Friedrich Gerstäcker Unter dem Äquator 1. EIN FIDELER ABEND UNTER DEM ÄQUATOR In Cramat, einer der freundlichen Vorstädte Batavias, war eine Anzahl von jungen Leuten auf dem Anwesen1) eines ihrer Gesellschaft versammelt, um dort einen fröhlichen Abend zu verbringen. Leopold van Roeken feierte heute seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und hatte nicht nur beschlossen, sein erstes Viertel vom Jahrhundert in würdiger Weise zu verlassen, sondern auch das zweite auf gleiche Art - und keineswegs nüchtern - anzutreten. Passende und willkommene Gesellschaft fand er dazu leicht. Es waren, außer seinem eigenen Kompagnon, einem Deutschen, lauter junge holländische Kaufleute, neun an der Zahl, teils eigene Geschäfte betreibende, teils Buchhalter der bedeutenden Maatchappey; und schon um den reichgedeckten Tisch geschart, sprudelte der fröhliche Humor der Versammelten mit den fliegenden Champagnerpfropfen lustig ins Freie. Der Holländer hat darin große Ähnlichkeit mit dem Deutschen, seinem nahen Verwandten, daß er beim Essen gern und viel spricht. Er verzehrt dadurch die Speisen nicht so rasch und verdaut besser, während der Amerikaner in scharfem Kontrast dazu bei der Mahlzeit kein Wort mit dem Nachbarn wechselt und die Speisen so rasch wie möglich hinunterschlingt. »Time is money«, denkt er dabei, was liegt ihm an dem Körper, den er ja doch nur dazu benutzt, Geld - immer nur Geld - zu verdienen. Der Holländer verdient ebenso gern Geld wie er, aber er tut es auf vernünftigere Weise. Wir leben nur einmal, und er will, während er lebt, auch genießen. Wo das mit Maß geschieht, ist er im vollen Recht, und Unmäßigkeit bildet überhaupt kein hervorstechendes Laster der Niederländer. Zahlreiche malaiische Diener umgaben die Tafel, jeden Wunsch der Gäste rasch zu befriedigen, und als man die warmen Speisen beendet hatte, trugen sie Unmengen der herrlichsten Früchte herein, denn Java wird darin von keinem Land der Welt übertroffen. Die Insel selber erzeugt schon eine große Zahl ihr eigentümlicher wilder und delikater Früchte, und was außerdem andere Tropenländer Köstliches darin boten, wurde ebenfalls hierher verpflanzt und gedieh vortrefflich. So lag hier, neben der Perle aller Früchte, dem Mangustan-Apfel, die saftige Ananas, mit denen im Innern weite Flächen bepflanzt stehen; die brasilianische Butterbirne, deren markartiges Fleisch, ebensogut mit Salz wie mit Madeira und Zucker zu einer Creme angerührt, vortrefflich schmeckt; ferner die Manga und Pampelmuse, eine riesige Orange; ja das Hochland hatte heute selbst seine Erdbeeren liefern müssen, und der in Eis gekühlte Wein wurde mit dem Saft der Kokosnüsse zu einem wunderbar erfrischenden Getränk gemischt. Das Mahl hatte sich inzwischen länger als gewöhnlich hingezogen, und mit dessen Beendigung brach auch schon die Dämmerung herein - diese frühe Dämmerung der Tropen, die den heißen Tag kürzt und mit ihren kühlen Lüften den ermatteten Körper stärkt und kräftigt. Übrigens dürfen wir Nordländer uns die Hitze unter dem Äquator nicht zu drückend vorstellen, und so sonderbar es klingt, ist es doch gar nicht selten bei uns heißer als dort. Viel zur Milderung trägt schon die kürzere Zeit der Sommertage bei. Die Sonne geht regelmäßig in den Tropen um sechs Uhr auf und unter - im ganzen Jahr nur um wenige Minuten differierend -, steigt also nie vor acht Uhr über den Dunstkreis herauf und hat um halb fünf Uhr abends schon wieder ihre größte Kraft verloren. Ferner sind die dortigen Wohnungen alle so gebaut, Kühle zu verbreiten und dem Luftzug freien Durchgang zu lassen, während unsere Häuser gerade im Gegenteil darauf berechnet sein müssen, dem langen Winter Trotz zu bieten. Die wahrhaft heißen und endlosen Tage, wenn die Sonne morgens um fünf Uhr schon hoch am Himmel steht und um sieben Uhr abends fast noch ihre volle Kraft hat, finden uns deshalb auf nichts vorbereitet, was uns Kühlung bieten könnte. Fast verschmachtend, denken wir mit Schaudern an die Unglücklichen, die jetzt auch noch unter dem Äquator leben müssen, während wir hoch im Norden beinahe verbrennen, und wie würden wir diese »Unglücklichen« beneiden, könnten wir sie zu solcher Stunde unter ihrem kühlen Porticus, im Schatten dichter Fruchthaine, von der kühlen Seeluft angefächelt, sitzen sehen. Es war sechs Uhr abends, eben neigte sich die Sonne im Westen hinter den hochstämmigen Palmenkronen und riesigen Waringhis2), und bequeme, luftige chinesische Rohrstühle waren von den geschäftigen Malaien hinaus in die von hohen Säulen getragene Vorhalle geschafft worden, den weißen Tuwans3) die Aussicht auf die vor ihnen liegenden Gärten zu gestatten, die einen wahrhaft paradiesischen Anblick boten. Dort wurde der Kaffee serviert, und während ein paar junge Burschen Manila- und Havannazigarren herumreichten, liefen andere mit den aus Kokosbast gedrehten brennenden Lunten hintendrein. Jeweils zwei der Gäste hatten ein kleines Tischchen zwischen sich, auf dem die Tassen standen, und behaglich auf den mit Schiebern versehenen Stühlen ausgestreckt, lagen die jungen Leute, bliesen den Dampf in die aromatisch duftende Welt hinaus und plauderten und erzählten sich Anekdoten. Die Malaien aber, die horchend dabeisaßen und die holländische Sprache nicht verstanden, sahen sich jedesmal, sobald irgendeine gute Anekdote schallendes Gelächter hervorrief, mit breitem Grinsen von der Seite an und zeigten jeder zwei Reihen vom Sirihkauen braungelb gefärbte Zähne. Aber ihre Ruhe dauerte nicht lange - »api!«4) rief es bald von dieser, bald von jener Seite, wenn die eine oder andere der Zigarren beim Erzählen ausgegangen war, und wie der Blitz fuhren dann die Burschen herum und, ihre Lunten anblasend, in die Höhe, um das Geforderte so rasch wie möglich darzubieten. »Eigentlich kann man's hier in Indien aushalten«, sagte ein kleines zusammengedrücktes und etwas verwachsenes Männchen mit lockigem dunklen Haar und einem Paar kleiner grauer, lebendiger Augen - er war einer der ersten Buchhalter der Maatchappey, »verdoem my, Roeken, Ihr habt eins der hübschesten Anwesen hier in ganz Cramat, so hübsche Plätze hier überall herum liegen; eins aber fehlt Euch doch noch, und wenn Ihr meinem Rat folgt, macht Ihr bald Anstalten, das herbeizuschaffen.« »Und das wäre?« fragte das Geburtstagskind. »Eine Frau«, sagte Heffken, der Kleine, während die anderen lachten und riefen: »Ja, ja - Heffken hat recht - Roeken muß heiraten, Roeken muß heiraten!« »Zum Henker auch, Mann«, nahm der Buchhalter das Gespräch wieder auf, »Ihr habt jetzt Euer eigenes Geschäft, verdient ein prächtiges Geld und könntet leben wie der Hase im Klee, wenn Ihr Euch hier eben eine freundliche Heimat schafftet und Euch nicht mehr mit den verdammten roten Halunken herumzuquälen brauchtet. Ein Kommis oder ein Buchhalter, ja - ich habe nichts dagegen, der mag ledig bleiben und sich so behelfen, aber ein Prinzipal muß heiraten - wie können auch sonst seine Kommis Respekt vor ihm haben.« »Waarachtig niet, Heffken«, lachte aber van Roeken, »von einem Muß kann hier gar keine Rede sein, da noch dazu in ganz Batavia keine ist, die ich heiraten könnte oder - möchte.« »Hoho!« rief der kleine Buchhalter erstaunt aus. »Wollte ich mich doch selbst getrauen, in Batavia eine passende Frau zu finden; also Bescheidenheit kann das nicht sein - oder ist es Hochmut? - Da wüßte ich dem gestrengen Herrn doch noch ein paar zu nennen, von denen selbst er die Finger lassen sollte. - Api!« Der ihm nächste Bursche glitt zwischen zwei Lehnstühlen und unter dem kleinen Tische hin, um den Rufenden recht bald zu erreichen, und hob die Lunte zu ihm empor, und van Roeken rief, den Kopf schüttelnd: »So hoch hinaus will ich gar nicht Heffken, und mit viel Geringerem wäre ich zufrieden, aber Ihr müßt bedenken, daß ich noch nicht so lange hier in der Kolonie bin und das alte Land deshalb auch noch nicht so weit vergessen habe, mich schon ganz und vollkommen in ein indisches Familienleben hineinzufinden. Außerdem, wenn ich einmal heirate, tue ich es meiner Bequemlichkeit wegen, und dann will ich auch eine Frau haben, die sich mir ganz und mit voller Seele hingibt.« »Nun, du sollst sagen, daß du noch nicht Inder wärst«, rief ein anderer der Gäste, sich behaglich in seinem langausgezogenen Lehnstuhl dehnend, »bis ins Mark hinein hast du die hiesige Luft eingezogen, und das Gescheiteste, was du tun könntest, wäre, du nähmst dir einfach eine Liplap.5) Ihr würdet ein kapitales Paar abgeben.« »Danke dir«, sagte van Roeken trocken, »die Liplap-Damen wären die letzten nach meinem Geschmack. In der Jugend ja, aber wie lange dauert's, und man hat einen dicken Fleischklumpen im Haus, der aus seinem Lehnstuhl nur dann und wann einmal aufsteht, um die Dienstboten zu prügeln.« »Wenn dich Mevrouw Wattlingen hörte, drehte sie dir den Hals um«, lachte Wagner, van Roekens Kompagnon, indem er sich eine frische Zigarre nahm, »api! sapáda!6) Zum Henker auch, schläft denn die ganze Gesellschaft?« 1) Im holländischen Indien werden diese Anwesen »Erbe« genannt womit keineswegs ein wirklich ererbtes, also eigenes Grundstück gemeint ist, sondern ein Grundstück überhaupt, das man - gleichviel unter welchen Bedingungen - für den Augenblick in Besitz hat. (Zum Text) 2) Waringhi: Der indische Banianbaum, der geheiligte Baum der Javanen, der seine Zweige wieder in den Boden senkt, um dort neue Wurzeln zu schlagen. (Zum Text) 3) Tuwan: Herr; Anrede für jeden Europäer, im Holländischen toean geschrieben (das oe wie u ausgesprochen). Dem Fremden klingt es aber stets, als ob zwischen u und a des Wortes tuan ein leises w eingeschoben wäre; ich habe es auch deshalb so geschrieben. (Zum Text) 4) Api: Feuer, ein auf Java ständig gehörter Ruf nach Feuer zu den Zigarren, da sich ein Europäer nie selbst danach bemüht. (Zum Text) 5) Liplap heißen die Abkömmlinge von Eingeborenen und Europäern (dasselbe, was in Amerika die Mestizen sind). Heiraten zwischen Liplapfrauen und europäischen Männern finden häufig statt. (Zum Text) 6) Sapáda (zusammengesetzt aus siapa ada): »Wer auch immer da ist!« Der übliche Ruf, wenn in Java ein Diener verlangt wird. In fast allen Haushaltungen sind nämlich eine Menge Dienstboten vorhanden, von denen jeder seine bestimmte Beschäftigung hat und gar nicht daran denkt, etwas zu übernehmen, was eigentlich einem anderen zukäme. Wird nun einer beim Namen gerufen, so können sechs daneben sitzen und es hören, aber keiner wird sich rühren; bei dem Ruf sapáda muß aber jeder kommen, der gerade in der Nähe ist. Die weiblichen Dienstboten sind ebenso gewissenhaft, ja nichts zu tun, was ihnen nicht obliegt. Jedes Kind in einer europäischen Familie hat ein bestimmtes Dienstmädchen, und wenn sieben Kinderbetten in einem Schlafsaal stehen, liegen auch gewiß sieben Mädchen - neben jedem Bett eins - auf einer Matte daneben. Schreit nun ein Kind in der Nacht und das dafür verantwortliche Mädchen hört es nicht, so rührt sich keins der anderen auch nur von der Stelle; nur weil das Kleine das Zauberwort nicht versteht: »Sapáda!« (Zum Text) Die Malaien schossen mit ihren Lunten von allen Seiten vor, und Wagner, von einem Feuer nehmend, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen, fuhr fort: »Es ist überhaupt eine falsche Idee, zu glauben, daß dir hier in Indien eine Frau - nämlich eine im Lande erzogene Frau - irgendeine Bequemlichkeit im Hause bereiten würde. Das müssen dir doch die Dienstboten tun. Willst du es besser haben, bleibt dir nichts anderes übrig, als selber nach Europa hinüberzugehen und dir eine Frau dort auszusuchen.« »Daß das jetzt nicht geht, weißt du selber am besten«, sagte van Roeker, »und es kann noch Jahre dauern, bis ich imstande wäre, das Geschäft so lange zu verlassen.« »Dann gib mir den Auftrag«, lachte Keurhuis, ein junger Mann von kaum dreiundzwanzig Jahren, »ich gehe mit der nächsten Mail nach Holland, um mir selber eine Frau zu holen, und bringe dir gleich eine mit.« »Du wärst der letzte, dem ich die Wahl anvertrauen möchte«, sagte van Roeken, »denn die Beste behieltest du doch für dich selber.« »Dann macht's wie der Missionar auf Celebes!« rief Bylderheer, ein anderer der Gesellschaft, der längere Zeit in einem Celebes-Handlungshaus konditioniert hatte und erst seit einigen Monaten von dort zurückgekehrt war. »Und wie hat es der gemacht?« fragte van Roeken. »Ganz einfach dem Board der Missionare in England Auftrag gegeben, ihm eine passende Frau herüberzuschicken.« »Und das ist geschehen?« »Geschehen? Allerdings. Schon mit dem nächsten Schiff traf seine Braut ein, ein liebes, prächtiges Mädchen, einfach und bescheiden, nur ein bißchen schwärmerisch-fromm, was aber zu dem Mann vortrefflich paßte.« »Und nach acht Tagen werden sie beide wünschen, daß sie einander nie gesehen hätten«, sagte Wagner. »Bitte um Verzeihung!« rief Bylderheer. »Die beiden Leute sind jetzt sechs Monate miteinander verheiratet und leben so glücklich, wie nur Eheleute leben können. Zufällig habe ich gerade heute abend mit einer von dort eingetroffenen Prau1) Briefe bekommen, worin mir Ballenheg, unser Kommissionär, der mit dem Engländer gut bekannt ist, über die beiden schreibt. Aber bei Euch, Roeken, kann man keinen Brief lesen; es ist ja stockfinster geworden.« »Wahrhaftig!« rief van Roeken. »Der Abend war aber so wundervoll, und ich hatte gar nicht darauf geachtet. He, Licht da, und ein bißchen rasch; wie wär's, meine Herren, wenn wir heute keinen Tee tränken, sondern eine Bowle machten? Es ist kühl genug, ein Glas zu vertragen, und morgen überhaupt Sonntag, so daß wir ausschlafen können.« »Vortrefflich, vortrefflich!« jubelten ihm die anderen zu. »Eine Bowle, den Tag würdig zu beschließen!« »Ich bitte aber um eine Tasse Tee«, sagte Wagner. »Mit euren Bowlen bleibt mir zu Haus; ich habe es einmal versucht und nicht wieder.« »Wer Tee trinken will, kann es ja tun«, sagte der Wirt, während die Malaien beschäftigt waren, die sechs im Portico hängenden Astrallampen anzuzünden. »Zu einem fröhlichen Abend gehört aber Bowle, und dann fehlte uns weiter nichts, als daß wir uns noch von Meester Cornelis einen Rongging2) kommen ließen.« »Damit morgen in ganz Batavia die Nachricht die Runde macht, die Firma Wagner und van Roeken hätte Orgien gefeiert«, sagte der ruhigere Kompagnon. »Wenn ihr das tun wollt, dann geht lieber gleich an die Quelle zu Meester Cornelis selber, erlaubt mir aber, daß ich hierbleibe und meinen Tee allein trinke.« »Der alte Moralist«, lachte Heffken. »Aber hier geht es auf keinen Fall, und diesmal hat er recht. Die Nachbarschaft ist zu nah, und rechts und links sollten wir bald neugierige Gesellschaft genug haben. Übrigens bitte ich um die Erlaubnis, die Bowle zu brauen. Ich bin darin ein alter Praktikus.« »Zugestanden, zugestanden!« riefen die übrigen fröhlich. »Und jetzt, nachdem wir Licht haben, den Brief«, sagte Bylderheer, das fragliche Schriftstück aus der Tasche ziehend; aber niemand hatte mehr Geduld, ihm zuzuhören. »Oh, laßt Eure langweilige Epistel!« rief Heffken; »was geht denn uns das an, ob der englische Pfaffe auf Celebes glücklich oder unglücklich mit seiner Herzallerliebsten lebt. Für uns die Bowle, und ich bitte Euch um noch eine Eurer Zigarren, van Roeken. Diese Havanna ist wahrhaftig vortrefflich - habe sie in meinem Leben nicht besser geraucht.« »Wo fahren denn diese vielen Carretas heute hin?« fragte Wagner. »Ich habe jetzt sieben hintereinander gezählt, die alle dort links einbogen.« »Zu van Romelaers«, sagte van Roeken, »dort ist heute Empfangsabend, und wie ich hörte, soll sogar Musik hinbestellt sein.« »Alle Teufel!« rief Heffken, »dann ist heute abend auch Verlobung dort; ich habe diesen Morgen im Kontor davon gehört. Das schöne Kätchen soll weggegeben werden.« »Unsinn«, sagte van Roeken rasch, »wer hat das Märchen erfunden?« »Märchen?« lachte Heffken. »Hauptmann Regterwyl wird Euch bald beweisen, daß nicht viel Märchenhaftes an der ganzen Sache ist. - Verd... Roeken, war die kleine Käthe nicht auch eine von Euren Flammen?« »Nicht daß ich wüßte«, sagte van Roeken lachend, aber er wandte sich rasch vom Licht ab, denn er fühlte, wie er bei der Nachricht die Farbe veränderte. Die vorzubereitende Bowle gab ihm indessen leicht einen Vorwand, sich zurückzuziehen, und als er, von einigen Malaien gefolgt, in das Haus ging, beugte sich Keurhuis zu dem Buchhalter und flüsterte: »Aber Heffken, wußtet Ihr denn nicht, daß van Roeken einen Korb von der kleinen Romelaer bekommen hat?