Friedrich Gerstäcker Unter dem Äquator 1. EIN FIDELER ABEND UNTER DEM ÄQUATOR In Cramat, einer der freundlichen Vorstädte Batavias, war eine Anzahl von jungen Leuten auf dem Anwesen1) eines ihrer Gesellschaft versammelt, um dort einen fröhlichen Abend zu verbringen. Leopold van Roeken feierte heute seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und hatte nicht nur beschlossen, sein erstes Viertel vom Jahrhundert in würdiger Weise zu verlassen, sondern auch das zweite auf gleiche Art - und keineswegs nüchtern - anzutreten. Passende und willkommene Gesellschaft fand er dazu leicht. Es waren, außer seinem eigenen Kompagnon, einem Deutschen, lauter junge holländische Kaufleute, neun an der Zahl, teils eigene Geschäfte betreibende, teils Buchhalter der bedeutenden Maatchappey; und schon um den reichgedeckten Tisch geschart, sprudelte der fröhliche Humor der Versammelten mit den fliegenden Champagnerpfropfen lustig ins Freie. Der Holländer hat darin große Ähnlichkeit mit dem Deutschen, seinem nahen Verwandten, daß er beim Essen gern und viel spricht. Er verzehrt dadurch die Speisen nicht so rasch und verdaut besser, während der Amerikaner in scharfem Kontrast dazu bei der Mahlzeit kein Wort mit dem Nachbarn wechselt und die Speisen so rasch wie möglich hinunterschlingt. »Time is money«, denkt er dabei, was liegt ihm an dem Körper, den er ja doch nur dazu benutzt, Geld - immer nur Geld - zu verdienen. Der Holländer verdient ebenso gern Geld wie er, aber er tut es auf vernünftigere Weise. Wir leben nur einmal, und er will, während er lebt, auch genießen. Wo das mit Maß geschieht, ist er im vollen Recht, und Unmäßigkeit bildet überhaupt kein hervorstechendes Laster der Niederländer. Zahlreiche malaiische Diener umgaben die Tafel, jeden Wunsch der Gäste rasch zu befriedigen, und als man die warmen Speisen beendet hatte, trugen sie Unmengen der herrlichsten Früchte herein, denn Java wird darin von keinem Land der Welt übertroffen. Die Insel selber erzeugt schon eine große Zahl ihr eigentümlicher wilder und delikater Früchte, und was außerdem andere Tropenländer Köstliches darin boten, wurde ebenfalls hierher verpflanzt und gedieh vortrefflich. So lag hier, neben der Perle aller Früchte, dem Mangustan-Apfel, die saftige Ananas, mit denen im Innern weite Flächen bepflanzt stehen; die brasilianische Butterbirne, deren markartiges Fleisch, ebensogut mit Salz wie mit Madeira und Zucker zu einer Creme angerührt, vortrefflich schmeckt; ferner die Manga und Pampelmuse, eine riesige Orange; ja das Hochland hatte heute selbst seine Erdbeeren liefern müssen, und der in Eis gekühlte Wein wurde mit dem Saft der Kokosnüsse zu einem wunderbar erfrischenden Getränk gemischt. Das Mahl hatte sich inzwischen länger als gewöhnlich hingezogen, und mit dessen Beendigung brach auch schon die Dämmerung herein - diese frühe Dämmerung der Tropen, die den heißen Tag kürzt und mit ihren kühlen Lüften den ermatteten Körper stärkt und kräftigt. Übrigens dürfen wir Nordländer uns die Hitze unter dem Äquator nicht zu drückend vorstellen, und so sonderbar es klingt, ist es doch gar nicht selten bei uns heißer als dort. Viel zur Milderung trägt schon die kürzere Zeit der Sommertage bei. Die Sonne geht regelmäßig in den Tropen um sechs Uhr auf und unter - im ganzen Jahr nur um wenige Minuten differierend -, steigt also nie vor acht Uhr über den Dunstkreis herauf und hat um halb fünf Uhr abends schon wieder ihre größte Kraft verloren. Ferner sind die dortigen Wohnungen alle so gebaut, Kühle zu verbreiten und dem Luftzug freien Durchgang zu lassen, während unsere Häuser gerade im Gegenteil darauf berechnet sein müssen, dem langen Winter Trotz zu bieten. Die wahrhaft heißen und endlosen Tage, wenn die Sonne morgens um fünf Uhr schon hoch am Himmel steht und um sieben Uhr abends fast noch ihre volle Kraft hat, finden uns deshalb auf nichts vorbereitet, was uns Kühlung bieten könnte. Fast verschmachtend, denken wir mit Schaudern an die Unglücklichen, die jetzt auch noch unter dem Äquator leben müssen, während wir hoch im Norden beinahe verbrennen, und wie würden wir diese »Unglücklichen« beneiden, könnten wir sie zu solcher Stunde unter ihrem kühlen Porticus, im Schatten dichter Fruchthaine, von der kühlen Seeluft angefächelt, sitzen sehen. Es war sechs Uhr abends, eben neigte sich die Sonne im Westen hinter den hochstämmigen Palmenkronen und riesigen Waringhis2), und bequeme, luftige chinesische Rohrstühle waren von den geschäftigen Malaien hinaus in die von hohen Säulen getragene Vorhalle geschafft worden, den weißen Tuwans3) die Aussicht auf die vor ihnen liegenden Gärten zu gestatten, die einen wahrhaft paradiesischen Anblick boten. Dort wurde der Kaffee serviert, und während ein paar junge Burschen Manila- und Havannazigarren herumreichten, liefen andere mit den aus Kokosbast gedrehten brennenden Lunten hintendrein. Jeweils zwei der Gäste hatten ein kleines Tischchen zwischen sich, auf dem die Tassen standen, und behaglich auf den mit Schiebern versehenen Stühlen ausgestreckt, lagen die jungen Leute, bliesen den Dampf in die aromatisch duftende Welt hinaus und plauderten und erzählten sich Anekdoten. Die Malaien aber, die horchend dabeisaßen und die holländische Sprache nicht verstanden, sahen sich jedesmal, sobald irgendeine gute Anekdote schallendes Gelächter hervorrief, mit breitem Grinsen von der Seite an und zeigten jeder zwei Reihen vom Sirihkauen braungelb gefärbte Zähne. Aber ihre Ruhe dauerte nicht lange - »api!«4) rief es bald von dieser, bald von jener Seite, wenn die eine oder andere der Zigarren beim Erzählen ausgegangen war, und wie der Blitz fuhren dann die Burschen herum und, ihre Lunten anblasend, in die Höhe, um das Geforderte so rasch wie möglich darzubieten. »Eigentlich kann man's hier in Indien aushalten«, sagte ein kleines zusammengedrücktes und etwas verwachsenes Männchen mit lockigem dunklen Haar und einem Paar kleiner grauer, lebendiger Augen - er war einer der ersten Buchhalter der Maatchappey, »verdoem my, Roeken, Ihr habt eins der hübschesten Anwesen hier in ganz Cramat, so hübsche Plätze hier überall herum liegen; eins aber fehlt Euch doch noch, und wenn Ihr meinem Rat folgt, macht Ihr bald Anstalten, das herbeizuschaffen.« »Und das wäre?« fragte das Geburtstagskind. »Eine Frau«, sagte Heffken, der Kleine, während die anderen lachten und riefen: »Ja, ja - Heffken hat recht - Roeken muß heiraten, Roeken muß heiraten!« »Zum Henker auch, Mann«, nahm der Buchhalter das Gespräch wieder auf, »Ihr habt jetzt Euer eigenes Geschäft, verdient ein prächtiges Geld und könntet leben wie der Hase im Klee, wenn Ihr Euch hier eben eine freundliche Heimat schafftet und Euch nicht mehr mit den verdammten roten Halunken herumzuquälen brauchtet. Ein Kommis oder ein Buchhalter, ja - ich habe nichts dagegen, der mag ledig bleiben und sich so behelfen, aber ein Prinzipal muß heiraten - wie können auch sonst seine Kommis Respekt vor ihm haben.« »Waarachtig niet, Heffken«, lachte aber van Roeken, »von einem Muß kann hier gar keine Rede sein, da noch dazu in ganz Batavia keine ist, die ich heiraten könnte oder - möchte.« »Hoho!« rief der kleine Buchhalter erstaunt aus. »Wollte ich mich doch selbst getrauen, in Batavia eine passende Frau zu finden; also Bescheidenheit kann das nicht sein - oder ist es Hochmut? - Da wüßte ich dem gestrengen Herrn doch noch ein paar zu nennen, von denen selbst er die Finger lassen sollte. - Api!« Der ihm nächste Bursche glitt zwischen zwei Lehnstühlen und unter dem kleinen Tische hin, um den Rufenden recht bald zu erreichen, und hob die Lunte zu ihm empor, und van Roeken rief, den Kopf schüttelnd: »So hoch hinaus will ich gar nicht Heffken, und mit viel Geringerem wäre ich zufrieden, aber Ihr müßt bedenken, daß ich noch nicht so lange hier in der Kolonie bin und das alte Land deshalb auch noch nicht so weit vergessen habe, mich schon ganz und vollkommen in ein indisches Familienleben hineinzufinden. Außerdem, wenn ich einmal heirate, tue ich es meiner Bequemlichkeit wegen, und dann will ich auch eine Frau haben, die sich mir ganz und mit voller Seele hingibt.« »Nun, du sollst sagen, daß du noch nicht Inder wärst«, rief ein anderer der Gäste, sich behaglich in seinem langausgezogenen Lehnstuhl dehnend, »bis ins Mark hinein hast du die hiesige Luft eingezogen, und das Gescheiteste, was du tun könntest, wäre, du nähmst dir einfach eine Liplap.5) Ihr würdet ein kapitales Paar abgeben.« »Danke dir«, sagte van Roeken trocken, »die Liplap-Damen wären die letzten nach meinem Geschmack. In der Jugend ja, aber wie lange dauert's, und man hat einen dicken Fleischklumpen im Haus, der aus seinem Lehnstuhl nur dann und wann einmal aufsteht, um die Dienstboten zu prügeln.« »Wenn dich Mevrouw Wattlingen hörte, drehte sie dir den Hals um«, lachte Wagner, van Roekens Kompagnon, indem er sich eine frische Zigarre nahm, »api! sapáda!6) Zum Henker auch, schläft denn die ganze Gesellschaft?« 1) Im holländischen Indien werden diese Anwesen »Erbe« genannt womit keineswegs ein wirklich ererbtes, also eigenes Grundstück gemeint ist, sondern ein Grundstück überhaupt, das man - gleichviel unter welchen Bedingungen - für den Augenblick in Besitz hat. (Zum Text) 2) Waringhi: Der indische Banianbaum, der geheiligte Baum der Javanen, der seine Zweige wieder in den Boden senkt, um dort neue Wurzeln zu schlagen. (Zum Text) 3) Tuwan: Herr; Anrede für jeden Europäer, im Holländischen toean geschrieben (das oe wie u ausgesprochen). Dem Fremden klingt es aber stets, als ob zwischen u und a des Wortes tuan ein leises w eingeschoben wäre; ich habe es auch deshalb so geschrieben. (Zum Text) 4) Api: Feuer, ein auf Java ständig gehörter Ruf nach Feuer zu den Zigarren, da sich ein Europäer nie selbst danach bemüht. (Zum Text) 5) Liplap heißen die Abkömmlinge von Eingeborenen und Europäern (dasselbe, was in Amerika die Mestizen sind). Heiraten zwischen Liplapfrauen und europäischen Männern finden häufig statt. (Zum Text) 6) Sapáda (zusammengesetzt aus siapa ada): »Wer auch immer da ist!« Der übliche Ruf, wenn in Java ein Diener verlangt wird. In fast allen Haushaltungen sind nämlich eine Menge Dienstboten vorhanden, von denen jeder seine bestimmte Beschäftigung hat und gar nicht daran denkt, etwas zu übernehmen, was eigentlich einem anderen zukäme. Wird nun einer beim Namen gerufen, so können sechs daneben sitzen und es hören, aber keiner wird sich rühren; bei dem Ruf sapáda muß aber jeder kommen, der gerade in der Nähe ist. Die weiblichen Dienstboten sind ebenso gewissenhaft, ja nichts zu tun, was ihnen nicht obliegt. Jedes Kind in einer europäischen Familie hat ein bestimmtes Dienstmädchen, und wenn sieben Kinderbetten in einem Schlafsaal stehen, liegen auch gewiß sieben Mädchen - neben jedem Bett eins - auf einer Matte daneben. Schreit nun ein Kind in der Nacht und das dafür verantwortliche Mädchen hört es nicht, so rührt sich keins der anderen auch nur von der Stelle; nur weil das Kleine das Zauberwort nicht versteht: »Sapáda!« (Zum Text) Die Malaien schossen mit ihren Lunten von allen Seiten vor, und Wagner, von einem Feuer nehmend, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen, fuhr fort: »Es ist überhaupt eine falsche Idee, zu glauben, daß dir hier in Indien eine Frau - nämlich eine im Lande erzogene Frau - irgendeine Bequemlichkeit im Hause bereiten würde. Das müssen dir doch die Dienstboten tun. Willst du es besser haben, bleibt dir nichts anderes übrig, als selber nach Europa hinüberzugehen und dir eine Frau dort auszusuchen.« »Daß das jetzt nicht geht, weißt du selber am besten«, sagte van Roeker, »und es kann noch Jahre dauern, bis ich imstande wäre, das Geschäft so lange zu verlassen.« »Dann gib mir den Auftrag«, lachte Keurhuis, ein junger Mann von kaum dreiundzwanzig Jahren, »ich gehe mit der nächsten Mail nach Holland, um mir selber eine Frau zu holen, und bringe dir gleich eine mit.« »Du wärst der letzte, dem ich die Wahl anvertrauen möchte«, sagte van Roeken, »denn die Beste behieltest du doch für dich selber.« »Dann macht's wie der Missionar auf Celebes!« rief Bylderheer, ein anderer der Gesellschaft, der längere Zeit in einem Celebes-Handlungshaus konditioniert hatte und erst seit einigen Monaten von dort zurückgekehrt war. »Und wie hat es der gemacht?« fragte van Roeken. »Ganz einfach dem Board der Missionare in England Auftrag gegeben, ihm eine passende Frau herüberzuschicken.« »Und das ist geschehen?« »Geschehen? Allerdings. Schon mit dem nächsten Schiff traf seine Braut ein, ein liebes, prächtiges Mädchen, einfach und bescheiden, nur ein bißchen schwärmerisch-fromm, was aber zu dem Mann vortrefflich paßte.« »Und nach acht Tagen werden sie beide wünschen, daß sie einander nie gesehen hätten«, sagte Wagner. »Bitte um Verzeihung!« rief Bylderheer. »Die beiden Leute sind jetzt sechs Monate miteinander verheiratet und leben so glücklich, wie nur Eheleute leben können. Zufällig habe ich gerade heute abend mit einer von dort eingetroffenen Prau1) Briefe bekommen, worin mir Ballenheg, unser Kommissionär, der mit dem Engländer gut bekannt ist, über die beiden schreibt. Aber bei Euch, Roeken, kann man keinen Brief lesen; es ist ja stockfinster geworden.« »Wahrhaftig!« rief van Roeken. »Der Abend war aber so wundervoll, und ich hatte gar nicht darauf geachtet. He, Licht da, und ein bißchen rasch; wie wär's, meine Herren, wenn wir heute keinen Tee tränken, sondern eine Bowle machten? Es ist kühl genug, ein Glas zu vertragen, und morgen überhaupt Sonntag, so daß wir ausschlafen können.« »Vortrefflich, vortrefflich!« jubelten ihm die anderen zu. »Eine Bowle, den Tag würdig zu beschließen!« »Ich bitte aber um eine Tasse Tee«, sagte Wagner. »Mit euren Bowlen bleibt mir zu Haus; ich habe es einmal versucht und nicht wieder.« »Wer Tee trinken will, kann es ja tun«, sagte der Wirt, während die Malaien beschäftigt waren, die sechs im Portico hängenden Astrallampen anzuzünden. »Zu einem fröhlichen Abend gehört aber Bowle, und dann fehlte uns weiter nichts, als daß wir uns noch von Meester Cornelis einen Rongging2) kommen ließen.« »Damit morgen in ganz Batavia die Nachricht die Runde macht, die Firma Wagner und van Roeken hätte Orgien gefeiert«, sagte der ruhigere Kompagnon. »Wenn ihr das tun wollt, dann geht lieber gleich an die Quelle zu Meester Cornelis selber, erlaubt mir aber, daß ich hierbleibe und meinen Tee allein trinke.« »Der alte Moralist«, lachte Heffken. »Aber hier geht es auf keinen Fall, und diesmal hat er recht. Die Nachbarschaft ist zu nah, und rechts und links sollten wir bald neugierige Gesellschaft genug haben. Übrigens bitte ich um die Erlaubnis, die Bowle zu brauen. Ich bin darin ein alter Praktikus.« »Zugestanden, zugestanden!« riefen die übrigen fröhlich. »Und jetzt, nachdem wir Licht haben, den Brief«, sagte Bylderheer, das fragliche Schriftstück aus der Tasche ziehend; aber niemand hatte mehr Geduld, ihm zuzuhören. »Oh, laßt Eure langweilige Epistel!« rief Heffken; »was geht denn uns das an, ob der englische Pfaffe auf Celebes glücklich oder unglücklich mit seiner Herzallerliebsten lebt. Für uns die Bowle, und ich bitte Euch um noch eine Eurer Zigarren, van Roeken. Diese Havanna ist wahrhaftig vortrefflich - habe sie in meinem Leben nicht besser geraucht.« »Wo fahren denn diese vielen Carretas heute hin?« fragte Wagner. »Ich habe jetzt sieben hintereinander gezählt, die alle dort links einbogen.« »Zu van Romelaers«, sagte van Roeken, »dort ist heute Empfangsabend, und wie ich hörte, soll sogar Musik hinbestellt sein.« »Alle Teufel!« rief Heffken, »dann ist heute abend auch Verlobung dort; ich habe diesen Morgen im Kontor davon gehört. Das schöne Kätchen soll weggegeben werden.« »Unsinn«, sagte van Roeken rasch, »wer hat das Märchen erfunden?« »Märchen?« lachte Heffken. »Hauptmann Regterwyl wird Euch bald beweisen, daß nicht viel Märchenhaftes an der ganzen Sache ist. - Verd... Roeken, war die kleine Käthe nicht auch eine von Euren Flammen?« »Nicht daß ich wüßte«, sagte van Roeken lachend, aber er wandte sich rasch vom Licht ab, denn er fühlte, wie er bei der Nachricht die Farbe veränderte. Die vorzubereitende Bowle gab ihm indessen leicht einen Vorwand, sich zurückzuziehen, und als er, von einigen Malaien gefolgt, in das Haus ging, beugte sich Keurhuis zu dem Buchhalter und flüsterte: »Aber Heffken, wußtet Ihr denn nicht, daß van Roeken einen Korb von der kleinen Romelaer bekommen hat?« »Waarachtig niet!« rief dieser überrascht aus, »kein Wort! Deshalb wurde er so rot. Aber er muß doch schon vorher davon gehört haben, daß sie halb und halb diesem Offizier versprochen war.« »Wahrscheinlich nicht; aber sprecht nicht so laut; Wagner braucht nichts davon zu hören. Laßt das Gespräch auch lieber fallen, wenn Roeken zurückkommt.« »Gewiß - gewiß«, nickte der Buchhalter. »Dürfen ihn heute an seinem Geburtstag nicht ärgern. Später ist immer noch Zeit, ihn damit zu necken.« »Er verträgt darin vielleicht keinen Spaß.« »Bah, was will er machen«, lachte Heffken still vor sich hin. »Das ist also schon der zweite Korb, den er hier bekommen hat.« »Der zweite?« »Die Tochter des alten Rats Boderwend hat ihn auch ausgeschlagen.« »Aber weshalb? Er ist jung und reich.« »Und liederlich«, sagte Heffken. »Die Pariser Luft steckt ihm noch zu sehr in den Gliedern. Aber da ist er mit der Bowle. Jetzt kommt meine Arbeit, und nun sollt Ihr einmal sehen, was ich Euch zusammengießen werde.