Robinson, der alte sel. Christhelf Neupeter in Stein gebracht herüber, übrigens in seinem Börsen-Habit ausgehauen, wiewohl die in Marmor übersetzte Beutelperücke und die petrifizierten Wickelstrümpfe und Rockschöße dem magern Manne nicht das leichte Ansehen gaben, das er nackt hätte haben können. »Sagen Sie nur heraus, wie Ihnen der ganze Park und Quark vorkommt?« fragte Neupeter der Sohn. »Was bedeutet noch die hölzerne wunderbare Pyramide,« (fragte der die Insel und den See umkreisende Graf) »die mit der Basis halb über dem Wasser schwebt?« Dem Hofagenten gefiel die Frage; er versetzte schelmisch: »In die Pyramide kann man ordentlich hineingehen durch eine Türe.« - »Cestius' Pyramide?« sagte Walt halblaut. - Der Graf verstand den merkantilischen Schelm nicht. »Nun, es dient nun so«, erläuterte er weiter, froh über die Einkleidung jener Verkleidung, »bei der oder jener Gelegenheit - wenn mans eben braucht - ein Mensch trinkt mittags viel, besieht sich den Garten, und nun natürlich....« »God d-,« sagte der verständigte Graf im Feuer, »ich muß in die Pyramide« und gab, des Agenten satt, das Zeichen des Zurückbleibens. Ein Regenbogen - darein war die Holz-Brücke durch Farben verkleidet - führte an die Pyramide. Der unschuldige Notar dachte zu zart, um alles zu verstehen. Der stolze Kaufmann, der hier das Stehen-lassen äußerst unhöflich fand, murmelte halb für sich, halb für Walten: »Ein höflicher, eigner Herr!« Er blieb nun nicht so lange, daß der Notar, der ein Riesen-Kniestück vom Klothar anlegen wollte, solches hätte aufspannen können; sondern ließ wieder diesen stehen, mit dem Pinsel voll Flammen in der Hand. Ein zarter Genius war es, der den einsamen Gottwalt vom Betreten des Regen- und Brücken-Bogens zurücklenkte durch die Eröffnung der - Wahrheit. Anderthalb Garten-Gänge prallte davor der Jüngling zurück, den schon der vornehme Tafel-Zynismus mit den nackt gezognen Zahnstochern geärgert; - ohne doch auf den Agenten zu zürnen, daß er auf die väterliche Pappel-Insel eine solche Spitzsäule pflanzen können; er hatte oft zu viel Liebe, um Geschmack zu haben, wie andere umgekehrt. Als der Graf von Ermenonville zurückgekommen: schlug Walt mehrere schmale Radien-Gänge ein, um ihm zufällig aufzustoßen und so, verschmolzen mit ihm, zu gehen. Aber der Graf, der allein bleiben wollte, merkte das stete Nachstreichen und bog ihm verdrüßlich aus. Auch dem Notar selber wurde am Ende das freundschaftliche Ballet versalzen, weil der Markthelfer mit seinem Verwaschpinsel als Schrittzähler hinter ihm blieb und ihm jeden Schritt dadurch verrechnete, daß er ihn ausstrich. »Welch ein ganz anderes Glück wäre es,« träumt' er, »fiel' ich ins Lac-Wasser, und mein Jüngling schleppte mich heraus, und ich läg' ihm mit tropfenden Augen zu Füßen. Das denk' ich mir gar nicht - weil es zu groß wäre, das Glück -, wenn etwan gar er selber hineinstürzte und ich der Selige würde, der sein stolzes Leben rettete und ihn an der Brust ins Dasein trüge.« Indes fand er jetzt etwas Besseres auf seinem Wege, einen verlornen Brief an Klothar. Indem er sich umsah, ihn zu übergeben, war der Graf unter die ins Haus gehende Gesellschaft zurückgetreten. Er lief nach. Jener war schon davon geritten auf ein Dorf. Es war ihm nicht sonderlich bitter, daß er durch den Brief ein Recht in die Hände bekam, den Grafen morgen auf seinem eignen Zimmer aufzusuchen. Er erstieg eilig das seinige - nicht ohne Freude, daß er als der einzige Gast im Hause verbleibe, indes alle andere daraus fortmußten -; und besah und las ruhig droben den schon erbrochnen Brief - außen. Denn innen ihn zu lesen, auch irgendeinen andern fremden, lag außer seiner Macht. Sein Lehrer Schomaker - der, wie Vult sagte, für Schimmelwäldchen Waldordnungen entwürfe - behauptete, nicht einmal gedruckte dürfe man lesen, wenn sie wider des Verfassers Wunsch erschienen, da die Leichtigkeit und die Teilhaber einer Sünde an dieser nichts änderten. Eine Taube mit einem Ölzweig im Schnabel und in den Füßen flog auf dem Siegel. Der Umschlag roch anmutig. Er zog den Brief daraus hervor, faltete ihn auf von weitem und las frei den Namen - Wina und legt' ihn eiligst weg ... »Ich will ihm alle meine Aurikeln geben«, hatte sie einst in der tiefen Kindheit gesagt, aus deren dunkeln überblühten Tempe unaufhörlich jene Töne wie bedeckte Nachtigallen heraufsangen. jetzt aber berührte die zitternde Saite - deren Klänge bisher süß-drückend sein Herz umrungen hatten - seine Finger; er hatte ordentlich die Vergangenheit, die Kindheit in der Hand - Und heute trat vollends die Unsichtbare im Konzertsaale endlich aus der blinden Wolke - Seine Bewegung bedarf keines Gemäldes, da jede auf jedem erstarrt. Er hielt sich jetzt den offnen Brief nahe unter die Augen, obwohl umgekehrt - Das Papier war so blau-weiß-zart wie eine feinste Haut voll Geäder - die umgestürzte Handschrift so zierlich und gleich - Blumengewinde waren den vier Papier-Rändern eingepresset - er besah jeden - und ging auf Aurikeln aus - als er aber auf dem untern suchte, fuhr ihm die letzte Zeile ins Auge, mit sieben letzten Worten. Da steckt' er das Blatt erschrocken in die Hülle zurück. Es lautete aber das Schreiben an Klothar so: »Wozu meine längern Kämpfe, die vielleicht schon selber Sünden sind? Ich kann nun nach Ihrem gestrigen entscheidenden Worte nicht die Ihrige werden; denn ich könnte Ihnen wohl so leicht und so gern Glück und Leben und Ruhe opfern, aber meine Religion nicht. Ich schaudere vor dem Bilde eines erklärten Abfalls. Ihre religiöse Philosophie kann mich quälen, aber nicht ändern. Die Kirche ist meine Mutter; und nie können mich alle Beweise, daß es bessere Mütter gebe, von dem Busen der meinigen reißen. Wenn meine Religion, wie Sie sagen, nur aus Zeremonien besteht: so lassen Sie mir die wenigen, die meine mehr hat als Ihre. Denn am Ende ist doch alles, was nicht Gedanke ist, Zeremonie. Geb' ich eine auf, so weiß ich nicht, warum ich noch irgendeine bewahre. Halten Sie ja, wie ich, vor meinem Vater Ihre scharfe Foderung des Abfalls geheim, ich weiß, wie es ihn kränken müßte. - Ach lieber Jonathan, was könnt' ich noch sagen; jene Stille, die Sie oft rügen, ist nicht Laune noch Kälte, sondern die Trauer über meine Ungleichheit gegen Ihren großen Wert. O Freund, ist dieser Anfang unsers Bundes wohl der rechte? Mein Herz ist nur fest, aber wund. Wina.« Er beschloß im ersten Feuer, das Schreiben ihr selber im Konzerte zuzustellen. Jetzt übrigens, da er ein wenig seine heutige schwelgerische Lage überschlug - Diner mittags - Konzert abends - Sonntag den ganzen Tag -: so konnt' er sich weiter nicht bergen, wie sehr er sich, gleich einem Großen, schwindelnd auf dem Glücksrad umschwinge, oder eine wahre Nacht der Ergötzlichkeiten durchträume, in der ein Sternbild voll freudiger Strahlen aufgeht, wenn ein anderes niedergeht, indes arme Teufel nichts haben als einen blau-dunkeln Tag mit beigefügter Sonne. So macht' er sich denn - Kopf und Brust voll flötender Vulte, heiliger Aurikelnbräute, feinster, ihnen zu übergebender Briefe - auf den Weg zum ersten Konzert in seinem Leben. Denn für die Leipziger Konzerte im Gewandhause hatt' er nie den dazu gehörigen Eintritts- und Torgroschen erschwingen können, bekanntlich 16 Groschen schwer Geld. Nro. 25: Smaragdfluss Musik der Musik Die Einlaßkarte fest drückend, langte er in der langen Prozession mit an, die seine Flügelmännin und Wegweiserin war. Das Einrauschen des glänzenden Stroms, der hohe Saal, das Stimmen der Instrumente, das Schicksal seines Bruders machten ihn zu einem Betrunkenen, der Herzklopfen hat. Dem Lauf des goldführenden Stroms sah er mit Freude über die Goldwäsche seines Bruders zu, er hätte die Wellen zählen mögen. Vergeblich sah er nach ihm sich um. Auch Wina sucht' er, aber wie sollt' er einen Juwel in einer Ebene voll Tau-Glanz ausfinden? Nach seiner Schätzung und Vermessung mochten unter den ihm zugekehrten Mädchen an 47 wahre Anadyomenen, Uranien, Cytheren und Charitinnen sitzen in Pracht; unter den abgewandten Rücken konnten sie sich noch höher belaufen. Er legte sich die Frage vor: wenn diese ganze Kette von 47 Paradiesvögeln aufstiege und er sich einen darunter herabschießen sollte mit dem Amors-Pfeil, welchen er wohl nähme? -- Er brachte keine andere Antwort aus sich heraus als die: jede, die mir die Hand recht drückte und etwas bei der Natur für mich empfände. Da nun unter diesem schönen Hondekoeters* fliegenden Corps unzählige Raubvögel, Harpyen und dergleichen gewiß steckten: so ermesse doch aus diesem Selbstgespräch ein ganz junger Mensch, der seine erste Liebe zur ersten Ehe machen will, in was er rennen könne. Eben stellte sich der Buchhändler Paßvogel grüßend neben den Notar, als Haydn die Streitrosse seiner unbändigen Töne losfahren ließ in die enharmonische Schlacht seiner Kräfte. Ein Sturm wehte in den andern, dann fuhren warme nasse Sonnenblicke dazwischen, dann schleppte er wieder hinter sich einen schweren Wolken-Himmel nach und riß ihn plötzlich hinweg wie einen Schleier, und ein einziger Ton weinte in einem Frühling, wie eine schöne Gestalt. Walt - den schon ein elender Gesang der Kinderwärterinnen wiegte und der zwar wenige Kenntnisse und Augen, aber Kopf und Ohren und Herzohren für die Tonkunst hatte - wurde durch das ihm neue Wechselspiel von Fortissimo und Pianissimo, gleichsam wie von Menschenlust und -weh, von Gebeten und Flüchen in unserer Brust, in einen Strom gestürzt und davongezogen, gehoben, untergetaucht, überhüllt, übertäubt, umschlungen und doch - frei mit allen Gliedern. Als ein Epos strömte das Leben unten vor ihm hin, alle Inseln und Klippen und Abgründe desselben waren eine Fläche - es vergingen an den Tönen die Alter - das Wiegenlied und der Jubelhochzeit-Gesang klangen ineinander, eine Glocke läutete das Leben und das Sterben ein - er regte die Arme, nicht die Füße, zum Fliegen, nicht zum Tanzen - er vergoß Tränen, aber nur feurige, wie wenn er mächtige Taten hörte - und gegen seine Natur war er jetzt ganz wild. Ihn ärgerte, daß man Pst rief, wenn jemand kam, und daß viele Musiker, gleich ihrem Notenpapier, dick waren, und daß sie in Pausen Schnupftücher vorholten, und daß Paßvogel den Takt mit den Zähnen schlug, und daß dieser zu ihm sagte: »Ein wahrer ganzer Ohrenschmaus«; für ihn ein so widriges Bild wie im Fürstentum Krain der Name der Nachtigall: Schlauz. »Und doch muß nun erst das Adagio und mein Bruder kommen« sagte sich Walt. »Den einer dort herführt,« - sagte Paßvogel zu ihm - »das ist der blinde Flautotraversist, und der Führer ist unser blinder Hof-Pauker, der aber das Terrain besser kennt. Das Paar gruppiert sich indes ganz artig.« - Da der schwarzhaarige Vult jetzt langsam kam, das eine Auge unter einem schwarzen Band, mit dem andern starrblickend, den Kopf wie ein Blinder ein wenig hoch und die Flöte am Munde haltend - mehr um sein Lachen zu bedecken -; da er sich vom Pauker verbeugungs-recht stellen ließ - und da alle Schwätzereien stumm wurden und weich: so konnte Walt sich der Tränen gar nicht mehr enthalten, sowohl wegen der vorhergehenden als schon über das bloße Gemälde eines blinden Bruders und über den Gedanken, das Verhängnis könne den Spaßtreiber beim Worte fassen; und zuletzt braucht' er wenig, um mit dem ganzen Saale zu glauben, Vult sei erblindet. Dieser gab wie eine Monatsschrift stets das beste Stück zuerst und führte an, er gehe mit Einsicht von den allmählich steigenden Virtuosen ab, weil die Menschen einander nach der Erstgeburt, und nicht nach der Nachgeburt schätzten und den schlimmen, mithin auch den guten Erstlings-Eindruck festhielten - und weil man den Weibern, die von nichts so leicht taub würden als von langer Musik, das Beste geben müßte, wenn sie noch hörten. Wie eine Luna ging das Adagio nach dem vorigen Titan auf - die Mondnacht der Flöte zeigte eine blasse schimmernde Welt, die begleitende Musik zog den Mondregenbogen darein. Walt ließ auf seinen Augen die Tropfen stehen, die ihm etwas von der Nacht des Blinden mitteilten. Er hörte das Tönen - dieses ewige Sterben - gar nicht mehr aus der Nähe, sondern aus der Ferne kommen, und der herrnhutische Gottesacker mit seinen Abend-Klängen lag vor ihm in ferner Abendröte. Als er das Auge trocken und hell machte: fiel es auf die glühenden Streifen, welche die sinkende Sonne in die Bogen der Saalfenster zog; - und es war ihm, als seh' er die Sonne auf fernen Gebürgen stehen - und das alte Heimweh in der Menschenbrust vernahm von vaterländischen Alpen ein altes Tönen und Rufen, und weinend flog der Mensch durch heiteres Blau den duftenden Gebürgen zu und flog immer und erreichte die Gebürge nie -- O ihr unbefleckten Töne, wie so heilig ist euere Freude und euer Schmerz! Denn ihr frohlockt und wehklagt nicht über irgendeine Begebenheit, sondern über das Leben und Sein, und eurer Tränen ist nur die Ewigkeit würdig, deren Tantalus der Mensch ist. Wie könntet ihr denn, ihr Reinen, im Menschenbusen, den so lange die erdige Welt besetzte, euch eine heilige Stätte bereiten, oder sie reinigen vom irdischen Leben, wäret ihr nicht früher in uns als der treulose Schall des Lebens und würde uns euer Himmel nicht angeboren vor der Erde! Wie ein geistiges Blendwerk verschwand jetzt das Adagio, das rohe Klatschen wurde der Leitton zum Presto. Aber für den Notar wurde dieses nur zu einer wildern Fortsetzung des Adagios, das sich selber löset, nicht zu einer englischen Farce hinter dem englischen Trauerspiel. Noch sah er Wina nicht; sie konnte es vielleicht im langen himmelblauen Kleide sein, das neben dem ihm zugewandten Rücken saß, der, nach den Kopffedern und nach der nahen Stimme zu schließen - die in einem fort, unter der Musik, die Musik laut pries -, Raphaelen zukam; aber wer wußt' es? Gottwalt sah bei solcher Mehrheit schöner Welten unter dem Prestissimo an dem weiblichen Sternenkegel hinauf und hinab und drückte mit seinen Augen die meisten ans Herz, vorzüglich die schwarzen Habite, dann die weißen, dann die sonstigen. Unglaublich steigerte die Musik seine Zuneigung zu Unverheirateten, er hörte die Huldigungsmünzen klingen, die er unter die Lieben warf. »Könnt' ich doch dich, gute Blasse,« - dacht' er ohne Scheu- »mit Freudentränen und Himmel schmecken - Mit dir aber, du Rosenglut, möcht' ich tanzen nach diesem Presto - Und du, blaues Auge, solltest, wenn ich könnte, auf der Stelle vor Wonne überfließen, und du müßtest aus den weißen Rosen der Schwermut Honig schöpfen - Dich, Milde, möcht' ich vor den Hesperus stellen und vor den Mond, und dann wollt' ich dich rühren durch mich oder durch sonst wen - Und ihr kleinen helläugigen Spieldinger von 14, 15 Jahren, ein paar Tanzsäle voll Kleiderschränke möcht' ich euch schenken - O ihr sanften, sanften Mädchen, wär ich ein wenig das Geschick, wie wollt' ich euch lieben und laben! Und wie kann die grobe Zeit solche süße Wangen und Äuglein einst peinigen, naß und alt machen und halb auslöschen?« -- Diesen Text legte Walt dem Prestissimo unter. Da er schon seit Jahren herzlich gewünscht, in einem schönen weiblichen Auge von Stand und Kleidung einer Träne ansichtig zu werden -- weil er sich ein schöneres Wasser in diesen harten Demanten, einen goldnern Regen oder schönere Vergrößerungslinsen des Herzens nie zu denken vermocht -: so sah er nach diesen fallenden Licht- und Himmelskügelchen, diesen Augen der Augen, unter den Mädchen-Bänken umher; er fand aber - weil Mädchen schwer im Putze weinen - nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tücher. Indes für den Notar war ein Schnupftuch schon eine Zähre und er ganz zufrieden. * ein großer Vögelmaler. (Zurück) Endlich fingen die in allen Konzerten eingeführten Hör-Ferien an, die Sprech-Minuten, in denen man erst weiß, daß man in einem Konzert ist, weil man doch seinen Schritt tun und sein Wort sagen und Herzen und Gefrornes auf der Zunge schmelzen kann. »Wer Henker«, sagt Vult sehr gut in einem Extrablatt seines Hoppelpoppels oder das Herz, überschrieben Vox humana-Konzert »Wer Henker wollte Ton- wie Dicht-Kunst lang' aushalten ohne das Haltbare, das nachhält? Beider Schönheiten sind die herrlichsten Blumen, aber doch auf einem Schinken, den man anbeißen will. Kunst und Manna - sonst Speisen - sind jetzt Abführungsmittel, wenn man sich durch Lust und Last verdorben. Ein Konzertsaal ist seiner Bestimmung nach ein Sprachzimmer; für den leisen Ton der Feindin und Freundin, nicht für den lauten der Instrumente hat das Weib das Ohr; wie ähnlicherweise nicht für Wohlgeruch, sondern nur für Geruch feindlicher und bekannter Menschen nach Bechstein die Nase der Hund hat. Bei Gott, man will doch etwas sagen im Saal, wenn nicht etwas tanzen. (Denn in kleinen Städtchen ist ein Konzert ein Ball, und keine Musik ohne Sphärentanz himmlischer Körper.) Dahero sollte das Pfeifen und Geigen mehr Nebensache sein und wie das Klingeln der Mühle nur eintreten, wenn zwei Steine oder Köpfe nichts mehr klein zu machen haben. Aber gerade umgekehrt dehnen - muß ich klagen, so gern ich auch allerdings einige Musik in jedem Konzerte verstatte, wie Glocken und Kirchenmusik vorher, eh Kanzeln bestiegen werden - sich die Spielzeiten weit über die Sprechzeiten hinaus, und mancher sitzt da und wird taub und darauf stumm, indes es doch durch nichts leichter wäre als durch Musizieren, Menschen, so wie Kanarienvögel, zum Sprechen zu reizen, wie sie daher nie länger und lauter reden als unter Tafelmusiken. - Nimmt man vollends die Sache auf der wichtigern Seite, wo es darauf ankommt, daß Menschen im Konzert etwas genießen, es sei Bier oder Tee oder Kuchen: so muß man, wenn man erfährt, daß das Musizieren länger dauert als das Trinken, gleichsam das Blasen zur Hoftafel länger als die Tafel selber, oder das Mühlen-Geklingel länger als das Zähne-Mahlen« --- und so weiter; denn der Hoppelpoppel gehört in sein eignes Buch und nicht in dieses. Jetzt, da sich die ganze neue Welt und Hemisphäre der Schönheiten vordrehte und aufstellte, mußte Wina zu finden sein. Raphaela stand schon herwärts gekehrt, aber die himmelblaue Nachbarin saß noch vor ihr. Der Notar erkundigte sich zuletzt geradezu bei Paßvogeln nach ihr. »Die«, versetzte der Hofbuchhändler, »neben der Demoiselle Neupeter - in Himmelblau mit Silber - mit den Perlenschnüren im Haar - sie war bei Hof - jetzt steht sie auf - sie wendet sich wahrlich um. - Aber gibts denn schwärzere Augen und ein ovaleres Gesicht - ob ich gleich sehr wohl weiß, daß sie nicht regelmäßig schön ist, z.B. scharfe Nase und die ausgeschweifte Schlangenlinie des entschiedenen Mundes, aber sonst, Himmel!« - Als Walt die Jungfrau erblickte, sagte die Gewalt über der Erde: »sie sei seine erste und seine letzte Liebe, leid' er, wie er will.« Der Arme fühlte den Stich der fliegenden Schlange, des Amors, und schauerte, brannte, zitterte, und das vergiftete Herz schwoll. Es fiel ihm nicht ein, daß sie schön sei, oder von Stand, oder die Aurikeln-Braut der Kindheit, oder die des Grafen; es war ihm nur, als sei die geliebte ewige Göttin, die sich bisher fest in sein Herz zu ihm eingeschlossen und die seinem Geiste Seligkeit und Heiligkeit und Schönheit gegeben, als sei diese jetzt aus seiner Brust durch Wunden herausgetreten und stehe jetzt, wie der Himmel außer ihm, weit von ihm (o! alles ist Ferne, jede Nähe) und blühe glänzend, überirdisch vor dem einsamen wunden Geiste, den sie verlassen hat, und der sie nicht entbehren kann. Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela, die aus eitler Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Menge drängen wollte, den Weg zu Walten daher. Als sie ganz dicht vor ihm vorbeiging und er das gesenkte schwarze Zauber-Auge nahe sah, das nur Jüdinnen so schön haben, aber nicht so still, ein sanft strömender Mond, kein zuckender Stern, und worüber noch verschämte Liebe das Augenlid als eine Amors-Binde halb hereingezogen: so trat Walt unwillkürlich zurück, und ein körperlicher Schmerz drückte in seinem Herzen, als werd' es überfüllt. Da auf der Erde alles so erbärmlich langsam geht, sie selber ausgenommen, und da sogar der Himmel seine Rheinfälle in hundert kleine Regenschauer zersetzt: so ist ein Mensch wie Walt ein Seliger, dem statt der von hundert Altären auffliegenden Phönix-Asche der Liebe und Schönheit ganz plötzlich der ausgespannte goldne Vogel farbeglühend am Gesicht vorüberstreicht. Den Zeitungsschreiber, den plötzlich Bonaparte, den kritischen Magister, den plötzlich Kant anspräche, würde der Schlag des Glücks nicht stärker rühren. Die Menge verhüllte Wina bald, so wie den Weg auf der fernen Seite, den sie an ihre alte Stelle zurückgenommen. Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen Kleide; und er schalt sich, daß er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten als die Augen voll Traum und voll Güte. Aber beides allein war ihm ein geistiges All. Das männliche Geschlecht will den Stern der Liebe, gerade wie die Venus am Himmel, anfangs als träumerischen Hesperus oder Abendstern finden, der die Welt der Träume und Dämmerungen voll Blüten und Nachtigallen ansagt - später hingegen als den Morgenstern, der die Helle und Kraft des Tags verkündiget; und es ist zu vereinigen, da beide Sterne einer sind, nur durch die Zeit der Erscheinung verschieden. Obgleich Walt andere Mädchen jetzt in sein Auge einlassen mußte, so warf er doch ein mildes auf sie; alle wurden Winas Schwestern oder Stiefschwestern, und diese untergegangene Sonne bekleidete jede Luna - jede Ceres - Pallas - Venus mit lieblichem Licht, desgleichen andere Menschen, nämlich die männlichen, den Mars, den Jupiter, den Merkur - und sehr den Saturn mit zwei Ringen, den Grafen. Dieser war Walten plötzlich näher gezogen - als sei der Freundschafts-Bund schon mündlich beschworen -; aber Wina ihm ferner entrückt - als stehe die Braut zur Freundin zu hoch. Ihren Brief ihr zu übergeben, dazu waren ihm jetzt Kraft und Recht entgangen, weil er besser überdacht, daß eine bloße Unterschrift des weiblichen Taufnamens nicht berechtigte, eine Jungfrau für die Korrespondentin eines Jünglings durch Zurückgabe bestimmt zu erklären. Die Musik fing wieder an. Wenn Töne schon ein ruhendes Herz erschüttern, wie weit mehr ein tief bewegtes! Als der volle Baum der Harmonie mit allen Zweigen über ihm rauschte: so stieg daraus ein neuer seltsamer Geist zu ihm herab, der weiter nichts zu ihm sagte als: weine! - Und er gehorchte, ohne zu wissen wem - es war, als wenn sein Himmel sich von einem drückenden Gewölke plötzlich abregnete, daß dann das Leben luftig-leicht, himmelblau und sonnenglänzend und heiß dastände wie ein Tag - die Töne bekamen Stimmen und Gesichte - diese Götterkinder mußten Wina die süßesten Namen geben - sie mußten die geschmückte Braut im Kriegsschiff des Lebens ans Ufer einer Schäferwelt führen und wehen - hier mußte sie ihr Geliebter, Walts Freund, empfangen unter fremden Hirtenliedern und ihr rund umher bis an den Horizont die griechischen Haine, die Sennenhütten, die Villen zeigen und die Steige dahin voll wacher und schlafender Blumen - Er nötigte jetzt Cherube von Tönen, die auf Flammen flogen, Morgenröte und Blütenstaub-Wolken zu bringen und damit Winas ersten Kuß dämmernd einzuschleiern und dann weit davon zu fliegen, um den stummen Himmel des ersten Kusses nur leise auszusprechen. Auf einmal als unter diesen harmonischen Träumen der Bruder lang auf zwei hohen Tönen schwebte und zitterte, die den Seufzer suchen und saugen: so wünschte Gottwalt mitzitternd, am Traum des fremden Glücks zu sterben. Da empfing der Bruder ein mißtöniges rauhes Lob; aber Walten war bei seiner heftigen Bewegung die äußere gar nicht zuwider. Es war alles vorbei. Er strebte - und nicht ohne Glück - am nächsten hinter Wina zu gehen; nicht um etwa ihr Gewand zu bestreifen, sondern um sich in gewisser Ferne von ihr zu halten, mithin jeden andern auch und so als eine nachrückende Mauer von ihr das Gedränge abzuwehren. Doch drückte er unter dem Nachgange sehr innig ihre Hand im - Brief an Klothar. Zu Hause setzt' er im Feuer, das fortbrannte, diesen Streckvers auf: Die Unwissende Wie die Erde die weichen Blumen vor die Sonne trägt und ihre harten Wurzeln in ihre Brust verschließt - wie die Sonne den Mond bestrahlt, aber niemals seinen zarten Schein auf der Erde erblickt - wie die Sterne die Frühlingsnacht mit Tau begießen, aber früh hinunterziehen, eh' er morgensonnig entbrannt: so du, du Unwissende, so trägst und gibst du die Blumen und den Schimmer und den Tau, aber du siehst es nicht. Nur dich glaubst du zu erfreuen, wenn du die Welt erquickst. O fliege zu ihr, du Glücklichster, den sie liebt, und sag' es ihr, daß du der Glücklichste bist, aber nur durch sie; und glaubt sie nicht, so zeig' ihr andere Menschen, der Unwissenden. Beim letzten Worte stürmte Vult ohne Binde ungewöhnlich lustig herein. Nro. 26: Ein feiner Pektunkulus und Turbinite Das zertierende Konzert »Ich sehe!« - rief der Flötenspieler mit einer Lustigkeit, worein sich Walt nicht schnell genug hinüberschaffen konnte. Er bat ihn, nur erst seine Augen-Kur anzuhören; und dann zu sprechen, wovon er wolle. Walt war es am meisten zufrieden. »Es wird dir nicht bekannt sein,« - fing Vult an - »daß heute des Kapellmeisters Wiegenfest war; ob dir gleich aus dem guten Spiel aller Konzertisten bekannt werden konnte, daß sie sich noch früher als den Zuhörer berauschet. Die Konzertisten sind von Hunden, die vom Herrn nur kleine Stücke, aber aus Furcht nie große annehmen, das Widerspiel. - Der Wein des Kapellmeisters war ihr Antihypochondriakus geworden, und sie hatten so viele Brunnenbelustigungen an diesem Wahrheitsbrunnen getrieben, daß der Violoncellist seine Baßgeige für einen Himmel ansah; und die andern umgekehrt. Nun glomm ein schwacher Funke zum nachherigen Kriegsfeuer schon unter dem Essen durch das einzige Wort an, daß ein Deutscher von einem deutschen großen Dreiklang sprach, worin Haydn, sagt' er, den Äschylus, Gluck den Sophokles, Mozart den Euripides vorstelle. Ein anderer sagte, von Gluck geb' ers zu, aber Mozart sei der Shakespeare. Jetzt mengten sich die Italier darein, zu Ehren des Kapellmeisters, und sagten, in Neapel geige man dem Mozart was. In der kurzen Zeit, wo ich mir die Kasse in die Hand legen lasse - 60 Taler hab' ich übrig, und hier hast du deine 10 -, brach der Krieg wider die Ungläubigen in völlige Flammen aus, und als ich hinsah, fochten beide Nationen schon auf Hieb und Stoß. Der Baßgeiger, ein Welscher, mochte zuerst mit seinem Fidelbogen den Ellenbogen des Flötabec-Pfeifers im Feuer angestrichen, oder vielleicht auch auf solchen, wie auf eine Baß-Saite, pizzicato geschlagen haben - um wohl Harmonie der Meinungen vorzulocken -: kurz, als ichs sah, hatt' der Pfeifer den Bogen von ihm entlehnt und an ihm solchen - das eigne Instrument sollte ganz bleiben - bald wie einen Stechheber, bald wie eine Streichnadel versucht. Behend kehrte aber der Geiger den Baß um und rannte damit - er hielt ihn am Geigenhals - wie mit einem Mauerbock auf den Pfeifer los, wahrscheinlich um ihn umzurennen; der Flüte-a-beccist lag denn auch nieder, nahm sich aber auf dem Boden erst der Nation hitzig an und fuhr dem Feinde mit der Flûte à bec ins Gesicht und Maul, um ihn vielleicht so mit dem Schnabel der Flöte mehr an sich zu ziehen am eignen. Der erste Violinist und der zweite fochten eine kurze Zeit mit Pariser Bogen, nahmen aber bald die Geigen bei den Wirbeln als Streitkolben, als Fäustel in die rechte Hand, um entweder Deutsch- oder Welschland hinaufzubringen; das Resonieren der Geigenbäuche sollte ein Räsonieren der Köpfe vorstellen, aber es war wohl mehr Wort- und Ton-Spiel. Du weißt, Herr Hüsgen zu Frankfurt am Main hebt einen kostbaren Büschel Haare von Albrecht Dürer* auf; ein Amateur hielt ein Paar ähnliche herrliche Reliquien mit beiden Händen in die Höhe, in der einen die Perücke, die er einem Sänger ausgerauft, in der andern das natürliche Haar, was er darunter angetroffen. Um den liegenden Schnabelpfeifer häufte sich das Hand-Gemenge dichter; der Violoncellist suchte den Baß von weitem tief in ihn zu drücken, näherte sich aber dadurch dem heftigen Flötabec, womit sich der Deutsche wie mit einem Kopulierreis, mit einer Fall- und Eselsbrücke an den Welschen anzuschließen strebte. Den stehenden Sieger griff von hinten mit einem faulen Trommelbaß ein deutscher Zugtrompeter an - zur Schande der Deutschen -; den aber wieder ein welscher Bassetthornist von hinten angriff - zur Schande der Welschen -; worauf sich der Deutsche gegen den Welschen umkehrte, so daß nun beide in kurzem so glücklich waren, einander den Bruch, den sie sich sonst bliesen, jetzt - um einen Bruch der Nationen zu heilen - mit den Instrumenten zu stoßen, wenn ich recht sah. Ein feiger Stadtpfeifer griff in die Tasche und zog Mittelstücke heraus, die er als Feldstücke von ferne auf die besten Köpfe warf, worauf ihm der Hofballetmeister mit dem Serpent, den er sonst bläset, zu Ohren kam. O Zwillingsbruder! wie wünscht' ich sämtlichen Spitzbuben zu ihrem Mord- und Totschlag Glück! - Nur ein Virtuose, der den Gyges-Ring scheinbarer Blindheit anhat, kann sehen, wie ihn Orchester auslachen und auskeltern vom Kapelldiener an bis zum Kapellmeister, und wie sie, wenn er sie mühsam zum Spielen gewonnen und gepresset, wieder ihrerseits von ihm gewinnen und pressen. Meine einzige Angst unter dem Waffentanz war, man möge mein Lachen und Sehen sehen; ich kratzte mir daher in einem fort als Deckmantel das Kinn. 'Ich glaube wahrlich gar', fing der blinde Hofpauker neben mir an. 'Freilich, freilich, mein Pauker!' versetzt' ich. 'Und zwar sehr wird meines Wissens und Hörens zugeprügelt - es soll eine schöne dissertatiuncula pro loco zweier friedlichen guten Nationen vorstellen, wenn nicht eine Sonate à quarante mains - Aber Himmel, warum schenkte das Glück zu solchem reichen Ein- und Vielklang, zu solcher musikalischen Exekution und Stangenharmonie nicht noch mehr Gewehr - Stangenharmonikas - Posthörner - Schulterviolen - d'Amour-Violen - gerade Zinken - krumme Zinken - Flageolettes - Tubas - Zithern - Lauten - Orphikas von Rölling - Cölestinen vom Konrektor Zink - und Klavizylinder von Chladni - samt deren beigefügten gehörigen Spielern! - Wie könnten diese nicht damit sich schlagen und jeden! Wie könnte nicht gehämmert, gestaucht, gesägt, gepaukt werden, mein bester stiller Pauker!' - Jetzt hatte die Prügel-Partie ihre Blüte erreicht. Mehrere Stadtmusikanten und der Bratschist faßten, weil sie friedlich dachten, Notenpulte an und hielten sie umgekehrt vor, um sich bloß zu decken, eh' sie damit rannten - ein Trompeter sprang mit dem Instrument auf eine Fensterbrüstung und stieß und blies außer sich darein und in die Kriegsflamme und schmetterte, herunterspringend, fort, als ein Kerl ihn an der Quaste niederzog - Paukenschlägel flogen auf Kopf- und andere Häute - ein Welscher band, weil der Bogen entzwei war, einem deutschen Spielmann die Roßhaare von hinten wie eine Vogelschneuß um den Kehlkopf - der Fagottist und der Hoboist hatten einander an den linken Händen, so daß sie tanzend in dieser bequemen, wie verabredeten Richtung jeder des andern Rückgrat und Mark darin vor sich sahen und sich gegenseitig, wie Lauten, mit ihren Instrumenten, wie mit Fächern, schlagen konnten, die sonst bliesen - In die härtesten Köpfe wurde mehr Feuer hineingeschlagen als heraus - Wer einen Kamm und einen Delta-Muskel besaß, ließ beide schwellen, ohne nähere Rücksicht auf Religion - Es kam eine beträchtliche Vereinigung des Organischen und Mechanischen zustande, Rückenwirbel und Geigenwirbel verknüpften sich, so Geigen- und sonstige Hälse, die Kunstwörter Vor- und Nachschlag, Dreimal gestrichen, Hämmerwerk, Kalkant bekamen lebendige organische Beziehung, die ohne dieses sonst als flaches Wortspiel gänzlich zu verwerfen wäre - jede Hand wollte der Geigen-Frosch sein, der fremde Haare zu Tönen anziehet und spannt - - Ich wünschte nicht, daß du lachtest; denn ganz furiös fuhr der ernstere Kapellmeister aus Neapel umher und herum - rief santo Gennaro - schrie fragend, ob das sein Wiegenfest sei oder ordentliche Ordnung - bewaffnete sich, weil man ihm nichts darauf versetzte, obwohl jedem etwas, mit einer Armgeige links, mit einem Waldhorn rechts - setzte und stauchte das Horn mit der weiten Öffnung siegenden Köpfen wie einen Stechhelm mit Feder-Bogen auf, doch so, daß er halb stieß - schlug aber fort mit der Armgeige nach Knie- und allen Scheiben, die er traf. Das mußte zuletzt den Klavizembalisten, den Stadttertius, ein Männlein, das sich selber nicht einmal an die Knie geht, geschweige längern Personen, dermaßen außer Fassung setzen, Bruder, da der Mann auf Sitten drang, aber auf mildere, daß er halb des Teufels hinter seinem Flügel mit einem Streit- und Stimmhammer auf- und niederlief und jeden verfluchte und Welsch- und Deutschland abkanzelte ganz frei. 'Was, Ihr dummer Teufel, Ihr Dampfhans, Ihr Schwengelgalgen!' rief der Kapellmeister, 'habt Ihr Euch dazu besoffen bei mir?' und wollte dem Tertius das Waldhorn aufsetzen, weil er geringen Unterschied darin fand, ob er ihn damit anblies wie einen jagdgerechten Hirsch oder damit halb erstieß; aber mit Stimm- und Gesetzes-Hammer in den Händen behauptete der Tertius den rechten Flügel des Flügels, und der welsche Napler mußte diesen erobern als einen Brückenkopf. - - 'Was bedeutet denn auf einmal das Lachen im Saal?' sagte der Pauker zu mir. 'Herr' versetzt' ich im Taumel, 'der Kapellmeister hat den kleinen Tertius unter dem Flügel beim Flügel erwischt und vorgezogen und hängt ihn jetzt, wie ein Paar Lederhosen, die ein Berliner trocknet, an den Beinen in die Luft.' - 'Was Donner, Herr,' sagte zu meinem Schrecken der Pauker, 'Sie sehen ja alles.' - 'Eben diesen Augenblick', versetzt' ich, räumte aber eiligst das Schlag- und Schlachtfeld, um nicht selber darauf angestellt zu werden. -- Und so hab' ich denn ganz unerwartet mein voriges Gesicht, obwohl noch ein äußerst kurzes, für Stadt und Land wieder erhalten durch galvanische Schläge von weitem. Aber, mein Wältlein, eine so köstliche Nuntiaturstreitigkeit enharmonischer Konkordaten bedenk'! Ist es nicht, als habe einer meiner besten Genien uns die Schlägerei als eine fertige Mauer mit Freskobildern für unsern Hoppelpoppel oder das Herz absichtlich so vor die Nase hingeschoben, daß wir unser romantisches Odeon nur darauf hinzumauern brauchen, bis sich die Mauer gerade da einfügt, wo es krumm läuft, Bruder?« »Wenn alle Personalitäten dabei auszutilgen sind,« - versetzte Walt - »gut! Froher ists auch zu lesen als zu sehen. Gottlob, daß du nur siehst! - Ach, was haben wir heute nicht zu reden, was gewiß in keinen Roman gehört und kommt!« »Nicht?« sagte Vult. »Darüber ließe sich noch reden, Walt.« * Meusels neue Miszell. art. Inhalts. 10. Stück. (Zurück) Nro. 27: Spathdrüse von Schneeberg Gespräch Walt kam am ersten aus dem Lachen zu sich und zur ernsten Frage, wie Vult vor der Stadt seine Augen-Rolle jetzt hinausspiele. »Ich habe«, sagte Vult, »schon einigen Schimmer, dann bessert sichs zusehends, zuletzt komm' ich mit einer großen Kurzsichtigkeit davon.« Der Notar bezeugte, wie er sich auf eine leichtere Zukunft freue, worin sich das Leben wie eine bunte Blume weit auftun würde. Er übergoß den Virtuosen, in der Hoffnung, ihn zu überraschen, mit einem Frühlings-Regen von wohlriechenden Wassern des Lobs auf die Flöte. Allein fahrende Ton-Meister, die man stets laut beklatscht, und nur hinter ihrem Rücken auspfeift, sind fast noch eitler als Schauspieler, welche doch zuweilen eine gute Monatsschrift kneipt und ärgert. »Ich darf mich« - versetzte Vult - »wohl, ohne die Bescheidenheit zu verletzen, einiger Bescheidenheit rühmen. Aber wie hörtest du? Voraus und zurück, oder nur so vor dich hin? Das Volk hört wie das Vieh nur Gegenwart, nicht die beiden Polar-Zeiten, nur musikalische Sylben, keine Syntax. Ein guter Hörer des Worts prägt sich den Vordersatz eines musikalischen Perioden ein, um den Nachsatz schön zu fassen.« Der Notar erklärte sich darüber ganz vergnügt; er teilte dem Flautisten die gewaltige Verstärkung des Eindrucks mit, die er selber der Flöte durch die Szenen-Träume, durch die Mädchen und durch Wina zugeschickt, ohne zu erraten, daß Vultens ganzes Gesicht an diesem Lorbeer verzogen käue, weil er den Unmut seinem mangelhaften Streckvers zuschrieb, worin der Virtuose las. Dieser hatte das Gedicht in der Hoffnung aufgenommen, es lobe keine andern Schönheiten als musikalische. »Es ist«, sagte der Notar stockend, »an die Braut des Grafen; ich bin auch nicht zufrieden mit manchem harten Fuß darin, ich meine den Ditrochäus (^-^-), den dritten Päon (^^-^) und den Jonikus mit dem langen Anfang (--^^); aber im Feuer wird man leicht hart.« »Wie Prügel z.B. und Eier«, sagte Vult. »Aber, o Gott, wie hören deine Menschen! Sollte man nicht lieber seine Flöte zum Blasrohr oder zur Kinder-Klystiersprütze ansetzen oder zu Hobelspänen für einen Sarg verschneiden, wenn man so die gräßliche Bespritzung des einzigen Himmlischen erfährt, das noch über die Lebens-Spießbürgerei oben vorüberfliegt? - Ich ziele nicht auf dich, Notar; aber du bringst mich darauf. Denn wie besonders Musik entheiligt wird - obgleich jede Kunst überhaupt -, das höre! Tafelmusik lass' ich noch gelten, weil sie so schlecht ist wie Tafelpredigten, die man in Klöstern ins Käuen hinein hält; von verfluchten, verruchten Hofkonzerten, wo der heilige Ton wie ein Billardsack am Spieltische zum Spielen spielen und klingeln muß, red' ich gar nicht vor Grimm, da ein Ball in einem Bilderkabinet nicht toller wäre; aber das ist Jammer, daß ich in Konzertsälen, wo doch jeder bezahlt, mit solchem Rechte erwarte, er werde für sein Geld etwas empfinden wollen; allein ganz umsonst. Sondern damit das Klingen aufhöre ein paarmal und endlich ganz, - deswegen geht der Narr hinein. Hebt noch etwas den Spießbürger empor am Ohr, so ists zwei-, höchstens dreierlei: 1) wenn aus einem halbtoten Pianissimo plötzlich ein Fortissimo wie ein Rebhuhn aufknattert, 2) wenn einer, besonders mit dem Geigenbogen, auf dem höchsten Seile der höchsten Töne lange tanzt und rutscht und nun kopf-unter in die tiefsten herunterklatscht, 3) wenn gar beides vorfällt. In solchen Punkten ist der Bürger seiner nicht mehr mächtig, sondern schwitzt vor Lob. Freilich bleiben Herzen übrig, Walt, die delikater fühlen und eigennütziger. Ich habe aber Stunden, wo ich aufbrausen kann gegen ein Paar verliebte Bälge, die, wenn sie etwas Hohes in der Poesie oder Musik oder Natur vorbekommen, sofort glauben, das sei ihnen so recht auf den Leib gemacht, an ihren flüchtigen Erbärmlichkeiten, die ihnen selber nach einem Jahr bei noch größerer als solche erscheinen, habe der Künstler sein Maß genommen und komme mit dem gestickten Krönungsmantel und Isisschleier auf dem Ärmel zurück, für die Kunden. Ein Associé von Neupeter sieht bei solcher Gelegenheit nachts gen Himmel an die Milchstraße und sagt zur Kauffrau: 'Edle, so empfange jenen Kreis als einen schlechten Ring von mir zum Zeichen und Braut-Gürtel unseres himmlischen Bunds.'« »Ei, Bruder,« sagte Walt, »du bist so hart: was kann denn ein Mensch für eine Empfindung oder gegen sie, es sei in der Kunst oder großen Natur? - Und wo wohnen denn beide, so groß sie auch sind, als nur in einzelnen Menschen? - Wohl mag er sie sich daher zueignen, als wären sie für ihn allein. Die Sonne geht vor Schlachtfeldern voll Helden - vor dem Garten der Brautleute - vor dem Bette eines Sterbenden zugleich auf, ja in derselben Minute vor andern unter; und doch darf jeder nach ihr sehen und sie an sich heranziehen, als beleuchte sie seine Bühne nur allein und stimme ein in sein Leid oder in seine Lust; und ich möchte sagen, gerade so wie man Gott so anruft als den seinigen, indes doch ein Weltall vor ihm betet. Ach sonst wär' es ja schlimm, wir sind ja alle einzelne.« »Gut, so nehmt die Sonne hin,« sagte Vult, »aber nur der Paradiesesfluß der Kunst treib' eure Mühlen nicht. Darfst du Tränen und Stimmungen in die Musik einmengen: so ist sie nur die Dienerin derselben, nicht ihre Schöpferin. Eine elende Pfeiferei, die dich am Todestage eines geliebten Menschen aus den Angeln höbe, wäre dann eine gute. Und was wäre das für ein Kunst-Eindruck, der wie die Nesselsucht sogleich verschwindet, sobald man in die kalte Luft wieder kommt? Die Musik ist unter allen Künsten die rein-menschlichste, die allgemeinste.« -- »Desto mehr Besonderes geht hinein«, versetzte Walt; »irgendeine Stimmung muß man doch mitbringen; warum nicht die günstigste, die weichste, da das Herz ja ihr wahrer Sangboden ist? - Aber deine Lehre will ich nicht vergessen, nämlich voraus- und zurückzuhören.« »Wie gings dir sonst?« fragte Vult mürrisch. »Denn ich bleibe dabei, Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt, ist so eine Mischung wie an manchen Deckengemälden, in welche der Perspektive wegen noch wirkliche Gyps-Figuren geklebet sind. Erzähle!« Walt - der Vults Murrsinn bloß seiner unkünstlerischen Hörkunst zuschrieb und über welchen ohnehin die Liebe ihren Traghimmel hielt - erzählte sanft und gern, wie eifrig er bisher den Grafen gesucht, wie er ihm bei Neupeter, dessen Diner er beschrieb, gegenüber gesessen, mit ihm gesprochen und an ihm gefunden, daß er durch die stolze Gewandtheit seines Geistes und durch den philosophischen Schwung über enge Blicke und Winke dem Flötenspieler so ungemein ähnlich sei. »Du liebst Doubletten, doch wahrlich hier sind keine, Freund; aber nur weiter!« versetzte Vult, dem, wie Frauen, kein Lob der Ähnlichkeit gefiel. Darauf zeigt' er Winas Brief-Umschlag her als Einlaßkarte in Klothars Zimmer und Ohr. »Ja, ja, ganz natürlich - überhaupt« (fing Vult an) - »aber nenne nur ins Henkers Namen nicht Spieß- und Pfahlbürgerinnen wie die Demoiselles Neupeter Damen; in großen Städten, an Höfen gibts Damen, aber in Haßlau nicht. Dein höllisches Preisen! Ich will gehangen sein, sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den Verstand ab als fünfen, den fünf törichten im neuen Testamente. - Und was hältst du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen, der fünf klugen, der Rosenmädchen, der Wickel- und Freifrauen und der ersten Sängerinnen? Aber ich weiß es schon.« »Nun, ich scheue mich nicht,« - versetzte der Notar - »wenigstens dir, meinem leiblichen Bruder, zu bekennen, daß ich bis diese Stunde keinen Begriff habe, daß ein vornehm gekleidetes schönes Frauenzimmer sich sündlich vergessen könne; etwas anders ist eine Bäuerin. Gott weiß, wie heilig und zart alle insgeheim sind; wer wills wissen? Aber mein Blut, das weiß ich, könnt' ich für jede hingeben.« Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und nieder, schnappte mit beiden Händen wie mit Schnappweifen, nickte mit dem Kopfe und wiederholte: »Vornehm gekleidetes!« - Es wäre zu wünschen, daß die Leserinnen sein anstößiges Erstaunen, wenn nicht rechtfertigen, doch entschuldigen wollten mit den Verhältnissen, worein er auf seinen großen Reisen geraten mußte, da es, wie schon gemeldet worden, wenig größere Städte und höhere Stände gab, denen er nicht blies als anerkannter Flötenmeister. Das bessert seinen Handel um vieles. Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt: »Rede wenigstens!« sagt' er, »denn dies widerlegt mich nicht.« - Aber Vult versetzte mit dem gleichgültigsten Tone von der Welt: »De gustibus non und so weiter. Von etwas Schönerem! Äußertest du nicht vorhin etwas, als ob beide Demoiselles Neupeter sich in der Tat für häßlich ansähen, und zeigtest ein Mitleid?« - »Desto besser,« sagte Walt, »wenn sie sich schöner finden. Bei allen Mädchen entschuldige ich das, weil sie sich nur im Spiegel sehen, mithin, wie du aus der Katoptrik wohl weißt, gerade in einer noch einmal so großen Ferne als der Fremde sie; jede Ferne aber, auch die optische, macht schöner.« »So scheints«, sagte Vult erstaunt. »Spaßeshalber will ich dir doch nur die drei Weiber, soweit ich sie im Klatschrosen-Tal kennen lernen, aufstellen. Die alte Engelberta - nein, das ist die Tochter - die Mutter also, mag noch hingehen; ihr Herz ist ein ausgesessener Großvaterstuhl, und übrigens hat sie von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt, sondern auch die Perlen. Freilich, wäre der Agent weniger bemittelt, so würde sie wohl, als Widerspiel der Österreicher Infanterie, die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotsäcke machen muß*, seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden. -- Engelberta, nun sie scherzt zuweilen - viele nennens Verleumden - wie Festungen bei schlimmem Wetter, so tut sie immer Ausfälle, wiewohl man sie nicht eben belagert - wehrt sich, wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde, und ich könnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen, worein sie sich eingebissen. - Raphaela - sie empfinde, sagst du; aber doch nicht mehr als mein Fingernagel oder meine Ferse? frag' ich. Freilich will sie, ich bekenne es, an der Angelschnur ihres sentimentalischen Haar- und Liebesseiles und an der biegsamen Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hübschen Walfisch von Gewicht aus dem Meere heben, was andere einen Ehemann nennen. An ihrem Ufer, zu ihren Füßen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte, der gern lebte und sich gern als ein Goldfischchen in einem Gehäuse auf einer Tafel stehen sähe, Semmelkrumen aus schönsten Händen fressend. Die andern - Aber was solls? An der ganzen Tafel dauert mich nichts als der südliche - Wein. Es ist Sünde, wenn ihn jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz. Es ist Sünde gegen den heiligen Geist des Weins, wenn er Fracht-Mägen gemeiner Menschen durchziehen muß.