« »Waarachtig niet!« rief dieser überrascht aus, »kein Wort! Deshalb wurde er so rot. Aber er muß doch schon vorher davon gehört haben, daß sie halb und halb diesem Offizier versprochen war.« »Wahrscheinlich nicht; aber sprecht nicht so laut; Wagner braucht nichts davon zu hören. Laßt das Gespräch auch lieber fallen, wenn Roeken zurückkommt.« »Gewiß - gewiß«, nickte der Buchhalter. »Dürfen ihn heute an seinem Geburtstag nicht ärgern. Später ist immer noch Zeit, ihn damit zu necken.« »Er verträgt darin vielleicht keinen Spaß.« »Bah, was will er machen«, lachte Heffken still vor sich hin. »Das ist also schon der zweite Korb, den er hier bekommen hat.« »Der zweite?« »Die Tochter des alten Rats Boderwend hat ihn auch ausgeschlagen.« »Aber weshalb? Er ist jung und reich.« »Und liederlich«, sagte Heffken. »Die Pariser Luft steckt ihm noch zu sehr in den Gliedern. Aber da ist er mit der Bowle. Jetzt kommt meine Arbeit, und nun sollt Ihr einmal sehen, was ich Euch zusammengießen werde.« Wagner, van Roekens älterer Kompagnon, war indessen aufgestanden und vorn an den Porticus getreten, wo er tief in Gedanken auf die wundervolle Szenerie vor sich hinausstarrte; und doch hätte diese wohl verdient, ihr volle und ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Es gab auf der Welt kaum ein reizenderes Bild als das hier vor ihm ausgebreitete, und die inzwischen vollständig hereingebrochene Nacht hatte seine Reize eher vermehrt als vermindert. Vor dem breiten, nur aus einem Stockwerk bestehenden und von Säulen getragenen Gebäude dehnte sich ein mit duftenden Büschen und Fruchtbäumen bedeckter Garten aus, über dem die hohen federartigen Wipfel der Kokos- und Areka-Palmen im kühlen Luftzug rauschten und nur in der Mitte den Blick zu dem sternbesäten, tief dunkelblauen Himmel freiließen. Vor dem Garten zog sich der breite, von Hecken eingefaßte Weg hin, und zwischen zwei riesigen Waringhis konnte man durch das Buschwerk des gegenüberliegenden Gartens die ebenfalls hell erleuchtete Säulenhalle des vis-à-vis erkennen. Dort war, wie hier, eine Gesellschaft versammelt; aber dort drüben wurde keine Junggesellenwirtschaft geführt, sondern elegant gekleidete Damen bewegten sich in den zu Tageshelle erleuchteten Räumen hin und her, und von den hohen, prachtvollen Bäumen eingefaßt, sah das Ganze aus wie ein zierliches, künstlich hergestelltes lebendes Miniaturbild. Hier und da glänzte Fackelschein durch die Nacht mit dem Rollen vorbeifahrender Wagen. Jeder Wagen nämlich hat abends ein oder zwei Malaien hinten aufstehen, die aus Bambus geschnitzte Fackeln, sogenannte obors, tragen und den Weg beleuchten. Besonders schön und eigentümlich sieht das bei dem lebhaften Verkehr auf den Straßen abends aus, und neben den flammenden Leuchten ziehen noch kleine, oft nur glimmende Feuerbrände wie Glühwürmchen durch die Dunkelheit, da kein Eingeborener, Javaner oder Malaie und selbst Chinese, nachts über den Weg gehen darf, ohne etwas Brennendes bei sich zu haben. Unheimlich aber zuckten zu gleicher Zeit dunkle große Körper durch die Nacht, mit geräuschlosem Flügelschlag vorüberschießend; es war der »Fliegende Hund«, jene riesige Fledermaus von der Größe einer mittleren Katze, der seine Flugkünste zwischen den hängenden Zweigen der Waringhis trieb und hier und da auch nach den Fackeln stieß, ohne ihnen jedoch zu nahe zu kommen. Selbst im Portico war das Tierleben, oft nur zu reichlich, vertreten. An den Wänden, sogar an der Decke entlang, liefen jene braunen geselligen Eidechsen, die erst mit den angezündeten Lampen zum Vorschein kommen und dort Jagd auf eingeschlafene Fliegen machen. Ein paarmal kamen vom Garten aus schwerfällig ein paar Kröten die Stufen heraufgehüpft und kehrten wieder um, als sie dort oben so unerwartet zahlreiche Gesellschaft fanden, und Tausende von fliegenden Ameisen flirrten um die Lichter herum und fielen auf die Tische nieder. Aber niemand kehrte sich an das; es waren zu gewöhnliche Erscheinungen, um sie auch nur noch mit einem Blick zu beachten. Außerdem interessierte sie alle jetzt viel mehr die Bowle, mit der van Roeken in der Tür erschien, während ihm alle seine Malaien mit Flaschen, Zucker und Gewürzen folgten. Als dann die Sachen auf dem mittleren Tisch angelangt waren und Heffken sein Werk begonnen hatte, wurden rasch ein paar Spieltische arrangiert, um dem Abend auch nicht einen Augenblick Langeweile zu gönnen. Die verschiedenen Parteien hatten sich eben geordnet, als wüstes Geschrei von der Straße herübertönte und ein zweispänniger Wagen - eine sogenannte carreta - mit zwei Fackelträgern hintendrauf, wie rasend herangerasselt kam. Alles drehte sich erstaunt den ungewohnten wilden Geräuschen zu, denn in Batavia herrscht ein so gesetzter, anständiger Ton, wenigstens in dem äußeren Leben der Europäer, daß ein betrunkener Weißer auf der Straße fast nie gesehen wird; er würde auch von dem Moment an von jeder anständigen Familie gemieden. Noch mäßiger sind Chinesen und Javanen, und gespannt schauten deshalb die jungen Leute nach der Straße hinaus, um bei dem hellen Schein der Fackeln vielleicht einen flüchtigen Blick auf die Urheber solchen Lärms zu werfen. Dicht vor dem Garten tat es wieder einen grellen Schrei, einen richtigen Juchzer, wie er auf deutschen Dörfern wohl gehört wird, wenn Bauern von der Kirmes angetrunken heimkehren. Ehe das Fuhrwerk aber voll in die offene Lichtung des vorderen Gartens kam, verlöschten die Fackeln plötzlich, ein Krachen folgte und dann ein Aufschrei von Stürzenden. Jedenfalls war das Fuhrwerk umgeschlagen. Lautes Lachen und deutsches Fluchen verriet indessen bald, daß kein Unglück geschehen sei; aber auch im andern Fall hätte keiner der jungen Leute einen Fuß gerührt, den Verunglückten beizuspringen. Es waren eben Trunkene - ja das Schlimmste von allem, Trunkene auf der Straße, und mit denen hätte sich keiner von ihnen persönlich eingelassen. Höchstens konnte man einen Malaien hinausschicken. Heffken übrigens, der neugierig war, wer die Störenfriede sein könnten, die auf solche Weise Cramats stille Ruhe entweihten, sandte einen der Malaien ab, um nachzusehen, warnte ihn aber, den Garten nicht zu verlassen, sondern bloß über die Hecke zu schauen. Vom Haus aus konnten sie indes erkennen, wie die malaiischen boedjangs oder Fackelträger durch Umherschwingen ihre ausgelöschten, aber noch glimmenden obors wieder in Brand zu bringen versuchten, was ihnen nach einiger Zeit auch gelang. Sie waren jetzt wenigstens imstande, das an ihrem Wagen geschehene Unglück bei Licht zu sehen. Das Geschrei und Lachen draußen nahm indessen überhand und näherte sich dem Einfahrtstor des Anwesens. Ehe der abgesandte Malaie noch zurückkommen konnte, öffnete sich das Tor, und ein paar hellgekleidete Gestalten wurden sichtbar. »Das ist nicht übel!« rief Wagner erschreckt; »wir bekommen, wie ich fürchte, höchst unangenehmen Besuch, und leider besteht keine Aussicht, uns zu verleugnen; die Lampen brennen zu hell.« »Wenn wir die Lichter nun rasch auslöschten!« rief Bylderheer, nach irgendeiner Ausflucht suchend, um der fatalen Störung zu entgehen. »So?« meinte Heffken, »daß uns die Vents in die Bowle taumeln und Flaschen und Getränk über den Haufen werfen? Zum Henker auch, wer uns hier nicht genehm ist, den schicken wir fort.« »Zehn gegen eins!« rief van Roeken, »das ist der verzweifelte Mensch, der Horbach, der sich eine Zeitlang gut geführt hat und seit ein paar Tagen wieder ausgebrochen scheint. Er hat einen Wechsel aus Deutschland bekommen und rast nun herum, bis er ihn wieder durchgebracht hat.« »Du bist ja wohl mit Bürge für ihn?« fragte Wagner. »Leider«, seufzte van Roeken, »und ich werde auch noch in den sauren Apfel beißen müssen, ihm freie Passage nach Hause zu geben. Beim Himmel, er ist es; ich kenne die Stimme zu meinem Schaden gut genug.« 1) Prau: Eigentümliches Segelboot der Eingeborenen. (Zum Text) 2) Rongging: Chinesische Tänzerinnen, die auf den Basaren oder Märkten und manchmal auch in Privathäusern, aber natürlich nur bei Junggesellen, ihre originellen Tänze aufführen. (Zum Text) »Guten Abend, meine Herren, guten Abend!« jubelte ihnen in diesem Augenblick der Angekündigte entgegen, der an seinem linken Arm einen noch ärger Betrunkenen mehr schleppte als führte. »Hurra, da treffen wir fidele Gesellschaft und kommen nicht aus dem Regen unter die Traufe, sondern in den lichten, warmen Sonnenschein. O Sonnenschein, o Sonnenschein, Wie scheinst du mir ins Herz hinein«, sang er dann mit einer wirklich melodischen Stimme, die ihm nur leider bei dem letzten, etwas langgezogenen Ton überschnappte. »Das ist der liederlichste Lump in ganz Batavia«, brummte Heffken, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen, als Begrüßung vor sich hin, »den vielleicht ausgenommen, den er am Arm hängen hat. Daß sie beide der Böse hole!« »Mein lieber Herr Horbach«, sagte van Roeken, ihn ebenfalls in deutscher Sprache anredend, »ich weiß in der Tat nicht, was uns die Ehre Ihres Besuches verschafft.« »Keine Verstellung, bester Roeken«, lachte ihm Horbach vergnügt entgegen, »tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie ungeniert aus, was Sie denken; oder soll ich es für Sie tun? - Gut. Sie denken jetzt: welcher böse Feind führt den angetrunkenen Lumpen in unsere anständige Gesellschaft? - He? Hab' ich's erraten? Hahaha, ich kann die Gedanken der Menschen in ihren Augen lesen. - Hilft Ihnen aber nichts, und alles, was ich für Sie tun kann, ist, daß ich Ihnen das Mittel nenne, sich selber den größten Gefallen zu erweisen: nämlich uns sobald wie möglich wieder loszuwerden. Nitschke hier ist wirklich sträflich angetrunken und macht mir nur Schande.« »Herr Horbach, Sie tun sich selber Unrecht; aber womit kann ich Ihnen dienen?« »Vor allen Dingen mit einem Glas Punsch, den der kleine Heffken vortrefflich zubereiten soll«, sagte der unverwüstliche Schlemmer, und der Buchhalter, der das Deutsche vollkommen beherrschte, warf ihm einen Blick über die Brille zu, der ihn vernichtet haben müßte, wenn Horbach überhaupt zu vernichten gewesen wäre. »Prächtiger Mensch, der Heffken«, sagte er, die Hand nach ihm ausstreckend, »immer so freundlich, immer so herzlich. Und der tüchtigste Buchhalter dabei, den die Maatchappey - mit Respekt zu melden - im Dienst hat; versteht auch die doppelte Buchhaltung - heh, Heffken? Mein einziges Unglück ist, daß ich die nicht verstehe. Eine Seite für die Maatchappey, die andere für sich. Bitte, noch etwas in das Glas, lieber Heffken, ich trinke nicht gern aus einem halb leeren, und Wenn ich judizieren soll, Verlang' ich auch das Maul recht voll. Goethe war ein prächtiger Mensch und hat mir, in mehr als einem Vers, wie aus der Seele gesprochen.« Heffken hatte nicht daran gedacht, das erste mit der gerade fertig gewordenen Mischung gefüllte Glas dem unwillkommenen Besuch zu reichen. Dieser aber, ohne sich viel daran zu kehren, ob es für ihn bestimmt war oder nicht, lehnte seinen Kameraden an die nächste Säule an, griff das Glas vom Tisch und sagte, es in die Höhe hebend: »Der Heimat den Becher! Mit zitternder Hand Trink' ich dir zu jetzt, mein Vaterland. Sei auch die Fremde so schön wie sie mag, Segen, o Segen, herab auf den Tag, Wo deine nackten Gestade von weitem Liebend die Arme entgegen mir breiten. Vaterland hoch!« »Und wenn wir Ihnen nun dazu Ihre Passage zahlten, Herr Horbach?« unterbrach Wagner etwas kaltblütig diesen warmen poetischen Erguß. »Sie sind ein Schäker, lieber Wagner«, lachte Horbach, wieder ganz in seinen alten Ton zurückfallend, indem er das Glas mit einem Zuge leerte, »für jetzt aber, um Ihr gutes Werk zu beginnen, möchte ich Sie bloß ersuchen, uns vorläufig ein Stück Weges nach der Heimat zu schaffen, und zwar nach dem unteren Teil von Weltefreden, wo wir gegenwärtig residieren und wohin wir Ihre Carreta oder Ihren Bendi, was Sie gerade bei der Hand haben, benutzen möchten. Unser erbärmliches Fuhrwerk ist draußen wie eine reife Manga auseinandergeplatzt, und bis die Malaien das wieder zusammengeflickt haben, vergeht der schönste Teil der Nacht.« »Herr Horbach«, sagte Wagner, gar nicht damit einverstanden, sein Fuhrwerk dem betrunkenen Menschen anzuvertrauen, »wenn Sie vorher nur erst...« »Bitte, lieber Wagner«, unterbrach ihn Horbach rasch, »so gern ich eine Partie Whist spiele, heute abend wäre ich dazu nicht mehr imstande. Außerdem liegt mir daran, meinen Freund da - Nitschke ist wirklich etwas mehr als halb im Wind - in eine bequemere Lage zu bringen, als er dort an der Säule hat, einmal davon abgesehen, daß er Ihnen die ganze Marmorpolitur herunterscheuert.« Van Roeken hatte indessen kaum verstanden, was der »Besuch« von ihnen verlangte, als er ohne weiteres dem ihm nächsten Malaien Befehl gab, seinen Bendi1) so rasch wie möglich einschirren zu lassen und vorzufahren. Es war das einzige Mittel, den Burschen loszuwerden. »Und Sie scheuen sich nicht«, platzte Heffken heraus, der seinen Ingrimm nicht länger verbeißen konnte, »in einem solchen Zustand in ein anständiges Haus zu kommen, Herr Horbach?« »Allerdings, Buchhalterchen«, lächelte Horbach, ohne im geringsten die Fassung zu verlieren, »würde es auch unter keinen Umständen wagen; nicht wahr, Roeken?« »Ich habe den Wagen schon bestellt«, sagte Roeken, der wohl einsah, daß er sich mit dem Betrunkenen in keinen Wortwechsel einlassen durfte, »bitte, warten Sie nur noch einen Augenblick.« »Danke herzlich, lieber Roeken, danke herzlich, ich logiere gegenwärtig im Amsterdam-Hotel.« »Ich werde dem Kutscher selber Auftrag geben.« »Hätte allerdings gern noch einmal bei Romelaers drüben vorbeigeschaut«, fuhr Horbach, ihm freundlich zunickend, fort, »haben einen fidelen Abend heut dort drüben, aber Nitschke ist wahrhaftig nicht salonfähig. Apropos, Roeken, mit der Käthe drüben war's nichts. Hm, schadet nichts, alter Junge. Sind noch so gute Fische in der See, wie sie je herauskamen! Never say die, wie die Engländer sagen. Hahahaha, komische Wirtschaft auf dieser äußerst komischen Welt; denken Sie sich, Roeken, ich habe dort drüben auch einen Korb bekommen.« »Herr Horbach«, sagte van Roeken, der kaum imstande war, seine Fassung zu bewahren, »eben fährt der Wagen vor - ich möchte Sie nicht länger aufhalten.« »Versteht sich, versteht sich«, lachte der Betrunkene gutmütig vor sich hin, »wäre auch schade um die kleine, niedliche Gesellschaft. Aber ich muß wahrhaftig fort; Nitschke ist in einem vollständig trostlosen Zustand. Wenn es mir übrigens irgendwie möglich sein sollte, komme ich nachher noch ein bißchen wieder. Morgen früh ist pasar bahroe, und wir fänden heut abend dort draußen schon ganz fidele Gesellschaft. Ich weiß aber wirklich nicht, ob ich den armen Nitschke nur so lange allein lassen kann, um einen Hering und ein Glas Sodawasser für ihn zu besorgen. Also für jetzt gute Nacht meine Herren, angenehmen Abend. Bitte, bemühen Sie sich nicht, Roeken, ich finde schon allein meinen Weg.« Van Roeken war aber nicht Horbachs, sondern seiner selbst wegen zu dem Bendi hinübergegangen, wo er dem Kutscher heimlich, aber ganz gemessen den Befehl gab, die beiden Weißen am Amsterdamer-Hotel abzuladen und dann ohne weiteres umzukehren und leer zurückzukommen. Der übermütige Gesell hätte seine Drohung sonst am Ende wahr gemacht. Drei von den Malaien faßten inzwischen den betrunkenen Nitschke unter und schleppten ihn in den Wagen, Horbach nahm neben ihm seinen Platz ein, die Boedjangs sprangen mit der Fackel hinten auf. So, während Horbach noch sein weißes Taschentuch herauszog und der Gesellschaft freundlich zuwinkte, rollte das leichte Fuhrwerk mit Blitzesschnelle zum Tor hinaus. »Das ist ein nichtsnutziger Vent«, stöhnte Bylderheer, als das Geräusch des fortfahrenden Wagens endlich verklang, denn so lange war es fast, als ob ein böser Zauber auf der Gesellschaft liege. »Der hätte uns den schönen Abend prächtig verderben können. Wer ist er eigentlich?