« Wagner, van Roekens älterer Kompagnon, war indessen aufgestanden und vorn an den Porticus getreten, wo er tief in Gedanken auf die wundervolle Szenerie vor sich hinausstarrte; und doch hätte diese wohl verdient, ihr volle und ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Es gab auf der Welt kaum ein reizenderes Bild als das hier vor ihm ausgebreitete, und die inzwischen vollständig hereingebrochene Nacht hatte seine Reize eher vermehrt als vermindert. Vor dem breiten, nur aus einem Stockwerk bestehenden und von Säulen getragenen Gebäude dehnte sich ein mit duftenden Büschen und Fruchtbäumen bedeckter Garten aus, über dem die hohen federartigen Wipfel der Kokos- und Areka-Palmen im kühlen Luftzug rauschten und nur in der Mitte den Blick zu dem sternbesäten, tief dunkelblauen Himmel freiließen. Vor dem Garten zog sich der breite, von Hecken eingefaßte Weg hin, und zwischen zwei riesigen Waringhis konnte man durch das Buschwerk des gegenüberliegenden Gartens die ebenfalls hell erleuchtete Säulenhalle des vis-à-vis erkennen. Dort war, wie hier, eine Gesellschaft versammelt; aber dort drüben wurde keine Junggesellenwirtschaft geführt, sondern elegant gekleidete Damen bewegten sich in den zu Tageshelle erleuchteten Räumen hin und her, und von den hohen, prachtvollen Bäumen eingefaßt, sah das Ganze aus wie ein zierliches, künstlich hergestelltes lebendes Miniaturbild. Hier und da glänzte Fackelschein durch die Nacht mit dem Rollen vorbeifahrender Wagen. Jeder Wagen nämlich hat abends ein oder zwei Malaien hinten aufstehen, die aus Bambus geschnitzte Fackeln, sogenannte obors, tragen und den Weg beleuchten. Besonders schön und eigentümlich sieht das bei dem lebhaften Verkehr auf den Straßen abends aus, und neben den flammenden Leuchten ziehen noch kleine, oft nur glimmende Feuerbrände wie Glühwürmchen durch die Dunkelheit, da kein Eingeborener, Javaner oder Malaie und selbst Chinese, nachts über den Weg gehen darf, ohne etwas Brennendes bei sich zu haben. Unheimlich aber zuckten zu gleicher Zeit dunkle große Körper durch die Nacht, mit geräuschlosem Flügelschlag vorüberschießend; es war der »Fliegende Hund«, jene riesige Fledermaus von der Größe einer mittleren Katze, der seine Flugkünste zwischen den hängenden Zweigen der Waringhis trieb und hier und da auch nach den Fackeln stieß, ohne ihnen jedoch zu nahe zu kommen. Selbst im Portico war das Tierleben, oft nur zu reichlich, vertreten. An den Wänden, sogar an der Decke entlang, liefen jene braunen geselligen Eidechsen, die erst mit den angezündeten Lampen zum Vorschein kommen und dort Jagd auf eingeschlafene Fliegen machen. Ein paarmal kamen vom Garten aus schwerfällig ein paar Kröten die Stufen heraufgehüpft und kehrten wieder um, als sie dort oben so unerwartet zahlreiche Gesellschaft fanden, und Tausende von fliegenden Ameisen flirrten um die Lichter herum und fielen auf die Tische nieder. Aber niemand kehrte sich an das; es waren zu gewöhnliche Erscheinungen, um sie auch nur noch mit einem Blick zu beachten. Außerdem interessierte sie alle jetzt viel mehr die Bowle, mit der van Roeken in der Tür erschien, während ihm alle seine Malaien mit Flaschen, Zucker und Gewürzen folgten. Als dann die Sachen auf dem mittleren Tisch angelangt waren und Heffken sein Werk begonnen hatte, wurden rasch ein paar Spieltische arrangiert, um dem Abend auch nicht einen Augenblick Langeweile zu gönnen. Die verschiedenen Parteien hatten sich eben geordnet, als wüstes Geschrei von der Straße herübertönte und ein zweispänniger Wagen - eine sogenannte carreta - mit zwei Fackelträgern hintendrauf, wie rasend herangerasselt kam. Alles drehte sich erstaunt den ungewohnten wilden Geräuschen zu, denn in Batavia herrscht ein so gesetzter, anständiger Ton, wenigstens in dem äußeren Leben der Europäer, daß ein betrunkener Weißer auf der Straße fast nie gesehen wird; er würde auch von dem Moment an von jeder anständigen Familie gemieden. Noch mäßiger sind Chinesen und Javanen, und gespannt schauten deshalb die jungen Leute nach der Straße hinaus, um bei dem hellen Schein der Fackeln vielleicht einen flüchtigen Blick auf die Urheber solchen Lärms zu werfen. Dicht vor dem Garten tat es wieder einen grellen Schrei, einen richtigen Juchzer, wie er auf deutschen Dörfern wohl gehört wird, wenn Bauern von der Kirmes angetrunken heimkehren. Ehe das Fuhrwerk aber voll in die offene Lichtung des vorderen Gartens kam, verlöschten die Fackeln plötzlich, ein Krachen folgte und dann ein Aufschrei von Stürzenden. Jedenfalls war das Fuhrwerk umgeschlagen. Lautes Lachen und deutsches Fluchen verriet indessen bald, daß kein Unglück geschehen sei; aber auch im andern Fall hätte keiner der jungen Leute einen Fuß gerührt, den Verunglückten beizuspringen. Es waren eben Trunkene - ja das Schlimmste von allem, Trunkene auf der Straße, und mit denen hätte sich keiner von ihnen persönlich eingelassen. Höchstens konnte man einen Malaien hinausschicken. Heffken übrigens, der neugierig war, wer die Störenfriede sein könnten, die auf solche Weise Cramats stille Ruhe entweihten, sandte einen der Malaien ab, um nachzusehen, warnte ihn aber, den Garten nicht zu verlassen, sondern bloß über die Hecke zu schauen. Vom Haus aus konnten sie indes erkennen, wie die malaiischen boedjangs oder Fackelträger durch Umherschwingen ihre ausgelöschten, aber noch glimmenden obors wieder in Brand zu bringen versuchten, was ihnen nach einiger Zeit auch gelang. Sie waren jetzt wenigstens imstande, das an ihrem Wagen geschehene Unglück bei Licht zu sehen. Das Geschrei und Lachen draußen nahm indessen überhand und näherte sich dem Einfahrtstor des Anwesens. Ehe der abgesandte Malaie noch zurückkommen konnte, öffnete sich das Tor, und ein paar hellgekleidete Gestalten wurden sichtbar. »Das ist nicht übel!« rief Wagner erschreckt; »wir bekommen, wie ich fürchte, höchst unangenehmen Besuch, und leider besteht keine Aussicht, uns zu verleugnen; die Lampen brennen zu hell.« »Wenn wir die Lichter nun rasch auslöschten!« rief Bylderheer, nach irgendeiner Ausflucht suchend, um der fatalen Störung zu entgehen. »So?« meinte Heffken, »daß uns die Vents in die Bowle taumeln und Flaschen und Getränk über den Haufen werfen? Zum Henker auch, wer uns hier nicht genehm ist, den schicken wir fort.« »Zehn gegen eins!« rief van Roeken, »das ist der verzweifelte Mensch, der Horbach, der sich eine Zeitlang gut geführt hat und seit ein paar Tagen wieder ausgebrochen scheint. Er hat einen Wechsel aus Deutschland bekommen und rast nun herum, bis er ihn wieder durchgebracht hat.« »Du bist ja wohl mit Bürge für ihn?« fragte Wagner. »Leider«, seufzte van Roeken, »und ich werde auch noch in den sauren Apfel beißen müssen, ihm freie Passage nach Hause zu geben. Beim Himmel, er ist es; ich kenne die Stimme zu meinem Schaden gut genug.« 1) Prau: Eigentümliches Segelboot der Eingeborenen. (Zum Text) 2) Rongging: Chinesische Tänzerinnen, die auf den Basaren oder Märkten und manchmal auch in Privathäusern, aber natürlich nur bei Junggesellen, ihre originellen Tänze aufführen. (Zum Text) »Guten Abend, meine Herren, guten Abend!« jubelte ihnen in diesem Augenblick der Angekündigte entgegen, der an seinem linken Arm einen noch ärger Betrunkenen mehr schleppte als führte. »Hurra, da treffen wir fidele Gesellschaft und kommen nicht aus dem Regen unter die Traufe, sondern in den lichten, warmen Sonnenschein. O Sonnenschein, o Sonnenschein, Wie scheinst du mir ins Herz hinein«, sang er dann mit einer wirklich melodischen Stimme, die ihm nur leider bei dem letzten, etwas langgezogenen Ton überschnappte. »Das ist der liederlichste Lump in ganz Batavia«, brummte Heffken, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen, als Begrüßung vor sich hin, »den vielleicht ausgenommen, den er am Arm hängen hat. Daß sie beide der Böse hole!« »Mein lieber Herr Horbach«, sagte van Roeken, ihn ebenfalls in deutscher Sprache anredend, »ich weiß in der Tat nicht, was uns die Ehre Ihres Besuches verschafft.« »Keine Verstellung, bester Roeken«, lachte ihm Horbach vergnügt entgegen, »tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie ungeniert aus, was Sie denken; oder soll ich es für Sie tun? - Gut. Sie denken jetzt: welcher böse Feind führt den angetrunkenen Lumpen in unsere anständige Gesellschaft? - He? Hab' ich's erraten? Hahaha, ich kann die Gedanken der Menschen in ihren Augen lesen. - Hilft Ihnen aber nichts, und alles, was ich für Sie tun kann, ist, daß ich Ihnen das Mittel nenne, sich selber den größten Gefallen zu erweisen: nämlich uns sobald wie möglich wieder loszuwerden. Nitschke hier ist wirklich sträflich angetrunken und macht mir nur Schande.« »Herr Horbach, Sie tun sich selber Unrecht; aber womit kann ich Ihnen dienen?« »Vor allen Dingen mit einem Glas Punsch, den der kleine Heffken vortrefflich zubereiten soll«, sagte der unverwüstliche Schlemmer, und der Buchhalter, der das Deutsche vollkommen beherrschte, warf ihm einen Blick über die Brille zu, der ihn vernichtet haben müßte, wenn Horbach überhaupt zu vernichten gewesen wäre. »Prächtiger Mensch, der Heffken«, sagte er, die Hand nach ihm ausstreckend, »immer so freundlich, immer so herzlich. Und der tüchtigste Buchhalter dabei, den die Maatchappey - mit Respekt zu melden - im Dienst hat; versteht auch die doppelte Buchhaltung - heh, Heffken? Mein einziges Unglück ist, daß ich die nicht verstehe. Eine Seite für die Maatchappey, die andere für sich. Bitte, noch etwas in das Glas, lieber Heffken, ich trinke nicht gern aus einem halb leeren, und Wenn ich judizieren soll, Verlang' ich auch das Maul recht voll. Goethe war ein prächtiger Mensch und hat mir, in mehr als einem Vers, wie aus der Seele gesprochen.« Heffken hatte nicht daran gedacht, das erste mit der gerade fertig gewordenen Mischung gefüllte Glas dem unwillkommenen Besuch zu reichen. Dieser aber, ohne sich viel daran zu kehren, ob es für ihn bestimmt war oder nicht, lehnte seinen Kameraden an die nächste Säule an, griff das Glas vom Tisch und sagte, es in die Höhe hebend: »Der Heimat den Becher! Mit zitternder Hand Trink' ich dir zu jetzt, mein Vaterland. Sei auch die Fremde so schön wie sie mag, Segen, o Segen, herab auf den Tag, Wo deine nackten Gestade von weitem Liebend die Arme entgegen mir breiten. Vaterland hoch!« »Und wenn wir Ihnen nun dazu Ihre Passage zahlten, Herr Horbach?« unterbrach Wagner etwas kaltblütig diesen warmen poetischen Erguß. »Sie sind ein Schäker, lieber Wagner«, lachte Horbach, wieder ganz in seinen alten Ton zurückfallend, indem er das Glas mit einem Zuge leerte, »für jetzt aber, um Ihr gutes Werk zu beginnen, möchte ich Sie bloß ersuchen, uns vorläufig ein Stück Weges nach der Heimat zu schaffen, und zwar nach dem unteren Teil von Weltefreden, wo wir gegenwärtig residieren und wohin wir Ihre Carreta oder Ihren Bendi, was Sie gerade bei der Hand haben, benutzen möchten. Unser erbärmliches Fuhrwerk ist draußen wie eine reife Manga auseinandergeplatzt, und bis die Malaien das wieder zusammengeflickt haben, vergeht der schönste Teil der Nacht.« »Herr Horbach«, sagte Wagner, gar nicht damit einverstanden, sein Fuhrwerk dem betrunkenen Menschen anzuvertrauen, »wenn Sie vorher nur erst...« »Bitte, lieber Wagner«, unterbrach ihn Horbach rasch, »so gern ich eine Partie Whist spiele, heute abend wäre ich dazu nicht mehr imstande. Außerdem liegt mir daran, meinen Freund da - Nitschke ist wirklich etwas mehr als halb im Wind - in eine bequemere Lage zu bringen, als er dort an der Säule hat, einmal davon abgesehen, daß er Ihnen die ganze Marmorpolitur herunterscheuert.« Van Roeken hatte indessen kaum verstanden, was der »Besuch« von ihnen verlangte, als er ohne weiteres dem ihm nächsten Malaien Befehl gab, seinen Bendi1) so rasch wie möglich einschirren zu lassen und vorzufahren. Es war das einzige Mittel, den Burschen loszuwerden. »Und Sie scheuen sich nicht«, platzte Heffken heraus, der seinen Ingrimm nicht länger verbeißen konnte, »in einem solchen Zustand in ein anständiges Haus zu kommen, Herr Horbach?« »Allerdings, Buchhalterchen«, lächelte Horbach, ohne im geringsten die Fassung zu verlieren, »würde es auch unter keinen Umständen wagen; nicht wahr, Roeken?« »Ich habe den Wagen schon bestellt«, sagte Roeken, der wohl einsah, daß er sich mit dem Betrunkenen in keinen Wortwechsel einlassen durfte, »bitte, warten Sie nur noch einen Augenblick.« »Danke herzlich, lieber Roeken, danke herzlich, ich logiere gegenwärtig im Amsterdam-Hotel.« »Ich werde dem Kutscher selber Auftrag geben.« »Hätte allerdings gern noch einmal bei Romelaers drüben vorbeigeschaut«, fuhr Horbach, ihm freundlich zunickend, fort, »haben einen fidelen Abend heut dort drüben, aber Nitschke ist wahrhaftig nicht salonfähig. Apropos, Roeken, mit der Käthe drüben war's nichts. Hm, schadet nichts, alter Junge. Sind noch so gute Fische in der See, wie sie je herauskamen! Never say die, wie die Engländer sagen. Hahahaha, komische Wirtschaft auf dieser äußerst komischen Welt; denken Sie sich, Roeken, ich habe dort drüben auch einen Korb bekommen.« »Herr Horbach«, sagte van Roeken, der kaum imstande war, seine Fassung zu bewahren, »eben fährt der Wagen vor - ich möchte Sie nicht länger aufhalten.« »Versteht sich, versteht sich«, lachte der Betrunkene gutmütig vor sich hin, »wäre auch schade um die kleine, niedliche Gesellschaft. Aber ich muß wahrhaftig fort; Nitschke ist in einem vollständig trostlosen Zustand. Wenn es mir übrigens irgendwie möglich sein sollte, komme ich nachher noch ein bißchen wieder. Morgen früh ist pasar bahroe, und wir fänden heut abend dort draußen schon ganz fidele Gesellschaft. Ich weiß aber wirklich nicht, ob ich den armen Nitschke nur so lange allein lassen kann, um einen Hering und ein Glas Sodawasser für ihn zu besorgen. Also für jetzt gute Nacht meine Herren, angenehmen Abend. Bitte, bemühen Sie sich nicht, Roeken, ich finde schon allein meinen Weg.« Van Roeken war aber nicht Horbachs, sondern seiner selbst wegen zu dem Bendi hinübergegangen, wo er dem Kutscher heimlich, aber ganz gemessen den Befehl gab, die beiden Weißen am Amsterdamer-Hotel abzuladen und dann ohne weiteres umzukehren und leer zurückzukommen. Der übermütige Gesell hätte seine Drohung sonst am Ende wahr gemacht. Drei von den Malaien faßten inzwischen den betrunkenen Nitschke unter und schleppten ihn in den Wagen, Horbach nahm neben ihm seinen Platz ein, die Boedjangs sprangen mit der Fackel hinten auf. So, während Horbach noch sein weißes Taschentuch herauszog und der Gesellschaft freundlich zuwinkte, rollte das leichte Fuhrwerk mit Blitzesschnelle zum Tor hinaus. »Das ist ein nichtsnutziger Vent«, stöhnte Bylderheer, als das Geräusch des fortfahrenden Wagens endlich verklang, denn so lange war es fast, als ob ein böser Zauber auf der Gesellschaft liege. »Der hätte uns den schönen Abend prächtig verderben können. Wer ist er eigentlich?« »Ein so nichtsnutziger Bursche«, sagte van Roeken, dem eine Zentnerlast von der Seele genommen schien, »wie je einer javanischen Boden betreten hat. Vor vier Jahren kam er nach Batavia, sein Vater muß ein sehr reicher Mann in Deutschland sein, der den Taugenichts, um ihn loszuwerden, in die Welt schickte. Wir hier wußten natürlich nichts davon; er brachte Empfehlungsbriefe mit, und ich wie Romelaer drüben leisteten die nötige Bürgschaft für ihn.2) Eine Weile ging die Sache gut; er trat in Romelaers Geschäft ein und arbeitete fleißig; nach sechs Monaten schon betrank er sich aber zum erstenmal und bekam Streit mit seinem Prinzipal, der ihn fortschickte. Dann trat er in ein deutsches Geschäft ein, aber es ging dort nicht besser. Monatelang war er der beste Arbeiter, denn er ist ein ganz gescheiter, intelligenter Kopf; nachher brach aber der Teufel bei ihm wieder durch, und so hat er sich am Anfang abwechselnd eine Weile gut betragen und dann wieder die tollsten Streiche getrieben, gerade wie er blank an Kasse war oder Geld in Händen hatte. Nur erst in letzter Zeit scheint er sich dem liederlichen Leben vollständig ergeben zu haben, so daß wir ihn nächstens aus der Kolonie fortschaffen müssen, wenn wir nicht noch, den Malaien gegenüber, fatale Szenen erleben wollen. Er bleibt doch leider immer ein Weißer.« »Verd..., der Lump!« rief Heffken dazwischen. »Er hat uns außerdem schon eine halbe Stunde gestohlen, und wir wollen uns nicht noch länger mit seiner Lebensgeschichte aufhalten. Gläser her, und ein Pereat allen betrunkenen Schuften!« »Erst ein Hoch dem Geburtstagskind«, lachte aber Bylderheer, sein Glas erhebend, und als alle nach den Gläsern griffen, um dem ausgebrachten Toast Folge zu leisten, fiel drüben von Romelaers ein schmetternder Tusch ein und klang klar und deutlich zu ihnen herüber. »Das gilt dem Brautpaar«, lachte Heffken mit einem unwillkürlichen Seitenblick auf van Roeken. »Hoch unser freundlicher Wirt, und noch fünfzig Jahre wie heute!« »Noch fünfzig Jahre wie heute!« jubelten die anderen ebenfalls, und während der Tusch von drüben zum drittenmal herüberklang, stießen die Gläser zusammen und wurden bis zur Nagelprobe geleert. Van Roeken trank ihnen still Bescheid. Er fühlte dabei mehr, als er es sah, daß Heffkens boshafter Blick auf ihm haftete, aber nicht um alles in der Welt hätte er es ihn merken lassen, und nur desto öfter und rascher leerte er sein Glas. Von jetzt an kam reges Leben in die Gesellschaft; die Unterbrechung durch die beiden Trunkenbolde hatten sie aber immer noch nicht vergessen, und von allen Seiten wurden Anekdoten aus beider indischem Leben erzählt, die manches Tragische, oft aber auch unendlich viel Komisches boten. »Kennt ihr denn schon die letzten Fahrten dieses Nitschke mit Kuhn?« sagte endlich Heffken, der eben die zweite Bowle fertig gemischt hatte und sich wieder bequem in seinem chinesischen Stuhl dehnte, die Havanna im Mund, das Glas vor sich auf der breiten Lehne. »Mit Kuhn? Nein!« rief Bylderheer. »Kuhn lebt so weit da draußen, daß man nur selten etwas von ihm erfährt.« »Die sind köstlich«, lachte Heffken vor sich hin, »und wenn ihr nichts dagegen einzuwenden habt, will ich sie gern erzählen. Ich habe sie aus Kuhns eigenem Mund, der wohl mit niemandem weiter darüber gesprochen hat, um den Burschen, solange er sich ordentlich betrug, nicht noch mehr lächerlich zu machen. Da er allerdings wieder ausgebrochen ist, braucht es kein Geheimnis zu bleiben, ja es wäre eigentlich auch schade darum.« »Heraus dann damit, heraus! Eine gute Geschichte darf nicht verlorengehen!« »Sehr schön«, sagte Heffken. »Bitte, Keurhuis, helfen Sie einmal der Kröte da die etwas hohe Stufe herauf; sie hat sich schon die letzte Viertelstunde die größte Mühe gegeben, zu mir zu kommen, und scheint etwas schwach auf den Hinterbeinen zu sein.