« »O Gott,« sagte Walt, »wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine Menschen, aber so erzürnt dabei, als habe sich das Gemeine freiwillig von einer Höhe herab begeben oder das Ungemeine zu einer hinauf, indes du doch milder von Tieren und Feuerländern sprichst!« »Warum? - Mich erbittert die Zeit, das Leben, der Satan. Überhaupt - aber was hilfts? - Grüße den Grafen von mir herzlich morgen. Von den ehrlichen sieben Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen, ganz gegen meine Meinung weniger als gegen deine. Inzwischen Addio!« sagte Vult, schied hastig, über den geringen Erfolg verdrüßlich, womit er mit seiner Welt und Kraft den unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot. Walt sagte mit zärtlichster Stimme gute Nacht, aber ohne Umarmung, und er sah ihn nur mit Lieb' und Trauer an. Er warf sich vor, daß er durch seine Urteile den künstlerischen Bruder so wenig belohnet, und daß er diesem die - Beete verloren habe. »Wenigstens aber hab' ich ihm doch«, sagt' er, »die Tafelschmähungen gegen ihn** verschwiegen.« Er hielt es nur für erlaubt, ein Lob hinter dem Rücken, nicht einen Tadel hinter dem Rücken dem Gegenstande mitzuteilen. * Gesetzbuch für die kais. k. Armee. 1785. S. 248. (Zurück) ** An Neupeters Tische, wo er ihn kurz und stark verteidiget hatte. Nro. 28: Seehase Neue Verhältnisse Am Morgen eilte der Notar mit Winas Brief zum Grafen, übergab aber nichts, weil vergoldete Wagen und Bediente an der Türe und deren Herren im Besuchszimmer standen; was hätte ich davon? fragt' er sich. »Ich komme wieder, wenn niemand darin ist«, sagt' er zum Bedienten, dem das wie eine Diebs-Erklärung klang. Im Speisehause fand er auf dem Tischtuche das Wochenblatt und Klothars gedruckte Bitte darin, ein redlicher Finder soll' ihm seinen Brief wieder zustellen. Am Tische hört' er, daß der General Zablocki seinen Koch ein Dienstjubiläum feiern lasse. Der Komödiant leitete die Feier aus dem Herzen des Generals, ein Offizier aus dessen Gaumen und Magen her; »der Jubelkoch«, fügt' er bei, »ist ihm so nahe wie eine Kompagnie oder sein Schwiegersohn«. Walt lief wieder in die Villa des Grafen hinaus - Dieser aß eben bei dem General. Zu erklären ist allerdings einer der keckesten Gedanken - die je Walten Sporen und Flügel angesetzt -, welcher ihm unter Klothars Gartentüre anflog, sobald man erwägt, daß er das Sonntags-Konzert noch im Kopfe haben mußte und im Herzen ohnehin. Daher ist es wohl nur ein Nebenumstand dabei - aber er trug mit bei -, daß der General der halbe Besitzer von Elterlein war und Gottwalt ein Linker. Gleichwohl wollt' er anfangs sich erst mit seinem Bruder beraten, ob er angehe, der Gang; ließ es aber unterwegs, um ihn, hofft' er, abends mehr mit der Nachricht zu fassen und aufzurütteln, daß er ganz kühn beim polnischen General gewesen, um Winas Brief an dessen Schwiegersohn auszuliefern. Sehr spät brach er dahin damit auf, um nicht ins Essen zu fallen. Auch sollte jeder Mensch gegen Abend - nämlich nie gegen Morgen, wo der Geist noch den Körper und das Gestern verdauet - mit Gesuchen und sich zu Großen kommen, welche er vielleicht alsdann halb betrunken und halb-menschlich, es sei vom Mittags-Essen oder Mittags-Trinken, zu finden hoffen darf. Auf dem Wege dahin wallete Gottwalts Herz wie ein angewehtes Blumenbeet bei dem Gedanken auf, daß er dem Hause zugehe, worin Wina so lange als Kind und Jungfrau gelebt. Auf der letzten Gasse mußt' er mit dem Plane der Übergabe ins Reine kommen. »Anders«, sagt er sich, »kanns doch nicht gehörig delikat ausfallen, als wenn ichs so mache, daß ich mich beim General - denn der Graf ist doch nur der Gast - ordentlich melden lasse, mich dann entschuldige und sage, daß ich dem Herrn Grafen etwas in einem Seiten-Zimmer zu übergeben habe, dieser und seine Braut mögen nun dabeistehen oder nicht; und dabei seh' ich doch auch einmal einen General, ja einen polnischen.« Sehr sucht' er sich unterwegs keine andere Freude vorzuhalten als die, einen General zu hören. Drei Viertel-Stunden hatt' er einmal in Leipzig am Hotel de Bavière gelauert, um einen Ambassadeur einsteigen zu sehen. Denselben Durst hatte sein Herz nach dem Anblick eines preußischen Ministers. Dieses Triumvirat war ihm der Dreizack der Gewalt, der Feinheit und des Verstandes; feinere Tournüren, als die sind, womit dieser Staats-Trident guten Morgen, guten Abend und alles sagen werde (indes ohne Blumen), konnt' er nicht wohl für möglich halten, weil er glaubte, sie denen gleichsetzen zu können, womit Louis XIV und Versailles auf die Nachwelt kamen. Nur drei Personen, gleichsam Curiatier, stellt' er diesen drei Horatiern entgegen und sogar voraus - deren Gemahlinnen; oft ließ er besonders eine Ambassadrice durch seinen Kopf gehen, welche es war, eine russische, dänische, französische, englische etc. - »Bei Gott,« sagt' er, »sie ist ganz Göttin sowohl in Betreff der zartesten Ausbildung und Tugend als des feinsten Teints, Gesichts und Anzugs; - aber warum hab' ich armer Teufel noch keine Ambassadrice zu Gesicht bekommen?« Endlich stand er vor dem Zablockischen Palast. - Die Auffahrt und das Ketten-Gehenke an Pfeilern waren neue Siebenmeilenstiefel für seine Phantasie; er freute sich auf die Nacht, wo er diese gespannte bange Stunde auf dem Kopfkissen frei und ruhig beschauen und behandeln werde. Er trat in den Palast, er sah rechts und links breite Treppen mit Eisengeländern - große Flügeltüren - sogar einen rennenden Mohr mit weißem Turban - geputzte Menschen gingen herab, heraus, hinein - Türen wurden oben auf- und zugemacht - Treppen berennt. Schwer wars für einen Notar, sich einen Menschen auf der Hausflur auszusuchen, dem die Bitte vorzutragen war, daß er zum General wolle. Eine Viertelstunde stand er, hoffend, einer der Leute wende sich an ihn und frag' ihn und entwickle dann alles, - aber man lief vorüber. Zuletzt spazierte er frei in der Hausflur auf und nieder - einmal eine halbe Treppe hinan - hielt sich die größten Männer aus der Weltgeschichte vor, um einen lebendigen besser zu handhaben - und bracht' es endlich zu einer Frage nach dem General an ein Mädchen. Sie wies ihn an den Portier. Der Himmel hat öfter eine Vorhölle als einen Vorhimmel - tröstet' er sich - vielleicht die ganze gelehrte Vorwelt hat schon auf ähnlichen Palast-Fluren geschwitzt. Eine Himmelstüre tat sich ihm auf; heraus trat ein ältlicher gepuderter verdrüßlicher Mann, der ein breites Gehänge über dem Leib und einen Stock mit einem schweren Silber-Giebel trug. Walt, ganz unvermögend, das lederne Bandelier für etwas anders zu halten als für ein Ordensband und den Portier-Stab für einen Kommando- und Generalstab und den Portier für den General, machte ohne viele Umstände einige Verbeugungen und näherte sich dem Türsteher höflich murmelnd. »Das hilft alles nichts« - sagte der Portier - »gegenwärtig schlafen Exzellenz, man muß sich gedulden.« - - Aber niemand braucht aus Walts Verwechslung viel zu machen, wenn man so viel von der Welt gesehen, daß - keine möglich ist, - sondern daß jeder vornehme Inhaber eines Türhüters selber wieder einer ist, nur an einer höhern Türe, entweder an einer kaiserlichen, königlichen, fürstlichen Gnaden- oder an einer Falltüre, entweder als Klopfer, der das Hereinwollen, oder als Klingel, die das Hereinkommen ansagt, und jeder wie Janus als Schwellen-Gott ein anderes Gesicht gegen die Gasse kehrend, ein anderes gegen das Haus. - Sind manche gute Gemüter nur Portiers an blinden Toren: so stecken sie doch ihren Sperrgroschen von Proselyten des Tors so gut ein wie die schlimmsten, die wenigstens den Janustempel wie eine öffentliche Bibliothek gern öffnen. Sehr rot trat der Notar in das lustige Domestikenzimmer, das Geiselgewölbe eines dürftigen Gelehrten. Bediente sind parasitische Menschen an Menschen, Dörfer, wo auf den Briefen die nächste Poststation angezeigt werden muß. Doch die Zablockischen waren gut gelaunt und schön-betrunken vom Küchen-Jubel; - Walt saß unbeunruhigt da. »Wo ist der Bonsoir, Freund?« fragte ein eintretender Lakai. Walt glaubte sich gemeint und den Abendgruß vermisset, nicht aber den Licht-Töter; er versetzte frisch: »Bon soir, mon cher!« In der Tat kam es endlich dahin, daß ein Bedienter vor ihm vorausging und er hintendrein, durch Vorsäle voll langer Kniestücke - über glatte Zimmer weg - und endlich vor ein Kabinet, das der Bediente zwar auf-, aber erst zumachte, da er hinein war, bevor ers ihm auftat. Der General, ein stattlicher, männlich-schöner, stark genährter, lächelnder Mann, fragt' ihn mit freundlicher Miene und Stimme, was Monsieur Harnisch wünsche. »Exzellenz, ich wünsche« - fing er an und hielt die Wiederholung des Zeitworts für Welt - »dem Herrn Grafen von Klothar einen verlornen Brief zu übergeben, da ich ihn hier zu finden hoffe.« - »Wen?« fragte Zablocki. »Den Herrn Grafen von Klothar«, versetzte Walt. »Wollen Sie mir den Brief vertrauen, so kann ich ihn sogleich übergeben«, sagte Zablocki. Der Notar hatte sich viel schönere Entwicklungen versprochen; jetzt lief alles fast auf nichts hinaus; dem Vater mußt' er den Brief der Tochter abstehen und lassen. Er tats, da der Umschlag entsiegelt war, mit den feinen Worten, »er bring' ihn so offen, als er ihn gefunden«. Er wollte damit vielerlei leise andeuten - seine eigene Rechtschaffenheit, ihn nicht gelesen zu haben, sein Erwarten der Nachahmung und noch allerhand Gefühle. Der General steckte ihn, nach einem leichten Entzifferungsblick auf die Überschrift, gleichgültig ein und sagte, er habe soviel Schönes über seine Flöte gehört, er wünsche sie selber einmal zu hören. - Große sind ebenso vergeßlich als neugierig; doch konnt' es Zablocki auch tun, um reden zu hören. Walten wars angenehm, zu berichtigen. »Ich wünschte,« - sagt' er fein - »ich würde nicht verwechselt, oder vielmehr,« (fügt' er bei, da ihm das gerade einen zweiten, ganz entgegengesetzten Sinn geben wollte) »ich könnt' es werden.« - »Ich verstehe Sie nicht«, sagte der General. Walt entdeckte ihm kurz, er sei aus dessen elterleinischem Territorium gebürtig, und sein Vater sei der Schulz. Jetzt glaubte er an Zablocki den wahren menschenliebenden Menschen-Dulder ganz zu erkennen, als dieser sich des Schulzen, der so oft als ein Mauerbock sich an dessen Gerichtsstube die Hörner abgestoßen, vielmehr mit den freundlichsten Mienen und sogar der Van der Kabelschen Erbschaft entsann, ja teilnehmend eine genauere Geschichte derselben zu hören begehrte. Die lieferte Walt gern, nett und heiß; indes halb schwindelte er vor Freude, wenn er von der Höhe und Spitze in die Dörfer hinuntersah, auf der er neben einem Großen stand und ihn so lange anreden und sich gut ausdrücken durfte. Mit Freuden hätt' er für ein so menschenliebendes Herz, das er nie im Verband eines Ordensbandes gesucht hatte, einen Zacken oder Stein aus der polnischen Krone ausgebrochen, oder diese für den schönen Kopf zugeschmolzen, um durch ein Präsent damit erkenntlich zu sein. In etwas drückt' er seine Liebe - weil er nichts Näheres hatte, die Blicke ausgenommen - streichelnd auf dem Kopfe eines Wind-Hunds aus, der sich hochbeinig an seine Schenkel anpreßte. »Haben Sie eine französische Hand?« fragte der General auf einmal und schob ihm ein Papier vor zu einem Probeschuß. Walt sagte: »er verstehe es leichter zu schreiben, in mehr als einem Sinn, als zu sprechen und verdank' es seinem Lehrer.« Allein, welchem Worte er unter so vielen Tausenden, die Gallien hat, das Schnupftuch zuwerfen sollte, das wußt' er schwer, da das Wort doch etwas vorstellen sollte. - »Was Sie wollen«, sagte endlich Zablocki. Er sann aber fort. »Das Vater Unser«, sagte jener. In der Geschwindigkeit konnt' ers unmöglich übersetzen. »Vorzüglich«, fuhr der General fort, als jener noch nachdachte, »würd' ich auf rein französische Endbuchstaben sehen, dergleichen, wie Sie wissen, s, x, r, t, p sind.« Walt verstand die französische Benennung dieser Lettern nicht recht, aber sehr wohl das französische Camnephez*; Schomaker, der jahrelang keinen gallischen Dialog und Brief zu machen hatte - erstlich weil dazu stets eine zweite Person gehört, zweitens weil auch eine erste erforderlich ist, er aber gar nichts davon verstand -, dieser Kandidat hatte ächt-französische Handschrift und Aussprache vermittelst dergleichen Kaufmannsbriefe und Reisediener zu einer so außerordentlichen Höhe hinauf getrieben wie vielleicht, außer Hermes und einem zweiten Romancier, kein Autor von Gewicht ohne Stand. Und Walt hatte beides bei ihm erlernt. »O vortrefflich!« - sagte der General, als endlich jener Winas französische Adresse an Klothar probierend hinschrieb - »Recht gut ja! - Nun hab' ich ein ziemliches Paquet französischer Briefe über einen Gegenstand auf meinen Reisen gesammlet - von verschiedenen alten und neuen Personen -, welche ich sehr gern in ein Buch abgeschrieben sähe, da sie sonst leicht sich versprengen. Wenn Sie denn täglich an dem Buche - mémoires érotiques mag es heißen - eine Stunde - hier in meinem Hause - schrieben....« »Exzellenz« - stotterte Walt mit blitzenden rednerischen Augen - »wenn über den zärtesten Gegenstand kein Ja zart genug sein kann« -- »Gehts nicht?« fragte der General. - »O am besten«, versetzte jener, »und jede Minute.« - »Ich werde«, sagte Zablocki, »die Briefe zusammensuchen und Ihnen die Kopier-Stunde nächstens bestimmen lassen.« Darauf machte Zablocki den vornehmen Entlassungs-Bückling, Walt macht' ihn leicht zurück und harrte lange auf weitern Verfolg, bis er endlich - da der General sich umstellte und durchs Fenster guckte - den Abschied, dessen Schnelle er schwer mit dem warmen Gespräche paaren konnte, herausbrachte durch Überlegung. Jetzt mußt' er etwas suchen, was ebenso schwer zu finden war als vorhin der Eingang, nämlich der Ausgang am glatten Kabinet. Keiner wollte vorstechen. Leise überstrich er mit den Händen die fugenlosen Wandtapeten, weil er sich schämte, zu fragen, wie er hereingekommen. Über drei Wände glitt er mit dem Bügel der Hand, bis er endlich in eine Ecke auf ein goldenes Kreuz einer Türe griff. Er dreht' es mit Vergnügen um, und es tat sich ein Wandschrank auf, worin Winas himmelblaues Konzert-Kleid lang und nahe niederhing. Staunend guckte er hinein und wollte noch lange davor erstaunen, als sich der General, der das Handstreicheln und Glätten vernommen, endlich umdrehte und ihn vor dem Schranke mit dem Schauen halten sah; »ich wollte hinaus«, sagt' er. »Das geht hier«, sagte Zablocki und öffnete eine Türe, wo das wirklich zu machen war. Das Schicksal mag ihm absichtlich die kleine Schamröte auf seinen Sieges-Weg mitgegeben haben, um damit einigermaßen das Bewußtsein zu dämpfen, womit er, so mit Ehrenmedaillen und Bassas-Roßschweifen behangen, so mutig durch Zimmer und Haus marschierte, daß er sich auf der Straße mit einigen maß, die, wie er, zu Fuße kamen von Hof. Indes hatte er alle Welt lieb und verbarg sich am wenigsten, wie mancher dahingehe, der ohne Schuld solche Erhebungen nie erlebe. Daraus messe die Welt ab, wie vollends ein dürftiger Lieutenant, der Sonntags seine seidenen Beine unter der Hoftafel gehabt, um 41/4 Uhr, mit dem Kurial-Krätzer und der Champagner-Folie im Kopfe, nach Hause gehen mag, mit welchem Selbst-Bewußtsein, meint man; Julius Cäsar selber kann dem Ortshalter aufstoßen, und dieser wird bloß fragen: »Jul, aber woher kömmst denn du, wüste Fliege?« Mit größter Sehnsucht, vor allen Dingen auf Vults Tisch einige schwache Zeichnungen der heutigen Krönungsstadt und Ehrenpforte zu legen, klopfte Walt an dessen Türe; sie war zu und mit Kreide stand daran: »Hodie non legitur.« * Dieses Wort fasset die hebräischen Buchstaben in sich, die am Ende größer und anders geschrieben werden. (Zurück) Nro. 29: Grobspeisiger Bleiglanz Schenkung Nach einigen Tagen kam der Gärtner von Alcinous' Gärten - denn das war Walten Klothars Kutscher - und lud ihn in die Villa ein. Der Notar hatte kaum in größter Eile ein ganzes Philadelphia der Freundschaft auf einer Freundschaftsinsel gebauet und ein Sortiment Lorenzosdosen gedreht - weil er die Einladung für einen Lohn der Brief-Gabe nahm -, als der Eden-Gärtner die Treppe wieder heraufkam und durch die Tür-Spalte nachholte- »er solle was zum Verpetschieren einstecken, es wären Notarius-Händel.« Indes wars in jedem Falle etwas. Er traf als Notarius im reichen Landhaus Klothars zugleich mit dem Fiskal Knoll ein. Aber als er die vergoldeten Quartanten, die vergoldeten Wandleisten und das ganze Wohnzimmer des Luxus übersah: so rückte die eigne Wohnung den Grafen weiter von ihm weg als die fremden bisher. Klothar fuhr, ohne aus beiden Ankömmlingen viel zu machen, im Streite mit dem Kirchenrat Glanz und dessen flachen Tolerieren so fort: »Der Wille arbeitet den Meinungen mehr vor als die Meinungen dem Willen; man gebe mir eines Menschen Leben, so weiß ich sein System dazu. Glaubens-Duldung schlösse auch Handelns-Duldung in sich ein. Ganz tolerant ist daher niemand, Sie sind es z.B. nicht gegen Intoleranz.« Glanz gab Recht, bloß weil sein Ich beschrieben wurde. Aber der Notar stellte - weil er ohnehin müßig stehen mußte - den Einwand auf: »Ganz intolerant ist auch kein Mensch, kleine Irrtümer vergibt jeder, ohne es zu wissen. Aber freilich sieht der Eingeschränkte, gleichsam im Tal Wohnende nur einen Weg; wer auf dem Berge steht, sieht alle Wege.« »Ins Zentrum gibts nur einen Weg, aus dem Zentrum unzählige«, sagte der Graf zu Glanz. »Wollen Sie indessen sich an meinen Sekretär setzen, Herr Notar, und den gewöhnlichen Eingang zu einem Schenkungs-Instrument für Fräulein Wina von Zablocki in meinem Namen machen? Ich heiße Graf Jonathan von Klothar.« Die Namen Jonathan und Wina zitterten dem Notar wie Apfelblüten auf die Brust herab. Er setzte sich und schrieb voll Lust: »Kund und zu wissen sei jedermann durch diesen offenen Brief, daß ich Graf Jonathan von Klothar heute den« -- Walt fragte den Juristen um den wie vielsten; »der 16.«, sagte dieser. Höflich nahm er keinen neuen Bogen, sondern schabte am Schreibfehler des alten lange. Unter dem Schaben konnt' er auf des magern haarigen Knolls Vorlesung über Ehekontrakte hinhören, neben welchem der schöne Graf ihm wie der edle Hugo Blair in der Jugend, dessen Geist-erhebende Predigten seine Flügel und seine Himmel zugleich gewesen, vorkam. Ein Kontrakt zwischen Wina und Jonathan - ein eigensüchtiges do ut des - war ihm eine widrige widersprechende Idee, da man wohl mit dem Teufel einen Pakt macht, aber nicht mit Gott. Er benutzte das Wegschaben des Datums als eine freie Sekunde und sagte (ebenso keck, wenn ihm etwas Rechtes einfiel, als blöd' im andern Falle): »Ob ich gleich ein Jurist bin, Herr Fiskal, und ein Notar, so bedauer' ich bei jedem Ehe-Kontrakt, den ich machen muß, daß die Liebe, das Heiligste, Reinste, Uneigennützigste, einen groben juristischen eigennützigen Körper annehmen muß, um ins Leben zu wirken, wie der Sonnenstrahl, der feinste, beweglichste Stoff, mit der heftigsten Bewegung nichts regen kann ohne Vermischung mit dem irdischen Dunstkreis.« Knoll hatte mit saurem Gesicht nur auf die Hälfte des Perioden gehört; der Graf aber mit einem gefälligen: »Ich lasse,« sagt' er, aber mit sanftester Stimme, »wie schon gesagt, keine Ehestiftung machen, sondern nur ein Schenkungs-Instrument.« Da trat ein Bedienter des Generals mit einem Briefe ein. Klothar schnitt ihn aus dem Siegel - ein zweiter, aber entsiegelter lag darin. Als er einige Zeilen im ersten gelesen, gab er dem Notar ein schwaches Zeichen einzuhalten. Den eingeschlossenen macht' er gar nicht auf; Walten kam er sehr wie der von ihm gefundne vor. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete Klothar den Boten; aber auch mit einer Bitte um Vergebung das Zeugenpaar und den Notarius: »er sei zweifelhaft,« sagt' er, »ob er jetzt fortfahren lasse; aber da ers sei, so lass' er lieber nicht.« - Einige Schatten von innern Wolken flogen über sein Gesicht. Walt sah zum erstenmale einen geliebten Menschen, noch dazu einen Mann, in verhehlter Bekümmernis - und die fremde besiegte wurd' in ihm eine siegende. Eigennützig wär' es jetzt, dacht' er, nur daran zu erinnern (wie er anfangs gewollt), daß er den Brief gefunden und gegeben; desgleichen wahrhaft grob, nur darnach zu fragen, ob der Schwiegervater solchen ausgehändigt. Beim Abschied wollte der Graf ihm etwas Härteres in die Hand drücken als seine eigne. »Nein, nein«, stotterte Walt. »Meine Verbindlichkeit«, sagte der Graf, »ist dieselbe, Freund.« - »Ich nehme nichts an als die Anrede! sagte Walt, wurd' aber wegen seines Ideen-Sprungs wenig verstanden. Klothar drang verwundert und halb beleidigt in ihn. »Aber meinen Bogen nähm' ich gern«, sagte Walt, weil es ihm so wohlgetan, darauf zu schreiben: Ich Jonathan von Klothar. - »Hr. Graf«, sagte Knoll, »der Bogen gehört wohl uns sieben Erben, schon wegen der Rasur«; und wollt' ihn nehmen. »Sie sei ja eingestanden, o Gott!« sagte Walt erzürnt und behauptete den Bogen - ein zorniger Tropfe und Blick entbrannt' in seinen blauen Augen - diesen zu entschuldigen, drückt' er eilig Klothars Hand und floh davon, um sich zu trösten und andern zu vergeben. »Ach«, dacht' er unterwegs, »wie weit ists von einem ähnlichen Herzen zum andern! Über welche Menschen, Kleider, Ordenssterne, Tage geht nicht der Weg! Jonathan! ich will dich lieben, ohne geliebt zu werden, wie ich deine Wina liebte; es ist mir vielleicht möglich; aber ich wünschte doch dein Porträt.