« »Ein so nichtsnutziger Bursche«, sagte van Roeken, dem eine Zentnerlast von der Seele genommen schien, »wie je einer javanischen Boden betreten hat. Vor vier Jahren kam er nach Batavia, sein Vater muß ein sehr reicher Mann in Deutschland sein, der den Taugenichts, um ihn loszuwerden, in die Welt schickte. Wir hier wußten natürlich nichts davon; er brachte Empfehlungsbriefe mit, und ich wie Romelaer drüben leisteten die nötige Bürgschaft für ihn.2) Eine Weile ging die Sache gut; er trat in Romelaers Geschäft ein und arbeitete fleißig; nach sechs Monaten schon betrank er sich aber zum erstenmal und bekam Streit mit seinem Prinzipal, der ihn fortschickte. Dann trat er in ein deutsches Geschäft ein, aber es ging dort nicht besser. Monatelang war er der beste Arbeiter, denn er ist ein ganz gescheiter, intelligenter Kopf; nachher brach aber der Teufel bei ihm wieder durch, und so hat er sich am Anfang abwechselnd eine Weile gut betragen und dann wieder die tollsten Streiche getrieben, gerade wie er blank an Kasse war oder Geld in Händen hatte. Nur erst in letzter Zeit scheint er sich dem liederlichen Leben vollständig ergeben zu haben, so daß wir ihn nächstens aus der Kolonie fortschaffen müssen, wenn wir nicht noch, den Malaien gegenüber, fatale Szenen erleben wollen. Er bleibt doch leider immer ein Weißer.« »Verd..., der Lump!« rief Heffken dazwischen. »Er hat uns außerdem schon eine halbe Stunde gestohlen, und wir wollen uns nicht noch länger mit seiner Lebensgeschichte aufhalten. Gläser her, und ein Pereat allen betrunkenen Schuften!« »Erst ein Hoch dem Geburtstagskind«, lachte aber Bylderheer, sein Glas erhebend, und als alle nach den Gläsern griffen, um dem ausgebrachten Toast Folge zu leisten, fiel drüben von Romelaers ein schmetternder Tusch ein und klang klar und deutlich zu ihnen herüber. »Das gilt dem Brautpaar«, lachte Heffken mit einem unwillkürlichen Seitenblick auf van Roeken. »Hoch unser freundlicher Wirt, und noch fünfzig Jahre wie heute!« »Noch fünfzig Jahre wie heute!« jubelten die anderen ebenfalls, und während der Tusch von drüben zum drittenmal herüberklang, stießen die Gläser zusammen und wurden bis zur Nagelprobe geleert. Van Roeken trank ihnen still Bescheid. Er fühlte dabei mehr, als er es sah, daß Heffkens boshafter Blick auf ihm haftete, aber nicht um alles in der Welt hätte er es ihn merken lassen, und nur desto öfter und rascher leerte er sein Glas. Von jetzt an kam reges Leben in die Gesellschaft; die Unterbrechung durch die beiden Trunkenbolde hatten sie aber immer noch nicht vergessen, und von allen Seiten wurden Anekdoten aus beider indischem Leben erzählt, die manches Tragische, oft aber auch unendlich viel Komisches boten. »Kennt ihr denn schon die letzten Fahrten dieses Nitschke mit Kuhn?« sagte endlich Heffken, der eben die zweite Bowle fertig gemischt hatte und sich wieder bequem in seinem chinesischen Stuhl dehnte, die Havanna im Mund, das Glas vor sich auf der breiten Lehne. »Mit Kuhn? Nein!« rief Bylderheer. »Kuhn lebt so weit da draußen, daß man nur selten etwas von ihm erfährt.« »Die sind köstlich«, lachte Heffken vor sich hin, »und wenn ihr nichts dagegen einzuwenden habt, will ich sie gern erzählen. Ich habe sie aus Kuhns eigenem Mund, der wohl mit niemandem weiter darüber gesprochen hat, um den Burschen, solange er sich ordentlich betrug, nicht noch mehr lächerlich zu machen. Da er allerdings wieder ausgebrochen ist, braucht es kein Geheimnis zu bleiben, ja es wäre eigentlich auch schade darum.« »Heraus dann damit, heraus! Eine gute Geschichte darf nicht verlorengehen!« »Sehr schön«, sagte Heffken. »Bitte, Keurhuis, helfen Sie einmal der Kröte da die etwas hohe Stufe herauf; sie hat sich schon die letzte Viertelstunde die größte Mühe gegeben, zu mir zu kommen, und scheint etwas schwach auf den Hinterbeinen zu sein.« Van Roeken winkte einem der Malaien, der das »schwache Geschöpf« mit einem Stock zurück und auf den Rasen schnellte, und Heffken begann: 1) Bendi: Ein kleines einspänniges Fuhrwerk. (Zum Text) 2) Jeder auf Java ankommende Fremde muß in Batavia oder der Hafenstadt, in der er landet, zwei Bürgen dafür stellen, daß er sich ordentlich betragen und keine Schulden machen will. Kann er das nicht, muß ihn der Schiffskapitän, der ihn gebracht hat, wieder mitnehmen. (Zum Text) 2. HERR NITSCHKE WIRD VORGESTELLT. - MYNHEER VAN ROEKEN FASST EINEN ENTSCHLUSS »Thomas Nitschke ist jedenfalls früher in Deutschland ein ganz wohlhabender, wohl auch reicher Mann gewesen, der aber, vielleicht schon dort durch liederliches Leben, ruiniert wurde und, noch immer mit einem kleinen Vermögen, nach Indien kam, um hier ein neues Leben zu beginnen. Ich erinnere mich der Zeit noch recht gut; er war damals ein anständiger, immer sehr elegant gekleideter junger Mann, der mit den besten Empfehlungen herüberkam, ohne Schwierigkeit zwei Bürgen fand, die für ihn gutsagten, und sich jahrelang wacker aufführte. Natürlich war er in ein Geschäft eingetreten, denn das Geld, das er mitgebracht hatte, reichte nicht aus, um selber etwas Ordentliches zu beginnen, und mit einem ziemlich guten Salär lebte er dabei behaglich, ohne indessen den geringsten Aufwand zu machen. Wie schon gesagt, ging das eine Weile vortrefflich; er hatte sich tüchtig eingewöhnt und galt für einen ausgezeichneten Arbeiter - aber der in ihm steckende Kobold ließ ihn nicht ruhen. Er fing an zu trinken - der erste Beginn allen Jammers in Indien -, wurde aus dem Geschäft, vorgefallener Nachlässigkeiten wegen, entlassen, lebte von seinem Geld, verlebte es und machte endlich Schulden. Kuhn - einer der beiden, die für ihn gutgesagt hatten - ließ ihn, nachdem er es eine Weile so trieb, zu sich kommen, hielt ihm sein Unrecht und die Gefahr, der er sich aussetzte, vor und nahm ihn in sein eigenes Haus draußen vor Batavia auf. Dort sollte er seine Leute beaufsichtigen und seine Bücher führen. Er hatte ihn also als eine Art Verwalter angestellt, so daß er neben sehr gutem Gehalt auch ein fast unabhängiges Leben führte und sich noch hätte mit leichter Mühe Geld ersparen und zurücklegen können. Eine Weile hielt er auch aus, und es schien, als ob er sich wirklich von Grund auf gebessert habe, aber - es dauerte nicht lange; das ruhige, gleichmäßige Leben sagte ihm auf die Dauer nicht zu. Er fing damit an, sich unter der Hand Arrak zu verschaffen, vernachlässigte dann natürlich das, was ihm oblag, und trieb es zuletzt so arg, daß ihn Kuhn, nachdem alle Vorhaltungen, ja selbst Drohungen vergebens gewesen waren, eines schönen Morgens mit Sack und Pack vor die Tür setzte und ihm ankündigte, daß er seine Schwelle nicht wieder betreten dürfe. Nitschke trieb sich jetzt wieder eine Weile in einem dolce far niente in der Stadt umher, verliebte sich in ein paar malaiische Mädchen und lebte herrlich und in Freuden, solange die paar verdienten Gulden ausreichten, was in Batavia bekanntlich nur sehr kurze Zeit dauert. Sobald sein Geld aber abnahm, zog er sich in die Wohnungen der Eingeborenen zurück, mit denen er verkehrte und von denen er benutzt wurde, solange sie hoffen durften, noch irgend etwas aus ihm herauszuziehen. So sank er tiefer und tiefer, bis er endlich, von allen Hilfsmitteln entblößt, nicht weiter konnte und nun in Verzweiflung wieder zu seinem früheren Prinzipal ging, diesem seine trost- und hoffnungslose Lage darstellte und ihn bat, ihn wieder bei sich aufzunehmen, denn er habe von ihm jetzt keinen Rückfall weiter zu befürchten. Kuhn, ein gutmütiger Mann, freute sich über Nitschkes Reue, glaubte ihm auf sein Wort, stattete ihn vor allen Dingen mit Kleidern und Wäsche aus, daß er wenigstens reinlich und anständig erscheinen könne, und ließ ihn ohne weiteres wieder in seinen früheren Posten eintreten. Hat man aber einmal ein solch liederliches Leben begonnen, so gehört ein wirklich eiserner Entschluß dazu, sich vollkommen davon freizumachen. So bekam dann auch Nitschke einen Rückfall, wurde wieder fortgeschickt und kam noch weit tiefer herunter als das erste Mal. Kuhn hatte sich diesmal aber fest vorgenommen, nichts weiter mit ihm zu tun zu haben und lieber seine Passage auf einem heimwärts gehenden Schiff zu zahlen, als ihn wieder zu sich ins Haus zu nehmen. Nitschke schien auch selber am Anfang nicht die geringste Lust zu haben, wiederzukommen; das gebundene, solide Leben sagte ihm nicht im mindesten zu. Er lebte nun wieder auf eine wirklich unbegreifliche Weise in den Tag hinein, Gesundheit wie Kasse untergrabend, bis er endlich doch den Einfluß der starken, in dem heißen Klima so schädlichen Getränke unterlag und in das Hospital geschafft werden mußte, um wenigstens nicht auf offener Straße zu sterben. Aber er starb nicht. Einzelne Naturen haben, allem diesen unnatürlichen, wilden Leben zum Trotz, eine unverwüstliche Elastizität und sind gar nicht zu ruinieren. Wenn auch von den Auswirkungen seiner Krankheit furchtbar aufgerieben, fing er doch an, sich wieder zu erholen. Der körperlichen Rekonvaleszenz folgte hier, in dem vortrefflich eingerichteten Spital und von allen spirituosen Getränken ferngehalten, eine geistige, und zerknirscht über sein bisheriges Leben, bat er seinen früheren Prinzipal noch einmal um Verzeihung für vergangene Sünden. Am Anfang wollte der freilich nichts davon wissen; wer konnte ihm die wirkliche Besserung des liederlichen Burschen garantieren, und sollte er sich selber den Tod in einem verzweifelten und doch nutzlosen Versuch an den Hals ärgern, aus dem einmal verlotterten Menschen wieder einen braven und ordentlichen Mann zu machen? Sein gutes Herz siegte aber trotzdem wieder. Als er ihn bleich und elend im Spital sah, wo er ihn besuchte, tat er ihm doch leid, und er beschloß endlich, ihn, freilich unter viel strengeren Bedingungen als bisher, nochmal in sein Haus aufzunehmen. Er hätte vorher wissen können, daß es nutzlos war. Im Hospital hatte Nitschke also, wie bemerkt, dem Genuß spirituöser Getränke vollkommen entsagen müssen und war dadurch wohl viel ordentlicher, doch auch schwach und matt und hinfällig geworden; aber auch jetzt untersagte ihm sowohl der Arzt den Alkohol, damit er sich dessen schädlichem Einfluß nur erst einmal gänzlich entzöge, wie auch Kuhn selber, der ihm versicherte, er würde bei ihm keinen Tropfen Branntwein über die Zunge bekommen. Nitschke erklärte sich mit allem einverstanden und betrug sich musterhaft. Sein Körper war aber so heruntergekommen, daß er wirklich Monate bedurfte, um sich nur einigermaßen zu erholen, und selbst dann ging er mehr einem Skelett als einem lebenden Menschen ähnlich umher. In dieser Zeit war es, daß ein Brief an ihn aus Europa, ich glaube von seiner Schwester, kam, die von seinen Ausschweifungen und dem entsetzlichen Leben, das er führte, gehört hatte und ihm nun die bittersten, aber auch zärtlichsten Vorwürfe darüber machte, ihm die furchtbaren Folgen eines solchen Lebens vorhielt und ihn bei allem, was ihnen beiden heilig war, beschwor, sich zu bessern und ein anderer Mensch zu werden. Nitschke las den Brief mit wirklich tiefer Zerknirschung; dabei noch zusätzlich aufgeregt in seiner Schwäche, weinte und jammerte er und betrug sich so auffallend, daß eine der malaiischen Frauen zu Kuhn lief und ihm sagte, sie fürchte, der Weiße tue sich ein Leid an; er möchte einmal zu ihm hinübergehen. Kuhn, der an einen Selbstmord bei Nitschke nicht so recht glauben mochte, schüttelte den Kopf und ließ ihn endlich zu sich herüberrufen. ›Was machen Sie denn für dumme Streiche?‹ redete er ihn an. ›Was ist denn nun wieder vorgegangen? Sie bringen mir ja das ganze Haus in Alarm.‹ ›Herr Kuhn!‹ rief Nitschke, bei dem das weiche Element wieder die Oberhand gewann, ›ich bin ein nichtsnutziger, erbärmlicher Kerl.‹ ›Nun ja, das wissen wir ja schon alle hier im Haus, das brauchen Sie doch nicht mehr mit einem solchen Skandal in die Welt hinauszuschreien‹, sagte Kuhn. ›Ich bin ein Lump!‹ brach Nitschke aus. ›Niemand zweifelt daran‹, setzte Kuhn hinzu. ›Ich verdiene die Sonne nicht, die mich bescheint!‹ rief Nitschke nochmals. ›Ach, seien Sie nicht langweilig‹, sagte Kuhn, ›wärmen Sie die alte Geschichte nicht auf; wenn Sie weiter nichts wollen, deswegen brauchen Sie keinen solchen Lärm zu schlagen. Was ist denn übrigens vorgefallen, das Sie auf einmal zu dieser Selbsterkenntnis gebracht hat? Haben Sie einen lichten Moment?‹ ›Da, lesen Sie selbst‹, sagte Nitschke und gab ihm den offenen Brief seiner Schwester, ›lesen Sie, mit welcher Liebe die Meinen noch an mir hängen, und urteilen Sie dann selbst, wie mir jetzt, mit dem Bewußtsein dessen, was ich getan und wie ich gelebt habe, zumute sein muß.‹ Kuhn nahm den Brief, überflog ihn und gab ihn dann achselzuckend an Nitschke zurück. ›Nun, was sagen Sie dazu?‹ fragte Nitschke mit tränenden Augen. ›Lieber Gott, das ist eine alte Geschichte; dasselbe, Wort für Wort, haben Ihnen schon alle, die es früher gut mit Ihnen meinten, tausend- und aber tausendmal gesagt; haben Sie denn hören wollen? Gott bewahre! Wenn man einmal glaubte, man hätte Sie auf dem rechten Weg und sauber abgewaschen, dann sprangen Sie wieder rechts oder links ab von der Straße mitten in den Schlamm hinein und wälzten sich mit dem größten Wohlbehagen darin herum. Ebensooft haben Sie Besserung versprochen und gelobt und ebensooft, was Sie versprachen, nicht gehalten. Wie Sie sich selber dabei heruntergebracht haben, wissen Sie am besten; Sie brauchen auch niemand dazu, Ihnen das noch einmal vorzuhalten. Gehen Sie nur vor den nächsten Spiegel und betrachten Sie Ihre Jammergestalt: Ihre eingefallenen Backen, Ihre hohlen Augen, Ihre zitternden Hände, Ihre dünnen Haare; wenn man sich nicht über Sie ärgern müßte, könnte man wirklich Mitleid mit Ihnen haben. Und wie soll das enden? Jetzt halten Sie sich einmal wieder eine Zeitlang; aber wie lange wird's dauern, und das alte Leben beginnt von neuem. Ihre Schwester hat ganz recht, wenn sie sagt, daß Sie ein verlorener Mensch seien.‹ ›Das bin ich auch - das bin ich auch‹, sprach Nitschke in dumpfer Verzweiflung; ›ich bin verloren, rettungslos verloren, ja, was schlimmer ist, ich bin nicht einmal wert, daß ich lebe, und das Beste, was ich tun könnte, wäre, daß ich ins Wasser spränge, wo es am tiefsten ist. Besser, von Krokodilen als von ewiger Reue gefressen zu werden.‹ ›Ja, wenn Sie das nur täten!‹ sagte Kuhn ruhig. ›Bei Ihnen bleibt es aber immer bei den guten Vorsätzen. Sie haben uns schon oft etwas Derartiges versprochen.‹ Nitschke sah ihn wild und verstört an und strich die Haare drei- oder viermal wie krampfhaft aus der Stirn; es war, als ob er mit irgendeinem Gedanken kämpfe, den er nicht wolle aufkommen lassen, den er aber auch schon nicht mehr bewältigen könne. Er sprang von dem Stuhl hoch, auf dem er sich, wie in sich selbst zusammengebrochen, niedergelassen hatte, lief ein paarmal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab, blieb dann plötzlich vor seinem Prinzipal stehen, der ihm dabei ruhig mit den Augen folgte, und rief: ›Herr Kuhn -‹ ›Herr Nitschke?‹ ›Ich bin mit mir im klaren!‹ ›Wäre mir lieb, zu hören.‹ ›Ich mache diesem Zustand ein Ende.‹ ›Jedes Mittel dazu wäre zu empfehlen.‹ ›Ich kann dieses Leben nicht länger ertragen.‹ ›Ich habe Ihre Ausdauer schon lange bewundert!‹ ›Ich werfe es von mir.‹ ›Es wäre ein Vorteil für die Kolonie.‹ ›Ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf.‹ ›Dort hängen meine Pistolen‹, sagte Kuhn, mit einer halb einladenden Verbeugung über seinen Schreibtisch deutend, wo zwei große Duellpistolen hingen. Nitschke warf einen scheuen, verzweifelten Blick dorthin, sah noch einmal, wie unschlüssig, den Mann an, bei dem er vielleicht Trost zu finden erwartet hatte, der ihn aber jetzt mit ruhigem Lächeln nur noch mehr dem furchtbaren Entschluß zudrängte, und plötzlich seinen Hut mit der linken Hand fassend, sprang er zum Schreibtisch, ergriff eine der Waffen, riß sie mit dem Nagel aus der Wand an sich und stürzte der Tür zu. ›Sie ist schon geladen!‹ rief ihm Kuhn nach, ohne auch nur einen Finger zu bewegen, um ihn etwa noch zurückzuhalten. ›Leben Sie wohl, grüßen Sie meine Schwester!‹ schrie aber Nitschke, warf die Tür hinter sich ins Schloß, daß die Fenster klirrten, und sprang hinaus ins Freie. Kuhn blieb aber in seinem Stuhl liegen und schaute, mit der Hand auf der Lehne einen der üblichen malaiischen Tänze trommelnd, still lächelnd eine ganze Weile vor sich nieder. Nitschke kam aber nicht wieder; der Platz an der Wand, wo die Pistole gehangen hatte, blieb leer, und Kuhn stand endlich auf und ging langsam im Zimmer auf und ab. Der Teufel würde den Burschen doch nicht plagen, daß er wirklich einen dummen Streich machte und sich eine Kugel vor den Kopf schoß? Bah, dazu besaß er gar nicht Courage genug; aber wo blieb er? Das malaiische Mädchen, das ihm die Wirtschaft besorgte, hatte sich schon ein paarmal in der Tür gezeigt, zum Zeichen, daß das Frühstück fertig sei, und Nitschke wußte, daß er pünktlich dazu erscheinen mußte. ›Pinju!