« Van Roeken winkte einem der Malaien, der das »schwache Geschöpf« mit einem Stock zurück und auf den Rasen schnellte, und Heffken begann: 1) Bendi: Ein kleines einspänniges Fuhrwerk. (Zum Text) 2) Jeder auf Java ankommende Fremde muß in Batavia oder der Hafenstadt, in der er landet, zwei Bürgen dafür stellen, daß er sich ordentlich betragen und keine Schulden machen will. Kann er das nicht, muß ihn der Schiffskapitän, der ihn gebracht hat, wieder mitnehmen. (Zum Text) 2. HERR NITSCHKE WIRD VORGESTELLT. - MYNHEER VAN ROEKEN FASST EINEN ENTSCHLUSS »Thomas Nitschke ist jedenfalls früher in Deutschland ein ganz wohlhabender, wohl auch reicher Mann gewesen, der aber, vielleicht schon dort durch liederliches Leben, ruiniert wurde und, noch immer mit einem kleinen Vermögen, nach Indien kam, um hier ein neues Leben zu beginnen. Ich erinnere mich der Zeit noch recht gut; er war damals ein anständiger, immer sehr elegant gekleideter junger Mann, der mit den besten Empfehlungen herüberkam, ohne Schwierigkeit zwei Bürgen fand, die für ihn gutsagten, und sich jahrelang wacker aufführte. Natürlich war er in ein Geschäft eingetreten, denn das Geld, das er mitgebracht hatte, reichte nicht aus, um selber etwas Ordentliches zu beginnen, und mit einem ziemlich guten Salär lebte er dabei behaglich, ohne indessen den geringsten Aufwand zu machen. Wie schon gesagt, ging das eine Weile vortrefflich; er hatte sich tüchtig eingewöhnt und galt für einen ausgezeichneten Arbeiter - aber der in ihm steckende Kobold ließ ihn nicht ruhen. Er fing an zu trinken - der erste Beginn allen Jammers in Indien -, wurde aus dem Geschäft, vorgefallener Nachlässigkeiten wegen, entlassen, lebte von seinem Geld, verlebte es und machte endlich Schulden. Kuhn - einer der beiden, die für ihn gutgesagt hatten - ließ ihn, nachdem er es eine Weile so trieb, zu sich kommen, hielt ihm sein Unrecht und die Gefahr, der er sich aussetzte, vor und nahm ihn in sein eigenes Haus draußen vor Batavia auf. Dort sollte er seine Leute beaufsichtigen und seine Bücher führen. Er hatte ihn also als eine Art Verwalter angestellt, so daß er neben sehr gutem Gehalt auch ein fast unabhängiges Leben führte und sich noch hätte mit leichter Mühe Geld ersparen und zurücklegen können. Eine Weile hielt er auch aus, und es schien, als ob er sich wirklich von Grund auf gebessert habe, aber - es dauerte nicht lange; das ruhige, gleichmäßige Leben sagte ihm auf die Dauer nicht zu. Er fing damit an, sich unter der Hand Arrak zu verschaffen, vernachlässigte dann natürlich das, was ihm oblag, und trieb es zuletzt so arg, daß ihn Kuhn, nachdem alle Vorhaltungen, ja selbst Drohungen vergebens gewesen waren, eines schönen Morgens mit Sack und Pack vor die Tür setzte und ihm ankündigte, daß er seine Schwelle nicht wieder betreten dürfe. Nitschke trieb sich jetzt wieder eine Weile in einem dolce far niente in der Stadt umher, verliebte sich in ein paar malaiische Mädchen und lebte herrlich und in Freuden, solange die paar verdienten Gulden ausreichten, was in Batavia bekanntlich nur sehr kurze Zeit dauert. Sobald sein Geld aber abnahm, zog er sich in die Wohnungen der Eingeborenen zurück, mit denen er verkehrte und von denen er benutzt wurde, solange sie hoffen durften, noch irgend etwas aus ihm herauszuziehen. So sank er tiefer und tiefer, bis er endlich, von allen Hilfsmitteln entblößt, nicht weiter konnte und nun in Verzweiflung wieder zu seinem früheren Prinzipal ging, diesem seine trost- und hoffnungslose Lage darstellte und ihn bat, ihn wieder bei sich aufzunehmen, denn er habe von ihm jetzt keinen Rückfall weiter zu befürchten. Kuhn, ein gutmütiger Mann, freute sich über Nitschkes Reue, glaubte ihm auf sein Wort, stattete ihn vor allen Dingen mit Kleidern und Wäsche aus, daß er wenigstens reinlich und anständig erscheinen könne, und ließ ihn ohne weiteres wieder in seinen früheren Posten eintreten. Hat man aber einmal ein solch liederliches Leben begonnen, so gehört ein wirklich eiserner Entschluß dazu, sich vollkommen davon freizumachen. So bekam dann auch Nitschke einen Rückfall, wurde wieder fortgeschickt und kam noch weit tiefer herunter als das erste Mal. Kuhn hatte sich diesmal aber fest vorgenommen, nichts weiter mit ihm zu tun zu haben und lieber seine Passage auf einem heimwärts gehenden Schiff zu zahlen, als ihn wieder zu sich ins Haus zu nehmen. Nitschke schien auch selber am Anfang nicht die geringste Lust zu haben, wiederzukommen; das gebundene, solide Leben sagte ihm nicht im mindesten zu. Er lebte nun wieder auf eine wirklich unbegreifliche Weise in den Tag hinein, Gesundheit wie Kasse untergrabend, bis er endlich doch den Einfluß der starken, in dem heißen Klima so schädlichen Getränke unterlag und in das Hospital geschafft werden mußte, um wenigstens nicht auf offener Straße zu sterben. Aber er starb nicht. Einzelne Naturen haben, allem diesen unnatürlichen, wilden Leben zum Trotz, eine unverwüstliche Elastizität und sind gar nicht zu ruinieren. Wenn auch von den Auswirkungen seiner Krankheit furchtbar aufgerieben, fing er doch an, sich wieder zu erholen. Der körperlichen Rekonvaleszenz folgte hier, in dem vortrefflich eingerichteten Spital und von allen spirituosen Getränken ferngehalten, eine geistige, und zerknirscht über sein bisheriges Leben, bat er seinen früheren Prinzipal noch einmal um Verzeihung für vergangene Sünden. Am Anfang wollte der freilich nichts davon wissen; wer konnte ihm die wirkliche Besserung des liederlichen Burschen garantieren, und sollte er sich selber den Tod in einem verzweifelten und doch nutzlosen Versuch an den Hals ärgern, aus dem einmal verlotterten Menschen wieder einen braven und ordentlichen Mann zu machen? Sein gutes Herz siegte aber trotzdem wieder. Als er ihn bleich und elend im Spital sah, wo er ihn besuchte, tat er ihm doch leid, und er beschloß endlich, ihn, freilich unter viel strengeren Bedingungen als bisher, nochmal in sein Haus aufzunehmen. Er hätte vorher wissen können, daß es nutzlos war. Im Hospital hatte Nitschke also, wie bemerkt, dem Genuß spirituöser Getränke vollkommen entsagen müssen und war dadurch wohl viel ordentlicher, doch auch schwach und matt und hinfällig geworden; aber auch jetzt untersagte ihm sowohl der Arzt den Alkohol, damit er sich dessen schädlichem Einfluß nur erst einmal gänzlich entzöge, wie auch Kuhn selber, der ihm versicherte, er würde bei ihm keinen Tropfen Branntwein über die Zunge bekommen. Nitschke erklärte sich mit allem einverstanden und betrug sich musterhaft. Sein Körper war aber so heruntergekommen, daß er wirklich Monate bedurfte, um sich nur einigermaßen zu erholen, und selbst dann ging er mehr einem Skelett als einem lebenden Menschen ähnlich umher. In dieser Zeit war es, daß ein Brief an ihn aus Europa, ich glaube von seiner Schwester, kam, die von seinen Ausschweifungen und dem entsetzlichen Leben, das er führte, gehört hatte und ihm nun die bittersten, aber auch zärtlichsten Vorwürfe darüber machte, ihm die furchtbaren Folgen eines solchen Lebens vorhielt und ihn bei allem, was ihnen beiden heilig war, beschwor, sich zu bessern und ein anderer Mensch zu werden. Nitschke las den Brief mit wirklich tiefer Zerknirschung; dabei noch zusätzlich aufgeregt in seiner Schwäche, weinte und jammerte er und betrug sich so auffallend, daß eine der malaiischen Frauen zu Kuhn lief und ihm sagte, sie fürchte, der Weiße tue sich ein Leid an; er möchte einmal zu ihm hinübergehen. Kuhn, der an einen Selbstmord bei Nitschke nicht so recht glauben mochte, schüttelte den Kopf und ließ ihn endlich zu sich herüberrufen. ›Was machen Sie denn für dumme Streiche?‹ redete er ihn an. ›Was ist denn nun wieder vorgegangen? Sie bringen mir ja das ganze Haus in Alarm.‹ ›Herr Kuhn!‹ rief Nitschke, bei dem das weiche Element wieder die Oberhand gewann, ›ich bin ein nichtsnutziger, erbärmlicher Kerl.‹ ›Nun ja, das wissen wir ja schon alle hier im Haus, das brauchen Sie doch nicht mehr mit einem solchen Skandal in die Welt hinauszuschreien‹, sagte Kuhn. ›Ich bin ein Lump!‹ brach Nitschke aus. ›Niemand zweifelt daran‹, setzte Kuhn hinzu. ›Ich verdiene die Sonne nicht, die mich bescheint!‹ rief Nitschke nochmals. ›Ach, seien Sie nicht langweilig‹, sagte Kuhn, ›wärmen Sie die alte Geschichte nicht auf; wenn Sie weiter nichts wollen, deswegen brauchen Sie keinen solchen Lärm zu schlagen. Was ist denn übrigens vorgefallen, das Sie auf einmal zu dieser Selbsterkenntnis gebracht hat? Haben Sie einen lichten Moment?‹ ›Da, lesen Sie selbst‹, sagte Nitschke und gab ihm den offenen Brief seiner Schwester, ›lesen Sie, mit welcher Liebe die Meinen noch an mir hängen, und urteilen Sie dann selbst, wie mir jetzt, mit dem Bewußtsein dessen, was ich getan und wie ich gelebt habe, zumute sein muß.‹ Kuhn nahm den Brief, überflog ihn und gab ihn dann achselzuckend an Nitschke zurück. ›Nun, was sagen Sie dazu?‹ fragte Nitschke mit tränenden Augen. ›Lieber Gott, das ist eine alte Geschichte; dasselbe, Wort für Wort, haben Ihnen schon alle, die es früher gut mit Ihnen meinten, tausend- und aber tausendmal gesagt; haben Sie denn hören wollen? Gott bewahre! Wenn man einmal glaubte, man hätte Sie auf dem rechten Weg und sauber abgewaschen, dann sprangen Sie wieder rechts oder links ab von der Straße mitten in den Schlamm hinein und wälzten sich mit dem größten Wohlbehagen darin herum. Ebensooft haben Sie Besserung versprochen und gelobt und ebensooft, was Sie versprachen, nicht gehalten. Wie Sie sich selber dabei heruntergebracht haben, wissen Sie am besten; Sie brauchen auch niemand dazu, Ihnen das noch einmal vorzuhalten. Gehen Sie nur vor den nächsten Spiegel und betrachten Sie Ihre Jammergestalt: Ihre eingefallenen Backen, Ihre hohlen Augen, Ihre zitternden Hände, Ihre dünnen Haare; wenn man sich nicht über Sie ärgern müßte, könnte man wirklich Mitleid mit Ihnen haben. Und wie soll das enden? Jetzt halten Sie sich einmal wieder eine Zeitlang; aber wie lange wird's dauern, und das alte Leben beginnt von neuem. Ihre Schwester hat ganz recht, wenn sie sagt, daß Sie ein verlorener Mensch seien.‹ ›Das bin ich auch - das bin ich auch‹, sprach Nitschke in dumpfer Verzweiflung; ›ich bin verloren, rettungslos verloren, ja, was schlimmer ist, ich bin nicht einmal wert, daß ich lebe, und das Beste, was ich tun könnte, wäre, daß ich ins Wasser spränge, wo es am tiefsten ist. Besser, von Krokodilen als von ewiger Reue gefressen zu werden.‹ ›Ja, wenn Sie das nur täten!‹ sagte Kuhn ruhig. ›Bei Ihnen bleibt es aber immer bei den guten Vorsätzen. Sie haben uns schon oft etwas Derartiges versprochen.‹ Nitschke sah ihn wild und verstört an und strich die Haare drei- oder viermal wie krampfhaft aus der Stirn; es war, als ob er mit irgendeinem Gedanken kämpfe, den er nicht wolle aufkommen lassen, den er aber auch schon nicht mehr bewältigen könne. Er sprang von dem Stuhl hoch, auf dem er sich, wie in sich selbst zusammengebrochen, niedergelassen hatte, lief ein paarmal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab, blieb dann plötzlich vor seinem Prinzipal stehen, der ihm dabei ruhig mit den Augen folgte, und rief: ›Herr Kuhn -‹ ›Herr Nitschke?‹ ›Ich bin mit mir im klaren!‹ ›Wäre mir lieb, zu hören.‹ ›Ich mache diesem Zustand ein Ende.‹ ›Jedes Mittel dazu wäre zu empfehlen.‹ ›Ich kann dieses Leben nicht länger ertragen.‹ ›Ich habe Ihre Ausdauer schon lange bewundert!‹ ›Ich werfe es von mir.‹ ›Es wäre ein Vorteil für die Kolonie.‹ ›Ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf.‹ ›Dort hängen meine Pistolen‹, sagte Kuhn, mit einer halb einladenden Verbeugung über seinen Schreibtisch deutend, wo zwei große Duellpistolen hingen. Nitschke warf einen scheuen, verzweifelten Blick dorthin, sah noch einmal, wie unschlüssig, den Mann an, bei dem er vielleicht Trost zu finden erwartet hatte, der ihn aber jetzt mit ruhigem Lächeln nur noch mehr dem furchtbaren Entschluß zudrängte, und plötzlich seinen Hut mit der linken Hand fassend, sprang er zum Schreibtisch, ergriff eine der Waffen, riß sie mit dem Nagel aus der Wand an sich und stürzte der Tür zu. ›Sie ist schon geladen!‹ rief ihm Kuhn nach, ohne auch nur einen Finger zu bewegen, um ihn etwa noch zurückzuhalten. ›Leben Sie wohl, grüßen Sie meine Schwester!‹ schrie aber Nitschke, warf die Tür hinter sich ins Schloß, daß die Fenster klirrten, und sprang hinaus ins Freie. Kuhn blieb aber in seinem Stuhl liegen und schaute, mit der Hand auf der Lehne einen der üblichen malaiischen Tänze trommelnd, still lächelnd eine ganze Weile vor sich nieder. Nitschke kam aber nicht wieder; der Platz an der Wand, wo die Pistole gehangen hatte, blieb leer, und Kuhn stand endlich auf und ging langsam im Zimmer auf und ab. Der Teufel würde den Burschen doch nicht plagen, daß er wirklich einen dummen Streich machte und sich eine Kugel vor den Kopf schoß? Bah, dazu besaß er gar nicht Courage genug; aber wo blieb er? Das malaiische Mädchen, das ihm die Wirtschaft besorgte, hatte sich schon ein paarmal in der Tür gezeigt, zum Zeichen, daß das Frühstück fertig sei, und Nitschke wußte, daß er pünktlich dazu erscheinen mußte. ›Pinju!‹ rief Kuhn das Mädchen endlich an, ›apa Tuwan Nitschke?‹ ›Tra tau Tuwan!‹ versetzte das Mädchen achselzuckend, ›habe ihn nirgends gesehen.‹ ›Hm!‹ sagte Kuhn und ging wieder eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Aber es wurde ihm zuletzt unbehaglich; die fehlende Pistole störte ihn, und er horchte ein paarmal wirklich zum Fenster hinaus, weil er glaubte, einen Schuß gehört zu haben. Es wäre ihm doch nicht einerlei gewesen, wenn sich Nitschke wirklich totgeschossen hätte. Nitschke kam aber nicht zum Essen, und die Malaien im Hof wurden jetzt examiniert, wo sie ihn zuletzt gesehen hätten und was er gemacht habe. Dabei stellte sich heraus, daß er mit der Pistole den Weg zu einem kleinen Fruchtdickicht genommen hatte, durch das hier nur ein schmaler Pfad in den nächsten Kampong1) führte. Schießen wollte niemand gehört haben. Kuhn mochte sich übrigens nicht anmerken lassen, daß er wirklich um Nitschke besorgt war; dieser hätte es sonst am Ende, wenn er sich wieder einstellte, erfahren und sich etwas darauf einbilden können. Er ging also wieder in sein Zimmer zurück und hielt seine Siesta. Aber der Gedanke an den in solcher Aufregung Fortgestürzten ließ ihn nicht schlafen. Der sonst vollkommen charakterlose Mensch konnte doch am Ende vom Teufel geplagt und mit der geladenen Waffe in der Hand, einen dummen Streich gemacht haben. Er hätte auch nicht dulden sollen, daß er die geladene Pistole mit aus seinem Zimmer nahm, dachte Kuhn. 1) Kampong: Dorf der Eingeborenen. So kam der Abend heran; von Nitschke war noch immer nichts zu hören noch zu sehen, und Kuhn schickte jetzt allen Ernstes Leute in verschiedene Richtungen aus, um sich nach ihm zu erkundigen und zu sehen, was aus ihm geworden war. Die meisten kehrten unverrichtetersache bald zurück. Nach einzelnen sollte er aber an dem Vormittag im Kampong gesehen worden sein, dann jedoch wieder den Weg zurück nach Kuhns Plantage eingeschlagen haben. Auch sollte in der Nähe zweimal geschossen worden sein; aber die Leute hatten sich nicht weiter darum gekümmert, weil dort mehrere Holländer wohnten und alle Europäer Gewehre in ihren Häusern hatten. Kuhn stand auf der Veranda seines Hauses, rauchte seine Zigarre und schaute still und ernst vor sich nieder, als ein kleines malaiisches Mädchen in den Hof gesprungen kam und einem seiner Arbeiter etwas zurief; dieser schaute sich bestürzt nach ihm um und sprach etwas zu einem andern. ›Hallo, was gibt's da vorn? Was ist, Ketjil, was bringst du? Her mit dir! Was hast du dem Jungen da eben erzählt?‹ rief Kuhn rasch, der nicht ohne Grund glaubte, es könne eine Nachricht über den Vermißten sein. Die Kleine kam schüchtern näher; sie fürchtete sich vor dem Europäer, aber sie wagte auch nicht, seinem direkt gegebenen Befehl entgegenzuhandeln, und erzählte nun stotternd, daß draußen, am kleinen Fluß, neben dem Bambusdickicht, nicht weit von den einzelnen Hütten, in denen ein paar Chinesen wohnten, der weiße Tuwan hier aus dem Haus auf der Erde ausgestreckt liege und tot sei. ›Tot‹ - es ist ein häßliches Wort, eine stets unwillkommene Mahnung für den Lebenden; und Kuhn ging ein paarmal mit raschen Schritten auf der Veranda auf und ab. Endlich rief er dem kleinen Mädchen zu, auf ihn zu warten, bis er hinauskomme, zog sich an, rief ein paar seiner Burschen als Begleitung heran und verließ seine Plantage, um den Leichnam des unglücklichen tollköpfigen Menschen aufzusuchen, den er heute, wenn auch unabsichtlich, doch als Mitverursacher, einem so gewaltsamen Ende seiner Laufbahn entgegengejagt hatte. ›Ich wollte den Lump lieber bis an sein Ende füttern‹, flüsterte er dabei leise vor sich hin, als er dem schmalen Pfad flußaufwärts folgte. ›Wenn er nur nicht den dummen Streich gemacht hätte. Jetzt werd' ich die albernen Gedanken nicht loswerden, Gott weiß, wie lange.‹ Das kleine Mädchen lief indessen rasch voran, bis sie sich der angegebenen Stelle näherten; dann aber fürchtete es sich, den Ort wieder zu betreten, wo es vor einer Stunde zufällig den weißen Mann gefunden und fast selber den Tod gehabt hatte vor Schreck und Entsetzen. ›Da - der Tuwan!‹ sagte es scheu und schüchtern und deutete mit dem kleinen ausgestreckten Händchen auf ein ziemlich dichtes Gebüsch blühender Mangabäume, die sich an das Bambusdickicht anschlossen. ›Da drin weißer Mann - ausgestreckt - tot!‹ Und als ob sie selbst die Nähe des unheimlichen Körpers scheue, floh sie mit raschen Sätzen den Weg zurück, den sie gekommen waren. Kuhn sah ihr kopfschüttelnd nach; war es ihm doch selber nicht recht, daß er den Platz jetzt betreten sollte. Und als er die Hände in die Taschen schob und einen Augenblick wie unschlüssig dastand, als ob er überhaupt noch eine Wahl habe, fühlte er den Brief von Nitschkes Schwester, den der Verzweifelte in seiner Stube hatte liegenlassen und den er in Gedanken zu sich gesteckt hatte; und er zog die Hand wieder aus der Tasche, als ob er sie verbrannt hätte. Durch Zögern wurde aber hier nichts gebessert, im Gegenteil, eher verschlimmert; denn die Malaien, die er mitgenommen hatte, sahen ihn schon erstaunt von der Seite an und flüsterten miteinander. Indem er sich also zusammennahm, betrat er das Dickicht in der bezeichneten Richtung und brauchte nicht einmal weit vorzugehen, denn gleich hinter den ersten Bäumen, auf einer kleinen offenen Rasenstelle, lag der Vermißte lang ausgestreckt auf dem Rücken. Die Büsche hingen ihm dabei über das Gesicht nieder, so daß er es nicht gleich erkennen konnte; aber die weißen Hosen wiesen vorn an den Knien große Grasflecken auf, als ob er sich vorher auf die Knie geworfen und gebetet hatte, und Kuhn blieb wirklich einen Augenblick erschüttert stehen. ›Tuwan!‹ flüsterte da der eine seiner malaiischen Burschen, indem er sachte den Arm seines Herrn berührte, ›Tuwan Nitzi trada mati; trada! Ada mabok!1)‹ ›Mabok? Den Teufel auch!‹ rief Kuhn, sich rasch zu ihm umdrehend. Nitschke betrunken statt tot? Der Gedanke war ihm noch nicht einmal gekommen. Dem erst einmal geweckten Verdacht folgte aber auch bald die Überzeugung. Zuerst warf er einen scharfen, forschenden Blick auf den vor ihm ausgestreckten langen Körper, dann beugte er sich zu ihm nieder, um seinen Puls zu fühlen, warf aber die glühend heiße Hand auch schon im nächsten Augenblick wieder ärgerlich von sich und sprach mit einem halb verschluckten, aber deshalb kaum weniger herzlich gemeinten Fluch: ›Da hört dann doch alles auf! Hat sich der nichtsnutzige Bursche von zu Haus fortgemacht, um sich hier zu betrinken, während wir uns daheim schon freuten, daß er endlich einmal einen gescheiten Einfall gehabt und seinem doch nutzlosen Leben ein Ende gemacht habe. Wenn ich nur wüßte, woher er den Arrak bekommen hat, denn er besaß keinen Deut Geld und hatte hier in der Nachbarschaft wahrscheinlich auch keinen Kredit. Das begreife ich nicht!‹ ›Da drüben liegt die Flasche, Tuwan‹, sagte einer der Malaien, der sich inzwischen überall auf dem Platz umgesehen hatte, ›ist ganz leer.‹ ›Ja, das glaube ich‹, entgegnete sein Herr, sich jetzt ebenfalls überall umschauend, ›da ist die Flasche, aber wo - wo zum Henker ist denn meine Pistole?