« Nro. 30: Mißpickel aus Sachsen Gespräch über den Adel Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal. Er konnte dessen Verschwinden nicht fassen; die Sonnenfinsternis des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare. Bald hielt er ihn für ersoffen - bald für verreiset - bald für entlaufen - bald für beglückt durch ein seltenes Abenteuer. Er suchte den zweimal besiegelten Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombinieren und rechnete einige Hoffnung heraus. Immer macht' er die Betrachtung, wie wenig auch die besten Gewinn- und Verlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Rechenkammer, die uns verhangen ist, bestätigt werden! Welche freudige glänzende Bilder hatt' er sich nicht schon weit in seiner Zukunft hineingestellt, welche Bilder davon, wie er mit seinem Bruder in täglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen und Bekanntschaften leben und mit wenigen Freimäuerer-Zeichen der Verwandtschaft den Grafen in den feurigen Bund hineinziehen werde, indes aus allen nichts wurde als die gedachte Betrachtung! - Aber schon bei dem peloponnesischen Kriegs - und überhaupt in der Geschichte der Völker sowohl als seines Lebens - hatt' er zuerst bemerkt, daß in der Geschichte - was sie einem alles motivierenden Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht - so unendlich wenig Systematisches in Leid oder Freude vorfalle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errate; denn überall werden im historischen Bildersaal der Welt aus den größten Wolken kleine, aus den kleinsten große - um die größten Sterne des Lebens ziehen sich dunkle Höfe - und nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen. Die Botenfrau aus Elterlein brachte Walten folgendes Brief eben vom Bruder. »Morgen abends komm' ich, geh mir entgegen. Eben schneidet Deine Mutter einer Bettlerin Brot vor; denn ich bin in Elterlein im Wirtshaus. Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflecken geblasen für Geld; es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich rede von Menschen. Es wird Dir anvertraut, daß ich vor meine Abreise aus Haßlau so verstimmt war wie eine Wind-Harfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh. Ich weiß nicht wovon; ich wollt' aber, ein bedeutender Freund, oder gar Du hättest meine Saiten so durcheinander geschraubt, kurz einer von Euch beiden hätte mich ein wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitiert. Ich würde mich - das hätte mich wieder ausgestimmt ohne Verlust von 32 Saiten oder Zähnen - mit ihm tüchtig überworfen haben; ich hätte häßlich gedonnert, gehagelt, gewettert; das macht, wie gesagt, gutes Blut. Denn nichts ist schädlicher, Notarius, sowohl in Ehen als Freundschaften seiner Seelen, als ein langer unaufgelöseter Verhalt auf einem Mißton bei einem wechselseitigen fortwährenden Zusammenstimmen in allen zartesten Pflichten, so daß die Narren sich abstoßen, ohne sonst zu verstoßen; da doch solche Seelen in jeder bedeutenden Spaltung auf nichts so eifrig denken sollten, als sie bis zum rechten Zanke zu treiben, worauf sich Versöhnen von selber einstellte. Der Braunstein liefert bei mäßiger Erhitzung Stickgas; aber zwing' ihn zum Glühen, so haucht er ja Lebensluft. Aus der Knallbüchse fliegt der Pfropf nicht anders heraus als durch einen zweiten. Zum Glück können wir beide jeden Hader entraten, sogar den stärksten. Doch zurückzukommen - ich bekam bald Luft, sobald ich nur im Freien war und ritt und blies und schrieb. Erträgliche Sachen und Schwanzsterne setzt' ich für unsern Hoppelpoppel oder das Herz teils auf dem Sattel auf, teils sonst. Wahrlich ich wurde dir ganz gut; deswegen, glaub' ich, konnt' ichs ordentlich nicht lassen, sondern mußte nach Elterlein. Ich dachte: 'Dein Freund ist doch da so gewiß ans Licht gekommen, und seiner desgleichen' und was man so sagt, wenn man denkt. Ein lang verschobenes Werk konnt' ich da verrichten. Da ich, wie ich dir öfters gesagt, dem entlaufenen jungen Harnisch Vult mit seiner Flöte mehrmals aufgestoßen: so konnt' ich dem alten Schulzen schöne Nachrichten und Briefe vom Wildfang geben. Ich ließ den Vater ins Wirthaus kommen. 'Der und der Edelmann sei ich', (sagt' ich dem staunenden Manne) 'und sein Sohn sei mein Intimer - er befinde sich wohl auf den Postwagen, wo man ihn außer den Konzertsälen zu suchen habe - es geh' ihm so gut wie mir selber - er würd' ihn nicht kennen, ständ' er vor ihm da, so schön verändert sei er, schon mit der volljährigen Stimme, deren Diskantschlüssel der Bart dadurch abgedreht worden, daß er selber einen Bart bekommen - und er lass' ihn grüßen.' - Er versetzte, es freue ihn über die Maßen, daß ein solcher braver Herr wie ich gut auf seinen Halunken von Sohn zu sprechen sei, und es widerfahre ihm und dem Flegel eine wahre Ehre. Ich warf noch einiges ein zur Entschuldigung des guten abwesenden Menschen und reicht' ihm zum Behalten den bewußten Brief desselben aus Baireuth an mich, worin er, einige musikalische Klagen über die dasigen Ohren ausgenommen, fast bloß von seiner geliebten Mutter spricht. 'Auch dessen Herrn Bruder, jetzigen Notar, kenn' ich sehr wohl', fügt' ich bei und schlug vor seiner Nase einen schwachen Riß von deinen Höhen und Tiefen auf: 'mehr nicht als 32 Beete hat der admirable Mann sich mit dem Stimm-Hammer weg- (nicht zu-) geschlagen, und die Stadt hält es bei so vielen Saiten, die er unter sich hatte, mehr für ein Wunder als für einen Bock', sagt' ich, um ihn für deine künftige Nachricht davon auszurüsten mit dem lindesten Herzen von der Welt. Es wollte ihm aber schwer ein, das Herz; und er schimpfte auf deinen Kopf. 'Er erlebe wenig Freude an seinen Söhnen,' - beschloß er - 'und der Teufel könne die Spitzbuben holen, wenn er wolle.' Ich schickte den Bauer ganz kurz und hochtönig fort, da er zu vergessen anfing, daß seine Zwillinge meine Achtung in einigem Grade besäßen. Abends - als ich auf der schönsten Höhe des Zablockischen Gartens lag und für uns eine Satire über den Adel entwarf und dabei der untergehenden Sonne ins große Engels-Auge sah, die ein lumpiges Dörfchen ebensogut als ihren Hof von Welten anschauet, und als über mir auf den leichten roten Wölkchen manche Bilder des Lebens dahinschifften, da erklang plötzlich eine köstliche kunstgerechte Singstimme, die mich aus allen Satiren, Träumen, untergehenden Sonnen wegjagte ins Ohr hinein, in dessen Labyrinth, wie im ägyptischen, Götter begraben liegen. Die Generals-Tochter sang; sie hatte, wie vornehme Mädchen auf ihren Rittergütern pflegen, der Sonne und der Einsamkeit - denn horchende Bauern sind nur stille Blumen und Vögel in einem Hain - ein ganzes leidendes Herz mit Tönen auseinandergetan. Sie weinte sogar, aber sanft; und da sie sich allein glaubte, trocknete sie die Tropfen nicht ab. Sollte der edle Klothar, dacht' ich, seine Braut in dunkle Farben kleiden, weil sie eine taille fine geben? - Das schwerlich! Endlich sah sie mich, aber ohne zu erschrecken, weil der blinde Konzertist, wofür sie mich noch halten mußte, ja ihr nasses Auge und Angesicht nicht kennen konnte. Sie, die Unwissende, sah sich nach meinem Führer um, indes sie leise ihr Busenlied ertönen ließ. Bekümmert um den hilflosen Blinden, ging sie langsam auf mich zu, begann ein fremdes frohes Lied, um sich mir unter Singen so zu nähern, daß ich nicht zusammenführe, wenn man mich plötzlich anredete. Ganz nahe an mir unter den heitersten Tönen floß ihr Auge heftig über aus Mitleid, und sie konnt' es nicht eilig genug lichten, weil sie mich anschauen wollte. Wahrlich ein gutes Geschöpf, und ich wollt', es wäre keine Braut oder eine Frau! - Wie ein Rosenbeet blühten, zumal vor der Abendsonne, alle ihre wohlwollenden Gefühle auf dem kindlichen Gesicht; und bedenk' ich die zarten schwarzen Bogen der schönsten schwarzen Augen, so hatt' ich Augenlust und Augenbraunenlust zugleich und genug. Aber wie kann ein Mann zu einer Schönheit sagen: heirate mich meines Orts! da ja durch die Ehe, wie durch Eva, das ganze Paradies mit allen vier Flüssen verloren geht, ausgenommen den Paradiesvogel daraus, der schlafend fliegt? Eine schöne Stimme aber zu ehelichen durch Ehepakten - das ist Vernunft; außerdem daß sie, wie die Singvögel, immer wieder zurückkehrt - das Gesicht aber nicht -, so hat sie den Vorzug vor diesem, daß sie nicht den ganzen Tag dasteht, sondern manchmal. - Kenn' ich denn nicht mehr als einen abgeschabten Ehemann - gelb geworden gerade dadurch, wodurch gelbes Elfenbein weiß wird, durch langes Tragen an warmer Brust -, der sogleich die Farben änderte, wenn die Frau sang, ich meine, wenn das welsche Lüftchen aus warmer alter Vergangenheit närrisch und tauend das Polar-Eis seiner Ehe anwehte? - Fast als schäme sich Wina, neben einem Blinden allein zu sehen, gab sie wenig auf die Himmelfahrt der Sonne acht. Sie hörte auf zu singen, sagte ohne Umstände, wer vor mir stehe, und fragte, wer mich geführet habe. Ich konnte sie unmöglich mit dem Geständnis guter Augen beschämen, doch versetzt' ich, es habe sich um vieles gebessert, ich sähe die Sonne gut, und nur nachts steh' es mit dem Sehen schlecht. Um einen Handlanger meiner Augen zu erwarten, fing sie ein langes Lob meiner Flöte an, der man in größter Nähe, sagte sie, nicht den Atem anhöre, und erhob die Töne überhaupt als die zweiten Himmels-Sterne des Lebens. 'Wie hält aber das Gefühl die immerwährenden Rührungen der Flöte aus, da sie doch sehr der Harmonika gleicht?' fragte sie. Wer so gut sänge, sagte ich, als sie, würde am besten wissen, daß die Kunst sich vom persönlichen Anteil rein halten lerne. Soviel hätt' ich sagen sollen, nur nicht mehr; aber ich kann das nie: 'Ein Virtuose' fügt' ich bei, 'muß imstande sein, während er außen pfeift, innen Brezeln feil zu halten, ungleich den Brezel-Jungen, die beides von außen tun. Rührung kann wohl aus Bewegungen entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Käse.' Sie schwieg sehr betroffen, als wäre sie du - nahm einige Dornenreiser weg, die mich Dornenstrauch stechen konnten - und sie dauerte mich halb, zumal als ich sehr ihrem zu häufigen Augenlider-Nicken zusah, das ihr lieblich lässet, ohne daß ich recht weiß warum. Sie sagte, sie gehe, um mir aus dem Schlosse einen Führer zu holen, und ging fort. Ich stand auf und sagte, es brauch' es nicht. Da sie mich forttappen sah, kehrte sie lieber um und befahl mir zu warten; sie wolle mir bis ins Wirtshaus vorausgehen und jeden Anstoß und Eckstein melden. Die Freundliche tats wahrhaftig und ging mit dem ewig nach mir umgebognen Halse, bis sie einem jungen Lehnbauer hinter seinem Pfluge begegnete, dem sie ein Stück Geld und die Bitte gab, mit dem blinden Herrn vor das Wirtshaus zu fahren. Sie sagte liebreich gute Nacht, und die langhaarigen Augenlider nickten zu schnellenmalen über den großen Augen. Der Satan hole - vergib aber, Notarius, den Fluch - den Grafen von Klothar, wenn er einer so gutmütigen Weiberseele nur die dünneste, leichteste Zähre aus den schönen bräutlichen Augen preßte, dem armen Kinde, das das einzige ist, dem ich noch die freie Reichs-Ritterschaft gegönnt. Denn mit wie viel Gall' und Grimm ich in jedes Adels-Dorf eintrete, worin - wenn bei den Römern ein ganzes Volk für das Geißeln eines Menschen votieren mußte - umgekehrt nur ein stimmender Mensch zum Prügeln eines Volks erfordert wird, das kennst du; aber in Winas Elterlein dacht' ich ganz sanft. Wie überall, besonders im Brautstand gegen den Ehestand: so halten die Menschen, wie in der Musik, den Vorschlag länger und stärker als die Hauptnote; und Klothar konnte doch schon im Vorschlag fehlen? - Einen schwachen Streckvers in deiner Manier fertigte ich im Wirtshaus auf sie: Bist du Philomele? Nein; denn du hast zwar ihre Stimme; aber du bist unvergleichlich schön! So wirst du schon früher nachgeahmt als gedruckt. - Nachher, nach dem Speisen zog ich im Dorf herum. Ich dachte an einen dir bekannten ersten und zweiten Abend so sehr, daß mir vorkam - schreib' es auf Rechnung einer und der andern Liebe -, als sei manches von der Vergangenheit nachher vergangen. Eiligst, wenn du diesen Brief erhältst - was genau nachmittags gegen 3 Uhr sein muß, weil ichs bei der Botenfrau auf diese Weise und Stunde bestellt habe -, läufst du mir entgegen. - Bei Gott, ich denke oft an vieles. - Und was ist denn das Leben als der ewige Ci-devant? - Werden denn nicht die reinsten Trommeten der Lust krumm gebogen und mit Wasser gefüllt durch bloßes Blasen? - Muß man denn nicht die längsten Himmelsleitern - die freilich kürzer sind als die Höllenleitern -, bloß damit sie stehen, unten auf Dreck aufsetzen, ob man sie gleich oben an Sternbilder und Polarsterne anlegt? Ganz verdrüßlich macht mich dergleichen, sonst nichts. Inzwischen seh' ich sehr auf Antwort, auf mündliche nämlich, womit du sogleich entgegengehst dem Wirtshaus zum Wirtshaus und dem dir sehr bekannten oder was Gott will. Quoddeus etc. N. S. Walt, wir könnten Brüder sein, ja Zwillinge! Schon der Stamm-Namen verkittet uns, aber noch weit mehr! -« Walt nahm Flügel, aber sein Herz war schwer oder voll. Alles, was je ein Ritter zu Pferde für leidende Weiber zu tun gelobte, war er zu Fuße zu leisten bereit für jede und dann für Wina noch unzähligemal so viel. Auf dem Wege nach dem Wirtshaus begegneten ihm Neupeters Töchter an Flittes Armen. »Vielleicht wissen Sie es,« - redete ihn Raphaela an und stimmte den Ton so schleunig um, daß man das Hinaufstimmen vernahm »da Sie beim Generale schreiben und aus Elterlein her sind, was meine unglückliche Wina macht, ob die Teure noch dort ist?« - Vor Schrecken konnt' er kaum auf den Beinen, geschweige auf Vults schlaffem Lügen-Seile stehen: »Sie ist noch da,« sagt' er, »schreibt man mir eben. Ich schreibe noch nicht bei ihr. Ach, warum ist sie denn unglücklich?« - »Es ist jetzt bekannt, daß ihrem Vater, dem General, ein unschuldiger Brief von ihr in die Hände geriet, und daß darauf ihr Bund mit dem Grafen aufgehoben wurde, o die Gute!« versetzte Raphaela und weinte etwas auf der Landstraße. Aber ihre Schwester verdammte, verdrüßlich blickend, die Straßen-Ausstellung hoher Bekanntschaften und Tränen; und der lustige Elsasser drohte ihr aus dem warmen Gewölke oben Regen und schwemmte sie damit davon. Raphaela hatte Walts verliebte Blicke über der Tafel nicht übersehen mit ihren gerührten; zur Liebe gehören ohnehin wie zur Gärung - sie ist ja selber eine - zwei Bedingungen, Wärme und Nässe; und mit letzterer begann Raphaela gern. Es gibt weibliche Wesen - sie darf sich darunter rechnen -, die nichts so gern haben als Mitleiden mit fremden Leiden, besonders mit weiblichen. Sie wünschen sich ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in der Not am liebsten, ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher Teilnahme und finden wahren Genuß in fremden Tränen - denn so viel vermag die Tugend durch Übung -, so wie etwa der Zaun-König nie lustiger springt und singt als vor Regenwetter. Mendelssohn, der das Mitleid unter die vermischten Empfindungen bringt, hält eben darum reine für weniger schmackhaft. Nur den Notar traf die bittere Ausnahme, daß ihn das Doppel-Unglück des Paares glühend durchstach und durchgrub - ob ihn gleich ein guter Engel nicht auf den Argwohn fallen ließ, ob nicht sein an den Vater übergebener Brief das Scheidungsdekret geworden -; indes setzt' er sich mehr an Klothars als an Winas Stelle und stieg in die Brust des Jünglings hinein, um von dort aus recht um die blühende Braut zu trauern und in Klothars Namen an nichts zu denken als an das geliebte Mädchen. Er kam traurig im Wirtshaus zum Wirtshaus an. Vult war noch nicht da. Die kurze Zeit hatte schon manches wieder mit ihrer Sichel abgemäht - erstlich vom blühenden herrnhutischen Gottesacker das Grummet - zweitens am Wirtshaus ein Vergißmeinnicht und Jelängerjelieber der Erinnerung, nämlich die ausgebrochene Abendwand, wovor er mit dem Bruder gegessen, war zugemauert. Vult kam. Mit Flamme und Rührung flogen beide einander zu. Walt bekannte, wie er geschmachtet nach Vulten, wie er die Geschichte der Abwesenheit verlange, und wie sehr er eines Bruders bedürfe, um das Herz voll vermengter Gefühle in das verwandte zu gießen. Der Flötenspieler wollte seine Geschichte zuletzt berichten, und begehrte die fremde zuerst. Walt tats, erzählte rückwärts, erstlich Raphaelens Erzählung - aber so wie er zweitens den Schenkungsakt des Grafen samt der durch den Brief der Tochter jetzt gut motivierten Unterbrechung, drittens die Glücksfälle bei dem General berichtete und endlich mit den zusammengefaßten Flammen seines Sehnens nach Klothar schloß: so änderte Vult das mitgebrachte Gesicht - brach noch vor dem Wirtshaus auf - schickte den leeren Gaul durch einen außerordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus - und bat Walten, mitzugehen und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragen. Er tats. Vult steckte seine Flöten-Ansätze aneinander und blies zuweilen einen lustigen Griff. Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden Abend-Himmel unter und wischte die Tropfen daraus, bald schlug er ein wenig mit der Flöte in die Luft. »Jetzt weißt du alles, mein guter Mensch, urteile!« sagte endlich Walt. Vult versetzte: »Bester, poetischer Fleu- und Florist - Was soll ich urteilen? Verdammtes Regnen! - Der Himmel könnte auch trockner sein. Ich meine, was ist zu urteilen, wenn du mir über keinen Menschen beitrittst? Hinterher werd' ich dann ganz schamrot, daß ich als ein Mensch, der vielleicht kaum vor ein Paar Stadttore hinaus, und durch ein Paar Flügeltüren hineingekommen - denn ich saß stets -, gegen einen Welt- und Hofmann wie du recht behalten will, der, die Wahrheit zu sagen, überall gewesen, an allen Höfen - in allen Häfen - Glücks- und Unglückshäfen - in allen Kaffee- und Teehäusern Europens - in belle-vue, in laide-vue - in Monplaisir, in Ton-plaisir und Son-plaisir - und so etwas weiter herum; das war ich aber nicht, Walt!« »Verspottest du ernsthaft meine arme Lage, Bruder?« fragte Walt. »Ernsthaft?« sagte Vult. »Nein, wahrlich mehr spaßhaft. Was den General anlangt, so sag' ich, daß, was du Menschenliebe an ihm nennst, nur Anekdotenliebe ist. Schon im gelehrten Deutschland gelten keine Wasser für tiefe als die flach breiten, vollends aber im geadelten; nur breite lange Geschichte wollte der General von dir aus Langweile, wenn er sie auch schon wußte. Freund, wir Bücher-Menschen - so täglich, so stündlich in Konversation mit den größten belebtesten Männern aus der gedruckten Vorwelt, und zwar wieder über die größten Weltbegebenheiten - wir stellen uns freilich den Hunds-Ennui der Großen nicht vor, die weiter nichts haben, als was sie hören und essen bei Tafel. Gott danken sie auf Knien, wenn sie irgendeine Anekdote erzählen hören, die sie schon erzählen hörten; - aber ich weiß nicht, was du dazu sagst?« »Über Sachen«, versetzte Walt, »kann man leicht die fremde Meinung borgen und glauben, aber nicht über Personen. Wenn die ganze Welt gegen dich spräche - müßt' ich wohl eher ihr als mir glauben?« »Natürlich«, sagte Vult. »Was Wina anlangt, so ists mir ganz lieb, daß sie ihre weichen Finger wieder aus den gräflichen Ringen gezogen. So weiß ich auch, daß zwischen dir und dem Grafen die Mißheirat eurer Seelen rückgängig wird.« Darüber erschrak der Notar ordentlich. Er fragte ängstlich: warum? Vult blies einen Läufer. Er setzte dazu, daß er dem Jüngling seit dem Verluste einer solchen Jungfrau noch heftiger anhänge; und fragte wieder: »Warum, lieber Bruder?« - »Weil du«, versetzte dieser, »nichts bist, gar nichts als ein offener geschworner Notar, der Graf aber ein Graf; du würdest ihm auch nicht größer, wenn du dich nach alter Weise noch einen tabellio nenntest - einen protocollista - einen judex chartularius - scriniarius - exceptor.« - »Unmöglich«, versetzte Walt, »ist in unsern Tagen ein philosophischer Klothar adelstolz; ich hört' ihn selber die Gleichheit und die Revolution loben.« »Wir Bürgerliche preisen sämtlich auch die Fall- und Wasenmeister sehr und ihren sittlichen Wert, erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater und führen keine maîtresse des hautes oeuvres et des basses oeuvres zum Tanze. - Gott, wenn soll einmal mein Jammer enden, daß ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen höre? Sei so höflich, Walt, mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben. Bei Gott, was verstehst denn du von der Sache, vom Adel? oder die Schreiber darüber? Ich wollte, du bliebest ein wenig stehen oder kröchest in jenen Schäferkarren und horchtest mir daraus zu; ich zöge aus der Satire, die ich bei Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht, das aus, was herpasset. Den adeligen Stolz in einen auf Ahnen oder gar in deren Verdienste zu setzen, ist ganz kindisch und dumm. Denn wer hätte denn keine Ahnen? Nur unser Herrgott, der sonach der größte Bürgerliche wäre; ein neuer Edelmann hat wenigstens bürgerliche, es müßt' ihm denn der Kaiser vier adelige rückwärts datierend mit geschenkt haben, wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen vier geschenkten bedürfte und so fort. Aber ein Edelmann denkt so wenig an fremde Verdienste, daß er sich lieber von 16 adeligen Räubern, Ehebrechern und Saufausen als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag geleiten lässet, als von einem Schock und Vortrab ehrlicher Bürgerlichen davon hinwegführen. Worauf stolziert denn der Edelmann? Zum Henker, auf Gaben; wie du und ich als Genies, wie der Millionär durch Erbschaft, wie die geborne Venus, wie der geborne Herkules. Auf Rechte ist niemand stolz, sondern auf Vorrechte. Letztere, sollt' ich hoffen, hat der Adel. Solang' er ausschließend an jedem Hofe aufwerten, tanzen, der Fürstin den Arm und die Suppe geben darf, und die Karte nehmen; - solange die deutsche Reichs-Geschichte von Häberlin noch nie ein Paar bürgerliche Weibs-Füße am Sonntag unter einer Hof-Tafel angetroffen und vorgezogen (der Reichs-Anzeiger rede, wenn er kann); - solange Armeen und Stifte und Staaten ihre höchsten reichsten Frucht-Zweige nie von gemeinen harten Händen pflücken lassen, die bloß auf die Wurzeln Erde schaffen und von den Wurzeln leben müssen: so lange wäre der Adel toll, wenn er nicht stolz wäre, auf solche Vorrechte, mein' ich. Bürgerliche werden, wie die Gewächse im alten System von Tournefort, nach Blumen und Früchten klassifiziert; Adelige aber viel einfacher, wie von Linné, nach dem Geschlechts-(Sexual-) System; und es gibt dabei keine Irrtümer. Den Adelstand ferner verknüpft die Gleichheit der Vorrechte durch ganz Europa. Er besteht aus einer schönen Familie von Familien; wie Juden, Katholiken, Freimäurer und Professionisten halten sie zusammen; die Wurzeln ihrer Stammbäume verfilzen sich durcheinander, und das Geflechte läuft bald hier unter dem Feudal-Acker fort, bald dort heraus am Thron hinan. Wir bürgerlichen Spitzbuben hingegen wollen einander nie kennen; der Bürgerstand ist ungefähr so ein Stand wie Deutschland ein Land, nämlich in lauter feindselige Unterabteilungen zersprengt. Kein Harnisch in Wien fragt nach Harnischen aus Elterlein, kein Legationsrat in Koburg nach einem in Haßlau oder Weimar. Darum fährt der Adel in ein Fahrzeug mit Segeln eingeschifft, der Bürger in eines mit Rudern. Jener ersteigt die höchsten Posten, so wie das Faultier nur die Gipfel sucht. - Aber was haben wir Teufel? Besitzen wir unbeschreibliche Verdienste: so können diese nicht adeln, sondern sie müssen geadelt werden; und dann sind wir zu brauchen, sowohl zu einem Ministers- als sonstigen Posten. Doch der Adel erkennt auch selber seine Kostbarkeit und unsere Notwendigkeit gern an; denn er schenkt selber deswegen - wie etwan die Holländer einen Teil Gewürz verbrennen oder die Engelländer nur siebenjährig ihre Wasserblei-Gruben auftun, damit der Preis nicht falle - in seiner Jugend der Welt fast nur Bürgerliche, und sparsam erst später in der Ehe eines und das andere Edelkind; er macht lieber zehn Arbeiter als eine Arbeit, weil er den Staat liebt und sich. O schweige noch! freilich war dies nur Ausschweifung in der Ausschweifung. - Abnahme des Adelstolzes wollen neuerer Zeit viele noch daraus sehr vermuten, daß ein und der andere Fürst mit einer Bürgers-Tochter tanzte, wie ich trotz meines gelehrten Standes mit einer Bauerstochter, oder daß ein Fürst zuweilen einen Gelehrten oder Künstler zu sich kommen ließ, wie den Klavier- und den Schneidermeister auch, nicht in seinen Zirkel, sondern zum Privatgespräch. »Meine Leute, mes gens« sagen sie von den Bedienten, um sie von uns andern Leuten zu unterscheiden. Warum reitest und kletterst du aber so eifrig an einem der höchsten Stammbäume hinan? - Daß ich meines Orts droben sitze, als Herr van der Harnisch, hat seinen Grund: ich fenstere auf dem Gipfel meinen Zirkel aus und erhebe, was drunten ist, euch Bürger-Pack; kein Mensch kann sich rühmen, den Adel noch so geärgert zu haben als ich; nur in Städten, wo ich nicht von Geburt war, mußt' ich mich von ihm ärgern lassen, wenn er unter dem Vorwand, meine Person zu schätzen, mich zur Tafel bat, um meine Flöte zu kosten; dann blies ich aber nichts, sondern ich dachte: ich pfeif' euch etwas. Dem weich' ich jetzt ganz aus.