‹ rief Kuhn das Mädchen endlich an, ›apa Tuwan Nitschke?‹ ›Tra tau Tuwan!‹ versetzte das Mädchen achselzuckend, ›habe ihn nirgends gesehen.‹ ›Hm!‹ sagte Kuhn und ging wieder eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Aber es wurde ihm zuletzt unbehaglich; die fehlende Pistole störte ihn, und er horchte ein paarmal wirklich zum Fenster hinaus, weil er glaubte, einen Schuß gehört zu haben. Es wäre ihm doch nicht einerlei gewesen, wenn sich Nitschke wirklich totgeschossen hätte. Nitschke kam aber nicht zum Essen, und die Malaien im Hof wurden jetzt examiniert, wo sie ihn zuletzt gesehen hätten und was er gemacht habe. Dabei stellte sich heraus, daß er mit der Pistole den Weg zu einem kleinen Fruchtdickicht genommen hatte, durch das hier nur ein schmaler Pfad in den nächsten Kampong1) führte. Schießen wollte niemand gehört haben. Kuhn mochte sich übrigens nicht anmerken lassen, daß er wirklich um Nitschke besorgt war; dieser hätte es sonst am Ende, wenn er sich wieder einstellte, erfahren und sich etwas darauf einbilden können. Er ging also wieder in sein Zimmer zurück und hielt seine Siesta. Aber der Gedanke an den in solcher Aufregung Fortgestürzten ließ ihn nicht schlafen. Der sonst vollkommen charakterlose Mensch konnte doch am Ende vom Teufel geplagt und mit der geladenen Waffe in der Hand, einen dummen Streich gemacht haben. Er hätte auch nicht dulden sollen, daß er die geladene Pistole mit aus seinem Zimmer nahm, dachte Kuhn. 1) Kampong: Dorf der Eingeborenen. So kam der Abend heran; von Nitschke war noch immer nichts zu hören noch zu sehen, und Kuhn schickte jetzt allen Ernstes Leute in verschiedene Richtungen aus, um sich nach ihm zu erkundigen und zu sehen, was aus ihm geworden war. Die meisten kehrten unverrichtetersache bald zurück. Nach einzelnen sollte er aber an dem Vormittag im Kampong gesehen worden sein, dann jedoch wieder den Weg zurück nach Kuhns Plantage eingeschlagen haben. Auch sollte in der Nähe zweimal geschossen worden sein; aber die Leute hatten sich nicht weiter darum gekümmert, weil dort mehrere Holländer wohnten und alle Europäer Gewehre in ihren Häusern hatten. Kuhn stand auf der Veranda seines Hauses, rauchte seine Zigarre und schaute still und ernst vor sich nieder, als ein kleines malaiisches Mädchen in den Hof gesprungen kam und einem seiner Arbeiter etwas zurief; dieser schaute sich bestürzt nach ihm um und sprach etwas zu einem andern. ›Hallo, was gibt's da vorn? Was ist, Ketjil, was bringst du? Her mit dir! Was hast du dem Jungen da eben erzählt?‹ rief Kuhn rasch, der nicht ohne Grund glaubte, es könne eine Nachricht über den Vermißten sein. Die Kleine kam schüchtern näher; sie fürchtete sich vor dem Europäer, aber sie wagte auch nicht, seinem direkt gegebenen Befehl entgegenzuhandeln, und erzählte nun stotternd, daß draußen, am kleinen Fluß, neben dem Bambusdickicht, nicht weit von den einzelnen Hütten, in denen ein paar Chinesen wohnten, der weiße Tuwan hier aus dem Haus auf der Erde ausgestreckt liege und tot sei. ›Tot‹ - es ist ein häßliches Wort, eine stets unwillkommene Mahnung für den Lebenden; und Kuhn ging ein paarmal mit raschen Schritten auf der Veranda auf und ab. Endlich rief er dem kleinen Mädchen zu, auf ihn zu warten, bis er hinauskomme, zog sich an, rief ein paar seiner Burschen als Begleitung heran und verließ seine Plantage, um den Leichnam des unglücklichen tollköpfigen Menschen aufzusuchen, den er heute, wenn auch unabsichtlich, doch als Mitverursacher, einem so gewaltsamen Ende seiner Laufbahn entgegengejagt hatte. ›Ich wollte den Lump lieber bis an sein Ende füttern‹, flüsterte er dabei leise vor sich hin, als er dem schmalen Pfad flußaufwärts folgte. ›Wenn er nur nicht den dummen Streich gemacht hätte. Jetzt werd' ich die albernen Gedanken nicht loswerden, Gott weiß, wie lange.‹ Das kleine Mädchen lief indessen rasch voran, bis sie sich der angegebenen Stelle näherten; dann aber fürchtete es sich, den Ort wieder zu betreten, wo es vor einer Stunde zufällig den weißen Mann gefunden und fast selber den Tod gehabt hatte vor Schreck und Entsetzen. ›Da - der Tuwan!‹ sagte es scheu und schüchtern und deutete mit dem kleinen ausgestreckten Händchen auf ein ziemlich dichtes Gebüsch blühender Mangabäume, die sich an das Bambusdickicht anschlossen. ›Da drin weißer Mann - ausgestreckt - tot!‹ Und als ob sie selbst die Nähe des unheimlichen Körpers scheue, floh sie mit raschen Sätzen den Weg zurück, den sie gekommen waren. Kuhn sah ihr kopfschüttelnd nach; war es ihm doch selber nicht recht, daß er den Platz jetzt betreten sollte. Und als er die Hände in die Taschen schob und einen Augenblick wie unschlüssig dastand, als ob er überhaupt noch eine Wahl habe, fühlte er den Brief von Nitschkes Schwester, den der Verzweifelte in seiner Stube hatte liegenlassen und den er in Gedanken zu sich gesteckt hatte; und er zog die Hand wieder aus der Tasche, als ob er sie verbrannt hätte. Durch Zögern wurde aber hier nichts gebessert, im Gegenteil, eher verschlimmert; denn die Malaien, die er mitgenommen hatte, sahen ihn schon erstaunt von der Seite an und flüsterten miteinander. Indem er sich also zusammennahm, betrat er das Dickicht in der bezeichneten Richtung und brauchte nicht einmal weit vorzugehen, denn gleich hinter den ersten Bäumen, auf einer kleinen offenen Rasenstelle, lag der Vermißte lang ausgestreckt auf dem Rücken. Die Büsche hingen ihm dabei über das Gesicht nieder, so daß er es nicht gleich erkennen konnte; aber die weißen Hosen wiesen vorn an den Knien große Grasflecken auf, als ob er sich vorher auf die Knie geworfen und gebetet hatte, und Kuhn blieb wirklich einen Augenblick erschüttert stehen. ›Tuwan!‹ flüsterte da der eine seiner malaiischen Burschen, indem er sachte den Arm seines Herrn berührte, ›Tuwan Nitzi trada mati; trada! Ada mabok!1)‹ ›Mabok? Den Teufel auch!‹ rief Kuhn, sich rasch zu ihm umdrehend. Nitschke betrunken statt tot? Der Gedanke war ihm noch nicht einmal gekommen. Dem erst einmal geweckten Verdacht folgte aber auch bald die Überzeugung. Zuerst warf er einen scharfen, forschenden Blick auf den vor ihm ausgestreckten langen Körper, dann beugte er sich zu ihm nieder, um seinen Puls zu fühlen, warf aber die glühend heiße Hand auch schon im nächsten Augenblick wieder ärgerlich von sich und sprach mit einem halb verschluckten, aber deshalb kaum weniger herzlich gemeinten Fluch: ›Da hört dann doch alles auf! Hat sich der nichtsnutzige Bursche von zu Haus fortgemacht, um sich hier zu betrinken, während wir uns daheim schon freuten, daß er endlich einmal einen gescheiten Einfall gehabt und seinem doch nutzlosen Leben ein Ende gemacht habe. Wenn ich nur wüßte, woher er den Arrak bekommen hat, denn er besaß keinen Deut Geld und hatte hier in der Nachbarschaft wahrscheinlich auch keinen Kredit. Das begreife ich nicht!‹ ›Da drüben liegt die Flasche, Tuwan‹, sagte einer der Malaien, der sich inzwischen überall auf dem Platz umgesehen hatte, ›ist ganz leer.‹ ›Ja, das glaube ich‹, entgegnete sein Herr, sich jetzt ebenfalls überall umschauend, ›da ist die Flasche, aber wo - wo zum Henker ist denn meine Pistole?‹ Die Pistole war nirgends zu finden. Einer der Malaien wurde jetzt in den nur wenige hundert Schritte entfernten Kampong geschickt, um dort nähere Erkundigungen einzuziehen, und Kuhn ging indessen zu den nicht weit entfernten chinesischen Häusern hinüber, um zu sehen, ob er dort Näheres über den Betrunkenen erfahren könne und was dieser vor allem mit der Waffe gemacht habe. Er sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben, denn schon im ersten Haus fand er seine Pistole, die Nitschke, hier vorbeikommend - zur Hälfte verzweifelt und zur andern Hälfte durstig -, für eine Flasche Arrak versetzt oder vielmehr verkauft hatte. Der Chinese erzählte, der Weiße habe ihm versichert, er würde nie mehr kommen, die Waffe abzuholen, aber wenn sie ihn fänden, sollten sie ihm ein ehrliches Begräbnis geben. Der Chinese versicherte natürlich, er habe geglaubt, der Weiße mache Spaß, noch dazu, da er die Pistole zurückließ, denn mit der Flasche konnte er sich doch nicht gut umbringen. Kuhn sagte nichts dazu, löste aber vor allen Dingen seine Pistole wieder ein, ließ den Betrunkenen dann durch die Burschen zu seinem Haus schaffen und auf sein Bett legen und hatte große Lust, ihn am nächsten Morgen wieder aus dem Haus zu jagen. Den Ärger über den wirklich komischen Leichtsinn des nichtsnutzigen Menschen hob aber auch wieder zum Teil das beruhigende Gefühl auf, daß er sich keine Vorwürfe über seinen Tod zu machen brauche, und er beschloß, es noch einmal eine Zeitlang mit ihm zu versuchen. Als Nitschke übrigens am anderen Morgen wieder zu sich kam, den Brief seiner Schwester über seinem Bett festgenagelt fand und sich der Vorgänge des letzten Tages zu erinnern anfing, geriet er außer sich und verlangte jetzt ernsthaft eine Pistole, um seinem elenden Leben ein Ende zu machen. Kuhn versicherte ihm aber, daß er ihm ›nicht mehr traue‹, da es ihm schiene, als ob er mit Waffen ›nicht ordentlich umzugehen wisse‹, und verweigerte ihm nicht allein die Pistole, sondern schickte ihn auch, nach einer tüchtigen Epistel über die Vorgänge des letzten Tages, an seine Arbeit, was Nitschke eine Zeitlang gutgetan zu haben scheint. Jetzt ist aber, wie wir eben gesehen haben, der Teufel aufs neue in ihn gefahren, und da Kuhn fest entschlossen war, ihn nach einem erneuten Rückfall nicht wieder aufzunehmen, weiß ich jetzt selber nicht, was aus dem Burschen werden soll. Das bleibt sich übrigens auch gleich und geht uns nichts weiter an, war es doch bloß diese Geschichte, die ich euch erzählen wollte.« Die jungen Leute lachten über den drolligen Leichtsinn des Säufers; einzelnen, die lieber am Kartentisch saßen als etwas von einem Menschen erzählen hörten, der sie doch nicht weiter interessierte, hatte die Zeit indessen schon zu lange gedauert. Einer der Tische wurde deshalb auch gleich besetzt, und während Wagner mit drei anderen an dem einen Platz nahm, setzten sich die übrigen desto fester um die Bowle her, um sich ungestört diesem Genuß hingeben zu können. Die Kartenspieler horchten indessen nicht auf das Gespräch, das sich am anderen Tisch entspann, bis Wagner durch ein paar lauter und heftiger ausgestoßene Worte van Roekens aufmerksam wurde und hinüberhorchte. »Und verdammt will ich sein!« rief van Roeken, von dem kräftigen Getränk erregt, »wenn ich ein solches Leben noch ein Jahr lang fortführe. Auf heute in sechs Monaten lade ich euch alle zu meiner Hochzeit ein!« »Hurra, ein Wort ein Mann!« jubelten die fröhlichen Gesellen. »Und zehn Körbe Champagner, wenn ich mein Wort nicht halte«, setzte van Roeken erregt hinzu. »Torheit, Freund!« rief sein Kompagnon vom anderen Tisch herüber. »Mach keine solche Versprechungen. Wenn du nun bis dahin keine Frau bekommst?« »Dann heirate ich das erste beste malaiische Mädchen, dem ich am Tage vorher auf der Straße begegne«, warf der Erregte trotzig dagegen ein, »aber ich brauche keine sechs Monate, um eine Frau hier an Ort und Stelle zu haben.« »Und wo willst du sie herbekommen?« »Ich verschreibe mir eine von Holland«, lachte van Roeken. »Übermorgen geht die Mail, und in sechs Monaten kann sie mit aller Bequemlichkeit meine Hausfrau sein.« Wagner schüttelte nur den Kopf, erwiderte aber keine Silbe darauf, und die übrigen arbeiteten sich nun in ihrer tollen Weinlaune den Plan mit allen Einzelheiten aus. Es schlug zwölf Uhr, ehe sie sich trennten, und als die einzelnen Bendis vorfuhren, um ihre verschiedenen Herren aufzunehmen, wurde es stiller und stiller in der noch vor kurzer Zeit so lebendigen Wohnung, die jetzt, trotz der noch hell strahlenden Lampen, wild und verödet aussah. Der Tisch war unordentlich mit Flaschen und Gläsern bedeckt, das Tischtuch von großen Weinflecken und Zigarrenasche entstellt, die Stühle standen bunt durcheinander, die Karten lagen, zum Teil heruntergefallen, neben angerauchten Zigarren auf den hellen Steinplatten. Ein paar Malaien schlichen dabei schläfrig in dem Portico umher, um heut abend noch ein wenig aufzuräumen und, wenn es möglich wäre, den einen oder anderen Rest von Wein für sich in Sicherheit zu bringen. Es waren aufgeklärte Mohammedaner, die recht gut wußten, daß sie ein halbes Glas Wein nicht in die Hölle bringen konnte. Wagner war der letzte von allen Gästen, von denen jeder in seinem eigenen Bendi nach Hause fuhr. Er hatte seinem Kutscher befohlen, die übrigen erst alle fortzulassen und dann vorzufahren. Van Roeken hatte von den letzten Abschied genommen und ging mit untergeschlagenen Armen auf der noch vor den Säulen befindlichen Treppe auf und ab. Wagner war in der Mitte des Porticus stehengeblieben und sah ihm schweigend eine Weile zu, endlich sagte er: »Roeken, ich hoffe doch nicht, daß aus dem Scherz von heute abend Ernst werden wird!« »Scherz?« fragte van Roeken, wie erstaunt zu ihm aufsehend, »was für ein Scherz?« »Der mit der zu bestellenden Braut.« »Und wer sagt dir, daß es überhaupt ein Scherz war? Ist das nicht von so entfernten Kolonien aus mehr als einmal und mit Glück geschehen?« »Allerdings«, sagte Wagner ruhig, »du hast auch gerade dabei das richtige Wort gebraucht: mit Glück! Du mußt aber bedenken, daß du bei dem wichtigsten Schritt deines Lebens, den du im Begriff bist zu tun - denn alle anderen lassen sich rückgängig machen -, dem blinden Zufall deine ganze spätere Zukunft anvertrauen willst, und wenn du nicht...« »Bitte um Verzeihung«, unterbrach ihn der Freund rasch, »so ganz und gar denk' ich nicht, mir die Hände zu binden. Kommt das Mädchen herüber, und wir gefallen einander nicht, so zahle ich ihr die freie Rückfahrt und ein Abstandsgeld. Wir haben uns das alles überlegt.« »Und glaubst du, daß irgend jemand darauf eingehen würde?« »Bah, zehn für eine«, sagte van Roeken lachend. »Gut, selbst das angenommen«, fuhr Wagner ruhig fort, »und nicht einmal gerechnet, daß du dabei Tausende von Gulden auf eine einzige ungewisse Karte setzt; in welchem Lichte steht deine künftige Frau den anderen Familien gegenüber, und wo wirst du wagen dürfen, sie einzuführen?« »Und wer braucht davon zu wissen?« sagte van Roeken. »Unsere ganze Gesellschaft; glaubst du, daß die schweigen werden?« »Sie haben es fest versprochen.« Wagner schüttelte langsam den Kopf. »Du kennst die Welt besser«, sagte er endlich, »als daß du wirklich glauben solltest, sie würden ein solches Versprechen halten. Das Mädchen hätte noch keine vierundzwanzig Stunden javanischen Boden betreten, und jede Familie in Batavia wüßte alles, was sie beträfe - ja noch mehr. Nein, die Hoffnung laß dir vergehen, daß du die Sache als Geheimnis behandeln könntest, und schon daß du diese Absicht hast, gibt mir Hoffnung, du wirst es dir, ehe du den Schritt tust, reiflich überlegen.« »Ich habe nicht mehr viel Zeit dazu«, lachte van Roeken, »denn übermorgen geht die Mail.« »Jedenfalls überschlafe deinen Plan«, sagte Wagner ernst. »Du bist heute abend aufgeregt, der frühe Morgen ist die beste Zeit, solche Sachen zu überdenken.« »Du glaubst doch nicht etwa, daß ich meine vollen Sinne nicht beieinander hätte!« rief van Roeken gereizt. »Ich denke nicht daran«, entgegnete sein Freund, der ihn durch Widerspruch in seinem tollen Plan nur zu bestärken fürchtete. »Übrigens ist es spät geworden - mein Bendi wartet. Gute Nacht, Leopold. Morgen sprechen wir hoffentlich mehr darüber.« »Vielleicht«, sagte van Roeken ausweichend, »gute Nacht!