‹ Die Pistole war nirgends zu finden. Einer der Malaien wurde jetzt in den nur wenige hundert Schritte entfernten Kampong geschickt, um dort nähere Erkundigungen einzuziehen, und Kuhn ging indessen zu den nicht weit entfernten chinesischen Häusern hinüber, um zu sehen, ob er dort Näheres über den Betrunkenen erfahren könne und was dieser vor allem mit der Waffe gemacht habe. Er sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben, denn schon im ersten Haus fand er seine Pistole, die Nitschke, hier vorbeikommend - zur Hälfte verzweifelt und zur andern Hälfte durstig -, für eine Flasche Arrak versetzt oder vielmehr verkauft hatte. Der Chinese erzählte, der Weiße habe ihm versichert, er würde nie mehr kommen, die Waffe abzuholen, aber wenn sie ihn fänden, sollten sie ihm ein ehrliches Begräbnis geben. Der Chinese versicherte natürlich, er habe geglaubt, der Weiße mache Spaß, noch dazu, da er die Pistole zurückließ, denn mit der Flasche konnte er sich doch nicht gut umbringen. Kuhn sagte nichts dazu, löste aber vor allen Dingen seine Pistole wieder ein, ließ den Betrunkenen dann durch die Burschen zu seinem Haus schaffen und auf sein Bett legen und hatte große Lust, ihn am nächsten Morgen wieder aus dem Haus zu jagen. Den Ärger über den wirklich komischen Leichtsinn des nichtsnutzigen Menschen hob aber auch wieder zum Teil das beruhigende Gefühl auf, daß er sich keine Vorwürfe über seinen Tod zu machen brauche, und er beschloß, es noch einmal eine Zeitlang mit ihm zu versuchen. Als Nitschke übrigens am anderen Morgen wieder zu sich kam, den Brief seiner Schwester über seinem Bett festgenagelt fand und sich der Vorgänge des letzten Tages zu erinnern anfing, geriet er außer sich und verlangte jetzt ernsthaft eine Pistole, um seinem elenden Leben ein Ende zu machen. Kuhn versicherte ihm aber, daß er ihm ›nicht mehr traue‹, da es ihm schiene, als ob er mit Waffen ›nicht ordentlich umzugehen wisse‹, und verweigerte ihm nicht allein die Pistole, sondern schickte ihn auch, nach einer tüchtigen Epistel über die Vorgänge des letzten Tages, an seine Arbeit, was Nitschke eine Zeitlang gutgetan zu haben scheint. Jetzt ist aber, wie wir eben gesehen haben, der Teufel aufs neue in ihn gefahren, und da Kuhn fest entschlossen war, ihn nach einem erneuten Rückfall nicht wieder aufzunehmen, weiß ich jetzt selber nicht, was aus dem Burschen werden soll. Das bleibt sich übrigens auch gleich und geht uns nichts weiter an, war es doch bloß diese Geschichte, die ich euch erzählen wollte.« Die jungen Leute lachten über den drolligen Leichtsinn des Säufers; einzelnen, die lieber am Kartentisch saßen als etwas von einem Menschen erzählen hörten, der sie doch nicht weiter interessierte, hatte die Zeit indessen schon zu lange gedauert. Einer der Tische wurde deshalb auch gleich besetzt, und während Wagner mit drei anderen an dem einen Platz nahm, setzten sich die übrigen desto fester um die Bowle her, um sich ungestört diesem Genuß hingeben zu können. Die Kartenspieler horchten indessen nicht auf das Gespräch, das sich am anderen Tisch entspann, bis Wagner durch ein paar lauter und heftiger ausgestoßene Worte van Roekens aufmerksam wurde und hinüberhorchte. »Und verdammt will ich sein!« rief van Roeken, von dem kräftigen Getränk erregt, »wenn ich ein solches Leben noch ein Jahr lang fortführe. Auf heute in sechs Monaten lade ich euch alle zu meiner Hochzeit ein!« »Hurra, ein Wort ein Mann!« jubelten die fröhlichen Gesellen. »Und zehn Körbe Champagner, wenn ich mein Wort nicht halte«, setzte van Roeken erregt hinzu. »Torheit, Freund!« rief sein Kompagnon vom anderen Tisch herüber. »Mach keine solche Versprechungen. Wenn du nun bis dahin keine Frau bekommst?« »Dann heirate ich das erste beste malaiische Mädchen, dem ich am Tage vorher auf der Straße begegne«, warf der Erregte trotzig dagegen ein, »aber ich brauche keine sechs Monate, um eine Frau hier an Ort und Stelle zu haben.« »Und wo willst du sie herbekommen?« »Ich verschreibe mir eine von Holland«, lachte van Roeken. »Übermorgen geht die Mail, und in sechs Monaten kann sie mit aller Bequemlichkeit meine Hausfrau sein.« Wagner schüttelte nur den Kopf, erwiderte aber keine Silbe darauf, und die übrigen arbeiteten sich nun in ihrer tollen Weinlaune den Plan mit allen Einzelheiten aus. Es schlug zwölf Uhr, ehe sie sich trennten, und als die einzelnen Bendis vorfuhren, um ihre verschiedenen Herren aufzunehmen, wurde es stiller und stiller in der noch vor kurzer Zeit so lebendigen Wohnung, die jetzt, trotz der noch hell strahlenden Lampen, wild und verödet aussah. Der Tisch war unordentlich mit Flaschen und Gläsern bedeckt, das Tischtuch von großen Weinflecken und Zigarrenasche entstellt, die Stühle standen bunt durcheinander, die Karten lagen, zum Teil heruntergefallen, neben angerauchten Zigarren auf den hellen Steinplatten. Ein paar Malaien schlichen dabei schläfrig in dem Portico umher, um heut abend noch ein wenig aufzuräumen und, wenn es möglich wäre, den einen oder anderen Rest von Wein für sich in Sicherheit zu bringen. Es waren aufgeklärte Mohammedaner, die recht gut wußten, daß sie ein halbes Glas Wein nicht in die Hölle bringen konnte. Wagner war der letzte von allen Gästen, von denen jeder in seinem eigenen Bendi nach Hause fuhr. Er hatte seinem Kutscher befohlen, die übrigen erst alle fortzulassen und dann vorzufahren. Van Roeken hatte von den letzten Abschied genommen und ging mit untergeschlagenen Armen auf der noch vor den Säulen befindlichen Treppe auf und ab. Wagner war in der Mitte des Porticus stehengeblieben und sah ihm schweigend eine Weile zu, endlich sagte er: »Roeken, ich hoffe doch nicht, daß aus dem Scherz von heute abend Ernst werden wird!« »Scherz?« fragte van Roeken, wie erstaunt zu ihm aufsehend, »was für ein Scherz?« »Der mit der zu bestellenden Braut.« »Und wer sagt dir, daß es überhaupt ein Scherz war? Ist das nicht von so entfernten Kolonien aus mehr als einmal und mit Glück geschehen?« »Allerdings«, sagte Wagner ruhig, »du hast auch gerade dabei das richtige Wort gebraucht: mit Glück! Du mußt aber bedenken, daß du bei dem wichtigsten Schritt deines Lebens, den du im Begriff bist zu tun - denn alle anderen lassen sich rückgängig machen -, dem blinden Zufall deine ganze spätere Zukunft anvertrauen willst, und wenn du nicht...« »Bitte um Verzeihung«, unterbrach ihn der Freund rasch, »so ganz und gar denk' ich nicht, mir die Hände zu binden. Kommt das Mädchen herüber, und wir gefallen einander nicht, so zahle ich ihr die freie Rückfahrt und ein Abstandsgeld. Wir haben uns das alles überlegt.« »Und glaubst du, daß irgend jemand darauf eingehen würde?« »Bah, zehn für eine«, sagte van Roeken lachend. »Gut, selbst das angenommen«, fuhr Wagner ruhig fort, »und nicht einmal gerechnet, daß du dabei Tausende von Gulden auf eine einzige ungewisse Karte setzt; in welchem Lichte steht deine künftige Frau den anderen Familien gegenüber, und wo wirst du wagen dürfen, sie einzuführen?« »Und wer braucht davon zu wissen?« sagte van Roeken. »Unsere ganze Gesellschaft; glaubst du, daß die schweigen werden?« »Sie haben es fest versprochen.« Wagner schüttelte langsam den Kopf. »Du kennst die Welt besser«, sagte er endlich, »als daß du wirklich glauben solltest, sie würden ein solches Versprechen halten. Das Mädchen hätte noch keine vierundzwanzig Stunden javanischen Boden betreten, und jede Familie in Batavia wüßte alles, was sie beträfe - ja noch mehr. Nein, die Hoffnung laß dir vergehen, daß du die Sache als Geheimnis behandeln könntest, und schon daß du diese Absicht hast, gibt mir Hoffnung, du wirst es dir, ehe du den Schritt tust, reiflich überlegen.« »Ich habe nicht mehr viel Zeit dazu«, lachte van Roeken, »denn übermorgen geht die Mail.« »Jedenfalls überschlafe deinen Plan«, sagte Wagner ernst. »Du bist heute abend aufgeregt, der frühe Morgen ist die beste Zeit, solche Sachen zu überdenken.« »Du glaubst doch nicht etwa, daß ich meine vollen Sinne nicht beieinander hätte!« rief van Roeken gereizt. »Ich denke nicht daran«, entgegnete sein Freund, der ihn durch Widerspruch in seinem tollen Plan nur zu bestärken fürchtete. »Übrigens ist es spät geworden - mein Bendi wartet. Gute Nacht, Leopold. Morgen sprechen wir hoffentlich mehr darüber.« »Vielleicht«, sagte van Roeken ausweichend, »gute Nacht!« Der Bendi hielt vor der Tür; Wagner sprang hinein, die Pferde zogen an, der Boedjang sprang mit der Fackel hinten auf, und das leichte Fuhrwerk rasselte den Weg hinab zum Tor hinaus, der eigenen Heimat zu. 1) Herr Nitschke ist nicht tot, bewahre, er ist betrunken. (Zum Text) 3. BEGEGNUNG IN FRANKFURT AM MAIN In Frankfurt am Main, dicht vor der Stadt, von hohen Walnußbäumen beschattet, stand ein kleines freundliches Haus mit grünen Jalousien und einem zwar bescheidenen, aber außerordentlich sauber gehaltenen Gärtchen vor der Tür. Die Fenster waren spiegelblank, und liebevoll gepflegte Blumen hinter den Scheiben verrieten eine hegende, sorgende Hand. Und wie anheimelnd schlang sich Jasmin und Wein über die kleine, in die Ecke gedrückte Laube, und was für ein lauschiges Plätzchen wäre das jetzt in der Morgenkühle gewesen, um dort ein müßiges Stündchen zu verträumen. Aber die Frau, die dort hinter der Reseda und den Monatsrosen am Fenster saß und mit matten, traurigen Augen ins Freie schaute, getraute sich doch nicht hinaus an die frische Luft, und wehmütig hingen nur ihre Blicke an den aufknospenden Rosen, die ihre Blüten bis dicht vor das Fenster streckten, an dem schattigen Grün der Bäume ringsumher. So saß sie wohl eine gute halbe Stunde, die Hände im Schoß und auf einem offenen Brief gefaltet, als plötzlich ihre Aufmerksamkeit einem Geräusch auf der Straße zugelenkt wurde. Es war ein Reiter, der den Weg in einem kurzen Galopp herangesprengt kam und gerade vor ihrem Haus sein Pferd so rasch und plötzlich herumwarf, daß er einer hinter ihm fahrenden Equipage dicht vor die Pferde kam. Der Kutscher war nicht imstande, diese so plötzlich einzuzügeln; der Reiter aber, ohne auch nur mehr als einen flüchtigen Blick auf die Gefahr zu werfen, parierte sein Pferd so geschickt, daß er eben noch die an ihm vorbeischnellende Kalesche vermied. Eine einzelne Dame saß darin und beugte sich nach ihm heraus; sie mußte glauben, daß er Schaden genommen hätte, aber sein erschrecktes und noch wilde Kapriolen machendes Pferd beschäftigte ihn im ersten Augenblick zu sehr, um auch nur den Kopf nach ihr zu wenden. Ein tüchtiger Reiter, hatte er es jedoch schon wenige Sekunden später wieder in seiner Gewalt, und sein Blick suchte und fand den Gegenstand, der ihn vorher dazu gebracht hatte, so plötzlich aus seiner Bahn abzuweichen. Es war ein junges, bildschönes Mädchen, einfach, aber doch sehr geschmackvoll gekleidet, das eben das Gartentor des erwähnten kleinen Hauses hatte öffnen wollen. Durch das Stampfen des Pferdes, das Schreien des Kutschers und die gefahrvollen Bemühungen des Reiters aber aufmerksam gemacht und auch erschreckt, blieb sie, die Hand auf dem Türgriff, stehen und drehte sich nach der beschriebenen Szene um. Da begegnete ihr Auge dem des jungen Reiters, und dieser, mit der Linken sein noch courbettierendes Pferd wieder fest im Zügel, zog mit der Rechten den Hut ab und grüßte sie so freundlich wie ehrfurchtsvoll. Tiefes Rot färbte, als sie ihm dankte, ihre Wangen; im nächsten Moment aber hatte sie auch schon unwillkürlich die Gartentür geöffnet und schlüpfte rasch und wie schüchtern in das Haus. Ihre Mutter war Zeuge dieser kaum eine Minute Zeit fortnehmenden Szene gewesen und hätte auch nicht weiter darauf geachtet, wäre ihr nicht, als ihre Tochter gleich darauf das Zimmer betrat, deren hochgerötetes Antlitz aufgefallen. »Was hast du, mein Kind - was ist vorgefallen?« fragte sie ruhig, die Tochter betrachtend. »Du glühst ja wie Feuer! - Wer war der junge Herr, der dich da draußen eben grüßte?« »Ich erzähle dir alles, Mütterchen«, sagte bittend das Mädchen, »gib mir nur erst Zeit, zu Atem zu kommen. Ich bin von der Zeil aus so rasch hier herausgelaufen, um dich nicht so lange allein zu lassen.« »Du gutes Kind«, sagte die Mutter gerührt, »aber die Kathrine war ja doch bei mir, falls ich irgend etwas gebraucht hätte.« »Aber das bin doch nicht ich, Mütterchen.« »Und wer war der junge Herr?« »Ja, da fragst du mich zu viel«, lachte das Mädchen, aber das Lachen kam ihr nicht von Herzen, und in Verstellung nicht geübt, verriet sie durch ihr ganzes Wesen der Mutter bald, daß sie mehr von ihm wisse, als dieses Ableugnen bestätigen wollte. »Und hast du ihn früher nie gesehen?« »Doch, Mütterchen, doch«, erwiderte jetzt die Tochter, wobei sich ihre Wangen und Schläfen erneut röteten. Sie legte schnell ihren Hut ab, rückte sich den Sessel neben den Stuhl der Mutter und nahm deren Hand. »Und wo?« »Weit, weit von hier, und auch schon vor zwei Jahren«, sagte Hedwig, die Hand der Mutter streichelnd, »das letztemal, als wir mit dem Vater in Ems waren.« »Und du hast mir nie ein Wort davon gesagt?« mahnte die Mutter, aber jetzt nur mit halber Aufmerksamkeit. Gab ihr doch die Erinnerung an jene schwere Zeit jedesmal einen Stich durchs Herz. »Ich weiß selber nicht, wie es kam«, flüsterte Hedwig, dabei vor sich niederschauend, »es war auch eigentlich nur ein Moment - aber freilich einer von jenen, die oft über ein ganzes Leben entscheiden.« »Hedwig!« rief die Mutter, durch die Worte erschreckt, »ich will nicht hoffen...« »Was, liebe Mutter?« sagte das junge Mädchen, ihr offen und erstaunt in die Augen schauend. »Daß du den jungen Fremden liebst«, setzte die Frau weicher hinzu, »und deiner Mutter die ganze lange Zeit keine Silbe gesagt hättest.« »Nein, Mütterchen, so war es nicht gemeint«, lächelte Hedwig, »ich - ich scheute mich nur davon zu reden, weil - weil ich glaubte, daß...« »Und warum wirst du verlegen?« »Es war eigentlich ein merkwürdiger Zufall, Mama«, brach Hedwig ab, »wenn wir überhaupt das einen Zufall nennen wollen, was über das Leben eines Menschen entscheidet, und das Leben dieses Menschen hing wirklich an jenem Moment.« »Ein Menschenleben?« »Das dieses Fremden; aber ich will dir mit wenigen Worten das scheinbare Rätsel lösen. Es war am Tag oder vielmehr am Abend vor unserer Abreise von Ems, als du unten bei dem kränker gewordenen Vater bliebst, während ich mit Josephine - meiner damaligen Freundin«, setzte sie leiser und seufzend hinzu - »noch einmal zu dem Pavillon hinaufritt, um von dem liebgewonnenen Plätzchen Abschied zu nehmen. Es war ein wunderbar schöner, ruhiger Abend, und wir waren schon eine Strecke unter dem Gipfel abgestiegen, um den Rest des Hügels hinaufzugehen; dadurch wurde es später, und die letzten Fremden hatten, wie wir glaubten, den Platz schon verlassen. Die Tür des Pavillons stand weit offen; als wir eintraten, sahen wir aber noch einen einzelnen Fremden auf der Bank dicht vor der Balustrade sitzen, anscheinend in das reizende Bild versunken, das sich vor seinen Blicken ausbreitete. Mit unseren leichten Schuhen hatten wir beim Eintritt kein Geräusch gemacht und standen, als wir den einzelnen Fremden erblickten, ein paar Momente unschlüssig hinter ihm, ob wir ebenfalls nach vorn gehen oder uns, da er uns noch nicht gesehen hatte, zurückziehen sollten. Eine Bewegung, die er machte, fesselte uns erschrocken an unseren Platz. Er hob nämlich eine Pistole, die er schon vor sich in der Hand und auf dem Knie gehabt haben mußte, in die Höhe, und während wir deutlich das Knacken des Hahns hören konnten, sagte er laut und mit einem leisen, aber fürchterlichen Lachen dabei: ›So fahre denn wohl, du schöne - nichtsnutzige, erbärmliche Welt, fahre wohl. Voller Vertrauen bin ich dir entgegengekommen, aber schmählich hast du mich behandelt und zurückgestoßen. Was du mir einst geboten hast, das hast du mir wieder genommen - wir sind quitt!‹ Und mit den letzten Worten hob er die furchtbare Waffe. Wo ich den Mut herbekommen habe«, fuhr Hedwig, noch in der Erinnerung zusammenschaudernd, fort, »weiß ich jetzt selbst nicht mehr; keinenfalls war ich in dem entsetzlichen Moment eines klaren Gedankens fähig, und ich kam erst wieder zur Besinnung, als ich vorgesprungen war, den Arm des Unglücklichen gefaßt und ihm einige mahnende Worte zugerufen hatte, was, kann ich mich nicht mehr erinnern, aber er war gerettet. Erschrocken sprang er im ersten Augenblick von seinem Sitz auf und sah mich wohl eine Minute lang starr und staunend an, dann schleuderte er die Pistole weit von sich den Felsen hinab, und mit den Worten: ›Mein guter Engel!‹ eilte er an uns vorüber und hinaus ins Freie, wo er im nächsten Augenblick in dem dichten Gebüsch verschwand.« »Und keine Silbe hast du uns davon gesagt?« »Ich fürchtete, den Fremden, der jenen Schritt gewiß bitter bereute, zu kompromittieren.« »Und hast du ihn später wiedergesehen?« »Nie - heute morgen zum erstenmal.« »Er hat dich erkannt?« »Es scheint so, denn er grüßte mich; aber eigentlich kann ich es mir kaum denken, da er mich nur jenen einen Moment gesehen hatte. Es ist möglich, daß ihn eine Ähnlichkeit mit irgend jemand anderem getäuscht hat.« »Aber du hast ihn wiedererkannt und ihn auch nicht länger gesehen gehabt.« »Ja«, sagte die Tochter leise, nach einigem Zögern, »mehr aber an dem vollen schwarzen und lockigen Haar als an seinen Zügen; ich glaube wenigstens, daß es jener Fremde war. Doch ich plaudere und plaudere von vollkommen gleichgültigen Dingen«, unterbrach sie sich plötzlich, von ihrem Platz aufspringend, »und habe dich noch nicht einmal gefragt, Mütterchen, wie es dir geht und ob dir die Zeit nicht lang geworden ist, seit ich fort bin.« »Gut, liebes Kind«, sagte die Mutter, freundlich die Hand drückend, die ihr die Tochter in die ihre legte, »besser, wenigstens etwas besser als gestern, und es wird schon wieder ganz gut werden, wenn nur eben bald die - guten Nachrichten kommen.« »Aber du sorgst dich doch nicht deshalb, Mütterchen?« »Nur deinetwegen, mein Herz«, sagte die Frau gerührt, »ich selber werde - würde mich leichter hineinfinden.« »Was liegt an dem Geld«, sagte das junge Mädchen, die Stirn der Mutter streichelnd und küssend, »du sollst einmal sehen, wie ich arbeiten kann und werde, und was wir beide zusammen brauchen, ist so leicht verdient.« »Und hast du deine letzte Arbeit heute morgen gut bezahlt bekommen?« »Sehr gut, Mütterchen«, sagte Hedwig, »viel besser, als ich erwartet hatte - und Bestellung auf mehr.