« Walt versetzte: »Ich will deinem halben Ernste ganz offen antworten. Ein Dichter, für den es eigentlich gar keine gesperrten Stände gibt, und welchem sich alle öffnen sollten, darf wohl, denk' ich, die Höhen suchen, wiewohl nicht, um da zu nisten, sondern den Bienen gleich, welche ebensowohl auf die höchsten Blüten fliegen als auf die niedrigsten Blumen. Die höhern Stände, welche nahe um das sonnige Zenit des Staates leuchten, als hohe Sternbilder, sind selber schon für die Poesie durch eine Poesie aus der schweren tiefen Wirklichkeit entrückt. Welch eine schöne freie Stellung des Lebens! Wär' es auch nur Einbildung, daß sie sich für erhoben hielten, und das zwar geistig - denn jeder Mensch, der Reiche, der Glückliche ruht nicht eher, als bis er aus seinem Glück sich ein geistiges Verdienst gemacht -: so würde dieser Wahn Wahrheit werden; wer sich achtet, den muß man achten. Welch eine hohe Stellung, alle mit einerlei Freiheit, alles zu werden - alle im Triumphwagen derselben Ehre, die sie beschützen müssen« -- »Es ist pechfinster,- sagte Vult, »aber ich bin wahrlich ernsthaft.« »- die einzeln Namen verewigt und in Wappen-Werken wie Sterne gezählt und fortglänzend, indes im Volke die Namen wie Tautropfen ungeordnet verlöschen - in der heiligen Nähe des Fürsten, der sie zart behandelt im Wechsel seiner Repräsentation, es sei als Gesandte oder Generale oder Kanzler - näher dem Staate verwandt, dessen große Segel sie aufziehen, wenn das Volk nur rudert - wie auf einer Alpe nur von hohen Gegenständen umrungen - hinter sich die glänzende königliche Linie der alten Ritter, deren hohe Taten ihnen als Fahnen vorwehen, und in deren heilige Schlösser sie als ihre Kinder einziehen« -- »Glaube mir auf mein Wort,« sagte Vult, »ich lache nicht« - »- vor sich den Glanz des Reichtums, der Güter, der Höfe und einer blühenden Zukunft - Und nun vollends die schöne freie Bildung, nicht zu einem abgehauenen eckigen Staats-Gliede, sondern zu einem ganzen geformten Menschen, welche ihnen Reisen, Höfe, gesellige Freuden unter Gemälden, unter Tönen und am meisten ihre noch mehr gebildeten, schönen Frauen, deren Reize kein Gewicht der Not und Arbeit erdrückte, leicht und froh zuspielen, so daß im Staate der Adel die italienische Schule ausmacht, und das arme Volk die niederländische« -- Der Flötenspieler hatte bisher öfters, wiewohl mit verdächtiger Stimme, geschworen, er ziehe nicht eine Miene zum Lachen - beteuert, er wolle nicht Vult heißen, wenn er die Finsternis benutze und darin still lächle - wiederholt, er sei kein solcher Mann, der lache, sondern so ernst wie ein Totenvogel. Jetzt aber lachte er hell und sagte indes so viel: »Walt, um wieder einmal auf deinen Grafen zu kommen - schere dich nichts um mein dummes Gelächter über etwas anders, ich bin doch ernsthaft -, den du sonach in Bildungs-Bezug für einen Raffael hältst und dich für einen Teniers, wie wollet ihr zwei Figuren euch denn auf einer Leinwand paaren?« - Walt schwieg verwundet, weil er sich gar nicht für einen Teniers, sondern eher für einen Petrarca ansah. Aber Vult drang heftig auf das Bindemittel, das der Bruder sich zutraue. »Ich glaubte, dadurch,« sagt' er leise demütig, »wenn ich ihn recht liebte.« Vult wurde etwas bewegt, blieb aber unerbittlich und sagte: »Um dir aber zuzutrauen, daß du deine Liebe einem solchen Herrn zeigen könntest, mußt du dich, so bescheiden du auch tust, innerlich für einen zweiten Carpser halten, ganz gewiß?« »Wer war dieser?« fragte Walt. »Balbieramtsmeister in Hamburg, wovon noch die Carpserstraße in der Stadt da ist, weil er darin wohnte; ein Mann, darf ich dir sagen, von so feinen Sitten, so voll belebter Reden, so zauberisch, daß Fürsten und Grafen, die nach Hamburg kamen, ihr erstes und größtes Vergnügen nicht im Pestilenzhaus oder auf dem Dreckwall oder im Scheelengang und in den Alster-Alleen suchten und fanden, sondern lediglich darin, daß unser Balbier zu Hause war und sie vorlassen wollte.« Der Notar, sich für einen versteckten Petrarca haltend, vermochte gar nicht, den Balbier-Amtsmeister so hoch über sich zu sehen; er sagte aber, erweicht durch einen ganzen Nachmittag, nichts als die Worte: »Wie glücklich ist ein Edelmann! Er kann doch lieben, wen er will. Und wär' ich einer, und ein redlicher gemeiner Notar gäbe mir nur einige warme Zeichen seiner Liebe und Treue: wahrlich ich würde sie bald verstehen und ihn dann nicht eine Minute lang quälen, ja ich glaube, eher gegen meinesgleichen könnt' ich stolzer sein.« »Himmel, weißt du was« - fing plötzlich Vult mit anderer Stimme an - »ich habe ein sehr treffliches Projekt - in der Tat für diesen Fall das beste - denn es löset alles auf und bindet dich und den Grafen (falls er deinem Bilde entspricht) schön auf ewig.« Walt zeigte ihm seine Entzückung darüber ganz und die Neugier, womit er es zu hören kaum erwarten könne. Aber Vult versetzte: »Ich glaube, morgen oder übermorgen lass' ich mich mehr heraus.« - Walt flehte um das Projekt, sie waren nahe am Stadttore und Abschied. Vult antwortete: »So viel kann ich sagen, daß ich nie Proschekt sage, sondern entweder französisch projet oder lateinisch projectum.« - Walt fragte, ob er denn nicht seine Freude über den bloßen Vorschlag merke, und ob er nicht denke, daß sie noch stärker steige durch Eröffnung. »Gewiß!« (sagte Vult) »Allein das projet gehört ja in eine ganz andere Nummer, sag' ich dir, denn die heutige ist aus und gute Nacht!« - Nro. 31 - Pillenstein Das Projekt »Purzel tuts«, fuhr heftig Vult in die Stube des Notars, der freudig versetzte: »Das gebe Gott, und was denn?« - »Ich erkläre alles, und Purzel ist der Theaterschneider, mein Hausherr« - erwiderte Vult mit den Blitzen der Laune im Auge, weil er eben die Digression über den Adel für den Doppel-Roman zu Papier gebracht. - »So viel gibst du zu, daß du einige Heft- oder Demantnadeln zur Bundes-Naht mit Klothar - was eben mein Projekt sein will - vonnöten hast. Handlungen freilich galten von jeher für die besten Fähren zum Herzen, für die rechten Kernschüsse zur Brust, da Worte nur Bogenschüsse sind, oder was man will. Einem einen Uhrschlüssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf als dreißig dejeûners in einem Monat von 31 Tagen. Wolltest du also dem Grafen z. B. nur einen Stein ins Fenster werfen oder an das Schulterblatt: so kämest du sogleich mit ihm in Handlung und darauf leicht in nähere Verbindung; oder ebenso auch, wenn du im Finstern auf ihn losfahren, ihn bei den Rockklappen packen und nicht loslassen wolltest, weil du ihn für deinen Bruder gehalten hättest, den du so unbeschreiblich liebtest, gäbest du vor. Da aber das nicht geht, so höre: mein Hausherr Purzel hat jetzt viele turnier- und tafelfähige Kleider in Arbeit, die er für das Theater kehrt und wendet; ich staffiere dich mit einem vollständigen aus - habe vorher dem Grafen, da ich ihn kenne, in einem Billet geschrieben, ich wünschte sehr, eines Abends vor ihm zu blasen - bringe dich dann mit (sprich noch nicht) und lasse dich von ihm ohne besonderes artikuliertes Lügen für einen Edelmann ansehen, bloß weil du (das macht man ihm weis) mein Freund bist und wir miteinander umgehen. Dann kann sich das Adels-Pergament unmöglich mehr als Scheide- und Brand-Mauer und Ofenschirm zwischen eure Flammen ziehen; und falls der Graf wirklich nicht, wie ein Eisstück, ebensoviel Eis unter dem Wasser verbirgt, als er daraus vorhebt: so seh' ich euch, weil du unter und hinter der Flöte ihm alles sagen und zeigen kannst, vielleicht am Altar der Freundschaft verbunden stehen, und ich bin freudig das Kopuliermesser*. - -jetzt sprich!« »Göttlich, göttlich!« rief Walt und umhalsete Vulten. »Ich stehe dann auf dem Wagenstern der Liebe und rolle durch Himmel. Aber wenn ich ihn habe, den Lieben, ja dann muß ich durchaus - noch denselben Abend - meinen dürftigen Namen sagen; nicht nur ein heißes Herz, auch ein offnes muß ich ihm bringen; es tut dann nichts mehr.« - Allein der bunte Zauberrauch verzog und senkte sich bald, womit seinen romantischen Geist anfangs das Wagstück berauschte. Das Gewissen stellte sich kalt mit der Waage hin und wog nach Skrupeln. Er konnt' es nicht recht finden, die Freundschaft mit einem Blendwerk anzufangen, wenn er dieses auch nachher vertilge. Der Bruder versicherte darauf, er woll' ihn bloß für seinen Verwandten desselben Namens ausgeben, was ja wahr sei, ferner das von im Feuer der Rede vergessen. »Aber wenn ich nun zuletzt sage, ich bin dein Zwillingsbruder, was sagst denn du?« sagte Walt. - »Herr Graf, sag' ich,« - versetzte Vult - »er ist allerdings der Bruder, ja Zwillingsbruder meines Herzens, und geistige oder kanonische Verwandtschaft, dächt' ich, gälte wohl hienieden, da ja unser Herrgott selber eine dergleichen mit uns Bestien im allgemeinen verstattet und sich unsern Vater nennen läßt. - Ist diese Verwandtschaft nicht wahr?« Walt schüttelte. »Was,« fuhr der Flötenspieler fort, »es wäre nicht so, nämlich daß wir uns geistig verbrüderten? O Zwilling, wer ist verwandter? bedenke! Wenn Körper Seelen ründen und Herzen gatten, so dächt' ich, ein Paar Zwillinge - um neun Monate früher einander verschwistert als alle andere Kinder - in ihrer zweischläferigen Bettstelle des ersten Schlafes ohne Traum - teilend alle und die frühesten und wichtigsten Schicksale ihres Lebens - unter einem Herzen schlagend mit zweien - in einer Gemeinschaft, die vielleicht nie im Leben mehr vorkommt - gleiche Nahrung, gleiche Nöten, gleiche Freuden, gleiches Wachsen und Welken - beim Teufel, wenn ein solcher Fall, wo im eigentlichsten Sinn zwei Leiber eine Seele ausmachen, wie ja der alte und erste Aristoteliker, nämlich Aristoteles selber, begehrt zur Freundschaft, zum Sakerment, wenn von solchen Personen nicht der eine Zwilling sagen dürfte, er sei mit dem andern geistig genug verwandt, Walt, wo wäre denn noch Verwandtschaft zu haben auf Erden? Kann es denn, du ordentlicher Bruder-Mörder, frühere, nähere, ältere, peinlichere Freundschaften geben als bei solchen Zwillingen? O Gott, du lachst ja über Gerührte!« schloß er wild und fuhr heftig mit der ganzen breiten Hand über die Augenknochen. »Da wär' ich ja der Hölle wert«, rief Walt und fing dessen Hand, um sie auf sein nasses Auge zu decken - »O Bruder, Bruder, weißt du es denn nie, wie ich dich fasse und deinen weichen Geist im stärksten Scherz? Ach, wie ist dein Inneres so schön und mild, und warum weiß es denn nicht die ganze Welt? - Darum aber, was wär' ich, wenn ich es litte, was du bei Klothar wagen wolltest für mich? Nein, fremde Opfer mag man wohl annehmen, um von Martern loszukommen, aber nie, um mit ihnen Freuden einzukaufen. Die Sache geht nicht, guter Vult!« Aber hier war dieser schon die Treppe hinab. Indes, je mehr der Notar nachsann, desto unbilliger fand ers, auf Vultens Kosten den Himmel der Freundschaft zu erstehen. Zuletzt schrieb er ihm bestimmt, sein Gewissen leid' es unmöglich. Wenige Stunden darauf antwortete Vult folgendes: p. p. Fraterkul! Eben erhalt' ich des Grafen Jawort mit deinem Neinwort; du mußt also mit, oder meine Ehre leidet gewaltig. Fleuch und flieh' in einer guten Stunde zu mir. Dein Umkleid oder Masken-Charakter liegt schon auf dem Stuhl. Der Friseur ist bestellt mit Vorsteck-Locken. Sporen und die Steifstiefel darzu stehen auch fertig. Glaube mir aber auf Ehre, daß ein Bühnen-Habit für dich ausgelesen ist, der nicht simuliert, sondern nur dissimuliert. Ein anders - als was ich tue und miete - wäre, wenn ich dich in einen Berghabit oder in eine Mönchskutte oder in einen Waffenmantel oder in ein Bischofs-Pallium oder in englische Kapitäns-Uniform oder in den Satan und seine Großmutter steckte; so hingegen fällest du proper aus und unkenntlich, und dabei doch sittlich und wahr. Versuch' ihn nur bei mir an, deinen polnischen Rock und Mantel der Liebe für Klothar. Purzel denkt gut, ja wohlfeil. - Ich schmachte freudig nach dem Spaß. Der Abend macht dich noch unkenntlicher, des Puders gar nicht zu gedenken, den du weglassen mußt. Dir zu schreiben vergess' ich ganz, daß ich nämlich - als ich den guten Grafen anfangs ins Rosental eingeladen zu einem matten Souper, natürlich ohne deiner Erwähnung - von ihm umgekehrt in seinen Garten invitieret worden. Komme bestimmt, ich brenne. Denn dieser Abend fället Definitiv-Sentenzen und Mandate ohne Klauseln über 40 bis 50 tausend Abende nachher. Gegenwärtiges schreib' ich fast gerührt; - Garrick wußte das bloße Alphabet so herzusagen, daß die Leute dazu tränten; aber woraus besteht denn alles, was angreift, als aus Alphabeten? - Herzen gleichen Gänse-Eiern: die, so in lauem Wasser nicht sich bewegen, sind faule und tote - Gott, ich werde heute so blasen, so trillern! Ich freue mich freilich zu sehr. P.S. Ich muß dir doch berichten - anfangs wollt' ich nicht -, daß dein künftiger Freund Klothar morgen früh um 3 Uhr auf und davon reiset, wie er sagt, nach Dresden - eigentlich aber wohl, wie ich sage, nach Leipzig, um durch die protestantische Mutter die katholische Braut sich anzuöhren. Bist du nicht der vollständige Schomaker II.: so kommst du heute und schlägst als Bürger mit dem Edelmann den Pedal-Triller der verwobenen Freundschaft. Denn wo wäre Lüge, sobald ich nicht sage - und du ohnedies nicht -, daß du ein Edelmann bist, sondern ich nur anfangs, daß du mein Freund - und du zuletzt, daß du ein Notarius bist - wo, frag' ich? »Ach, ich komme freilich!« schrieb Gottwalt zurück. * Womit man bekanntlich Zweige pfropft. (Zurück) Nro. 32: Heller im Straußenmagen Menschenhaß und Reue Personen, die Vults alten, noch versiegelten Brief an Walt gedruckt gelesen, durchschauen am ersten alle geheime Zwecke bei seiner Einkleidung des reinen Notars und finden deren nicht weniger als zwei. Der erste geheime Zweck Vults ist wahrscheinlich der, sich mehr zu ärgern als bisher und dadurch - indem er der brüderlichen Freundschaft gegen den Grafen zusieht oder gar der Erwiderung derselben - sich zu jenem zornigen Ausbruch aufzutreiben, ohne welchen, seiner bekannten Meinung nach, an Versöhnungen gar nicht zu denken ist, außer an schlechte. Freundschaftliche Eifersucht ist viel stärker als liebende, schon weil sie nicht, wie diese, ihren Gegenstand zu verachten vermag. - Die zweite Absicht Vults bei dem Verkleiden kann sich nur auf den Wechsel- oder Hornschluß gründen, daß der Graf den Notar - wenn dieser den adeligen Pfauenschwanz fallen lassen - als nackte Notariats-Krähe entweder wild aus Herz und Garten jagt (dann gewänne eben Vult), oder ihm, wie eine Krähe der andern, nichts aushackt (dann könnte Vult sehr zanken und sich spät versöhnen); - und einen dritten Fall gibt es eben nicht. Der Notar kam ziemlich beklommen bei dem Bruder an. »Hier«, sagte Vult, »liegt der menschenhassende Meinau aus Kotzebues Menschenhaß und Reue auf dem Stuhl« und zeigte auf den feinsten Überrock, den Purzel für edle Bühnen-Charaktere gekehrt hatte, ferner einen langhaarigen Rundhut, gespornte Steifstiefel, drei Ellen lange Halsbinden für den Hals, um die Farben im Gesicht zu unterbinden, und seidene Unterkleider. Aber was vorher leicht durch den Äther der Einbildung flog, steckte jetzt fest vor Walt in der unbehülflichen Gegenwart, und die Sünde zerfiel in Sünden. »Beim Henker,« sagte Vult und streifte dem Notarius das Zöpflein herunter, »skrupelst du doch, als könnt' es nicht ebensogut eine An- als Verkleidung vorstellen. Besteht denn ein Edelmann in einem Paar Stiefeln und Sporen? Versäuere mir nichts!« - Ein Friseur erschien. Das ganze Haar mußte in unzählige Locken zurückrollen. Darauf wurd' er hermetisch mit Seide und Tuch versiegelt; und sein Kern wuchs ganz in die Kotzebuische Schote hinein. Unterwegs schwur ihm Vult, er sei - schon wegen der Dämmerung - unkenntlich genug; und ein Großer sehe und behalte kein Bürgergesicht. Am Ende wurd' ihm selber der Notar, der blühend, liebe-zitternd neben ihm ging, ordentlich zum menschenfeindlichen Meinau. »Es fehlt nicht viel,« sagt' er, »so fall' ich dich an, weil ich denke, ich habe Meinau vor mir, der sich einige Akte lang schmeichelte und angewöhnte, die Menschen zu hassen aus Mädchen-Liebe, wie etwan Hasen durch Schlagen dahin zu bringen sind, daß sie trommeln wie Krieger. Weichen Schlamm und Sumpf soll der Kollegienrat K. abmalen, aber nicht Dieterichs-Felsen. Mit seinen Patent-Herzen, wie Pott mit Patent-Füßen zum Knien, steh' er feil, sogar mit verächtlichen, aber nur nicht mit verachtenden! Da sei der Teufel so sanft wie ein Exjesuit, wenn man überall vor und auf der Bühne Jünglingen begegnet, die Fait von Menschen-Verachtung machen, weil ein Mädchen sie ein wenig verachtet hatte - Tröpfe, bei denen der misanthropische Tollwurm nur, wie bei Hunden, im Zungenbande besteht und denen er, wie Kindern der Wurm, abginge, wenn man sie stärkte - Walt, unterstehst du dich auch und hassest die Menschen?« - »Nicht einen, auch nicht einen unglücklichen Menschenfeind,« (sagt' er unendlich sanft) »aber du fragst doch sehr hart.« - »Vergib,« versetzte Vult, »ich fahr' schon seit zehn Jahren auf und los, wenn ich nur etwas vom Theater rieche, und wär's nur ein Souffleur, oder der Souffleur des Souffleurs, der Poet, ja ein bloßer Hofrat - da doch die meisten Theater-Helden, wie in Dorpat die Professoren, Hofrats-Rang haben -; denn, das Schauspielervolk ausgenommen, zeigt nichts eine so ekle Gemeinheit als das Bühnenschreibervolk; Spieler und Schreiber verkörpern und beseelen sich wechselseitig; und bekielen sich mit Lanierschwänzen« - »Lanierschweife?« fragte Walt. »Sind der Schwanz,« versetzte Vult, »den ein Falkenier einem abkräftigen Falken in die offnen Kiele des ausgefallenen künstlich einklebt mit ein wenig Hausenblasenleim. Die armen Schauspieler (transzendente Statisten) sind die Statuen, welche* jeden Abend eine Seele von ihren Bildhauern oder Dichtern fodern, um davon zu leben.« Sie kamen im Park an, wo ihnen der Graf mit seiner einfachen, ernsten, vornehmen Haltung entgegenging. »Es ist mein Freund und Verwandter gleiches Namens«, stellte Vult den gekehrten Meinau dem Grafen vor, - »seine Liebe zur Flöte treibt ihn mir nach.« Walt machte statt vieler Entschuldigungen - die ihm der Bruder abgeraten - ganz keck nur einen Bückling, weil der Graf, hatte Vult gesagt, wenig Welt besäße, wenn er ihn in seinem Garten ausfragen wollte wie ein Katechet unter dem Tore. Walt dachte gleichfalls zu redlich, um vor dem Grafen etwas anders, nur den schwächsten Gedanken, zu verkleiden als seinen Leib. Vult hatte recht gehabt, daß Große, die auf Reisen und an Höfen an zwanzig Heere von Menschen gesehen, nicht leicht den Nachtrab aus einem Notarius sonderlich im Kopfe behalten und aufheben. Klothar sah ihn ein wenig sinnend an, kannte aber den viellockigen, zopflosen, dickbindigen Kavalier in der Dämmerung nicht. Letzterem wurd' es etwas eng in seiner Meinaus-Haut. Die Verkleidungen in Romanen bilden die in der Wirklichkeit den Menschen zu lustig vor. Wie im Zimmer das Wetter, so ist im Freien die schöne Natur der Notpfennig und Hecktaler des Gesprächs - Walt hatte dem Grafen kein Hehl, daß diese Stelle (wo er einmal abends dem Musizieren zugehöret hatte), mit der Katarakte hinter dem Rücken, der Vestalin-Statue dabei, den fernen Höhen, ihre wahren Reize habe. Klothar aber wollte wenig daraus machen, sondern versicherte, jeder Park gefalle nur einmal. Der Flötenspieler war so wortkarg und höflich gegen den Grafen als dieser selber und sparte Laune und Zunge nur der Flöte auf. Die Gebrüder Harnisch wurden mit einem mehr aus Blättern als aus Beeren gequetschten Wein bewirtet. Der Graf trank keinen; Walt aber einigen, um wie ein Schmidt Verstärkungs-Wasser ins Feuer zu sprengen. Vult, über den Krätzer und alles aufgebracht, ging schnell mit der Flöte auf und ab, ohne zu blasen. Klothar überließ ihn seiner Laune. Endlich fing er (lustwandelnd dabei) sein Flötenkonzert ein wenig an und blies aus Künstler-Kälte gegen jenen nur obenhin - zerstückte Phantasier-Galloppaden - musikalische Halbfarben zu Halbschatten - starke Eingriffe in die Flöten-Saiten, wie sie die Faust eines Sturmwinds auf die Äolsharfe tut. Beiden Kavalieren wurde durch dieses melodramatische Absetzen das Gespräch angenehm durchschossen, in welches sie miteinander geraten durften unter solcher Musik. Der englische Park wurde ein Postschiff, worauf beide nach England übersetzten, um es einmütig zu besehen und zu erheben. Klothar lobte die britische Ungeselligkeit. »Zu gewissen Fehlern gehören Vorzüge«, sagte er. »Nur Blumen schlafen, nicht Gras«, sagte Walt, der durch Poesie und Übersicht leicht die fremde Meinung in seine übersetzte und umgekehrt. Wer immer nur die Morgen- und Sonnenseite sucht, findet leicht überall Wärme und Licht. Klothar behauptete, daß die Freundschaft keinen Stand kenne, wie die Seele kein Geschlecht. Walt tournierte seine Antwort dergestalt, daß sie so klang: »Auch im Bestreben, die Ungleichheit zu vergessen, müssen beide Freunde gleich sein«; aber seine Aussprache war ein wenig bäuerisch, und sein Auge blickte nicht fein, sondern es strömte klar über von Liebesfeuer. Der Graf stand ruhig auf und sagte, er entferne sich nur einen Augenblick, um die Abreise eine halbe Stunde später anzuordnen, und er gestehe, er sei selten so leicht verstanden worden als diesen Abend. Mit unsäglicher Entzückung sagte Walt leise zu Vult: »Habe Dank, habe Dank, mein Vult! - O so sollte man doch nie das Benehmen eines Menschen gegen uns, und wär' es noch so frostig, zum Maße seines Wertes machen! Wie viel reiche Seelen gehen uns durch Stolz verloren! - Ich sag' ihm nachher alles, Vult.