« Der Bendi hielt vor der Tür; Wagner sprang hinein, die Pferde zogen an, der Boedjang sprang mit der Fackel hinten auf, und das leichte Fuhrwerk rasselte den Weg hinab zum Tor hinaus, der eigenen Heimat zu. 1) Herr Nitschke ist nicht tot, bewahre, er ist betrunken. (Zum Text) 3. BEGEGNUNG IN FRANKFURT AM MAIN In Frankfurt am Main, dicht vor der Stadt, von hohen Walnußbäumen beschattet, stand ein kleines freundliches Haus mit grünen Jalousien und einem zwar bescheidenen, aber außerordentlich sauber gehaltenen Gärtchen vor der Tür. Die Fenster waren spiegelblank, und liebevoll gepflegte Blumen hinter den Scheiben verrieten eine hegende, sorgende Hand. Und wie anheimelnd schlang sich Jasmin und Wein über die kleine, in die Ecke gedrückte Laube, und was für ein lauschiges Plätzchen wäre das jetzt in der Morgenkühle gewesen, um dort ein müßiges Stündchen zu verträumen. Aber die Frau, die dort hinter der Reseda und den Monatsrosen am Fenster saß und mit matten, traurigen Augen ins Freie schaute, getraute sich doch nicht hinaus an die frische Luft, und wehmütig hingen nur ihre Blicke an den aufknospenden Rosen, die ihre Blüten bis dicht vor das Fenster streckten, an dem schattigen Grün der Bäume ringsumher. So saß sie wohl eine gute halbe Stunde, die Hände im Schoß und auf einem offenen Brief gefaltet, als plötzlich ihre Aufmerksamkeit einem Geräusch auf der Straße zugelenkt wurde. Es war ein Reiter, der den Weg in einem kurzen Galopp herangesprengt kam und gerade vor ihrem Haus sein Pferd so rasch und plötzlich herumwarf, daß er einer hinter ihm fahrenden Equipage dicht vor die Pferde kam. Der Kutscher war nicht imstande, diese so plötzlich einzuzügeln; der Reiter aber, ohne auch nur mehr als einen flüchtigen Blick auf die Gefahr zu werfen, parierte sein Pferd so geschickt, daß er eben noch die an ihm vorbeischnellende Kalesche vermied. Eine einzelne Dame saß darin und beugte sich nach ihm heraus; sie mußte glauben, daß er Schaden genommen hätte, aber sein erschrecktes und noch wilde Kapriolen machendes Pferd beschäftigte ihn im ersten Augenblick zu sehr, um auch nur den Kopf nach ihr zu wenden. Ein tüchtiger Reiter, hatte er es jedoch schon wenige Sekunden später wieder in seiner Gewalt, und sein Blick suchte und fand den Gegenstand, der ihn vorher dazu gebracht hatte, so plötzlich aus seiner Bahn abzuweichen. Es war ein junges, bildschönes Mädchen, einfach, aber doch sehr geschmackvoll gekleidet, das eben das Gartentor des erwähnten kleinen Hauses hatte öffnen wollen. Durch das Stampfen des Pferdes, das Schreien des Kutschers und die gefahrvollen Bemühungen des Reiters aber aufmerksam gemacht und auch erschreckt, blieb sie, die Hand auf dem Türgriff, stehen und drehte sich nach der beschriebenen Szene um. Da begegnete ihr Auge dem des jungen Reiters, und dieser, mit der Linken sein noch courbettierendes Pferd wieder fest im Zügel, zog mit der Rechten den Hut ab und grüßte sie so freundlich wie ehrfurchtsvoll. Tiefes Rot färbte, als sie ihm dankte, ihre Wangen; im nächsten Moment aber hatte sie auch schon unwillkürlich die Gartentür geöffnet und schlüpfte rasch und wie schüchtern in das Haus. Ihre Mutter war Zeuge dieser kaum eine Minute Zeit fortnehmenden Szene gewesen und hätte auch nicht weiter darauf geachtet, wäre ihr nicht, als ihre Tochter gleich darauf das Zimmer betrat, deren hochgerötetes Antlitz aufgefallen. »Was hast du, mein Kind - was ist vorgefallen?« fragte sie ruhig, die Tochter betrachtend. »Du glühst ja wie Feuer! - Wer war der junge Herr, der dich da draußen eben grüßte?« »Ich erzähle dir alles, Mütterchen«, sagte bittend das Mädchen, »gib mir nur erst Zeit, zu Atem zu kommen. Ich bin von der Zeil aus so rasch hier herausgelaufen, um dich nicht so lange allein zu lassen.« »Du gutes Kind«, sagte die Mutter gerührt, »aber die Kathrine war ja doch bei mir, falls ich irgend etwas gebraucht hätte.« »Aber das bin doch nicht ich, Mütterchen.« »Und wer war der junge Herr?« »Ja, da fragst du mich zu viel«, lachte das Mädchen, aber das Lachen kam ihr nicht von Herzen, und in Verstellung nicht geübt, verriet sie durch ihr ganzes Wesen der Mutter bald, daß sie mehr von ihm wisse, als dieses Ableugnen bestätigen wollte. »Und hast du ihn früher nie gesehen?« »Doch, Mütterchen, doch«, erwiderte jetzt die Tochter, wobei sich ihre Wangen und Schläfen erneut röteten. Sie legte schnell ihren Hut ab, rückte sich den Sessel neben den Stuhl der Mutter und nahm deren Hand. »Und wo?« »Weit, weit von hier, und auch schon vor zwei Jahren«, sagte Hedwig, die Hand der Mutter streichelnd, »das letztemal, als wir mit dem Vater in Ems waren.« »Und du hast mir nie ein Wort davon gesagt?« mahnte die Mutter, aber jetzt nur mit halber Aufmerksamkeit. Gab ihr doch die Erinnerung an jene schwere Zeit jedesmal einen Stich durchs Herz. »Ich weiß selber nicht, wie es kam«, flüsterte Hedwig, dabei vor sich niederschauend, »es war auch eigentlich nur ein Moment - aber freilich einer von jenen, die oft über ein ganzes Leben entscheiden.« »Hedwig!« rief die Mutter, durch die Worte erschreckt, »ich will nicht hoffen...« »Was, liebe Mutter?« sagte das junge Mädchen, ihr offen und erstaunt in die Augen schauend. »Daß du den jungen Fremden liebst«, setzte die Frau weicher hinzu, »und deiner Mutter die ganze lange Zeit keine Silbe gesagt hättest.« »Nein, Mütterchen, so war es nicht gemeint«, lächelte Hedwig, »ich - ich scheute mich nur davon zu reden, weil - weil ich glaubte, daß...« »Und warum wirst du verlegen?« »Es war eigentlich ein merkwürdiger Zufall, Mama«, brach Hedwig ab, »wenn wir überhaupt das einen Zufall nennen wollen, was über das Leben eines Menschen entscheidet, und das Leben dieses Menschen hing wirklich an jenem Moment.« »Ein Menschenleben?« »Das dieses Fremden; aber ich will dir mit wenigen Worten das scheinbare Rätsel lösen. Es war am Tag oder vielmehr am Abend vor unserer Abreise von Ems, als du unten bei dem kränker gewordenen Vater bliebst, während ich mit Josephine - meiner damaligen Freundin«, setzte sie leiser und seufzend hinzu - »noch einmal zu dem Pavillon hinaufritt, um von dem liebgewonnenen Plätzchen Abschied zu nehmen. Es war ein wunderbar schöner, ruhiger Abend, und wir waren schon eine Strecke unter dem Gipfel abgestiegen, um den Rest des Hügels hinaufzugehen; dadurch wurde es später, und die letzten Fremden hatten, wie wir glaubten, den Platz schon verlassen. Die Tür des Pavillons stand weit offen; als wir eintraten, sahen wir aber noch einen einzelnen Fremden auf der Bank dicht vor der Balustrade sitzen, anscheinend in das reizende Bild versunken, das sich vor seinen Blicken ausbreitete. Mit unseren leichten Schuhen hatten wir beim Eintritt kein Geräusch gemacht und standen, als wir den einzelnen Fremden erblickten, ein paar Momente unschlüssig hinter ihm, ob wir ebenfalls nach vorn gehen oder uns, da er uns noch nicht gesehen hatte, zurückziehen sollten. Eine Bewegung, die er machte, fesselte uns erschrocken an unseren Platz. Er hob nämlich eine Pistole, die er schon vor sich in der Hand und auf dem Knie gehabt haben mußte, in die Höhe, und während wir deutlich das Knacken des Hahns hören konnten, sagte er laut und mit einem leisen, aber fürchterlichen Lachen dabei: ›So fahre denn wohl, du schöne - nichtsnutzige, erbärmliche Welt, fahre wohl. Voller Vertrauen bin ich dir entgegengekommen, aber schmählich hast du mich behandelt und zurückgestoßen. Was du mir einst geboten hast, das hast du mir wieder genommen - wir sind quitt!‹ Und mit den letzten Worten hob er die furchtbare Waffe. Wo ich den Mut herbekommen habe«, fuhr Hedwig, noch in der Erinnerung zusammenschaudernd, fort, »weiß ich jetzt selbst nicht mehr; keinenfalls war ich in dem entsetzlichen Moment eines klaren Gedankens fähig, und ich kam erst wieder zur Besinnung, als ich vorgesprungen war, den Arm des Unglücklichen gefaßt und ihm einige mahnende Worte zugerufen hatte, was, kann ich mich nicht mehr erinnern, aber er war gerettet. Erschrocken sprang er im ersten Augenblick von seinem Sitz auf und sah mich wohl eine Minute lang starr und staunend an, dann schleuderte er die Pistole weit von sich den Felsen hinab, und mit den Worten: ›Mein guter Engel!‹ eilte er an uns vorüber und hinaus ins Freie, wo er im nächsten Augenblick in dem dichten Gebüsch verschwand.« »Und keine Silbe hast du uns davon gesagt?« »Ich fürchtete, den Fremden, der jenen Schritt gewiß bitter bereute, zu kompromittieren.« »Und hast du ihn später wiedergesehen?« »Nie - heute morgen zum erstenmal.« »Er hat dich erkannt?« »Es scheint so, denn er grüßte mich; aber eigentlich kann ich es mir kaum denken, da er mich nur jenen einen Moment gesehen hatte. Es ist möglich, daß ihn eine Ähnlichkeit mit irgend jemand anderem getäuscht hat.« »Aber du hast ihn wiedererkannt und ihn auch nicht länger gesehen gehabt.« »Ja«, sagte die Tochter leise, nach einigem Zögern, »mehr aber an dem vollen schwarzen und lockigen Haar als an seinen Zügen; ich glaube wenigstens, daß es jener Fremde war. Doch ich plaudere und plaudere von vollkommen gleichgültigen Dingen«, unterbrach sie sich plötzlich, von ihrem Platz aufspringend, »und habe dich noch nicht einmal gefragt, Mütterchen, wie es dir geht und ob dir die Zeit nicht lang geworden ist, seit ich fort bin.« »Gut, liebes Kind«, sagte die Mutter, freundlich die Hand drückend, die ihr die Tochter in die ihre legte, »besser, wenigstens etwas besser als gestern, und es wird schon wieder ganz gut werden, wenn nur eben bald die - guten Nachrichten kommen.« »Aber du sorgst dich doch nicht deshalb, Mütterchen?« »Nur deinetwegen, mein Herz«, sagte die Frau gerührt, »ich selber werde - würde mich leichter hineinfinden.« »Was liegt an dem Geld«, sagte das junge Mädchen, die Stirn der Mutter streichelnd und küssend, »du sollst einmal sehen, wie ich arbeiten kann und werde, und was wir beide zusammen brauchen, ist so leicht verdient.« »Und hast du deine letzte Arbeit heute morgen gut bezahlt bekommen?« »Sehr gut, Mütterchen«, sagte Hedwig, »viel besser, als ich erwartet hatte - und Bestellung auf mehr.« Die Mutter schwieg und sah still vor sich nieder, und Hedwig war ebenfalls froh, das Gespräch damit abbrechen zu können. Verheimlichte sie doch der Mutter, welch bittere Kränkung sie erst heute morgen wieder in dem Putzgeschäft erfahren hatte, in das sie ihre Arbeit brachte, und wie wenig, wie entsetzlich wenig sie dafür bekam, ebenso wie die Mutter sie täuschte, als sie zu ihr von Besserung, von Hoffnung sprach. Wohl fühlte die arme Frau das Gegenteil, aber sie wollte das Herz der Tochter nicht vor der Zeit mit Sorge füllen, guter Gott, das Leiden brach doch zeitig genug für sie herein. Erschöpft von dem vielen Sprechen und Zuhören, war sie dabei in ihren Lehnstuhl zurückgesunken und schloß die Augen, und Hedwig, die wußte, wie nötig der Mutter solche Ruhe tat, schritt leise zum Fenster, nahm dort ihre Arbeit und setzte sich damit auf ihren gewöhnlichen Platz hinter den blühenden Rosenstock. Eine Stunde mochte sie etwa so gesessen haben, als jemand draußen die Gartentür öffnete. Fast unwillkürlich sah sie hinüber und hätte beinahe einen Schrei ausgestoßen, als sie den Fremden von heute morgen - von Ems - erkannte. Ehe sie aber nur eines Gedankens fähig war, was sie tun - ob sie bleiben oder in ihr eigenes Zimmer flüchten solle, öffnete sich leise die Tür, und Kathrine, ihre Magd, steckte den Kopf herein. »Ist ein fremder Herr draußen«, sagte sie in ihrem breitesten Frankfurter Dialekt, »und frägt, ob das ›gnädige‹ Fräulein zu spreche wär'. Der ist höflich, daß du die Kränk kriegst. Da - den Zettel hat er mir zum 'reintrage gegebe.« Und damit gab sie Hedwig eine an der Ecke eingebogene Visitenkarte. »Wer ist draußen, Kathrine?« fragte die Mutter, die langsam die Augen aufschlug. »Ein fremder Herr. Sauber genug schaut er auch aus, und kann der schwätze«, meinte die Magd. »Oswald von Dorsek«, las Hedwig indessen auf der Karte. »Kennst du ihn, Hedwig?« »Der Fremde von Ems«, flüsterte das Mädchen, und jeder Blutstropfen hatte dabei ihr Antlitz verlassen. Die Mutter seufzte tief auf, aber sie sprach kein Wort und winkte nur, daß er eintreten möge. Das Mädchen nickte statt einer Antwort mit dem Kopf; gleich darauf klopfte es, und wie sich die Tür öffnete, kam von Dorsek mit freundlichem Gruß auf die alte Dame zu. »Gnädige Frau«, sagte er mit dem Ton eines Weltmannes, der sich in alle Verhältnisse leicht zu finden weiß, »Sie müssen mich schon entschuldigen, daß ich Ihnen so ohne weiteres ins Haus falle; aber ich habe eine Pflicht der Dankbarkeit hier gegen Ihre liebenswürdige Tochter, die ich erfüllen möchte, selbst auf die Gefahr hin, ungezogen zu erscheinen. Mein gnädiges Fräulein, ich weiß wirklich nicht, ob Sie sich noch meiner erinnern, ich sollte eigentlich fast hoffen, daß es nicht der Fall wäre, sonst müßte ich noch immer als ein tollköpfiger, ratloser, vielleicht ruchloser Mensch vor Ihnen stehen, und doch - so wunderliche Menschenkinder sind wir - würde es mich recht innig freuen, vom Gegenteil überzeugt zu sein.« »Ich habe Ems noch nicht vergessen«, sagte Hedwig leise, die aufgestanden war, ihn zu begrüßen. »Dann erlauben Sie mir wenigstens jetzt noch, nach langen Jahren Ihnen zu danken«, sagte der Fremde herzlich, »daß Sie damals einen - Frevel verhinderten. Ich weiß nicht, ob Ihre Frau Mutter...« »Ich weiß alles«, sagte die Frau freundlich, »und Gott gebraucht oft schwache Werkzeuge, seine unerforschlichen Ratschläge durchzuführen. Aber nehmen Sie Platz; Sie sind herzlich willkommen.« »Gnädige Frau, Sie...« »Bitte«, unterbrach ihn Frau Bernold, indem sie ihm langsam mit der Hand winkte, »lassen Sie das Beiwort ›gnädige‹ fort, wenn ich Sie ersuchen darf. Wir sind schlichte Bürgersleute, und unser Name ist Bernold. - Wohnen Sie hier in Frankfurt, oder hat Sie der Zufall hierhergeführt?« »Wenn das letztere der Fall wäre«, fuhr von Dorsek mit einem unwillkürlichen Blick auf Hedwig fort, »würde ich es dennoch keinen Zufall nennen, aber ich halte mich hier schon seit wenigstens sechs Monaten auf, ohne die geringste Ahnung, daß meine Retterin von Ems hier ebenfalls zu Haus ist, bis ich ihr heute auf meinem Spazierritt begegnete.« »Sie hätten beinahe einen Unfall gehabt.« »Ich warf im ersten Augenblick mein Pferd zu rasch herum, ohne das Rasseln des hinter mir fahrenden Wagens zu hören - wenn ich Ihr Fräulein Tochter nur nicht damit erschreckt habe.« »Es ist ja noch alles gut abgegangen«, sagte Hedwig lächelnd. Ihre Mutter wollte in diesem Augenblick etwas sagen, denn sie hob die Hand, aber das Sprechen vielleicht oder auch die Aufregung dieser Begegnung hatte sie angegriffen. Sie wurde blaß und fiel mit einem leisen Seufzer in ihren Stuhl zurück. »Mutter, um Gottes willen, fehlt dir etwas?« rief Hedwig, an ihre Seite fliegend und ihr Haupt stützend. Dorsek war ebenfalls aufgesprungen und sagte teilnehmend: »Soll ich zu einem Arzt eilen?« »Ich danke Ihnen«, lehnte aber die Tochter freundlich ab, »es wird vorübergehen. Es ist nur ein Anfall von Schwäche, den meine arme Mutter in der letzten Zeit schon einige Male gehabt hat.« »Meine Gegenwart kann dann nur störend wirken - erlauben Sie mir aber, daß ich meinen Besuch erneuere, wenn sich Ihre Frau Mutter kräftiger fühlt. Ich muß Ihnen doch Rechenschaft geben, wie ich das Leben benutzt habe, das ich Ihnen verdanke.« »Es wird uns immer angenehm sein, Sie bei uns zu sehen«, sagte Hedwig verlegen, und ihr Antlitz färbte sich bei diesen Worten tief rot. Sie wußte dabei kaum, wie es kam, daß im nächsten Augenblick ihre Linke in der zu ihr ausgestreckten Hand Dorseks ruhte. Ehrfurchtsvoll zog dieser sie an seine Lippen und verließ dann rasch die Stube und das Haus. 4. DIE VERHÄLTNISSE DES HERRN VON DORSEK. - HEDWIG BERNOLDS VERLOBUNG Oswald von Dorsek saß, die Fenster geöffnet, bei all dem geschäftigen Treiben der regen Stadt, das zu ihm herauftönte, in seiner Wohnung an der Zeit vor seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, die Feder kauend und den Blick fest und finster auf das Papier geheftet. Um ihn her lagen zerknitterte und zusammengeballte Konzepte am Boden, und ein großer Neufundländer Hund dehnte sich zwischen diesen Trümmern einer entweder beendeten oder vielleicht noch nicht einmal begonnenen Korrespondenz. »Ist dein Herr zu Haus?« fragte draußen eine bekannte Stimme. Dorsek sprang auf und öffnete die Tür. »Komm herein - ich bin allein - übrigens kommst du mir wie gerufen; ich wollte dich schon selber aufsuchen.« »Desto besser«, sagte der Eintretende, ein Hauptmann der preußischen Besatzung, die in Frankfurt lag, indem er seine Dienstmütze abnahm und sich die Haare aus der Stirn strich, »wie geht's, Dorsek? Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen.« »Acht Tage wenigstens«, sagte der Angeredete, während er die dargebotene Hand schüttelte. »Mach's dir bequem, ich möchte einiges mit dir besprechen.