« Die Mutter schwieg und sah still vor sich nieder, und Hedwig war ebenfalls froh, das Gespräch damit abbrechen zu können. Verheimlichte sie doch der Mutter, welch bittere Kränkung sie erst heute morgen wieder in dem Putzgeschäft erfahren hatte, in das sie ihre Arbeit brachte, und wie wenig, wie entsetzlich wenig sie dafür bekam, ebenso wie die Mutter sie täuschte, als sie zu ihr von Besserung, von Hoffnung sprach. Wohl fühlte die arme Frau das Gegenteil, aber sie wollte das Herz der Tochter nicht vor der Zeit mit Sorge füllen, guter Gott, das Leiden brach doch zeitig genug für sie herein. Erschöpft von dem vielen Sprechen und Zuhören, war sie dabei in ihren Lehnstuhl zurückgesunken und schloß die Augen, und Hedwig, die wußte, wie nötig der Mutter solche Ruhe tat, schritt leise zum Fenster, nahm dort ihre Arbeit und setzte sich damit auf ihren gewöhnlichen Platz hinter den blühenden Rosenstock. Eine Stunde mochte sie etwa so gesessen haben, als jemand draußen die Gartentür öffnete. Fast unwillkürlich sah sie hinüber und hätte beinahe einen Schrei ausgestoßen, als sie den Fremden von heute morgen - von Ems - erkannte. Ehe sie aber nur eines Gedankens fähig war, was sie tun - ob sie bleiben oder in ihr eigenes Zimmer flüchten solle, öffnete sich leise die Tür, und Kathrine, ihre Magd, steckte den Kopf herein. »Ist ein fremder Herr draußen«, sagte sie in ihrem breitesten Frankfurter Dialekt, »und frägt, ob das ›gnädige‹ Fräulein zu spreche wär'. Der ist höflich, daß du die Kränk kriegst. Da - den Zettel hat er mir zum 'reintrage gegebe.« Und damit gab sie Hedwig eine an der Ecke eingebogene Visitenkarte. »Wer ist draußen, Kathrine?« fragte die Mutter, die langsam die Augen aufschlug. »Ein fremder Herr. Sauber genug schaut er auch aus, und kann der schwätze«, meinte die Magd. »Oswald von Dorsek«, las Hedwig indessen auf der Karte. »Kennst du ihn, Hedwig?« »Der Fremde von Ems«, flüsterte das Mädchen, und jeder Blutstropfen hatte dabei ihr Antlitz verlassen. Die Mutter seufzte tief auf, aber sie sprach kein Wort und winkte nur, daß er eintreten möge. Das Mädchen nickte statt einer Antwort mit dem Kopf; gleich darauf klopfte es, und wie sich die Tür öffnete, kam von Dorsek mit freundlichem Gruß auf die alte Dame zu. »Gnädige Frau«, sagte er mit dem Ton eines Weltmannes, der sich in alle Verhältnisse leicht zu finden weiß, »Sie müssen mich schon entschuldigen, daß ich Ihnen so ohne weiteres ins Haus falle; aber ich habe eine Pflicht der Dankbarkeit hier gegen Ihre liebenswürdige Tochter, die ich erfüllen möchte, selbst auf die Gefahr hin, ungezogen zu erscheinen. Mein gnädiges Fräulein, ich weiß wirklich nicht, ob Sie sich noch meiner erinnern, ich sollte eigentlich fast hoffen, daß es nicht der Fall wäre, sonst müßte ich noch immer als ein tollköpfiger, ratloser, vielleicht ruchloser Mensch vor Ihnen stehen, und doch - so wunderliche Menschenkinder sind wir - würde es mich recht innig freuen, vom Gegenteil überzeugt zu sein.« »Ich habe Ems noch nicht vergessen«, sagte Hedwig leise, die aufgestanden war, ihn zu begrüßen. »Dann erlauben Sie mir wenigstens jetzt noch, nach langen Jahren Ihnen zu danken«, sagte der Fremde herzlich, »daß Sie damals einen - Frevel verhinderten. Ich weiß nicht, ob Ihre Frau Mutter...« »Ich weiß alles«, sagte die Frau freundlich, »und Gott gebraucht oft schwache Werkzeuge, seine unerforschlichen Ratschläge durchzuführen. Aber nehmen Sie Platz; Sie sind herzlich willkommen.« »Gnädige Frau, Sie...« »Bitte«, unterbrach ihn Frau Bernold, indem sie ihm langsam mit der Hand winkte, »lassen Sie das Beiwort ›gnädige‹ fort, wenn ich Sie ersuchen darf. Wir sind schlichte Bürgersleute, und unser Name ist Bernold. - Wohnen Sie hier in Frankfurt, oder hat Sie der Zufall hierhergeführt?« »Wenn das letztere der Fall wäre«, fuhr von Dorsek mit einem unwillkürlichen Blick auf Hedwig fort, »würde ich es dennoch keinen Zufall nennen, aber ich halte mich hier schon seit wenigstens sechs Monaten auf, ohne die geringste Ahnung, daß meine Retterin von Ems hier ebenfalls zu Haus ist, bis ich ihr heute auf meinem Spazierritt begegnete.« »Sie hätten beinahe einen Unfall gehabt.« »Ich warf im ersten Augenblick mein Pferd zu rasch herum, ohne das Rasseln des hinter mir fahrenden Wagens zu hören - wenn ich Ihr Fräulein Tochter nur nicht damit erschreckt habe.« »Es ist ja noch alles gut abgegangen«, sagte Hedwig lächelnd. Ihre Mutter wollte in diesem Augenblick etwas sagen, denn sie hob die Hand, aber das Sprechen vielleicht oder auch die Aufregung dieser Begegnung hatte sie angegriffen. Sie wurde blaß und fiel mit einem leisen Seufzer in ihren Stuhl zurück. »Mutter, um Gottes willen, fehlt dir etwas?« rief Hedwig, an ihre Seite fliegend und ihr Haupt stützend. Dorsek war ebenfalls aufgesprungen und sagte teilnehmend: »Soll ich zu einem Arzt eilen?« »Ich danke Ihnen«, lehnte aber die Tochter freundlich ab, »es wird vorübergehen. Es ist nur ein Anfall von Schwäche, den meine arme Mutter in der letzten Zeit schon einige Male gehabt hat.« »Meine Gegenwart kann dann nur störend wirken - erlauben Sie mir aber, daß ich meinen Besuch erneuere, wenn sich Ihre Frau Mutter kräftiger fühlt. Ich muß Ihnen doch Rechenschaft geben, wie ich das Leben benutzt habe, das ich Ihnen verdanke.« »Es wird uns immer angenehm sein, Sie bei uns zu sehen«, sagte Hedwig verlegen, und ihr Antlitz färbte sich bei diesen Worten tief rot. Sie wußte dabei kaum, wie es kam, daß im nächsten Augenblick ihre Linke in der zu ihr ausgestreckten Hand Dorseks ruhte. Ehrfurchtsvoll zog dieser sie an seine Lippen und verließ dann rasch die Stube und das Haus. 4. DIE VERHÄLTNISSE DES HERRN VON DORSEK. - HEDWIG BERNOLDS VERLOBUNG Oswald von Dorsek saß, die Fenster geöffnet, bei all dem geschäftigen Treiben der regen Stadt, das zu ihm herauftönte, in seiner Wohnung an der Zeit vor seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, die Feder kauend und den Blick fest und finster auf das Papier geheftet. Um ihn her lagen zerknitterte und zusammengeballte Konzepte am Boden, und ein großer Neufundländer Hund dehnte sich zwischen diesen Trümmern einer entweder beendeten oder vielleicht noch nicht einmal begonnenen Korrespondenz. »Ist dein Herr zu Haus?« fragte draußen eine bekannte Stimme. Dorsek sprang auf und öffnete die Tür. »Komm herein - ich bin allein - übrigens kommst du mir wie gerufen; ich wollte dich schon selber aufsuchen.« »Desto besser«, sagte der Eintretende, ein Hauptmann der preußischen Besatzung, die in Frankfurt lag, indem er seine Dienstmütze abnahm und sich die Haare aus der Stirn strich, »wie geht's, Dorsek? Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen.« »Acht Tage wenigstens«, sagte der Angeredete, während er die dargebotene Hand schüttelte. »Mach's dir bequem, ich möchte einiges mit dir besprechen.« »Ich mit dir auch«, nickte der Offizier, »aber fang nur an. Was sind das für Zigarren?« Er nahm die auf dem Tisch stehende Kiste in die Höhe und roch daran. »Das ist doch nicht deine alte Sorte?« »Ich - habe einmal mit einer anderen einen Versuch gemacht«, lautete die Antwort. »Es sollen echte Havanna sein.« »Sollen? - So!« sagte der Offizier, indem er seine Handschuhe auf den Tisch warf und dann eine der Zigarren aussuchte, abschnitt und anzündete. Er lehnte sich dabei in die Sofaecke, schlug ein Bein über das andere und rief: »So, nun fang an; was gibt's?« Dorsek saß ihm noch schweigend eine Zeitlang gegenüber; es war, als ob er einen Anfang suche und nicht recht beginnen könne. Endlich sagte er. »Du weißt, Rustloh, daß ich - schon seit einiger Zeit eine Beschäftigung suche?« »Ja«, sagte der Hauptmann, warf die Zigarre zum Fenster hinaus und nahm seine eigene Zigarrentasche heraus. »Schmecken sie dir nicht?« »Nein, fahr nur fort - Beschäftigung suche...« Dorsek war dadurch jedenfalls gestört worden, denn es bedurfte einiger Zeit, ehe er den Faden wiederfand; endlich fuhr er fort: »Die Sache ist aber nicht so leicht, wie ich es mir am Anfang dachte, und verschiedene Schritte, die ich zu dem Zweck getan habe, sind vollständig erfolglos geblieben.« »Und was hast du versucht, wenn man fragen darf?« fragte der Hauptmann, der jetzt mit augenscheinlichem Wohlbehagen den Dampf seiner eigenen Zigarre in die Luft blies. »Verschiedenes«, lautete die etwas gedrückte Antwort. »Als erstes versuchte ich natürlich die aufgegebene Charge wiederzubekommen. Die Antwort - der Wisch liegt da neben dir auf dem Tisch - ist ein wahres Meisterstück von Schmeichelei und Grobheit.« »Natürlich nichts!« sagte der Hauptmann, den bezeichneten Brief aufnehmend und flüchtig überfliegend. Im nächsten Augenblick aber warf er ihn schon wieder mit einem verächtlichen Lächeln auf den Tisch zurück. »Hab' ich es dir nicht vorhergesagt?« »Ja - ich tat auch nur den Schritt, um mir später keine Vorwürfe machen zu müssen, irgend etwas versäumt zu haben.« »Weiter!« »Ich versuchte dann eine Stellung bei einer der Legationen zu bekommen - umsonst.« »Weiter!« »Zu gleicher Zeit bewarb ich mich bei mehreren Buchhändlern um Übersetzungen aus dem Französischen.« »Natürlich nichts!« »Ich bekam gar keine Antwort.« »Weiter!« »Ich bin jetzt entschlossen, mich beim Telegraphen- oder Eisenbahndienst annehmen zu lassen.« »Unsinn!« sagte der Hauptmann und strich seine Zigarrenasche ab. »Unsinn?« rief Dorsek. »Gerade darin wollte ich deinen Rat hören, vielleicht deine Hilfe beanspruchen, und du fertigst mich, wo ich den festen Willen habe, ehrlich durch die Welt zu kommen, mit dem einen kurzen Wort: Unsinn ab.« »Bist du mit allem fertig?« »Ja.« »Gut, dann höre auch jetzt, was ich dir zu sagen habe, denn ich war in der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, nicht untätig in deinem Interesse«, sagte der Hauptmann. »Du weißt, Dorsek, daß wir uns von Jugend auf kennen - Spielkameraden noch aus der Knabenzeit sind, und die paar Jahre, die ich älter bin als du, hätten eigentlich keinen großen Unterschied zwischen uns machen sollen. Dennoch war ich stets in der Situation dir zu raten, und du - zu tun, was dir trotzdem beliebte. Laß es wenigstens jetzt nicht so sein, wo dein ganzes Lebensglück auf dem Spiel steht.« »Ich weiß, du warst immer der Ruhigere und Vernünftigere«, sagte Dorsek mit einem wehmütigen Lächeln, »und es wäre wohl oft gut für mich gewesen, wenn ich häufiger deinen Rat befolgt hätte.« »Wenn du das wirklich einsiehst, ist es vielleicht selbst jetzt noch nicht zu spät«, sagte der Hauptmann, »also laß mich kurz sein. Ich habe unter der Hand genaue Erkundigungen über die Personen eingezogen, mit denen du auf etwas romantische Weise - wenn man die Ursache nicht genau kennt - bekannt geworden bist.« »Du warst bei Bernolds?« rief Dorsek rasch. »Nein«, sagte der Hauptmann ruhig, »ich habe mich wohl gehütet. Es gibt Mittel und Wege genug, alles, was man wissen will, zu erfahren, ohne gerade an die Quelle zu gehen. Ich kann dir ihre Verhältnisse so genau schildern, als ob ich sie seit Jahren kenne, und es ist die Frage, ob du dir diese Mühe schon gegeben hast.« »Wenn du Hedwig kenntest...« »Würde das in der Sache selber nicht den geringsten Unterschied machen«, unterbrach ihn der Hauptmann. »Für dich aber ist es unbedingt nötig, daß du genau erfährst, wie die Sachen stehen, wenn dich etwa deine, hier sehr überflüssige, Diskretion abgehalten haben sollte, das Nähere zu erfragen. Der alte Herr Bernold, früher ein sehr reicher Kaufmann in Frankfurt, hat voriges Jahr, allerdings ohne eigenes Verschulden, Bankrott gemacht und sich wohl sehr ehrenhaft aus der Affäre gezogen, sein ganzes Vermögen aber dabei verloren. Selber schon sehr kränklich - denn die Reise nach Ems war ein letzter verzweifelter Schritt des Arztes -, erlag er den Schicksalsschlägen, die auf ihn einstürmten, und starb gleich nachher. Ein kleiner Teil des Vermögens war übrigens zweifelhaft: die Witwe hatte ihm das kleine Haus in Frankfurt zugebracht, und ihr Advokat versuchte, es für sie zu retten. Es entspann sich darüber ein langer Prozeß, der bis auf den heutigen Tag noch nicht entschieden ist.« »Sie wird es jedenfalls erhalten«, sagte Dorsek. »Nein«, erwiderte sein ruhiger Freund. »Ich war bei ihrem Advokaten - der zufällig auch der meine ist. Ihre Sache steht schlecht. Es hängt jetzt alles von dem Schwur eines ihrer Gläubiger ab, und der Advokat zweifelt keinen Augenblick mehr, daß der Schwur geleistet wird -« »Und dann?« »Hat die Witwe Bernold gar nichts«, sagte der Hauptmann, »als was ihre Tochter mit Händearbeit etwa verdienen kann; wie wenig das aber ist, könntest du wissen, wenn du mit derlei Verhältnissen nur ein klein wenig vertraut wärst. Es ist gerade genug, um ein paar Personen am Leben zu erhalten und nicht dabei zu verhungern. Die arme Frau ist übrigens so krank, daß sie den Herbst kaum erleben dürfte.« »Dann steht Hedwig ganz allein; desto mehr Ursache für mich, sie nicht schutzlos zu lassen!« rief Dorsek in edlem Eifer. »Ich will und kann arbeiten.« »Du willst weder arbeiten noch kannst du es«, sagte mit unzerstörbarem Gleichmut der Hauptmann. »Höre mich ruhig an!« rief er aber, den Arm gegen Dorsek ausstreckend, als dieser aufbrausen wollte. »Ich kenne dich besser als du dich selbst und bin überzeugt, daß du, wolltest du wirklich mit dem Kopf durch die Wand rennen, dich und das Mädchen unglücklich machen würdest. Du hast nie gearbeitet, Dorsek, so alt du bist, hast dich nie an ein regelmäßiges Leben gewöhnt und gewöhnen können, deshalb auch - der törichte Streich in deinem Leben - den Militärdienst quittiert. Solange derartige Leute Geld haben, und ich könnte dir zahlreiche Beispiele aus meinem Leben aufzählen, brauchen sie keinem Menschen Rechenschaft von sich zu geben - sind von niemandem abhängig als von ihren Leidenschaften und ihrer Langeweile. Sowie sie das nicht haben, sind sie ruiniert.« »Und wenn ich jetzt ein ruhiges, tätiges Leben begänne...« »Würde es keine sechs Monate dauern, denn - du spielst.« »Ich kann es lassen«, sagte Dorsek finster. »Wenn du es könntest, hättest du es lange getan«, erwiderte jetzt, düsteren Ernst in den Zügen, der Hauptmann. »Damals, als du den größten Teil deines Vermögens auf dem grünen Tisch in Ems geopfert hast und diesen Wahnsinn mit einer Sünde sühnen wolltest, als dich dann jenes Mädchen von einem Selbstmord abhielt, damals hast du einen heiligen Eid geleistet, nie mehr zu spielen.« »Und den...« »Halt!« unterbrach ihn der Hauptmann streng. »Wo warst du gestern abend?« »Du scheinst dich sehr viel mit mir beschäftigt zu haben«, sagte Dorsek, aber das Blut verließ dabei seine Wangen. »Ich brauche dir nicht zu versichern, daß ich es zufällig erfahren habe«, erwiderte der Freund, in das Sofa zurücksinkend, »denn ich besuche dergleichen Orte nicht. Du bist auch Herr über deine Handlungen, und nur, weil ich es wirklich gut mit dir meine, Oswald, habe ich - diesen faulen Fleck für dich aufgedeckt. Glaube mir«, fuhr er dann wärmer fort, »du bist für jedes andere Leben als das, in dem du erzogen wurdest, verdorben, und daß das kein anderes ist, als was du führst, hat dein Vater vor Gottes Thron zu verantworten.« »Du machst vollen Gebrauch von deinem Recht als Freund: grob zu sein«, sagte Dorsek bitter. »Ich muß es, so weh es mir selber tut«, fuhr Rustloh fort; »denn nur dadurch kann ich glauben, dich auf die richtige Bahn zu führen, daß ich dir dein Spiegelbild vorhalte, nicht wie du es wohl gerne sehen möchtest, sondern wie es wirklich ist.« »Und was soll ich, was kann ich tun, wenn du mir die Möglichkeit absprichst, durch Arbeit meinen Lebensunterhalt verdienen?« »Ich würde das nicht tun«, sagte Rustloh, »hättest du nicht noch einen reichen Onkel in Amsterdam, von dem du hoffst, vielleicht einmal etwas zu erben.« »Er hinterläßt keine Kinder...« »Er ist zweiundfünfzig Jahre alt und kann jeden Tag noch heiraten«, sagte der Hauptmann kalt; »aber selbst auf ihn baust du. Aus Verzweiflung, mit dem starren Muß hinter sich, sind schon selbst solche durchaus zivilisierte Menschen, wie du einer bist, zur Arbeit gezwungen worden; doch mit dieser Hoffnung wirst du nun und nimmer aushalten.« »Ich kann mich einschränken.« »Ja«, sagte der Hauptmann mit einem unwillkürlichen Blick nach der Zigarrenkiste, »für eine Weile, aber wie lange wird es dauern. Du hast jetzt noch ein paar tausend Taler Geld, wenn ich nicht irre - hattest sie wenigstens noch gestern, und ich fürchte fast, du hast nicht gewonnen! Wie aber soll es werden, wenn die verbraucht sind? Bis dahin wirst du keinen ernsten Schritt tun, deinen Lebensunterhalt zu verdienen, und dann ist es zu spät. Jeder Tag reißt dich dann weiter in eine traurige Zukunft hinein. Du hast jetzt noch Schulden gemacht, wo du hättest bezahlen können - du wirst dann Schulden machen müssen, um zu leben, und könntest du dich je mit dem Gedanken befreunden, dich - durch die Händearbeit deiner Frau ernähren zu lassen?« »Du schilderst meine Lage in den Farben der Hölle!« rief Dorsek, mit verschlungenen Armen im Zimmer auf und ab gehend. »Trösten solltest du mich, wenn du mein Freund wärst, solltest mir raten und helfen, das alte Leben hinter mich zu werfen, und hast die ganze letzte Stunde weiter nichts getan, als mir auch noch mit scharfen, tödlichen Worten den letzten Trost, die letzte Hoffnung zu rauben, die mir noch geblieben war. Was denn bleibt mir übrig; was soll, was kann ich tun, mir eine Existenz zu gründen - welchen Ausweg hab' ich noch, außer dem Selbstmord?« »Viele hättest du«, sagte Rustloh, »wenn dir nicht der unglückliche Gedanke gekommen wäre, zu heiraten, und noch dazu ein armes Mädchen. Solange du Junggeselle warst und bleiben wolltest, hast du nie einen Vorwurf, höchstens einmal eine Warnung von meinen Lippen gehört. Ein einzelner Mann schlägt sich durchs Leben, wenn nicht gut, doch schlecht, aber er kommt durch. Wärest du aber wahnsinnig oder verblendet genug, das Schicksal dieses armen Wesens an deins zu ketten, dann müßtest du rettungslos untergehen - und sie mit dir.« »Ich bin kein schlechter Mensch«, sagte Dorsek bewegt. »Nein, Oswald, das bist du nicht«, erwiderte Rustloh, »aber leichtsinnig - leichtsinnig bis zu einem Grad, der - dich den größten Gefahren aussetzen könnte, es zu werden.« »So laß mich heiraten; dann muß ich dem rastlosen Leben entsagen.« »Gut, heirate«, sagte der Hauptmann, »aber nicht Hedwig, nicht ein Mädchen, das deine Sorgen nur vermehren, nie vermindern würde. Heirate eine reiche Frau; du bist noch jung, von stattlichem Äußeren, ein Lebemann, angenehm in Gesellschaft, gutmütig, selbst herzlich daheim - es gibt Hunderte von sogenannten guten Partien, denen du mit allen diesen Eigenschaften ein höchst willkommener Freier wärst.« »Und das rätst du mir, nachdem du mir eben erst vorgehalten hast, ich solle mich nicht von einer Frau ernähren lassen?« »Lieber Freund«, sagte der Hauptmann ruhig, »in der Welt nennen wir das nicht mit dem Namen, und einer solchen Frau, die in der Welt lebt und leben will und muß, bringst du auch dafür wieder schätzenswerte und ihr unumgänglich nötige Eigenschaften entgegen - einem armen Mädchen nichts. Bedenke dabei, daß du bis jetzt noch keine Fesseln kennst, daß du nie einen anderen Willen gekannt hast als deinen. Deshalb mache die Probe, ob du ihn wirklich beugen kannst, erst einmal allein, ehe du bei dem Versuch vielleicht das Wesen mit ruinierst, das dir das Liebste sein sollte auf der Welt. Was dann, wenn Hedwig je bereuen sollte, dich gerettet zu haben?« »Rustloh!« »Sei vernünftig, Oswald«, fuhr aber der Hauptmann fort. »jetzt ist es noch Zeit - noch bist du nicht gebunden und...