« -- »Der Krätzer aber« - versetzte Vult - »könnte etwas besser sein. - Das tu'! - Ich halt' ihn selber für keinen selbstsüchtigen Eisvogel und Frost-Zuleiter weiter. - Er wußte zwar von deinem Gesichte und von der schnellen Kur meiner stadtkündigen Erblindung nichts mehr; es mag aber mehr in seiner Memorie liegen und ohnehin darin, daß ein fremder Mensch ihm weniger sein muß als sein eigner.« Und hier ergoß er sich, ohne Antwort abzuwarten, in seine Flöte, seine zweite Luftröhre, sein Feuerrohr, und blies schon trefflich, als der Graf kam. Dieser hörte das Spiel aus und sagte nichts. Walt konnte nichts sagen; er hatte den Mond, den Grafen, den Wein, die Flöte und sich selber im Kopfe. Der Mond hatte die mit Windmühlen besetzten Höhen erstiegen und glänzte vom Himmel herunter in die weite Ebene und den Fluß voll Licht. Der Notar sah auf dem Gesicht des Jünglings ein ernstes, tiefes und schmachtendes Leben wehmütig im Mondschein blühen. Die Töne wurden ihm ein Tönen, die Flöte setzt' er schon als ein Posthorn auf den Bock, das ihm den neuen Freund und die süßeste Zukunft davonblase in weite Fernen hinein; »und wo kann der Gute wiederfinden,« dachte Walt, »was er verlassen und beweinen muß, eine Geliebte wie Wina?« - Länger konnt' er sich nicht halten, er mußte die zarte Hand des Grafen haben. Da er unbeschreiblich delikat sein wollte, und zwar in einem Grade, der, hofft' er, über die ältesten französischen Romane der französischen Weiber hinauslief: so erlaubt' er sich nicht von weitem zu bemerken, daß die Achse an Klothars Braut-Wagen zerbrochen sei. »Wir hätten uns früher«, sagte der Graf und drückte die Hand, »sehen sollen, eh' die Sphinx, wie ein sehr wackerer Dichter die Liebe beschreibt, mir die Tatzen zeigte.« - Walt war der wackere Dichter selber gewesen. Mit diesem silbernen Leitton wurd' er ordentlich von dem zur Saite gespannten Liebesseil, das ihn gab und worauf er tanzte, auf geschnellt, er konnte die Himmel nicht zählen (der Flug war zu schnell), wodurch er fuhr. Er drückte mit seiner zweiten Hand seine erste recht an die fremde ergriffene und sagte - nichts von seiner dichterischen Vaterschaft, sondern -: »Edler Graf, glauben Sie mir, ich kannte Sie schon früher, ich suchte und sah Sie lange -- Blase, Guter« - wandt' er sich plötzlich zu Vult, der zwischen Himmel und Hölle auf- und niederfuhr mit jener männlichen Lustigkeit, die dem weiblichen hysterischen Lachen gleicht -, »milder, blase Hirtenlieder, Lautenzüge, Gottesfrieden.« Vult spielte noch fünf oder sechs Kehrause und Valetstürme und hörte gar auf, weil er sich zu gut dünkte und es zu lächerlich fand, den Abfall von seinem Herzen, den Text abtrünniger Empfindungen in Musik zu setzen. »Auch ich entsinne mich Ihrer Erscheinung, aber dunkel, doch wünsch' ich Ihr Inkognito nicht zu brechen«, versetzte der Graf. »Nein, es werde gebrochen« (rief der Notar) »ich bin der Notarius Harnisch aus Elterlein, derselbe, der den Brief des Fräuleins Wina im Park fand und übergab.« »Was?« sagte der Graf gedehnt und stand als König auf; er besann sich aber wieder und sagte ruhig: »Ich bitte Sie sehr ernsthaft um Ihren Namen und besonders um die Eröffnung, inwiefern Sie in die Brief-Sache verwickelt waren.« Walt sah sich nach dem Flötenisten um; aber dieser war nach seinen Sturm-Stößen in die Flöte seitwärts in einen Gang getreten, um zwei Herzens-Ergießungen aus dem Weg zu gehen, wobei nach seiner Überzeugung nichts Geringeres als er selber ersoff. Walt erschrak über des Grafen Erschrecken und sagte: er wünsche herzlich, nichts Unangenehmes gesagt zu haben. »Gott, was ist mit meinem Bruder?« rief er; eine Schlägerei und Vults Stimme lärmten im Gebüsch. »Im Park ist keine Gefahr« - sagte der Graf - »nur weiter, weiter!« - Walt erzählte schnell das Finden des offnen Briefes im Park. »Was, Monsieur?« rief jener laut neben dem lauten Wasserfall. »Er kann sich unterstehen, meine Briefe, die Er in meinem Parke aufgelesen, dem Generale zu übergeben, um sich bei ihm einzuschmeicheln, weil dieser der Rittergutsherr von Elterlein ist, Herr?« Walt wurde wie von zwei Blitzen getroffen, gelähmt und gereizt; mit sterbender milder Stimme sagt' er: »Ach Himmel! das ist aber zu ungerecht - Unglück über Unglück - ich bin wohl unschuldig - Nein, nein, nur nicht so entsetzlich ungerecht sei man - Und es war in Neupeters Park.« - * Die Perser glauben, daß die Statuen am jüngsten Tage Seelen von den Bildhauern begehren werden. (Zurück) Vult hörte Klothars Stimme und lief aus der Mooshütte her, worin er aus Verdruß seine alte Kunst, mit seinem Ich eine prügelnde Stube vorzustellen, getrieben hatte. Walt stand an der Statue der Vestalin, die den Kopf senkte, als wär' er ihr Ehemann. Der Flötenist, auf eine noch geistigere Schlägerei treffend, als seine gewesen, sah aus allem, daß Walt seine adelige Hülse und Raupen-Haut abgesprengt habe und als feste unbewegliche Puppe da hänge. Er bat sich sogleich vom Grafen einige Erklärung des Unwillens aus. »Sie liegt in der Sache« - versetzte, ohne ihn anzusehen, dieser - »nur begreif' ich nicht, wie man keck genug dieselbe Person aufsuchen kann, deren Briefe man lieset, man usurpiert und man in falsche Hände spielt, die ausdrücklich darin verbeten wurden.« - »O ich habe nichts gelesen« - sagte Walt - »ich habe nichts getan; aber ich erdulde gern das härteste Wort, da ich ein solches Unglück über Sie gebracht«, sagte Walt und zog im Krampf der Hand einen kurzen Theaterdolch aus dem menschenfeindlichen Überrock und schwang ihn unbewußt. Der Graf bog sich ein wenig zurück vor dem Sack-Stilett: »Was soll das?« sagt' er zornig. - »Herr Graf,« fing Vult sehr stark an, »auf mein Ehrenwort, er hat nichts gelesen, sag' ich, ob ich gleich nicht weiß, von was die Rede ist. - Gottwalt, besieh', was du in der Hand hast!« Glühend stieß dieser die Waffe in die Scheide der Tasche. »Herr van der Harnisch,« wandte Klothar sich zum Flötenspieler, »von Ihnen hab' ich mir eine besondere Erklärung auszubitten, inwiefern Sie mir diesen Notar unter fremdem Namen präsentieren konnten.« - »Ich stehe zu jeder da« - versetzte Vult - »als meinen Freund und Verwandten gab ich ihn - das bleibt er - ich konnt' ihn auch als mutmaßlichen Gesamt-Erben der van der Kabelschen Erbschaft präsentieren. Ist sonst noch eine Erklärung nötig?« - »Ich würde sie fordern,« versetzte der Graf, »wenn ich nicht eben in den Reise-Wagen stiege.« - »Ich bin erbötig, nachzusteigen und darin auseinanderzusetzen oder überall«, sagte Vult und ging dem Grafen beleidigt nach, der auf seinen Wagen mit stolzer Kälte zuschritt. »O hör' auf mich, schone mich,« bat Walt, »du weißt nicht, was ich ihm genommen.« - »Der Narr soll nicht hitzig reden, und du bist auch einer«, fuhr er den Notarius an. »Herr Graf, Sie sind mir noch Antwort schuldig«, sagte Vult. »Gar keine; aber ich frage: sind Sie beide Brüder?« sagte Klothar. »Vater und Mutter müssen Sie fragen, nicht mich«, sagte Vult. Der unglückliche Notar konnte matt den Sargdeckel nicht aufstoßen, zu welchem hinunter er die polternden Zurüstungen zu einem Duelle über seinem Kopfe hörte. »Wenn Sie niemand unter falschem Titel präsentiert haben als sich selber, so brauch' ich keine Erklärung; von Bürgerlichen forder' ich keine«, sagte der Graf und saß im Wagen. Vult ließ die Türe nicht schließen und rief noch hinein: »Können denn nicht die zwei Narren von Adel sein - oder gar drei?« Aber der Wagen rollte fort, und er blieb mit vergeblicher Tapferkeit zurück. Walt konnte erdrückt dem Menschen kein Glück nachwünschen, dem er das größte genommen; nicht einmal im Herzen wagt' er es, Wünsche auszudenken. Ohne Worte schlich er mit dem stillen Bruder aus dem verlornen Eden-Garten. Vult sah den Bruder unter der innern tiefhängenden Wetterwolke gebogen gehen; aber er sprach kein Wort zum Trost. Walt nahm dessen Hand, um sich an ein Herz anzuhalten, und fragte. »Wer kann mich noch lieben?« Vult schwieg und hielt seine Hand nur schlaff. Walt entzog sie; das steife scharfe Schweigen hielt er für eine Strafpredigt gegen seine Versündigung. Er ging weinend durch die lustigen Abend-Gassen, neben einem Bruder, um dessen eifersüchtige Brust die Tränen wie versteinernde Wasser nur Stein-Rinden ansetzten. »Warum hast du mich beschützen wollen?« sagte Walt. »Ich war ja nicht unschuldig. Weißt du alles mit dem Briefe?« Vult schüttelte kalt den Kopf; denn Walts frühere Erzählungen davon waren, wie alle seine von sich, aus blöder Demut zu karg und unbestimmt gewesen, als daß Vult sein altes, von der Welt gewecktes historisches Talent, jede Begebenheit rück- und vorwärts zu konstruieren und zu der kleinsten eine lange Vergangenheit und Zukunft zu erfinden, sehr dabei hätte zeigen können. Walt hatte von diesem Hoftalent nichts an sich; er sah und strich in einem fort ein Faktum malend an; und weiter bracht' ers nie. Walt erzählt' ihm nun das unglückliche Übergeben von Winas Brief an ihren Vater. »Ei Teufel!« - rief Vult verändert, denn er erriet nun alles und erschrak über die Verwicklung, in welche er den Bruder gezogen - »Schuppe dich droben bei mir ab.« - »Ja,« - sagte Walt - »und ob ich gleich kein Unglück wollte, so hätt' ich doch die Absicht nicht haben sollen, den Vater und die Braut zu sehen. Ach, wer kann denn sagen im vielfach verworrenen Leben: ich bin rein. Das Schicksal hält uns« (fuhr er auf der Treppe fort) »im Zufalle den Vergrößerungsspiegel unserer kleinsten Verzerrung vor - Ach, über dem leisen leeren Wort, über sanften Klängen steht eine stille bedeckte Höhe, aus der sie einen ungeheuern Jammer auf das Leben herunter ziehen.«* »Schäle dich nur zuvörderst aus dem Hunds-Meinau heraus«, sagte Vult sanfter, als sie ins stille, von Mondlicht gefüllte Zimmer traten. Schweigend hob der Notar den Kotzebuischen Zuckerguß, wie ein Strom sein Eis, tat sanft den Überrock und Koadjutor-Hut ab und strich die Locken wieder aus. Als Vult im Mondlicht dem betrübten Schelm das dünne Nankingröckchen wie einen Gehenkten am Aufhäng-Bändchen hinlangt' und er es überhaupt überlegte, wie lächerlich der Bruder mit dem Korkwams der Verkleidung auf dem Trocknen sitzen geblieben: so dauerte ihn der getäuschte stille Mensch in seinen weiten Steifstiefeln unsäglich, und ihm brach mitten im Lächeln das Herz in zwei Stücke von - Tränen entzwei. »Ich will dir« - sagt' er, sich hinter ihn wie hinter ein Schießpferd stellend - »das Zöpflein machen. - Nimm aber das Zopfband zwischen die Zähne; das eine Ende.« Er tats fast verschämt. Als Vult gar das weiche Kräuselhaar unter die Finger bekam und den brüderlichen Rücken vor sich hatte - der sehr leicht den Menschen auf einmal tot, fern und abwesend darstellt und durch diese Linienperspektive des Herzens das fremde mitleidig bewegt -: so hielt er dem Kopfe den Zügel des Haares ganz kurz am Genick, damit Gottwalt sich nicht umkehren könnte, weil er ihm mit fast schwerer Stimme (weinen konnt' er in solcher Stellung frei und lustig, wie er wollte) die Frage tat: »Gottwalt, liebst du einen gewissen Quoddeus Vult noch?« In der Stimme lag etwas Gerührtes. Walt wollte sich eiligst herumwerfen, aber er wurde an den Haaren gehalten. »O Vult, liebst du mich denn noch?« rief er weinend und ließ das Zopfband fahren. »Mehr als jeden und alle Spitzbuben hienieden,« - versetzte Vult und konnte schwer reden - »und darum krächz' ich wie ein Hund und wie ein Weib. Beiße wieder aufs Zopfband!« - Aber der Notar fuhr schnell herum und wurde schneeweiß, als er Tränen über das Wellen schlagende Gesicht des Bruders rinnen sah: »O Gott! was fehlt dir?« rief er. - »Vielleicht nichts oder so etwas,« sagte Vult, »oder gar Liebe. So fahr's nur heraus, das verfluchte Wort, ich war eifersüchtig auf den Grafen. Es ist nicht sauber vom Bruder, sagt' ich mir, daß er so reviert und jagt, da man ihm mehr zugetan ist als allen Menschen, die der Satan sämtlich hole, und von welchen ich in der Tat so schlimm denke als irgendein Kirchen-Vater, ein griechischer oder römischer. Er muß nur nicht denken, mich mit lumpiger Geschwister-Liebe abzufinden. Mein junges Leben steht schon sehr trocken da, die Freihäfen der Liebe hat ihr Meer verlassen - und keine Katze kann hinein und ankern - Bruder, ich hatte oft einige Tage voll Ohrenbrausen, Nächte voll Herzgespann - Der Donner, ich weinte einmal abends gegen halb 12 Uhr« -- Er mußte aber innen halten, die Unterlippe des bestürzten Notars zog ein heißer schwerer Liebesschmerz tief herunter. »Was betrübt dich so?« fragte Vult. Walt schüttelte - schritt weit auf und ab - nahm bald ein Glas, bald ein Buch in die Hand - sah nichts an - schauete in den hellen Mond und weinte heißer. »So sei es gut!« sagte Vult; »wir wollen die alten sein«, und umarmte ihn, aber Walt riß sich bald los. Endlich faßt' er sich und sagte schmerzlich: »Muß ich denn alles unglücklich machen? Du bist heute der dritte Mensch. Die drei Wachskinder in meinem Traum.« Vult fragte, um ihn von den Schmerzen abzuführen, dringend nach dem Traum. Ungern, eilig erzählte Walt: »Verhüllte Gestalten gingen vor mir vorbei und fragten mich, warum ich nicht jammerte und nicht blaß würde. Eine nach der andern kam und fragte. Ich zitterte vor einer ungeheuern Entschleierung. Da flogen drei bildschöne Kinder aus Wachs vom Himmel, sie blickten freundlich, grüßten mich. Gebt mir die weißen Händlein und zieht mich hinauf, sagt' ich. Sie taten es, aber ich riß ihnen die Arme mit der Brust aus, und sie fielen tot herunter. Und schon als ich erwachte, sah ich noch einen fernen dunklen Leichenzug, der auf den Knien weiterzog. Der Traum ist eingetroffen.« Vult, dem der zornige Schmerz wie weggezaubert war, machte jetzt alle Anstalten zur Kur des fremden; er stellte ihm alles auf der leichtern Seite vor, klagte den giftigen Schmollwinkel in seiner linken Herzenskammer an, in welchem ein Schmoll-Kobold und Werwolf hause und feurig blicke, zog das Silber von den Giftpillen ab, die er bisher in seine Billette eingewickelt hatte, und machte sein Naturell bekannt, das ohne tüchtigen Zank nicht traktabel werde, wie die Haubenlerche allezeit singe, wenn sie keife, und schwur, Walt sei nicht der erste, dem er mit diesem Seelen-Pips beschwerlich falle, sondern der letzte; denn dessen grenzenlose Leutseligkeit stelle ihn gewiß davon her. Aber Walt wollte wenig Vernunft annehmen, hielt alles für opfernde Zartheit und warf ein, daß ihn Vult ja eben gegen den Grafen so feurig beschirmt und bisher zu diesem sogar den Weg gebahnet habe. »Aus Gift, Schatz,« sagte Vult, »und einigem Stolz dazu, nur darum. Hier,« - fuhr er fort und holte den mit zwei Siegeln verschlossenen Brief hervor - »lies den Beweis, ich habe dich voraus gerechtfertigt, und mich besonders.« Der Notarius machte aber das Blatt nicht auf, er sagte, er glaubte aufs Wort und verstehe ihn endlich, und jetzt sei ihm wieder um vieles besser. Vult ließ es dabei und drückte sich dem Bruder mit der lang verschobenen heißen Umarmung an das Herz, die seinen wilden Geist erklärte. Und der Bruder wurde glücklich und sagte: »Wir bleiben Brüder.« »Nur einen Freund kann der Mensch haben, sagt Montaigne«, sagte Vult. »O! nur einen«, sagte Walt - »und nur einen Vater und nur eine Mutter, eine Geliebte - und nur einen, einen Zwillings-Bruder!« Vult versetzte ganz ernsthaft. »Jawohl, nur einen! Und in jedem Herzen bleibe nur die Liebe und das Recht.« »Spaße wieder wie sonst, ich lache gewiß, so gut ich kann« - sagte Walt - »zum Beweise deiner Versöhnung; dein Ernst durchschneidet sehr das Herz.« »Wenn du willst, so kann wohl gescherzt werden« - sagt' er - »Und nein! Bei Gott nein! - Wenn die Kamtschadalen glauben - nach Steller -, von zwei Zwillingen habe jederzeit der eine einen Wolf zum Vater: so bin ich wahrlich dieser Wolfs-Bastard-Mestize-Mondkalb, du schwerlich. Jetzt, da wir alle klar über die Verwicklung sprechen können, darf ich dir sagen, daß du durchaus rein und recht gegen den Grafen gehandelt; nur daß du zu wenig Egoismus hast, um irgendeinen zu erraten. Klothar hat fast großen - wahrlich, ich greife heute niemand an, sondern schlage dir nach - Aber die Philosophen, junge gar, wie er, sind doch bei Gott den Augenblick egoistisch. Menschenliebende Maximen und Moralien sind, weißt du, nur Scherwenzel; ein Licht ist kein Feuer, ein Leuchter kein Ofen; dennoch meint sämtliches philosophisches Pack das Deutschland hinauf und hinab, sobald es nur sein Talglicht in das Herz trage und auf den Tisch setze, so heize das Licht beide Kammern zulänglich.« »Lieber Vult" - sagte Walt mit der allerzärtlichsten Stimme - »erlasse mir die Antwort; ich darf heute am wenigsten über den unglücklichen Klothar aburteilen, dem ich das Schönste genommen, und der nun einsam in der Nacht hinreiset mit nächtlichem Herzen in nächtliche Zukunft. Du bist rein, nicht ich; du kannst sprechen.« »So sprech' ich,« sagt' er, »der Philosoph hat sich diesen Abend gehäutet; und das bedeutet, wenns Spinnen tun, klares Wetter. Apropos! häute dich, aber besser und physisch!« - Das tat Walt; jener hielt ihn, als er sich zum Entkleiden auf den Stiefelknecht stellte. »Wie lächelt der Mond«, sagte Vult, »im Zimmer herum! « - Darauf setzte er hinzu: »Stelle dich in den süßen Schein und nimm wieder das Band-Ende zwischen die Zähne; jetzt flecht' ich dir dein Zöpflein mit ganz andern Empfindungen und Fingern als vorhin, pompöser Krauskopf!« - Darauf schieden sie ruhig und liebreich. Ende des zweiten Bändchens * Ein Wort, ein Glockenton reißet oft die Lauwine ins Fallen. (Zurück) Drittes Bändchen Nro. 33: Strahlglimmer Die Brüder - Wina Selige, heilige Tage, welche auf die Versöhnungsstunde der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen vergessenen Krieg nicht. Schlachten heitern den bezognen Himmel auf; beide Brüder standen nach der ihrigen im hellsten Wetter da und sahen sich und alles schön beleuchtet. Walt, der nichts war als Lieben und Geben, wußte jetzt gar nicht, wie er beides noch zärter, noch wärmer gegen seinen Bruder sein könnte; denn er trachtete nach dem höchsten Grade; die Narben der kleinen Gewissensbisse brannten ihn noch ein wenig, und die Tränen des sonst dürren Vults hatt' er in seiner Seele aufgehoben. Vult stand selber als ein Mensch mit neuen Melodien aus dem Kanon der Liebe da. Ob er diese gleich mehr durch Taten als durch Zeichen wirken ließ, so war sie doch zu sehen; sein häufiges Kommen, sein Nachgeben, seine Milde, seine Helfbegierde und bei dem Abschiede - wenn er eben schnell genug die Treppe und Unsichtbarkeit erwischen konnte - oft sein Bruder-Kuß verrieten sein Inneres. »Niemand«, sagte einst Walt zu ihm, »kann rührender aussehen als du, wenn du eben die Milde in deine Feueraugen bringst; so kamen mir immer die Sparter vor, wenn sie mit ihren Flöten auf das Schlachtfeld zogen.« - »Es muß mir freilich lassen,« sagte er, »als wenn ein Seehund Mama sagt;* ja ich möchte es fast einen leisen pianen Sturmwind nennen. Aber ernsthaft zu sprechen, ich bin jetzt noch bei Konzert-Geld und deswegen ein gutes frohes Lamm; mein Leben ist ein Buch voll geschlagnen Golds, die Blätter sind so weich und so beweglich, freilich Gold-Blättchen auch, mein Kind!« Walt nahm solche Reden gar nicht übel. Soweit indes auch Vult das Leben trieb - da er sich für den nächsten und lachenden Thron-Erben des abgegangenen Freund-Grafens ansehen konnte -, so merkte er doch, daß er darin seinen Bruder nur bezahle, nicht beschenke und daß dieser ihm stets um einen warmen Tag voraus war. Einst hörte Vult von seinem Klingeldraht - er hieß eine ganze Mädchen-Pension so - die ganze heftige Schutzrede wieder, womit der sanfte Walt gerade in der Liebes-Pause für ihn gegen seine Antipathetiker an Neupeters Tafel aufgetreten war. Walt hatte ihm nicht ein Wort davon gesagt - wiewohl aus Liebe nicht bloß gegen den Bruder, sondern auch gegen alle Welt, so wie er aus doppelter Liebe das Kabelsche Testament, das den Bruder ein wenig beleidigen konnte, zu zeigen verweigerte. Vult drückte ihm beim Eintritt im Feuer der Liebe beide Achseln und machte solchem dadurch Luft, daß er die Neupeterschen scherzend handhabte. Aber er traf die falsche Zeit, wo Walt am Hoppelpoppel schrieb und den Schreib-Arm allen fünf Weltteilen liebend, führend bot und wo er so sehr an den verlornen Klothar dachte, weil er eben im Buch Freudenfeste findender und gefundner Seelen beging. Mit eigner wehmütiger Freude schrieb er jetzt daran unter dem Betrauern des abgestorbenen Freundes, so wie sonst mit Schmerzen unter dem Nachjagen nach ihm; und wunderte sich über den Unterschied. Der schöne Begeisterungs-Mittag bei Neupeter, auf welchen ihn Vult durch seinen Dank zurückführte, stellte ihm den Grafen zu nahe wieder an die Brust; er bekannte es dem Bruder ganz offen, wie ihm der Ferne mit seinem ausgeleerten Dasein und mit der verlornen Wina immer in dem Kopfe liege und so schwer auf der Brust - wie er ihn einsam in dem zugesperrten Wagen sitzen und zurückdenken sehe - wie ihn ein solcher aus seinem Himmel in einen Käfig getriebene Adler erbarme und wie darum keine Marter bitterer auf der Erde gefunden werde als das Bewußtsein, einem edlen Geist irgendeine zugeführt zu haben. »O Vult, tröste mich nur recht, wenn du kannst« - sagt' er bei dem heftigsten Ausbruch - »Mein unschuldiger Wille tröstet mich wenig. Wenn du zufälligst, ohne böse Absicht, ja in der besten vielmehr, durch einen der Hölle entflognen Funken ein Krankenhaus oder ein unschuldiges Schweizerdorf oder ein Haus voll Gefangner angezündet hättest, und du sähest die Flammen und darauf die Gerippe: ach Gott, wer hälfe dir?