« »Ich mit dir auch«, nickte der Offizier, »aber fang nur an. Was sind das für Zigarren?« Er nahm die auf dem Tisch stehende Kiste in die Höhe und roch daran. »Das ist doch nicht deine alte Sorte?« »Ich - habe einmal mit einer anderen einen Versuch gemacht«, lautete die Antwort. »Es sollen echte Havanna sein.« »Sollen? - So!« sagte der Offizier, indem er seine Handschuhe auf den Tisch warf und dann eine der Zigarren aussuchte, abschnitt und anzündete. Er lehnte sich dabei in die Sofaecke, schlug ein Bein über das andere und rief: »So, nun fang an; was gibt's?« Dorsek saß ihm noch schweigend eine Zeitlang gegenüber; es war, als ob er einen Anfang suche und nicht recht beginnen könne. Endlich sagte er. »Du weißt, Rustloh, daß ich - schon seit einiger Zeit eine Beschäftigung suche?« »Ja«, sagte der Hauptmann, warf die Zigarre zum Fenster hinaus und nahm seine eigene Zigarrentasche heraus. »Schmecken sie dir nicht?« »Nein, fahr nur fort - Beschäftigung suche...« Dorsek war dadurch jedenfalls gestört worden, denn es bedurfte einiger Zeit, ehe er den Faden wiederfand; endlich fuhr er fort: »Die Sache ist aber nicht so leicht, wie ich es mir am Anfang dachte, und verschiedene Schritte, die ich zu dem Zweck getan habe, sind vollständig erfolglos geblieben.« »Und was hast du versucht, wenn man fragen darf?« fragte der Hauptmann, der jetzt mit augenscheinlichem Wohlbehagen den Dampf seiner eigenen Zigarre in die Luft blies. »Verschiedenes«, lautete die etwas gedrückte Antwort. »Als erstes versuchte ich natürlich die aufgegebene Charge wiederzubekommen. Die Antwort - der Wisch liegt da neben dir auf dem Tisch - ist ein wahres Meisterstück von Schmeichelei und Grobheit.« »Natürlich nichts!« sagte der Hauptmann, den bezeichneten Brief aufnehmend und flüchtig überfliegend. Im nächsten Augenblick aber warf er ihn schon wieder mit einem verächtlichen Lächeln auf den Tisch zurück. »Hab' ich es dir nicht vorhergesagt?« »Ja - ich tat auch nur den Schritt, um mir später keine Vorwürfe machen zu müssen, irgend etwas versäumt zu haben.« »Weiter!« »Ich versuchte dann eine Stellung bei einer der Legationen zu bekommen - umsonst.« »Weiter!« »Zu gleicher Zeit bewarb ich mich bei mehreren Buchhändlern um Übersetzungen aus dem Französischen.« »Natürlich nichts!« »Ich bekam gar keine Antwort.« »Weiter!« »Ich bin jetzt entschlossen, mich beim Telegraphen- oder Eisenbahndienst annehmen zu lassen.« »Unsinn!« sagte der Hauptmann und strich seine Zigarrenasche ab. »Unsinn?« rief Dorsek. »Gerade darin wollte ich deinen Rat hören, vielleicht deine Hilfe beanspruchen, und du fertigst mich, wo ich den festen Willen habe, ehrlich durch die Welt zu kommen, mit dem einen kurzen Wort: Unsinn ab.« »Bist du mit allem fertig?« »Ja.« »Gut, dann höre auch jetzt, was ich dir zu sagen habe, denn ich war in der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, nicht untätig in deinem Interesse«, sagte der Hauptmann. »Du weißt, Dorsek, daß wir uns von Jugend auf kennen - Spielkameraden noch aus der Knabenzeit sind, und die paar Jahre, die ich älter bin als du, hätten eigentlich keinen großen Unterschied zwischen uns machen sollen. Dennoch war ich stets in der Situation dir zu raten, und du - zu tun, was dir trotzdem beliebte. Laß es wenigstens jetzt nicht so sein, wo dein ganzes Lebensglück auf dem Spiel steht.« »Ich weiß, du warst immer der Ruhigere und Vernünftigere«, sagte Dorsek mit einem wehmütigen Lächeln, »und es wäre wohl oft gut für mich gewesen, wenn ich häufiger deinen Rat befolgt hätte.« »Wenn du das wirklich einsiehst, ist es vielleicht selbst jetzt noch nicht zu spät«, sagte der Hauptmann, »also laß mich kurz sein. Ich habe unter der Hand genaue Erkundigungen über die Personen eingezogen, mit denen du auf etwas romantische Weise - wenn man die Ursache nicht genau kennt - bekannt geworden bist.« »Du warst bei Bernolds?« rief Dorsek rasch. »Nein«, sagte der Hauptmann ruhig, »ich habe mich wohl gehütet. Es gibt Mittel und Wege genug, alles, was man wissen will, zu erfahren, ohne gerade an die Quelle zu gehen. Ich kann dir ihre Verhältnisse so genau schildern, als ob ich sie seit Jahren kenne, und es ist die Frage, ob du dir diese Mühe schon gegeben hast.« »Wenn du Hedwig kenntest...« »Würde das in der Sache selber nicht den geringsten Unterschied machen«, unterbrach ihn der Hauptmann. »Für dich aber ist es unbedingt nötig, daß du genau erfährst, wie die Sachen stehen, wenn dich etwa deine, hier sehr überflüssige, Diskretion abgehalten haben sollte, das Nähere zu erfragen. Der alte Herr Bernold, früher ein sehr reicher Kaufmann in Frankfurt, hat voriges Jahr, allerdings ohne eigenes Verschulden, Bankrott gemacht und sich wohl sehr ehrenhaft aus der Affäre gezogen, sein ganzes Vermögen aber dabei verloren. Selber schon sehr kränklich - denn die Reise nach Ems war ein letzter verzweifelter Schritt des Arztes -, erlag er den Schicksalsschlägen, die auf ihn einstürmten, und starb gleich nachher. Ein kleiner Teil des Vermögens war übrigens zweifelhaft: die Witwe hatte ihm das kleine Haus in Frankfurt zugebracht, und ihr Advokat versuchte, es für sie zu retten. Es entspann sich darüber ein langer Prozeß, der bis auf den heutigen Tag noch nicht entschieden ist.« »Sie wird es jedenfalls erhalten«, sagte Dorsek. »Nein«, erwiderte sein ruhiger Freund. »Ich war bei ihrem Advokaten - der zufällig auch der meine ist. Ihre Sache steht schlecht. Es hängt jetzt alles von dem Schwur eines ihrer Gläubiger ab, und der Advokat zweifelt keinen Augenblick mehr, daß der Schwur geleistet wird -« »Und dann?« »Hat die Witwe Bernold gar nichts«, sagte der Hauptmann, »als was ihre Tochter mit Händearbeit etwa verdienen kann; wie wenig das aber ist, könntest du wissen, wenn du mit derlei Verhältnissen nur ein klein wenig vertraut wärst. Es ist gerade genug, um ein paar Personen am Leben zu erhalten und nicht dabei zu verhungern. Die arme Frau ist übrigens so krank, daß sie den Herbst kaum erleben dürfte.« »Dann steht Hedwig ganz allein; desto mehr Ursache für mich, sie nicht schutzlos zu lassen!« rief Dorsek in edlem Eifer. »Ich will und kann arbeiten.« »Du willst weder arbeiten noch kannst du es«, sagte mit unzerstörbarem Gleichmut der Hauptmann. »Höre mich ruhig an!« rief er aber, den Arm gegen Dorsek ausstreckend, als dieser aufbrausen wollte. »Ich kenne dich besser als du dich selbst und bin überzeugt, daß du, wolltest du wirklich mit dem Kopf durch die Wand rennen, dich und das Mädchen unglücklich machen würdest. Du hast nie gearbeitet, Dorsek, so alt du bist, hast dich nie an ein regelmäßiges Leben gewöhnt und gewöhnen können, deshalb auch - der törichte Streich in deinem Leben - den Militärdienst quittiert. Solange derartige Leute Geld haben, und ich könnte dir zahlreiche Beispiele aus meinem Leben aufzählen, brauchen sie keinem Menschen Rechenschaft von sich zu geben - sind von niemandem abhängig als von ihren Leidenschaften und ihrer Langeweile. Sowie sie das nicht haben, sind sie ruiniert.« »Und wenn ich jetzt ein ruhiges, tätiges Leben begänne...« »Würde es keine sechs Monate dauern, denn - du spielst.« »Ich kann es lassen«, sagte Dorsek finster. »Wenn du es könntest, hättest du es lange getan«, erwiderte jetzt, düsteren Ernst in den Zügen, der Hauptmann. »Damals, als du den größten Teil deines Vermögens auf dem grünen Tisch in Ems geopfert hast und diesen Wahnsinn mit einer Sünde sühnen wolltest, als dich dann jenes Mädchen von einem Selbstmord abhielt, damals hast du einen heiligen Eid geleistet, nie mehr zu spielen.« »Und den...« »Halt!« unterbrach ihn der Hauptmann streng. »Wo warst du gestern abend?« »Du scheinst dich sehr viel mit mir beschäftigt zu haben«, sagte Dorsek, aber das Blut verließ dabei seine Wangen. »Ich brauche dir nicht zu versichern, daß ich es zufällig erfahren habe«, erwiderte der Freund, in das Sofa zurücksinkend, »denn ich besuche dergleichen Orte nicht. Du bist auch Herr über deine Handlungen, und nur, weil ich es wirklich gut mit dir meine, Oswald, habe ich - diesen faulen Fleck für dich aufgedeckt. Glaube mir«, fuhr er dann wärmer fort, »du bist für jedes andere Leben als das, in dem du erzogen wurdest, verdorben, und daß das kein anderes ist, als was du führst, hat dein Vater vor Gottes Thron zu verantworten.« »Du machst vollen Gebrauch von deinem Recht als Freund: grob zu sein«, sagte Dorsek bitter. »Ich muß es, so weh es mir selber tut«, fuhr Rustloh fort; »denn nur dadurch kann ich glauben, dich auf die richtige Bahn zu führen, daß ich dir dein Spiegelbild vorhalte, nicht wie du es wohl gerne sehen möchtest, sondern wie es wirklich ist.« »Und was soll ich, was kann ich tun, wenn du mir die Möglichkeit absprichst, durch Arbeit meinen Lebensunterhalt verdienen?« »Ich würde das nicht tun«, sagte Rustloh, »hättest du nicht noch einen reichen Onkel in Amsterdam, von dem du hoffst, vielleicht einmal etwas zu erben.« »Er hinterläßt keine Kinder...« »Er ist zweiundfünfzig Jahre alt und kann jeden Tag noch heiraten«, sagte der Hauptmann kalt; »aber selbst auf ihn baust du. Aus Verzweiflung, mit dem starren Muß hinter sich, sind schon selbst solche durchaus zivilisierte Menschen, wie du einer bist, zur Arbeit gezwungen worden; doch mit dieser Hoffnung wirst du nun und nimmer aushalten.« »Ich kann mich einschränken.« »Ja«, sagte der Hauptmann mit einem unwillkürlichen Blick nach der Zigarrenkiste, »für eine Weile, aber wie lange wird es dauern. Du hast jetzt noch ein paar tausend Taler Geld, wenn ich nicht irre - hattest sie wenigstens noch gestern, und ich fürchte fast, du hast nicht gewonnen! Wie aber soll es werden, wenn die verbraucht sind? Bis dahin wirst du keinen ernsten Schritt tun, deinen Lebensunterhalt zu verdienen, und dann ist es zu spät. Jeder Tag reißt dich dann weiter in eine traurige Zukunft hinein. Du hast jetzt noch Schulden gemacht, wo du hättest bezahlen können - du wirst dann Schulden machen müssen, um zu leben, und könntest du dich je mit dem Gedanken befreunden, dich - durch die Händearbeit deiner Frau ernähren zu lassen?« »Du schilderst meine Lage in den Farben der Hölle!« rief Dorsek, mit verschlungenen Armen im Zimmer auf und ab gehend. »Trösten solltest du mich, wenn du mein Freund wärst, solltest mir raten und helfen, das alte Leben hinter mich zu werfen, und hast die ganze letzte Stunde weiter nichts getan, als mir auch noch mit scharfen, tödlichen Worten den letzten Trost, die letzte Hoffnung zu rauben, die mir noch geblieben war. Was denn bleibt mir übrig; was soll, was kann ich tun, mir eine Existenz zu gründen - welchen Ausweg hab' ich noch, außer dem Selbstmord?« »Viele hättest du«, sagte Rustloh, »wenn dir nicht der unglückliche Gedanke gekommen wäre, zu heiraten, und noch dazu ein armes Mädchen. Solange du Junggeselle warst und bleiben wolltest, hast du nie einen Vorwurf, höchstens einmal eine Warnung von meinen Lippen gehört. Ein einzelner Mann schlägt sich durchs Leben, wenn nicht gut, doch schlecht, aber er kommt durch. Wärest du aber wahnsinnig oder verblendet genug, das Schicksal dieses armen Wesens an deins zu ketten, dann müßtest du rettungslos untergehen - und sie mit dir.« »Ich bin kein schlechter Mensch«, sagte Dorsek bewegt. »Nein, Oswald, das bist du nicht«, erwiderte Rustloh, »aber leichtsinnig - leichtsinnig bis zu einem Grad, der - dich den größten Gefahren aussetzen könnte, es zu werden.« »So laß mich heiraten; dann muß ich dem rastlosen Leben entsagen.« »Gut, heirate«, sagte der Hauptmann, »aber nicht Hedwig, nicht ein Mädchen, das deine Sorgen nur vermehren, nie vermindern würde. Heirate eine reiche Frau; du bist noch jung, von stattlichem Äußeren, ein Lebemann, angenehm in Gesellschaft, gutmütig, selbst herzlich daheim - es gibt Hunderte von sogenannten guten Partien, denen du mit allen diesen Eigenschaften ein höchst willkommener Freier wärst.« »Und das rätst du mir, nachdem du mir eben erst vorgehalten hast, ich solle mich nicht von einer Frau ernähren lassen?« »Lieber Freund«, sagte der Hauptmann ruhig, »in der Welt nennen wir das nicht mit dem Namen, und einer solchen Frau, die in der Welt lebt und leben will und muß, bringst du auch dafür wieder schätzenswerte und ihr unumgänglich nötige Eigenschaften entgegen - einem armen Mädchen nichts. Bedenke dabei, daß du bis jetzt noch keine Fesseln kennst, daß du nie einen anderen Willen gekannt hast als deinen. Deshalb mache die Probe, ob du ihn wirklich beugen kannst, erst einmal allein, ehe du bei dem Versuch vielleicht das Wesen mit ruinierst, das dir das Liebste sein sollte auf der Welt. Was dann, wenn Hedwig je bereuen sollte, dich gerettet zu haben?« »Rustloh!« »Sei vernünftig, Oswald«, fuhr aber der Hauptmann fort. »jetzt ist es noch Zeit - noch bist du nicht gebunden und...« »Es ist zu spät«, unterbrach ihn Dorsek mit fester, entschlossener Stimme. »Ihre Mutter ist kränker geworden, und um die arme Frau über das Schicksal ihrer Tochter zu beruhigen, haben wir vorgestern Abend unsere Verlobung gefeiert.« Der Hauptmann war aufgesprungen und sah den Freund ernst, fast erschrocken an. »Und gestern abend«, sagte er dann langsam, »konntest du wieder jene Hölle besuchen, die dich schon fast zugrunde gerichtet hat? Doch das hast du von jetzt ab mit dir selber abzumachen - weiß aber Hedwig, daß du kein Vermögen hast?« »Ich habe ihr gesagt, daß ich auf mich und meine Kräfte angewiesen bin.« »Und wie lange kennt ihr euch jetzt?« »Morgen werden es zwei Monate, daß ich ihr zufällig wieder hier begegnete. Zwei Jahre sind es jetzt, seit wir uns in Ems zuerst gesehen haben.« »Armes, junges, vertrauensvolle Ding!« sagte der Hauptmann wehmütig. »Aber so sind die Weiber; dem Mitleid können sie nicht widerstehen, und wo sie noch dazu glauben, jemanden retten zu können, läuft ihr Herz im Sturm mit dem Verstand davon. - Das aber ändert die Sache. Hast du ihr erst dein Wort gegeben, so bist du gebunden, als ob ihr vor dem Priester gestanden hättet. Übrigens konntest du mir eine lange Predigt und dir eine unangenehme Stunde ersparen, wenn du mir das gleich von vornherein gesagt hättest. Jetzt also, Oswald, gilt es wirklich ein neues Leben für dich zu beginnen, und wo ich dir darin helfen, wo ich dir beistehen kann mit Rat und Tat, soll es an mir nicht fehlen - wenn es an dir nicht fehlt. Hast du dir irgendeinen festen Plan, nach dem du handeln willst, schon entworfen?« »Nein - wie konnte ich«, sagte Dorsek kleinmütig. »Du hast recht, ich lebe seit meiner Jugend in einer Welt, in der ich doch trotzdem vollkommen fremd bin und das erst merke, sobald ich den Kreis verlassen will, in dem ich mich bis jetzt bewegt habe. Aber ein Kunststück wird es auch nicht sein, sich darin zurechtzufinden, sobald man nur erst einmal den Eingang dazu hat.« »Und auf welche Weise möchtest du am liebsten den Weg betreten?« »Mein lieber Rustloh, ich werde nicht gefragt werden«, sagte Dorsek seufzend. »Wenn es irgendwie möglich wäre, möchte ich aber eine Anstellung in einem Eisenbahnbüro bekommen. Schon viele junge Leute aus den ›besseren Ständen‹ sind dort eingetreten und befinden sich wohl dabei; warum sollte ich mich nicht dort einarbeiten können?« »Wenn du willst und mußt, ja! Aber du wirst darauf gefaßt sein müssen, selbst in dieser Branche von der Pike auf zu dienen.« »Meine bisherige Stellung im bürgerlichen Leben wird doch dabei auch vielleicht einen Einfluß haben«, meinte Dorsek, »es muß den Direktoren daran liegen, anständige Leute in ihren Büros zu haben.« »Gib dich darin keinen Hoffnungen hin«, sagte kopfschüttelnd der Hauptmann. »Anständige Leute, wie du es nennst, finden sie ebensogut in der Bürgerklasse. Dein Baron fällt ohnehin weg, und du bekommst dafür einen Beamtentitel, und gerade an solchen Stellen müssen sie hauptsächlich auf Fähigkeiten sehen. Doch wir werden ja hören, was sich tun läßt. Bei dem hiesigen Eisenbahndirektorium habe ich mehrere Bekannte, die vielleicht nicht ohne Einfluß sind; die Hauptsache aber ist, daß du am Anfang jede Stelle annimmst, die sich dir bietet, damit du nur erst einmal in jenen Kreisen Fuß faßt. Dann hast du gewonnen, und es hängt von deinem eigenen Fleiß, deiner eigenen Ausdauer ab, dich zu einer Stellung hochzuarbeiten, die deinen bisherigen Anforderungen an das Leben mehr entspricht.