« »Es ist zu spät«, unterbrach ihn Dorsek mit fester, entschlossener Stimme. »Ihre Mutter ist kränker geworden, und um die arme Frau über das Schicksal ihrer Tochter zu beruhigen, haben wir vorgestern Abend unsere Verlobung gefeiert.« Der Hauptmann war aufgesprungen und sah den Freund ernst, fast erschrocken an. »Und gestern abend«, sagte er dann langsam, »konntest du wieder jene Hölle besuchen, die dich schon fast zugrunde gerichtet hat? Doch das hast du von jetzt ab mit dir selber abzumachen - weiß aber Hedwig, daß du kein Vermögen hast?« »Ich habe ihr gesagt, daß ich auf mich und meine Kräfte angewiesen bin.« »Und wie lange kennt ihr euch jetzt?« »Morgen werden es zwei Monate, daß ich ihr zufällig wieder hier begegnete. Zwei Jahre sind es jetzt, seit wir uns in Ems zuerst gesehen haben.« »Armes, junges, vertrauensvolle Ding!« sagte der Hauptmann wehmütig. »Aber so sind die Weiber; dem Mitleid können sie nicht widerstehen, und wo sie noch dazu glauben, jemanden retten zu können, läuft ihr Herz im Sturm mit dem Verstand davon. - Das aber ändert die Sache. Hast du ihr erst dein Wort gegeben, so bist du gebunden, als ob ihr vor dem Priester gestanden hättet. Übrigens konntest du mir eine lange Predigt und dir eine unangenehme Stunde ersparen, wenn du mir das gleich von vornherein gesagt hättest. Jetzt also, Oswald, gilt es wirklich ein neues Leben für dich zu beginnen, und wo ich dir darin helfen, wo ich dir beistehen kann mit Rat und Tat, soll es an mir nicht fehlen - wenn es an dir nicht fehlt. Hast du dir irgendeinen festen Plan, nach dem du handeln willst, schon entworfen?« »Nein - wie konnte ich«, sagte Dorsek kleinmütig. »Du hast recht, ich lebe seit meiner Jugend in einer Welt, in der ich doch trotzdem vollkommen fremd bin und das erst merke, sobald ich den Kreis verlassen will, in dem ich mich bis jetzt bewegt habe. Aber ein Kunststück wird es auch nicht sein, sich darin zurechtzufinden, sobald man nur erst einmal den Eingang dazu hat.« »Und auf welche Weise möchtest du am liebsten den Weg betreten?« »Mein lieber Rustloh, ich werde nicht gefragt werden«, sagte Dorsek seufzend. »Wenn es irgendwie möglich wäre, möchte ich aber eine Anstellung in einem Eisenbahnbüro bekommen. Schon viele junge Leute aus den ›besseren Ständen‹ sind dort eingetreten und befinden sich wohl dabei; warum sollte ich mich nicht dort einarbeiten können?« »Wenn du willst und mußt, ja! Aber du wirst darauf gefaßt sein müssen, selbst in dieser Branche von der Pike auf zu dienen.« »Meine bisherige Stellung im bürgerlichen Leben wird doch dabei auch vielleicht einen Einfluß haben«, meinte Dorsek, »es muß den Direktoren daran liegen, anständige Leute in ihren Büros zu haben.« »Gib dich darin keinen Hoffnungen hin«, sagte kopfschüttelnd der Hauptmann. »Anständige Leute, wie du es nennst, finden sie ebensogut in der Bürgerklasse. Dein Baron fällt ohnehin weg, und du bekommst dafür einen Beamtentitel, und gerade an solchen Stellen müssen sie hauptsächlich auf Fähigkeiten sehen. Doch wir werden ja hören, was sich tun läßt. Bei dem hiesigen Eisenbahndirektorium habe ich mehrere Bekannte, die vielleicht nicht ohne Einfluß sind; die Hauptsache aber ist, daß du am Anfang jede Stelle annimmst, die sich dir bietet, damit du nur erst einmal in jenen Kreisen Fuß faßt. Dann hast du gewonnen, und es hängt von deinem eigenen Fleiß, deiner eigenen Ausdauer ab, dich zu einer Stellung hochzuarbeiten, die deinen bisherigen Anforderungen an das Leben mehr entspricht.« »Du wirst mir keine Stellung anbieten, in der ich mich unglücklich fühlen würde«, sagte Dorsek zögernd. »Du wirst dich am Anfang in jeder unglücklich fühlen, die dich bindet«, entgegnete der Freund, »darauf magst du dich deshalb auch gefaßt machen. Auf keinen Fall darfst du wählerisch sein. Alles das hättest du außerdem früher bedenken müssen, und nur wenn du dein Mädchen recht von Herzen liebst, magst du das alles überwinden - dann aber auch mit leichter Mühe. Aber ich muß jetzt fort; ich habe heute Dienst«, setzte er hinzu, seine Mütze und Handschuhe ergreifend, »sei übrigens versichert, daß ich in deinem Interesse tätig sein werde.« Dorsek stand am Fenster, den Arm auf die Brüstung gestützt, und sah gedankenlos auf das rege Treiben unter sich hinab, als seine Aufmerksamkeit auf eine gegenüber vor einem Laden haltende Equipage gelenkt wurde, die mit zwei prachtvollen Apfelschimmeln bespannt war. Ein Kutscher in Livree saß auf dem Bock, und ein gleich galonierter Diener hielt den Schlag auf, in den eben eine sehr elegant gekleidete Dame einsteigen wollte. Da fiel ihr Blick auf Dorsek, und es war fast, als ob sie einen Moment zögere - aber auch nur einen Moment, dann nahm sie ihren Platz ein, der Diener schloß den Schlag und sprang vorn auf den Bock. »Wer ist die Dame dort unten?« fragte Dorsek den Hauptmann rasch. »In der Equipage mit den beiden Apfelschimmeln?« sagte der Hauptmann erstaunt. »Kennst du die schöne Gräfin Heloise Orlaska nicht?« »Ich habe sie nie gesehen. Seit wann ist sie hier?« »Seit etwa zwei Monaten - vielleicht nicht ganz so lange. Ach so, seit der Zeit hast du auch dein Ideal wiedergefunden und dich deshalb nicht um die Außenwelt gekümmert. Kaum ein Jahr verheiratet, fiel ihr Gatte am Kaukasus - man sagt, von Schamyls eigener Hand -, und sie hat Frankfurt in diesem Sommer zu ihrem Aufenthalt gewählt.« »Eine herrliche Gestalt -« »Und so reich wie schön - aber adieu; gedulde dich noch ein paar Tage, vielleicht bringe ich dir bis dahin gute Nachricht.« Dorsek blieb allein zurück, in der Stellung wie ihn der Freund verlassen hatte, und noch immer haftete sein Blick an der Stelle, wo die Equipage seinen Augen entschwunden war. »Und aus diesen Kreisen scheid' ich jetzt aus«, murmelte er finster brütend vor sich hin, »freiwillig, um vielleicht nie wieder dahin zurückzukehren. Ein neues Leben soll ich beginnen; ein Leben voll Mühe und Arbeit und Entsagung - Entsagung - das ist das richtige Wort dafür - weshalb auch nicht. Ich habe nun einmal kein Glück auf der Welt, und wie mich das Schicksal zu seinem Spielball ausersehen hat, werd' ich auch diesem Wurf begegnen müssen. Aber hol der Teufel die Gedanken, sie helfen nichts und töten nur«, und Hut und Stock ergreifend, eilte er hinaus ins Freie. Er hatte das Zimmer noch nicht lange verlassen, als sein Bursche hereinkam, zum Fenster hinaussah, ob er seinen Herrn noch draußen entdecken könne, und dann vor allen Dingen zum Tisch ging, um sich eine Zigarre anzuzünden. Er bediente sich ohne weiteres aus der dort stehenden Kiste, und rauchend ging er daran, das Zimmer aufzuräumen. Hier interessierten ihn jedoch vor allem die auf dem Boden umhergestreuten Papiere, denn auf dem Schreibtisch lag kein angefangener Brief mehr, und sich den Fußschemel herbeiziehend, damit er sich nicht so sehr zu bücken brauchte, glättete er die Papiere, um zu sehen, was darauf stand. »Hm!« brummte er dann vor sich hin. »An ein verehrliches Di-rek-to-ri-um der Thü-ring-schen Eisenbahngesellschaft - In-te-resse an Eisenbahn nehme - Wunsch in mir wach gerufen - Tätigkeit widmen - Feder gewandt - regem Eifer. - Hm, hm, hm, hm, die Sache wird immer bedenklicher. Reitpferd verkauft - der Wein aus dem Keller getrunken und keinen neuen kommen lassen, daß man wegen jeder lumpigen Flasche über die Straße muß - alte Sorte Zigarren für hundertzwanzig Gulden auch nicht mehr - rauchen jetzt für fünfunddreißig - keine einzige fidele Gesellschaft mehr mit nach Hause bringen und keine Trinkgelder. - Hm, hm - hm - hm.« Dabei warf er das Papier fort und nahm ein anderes auf. »An ein verehrliches Te-le-gra-phenamt zu Bainz - hm - telegraphische Depesche wahrscheinlich -, sollte ein verehrliches Telegraphenamt geneigt sein, einem gebildeten, jungen Mann Gelegenheit zu geben... Phi!« pfiff der Bursche leise vor sich hin, »immer schlimmer, immer schlimmer -, nötigen Vorkenntnisse bald erworben - Interesse für die Sache - warmen Eifer...« Der Bursche blies den Tabaksdampf in dicken Wolken von sich und schüttelte, während er die Papiere jetzt zusammenkramte und in den dafür bestimmten Korb schob, unaufhörlich mit dem Kopf. »Schöne Geschichte das«, brummte er dazu, »ist mir aber doch lieb, daß ich dahintergekommen bin. In ein paar Wochen ist mein Vierteljahr um; werd' es wohl nicht mit meinen Begriffen von Ehre vereinbaren können, länger in solchen Verhältnissen zu bleiben. Sehr angenehmer Mensch, mein Herr, gutmütig und vertrauensvoll«, setzte er hinzu, während er zur Zigarrenkiste ging und noch drei Zigarren herausnahm, die er in die Tasche schob, »aber power, wie mir scheint, sehr power - Reise geht bergab und ein kleines bißchen zu schnell für die Aussichten, die ein junger Mensch wie ich im Leben hat. Muß mir die Sache noch einmal gehörig überlegen.« Dabei räumte er noch auf, was aufzuräumen war, und nahm die Zigarrenkiste, um sie in einen Eckschrank zu stellen. Wie er damit vor einem Spiegel vorüberging, blieb er stehen, sah hinein und sagte: »Hör einmal, Louis, wie wär's, mein Junge, wenn du einen nähmst? - Hast du Appetit?« Sein Gesicht verzog sich bei der Frage zu einem schmunzelnden Lächeln, und wie er dazu vergnügt mit dem Kopf nickte, fuhr er fort: »Na, wenn du nichts dagegen hast, kann mir's auch recht sein.« Und den Schrank öffnend, in den er die Zigarren stellte, nahm er eine der dort befindlichen Karaffen mit einem Likörgläschen heraus, schenkte es voll und trank es mit augenscheinlichem Wohlbehagen aus. »Noch einen, mein Junge?« sagte er dann, sich wieder dem Spiegel zuwendend, und da die Antwort ebenfalls positiv ausfiel, trank er ein zweites, ging dann zum Waschtisch im Kabinett, um das Glas auszuspülen, und nachdem er es mit seinem Taschentuch abgetrocknet hatte, um an dem Handtuch keinen Likörgeruch zurückzulassen, stellte er die Sachen wieder an ihren Platz, schloß den Schrank und verließ das Zimmer. 5. TRAURIGE EREIGNISSE UND DIE FOLGEN Zwei Monate waren seit dem Tag verflossen, als wir das Haus der Witwe Bernold zum erstenmal betraten, und manches hatte sich in dieser Zeit geändert. Wo Hedwig vor jenem Tag noch in Angst und Kummer der Zukunft entgegengesehen und mit Zittern an den Winter gedacht hatte, der ihren und der Mutter Zustand nur verschlimmern mußte, da war jetzt ein stiller, fast heiliger Friede eingekehrt, und sie war so ruhig geworden, so heiter, wie sie sich nie gefühlt hatte. Und doch hatte sich die Krankheit der Mutter eher verschlimmert, ihre Schwäche zugenommen und ihr Auge den früheren Glanz verloren. Aber Hedwig sah das nicht; das neue ungeahnte Glück der Liebe, das sie beseligte, teilte seinen Rosenschimmer auch allem mit, was sie umgab, und ihre Mutter hütete sich sorgsam, ihr das Herz unnötigerweise schwer zu machen. Wohl fühlte sie, daß ihre Kräfte abnahmen, aber so gut es ging, verheimlichte sie das vor der Tochter, und schien nicht allein heiterer, nein, sie war es wirklich in dem Bewußtsein, ihr einziges geliebtes Kind glücklich und versorgt zurückzulassen. Am Anfang hatten sie freilich die Bewerbungen Dorseks mehr beunruhigt als erfreut; dessen ruhiges, verständiges Benehmen aber, seine immer deutlicher hervortretende Liebe zu Hedwig, sein achtungsvolles, sich stets gleich bleibendes Betragen gegen sie selber beruhigten sie endlich und ließ sie sich an dem Glück ihres Kindes freuen. Seit dem Konkurs ihres Gatten hatte sie sich von allen Freunden - so viele sie auch früher gehabt haben mochte - zurückgezogen, und diese taten leider nichts, ihr den Schritt zu erschweren. Man hielt es für ganz in der Ordnung, daß die Witwe eines Bankrotteurs nicht mehr mit der Gesellschaft verkehrte, in der sie sich früher bewegte, wäre mit der kranken, noch dazu in gedrückten Verhältnissen lebenden Frau überhaupt ein angenehmer Umgang möglich gewesen. Der einzige wirkliche Freund, der ihr noch aus früherer Zeit blieb, war der Advokat ihres Mannes, der jetzt zugleich ihren Prozeß führte. Der alte Scharner kam auch dann und wann, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihr, wo der nötig war, Trost zuzusprechen. Diesen hatte sie natürlich bei einem so wichtigen Schritt, wie die Verlobung ihrer Tochter war, um Rat gefragt, und Scharner war am Anfang nicht mit dieser Bekanntschaft einverstanden, aber auch nicht imstande gewesen, etwas Erhebliches dagegen einzuwenden. Dorsek galt in der ganzen Stadt, wenn auch nicht für einen reichen, doch wohlhabenden jungen Mann von vielen Fähigkeiten, freilich auch von großem Leichtsinn. Er sollte zeitweise sogar spielen und oft in lustigen, leichtfertigen Gesellschaften gesehen worden sein. Etwas wirklich Böses oder Unrechtes ließ sich ihm aber nicht nachweisen; er hatte nicht einmal Schulden - wenigstens keine solchen, die Scharner erfragen konnte; selbst nicht bei seinem Schneider, bei dem er deshalb extra ein Kleidungsstück bestellte, um Erkundigungen einzuziehen. Daß er früher spielte und leichtfertig lebte, hatte er der Mutter und Hedwig selber offen gestanden, ebenso, daß auch gerade die Reue über dieses Leben ihn fast zum Selbstmord trieb und er nun in einem neuen Dasein die alten Fehler abschütteln wolle wie ein zum Überdruß getragenes Kleid. Wie gern gab sich Hedwig dem Gedanken hin, ein solches Herz durch ihre Liebe dem Guten wiederzugewinnen; wie stolz war sie in dem Gefühl, daß gerade sie dazu auserwählt sein sollte, den Mann zu retten, dem sie sich mit ganzer erster und ungeteilter Liebe hingegeben hatte. Tag und Nacht dachte sie darüber nach und sorgte sich schon und lebte sich vorher in all die lieben schönen Tage hinein, in denen sie an der Seite ihres Gatten die kleine Wirtschaft besorgen und ihre kranke Mutter pflegen wollte, die ja dann in dem Glück ihrer Kinder auch wieder neu aufleben und sich stärken und erholen würde. Während sie aber die lustigen Pläne baute, hielt die unerbittliche Parze schon die Schere bereit, die eben dieses liebe Leben abtrennen sollte von ihrem geträumten Paradies. Die Mutter war in den letzten Tagen viel schwächer geworden und hatte ihr Bett schon nicht mehr verlassen. Der Arzt, eine jener kalten Geschäftsseelen, die das Menschenleben nur nach Pulsschlägen berechnen und das Konto ruhig abschließen, sobald der letzte ausgeklopft hat, kam jeden Morgen, trat zu der Kranken ans Bett, verordnete die alte Medizin und verließ dann das Zimmer wieder, indem er doch wußte, daß er nicht mehr helfen konnte. Er war heute eben fortgegangen, als der alte Herr Scharner kam und die Frau Bernold zu sprechen verlangte. Hedwig hatte ihn in das Haus kommen sehen und Kathrine ihn gleich zu der Kranken hinaufgeführt. Als das junge Mädchen ihm aber in das obere Zimmer folgen wollte, hielt eine Equipage vor dem Garten, und die junge liebenswürdige Gräfin Orlaska stieg aus, um eine feine Arbeit bei »der Bernold« zu bestellen. Die geschickte Arbeiterin war ihr durch eine Bekannte empfohlen worden, und sie zog es vor, sie lieber selber aufzusuchen als zu sich kommen zu lassen. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, bis alles Nötige dazu besprochen war, und kaum sah sich Hedwig frei, als sie hinauf zur Mutter eilte. Gerade als die Gräfin einstieg und die Straße hinauffuhr, kam Dorsek von der anderen Seite herunter - er erkannte deutlich die Livree und die Apfelschimmel, und als er den Ort erreichte und das Haus betreten wollte, sah er ein reichbesticktes Taschentuch am Boden liegen, das keinem anderen gehören konnte als der jungen Gräfin selber. Dem Wagen nachzuspringen war nicht mehr möglich, und Dorsek stand noch, unschlüssig was er tun solle, mit dem Tuch in der Hand vor dem Garten, als ein markdurchschneidender Schrei aus dem Innern des Hauses drang. Rasch und erschrocken verbarg er das Tuch in seiner Tasche, und durch den Garten und die Treppe hinauf fliegend, stand er wenige Sekunden später auf der Schwelle des Krankenzimmers. Aber ein Blick genügte hier, ihm das Geschehene zu erklären. Still und regungslos lag die Frau auf ihrem Bett, das bleiche Antlitz noch von Schmerzen durchzuckt, und über sie hingeworfen, in Tränen zerfließend, Hedwig - an der Brust ihrer toten Mutter. Der alte Herr Scharner stand tief bewegt dabei, und die Magd kauerte, ein Bild des Schreckens und Entsetzens, mit gefalteten Händen mitten in der Stube und hielt die großen Augen stier und ängstlich auf die Tote geheftet. »Hedwig!« rief Dorsek, von Schmerz bewegt, »arme, arme Hedwig!« Aber sie hörte ihn nicht, denn nur das eine sah und fühlte sie in diesem Augenblick - den schweren, unersetzlichen Verlust den sie erlitten hatte. Scharner ergriff endlich die Hand des jungen Mannes, und ihn leise mit sich hinaus- und die Treppe hinunterführend, sagte er: »Kommen Sie mit mir; lassen Sie dem armen Mädchen Zeit, sich auszuweinen und ihrem Schmerz Luft zu machen. Außerdem habe ich etwas mit Ihnen zu besprechen, das Sie, je eher, desto besser, erfahren müssen.« Dorsek folgte ihm schweigend und wie betäubt, und unten in der Stube angelangt, wo sich der alte Mann erschöpft auf einen Stuhl setzte, begann dieser: »Ich habe es immer gefürchtet, daß sie den Schlag nicht überleben würde, wenn ich auch nicht glauben konnte, daß es sie so rasch und plötzlich träfe - aber sie mußte es wissen, es ließ sich eben nicht länger mehr verheimlichen.« »Aber was ist geschehen? - Der Prozeß?« rief Dorsek erschrocken. »Ist verloren«, sagte der alte Mann seufzend, »das Urteil ist allerdings noch nicht gefällt, aber das Recht ist unserem Gegner zugesprochen, sobald er den ihm auferlegten Eid leistet. Dazu hat er sich - was er mit seinem eigenen Gewissen abmachen mag - bereiterklärt, und der Termin zum Schwur ist auf heute in vier Wochen anberaumt. Natürlich schwört er, wie jetzt die Sachen stehen, und Hedwig verliert damit das Letzte, was ihr noch von dem Vermögen ihrer Eltern geblieben war - dieses Haus.« Dorsek sah still und schweigend vor sich nieder, er erwiderte kein Wort, und Scharner fuhr nach einer kleinen Weile fort: »Sie bekommen eine arme Frau, Herr von Dorsek, und die schönste Zeit unserer Jugend, Ihr Brautstand, wird durch einen noch schwereren Verlust getrübt, durch den Verlust der wackeren Mutter. Um Hedwigs willen beruhigt es mich aber wieder recht sehr, daß sie gerade jetzt in Ihnen eine Stütze gefunden hat, wo sie deren so sehr bedarf. Sie bekommen auch eine brave, tüchtige Frau in ihr; es ist ein Herz, wie Sie es unter Tausenden nicht so rein und edel finden könnten. Seien Sie gut zu ihr, und bewahren Sie sich den Schatz, der Ihren Lebenspfad ebnen und mit Rosen bestreuen kann. Lassen Sie ihr jetzt Zeit sich zu sammeln; der erste Schmerz will Zeit und Raum haben, und unbeobachtet fließen die Tränen am leichtesten.« »Sie wollen fort?