« »Mir die kalte Vernunft und dir ich« (sagt' er, aber ohne Groll). »Denn ich werde mich bei der Mädchenpension hart neben mir an nach den nähern Umständen erkundigen. Als ich noch im Erblinden stand, saß ich jeden Abend drüben; es ist die schnelleste Wiener Klapperpost, die mir noch vorgekommen, da sie manche Sachen schon liefert, indem sie noch geschehen. - Der Graf wird nicht wie du durch Zufälle entschuldigt für seine niedrigen Voraussetzungen über das Lesen und Übergeben des Briefs; er macht' es ganz nach Art der Großen und der gallischen Tragiker, die, um etwas zu erklären, lieber die größte Sünde als eine kleine annehmen, lieber eine Blutschande als Unkeuschheit.« Der Notar gestand, Klothars Versündigung erleichtere die Last der seinigen; blieb aber bei seinem Gefühl. In der Gesellschaft kann man einen Menschen leichter herabsetzen als hinauf; bei Walt umgekehrt. Vult ging und versprach, bald wiederzukommen. Eines Nachmittags hüpfte Flitte, dessen Tanzsaal die ganze Stadt war, in Walts Stübchen. Er war gewohnt, an jedem Orte so viele und gute alte Bekannte zu zählen, als Einwohner darin waren; daher schlug er den zur Volksmenge gehörigen Notar ohne Umstände zur Freundes-Menge. Dieser glaubte gern, er komme seinetwegen, und wurde durch die Freude und die Angst, einen solchen Weltmann zu beherbergen, etwas außer sich gebracht. Sein Ich fuhr ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf unten in den beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideen-Körnchen aufzutreiben, das er dem Elsasser zutragen und vorlegen könnte zum Imbiß. Er fand wenig, was diesem schmeckte, aber der Elsasser hatte auch keinen Hunger und keine Zähne. Gelehrte Studierstuben-Sassen, welche die ganze Woche, Tag aus Tag ein, im Banquet und Pickenick der feinsten, reizendsten Ideen und Gerichte aus allen Weltaltern und Weltteilen schwelgen, bilden sich gar zu leicht ein, daß der Welt- und Geschäftsmann verdrüßlich und trocken bei ihnen werde, wenn sie ihn nicht immer heiß und fett mit Ideen übergießen am Bratenwender des Gesprächs, indes der Geschäftsmann schon zufrieden gestellt wäre, wenn er säße, und der Weltmann, wenn er am Fenster stände, oder vernähme, daß die Markgräfin gestern bei Tafel unmäßig genieset und daß der Baron von Kleinschwager, dessen Namen er gar nie gehört, diesen Morgen bloß durchpassiert ohne anzuhalten. Gelehrten kann das schwerlich zu oft vorgestellt werden; sie ziehen sonst immer einen Proviant-Wagen für die Gesellschaft mit mehreren oder wenigern Gedanken nach oder gar mit Witz. Rechte gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß jeder sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppeltgänger. Mit Flitten, der so leer an Realien war als Gottwalt an Personalien, konnte dieser wenig anfangen. Indes sprach, sang und tanzte der Elsasser, so gut es ging, trat oft ans Fenster und oft ans Bücherbrett und suchte darüber etwas zu sagen, weil er gern vor jedem mit dem prahlte, was jeder eben war. Einige Menschen sind Klaviere, die nur einsam zu spielen sind, manche sind Flügel, die in ein Konzert gehören; Flitte konnte nur vor vielen reden; und blieb im Duett fast zu dumm. Als endlich der gute Notar an der Langweile, die er zu machen glaubte, selber eine fand - denn im Gespräch, wie im Pharao, ist erwiesen der Gewinn (des Vergnügens wie des Geldes) nie größer als der Einsatz von beiden -: so studierte er am Elsasser heimlich den Franzosen (denn Elsaß, sagt' er, ist doch französisch genug) und goß ihn im Vorbeigehen ab für den Abgußsaal seines Romans und hob ihn auf. Unter dem Gießen macht' er plötzlich das Fenster zu und eine Verbeugung in den Garten durchs Glas hinaus, weil ihn Raphaela, welche drunten neben Wina der Vespersonne entgegenging, mit zurückgewandtem Kopfe leicht gegrüßet hatte. - Da flog Flitte herbei, Raphaela drehte sich, blickte schnell noch einmal um und erkannte nun diesen. Wina ging langsam und wie schwere Schmerzen tragend darneben, den Kopf nach der Abendsonne gehoben und das Schnupftuch mehrmals in die Augen drückend. Raphaela schien heftig zu sprechen und einzudringen und ordentlich an jeder nebligen Lebens-Stelle verborgnen tiefen Tränen-Quellen nachzugraben. Walt vergaß sich so, daß er laut seufzete. »Ich glaube nur,« setzt' er gemäßigter hinzu, »daß die gute Generals-Tochter weint.« - »Drunten?« fragte Flitte kalt. »So ists in Verzweiflung über den eingebüßten Grafen; denn sie kann seinen Verlust nicht überleben. Ein andermal! - à revoir, ami!« So flog er in den Garten hinab. Walt setzte sich nieder, stützte den Kopf auf die Hand, die seine Augen zudeckte, und hatte einen langen reinen Schmerz. Er war nicht imstande das liebliche Angesicht des schönen Mädchens oder dessen Leiden zu behorchen mit Blicken, wenn sie den Garten herwärts kam. Er erschrak vor der ersten Stunde, wo er bei ihrem Vater kopieren und ihr aufstoßen könnte. Die untergehende Sonne wärmte ihn endlich mütterlich aus dem Winterschlafe der bösen Stunde auf. Der Garten war leer; er ging hinunter. Er wußte nicht, was er drunten wollte. Im Gebüsch flatterte ein halb zerrissenes feines Brief-Papierblatt. Er nahm es, es war von weiblicher Hand und enthielt eine aus einem fremden Briefe kopierte Stelle, wie er aus den sogenannten Gänsefüßen ersah. Ein halbes Blatt, ein entzweigeschlitztes, eine Kopie eines zweiten Briefes - einen ersten hätt' er nie gelesen - konnt' er wohl ansehen und lesen: »'- Blumen entzwei. Glaub' es mir. O wie leicht und froh verschmerzt man eignen Schmerz! Wie so schwer den fremden, den man, wiewohl schuldlos und gezwungen, hergeführt! Wie kann ein Wesen, das doch auch ein schlagendes Herz hat, ganze Völker weinen lassen, wenn schon der erste Unglückliche, den man machen müssen, so wehe tut? Verbirg und verschweige aber meine Klage gewissenhaft, damit sie nicht meinen Vater quäle, der so leicht alles erfährt! Doch du tust es ohnehin. Indessen steht mein Entschluß so fest als je; nur will ich ihn bezahlen durch Schmerzen. Ich kann jetzt nichts tun als leiden und besser werden, ich gehe häufiger in die Kirche, ich schreibe öfter an meine Mutter, ich bin gefälliger gegen meinen Vater, gegen jede Menschen-Seele. Denn es gehört sich, daß ich, da mir die Kirche befiehlt, Freuden zu nehmen, es anderswo einbringe, wo sie es erlaubt, einige zu vermehren. Meine haben längst aufgehört und früher, als ich Ihn verloren. - O sei du glücklich, meine liebe Raphaela!' - Daraus kannst du sehen, Schönste, wie diese Wunde meiner W. mein zu weiches Herz zerdrücken muß. Leb' wohl! Das goldne Herz, wenn du es nicht schon beim Schmidt bestellet hast, muß durchaus drei Lot wiegen. Den Hasenbrecher und das Armband hat meine Mutter bekommen. Deine Raphaela.« Walt wurde unter dem Lesen aus seinem Fenster namentlich gerufen von Vult mit den freudigsten Mienen; er las es unterwegs gar aus. »Du kennst«, fing jener lustig an, »meine eustachische Famas-Trompete? - Nämlich meine kumäische Sibylle der Vergangenheit? Das heißet meine Mietfackel? - Himmel, verstehest du mich noch nicht? Ich meine meine historische Oktapla und acht partes orationis (denn so viele Mädchen sinds)? Zum Henker, die Schnappweife? Die Pension nämlich! Von dieser nun erfahr' ich eben folgendes aus reinster Quelle, weil der General, der sie zuweilen besucht, ihr, wie alle Neugierige, ebensoviel vorerzählt als abhorcht. Genau genommen ists die Dogaressa und Direktrice der Mädchen, die dem General für ein paar Neuigkeiten und Höflichkeiten gerade soviel Töchterseelen opfert, als mir referieren, acht. Es war vorgestern, daß der General sein Wiegenfest beging und nach seiner Sitte das heilige Abendmahl vor seinem Mittagsmahl nahm und darauf der Seelen-Arznei viel nachtrank. Die Tochter muß allemal mit beichten. Ich weiß nicht, ob du viel mit ausschweifenden Großen umgegangen, zu welchen Mönche am leichtesten sagen wie zu Hunden: faites la belle, für welche der Ohrenbeicht-Stuhl das Absonderungsgefäß ihres geistigen Übertrunks und Überfraßes ist, und welche, wie der Norden, ihre Bekehrung den Weibern verdanken, willst du anders Ludwigs XIV. letzten Stunden glauben. Kurz, der General mag so etwas sein. An seinem Geburts- und Beicht-Tage liebt' er von jeher seine Tochter ganz besonders, weil er eine Art Taufwasser - um zwei entlegne Sakramente durch Flüssigkeiten zu vereinen - den ganzen Tag unter der Gehirnschale dem Kopfe aufgießet. Er hat überhaupt das Gute, daß er aufrichtig gut gegen sie ist; er sieht ihr sogar nach, daß sie der ihm verhaßten protestantischen Mutter in Leipzig anhängt. Da er nun so den ganzen Tag mit seiner Beicht- und Vater-Tochter beisammen bleibt: so trinkt und weint er sehr. Er foderte jetzt Rechenschaft von ihr, warum sie noch so trauerte, daß sie fast den Grafen mehr zu lieben schiene als ihren Gott und die heilige Kirche und ihren Vater. Sie antwortete heftig: das sei es am wenigsten; sogar dem Kirchenrate Glanz, der öfters mit ihr über den heiligen Glauben gesprochen, habe sie nur höflich zugehört; den Grafen aber nicht mehr geliebt als jeden guten Menschen! Zablocki fragte erstaunt, warum sie ihn, bei ihrer Freiheit der Wahl, doch heiraten wollen. 'Ich dachte,' sagte sie, 'ich könnt' ihn vielleicht zu unserer Religion durch rechtes Aufopfern bringen.' Walt! einen Philosophen bekehren! Tauft und tonsuriert lieber eine Perücke! - Der General lächelte und weinte zugleich vor Lust, lief aber immer mehr auf das weiche zarte Wesen Sturm, stieg ins offne Herz und holte sich das zweite Geheimnis. Sie hoffte nämlich, ihrer abgeschiedenen protestantischen Mutter (und wohl dem verschuldeten Vater) zu Zeiten ein Kopfkissen aus dem reichen Ehebette zuzuwerfen; gestand es aber ohne Metaphern. Da konnte sich der trunkene Vater nicht enthalten, zu schwören, ihm solle lieber ein Traubenschuß in den Magen fahren, oder sein Warschauer Prozeß verloren gehen, woll' er je einem solchen seelentreuen Kinde etwas abschlagen oder aufdringen. Und so weiter! Bist du getröstet?« - Walt schwieg; Vult bat ihn um das zerrissene Blatt in seiner Hand. Er las es froh und fand darin seinen Bericht besiegelt und machte seinen Spaß über Raphaelens weibliche Weise, Herz und Wäsche, Größtes und Kleinstes ineinander zu stecken. Aber Walt sagte, eben das, so wie ihr Erzählen, beweise, daß die Weiber mehr episch seien, die Männer hingegen lyrisch. Ein Läufer Zablockis kam hinein und meldete, er solle morgen um 4 Uhr erscheinen zum bewußten Kopieren. Er verbarg mühsam den ganzen Abend die Stärke seiner Bewegungen. * Nach Bechstein lernt er Worte, Papa etc., murmeln. (Zurück) Nro. 34: Inkrustierte Kletten Kopierstunde Um 4 Uhr erschien Walt vor dem General, der wie gewöhnlich lächelnd den Blauäugigen aufnahm. Vergeblich hatte er vor einer Erinnerung an den Brief oder einer Erscheinung der Verfasserin gezagt. Zablocki gab ihm die namenlosen oder nur taufnamigen Briefe auf dem schön geäderten Sekretär samt Schreibbefehlen und ging davon. Mit so sehr ausgesuchten End-Lettern oder Final-Schweifen, als nur je aus Paris versandt werden nebst viel schlimmern Polaritäten, z.B. Robespierrischen Schweifen, Culs de Paris, kopierte der Notar und sah sich spät um. Das schöne Kabinet war von den Tapeten zu einer Blumenlaube gemalt, aber voll Blumendüfte, die aus einer wahren kamen, und voll grüner Dämmerung. Die Jalousie-Gitter waren vorgezogen, für ihn ein grüner Schleier eines blendenden Tags: sogar im Winter grünte ihn dieses Blätter-Skelett der vertrockneten bunten Zeit wie ein Zauber an. »In dem nahen Wandschrank hängt« - sagt' er zu sich - »Winas himmelblaues Kleid, denk' ich.« Wie auf einer sanftwallenden Wolke saß er und schrieb oft eine briefliche Wendung ab, die sich für seine Lage sehr gut schickte. Es wiegt' ihn auf und nieder, daß er sich doch mit ihr, mit derjenigen in einer Zimmer-Ebene, unter einem Dache befand, mit welcher er das Trauerband derselben Schmerzen trug und die ihm nach dem Untergang der Freundschaftssonne als stiller Liebes-Hesperus fortschimmerte. Er kopierte mit gespitzten Ohren, weil er (nicht ohne alle Hoffnung) in der Furcht dasaß, daß Wina gar ins Kabinet und an einen oder den andern Sekretär fliege, den hölzernen oder den lebendigen. Indes kam nichts. Er überlegte sehr, ob er nicht in den Wandschrank einbrechen und das himmelblaue Kleid als den blauen Äther der fernen Sonne leicht anrühren sollte mit Hand oder mit Mund - als der General eintrat, ihn erschreckte und das Kopieren pries und schloß. So glücklich ging die Schreibstunde und die Gefahr, Wina zu sehen, vorüber, und er wankte heim mit einem Kopfe, der sich ein wenig im Herzen vollgetrunken hatte. Auf den Turmknöpfen und Park-Gipfeln lag noch süßes rotes Sonnenlicht und weckte zugleich das Sehnen und Hoffen der Menschen in und außer Haßlau. Er kopierte den zweiten Tag, stets mit derselben Angst, daß Wina die Türe aufmache. Der dritte aber - wo wieder nichts kam - machte ihn, wie jeden Krieger die Zeit, so mutig und so zum Mann am vierten, daß er in der Tat sich sehnte nach Gefahr. Ganze Nächte mußte jetzt das fromme Mädchen vor seiner Seele stehen - er hatte dabei seinen ewigen Frühling -, bloß weil er einen Plan nach dem andern entwarf und verwarf, wie er noch jetzt, um die Folgen des offnen Briefs zu vergüten, etwan durch die Sanfte für den Grafen wirken könnte. Es wollte ihm aber nie etwas Bedeutendes einfallen. Am vierten Tage hört' er, unter dem Abschreiben einer schönen erotischen Gestikulation im Briefe, eine weibliche Singstimme, die, obwohl aus dem dritten Zimmer, doch ebensogut aus dem dritten Himmel kommen konnte. Er kopierte feurig weiter; aber eine Sonnenstadt nach der andern erbaueten in ihm diese Orpheus-Töne, und die Felsen des Lebens tanzten nach ihnen. Er erinnerte sich noch recht gut, was ihm Vult über Winas Singen geschrieben. Als er darauf unter dem Heimgehen dieselbe Stimme fortsingend vor sich mit einer Schachtel unter dem Arm auf der Treppe sah und auf jeder Staffel erstaunte und nachdachte: so macht' es ihm das schlechteste Vergnügen von der Welt, diese Stimme auf der Gasse zu einer andern sagen zu hören, ihr Fräulein - denn es war die Putzjungfer - komme erst nächsten Freitag aus Elterlein zurück -- er spürte ordentliches Sehnen, einmal in seinem Geburtsörtlein zu sein und aus der so heißen Stadt herauszukommen. Himmel, schloß er indes, wenn schon diese Putzjungfer-Karyatide der fernen Göttin so singt, wie muß erst diese glänzen, sowohl im Gesang als sonst! Er wurde unendlich begierig, einem Widerscheine der heiligen Nachbarschaft Winas ins Gesicht zu sehen, überhaupt einer Person, deren göttlichen Geist der Töne er, hinter ihr gehend, anbetete, kurz der Soubrette. Denn er glaubte längst, eine erste Sängerin sei gewiß nicht die letzte Monatsheilige oder eine Sirene; und eine babylonische Hetäre behalte keine Stimme, gesetzt sie hätte eine besessen; eine Meinung, die gutmütige Weltleute mehr seiner Unbekanntschaft mit Bühne und Welt zuschreiben sollten als seiner Dummheit. Er mochte kaum drei schnellere Schritte getan haben, um ihr vorzukommen-. als er drei Flüche und ein Kotwort vernahm. Er drehte sich heftig um, mit der glänzenden Ordenskette in Händen, die er der anscheinenden Ordensschwester der Sklavinnen der Tugend vom Sing-Halse gerissen; und in einer dunkeln Allee der Stadt ließ er Tränen fallen, darüber, daß eine solche rauhe Seele eine Singstimme besitze, und daß sie der heiligen so nahe wohne. Hoch aber zog Winas Gestalt in ihrem glänzenden Wolkenhimmel weiter; und ihm war, als könne nur ein Tod ihn, wie zu Gott, so zur Göttin bringen. Nro. 35: Chrysopras Träumen - Singen - Beten - Träumen Am Freitage darauf, wo Wina wiederkommen sollte, sprang er, ohne an sie zu denken, so innig-vergnügt aus dem Bette in den Tag, als wär's ein Brauttag. Er wußte keinen Grund, als daß er die ganze Nacht einen immer zurückflatternden Traum gesehen, wovon er kein Bild und Wort und nichts behalten als einige anonyme Seligkeit. Wie Himmelsblumen werden oft Träume durch die Menschennacht getragen, und am Tageslicht bezeichnet nur ein fremder Frühlingsduft die Spuren der verschwundenen. Die Sonne blitzte ihm reiner und näher, die Menschen sah er wie durch einen Traum der Trunkenheit schöner und werter gehen, und die Quellen der Nacht hatten seine Brust mit so viel Liebe vollgegessen, daß er nicht wußte, wohin er sie leiten sollte. Zu Papier sucht' er sie anfangs zu bringen, aber kein Streckvers und kein Kapitel gelang. Er hatte einen Tag wie nach einer vertanzten Nacht: man will nichts machen als höchstens Träume, und auch nichts anderes haben - alles soll sanft sein, sogar die Freude - sie soll nicht mit Windstößen an den Flügeln reißen, still sollen die ausgestreckten Schwingen das dünne Blau durchschneiden und durchsinken - nur Abendlieder will der Mensch sogar am Morgen, aber kein einziges Kriegslied, und ein Flor, aber ein hellgefärbter, bezieht und dämpft die Trommel des Erden-Tobens. Walt konnte nichts anders machen - »nur heute kein Instrument, das gebe Gott!« wünschte er - als einen Spaziergang in das Van der Kabelsche Hölzchen, das er einst erben kann, und wo er den entfremdeten Grafen zum erstenmale auf der Erde gesehen. Um ihn flogen, gingen, standen Träume aus tiefen Jahrhunderten - aus Blüten- und Blumenländern - aus Knabenzeiten - ja, ein Träumchen saß und sang im spannenlangen grünen Weihnachts-Gärtchen der Kindheit, das sich der kleine Mensch auf vier Rädern am Faden nachzieht. Siehe, da bewegte vom Himmel sich ein Zauberstab über die ganze Landschaft voll Schlösser, Landhäuser und Wäldchen und verwandelte sie in eine blütendicke Provence aus dem Mittelalter. In der Ferne sah er mehrere Provenzalen aus Olivenwäldern kommen - sie sangen heitere Lieder in heiterer Luft - die leichten Jünglinge zogen voll Freude und voll Liebe mit Saitenspielen in die Täler vor hohe goldbedeckte Burgen auf fernen Bergspitzen - aus den engen Fenstern sahen ritterliche Jungfrauen herunter - sie wurden herabgelockt und ließen in den Auen Zelte aufspannen, um mit den Provenzalen ein Wort zu reden (wie in jenen Zeiten und Ländern, wo die Erde noch ein leichtes Lustlager der Dichtkunst war und der Troubadour, ja der Conteur sich in Damen höchsten Standes verlieben durfte) - und ein ewiger Frühling sang auf der Erde und im Himmel, das Leben war ein weicher Tanz in Blumen. »Süße Freudentäler hinter den Bergen,« sang Walt, »ich möchte auch hinüberziehen in das morgenrote Leben, wo die Liebe nichts verlangt als eine Jungfrau und einen Dichter - ich möchte drüben in wehender Frühlingsluft mit einer Laute zwischen Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell aufhören, wenn Wina vorbeiginge.« Darauf kehrte Walt in sein Kämmerchen zurück, fand aber, mit seiner geographischen und historischen Provence in der Brust, so wenig Platz darin, daß er mit einiger Kühnheit - denn die Poesie hatt' ihn sehr gleich und frei gemacht - in Neupeters Park hinabspazierte, wo er Floren, mit Früchten wie eine Pomona beschwert, in den Wurf kam und die Hand gab. Dem Dichter glänzet die ganze Welt, doch aber eine herzogliche, königliche Krone matter als ein schöner weiblicher Kopf unter Krone und Herzogshut, oder als ein anderer, der nichts aufhat als den Himmel über sich; er ist bescheiden, wenn er einer Fürstin, und aufgerichtet, wenn er einer Hirtin die Hand gibt: nur zu den Vätern beider lässet er sich oft gar nicht herab. In einer Laube fand er ein Strumpfband. Ein italischer Vers - denn Raphaela verstand welsch, obwohl er nicht - und ihr Name war darauf gestickt. Da er an diesem geistigen Morgen merkte, daß er einen provenzalischen Ritter und Poeten zugleich in sich verbinde: so faßt' er den freien Entschluß, das Strumpfband - denn er hielts für ein Armband - selber Raphaelen, die er brieflesend schleichen sah, mit einigen bedeutenden Worten zu überreichen. Er legte das Band weich vorn auf die flache Hand wie auf einen Präsentierteller und trug es ihr zart mit der Wendung entgegen - die er aus vielen andern über weltlichen Arm und Arm aus den Wolken ausgelesen -: »er sei so glücklich gewesen, ein schönes Band der Liebe zu finden, eine Sehne an Amors Bogen, gleichsam den größern Ring an schöner Hand, und er wisse nicht, wer glücklicher sei, der, so ihn abzöge, oder der ihn anlegte.« Raphaela errötete beschämend-verschämt, nahm das Band, steckt' es schnell ein und ging stumm fort; Walt dachte: fast ein gar zu zartes Gemüt! Er brachte noch viel von seiner Morgenfreude an die Wirtstafel: als er zu seinem Erstaunen da erfuhr - was er schon längst gewußt -, daß an der Juden-Vigilie, am Freitag, die Katholiken fasteten. Er legte Messer und Gabel neben den Teller hin. Keinen Bissen - und wär' er aus dem Reichs-Ochsen in Frankfurt bei der Kaiserkrönung ausgeschnitten gewesen - hätt' er noch an die Zunge heben können. »Ich will nicht köstlich schwelgen«, dachte er - betagtes Vaccinefleisch war aufgesetzt -, »in der Stunde, wo eine so wohlwollende Seele wie Wina darben muß.« - Wie eine Ehefrau hatte er bei der Gleichgültigkeit gegen eigene Eß-Entbehrungen ein weinendes Erbarmen über fremde. Er dachte nach und fand es immer härter, daß die Kirche auch Nonnen fasten ließe, nicht die Mönche allein; da es vielleicht schon genug wäre, wenn nur Spitzbuben, Spieler, Mörder nichts Rechts zu essen hätten. Er ging in die Kopierstube zum General, nicht nur mit dem völligen Wunsche, das Mädchen zu sehen, das heute - an seinem romantischen Tage - eine Märtyrin gewesen, sondern auch mit der Gewißheit, sie sei von Elterlein zurück und erscheine. Während er mit unsäglichem Vergnügen einen äußerst frechen Brief einer gewissen Libette, wie er nur aus der moralischen Lutetia* voll Epikurs-Ställe kommen kann, ins Reine schrieb - denn er schmeckte in diesen Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen geschwefelten -, so drang aus den halboffnen Zimmern kein Laut in sein Kabinet, den er nicht zu einer Ankündigung einer Erscheinung zitternd machte. Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Töne hier und dort romantisch durchklingen: so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano - Rufe des Generals - Antworten an Wina vor - Endlich hört' er wirklich Wina selber im nächsten Zimmer mit ihrem Vater vom Singen sprechen. Er glühte bis zur Stirn hinauf und bückte den unruhigen Kopf fast bis an die Feder nieder. Sie hatte jenen innigsten, herzlichsten, mehr aus der Brust als Kehle heraufgeholten Sprachton, den Weiber und Schweizer viel häufiger angeben als andre Leute. Indem der General eintrat und Walt flammend fortkopieren wollte: hatt' er das Unglück, daß das Mädchen Singnoten aus dem Kabinette fliegend wegholte, ohne daß er vor lauter Zartheit etwas gesehen hatte, wenn man nicht die weiße Schleppe zu hoch anschlagen will. Bald darauf fing im zweiten Zimmer ihre Singstimme an - »O nein doch,« rief der General durch die offnen Türen, »den letzten Wunsch von Reichard meint' ich.«** Sie brach ab und fing den begehrten Wunsch an. »Singe«, unterbrach er sie wieder, »nur die erste und letzte Strophe ohne die ennuyanten.« Sie hielt innen, mit Fingern über den Tasten schwebend, und antwortete: »Gut, Vater!« Die Verse heißen: Wann, O Schicksal, wann wird endlich Mir mein letzter Wunsch gewährt: Nur ein Hüttchen, klein und ländlich; Nur ein kleiner eigner Herd; Und ein Freund, bewährt und weise, Freiheit, Heiterkeit und Ruh'! Ach und Sie, das seufz' ich leise, Zur Gefährtin Sie dazu. Vieles wünscht' ich sonst vergebens; Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens Irgendwo ein Friedens-Tal; Edle Muß' in eigner Wohnung Und ein Weib voll Zärtlichkeit, Das, der Treue zur Belohnung, Auf mein Grab ein Veilchen streut. Wina begann, ihre süße Sprache zerschmolz in den noch süßern Gesang, aus Nachtigallen und Echos gemacht - sie wollte ihr liebewarmes Herz in jeden Ton drängen und gießen, gleichsam in einen tönenden Seufzer; - den Notar umfing der lang geträumte Seelenklang mit der Herrlichkeit der Gegenwart so, daß ihn das heranrollende Meer, das er von fernen rollen und wallen sah, nun mit hohen Fluten nahm und deckte. Der General sah unter dem Singen der Kopie des frechen letzten Briefes mit einiger witziger Heiterkeit auf dem Gesichte durch und fragte lächelnd: »Wie gefällt Ihnen die wilde Libette?« - »Wie der jetzige Gesang, so wahr, so innig und so tief gefühlt«, versetzte Gottwalt. - »Das glaub' ich auch«, sagte Zablocki mit einem ironischen Mienen-Glanz, den Walt für Hör-Verklärung nahm. »Was sind so Ihre vorzüglichsten Notariats-Instrumente bisher gewesen?« fragte der General. Walt gab viele kurz und schleunig an, sehr verdrüßlich, daß er sein Ohr - wie sein Leben - zwischen Gesang und Prosa teilen sollte. Ob er gleich sich so weniger Seelenkräfte und Worte dabei bediente, als er nur konnte: so war für Zablocki doch kein Mensch - weder aus Wetzlar noch Regensburg oder aus irgendeinem schriftstellerischen bureau des longitudes et des longueurs - zu lang, zu weitschweifig, sondern bloß zu abrupt. »Ich glaube,« fuhr Zablocki fort, »Sie machten auch einige Sachen für den Grafen von Klothar?« »Keine Zeile«, versetzte Walt zu eilfertig; er war völlig von den schönen Tönen weggespült und begriffs nicht, daß der General, der selber diese schönen Laute vorgeschrieben, sie über platte verhören wollte. »O Gott, wie kann ein Mensch nicht im harmonischen Strome untersinken, sondern daraus noch etwas verstecken, besonders die Zunge? Ist das möglich, zumal wenn es einen so nahe angeht wie hier den verwaisten General?« - Walt glaubte nämlich, der General, der von der Frau und auch von der Jugend geschieden war, habe solche und ähnliche Zeilen wie Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens -- Und ein Weib voll Zärtlichkeit -- bloß als Nachtigallen-Darstellungen eigener Seelen-Klagen singen lassen. Es konnte ihn weit mehr rühren - zumal da es auch viel reiner war -, wenn er Ton-Sprüche auf fremde Leiden und Wünsche, als wenn er sie auf eigne bezog; und darum war ihm der vergebliche Anteil an Zablocki so unlieb. Vult aber, dem er alles vortrug, sprach später den Weltmann mit diesen Worten frei: »Er ist an Hof-Konzerte gewöhnt, mithin an Taub-Bleiben - Wie Cremen ist das Weltleben gleich kalt und süß; - indes hat der Weltmann oft viel Ohr bei wenig Herz (wie andere umgekehrt) und behorcht wenigstens die Form der Tonkunst ganz gut.« »Keine Zeile«, hatte Walt eilfertig gesagt. - »Wieso?« versetzte Zablocki. »Mein Gerichtshalter sagte mir gerade das Gegenteil.« Hier entfuhren Walten die Tränen; - er konnte nicht anders, die letzten Sang-Zeilen hatten ihn mit- und weggenommen; die Scham über die unwillkürliche Unrichtigkeit trug weniger bei: »Wahrhaftig« - versetzt' er - »das meint' ich eben; denn die Schenkungs-Akte wurde unterbrochen - die ersten Zeilen schrieb ich natürlich.« Der General schrieb die Verwirrung des gerührtesten Gesichts nicht der schönern Stimme zu, sondern seiner eignen - brach gutmütig mit den Abschiedsworten ab, daß er auf einige Wochen das Kopieren einstelle, weil er morgen mit seiner Tochter nach Leipzig auf die Messe reise. Hier hörte das Singen auf und Walts kurzes Entzücken. * Diesen Namen Kotstadt trug sonst Paris in unbildlicher Beziehung. (Zurück) ** S. 10 in Reichards Lieder-Sammlung, worin manche das zehntemal besser klingen als das erstemal, und Dichter und Komponist meistens ihr gegenseitiges Echo sind. (Zurück) Nro. 36: Kompaßmuschel Träume aus Träumen Auf der hellen Gasse war dem aus dem Zablockischen Hause wankenden Notar, als sei ihm etwas aus den Händen gezogen, etwa ein ganzer brennender Christbaum oder eine Himmelsleiter, die er an die Sonne anlegen wollen. Plötzlich sah er - ohne zu fassen wie - die böse After-Sängerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr Wina gehen, in die katholische Kirche. Letztere macht' er ohne Umstände zur Simultankirche und trat der zarten Nonne nach, um von ihr die Zeile: »Wann, o Schicksal, wann wird endlich« fortsingen zu hören; denn sein inneres Ohr hörte sie noch ganz deutlich auf der Gasse. Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars, ihr schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet, ihr weißes Kleid floß die Stufen herab. - Der Meßpriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle Bewegungen - die Altarlichter loderten wie Opferfeuer - ein Weihrauchwölkchen hing am hohen Fensterbogen - und die untergehende Sonne blickte noch glühend durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wölkchen - unten im weiten Tempel war es Nacht. Walt, der Lutheraner, dem ein betendes Mädchen am Altare eine neue himmlische Erscheinung war, zerfloß fast hinter ihrem Rücken in Licht und Feuer, in Andacht und Liebe. Als wäre die heilige Jungfrau aus dem beflammten Altarblatte, worauf sie gen Himmel stieg, herabgezogen auf die Stufen, um noch einmal auf der Erde zu beten, so heilig-schön sah er das Mädchen liegen. Er hielt es für Sünde, fünf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin gerade ins fromme Angesicht zu sehen, obgleich diese fünf Schritte ihn fünf goldne Sprossen auf der Himmelsleiter höher gebracht hätten. Zuletzt zwang ihn sein Gewissen, gar selber - wiewohl er protestantisch dachte - hinter den stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten; die Hände waren schon längst gehörig gefaltet gewesen, eh' er nur darauf gedacht, etwas dazu zu beten. Es ist aber zu glauben, daß in der Welt hinter den Sternen, die gewiß ihre eignen, ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat, schon das unwillkürliche Händefalten selber für ein gutes Gebet gegolten, wie denn mancher hiesige Handdruck und Lippendruck, ja mancher Fluch droben für ein Stoß- und Schußgebet kursieren mag; indes zu gleicher Zeit den größten Kirchenlichtern hienieden die Gebete, die sie für den Druck und Verlag ohne alle Selbst-Rücksichten bloß für fremde Bedürfnisse mit beständiger Hinsicht auf wahre männliche Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten, droben als bare Flüche angeschrieben werden. Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern Engel des Lichts ausgeschneuzet werden, wenn solche Konsistorialvögel, zu völligen Galgenvögeln gerupft, im Himmel fliegen: so dürfen verkannte Galgenvögel dieser Art in ihren theologischen Journalen, falls sie droben welche schreiben, mit Recht darauf aufmerksam machen, daß die zweite Welt wunderliche Heiligen habe und noch manche Aufklärung brauche, bis sie so weit vorrücke, daß sie Gebete auf dem Theater und Gebete auf dem Schreibepult, nach einem liturgischen Stilistikum, so zu sagen, abgeflucht, gleich gut aufnehme. Walt blieb, bis Wina aufstand und vorüberging, um sie anzusehen. Er konnt' es aber nachher gar nicht begreifen, daß er, als sie in der größten Nähe war, unwillkürlich wie krampfhaft die Augen zugedrückt; »und was halfs mir viel,« sagt' er, »daß ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte?« Er schweifte aus der Stadt hinaus. Es war ihm, als wenn zwei einander entgegenwehende Stürme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten. Draußen stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte Licht. Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor, große Erregungen - z. B. wenn er irgendeinen Virtuosen gesehen, und wär's auf dem Tanzseile gewesen - dadurch zu nähren und zu stillen, daß er sich frei einen Superlativ des Falls austräumte, wo er die Sache noch millionenmal weiter trieb. Er wagte dreist den herrlichsten Traum über Wina und sich. »Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein« - fing er an - »zufällig reis' ich durch mit Suite; ich bin etwa ein Markgraf oder Großherzog, nämlich der Erbprinz davon - noch jung (doch ich bins jetzt auch), so bildschön, sehr lang, mit so himmlischen Augen, ich bin vielleicht der schönste Jüngling in meinem Lande, ganz ähnlich dem Grafen - Sie sah mich vor dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber; da wirft ein Gott aus dem Himmel den unauslöschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust, als er das Zeichen, einen Erbprinzen auf einem Araber, erblickt. Ich sah sie aber nicht im Galopp. Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf, sondern besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg, wovon man mich versicherte, daß er die schönsten Aussichten des Dörfchens um sich sammle. Und ich fand es auch wahr. Ich komme vor die hinabsteigende Sonne, auf goldnen Bergen der Erde stehen goldne Berge der Wolken; o nur die glückliche Sonne darf hinter die seligen Gebürge gehen, welche das alte, ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens umschließen - Und ich sehne mich bitter hinüber, weil ich noch nicht lieben durfte als Prinz, und träume mir Szenen. Da schlägt eine Nachtigall hinter mir so heiß, als zöge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust; sie sitzt auf der linken Schulter der Pfarrtochter, die, ohne von mir zu wissen und mich zu sehen, herauf vor die Abendsonne gegangen war. Und ihre beiden Augen weinen, und sie weiß nicht warum, denn sie schreibts den Tönen ihrer zahm gemachten Philomele zu. Ein Wesen seh' ich da, wie ich noch nie gesehen, ausgenommen im Konzert - doch es ist eben Wina - eine Menschen-Blume seh' ich, die ohne Bewußtsein prangt und deren Blätter nichts öffnet und schließet als der Himmel. Abendröte und Sonne möchten ordentlich gern näher zu ihr, das Purpurwölkchen wünschte herunter, weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht, sie zieht alles Leben an sich heran. Eine Turteltaube läuft um ihre Füße und girrt mit zitternden Flügeln. Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren Büschen und singen um die singende herum. Hier wendet sich ihr Blau-Auge von der Sonne und fällt aufgeschlagen auf mich; aber sie zittert. Auch ich zittere, aber vor Freude, und auch ihrentwegen. Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin; wir sind uns in nichts gleich als in der Schönheit, denn meine Liebe ist noch heißer als ihre. Sie bückt ihr Haupt und weint und bebt, und ich glaube nicht, daß allein mein hoher Stand sie so erschüttert. Was gehen mich gefürstete Hüte und Stühle mehr an? Ich schenke alles dem Gott der Liebe hin; 'wenn du mich auch kennst, Jungfrau,' sag' ich, 'so liebe mich doch.' Sie redet nicht, aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schultern und singt. 'Sieh!' sag' ich ehrerbietig und mehr nicht; und nehme ihre rechte Hand und drücke sie mit beiden Händen fest an mein Herz. Sie will sie aber mit der linken holen und losmachen; aber ich fasse und drücke nun auch die linke. So bleiben wir, ich seh' sie unaufhörlich an, und sie blickt zuweilen auf, ob ichs noch tue. 'Jungfrau, wie ist dein Name?' sag' ich spät. So leise, daß ichs kaum vernehme, sagt sie: 'Wina.' Mich durchzittert der Laut wie eine ferne alte Bruder-Stimme. 'Wina bedeutet Siegerin', antwort' ich. Sie drückt, glaub' ich, schwach meine Hand; die Liebe hat sie erhoben, über Pfarrers- und über Prinzenstand. So blick' ich sie unaufhörlich an, und sie mich zuweilen - die rufenden Nachtigallen schließen uns ein - die blühenden Abendwolken gehen unter - der lächelnde Abendstern geht unter - der Sternenhimmel zieht sein Silber-Netz um uns - wir haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben. Da fängt eine ferne Flöte hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut, was uns schmerzt und freuet: 'Es ist mein guter Bruder' sag' ich, und im Dorfe wohnen meine lieben Eltern.'« - Hier kam Walt zu sich; er sah umher, im Flusse (er stand vor einem) sank sein Fürstenstuhl ein, und ein Wind blies ihm die leichte Krone ab. »Es wär' auch zuviel für einen Menschentraum, sie gar zu küssen«, sagt' er und ging nach Hause. Unterwegs prüft' er die Rechtmäßigkeit des Traums und hielt ihn so Stück für Stück an den moralischen Probierstein, daß er ihn auf die beste Weise zum zweitenmale hatte. So hält sich die fromme Seele, welche bange schwimmt, gern an jedem Zweige fest, der auch schwimmt. So ist die erste Liebe, wiewohl die unverständigste, doch die heiligste; ihre Binde ist zwar dicker und breiter - denn sie geht über Augen, Ohren und Mund zugleich -, aber ihre Schwungfedern sind länger und weißer als irgendeiner andern Liebe. Vor Neupeters Hause unten sah er lang zu seinem Fenster auf, seine Zelle kam ihm ordentlich fremd vor und er sich, und es war ihm, als müsse der Notar jede Minute oben herausgucken auf ihn herunter. Plötzlich fing am Fenster eine Flöte an; er fuhr sehr kurz zusammen, da sein lieber Bruder ihn droben erwartete. Er brachte ihm das Feuer zu, in welches Wina ihr mildes Öl gegossen. Vult war ganz liebreich und freundlich; denn er hatte unterdessen im Doppel-Roman das neue Stück Gartenland besehen und umschritten, das Walt bisher daran fertig gemacht und gemauert - und hatte da gefunden, daß die grünen Hängbrücken, die vom Herkules-Tempel der Freundschaft wegführten, sehr schön gut gebogen und angestrichen, die Moos- und Rinden-Einsiedelei der ersten Liebe aber, die sich selber noch für einsam und einherzig hält, vortrefflich, nämlich still und dunkel und romantisch angelegt worden, so daß nun nichts weiter mehr fehlte als die Vogelhäuser, Klingel-Häuschen, Satyrs und andere Garten-Götter, die Vult seines Orts und Amts von der Brücke an ausschweifend zu postieren hatte. Er pries gewaltig, wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzückte als erweichte. »Brüderlein,« sagt' er, »kennt' ich dich und die Macht der Kunst nicht so gut, so schwür' ich, du wärest schon auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe gestanden und hättest geblitzt; so wahr und hübsch steht jeder Funke da.« Denn Vult hatte bisher, ungeachtet oder vielmehr wegen aller Offenherzigkeit des Bruders, das Vergißmeinnicht der Liebe nicht in ihm bemerkt, weil alles in ihm voll Liebes-Blumen stand, und weil Vult selber jetzt nicht viel aus den Weibern machte. Sein Schmollgeist, sagt' er oft, meide den weiblichen; man müsse aus einem lackierten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steht, eine römische Säule werden, deren Kapitell jene Blumen bloß bekränzen. Sehr erstaunte Walt - der im Doppelroman nur der Dichter, nämlich das stille Meer gewesen, das alle Bewegungen, der Seegefechte und des Himmels, abspiegelt, ohne selber in einer zu sein -, als Vult aus dem Buche von weitem schließen wollte, er liebe vielleicht. Er glaubte dem gereiseten Flötenisten aufs Wort; sagte aber selber keines davon und war heimlich ganz vergnügt, daß ers jetzt gerade so habe, wie ers hinschreibe. Stundenlang frappierte ihn eine neue Rolle, worin er etwas zu spielen hatte, was schon millionenmal auf allen Planeten gespielet worden. Als nun die Brüder nach ihrer Gewohnheit ihre gegenseitigen Tagesgeschichten gegeneinander austauschen wollten: so ging dem Notar die seinige sehr schwer und klebend von der Zunge; - er hielt sich mehr an den General und an dessen mémoires érotiques, um seine eignen zu decken. Er lobte die geistige reine Blüte in jenen; Vult lächelte darüber und sagte: »Du bist eine verdammte gute Seele!« Die Liebe, welche das ganze Herz öffnet, so wie verschenkt, verschließet und behält doch den Winkel, wo sie selber nistet; und diktiert dem besten Jüngling die erste Lüge, wie der besten Jungfrau die längste. Walt begleitete - bei seinen innern Bewegungen, deren Blutkügelchen wie höhere Kugeln einen freien Himmel zum Bewegen brauchten - den Bruder nach Hause. Dieser begleitete erfreut wieder jenen; Walt wieder diesen, um vor Winas Fenstern auf dem Heimwege vorbeizukommen. So trieben sie es oft, bis der Notarius siegte. Einsam unter dem breiten Sternenhimmel konnt' er die glühende Seele recht ausdehnen und abkühlen. »Sollt' ich denn den romantischen, so oft gedichteten Fall jetzt wirklich in der Wirklichkeit erleben, daß ich liebte?- sagte er. »Nun so will ich« - setzt' er dazu, und der bisher winterlich eingepuppte, gefrorne Schmetterling sprengte die Puppen-Hülse weit ab und fuhr auf und wiegte feuchte Schwingen - »lieben wie niemand und bis zum Tod und Schmerz - denn ich kanns ja gut, da sie mich nicht kennt und nicht liebt und ich ihr nichts schade und sie sehr von Stand ist und jetzt vollends auf 1 Monat verreiset. Ja, es sei ihr ganz und voll hingereicht, das unbekannte Herz, und wie unterirdischen Göttern will ich ihr schweigend opfern. O ich könnte diese Sterne für sie pflücken zum blitzenden Juwelen-Strauß und weiche Lilien aus dem Monde darein binden und es in ihrem Schlafe neben ihr Kissen legen; wüßt' es auch kein Wesen, wer es getan, ich wäre zufrieden.« Er ging die Gasse herab, an Zablockis Haus. Alle Lichter waren ausgelöscht. Eine kernschwarze Wolke hing sich über das Dach, er hätte sie gern herabgerissen. Alles war so still, daß er die Wanduhren gehen hörte. Der Mond schüttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks. »O wär' ich ein Stern,« - so sang es in ihm, und er hörte nur zu - »ich wollte ihr leuchten; - wär ich eine Rose, ich wollte ihr blühen; - wär' ich ein Ton, ich dräng' in ihr Herz; - wär' ich die Liebe, die glücklichste, ich bliebe darin; - ja wär' ich nur der Traum, ich wollt' in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose und die Liebe und alles sein und gern verschwinden, wenn sie erwachte.« Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte, daß ihm vielleicht träume, er sei der Traum. Nro. 37: Eine auserlesene Kabinetsdrüse Neues Testament Der September war so schön, der die schönste Rose, Wina, versetzt hatte, daß dem Notar Rock, Stube und Stadt zu enge wurde; er wollte ein wenig in die weite Welt hinaus. Er reisete unsäglich gern, besonders in unbekannte Gegenden, weil er unterwegs glaubte, es sei möglich, daß ihm eines der romantischsten lieblichsten Abenteuer zuflattere, von dem er noch je gelesen. Daher war das erste, was er in einer neuen Stadt machte, kleine Stundenreisen um sie herum. Hatt' er aber lange da gewohnt, so lief er zu Zeiten in eine neue Gasse ein und machte sich mit besonderem Vergnügen glaublich, er sei eben auf Reisen in einer ganz fremden Stadt, aus der er noch dazu die Freude hatte, in seiner anzulangen, sobald er nur um die Ecke umbog. Ja, sah er nicht träumend dem Laufe der Chausseen nach, die wie Flüsse die Landschaft schmücken, weil sie, wie diese, ohne wohin und woher unendlich ziehen und das Leben spiegeln? - Und dacht' er jetzt nicht: auf einer davon geht das stille Mädchen dahin und sieht den blauen Himmel und den Vater an und denkt an vieles? - Nur war er lange in Zweifel und Skrupel, obs nicht Sünde sei, das wenige von den Eltern und Instrumenten gewonnene Geld bloß vergnügt zu verreisen, zumal da der Bruder Vult nach seiner Gewohnheit wieder anfing, nicht viel zu haben. Er las alle moralischen Regeln des reinen Satzes genau durch, um zu erfahren, ob er diese süßtönende Ausweichung oder diese Quinten-Fortschreitung von Last zu Lust in sein Kirchenstück aufnehmen dürfe; und noch war er unentschieden, als Flitte alles dadurch entschied, daß er den Stadttürmer, bei welchem er wohnte, zu ihm schickte und sagen ließ, er liege auf dem Sterbebette und wünsche noch diesen Abend sein Testament durch einen Notar zu machen. Wenn die Welt hinter dem Notar den Turm besteigen soll, wo der Elsasser sich tödlich gebettet, so müssen ihr vorher, ohne lange darüber zu reden, die notwendigsten Treppen hingestellt werden, die zu seinem Lager bringen; alles war so: Das Glück ist ein so schlechter Freund als dessen Günstlinge - die Natur gibt den Weisen auf die Lebensreise zu wenig Diätengelder mit - Flitte war ein solcher Weiser, und wiewohl er längst die Regel kannte, daß das Ende des Geldes wie das eines Parks geschickt verborgen werden müsse; so fehlt' ihm doch der allgemeine nervus rerum gerendarum zu dieser List. In Städten, wo Flitte nur durchflog, vermocht' er leichter etwas, und wär' es auch nur dadurch gewesen, daß er sich als seinen eigenen reichen Bedienten ankleidete und sich selber anmeldete als seinen Herrn und zum zweitenmal ohne den Kerl wiederkam. In Haßlau tat es ihm einen Monat lang gute Dienste, daß er auf seine Kosten einen Teich abziehen und darin nach einem kostbaren Tafelsteine stochern und wühlen ließ, d