« »Du wirst mir keine Stellung anbieten, in der ich mich unglücklich fühlen würde«, sagte Dorsek zögernd. »Du wirst dich am Anfang in jeder unglücklich fühlen, die dich bindet«, entgegnete der Freund, »darauf magst du dich deshalb auch gefaßt machen. Auf keinen Fall darfst du wählerisch sein. Alles das hättest du außerdem früher bedenken müssen, und nur wenn du dein Mädchen recht von Herzen liebst, magst du das alles überwinden - dann aber auch mit leichter Mühe. Aber ich muß jetzt fort; ich habe heute Dienst«, setzte er hinzu, seine Mütze und Handschuhe ergreifend, »sei übrigens versichert, daß ich in deinem Interesse tätig sein werde.« Dorsek stand am Fenster, den Arm auf die Brüstung gestützt, und sah gedankenlos auf das rege Treiben unter sich hinab, als seine Aufmerksamkeit auf eine gegenüber vor einem Laden haltende Equipage gelenkt wurde, die mit zwei prachtvollen Apfelschimmeln bespannt war. Ein Kutscher in Livree saß auf dem Bock, und ein gleich galonierter Diener hielt den Schlag auf, in den eben eine sehr elegant gekleidete Dame einsteigen wollte. Da fiel ihr Blick auf Dorsek, und es war fast, als ob sie einen Moment zögere - aber auch nur einen Moment, dann nahm sie ihren Platz ein, der Diener schloß den Schlag und sprang vorn auf den Bock. »Wer ist die Dame dort unten?« fragte Dorsek den Hauptmann rasch. »In der Equipage mit den beiden Apfelschimmeln?« sagte der Hauptmann erstaunt. »Kennst du die schöne Gräfin Heloise Orlaska nicht?« »Ich habe sie nie gesehen. Seit wann ist sie hier?« »Seit etwa zwei Monaten - vielleicht nicht ganz so lange. Ach so, seit der Zeit hast du auch dein Ideal wiedergefunden und dich deshalb nicht um die Außenwelt gekümmert. Kaum ein Jahr verheiratet, fiel ihr Gatte am Kaukasus - man sagt, von Schamyls eigener Hand -, und sie hat Frankfurt in diesem Sommer zu ihrem Aufenthalt gewählt.« »Eine herrliche Gestalt -« »Und so reich wie schön - aber adieu; gedulde dich noch ein paar Tage, vielleicht bringe ich dir bis dahin gute Nachricht.« Dorsek blieb allein zurück, in der Stellung wie ihn der Freund verlassen hatte, und noch immer haftete sein Blick an der Stelle, wo die Equipage seinen Augen entschwunden war. »Und aus diesen Kreisen scheid' ich jetzt aus«, murmelte er finster brütend vor sich hin, »freiwillig, um vielleicht nie wieder dahin zurückzukehren. Ein neues Leben soll ich beginnen; ein Leben voll Mühe und Arbeit und Entsagung - Entsagung - das ist das richtige Wort dafür - weshalb auch nicht. Ich habe nun einmal kein Glück auf der Welt, und wie mich das Schicksal zu seinem Spielball ausersehen hat, werd' ich auch diesem Wurf begegnen müssen. Aber hol der Teufel die Gedanken, sie helfen nichts und töten nur«, und Hut und Stock ergreifend, eilte er hinaus ins Freie. Er hatte das Zimmer noch nicht lange verlassen, als sein Bursche hereinkam, zum Fenster hinaussah, ob er seinen Herrn noch draußen entdecken könne, und dann vor allen Dingen zum Tisch ging, um sich eine Zigarre anzuzünden. Er bediente sich ohne weiteres aus der dort stehenden Kiste, und rauchend ging er daran, das Zimmer aufzuräumen. Hier interessierten ihn jedoch vor allem die auf dem Boden umhergestreuten Papiere, denn auf dem Schreibtisch lag kein angefangener Brief mehr, und sich den Fußschemel herbeiziehend, damit er sich nicht so sehr zu bücken brauchte, glättete er die Papiere, um zu sehen, was darauf stand. »Hm!« brummte er dann vor sich hin. »An ein verehrliches Di-rek-to-ri-um der Thü-ring-schen Eisenbahngesellschaft - In-te-resse an Eisenbahn nehme - Wunsch in mir wach gerufen - Tätigkeit widmen - Feder gewandt - regem Eifer. - Hm, hm, hm, hm, die Sache wird immer bedenklicher. Reitpferd verkauft - der Wein aus dem Keller getrunken und keinen neuen kommen lassen, daß man wegen jeder lumpigen Flasche über die Straße muß - alte Sorte Zigarren für hundertzwanzig Gulden auch nicht mehr - rauchen jetzt für fünfunddreißig - keine einzige fidele Gesellschaft mehr mit nach Hause bringen und keine Trinkgelder. - Hm, hm - hm - hm.« Dabei warf er das Papier fort und nahm ein anderes auf. »An ein verehrliches Te-le-gra-phenamt zu Bainz - hm - telegraphische Depesche wahrscheinlich -, sollte ein verehrliches Telegraphenamt geneigt sein, einem gebildeten, jungen Mann Gelegenheit zu geben... Phi!« pfiff der Bursche leise vor sich hin, »immer schlimmer, immer schlimmer -, nötigen Vorkenntnisse bald erworben - Interesse für die Sache - warmen Eifer...« Der Bursche blies den Tabaksdampf in dicken Wolken von sich und schüttelte, während er die Papiere jetzt zusammenkramte und in den dafür bestimmten Korb schob, unaufhörlich mit dem Kopf. »Schöne Geschichte das«, brummte er dazu, »ist mir aber doch lieb, daß ich dahintergekommen bin. In ein paar Wochen ist mein Vierteljahr um; werd' es wohl nicht mit meinen Begriffen von Ehre vereinbaren können, länger in solchen Verhältnissen zu bleiben. Sehr angenehmer Mensch, mein Herr, gutmütig und vertrauensvoll«, setzte er hinzu, während er zur Zigarrenkiste ging und noch drei Zigarren herausnahm, die er in die Tasche schob, »aber power, wie mir scheint, sehr power - Reise geht bergab und ein kleines bißchen zu schnell für die Aussichten, die ein junger Mensch wie ich im Leben hat. Muß mir die Sache noch einmal gehörig überlegen.« Dabei räumte er noch auf, was aufzuräumen war, und nahm die Zigarrenkiste, um sie in einen Eckschrank zu stellen. Wie er damit vor einem Spiegel vorüberging, blieb er stehen, sah hinein und sagte: »Hör einmal, Louis, wie wär's, mein Junge, wenn du einen nähmst? - Hast du Appetit?« Sein Gesicht verzog sich bei der Frage zu einem schmunzelnden Lächeln, und wie er dazu vergnügt mit dem Kopf nickte, fuhr er fort: »Na, wenn du nichts dagegen hast, kann mir's auch recht sein.« Und den Schrank öffnend, in den er die Zigarren stellte, nahm er eine der dort befindlichen Karaffen mit einem Likörgläschen heraus, schenkte es voll und trank es mit augenscheinlichem Wohlbehagen aus. »Noch einen, mein Junge?« sagte er dann, sich wieder dem Spiegel zuwendend, und da die Antwort ebenfalls positiv ausfiel, trank er ein zweites, ging dann zum Waschtisch im Kabinett, um das Glas auszuspülen, und nachdem er es mit seinem Taschentuch abgetrocknet hatte, um an dem Handtuch keinen Likörgeruch zurückzulassen, stellte er die Sachen wieder an ihren Platz, schloß den Schrank und verließ das Zimmer. 5. TRAURIGE EREIGNISSE UND DIE FOLGEN Zwei Monate waren seit dem Tag verflossen, als wir das Haus der Witwe Bernold zum erstenmal betraten, und manches hatte sich in dieser Zeit geändert. Wo Hedwig vor jenem Tag noch in Angst und Kummer der Zukunft entgegengesehen und mit Zittern an den Winter gedacht hatte, der ihren und der Mutter Zustand nur verschlimmern mußte, da war jetzt ein stiller, fast heiliger Friede eingekehrt, und sie war so ruhig geworden, so heiter, wie sie sich nie gefühlt hatte. Und doch hatte sich die Krankheit der Mutter eher verschlimmert, ihre Schwäche zugenommen und ihr Auge den früheren Glanz verloren. Aber Hedwig sah das nicht; das neue ungeahnte Glück der Liebe, das sie beseligte, teilte seinen Rosenschimmer auch allem mit, was sie umgab, und ihre Mutter hütete sich sorgsam, ihr das Herz unnötigerweise schwer zu machen. Wohl fühlte sie, daß ihre Kräfte abnahmen, aber so gut es ging, verheimlichte sie das vor der Tochter, und schien nicht allein heiterer, nein, sie war es wirklich in dem Bewußtsein, ihr einziges geliebtes Kind glücklich und versorgt zurückzulassen. Am Anfang hatten sie freilich die Bewerbungen Dorseks mehr beunruhigt als erfreut; dessen ruhiges, verständiges Benehmen aber, seine immer deutlicher hervortretende Liebe zu Hedwig, sein achtungsvolles, sich stets gleich bleibendes Betragen gegen sie selber beruhigten sie endlich und ließ sie sich an dem Glück ihres Kindes freuen. Seit dem Konkurs ihres Gatten hatte sie sich von allen Freunden - so viele sie auch früher gehabt haben mochte - zurückgezogen, und diese taten leider nichts, ihr den Schritt zu erschweren. Man hielt es für ganz in der Ordnung, daß die Witwe eines Bankrotteurs nicht mehr mit der Gesellschaft verkehrte, in der sie sich früher bewegte, wäre mit der kranken, noch dazu in gedrückten Verhältnissen lebenden Frau überhaupt ein angenehmer Umgang möglich gewesen. Der einzige wirkliche Freund, der ihr noch aus früherer Zeit blieb, war der Advokat ihres Mannes, der jetzt zugleich ihren Prozeß führte. Der alte Scharner kam auch dann und wann, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihr, wo der nötig war, Trost zuzusprechen. Diesen hatte sie natürlich bei einem so wichtigen Schritt, wie die Verlobung ihrer Tochter war, um Rat gefragt, und Scharner war am Anfang nicht mit dieser Bekanntschaft einverstanden, aber auch nicht imstande gewesen, etwas Erhebliches dagegen einzuwenden. Dorsek galt in der ganzen Stadt, wenn auch nicht für einen reichen, doch wohlhabenden jungen Mann von vielen Fähigkeiten, freilich auch von großem Leichtsinn. Er sollte zeitweise sogar spielen und oft in lustigen, leichtfertigen Gesellschaften gesehen worden sein. Etwas wirklich Böses oder Unrechtes ließ sich ihm aber nicht nachweisen; er hatte nicht einmal Schulden - wenigstens keine solchen, die Scharner erfragen konnte; selbst nicht bei seinem Schneider, bei dem er deshalb extra ein Kleidungsstück bestellte, um Erkundigungen einzuziehen. Daß er früher spielte und leichtfertig lebte, hatte er der Mutter und Hedwig selber offen gestanden, ebenso, daß auch gerade die Reue über dieses Leben ihn fast zum Selbstmord trieb und er nun in einem neuen Dasein die alten Fehler abschütteln wolle wie ein zum Überdruß getragenes Kleid. Wie gern gab sich Hedwig dem Gedanken hin, ein solches Herz durch ihre Liebe dem Guten wiederzugewinnen; wie stolz war sie in dem Gefühl, daß gerade sie dazu auserwählt sein sollte, den Mann zu retten, dem sie sich mit ganzer erster und ungeteilter Liebe hingegeben hatte. Tag und Nacht dachte sie darüber nach und sorgte sich schon und lebte sich vorher in all die lieben schönen Tage hinein, in denen sie an der Seite ihres Gatten die kleine Wirtschaft besorgen und ihre kranke Mutter pflegen wollte, die ja dann in dem Glück ihrer Kinder auch wieder neu aufleben und sich stärken und erholen würde. Während sie aber die lustigen Pläne baute, hielt die unerbittliche Parze schon die Schere bereit, die eben dieses liebe Leben abtrennen sollte von ihrem geträumten Paradies. Die Mutter war in den letzten Tagen viel schwächer geworden und hatte ihr Bett schon nicht mehr verlassen. Der Arzt, eine jener kalten Geschäftsseelen, die das Menschenleben nur nach Pulsschlägen berechnen und das Konto ruhig abschließen, sobald der letzte ausgeklopft hat, kam jeden Morgen, trat zu der Kranken ans Bett, verordnete die alte Medizin und verließ dann das Zimmer wieder, indem er doch wußte, daß er nicht mehr helfen konnte. Er war heute eben fortgegangen, als der alte Herr Scharner kam und die Frau Bernold zu sprechen verlangte. Hedwig hatte ihn in das Haus kommen sehen und Kathrine ihn gleich zu der Kranken hinaufgeführt. Als das junge Mädchen ihm aber in das obere Zimmer folgen wollte, hielt eine Equipage vor dem Garten, und die junge liebenswürdige Gräfin Orlaska stieg aus, um eine feine Arbeit bei »der Bernold« zu bestellen. Die geschickte Arbeiterin war ihr durch eine Bekannte empfohlen worden, und sie zog es vor, sie lieber selber aufzusuchen als zu sich kommen zu lassen. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, bis alles Nötige dazu besprochen war, und kaum sah sich Hedwig frei, als sie hinauf zur Mutter eilte. Gerade als die Gräfin einstieg und die Straße hinauffuhr, kam Dorsek von der anderen Seite herunter - er erkannte deutlich die Livree und die Apfelschimmel, und als er den Ort erreichte und das Haus betreten wollte, sah er ein reichbesticktes Taschentuch am Boden liegen, das keinem anderen gehören konnte als der jungen Gräfin selber. Dem Wagen nachzuspringen war nicht mehr möglich, und Dorsek stand noch, unschlüssig was er tun solle, mit dem Tuch in der Hand vor dem Garten, als ein markdurchschneidender Schrei aus dem Innern des Hauses drang. Rasch und erschrocken verbarg er das Tuch in seiner Tasche, und durch den Garten und die Treppe hinauf fliegend, stand er wenige Sekunden später auf der Schwelle des Krankenzimmers. Aber ein Blick genügte hier, ihm das Geschehene zu erklären. Still und regungslos lag die Frau auf ihrem Bett, das bleiche Antlitz noch von Schmerzen durchzuckt, und über sie hingeworfen, in Tränen zerfließend, Hedwig - an der Brust ihrer toten Mutter. Der alte Herr Scharner stand tief bewegt dabei, und die Magd kauerte, ein Bild des Schreckens und Entsetzens, mit gefalteten Händen mitten in der Stube und hielt die großen Augen stier und ängstlich auf die Tote geheftet. »Hedwig!« rief Dorsek, von Schmerz bewegt, »arme, arme Hedwig!« Aber sie hörte ihn nicht, denn nur das eine sah und fühlte sie in diesem Augenblick - den schweren, unersetzlichen Verlust den sie erlitten hatte. Scharner ergriff endlich die Hand des jungen Mannes, und ihn leise mit sich hinaus- und die Treppe hinunterführend, sagte er: »Kommen Sie mit mir; lassen Sie dem armen Mädchen Zeit, sich auszuweinen und ihrem Schmerz Luft zu machen. Außerdem habe ich etwas mit Ihnen zu besprechen, das Sie, je eher, desto besser, erfahren müssen.« Dorsek folgte ihm schweigend und wie betäubt, und unten in der Stube angelangt, wo sich der alte Mann erschöpft auf einen Stuhl setzte, begann dieser: »Ich habe es immer gefürchtet, daß sie den Schlag nicht überleben würde, wenn ich auch nicht glauben konnte, daß es sie so rasch und plötzlich träfe - aber sie mußte es wissen, es ließ sich eben nicht länger mehr verheimlichen.« »Aber was ist geschehen? - Der Prozeß?« rief Dorsek erschrocken. »Ist verloren«, sagte der alte Mann seufzend, »das Urteil ist allerdings noch nicht gefällt, aber das Recht ist unserem Gegner zugesprochen, sobald er den ihm auferlegten Eid leistet. Dazu hat er sich - was er mit seinem eigenen Gewissen abmachen mag - bereiterklärt, und der Termin zum Schwur ist auf heute in vier Wochen anberaumt. Natürlich schwört er, wie jetzt die Sachen stehen, und Hedwig verliert damit das Letzte, was ihr noch von dem Vermögen ihrer Eltern geblieben war - dieses Haus.« Dorsek sah still und schweigend vor sich nieder, er erwiderte kein Wort, und Scharner fuhr nach einer kleinen Weile fort: »Sie bekommen eine arme Frau, Herr von Dorsek, und die schönste Zeit unserer Jugend, Ihr Brautstand, wird durch einen noch schwereren Verlust getrübt, durch den Verlust der wackeren Mutter. Um Hedwigs willen beruhigt es mich aber wieder recht sehr, daß sie gerade jetzt in Ihnen eine Stütze gefunden hat, wo sie deren so sehr bedarf. Sie bekommen auch eine brave, tüchtige Frau in ihr; es ist ein Herz, wie Sie es unter Tausenden nicht so rein und edel finden könnten. Seien Sie gut zu ihr, und bewahren Sie sich den Schatz, der Ihren Lebenspfad ebnen und mit Rosen bestreuen kann. Lassen Sie ihr jetzt Zeit sich zu sammeln; der erste Schmerz will Zeit und Raum haben, und unbeobachtet fließen die Tränen am leichtesten.« »Sie wollen fort?« fuhr Dorsek, der wild vor sich hin gestarrt hatte, auf, als sich der alte Mann von seinem Stuhl erhob. »Ich will den Arzt hersenden, obgleich menschliche Hilfe hier nicht mehr möglich ist«, sagte Scharner. »Körperliche Mittel konnten der Armen überhaupt nicht helfen; ihr Geist war gebrochen seit dem Unglück ihres Mannes, und so mag sie denn jetzt da oben den Frieden finden, den sie hier unten leider entbehren mußte. Begleiten Sie mich - versuchen Sie jetzt, in dieser Stunde, bei Hedwig keinen Trost. Glauben Sie mir, der beste Trost, der ihr in diesem Augenblick gegeben werden kann, sind ihre Tränen. Gehen Sie dann nach Tisch zu ihr, und Sie werden sie ruhiger und gefaßter finden.« Dorsek ging wie in einem Traum an der Seite des alten Mannes die Straße hinab - er sah nicht einmal, wie dieser von ihm Abschied nahm und in einen Seitenweg einbog, um das Haus des Arztes zu erreichen. Langsam weitergehend, fand er sich plötzlich mitten in dem Gewühl der großen Stadt, das ihn gewaltsam aus seinem Sinnen aufstörte, denn er rannte ein paarmal gegen Lastträger an, die ohne Rücksicht, wohin sie mit ihren Packen stießen, ihren Weg verfolgten. Ausweichend, sah er sich dicht vor ein paar schnaubenden Pferden, die eben vor einem großen, sehr eleganten Gebäude hielten, und wie ein Schatten schwebte eine weibliche Gestalt an ihm vorüber und verschwand im nächsten Augenblick in dem mit beiden Flügeln aufgeworfenen Tor. Es war die Gräfin Orlaska - er erkannte die Livree der Diener wie die Apfelschimmel -, wohnte sie hier? Fast unwillkürlich tastete er dabei nach dem Tuch in seiner Tasche, und ehe er sich selber irgendeiner bestimmten Absicht klar wurde, hatte er den Bedienten angesprochen und stand auf der Schwelle. »Wen habe ich die Ehre zu melden?