« fuhr Dorsek, der wild vor sich hin gestarrt hatte, auf, als sich der alte Mann von seinem Stuhl erhob. »Ich will den Arzt hersenden, obgleich menschliche Hilfe hier nicht mehr möglich ist«, sagte Scharner. »Körperliche Mittel konnten der Armen überhaupt nicht helfen; ihr Geist war gebrochen seit dem Unglück ihres Mannes, und so mag sie denn jetzt da oben den Frieden finden, den sie hier unten leider entbehren mußte. Begleiten Sie mich - versuchen Sie jetzt, in dieser Stunde, bei Hedwig keinen Trost. Glauben Sie mir, der beste Trost, der ihr in diesem Augenblick gegeben werden kann, sind ihre Tränen. Gehen Sie dann nach Tisch zu ihr, und Sie werden sie ruhiger und gefaßter finden.« Dorsek ging wie in einem Traum an der Seite des alten Mannes die Straße hinab - er sah nicht einmal, wie dieser von ihm Abschied nahm und in einen Seitenweg einbog, um das Haus des Arztes zu erreichen. Langsam weitergehend, fand er sich plötzlich mitten in dem Gewühl der großen Stadt, das ihn gewaltsam aus seinem Sinnen aufstörte, denn er rannte ein paarmal gegen Lastträger an, die ohne Rücksicht, wohin sie mit ihren Packen stießen, ihren Weg verfolgten. Ausweichend, sah er sich dicht vor ein paar schnaubenden Pferden, die eben vor einem großen, sehr eleganten Gebäude hielten, und wie ein Schatten schwebte eine weibliche Gestalt an ihm vorüber und verschwand im nächsten Augenblick in dem mit beiden Flügeln aufgeworfenen Tor. Es war die Gräfin Orlaska - er erkannte die Livree der Diener wie die Apfelschimmel -, wohnte sie hier? Fast unwillkürlich tastete er dabei nach dem Tuch in seiner Tasche, und ehe er sich selber irgendeiner bestimmten Absicht klar wurde, hatte er den Bedienten angesprochen und stand auf der Schwelle. »Wen habe ich die Ehre zu melden?« fragte dieser, dem die elegante Gestalt imponierte. Dorsek gab seine Karte ab, und der Lakai stieg neben ihm, doch etwas zurück, die teppichbelegten Stufen hinauf, führte ihn in einen Salon und bat ihn, dort einen Augenblick Platz zu nehmen. Das Zimmer war sehr reich, aber doch auch wieder einfach und höchst geschmackvoll eingerichtet. Schwere dunkle seidene Vorhänge teilten, während sie vollkommen die Sonne ausschlossen, dem Raum eine angenehme Kühle mit, und reichgeschnitzte, mit dunkelgrünem Samt überzogene Möbel luden zur Ruhe ein. Die Wände waren ebenfalls nicht überladen, aber mit einzelnen wertvollen Ölgemälden neuerer Meister geziert, und den großen Spiegel von venezianischem Glas trugen zwei prachtvoll gearbeitete Statuen aus milchweißem Marmor: ein Amor und eine Psyche. Ein würziger Duft durchwehte dabei das Zimmer, in das der Lärm der Straße nur als ein dumpfes, unbestimmtes Brausen hereindrang, und Dorsek vergaß, in dem eigenartigen, wunderbaren Gefühl, das ihn anrührte, fast, was ihn hergeführt hatte, wen er hier erwartete. Da öffnete sich plötzlich die ihm gegenüber befindliche Tür, und auf der Schwelle stand, von einem weißen, luftigen Gewand umflossen, ihre rabenschwarzen Locken mit frischen Blumen geschmückt, Heloise, die Gräfin Orlaska. »Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Baron«, sagte sie mit ihrer weichen, zur Seele dringenden Stimme, aber ehe er etwas darauf erwidern konnte, trat sie rasch und lebhaft auf ihn zu und fuhr lächelnd fort: »Ah, wenn ich mich nicht irre, sind wir alte Bekannte - das unvorsichtige Fahren meines Kutschers hätte Sie wenigstens gleich am ersten Tag meiner Ankunft in Frankfurt beinahe in Gefahr gebracht - oder irre ich mich -, Sie ritten einen Rappen?« »Gnädigste Gräfin«, stammelte Dorsek, von der ganzen Erscheinung ergriffen, fast verlegen, »allerdings - aber ich weiß nicht...« »Es war in derselben Straße, in der meine Stickerin wohnt. Sie parierten Ihr Pferd noch glücklich, ehe es mein Wagen streifte.« »Allerdings - ich erinnere mich«, erwiderte Dorsek, der erst jetzt seine Fassung wiedergewann, »mein Pferd machte mir aber für den Augenblick so viel zu schaffen, daß ich mich nicht einmal umschauen konnte.« »Ich weiß es - ich sah, wie es erschreckt und unruhig geworden war -, aber Sie hatten es fest im Zügel. Ich war damals sehr böse auf meinen Kutscher.« »Und doch hatte ich wohl größere Schuld als er«, sagte Dorsek. »Bei den vielen Fuhrwerken in der Straße kann der Kutscher nicht immer Raum geben, während ein einzelnes Pferd leichter zu beherrschen ist.« »Und was verschafft mir heute die Ehre Ihres Besuchs?« fragte die Gräfin, freundlich auf ein Fauteuil deutend, während sie selber auf einem anderen Platz nahm. »Der Zufall wollte es«, erwiderte Dorsek, »daß wir uns heute in derselben Straße wieder begegnen sollten und ich so glücklich war, etwas zu finden, das jedenfalls Ihnen gehört.« »Mein Taschentuch? Ah, in der Tat!« rief die Gräfin erfreut; »dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, Herr Baron, denn es ist ein liebes Andenken von einer Freundin, das ich ungern verloren gegeben hätte - aber ich habe Sie nicht gesehen.« »Ich kam gerade die Straße herunter, als Sie einstiegen, das Tuch lag auf der Erde, und ich nahm es an mich. Sie müssen freilich die Freiheit, die ich mir genommen habe, entschuldigen, Gräfin, daß ich wage, es selber zu überbringen, aber ich mochte es auch keinem anderen anvertrauen.« »Ich hin Ihnen deswegen doppelt dankbar, Baron«, lächelte die junge schöne Frau, »da sich mir auf diese Weise Gelegenheit geboten hat, Sie kennenzulernen. Sie wohnen in Frankfurt?« »Im Augenblick - ja - aber ich gedenke es zu verlassen.« »Doch hoffentlich nicht so bald, daß ich nicht nochmals das Vergnügen hätte, Sie zu sehen.« »Sie glauben nicht, Gräfin, wie glücklich Sie mich damit machen würden«, stammelte Dorsek, der sich der Frau gegenüber befangen wie noch nie fühlte, indem er von seinem Stuhl aufstand. »Ich bedaure, im Augenblick gerade sehr in Anspruch genommen zu sein«, sagte die Gräfin, die seinem Beispiel folgte, »mein Haushofmeister kann noch immer nicht mit seiner Einrichtung fertig werden. Dabei spricht er kein Deutsch, findet sich in nichts zurecht und bringt mich fast zur Verzweiflung. Es ist etwas Schlimmes, wenn man so in eine fremde Stadt kommt und niemanden hat, der einem beistehen kann.« »Wenn ich imstande wäre, Ihnen in irgend etwas zu dienen«, rief Dorsek, »Sie würden mich glücklich damit machen!« »Nun, wer weiß, ob ich Sie nicht noch beim Wort nehme«, lächelte die Gräfin, und ihr Blick ruhte freundlich und wohlwollend auf ihm, als er sie mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung jetzt verließ. 6. VON DORSEK AUF STELLUNGSSUCHE Das war eine schwere, recht schwere Zeit, die jetzt für Hedwig folgte, und am Anfang glaubte sie auch manchmal, daß sie es gar nicht ertragen könne und daß ihr Herz brechen müsse in dem unsagbaren Leid. Das neue Verhältnis zu dem Geliebten war ihr dabei noch viel zu ungewohnt, um darin schon Trost und Linderung zu fühlen, während sie gerade in den letzten Jahren auf die Mutter allein all ihre Liebe, all ihre Sorge, all ihr Hoffen konzentriert hatte. Und das alles hatte mit dem einen Schlag der kalte, unerbittliche Tod vernichtet; das alles lag jetzt zertrümmert zu ihren Füßen, und die andere, neue Welt, die sich daraus wieder aufbauen sollte, kannte sie ja noch nicht und trat ihr nur mit Furcht und Zittern entgegen. Wie kurze Zeit war auch erst vergangen, daß Hedwig Gelegenheit bekommen hatte, selbstständig zu handeln. Sie war, wie es so vielen jungen Mädchen geht, eigentlich Kind geblieben weit über das Kindesalter hinaus, und jetzt zum erstenmal - gerade als sie die Leitung und Hilfe am nötigsten brauchte, riß sie der furchtbare Ernst des Lebens gewaltsam aus ihren Kindesträumen auf. Der alte Herr Scharner hatte ihr natürlich alles mitteilen müssen, was sie betraf, und es auch gleich in der ersten Zeit getan, denn gerade dadurch glaubte er, ihr Herz von seinem schlimmsten und gefährlichsten Schmerz abzulenken. Hedwig nahm auch die böse Kunde viel ruhiger hin, als er erwartet hatte. Was konnte sie jetzt der Verlust eines Hauses schmerzen, und wenn es ihr letztes Besitztum galt, wo sie gerade die Leiche der Mutter zu Grabe getragen hatte. »Meine arme Mutter - mein armer Oswald!« war alles, was sie sagte, und dann träumte sie der Zukunft entgegen, wie vorher. Dorsek kam jeden Tag, und wie ein Lächeln fast stahl es sich über Hedwigs Züge, wenn sie den Geliebten erblickte. Er setzte sich dann zu ihr, und ihre Hand in der seinen sprach er ihr Mut zu und erzählte ihr von den Plänen, die er hatte, sich eine feste und sichere Heimat zu gründen. Und Hedwig saß bei ihm und hörte ihm zu; war ihr doch schon der Klang seiner Stimme Musik. Aber sie wunderte sich im stillen, wie ernst er über ihr künftiges Leben sprach, von Sorgen und Entbehrungen - von Dornenpfaden, die sie vielleicht zusammen wandern müßten. Kannte er Sorgen und Entbehrungen? Und was hatte sie an seiner Seite zu fürchten? Hedwig bezwang aber endlich ihren Schmerz so weit, die bis jetzt versäumten Arbeiten wieder aufzunehmen, und wenn sie dabei auch ihren trüben Gedanken nachhängen konnte, gewannen diese doch nicht mehr so die Oberhand über sie. Hätte nur Dorsek mehr Zeit gehabt, bei ihr zu sitzen und zu ihr zu sprechen, und wenn es selbst von seinen Sorgen für die Zukunft gewesen wäre; waren es doch dann seine lieben Laute, die an ihr Ohr klangen und ihr Herz immer mit neuer, stiller Zuversicht erfüllten. Aber er hatte so viel zu tun und zu besorgen und so viele Briefe zu schreiben, daß seine ganze Zeit fast davon in Anspruch genommen wurde, und heute - heute gerade, acht Tage, nachdem sie die Mutter hinaus zu ihrem stillen Ruheplatz gefahren hatten -, heute war er gar nicht gekommen, den ganzen langen Tag - nicht einmal auf einen Augenblick, um ihr wenigstens zu sagen, daß er sie nicht ganz vergessen hätte. Oh, wie langsam schlichen da die Stunden, wie trüb und bleiern sah der Himmel aus, und wie schwer, wie unendlich schwer war ihr das Herz an diesem Tag geworden! Als aber Dorsek am nächsten Morgen - wenn auch nur für eine kleine halbe Stunde - kam und ihr klagte, daß ihm der vorige Tag so entsetzlich lang ohne sie geworden sei, hatte sie das alles wieder vergessen und gestand ihm, zum erstenmal seit sie ihn kannte, wie glücklich sie sich in seiner Liebe fühlte. Und warum mußte er so bald wieder fort von ihr? Warum ließ er sie jetzt, wo der Verlust der Mutter noch so frisch und drückend auf ihrer Seele lastete, so lang, so ewig lang, allein mit diesem Gram! Die Kathrine schüttelte den Kopf darüber - die meinte, das wäre kein Liebhaber, wie er sein sollte, wenn er, selbst die kurze Zeit, so kalt und zerstreut neben ihr säße, als ob er an ganz andere Dinge dächte. Aber was wußte die alte Kathrine davon, so gut sie es auch mit Hedwig meinen mochte. Lange, lange Jahre lagen dazwischen, seit sie jung war. Dorsek ging mit raschen Schritten seiner eigenen Wohnung zu. Der Kopf wirbelte, brannte ihm; seine Pulse schlugen fieberhaft, und sein Auge glühte. »Bergab«, murmelte er dabei, »bergab die Bahn, immer hinab; erst Schritt um Schritt, jetzt in rasendem Jagen den Hang hinunter, und wie lange kann es dauern, dann lieg' ich zerschellt in jenem Abgrund unten, den mir mein eigener frevelhafter Leichtsinn gegraben hat. Und zurück? Das bleiche Engelsbild hat mich gefaßt - ihr Leid - ihr Elend hat mich umgarnt, und mit einer Zentnerlast reißt sie mich dem Verderben entgegen.« »Du scheinst dich sehr angenehm zu unterhalten«, sagte eine lachende Stimme an seiner Seite, und ein Arm schob sich in seinen. »Rustloh!« rief Dorsek, zu dem Freund aufsehend, »wo kommst du her?« »Gerade vom Direktorium der Eisenbahngesellschaft«, sagte der Freund, »wo ich eine lange Konferenz hatte - und eben wollte ich zu dir. Gehst du nach Haus?« »Ja.« »Gut, dann begleit' ich dich - ich habe ein Stündchen Zeit und Wichtiges mit dir zu plaudern. Kommst du von Hedwig?« »Ja.« »Du bist verwünscht einsilbig, seit ich bei dir bin, und hieltest doch vorhin, wie mir schien, einen langen Monolog. Wie steht es mit dem Prozeß deiner Braut? Wie ich gehört habe, ist ihre Mutter in diesen Tagen gestorben. Schon etwas entschieden?« »Der Prozeß ist verloren«, sagte Dorsek dumpf vor sich hin. »Die Gegenpartei schwört und gewinnt damit. Aber komm herauf, ich bin schon so daran gewöhnt, daß alles verunglückt, wobei ich eine Hand im Spiel habe, daß ich eher darüber lachen als mich ärgern könnte. Es soll einmal nicht sein, also zum Teufel damit! Was wolltest du mir sagen?« Sie hatten bei ihrem Gespräch Dorseks Wohnung erreicht, und während dieser sich auf einen Stuhl warf und den Kopf in die Hand stützte, blieb Rustloh am Fenster stehen und sah nachdenklich hinaus. »Dann wird dir nichts anderes übrig bleiben«, sagte er endlich, »als ein Angebot anzunehmen, das unter glücklicheren Umständen vielleicht wenig Verlockendes für dich haben würde.« »Und das ist?« fragte Dorsek. Auf dem Tisch vor ihm lag ein kleines Briefchen von duftendem rosa Papier an seine Adresse, er öffnete es, las es und schob es in die Tasche. »Im Direktorium ist keine Stelle frei«, fuhr Rustloh fort, »keine wenigstens, die du vorderhand ausfüllen könntest, denn eine gewisse praktische Erfahrung, eine Art Schule, gehört zu diesem Geschäft so gut wie zu jedem anderen. Aber in ... ist eine Inspektorenstelle in nächster Zeit zu vergeben, und es ließe sich vielleicht machen, dir die zu verschaffen. Hast du Lust dazu?« »In dem Nest?« sagte Dorsek düster. »Es ist allerdings keine Residenz«, lachte Rustloh, »und du darfst es auch nicht als künftigen Lebenszweck betrachten, dort Inspektor zu bleiben; es muß dir nur als unterste Stufe dienen, damit zu beginnen, und glaube mir, daß sich Hunderte die Beine danach ablaufen, den Posten zu bekommen. Das Gehalt ist freilich sehr mäßig - ich glaube vierhundert Gulden, aber freie Wohnung und noch einige andere kleine Vorteile, die eben mit solchen Stellen verbunden sind.« »Vierhundert Gulden«, lachte Dorsek bitter vor sich hin, »dahin hätte ich's dann also gebracht - vierhundert Gulden, Frau und Kinder damit zu ernähren, was bis jetzt nicht einmal ausreichte, mein Taschengeld zu bestreiten. Eine Livree darf ich dann auch tragen, nicht wahr? Hahaha - und ein Inspektorentitel.« Rustloh stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster, den ernsten, fast traurigen Blick auf den Freund heftend. »Du bist hier zu einem Wendepunkt deines Lebens gekommen, Oswald«, sagte er endlich, »die alte tolle Bahn, die du ohne Rücksicht auf die Folgen eingeschlagen hattest, geht nicht mehr; der andere Weg, den du vor dir siehst, ein rauher, beschwerlicher, aber zum Ziel führender Bergpfad, behagt dir nicht.« »Du scheinst heute morgen in einer sehr moralischen Stimmung«, spottete Dorsek. »Du hältst sie nur dafür. Ich zeige dir einen Spiegel, und das Bild, das du darin findest, gefällt dir nicht; aber die eine oder andere Bahn mußt du jetzt verfolgen - wenn du nicht fliegen kannst.« »Ich will's versuchen!« rief Dorsek, rasch von seinem Stuhl emporspringend. »Zum Teufel auch, der Ertrinkende klammert sich an einen Strohhalm, und ich bin ein Ertrinkender.« »Das Bild ist leider nur zu wahr gewählt, Oswald«, sagte Rustloh warnend, »klammere dich nicht an einen Strohhalm, denn er vermag dich nicht zu retten, wenn er nicht eben fester im Boden wurzeln kann, als ein Strohhalm wurzelt; um Gottes willen aber begehe keinen unüberlegten Streich. Noch hast du dich selber nicht verloren, und dann -«, setzte er fester hinzu, »rufe doch auch ein wenig deinen Männerstolz zu Hilfe. Willst du künftig von anderen Menschen abhängig oder ein freier Mann sein, der sich sein Brot selber und ehrlich verdient?« »Ein freier Mann als Inspektor einer Eisenbahnstation!« lachte Dorsek durch die zusammengebissenen Zähne. »Auch dort kannst du frei sein, freilich nicht in dem Sinne, wie du meinst - wenn du deine Pflicht ordentlich erfüllst. Im anderen Fall ist auch der Soldat kein freier Mann, vom General hinunter bis zum Gemeinen; kein Beamter, kein Arzt, kein Advokat, kein Künstler! Sie alle sind abhängig von sich selber, von ihrer Pflicht, und nur die wenigen vom Glück Begünstigten, die wirklich reichen Leute, mögen eine Ausnahme machen, indem sie, ohne daß sich jemand um sie kümmert, ihren Neigungen nachleben dürfen. Wir beneiden an heißen Tagen den Fisch um sein kühles Element, den Vogel um seinen raschen Flug, aber wir können nun einmal nicht aus der Sphäre, in der wir geboren sind, und wollen wir uns, ohne die Mittel dazu zu haben, gewaltsam hineinzwingen, so sind wir verloren.« Dorsek war mit raschen, ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er plötzlich vor Rustloh stehen und sagte leise: »Und wenn ich es nun nicht aushalte? Wenn ich die Fesseln anlege und dann nicht imstande bin, sie zu ertragen. Wenn sie mich endlich zur Verzweiflung treiben?« »Und das bedenkst du jetzt erst, Oswald? Das alles tritt dir jetzt noch vor die Seele, wo du das, was du Fesseln nennst, schon fest und unzerreißbar um dich geschnürt hast? Du rechnest auf deinen Onkel, aber tue das nicht. Er wird dir helfen, ja, wenn er sieht, daß du dir selber hilfst - in keinem andern Fall. Dein Vermögen hast du trotz unseren Warnungen leichtsinnig vergeudet - und mehr als vergeudet, du hast es verspielt. Jetzt zeige, daß du ein Mann bist und der Welt in die Zähne deine Existenz dir erstreiten kannst. Magst du das nicht, so mußt du untergehen. - Aber ich muß fort - auch ich hin kein freier Mensch, Dorsek, und mehr durch meine Stellung gebunden als mancher Inspektor, aber ich fühle mich doch wohl auf meinem Platz, denn ich fülle ihn aus. Ich genüge den Ansprüchen, die an mich gestellt werden können, und fühle mich dadurch auch gewissermaßen unabhängig. Dabei ist es ein herrliches Gefühl, das du bei deinem bisherigen Leben noch gar nicht kennst, sich seine Existenz selber geschaffen zu haben. Lern es einmal kennen, und du wirst auch zugleich erfahren, wie wohltuend es auf dich und dein ganzes Streben und Schaffen einwirkt.« Dorsek hatte sich in ein Fauteuil geworfen, stützte den Kopf in die Hand und sah still und brütend vor sich nieder. »So überlege es dir«, fuhr der Hauptmann nach kurzer Pause fort, »bedenke dabei, daß kein Mensch unabhängig in der Welt ist, der Schulden hat, und - entschließe dich bald. Der Direktor hat mich gebeten, ihn spätestens heut in acht Tagen wissen zu lassen, ob du fest entschlossen bist, die Stelle anzunehmen.« »Du hast ihm meinen Namen genannt?« rief Dorsek, rasch und erschreckt emporfahrend. »Nein, das hab' ich noch nicht«, sagte der Hauptmann ruhig, »er kennt mich und weiß, daß ich ihm keinen Mann empfehlen würde, von dem ich nicht fest überzeugt bin, daß er seinen Platz auch ausfüllen wird. Außerdem ist es gut für dich, daß du jetzt deine Heirat nicht übereilen darfst, denn mit dem Tod der Mutter so frisch im Gedächtnis, wird deine Braut schwerlich daran denken, sich dir vor einem halben Jahr zu verbinden. Bis dahin bleibt dir Zeit, deine Vorbereitungen zu treffen und dich in irgendeinem Beruf, den du nun wählen magst, von der Inspektorenstelle ganz abgesehen, ein wenig einzurichten. - Nun, Oswald, will dir die Sache noch nicht so recht in den Kopf?