« fragte dieser, dem die elegante Gestalt imponierte. Dorsek gab seine Karte ab, und der Lakai stieg neben ihm, doch etwas zurück, die teppichbelegten Stufen hinauf, führte ihn in einen Salon und bat ihn, dort einen Augenblick Platz zu nehmen. Das Zimmer war sehr reich, aber doch auch wieder einfach und höchst geschmackvoll eingerichtet. Schwere dunkle seidene Vorhänge teilten, während sie vollkommen die Sonne ausschlossen, dem Raum eine angenehme Kühle mit, und reichgeschnitzte, mit dunkelgrünem Samt überzogene Möbel luden zur Ruhe ein. Die Wände waren ebenfalls nicht überladen, aber mit einzelnen wertvollen Ölgemälden neuerer Meister geziert, und den großen Spiegel von venezianischem Glas trugen zwei prachtvoll gearbeitete Statuen aus milchweißem Marmor: ein Amor und eine Psyche. Ein würziger Duft durchwehte dabei das Zimmer, in das der Lärm der Straße nur als ein dumpfes, unbestimmtes Brausen hereindrang, und Dorsek vergaß, in dem eigenartigen, wunderbaren Gefühl, das ihn anrührte, fast, was ihn hergeführt hatte, wen er hier erwartete. Da öffnete sich plötzlich die ihm gegenüber befindliche Tür, und auf der Schwelle stand, von einem weißen, luftigen Gewand umflossen, ihre rabenschwarzen Locken mit frischen Blumen geschmückt, Heloise, die Gräfin Orlaska. »Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Baron«, sagte sie mit ihrer weichen, zur Seele dringenden Stimme, aber ehe er etwas darauf erwidern konnte, trat sie rasch und lebhaft auf ihn zu und fuhr lächelnd fort: »Ah, wenn ich mich nicht irre, sind wir alte Bekannte - das unvorsichtige Fahren meines Kutschers hätte Sie wenigstens gleich am ersten Tag meiner Ankunft in Frankfurt beinahe in Gefahr gebracht - oder irre ich mich -, Sie ritten einen Rappen?« »Gnädigste Gräfin«, stammelte Dorsek, von der ganzen Erscheinung ergriffen, fast verlegen, »allerdings - aber ich weiß nicht...« »Es war in derselben Straße, in der meine Stickerin wohnt. Sie parierten Ihr Pferd noch glücklich, ehe es mein Wagen streifte.« »Allerdings - ich erinnere mich«, erwiderte Dorsek, der erst jetzt seine Fassung wiedergewann, »mein Pferd machte mir aber für den Augenblick so viel zu schaffen, daß ich mich nicht einmal umschauen konnte.« »Ich weiß es - ich sah, wie es erschreckt und unruhig geworden war -, aber Sie hatten es fest im Zügel. Ich war damals sehr böse auf meinen Kutscher.« »Und doch hatte ich wohl größere Schuld als er«, sagte Dorsek. »Bei den vielen Fuhrwerken in der Straße kann der Kutscher nicht immer Raum geben, während ein einzelnes Pferd leichter zu beherrschen ist.« »Und was verschafft mir heute die Ehre Ihres Besuchs?« fragte die Gräfin, freundlich auf ein Fauteuil deutend, während sie selber auf einem anderen Platz nahm. »Der Zufall wollte es«, erwiderte Dorsek, »daß wir uns heute in derselben Straße wieder begegnen sollten und ich so glücklich war, etwas zu finden, das jedenfalls Ihnen gehört.« »Mein Taschentuch? Ah, in der Tat!« rief die Gräfin erfreut; »dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, Herr Baron, denn es ist ein liebes Andenken von einer Freundin, das ich ungern verloren gegeben hätte - aber ich habe Sie nicht gesehen.« »Ich kam gerade die Straße herunter, als Sie einstiegen, das Tuch lag auf der Erde, und ich nahm es an mich. Sie müssen freilich die Freiheit, die ich mir genommen habe, entschuldigen, Gräfin, daß ich wage, es selber zu überbringen, aber ich mochte es auch keinem anderen anvertrauen.« »Ich hin Ihnen deswegen doppelt dankbar, Baron«, lächelte die junge schöne Frau, »da sich mir auf diese Weise Gelegenheit geboten hat, Sie kennenzulernen. Sie wohnen in Frankfurt?« »Im Augenblick - ja - aber ich gedenke es zu verlassen.« »Doch hoffentlich nicht so bald, daß ich nicht nochmals das Vergnügen hätte, Sie zu sehen.« »Sie glauben nicht, Gräfin, wie glücklich Sie mich damit machen würden«, stammelte Dorsek, der sich der Frau gegenüber befangen wie noch nie fühlte, indem er von seinem Stuhl aufstand. »Ich bedaure, im Augenblick gerade sehr in Anspruch genommen zu sein«, sagte die Gräfin, die seinem Beispiel folgte, »mein Haushofmeister kann noch immer nicht mit seiner Einrichtung fertig werden. Dabei spricht er kein Deutsch, findet sich in nichts zurecht und bringt mich fast zur Verzweiflung. Es ist etwas Schlimmes, wenn man so in eine fremde Stadt kommt und niemanden hat, der einem beistehen kann.« »Wenn ich imstande wäre, Ihnen in irgend etwas zu dienen«, rief Dorsek, »Sie würden mich glücklich damit machen!« »Nun, wer weiß, ob ich Sie nicht noch beim Wort nehme«, lächelte die Gräfin, und ihr Blick ruhte freundlich und wohlwollend auf ihm, als er sie mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung jetzt verließ. 6. VON DORSEK AUF STELLUNGSSUCHE Das war eine schwere, recht schwere Zeit, die jetzt für Hedwig folgte, und am Anfang glaubte sie auch manchmal, daß sie es gar nicht ertragen könne und daß ihr Herz brechen müsse in dem unsagbaren Leid. Das neue Verhältnis zu dem Geliebten war ihr dabei noch viel zu ungewohnt, um darin schon Trost und Linderung zu fühlen, während sie gerade in den letzten Jahren auf die Mutter allein all ihre Liebe, all ihre Sorge, all ihr Hoffen konzentriert hatte. Und das alles hatte mit dem einen Schlag der kalte, unerbittliche Tod vernichtet; das alles lag jetzt zertrümmert zu ihren Füßen, und die andere, neue Welt, die sich daraus wieder aufbauen sollte, kannte sie ja noch nicht und trat ihr nur mit Furcht und Zittern entgegen. Wie kurze Zeit war auch erst vergangen, daß Hedwig Gelegenheit bekommen hatte, selbstständig zu handeln. Sie war, wie es so vielen jungen Mädchen geht, eigentlich Kind geblieben weit über das Kindesalter hinaus, und jetzt zum erstenmal - gerade als sie die Leitung und Hilfe am nötigsten brauchte, riß sie der furchtbare Ernst des Lebens gewaltsam aus ihren Kindesträumen auf. Der alte Herr Scharner hatte ihr natürlich alles mitteilen müssen, was sie betraf, und es auch gleich in der ersten Zeit getan, denn gerade dadurch glaubte er, ihr Herz von seinem schlimmsten und gefährlichsten Schmerz abzulenken. Hedwig nahm auch die böse Kunde viel ruhiger hin, als er erwartet hatte. Was konnte sie jetzt der Verlust eines Hauses schmerzen, und wenn es ihr letztes Besitztum galt, wo sie gerade die Leiche der Mutter zu Grabe getragen hatte. »Meine arme Mutter - mein armer Oswald!« war alles, was sie sagte, und dann träumte sie der Zukunft entgegen, wie vorher. Dorsek kam jeden Tag, und wie ein Lächeln fast stahl es sich über Hedwigs Züge, wenn sie den Geliebten erblickte. Er setzte sich dann zu ihr, und ihre Hand in der seinen sprach er ihr Mut zu und erzählte ihr von den Plänen, die er hatte, sich eine feste und sichere Heimat zu gründen. Und Hedwig saß bei ihm und hörte ihm zu; war ihr doch schon der Klang seiner Stimme Musik. Aber sie wunderte sich im stillen, wie ernst er über ihr künftiges Leben sprach, von Sorgen und Entbehrungen - von Dornenpfaden, die sie vielleicht zusammen wandern müßten. Kannte er Sorgen und Entbehrungen? Und was hatte sie an seiner Seite zu fürchten? Hedwig bezwang aber endlich ihren Schmerz so weit, die bis jetzt versäumten Arbeiten wieder aufzunehmen, und wenn sie dabei auch ihren trüben Gedanken nachhängen konnte, gewannen diese doch nicht mehr so die Oberhand über sie. Hätte nur Dorsek mehr Zeit gehabt, bei ihr zu sitzen und zu ihr zu sprechen, und wenn es selbst von seinen Sorgen für die Zukunft gewesen wäre; waren es doch dann seine lieben Laute, die an ihr Ohr klangen und ihr Herz immer mit neuer, stiller Zuversicht erfüllten. Aber er hatte so viel zu tun und zu besorgen und so viele Briefe zu schreiben, daß seine ganze Zeit fast davon in Anspruch genommen wurde, und heute - heute gerade, acht Tage, nachdem sie die Mutter hinaus zu ihrem stillen Ruheplatz gefahren hatten -, heute war er gar nicht gekommen, den ganzen langen Tag - nicht einmal auf einen Augenblick, um ihr wenigstens zu sagen, daß er sie nicht ganz vergessen hätte. Oh, wie langsam schlichen da die Stunden, wie trüb und bleiern sah der Himmel aus, und wie schwer, wie unendlich schwer war ihr das Herz an diesem Tag geworden! Als aber Dorsek am nächsten Morgen - wenn auch nur für eine kleine halbe Stunde - kam und ihr klagte, daß ihm der vorige Tag so entsetzlich lang ohne sie geworden sei, hatte sie das alles wieder vergessen und gestand ihm, zum erstenmal seit sie ihn kannte, wie glücklich sie sich in seiner Liebe fühlte. Und warum mußte er so bald wieder fort von ihr? Warum ließ er sie jetzt, wo der Verlust der Mutter noch so frisch und drückend auf ihrer Seele lastete, so lang, so ewig lang, allein mit diesem Gram! Die Kathrine schüttelte den Kopf darüber - die meinte, das wäre kein Liebhaber, wie er sein sollte, wenn er, selbst die kurze Zeit, so kalt und zerstreut neben ihr säße, als ob er an ganz andere Dinge dächte. Aber was wußte die alte Kathrine davon, so gut sie es auch mit Hedwig meinen mochte. Lange, lange Jahre lagen dazwischen, seit sie jung war. Dorsek ging mit raschen Schritten seiner eigenen Wohnung zu. Der Kopf wirbelte, brannte ihm; seine Pulse schlugen fieberhaft, und sein Auge glühte. »Bergab«, murmelte er dabei, »bergab die Bahn, immer hinab; erst Schritt um Schritt, jetzt in rasendem Jagen den Hang hinunter, und wie lange kann es dauern, dann lieg' ich zerschellt in jenem Abgrund unten, den mir mein eigener frevelhafter Leichtsinn gegraben hat. Und zurück? Das bleiche Engelsbild hat mich gefaßt - ihr Leid - ihr Elend hat mich umgarnt, und mit einer Zentnerlast reißt sie mich dem Verderben entgegen.« »Du scheinst dich sehr angenehm zu unterhalten«, sagte eine lachende Stimme an seiner Seite, und ein Arm schob sich in seinen. »Rustloh!« rief Dorsek, zu dem Freund aufsehend, »wo kommst du her?« »Gerade vom Direktorium der Eisenbahngesellschaft«, sagte der Freund, »wo ich eine lange Konferenz hatte - und eben wollte ich zu dir. Gehst du nach Haus?« »Ja.« »Gut, dann begleit' ich dich - ich habe ein Stündchen Zeit und Wichtiges mit dir zu plaudern. Kommst du von Hedwig?« »Ja.« »Du bist verwünscht einsilbig, seit ich bei dir bin, und hieltest doch vorhin, wie mir schien, einen langen Monolog. Wie steht es mit dem Prozeß deiner Braut? Wie ich gehört habe, ist ihre Mutter in diesen Tagen gestorben. Schon etwas entschieden?« »Der Prozeß ist verloren«, sagte Dorsek dumpf vor sich hin. »Die Gegenpartei schwört und gewinnt damit. Aber komm herauf, ich bin schon so daran gewöhnt, daß alles verunglückt, wobei ich eine Hand im Spiel habe, daß ich eher darüber lachen als mich ärgern könnte. Es soll einmal nicht sein, also zum Teufel damit! Was wolltest du mir sagen?« Sie hatten bei ihrem Gespräch Dorseks Wohnung erreicht, und während dieser sich auf einen Stuhl warf und den Kopf in die Hand stützte, blieb Rustloh am Fenster stehen und sah nachdenklich hinaus. »Dann wird dir nichts anderes übrig bleiben«, sagte er endlich, »als ein Angebot anzunehmen, das unter glücklicheren Umständen vielleicht wenig Verlockendes für dich haben würde.« »Und das ist?« fragte Dorsek. Auf dem Tisch vor ihm lag ein kleines Briefchen von duftendem rosa Papier an seine Adresse, er öffnete es, las es und schob es in die Tasche. »Im Direktorium ist keine Stelle frei«, fuhr Rustloh fort, »keine wenigstens, die du vorderhand ausfüllen könntest, denn eine gewisse praktische Erfahrung, eine Art Schule, gehört zu diesem Geschäft so gut wie zu jedem anderen. Aber in ... ist eine Inspektorenstelle in nächster Zeit zu vergeben, und es ließe sich vielleicht machen, dir die zu verschaffen. Hast du Lust dazu?« »In dem Nest?« sagte Dorsek düster. »Es ist allerdings keine Residenz«, lachte Rustloh, »und du darfst es auch nicht als künftigen Lebenszweck betrachten, dort Inspektor zu bleiben; es muß dir nur als unterste Stufe dienen, damit zu beginnen, und glaube mir, daß sich Hunderte die Beine danach ablaufen, den Posten zu bekommen. Das Gehalt ist freilich sehr mäßig - ich glaube vierhundert Gulden, aber freie Wohnung und noch einige andere kleine Vorteile, die eben mit solchen Stellen verbunden sind.« »Vierhundert Gulden«, lachte Dorsek bitter vor sich hin, »dahin hätte ich's dann also gebracht - vierhundert Gulden, Frau und Kinder damit zu ernähren, was bis jetzt nicht einmal ausreichte, mein Taschengeld zu bestreiten. Eine Livree darf ich dann auch tragen, nicht wahr? Hahaha - und ein Inspektorentitel.« Rustloh stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster, den ernsten, fast traurigen Blick auf den Freund heftend. »Du bist hier zu einem Wendepunkt deines Lebens gekommen, Oswald«, sagte er endlich, »die alte tolle Bahn, die du ohne Rücksicht auf die Folgen eingeschlagen hattest, geht nicht mehr; der andere Weg, den du vor dir siehst, ein rauher, beschwerlicher, aber zum Ziel führender Bergpfad, behagt dir nicht.« »Du scheinst heute morgen in einer sehr moralischen Stimmung«, spottete Dorsek. »Du hältst sie nur dafür. Ich zeige dir einen Spiegel, und das Bild, das du darin findest, gefällt dir nicht; aber die eine oder andere Bahn mußt du jetzt verfolgen - wenn du nicht fliegen kannst.« »Ich will's versuchen!« rief Dorsek, rasch von seinem Stuhl emporspringend. »Zum Teufel auch, der Ertrinkende klammert sich an einen Strohhalm, und ich bin ein Ertrinkender.« »Das Bild ist leider nur zu wahr gewählt, Oswald«, sagte Rustloh warnend, »klammere dich nicht an einen Strohhalm, denn er vermag dich nicht zu retten, wenn er nicht eben fester im Boden wurzeln kann, als ein Strohhalm wurzelt; um Gottes willen aber begehe keinen unüberlegten Streich. Noch hast du dich selber nicht verloren, und dann -«, setzte er fester hinzu, »rufe doch auch ein wenig deinen Männerstolz zu Hilfe. Willst du künftig von anderen Menschen abhängig oder ein freier Mann sein, der sich sein Brot selber und ehrlich verdient?« »Ein freier Mann als Inspektor einer Eisenbahnstation!« lachte Dorsek durch die zusammengebissenen Zähne. »Auch dort kannst du frei sein, freilich nicht in dem Sinne, wie du meinst - wenn du deine Pflicht ordentlich erfüllst. Im anderen Fall ist auch der Soldat kein freier Mann, vom General hinunter bis zum Gemeinen; kein Beamter, kein Arzt, kein Advokat, kein Künstler! Sie alle sind abhängig von sich selber, von ihrer Pflicht, und nur die wenigen vom Glück Begünstigten, die wirklich reichen Leute, mögen eine Ausnahme machen, indem sie, ohne daß sich jemand um sie kümmert, ihren Neigungen nachleben dürfen. Wir beneiden an heißen Tagen den Fisch um sein kühles Element, den Vogel um seinen raschen Flug, aber wir können nun einmal nicht aus der Sphäre, in der wir geboren sind, und wollen wir uns, ohne die Mittel dazu zu haben, gewaltsam hineinzwingen, so sind wir verloren.« Dorsek war mit raschen, ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er plötzlich vor Rustloh stehen und sagte leise: »Und wenn ich es nun nicht aushalte? Wenn ich die Fesseln anlege und dann nicht imstande bin, sie zu ertragen. Wenn sie mich endlich zur Verzweiflung treiben?« »Und das bedenkst du jetzt erst, Oswald? Das alles tritt dir jetzt noch vor die Seele, wo du das, was du Fesseln nennst, schon fest und unzerreißbar um dich geschnürt hast? Du rechnest auf deinen Onkel, aber tue das nicht. Er wird dir helfen, ja, wenn er sieht, daß du dir selber hilfst - in keinem andern Fall. Dein Vermögen hast du trotz unseren Warnungen leichtsinnig vergeudet - und mehr als vergeudet, du hast es verspielt. Jetzt zeige, daß du ein Mann bist und der Welt in die Zähne deine Existenz dir erstreiten kannst. Magst du das nicht, so mußt du untergehen. - Aber ich muß fort - auch ich hin kein freier Mensch, Dorsek, und mehr durch meine Stellung gebunden als mancher Inspektor, aber ich fühle mich doch wohl auf meinem Platz, denn ich fülle ihn aus. Ich genüge den Ansprüchen, die an mich gestellt werden können, und f