« »Laß mir Zeit, sie zu überdenken«, sagte Dorsek erregt. »Obgleich wir schon eine Weile davon gesprochen haben, ist es mir doch, als ob ich davon überrascht, überwältigt würde. Das darf nicht sein; ich muß mit kaltem Blut darangehen, wenn etwas Ordentliches daraus werden soll.« »Das war ein vernünftiges Wort, und ich will dich darin nicht stören«, sagte der Hauptmann, indem er ihm die Hand zum Abschied bot, aber Dorsek hörte kaum, wie er ihn verließ und die Tür sich hinter ihm schloß. Er wußte auch nicht, wie lange er so brütend gesessen haben mochte, als die Tür wieder aufging und sein Bursche Louis auf der Schwelle erschien. Er hielt zwar die Mütze in der Hand, sah aber sonst ziemlich unabhängig aus, und hustete endlich, als sein Herr gar nicht auf ihn achten wollte. »Was gibt's?« sagte Dorsek, der bei dem Geräusch aufsah - er hatte wirklich gar nicht bemerkt, daß noch jemand außer ihm im Zimmer war. »Halten zu Gnaden, Herr Baron«, sagte der Bursche, indem er doch jetzt etwas verlegen die Mütze in der Hand herumdrehte. »Ich - wollte nur - am Ersten ist meine Zeit aus, und dann...« »Nun?« fragte Dorsek ungeduldig. »Hm - da wollte ich Ihnen nur anzeigen, daß Sie sich gefälligst nach einem anderen Bedienten umsehen möchten, wenn Sie noch einen brauchen sollten«, sagte der Bursche, seine alte Unverschämtheit wiedergewinnend. Ein verächtliches Lächeln zuckte um Dorseks Lippen, aber er antwortete nichts weiter als »Du kannst gehen« und wieder fiel er in sein früheres Brüten zurück. Der Bursche ging aber noch nicht; ob er seines Herrn sinnende Haltung für Niedergeschlagenheit oder Kleinmut hielt und dadurch vielleicht auf den Stand seiner Finanzen schloß - ob er den Moment für günstig hielt, sein eigenes Guthaben jetzt gleich zu erheben, kurz, er zögerte noch einige Minuten, und als Dorsek nicht die geringste Notiz von ihm nahm, ihn auch in der Tat total vergessen hatte, begann er noch einmal: »Herr Baron?« »Was zum Teufel willst du noch hier?« fuhr dieser jetzt von seinem Sitz empor. »Hab' ich dir nicht gesagt, daß du gehen kannst?« »Ja«, brummte Louis, einen Schritt zurücktretend, »zu Befehl, Herr Baron, aber - mein Geld.« »Ist deine Zeit schon um?« »Nein - noch nicht ganz - in acht Tagen aber...« Er sagte kein Wort weiter, sondern fuhr mit einem Satz zur Tür hinaus, denn Dorsek, ohnehin gereizt, griff mit einer solchen Entschiedenheit nach dem auf dem Tisch liegenden Stock, daß er es für zweckmäßig hielt, einen tatsächlichen Ausbruch nicht weiter abzuwarten. Dorsek ging mit untergeschlagenen Armen in seinem Zimmer auf und ab. »Man sagt, daß ein Schiff am Sinken ist«, murmelte er dabei, »wenn es die Ratten verlassen - am Sinken - die Sache hat verdammt viel Ähnlichkeit mit meiner Lage. Aber der Schiffer kann sich vielleicht noch retten, wenn er zur rechten Zeit alles über Bord wirft, was ihn eben hinunterziehen will - wenn er den richtigen Lotsen findet, der ihn in den Hafen steuert. - Unabhängig - Rustloh ist ein Tor - unabhängig als untergeordneter Beamter - ein Sklave ist ein freier Mann gegen solch ein Leben, und wie sie hier lachen, wie sie die Nase rümpfen würden, wenn sie Oswald von Dorsek draußen vor einem Bahnhofsgebäude in Livree... Tod und Teufel! Schon der Gedanke wäre genug, mich wahnsinnig zu machen - und doch hat er recht! Was bleibt mir übrig, als zuletzt auf solche Weise ehrlich mein Brot zu verdienen - ehrlich im Staub dahinzukriechen, wenn ich nicht fliegen kann - fliegen - fliegen - der Sonne zu - und wenn ich fliegen kann und krieche doch? Der Versuch soll wenigstens gemacht werden!« rief er, seinen Hut aufgreifend. »Wenn sie mich denn mit ihrem Moralpredigen zur Verzweiflung treiben, mögen sie auch sehen, was es für Folgen hat. Noch bin ich frei, und wenn ich künftig in Ketten leben muß, will ich auch überzeugt sein, daß es kein Mittel gab, sie abzuschütteln.« Wenige Minuten später war Herr von Dorsek auf dem Weg zu Gräfin Orlaskas Hotel. 7. DIE ALTE KATHRINE VERSCHAFFT SICH GEWISSHEIT. - HERR SCHARNER WIRD ZEUGE EINES GESPRÄCHS Hedwig saß in ihrer Wohnung draußen still und einsam und stickte. Die Augen schmerzten sie vom vielen Weinen und Nachtwachen, aber die Arbeit mußte abgeliefert werden, und darin allein fand sie auch noch Zerstreuung vor ihren anderen drückenden Gedanken. Sie war in ein einfaches schwarzes Gewand gekleidet, aber wie ein errötender Reif lag die letzte schwere Zeit auf ihr. Ihr Antlitz hatte die frühere Frische verloren; es sah bleich und abgehärmt aus; die Augen lagen tief in ihren Höhlen, ihre ganze Gestalt schien ineinandergebrochen, ihr Geist geknickt und gebeugt worden zu sein, denn nicht allein der Tod der Mutter lastete auf ihrer Seele, sondern noch ein anderer, sie fast ebenso tief ergreifender Kummer. Das einzige Herz, das sie sich für ein ganzes Leben gewonnen zu haben glaubte, auf das sie sich stützen wollte, das sie trösten und aufrichten sollte, hatte sich in der letzten Zeit kälter und kälter gegen sie gezeigt, und wenn ihr auch noch keine Gewißheit darüber geworden war, schnitt ihr doch schon eine bange Ahnung durch die Brust und erfüllte sie mit einem unsagbar bitteren Schmerz. Und niemanden hatte sie dabei, dem sie ihr Leid klagen, ihr eigenes Herz ausschütten konnte, denn der alte Herr Scharner war ein ganz braver, teilnehmender Mann, der es auch wohl ganz gut mit ihr meinte, aber nie im Leben würde er sie verstanden haben, hätte sie wirklich Mut genug fassen können, ihm alles, was sie bedrückte, aufzudecken. Oh, warum mußte sie jetzt, gerade jetzt die Mutter entbehren! Drei Tage waren vergangen, und Dorsek hatte kein einziges Mal ihr Haus betreten - drei ewig lange Tage, und er wußte, wie riesenschwer gerade diese Zeit auf ihr lag. War er krank? Auch der Gedanke peinigte sie, daß er vielleicht hilflos und leidend daheim läge und sich ebenso nach ihr sehne wie sie sich nach ihm, und doch wäre selbst diese Gewißheit Balsam für sie gewesen - sie durfte ihn dann ja doch nicht für treulos halten. Aber er hatte ja seinen Diener, den er am Anfang ihrer Liebe oft, o wie oft sandte, ihr nur einen Gruß zu sagen, wenn er nicht selber kommen konnte, ihr eine Blume zu bringen, und jetzt kam nicht einmal Nachricht, ob er noch lebe oder ob er seine arme, von aller Welt verlassene Hedwig gar vergessen habe. Die alte Kathrine ging ab und zu ins Zimmer, und als sie ihre junge Herrin da so in sich gebrochen vor ihrer Arbeit, die müßige Hand im Schoß ruhend, sitzen sah, fraß es ihr ans Herz und sie konnte es nicht länger ertragen. »Der Lump, der nichtsnutzige«, brummte sie leise vor sich hin, »natürlich, als er ein Haus konnte mit heiraten, da war er dabei und tat schön und schwätzte süß und wußte nicht, was er vor Lieb' und Zärtlichkeit angebe sollt', und jetzt, da das arme junge Fräulei keinen Dachziegel mehr eige hat, um darunter zu verzehre, was sie mit bitter harter Arbeit verdient, da ist er auf einmal nicht mehr daheim, und das arme junge Ding grämt sich auch noch wegen solch einem - Schubbejack - da sie's denn doch einmal nicht hört, oder ich dürft's nicht sage - aber ich will's schon herausbekomme oder nicht Kathrine heiße, und das gleich auf der Stelle!« Und den Entschluß kaum gefaßt, ging sie auch augenblicklich in ihr Stübchen hinauf, band eine reine Schürze um, nahm ihren Handkorb und verließ das Haus. Ein Vorwand war ja leicht gefunden, irgendeine Besorgung in der Stadt; Hedwig fragte ja doch nicht weiter nach einem Grund. Die alte Kathrine hielt auch Wort; ohne sich irgendwo anders aufzuhalten, eilte sie mit raschen Schritten zu Dorseks Wohnung und fand, was sie gehofft hatte: Herr von Dorsek war ausgegangen, also die Luft rein. Sie überraschte nun Herrn Louis allerdings in einer höchst eigentümlichen Lage. Louis, das würdige Muster eines echten modernen Bedienten und in den letzten Tagen vor seinem Weggang noch viel unabhängiger und natürlich auch unverschämter als früher geworden, hatte nämlich wieder einmal die Abwesenheit seines Herrn benutzt, es sich in der ihm anvertrauten Wohnung so bequem wie möglich zu machen. Sein Herr war zur Gräfin Orlaska gegangen, die er in letzter Zeit sehr häufig besuchte und von wo er nie so bald wieder zurückkehrte; er brauchte deshalb auch nicht zu befürchten, überrascht zu werden. Außerdem war wieder eine neue Sorte Zigarren angekommen - weit bessere als die letzten, wenn auch nicht so extrafein wie die früheren -, und in einem der Fauteuils, das rechte Bein behaglich über die Lehne geschlagen, das linke weit von sich gestreckt, lag Monsieur Louis, sog an seiner Zigarre und sah dem wirbelnden Rauch nach, der zur Decke hinaufzog. Verschiedene Sachen gingen ihm dabei im Kopf herum, und zwar die Verhältnisse seines Herrn, die sich in den letzten Tagen auffallend gebessert hatten. Seit er seine »Liebschaft« aufgegeben und die neue begonnen hatte, war wieder ein anderer Geist über ihn gekommen. Louis fand keine angefangenen Konzepte an Eisenbahndirektionen mehr, von Dorsek war sogar wieder in Unterhandlung getreten, ein Pferd zu kaufen; die Zigarren wurden besser, beim Kleiderreinigen fand sich wieder einzelnes Geld in den Taschen, kurz, die Verhältnisse schienen sich sehr zu ihrem Vorteil zu verändern. Und hatte er da gescheit gehandelt, einen Dienst aufzukündigen, der ihm vorderhand noch allerlei sehr annehmbare Vorteile bot? Wußte er, ob er gleich einen anderen finden würde, wo solche Nebengenüsse für ihn abfielen wie hier? Sein voriger Herr - ein Geizhals erster Klasse - hatte zum Beispiel nie seine Zigarren unverschlossen stehen lassen und sogar die Unverschämtheit gehabt, das Geld zu zählen, das er abends in seinen Taschen vergaß - eine Differenz deswegen bewog ihn auch, jenen Dienst zu verlassen, weil es sich nicht mit seiner Ehre vertrug, länger bei einem so mißtrauischen Menschen auszuhalten. Wer stand ihm nun dafür, daß er bei seiner nächsten Herrschaft nicht ähnliche Schwächen fand, während die gefürchteten Nachteile, denen er sich durch eine Kündigung seines Dienstes fürs erste entziehen wollte, nicht mehr zu existieren oder sich doch wenigstens rasch zu verlieren schienen. Wie wäre es nun gewesen, wenn er es noch einmal ein Vierteljahr länger mit seinem Herrn versucht hätte? Über diesem Nachdenken, mit der Wirkung von ein paar Gläsern delikatem Curaçao und der heutigen schwülen Luft überhaupt, überkam ihn der Schlaf. Die ausgegangene Zigarre zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen, die Arme schlaff über die Lehnen herunterhängend, die Beine in der beschriebenen Stellung, so lag er da, ein Bild des Friedens, und hörte nicht, wie zwei-, dreimal an die Tür geklopft wurde und diese sich endlich leise und schüchtern öffnete. Louis schlief sanft, und die alte Kathrine stand neben ihm auf der Schwelle, die Hände in purem Erstaunen gefaltet, und betrachtete mit gerechter Entrüstung dieses etwas grelle Bild treuer Dienstpflicht. Endlich konnte sie es aber nicht länger über sich bringen, das mit anzusehen, und zum Stuhl tretend und den Burschen derb an der Schulter rüttelnd, schrie sie ihm in's Ohr: »Herr Louis!« Und wenn Herr Louis noch sechsmal fester geschlafen hätte, als er wirklich schlief, das würde ihn ermuntert haben. Mit einem Satz und einem halben Schreckensschrei fuhr er in die Höhe; die Zigarre fiel ihm dabei aus dem Mund, und mit stieren, weit aufgerissenen Augen starrte er die alte Magd an, denn er hatte im ersten Moment keine Ahnung, wer sie sei und wo er sich überhaupt befinde. »Das ist ein Staat«, sagte aber die Kathrine, die den rechten Arm in die Seite stemmte und den Verblüfften höhnisch betrachtete. Sie hatte ganz vergessen, daß sie hergekommen war, um den Herrn Louis im Guten auszuhorchen, »ein schönes Lebe führe wir, das muß wahr sein - wenn mir'sch nur aushalte.« Die Worte brachten Herrn Louis wieder zu sich selber. »Heiliges Kreuzhimmeldonnerwetter«, sagte er statt eines Grußes oder einer weiteren Einleitung. »Wie - wie kommt denn die Kathrine hier herein, und was will sie hier, he? Ist das etwa die ganze Lebensart, die man draußen vor dem Tor lernt, daß man den Menschen, ohne anzuklopfen, in die Stube fällt?« »Aber ich habe...« »Gar nichts hat die Kathrine hier im Zimmer vom gnädigen Herrn zu tun!« rief aber der unverschämte Bursche, »und wenn sie ein anständiges Frauenzimmer wäre, würde sie sich...« Weiter ließ es aber die Kathrine nicht kommen. Der Vorwurf war zu niederträchtig, die Frankfurterin brach durch, und mit einem: »Nah, seh e Mensch das faule Oas an, daß du die Kränk kriegst, du Dagedieb, du nixnutziger - und du willst ein anständiges ordentliches Frauenzimmer beraisonniere, du fader, elenniger Wicht du?« Wäre die Kathrine durch Herrn Louis' Fluchen eingeschüchtert worden, so würde dieser den stolzen Ton jedenfalls beibehalten haben. Daß aber die Kathrine hier so entschieden auftrat, wo sie sich doch auf fremdem Terrain wissen mußte, imponierte ihm wieder. Lärm mußte er ebenfalls vermeiden, sein Herr hätte sonst vielleicht die Ursache erfahren, wegen der er entstanden wäre. Außerdem wußte er aus Erfahrung, was die Frankfurter Dienstmädchen in einem Wortkampf leisten konnten, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte er plötzlich kurz abgebrochen: »Was wünschen wir?« »Was wir wünsche, weiß ich nicht!« rief aber die Alte, die den früheren Vorwurf noch nicht so bald verschmerzt hatte, in ihrem blühendsten Frankfurter Dialekt, »was ich aber wünsche, ist, daß dir faulmäuligem, gottvergessenen Halunke die nixnutzige Zunge zwischen den Zähnen verbrenne, wenn du brave, ordentliche Dienstbote, die ihre Herrschaft nicht bestehle, verraisonniere willst. - Und du wärst mir der Rechte damit«, setzte sie hinzu, »so ein halbschüriger, ausgelaufener Gesell, mit einem ›Schnorres‹ im Gesicht und den schebbe Bähn.« Das war zuviel; Herr Louis nahm eine wegwerfende Haltung an und sagte, die rechte Hand wie ein Feldherr in sein Oberhemd schiebend, während er den Ellbogen so hoch wie möglich hinaufdrückte: »Jungfer Kathrine; ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten. Übrigens - haben wir miteinander nichts mehr zu tun. Wir - haben das Verhältnis abgebrochen, und unsere Bemühungen sind deshalb umsonst.« Der Kathrine stockte das Herzblut. Mit einem Schlage fiel ihr ein, weshalb sie eigentlich hierher gekommen war, denn vor Ärger über den unverschämten Burschen hatte sie das ganz vergessen; die unglückseligen Worte aber, die er sprach, ließen sich fast nicht mißverstehen. Ihr armes, armes Fräulein - und sprach der nichtsnutzige, freche Mensch die Wahrheit? So bestürzt stand sie aber in diesem Augenblick vor ihm, daß Herrn Louis der Schrecken nicht entgehen konnte, mit dem sie seine Worte erfüllt hatten, und in einer Art von Triumph, für den ihn sein Herr die Treppe hinuntergeworfen haben würde, wenn er es hätte hören können, fuhr er fort: »Wir haben jetzt eine andere, unserer mehr würdige Liaison - wir kommen nicht mehr vor das Tor; Jungfer Kathrine hat sich deshalb auch nicht mehr hereinzubemühen in die Stadt - verstanden?« »Und Ihr Herr...«, sagte Kathrine, der die Worte in ihrer Bekümmernis kaum über die Lippen kamen, »ist - ist nicht krank?« »Krank?« lachte Herr Louis verächtlich. »Liebeskrank vielleicht, sonst wüßte ich nicht, was ihm fehlen könnte. Nach allem weiteren haben wir uns aber bei der Frau Gräfin Orlaska, der schönen Polin, wie sie in der Stadt heißt, zu erkundigen - wünschen wir noch etwas?« »Nein«, sagte die Kathrine, der das Herz vor Kummer und Zorn fast brechen wollte, »nein, nichts weiter bei euch schlechtem, nichtsnutzigen Gesindel - er wie sein Herr, denn einer kann Staat mit dem andern machen, und wenn euch der Teufel einmal beide bekommt - und je eher, desto besser - tut er 'nen Luftsprung vor lauter Seligkeit.« »Jungfer Kathrine!« rief der Bediente drohend; die alte wackere Person ärgerte aber die Luft, die sie mit dem »schlechten Subjekt« atmen mußte, und ihm ohne weiteres den Rücken drehend, warf sie die Tür hinter sich ins Schloß, daß die Fenster klirrten. Die alte treue Magd lief mehr nach Haus, als daß sie ging; unterwegs preßte es ihr aber das Herz zusammen, wenn sie daran dachte, wie sie ihrer armen jungen Herrin das eben Gehörte mitteilen solle - denn daß der nichtsnutzige Bursche die Wahrheit gesagt habe, bezweifelte sie keinen Augenblick. Da traf sie, gleich vor dem Tor draußen, den alten Herrn Scharner, der dort ebenfalls in der Nähe wohnte, und während sie neben ihm herging und ihm unter Tränen das eben Gehörte mitteilte, nickte der alte Mann nur leise mit dem Kopf und unterbrach sie auch mit keinem Wort. Bestätigte es doch nur das, was er selber schon in der Stadt gehört hatte und gern, ach so gern nicht geglaubt hätte, der armen Hedwig wegen. Sein Entschluß war aber auch rasch gefaßt. Die Kathrine durfte ihrer Herrin noch keine Silbe von dem eben Erlebten mitteilen - erst mußten sie Gewißheit haben, ehe sie ihr diesen Schmerz machten, und das Geschwätz eines so nichtsnutzigen Dieners konnte immer noch Lüge sein. Das einfachste und beste Mittel, die Wahrheit zu erfahren, war deshalb, den Baron von Dorsek direkt und ohne alle Umschweife zu fragen, was an dem in der Stadt schon seit einigen Tagen umlaufenden Gerücht Wahres sei - ob er nämlich die Gräfin Orlaska heiraten werde. Scharner beschloß, ihm, wenn er leugnen sollte, ohne weiteres damit zu drohen, die Gräfin Orlaska selber aufzusuchen. War wirklich etwas Wahres an dem Gerücht, so durfte er es darauf nicht ankommen lassen, und hatte der Stadtklatsch gelogen, desto besser - aber dann mußte er sich auch mit Hedwig entscheiden und sich erklären, weshalb er sie in der letzten Zeit vernachlässigt habe. Hedwig brauchte indessen von alledem nichts zu wissen - so lange wenigstens nicht, bis er Gewißheit über das eine oder andere hatte. Mit dem Entschluß kehrte er auf der Stelle um, ihn auszuführen; von Dorsek war aber noch nicht zu Haus, und es blieb ihm deshalb nichts übrig, als zu warten, bis er kommen würde. Schräg gegenüber der Wohnung war ein Kaffeehaus; dort setzte er sich an ein Fenster, um die Zeitung zu lesen und aufzupassen, und er hatte auch kaum eine halbe Stunde seinen Platz behauptet, als er von Dorsek mit einem preußischen Offizier die Straße heraufkommen sah. Sie gingen beide in das Haus, und der alte Advokat wartet noch kurze Zeit, ob der Offizier vielleicht wieder herauskäme. Aber er kam nicht; möglich ja auch, daß er in demselben Haus wohnte, und Scharner ging endlich hinüber. Er konnte seinen ganzen Nachmittag nicht mit Warten versäumen. Dorseks Diener war nicht im Vorraum, als Scharner aber anklopfen wollte, hörte er im Zimmer laute Stimmen und blieb unschlüssig stehen. In Gegenwart von einem Fremden konnte er doch solch eine delikate Sache nicht berühren, und schon wollte er sich wieder entfernen, um am nächsten Morgen zurückzukommen, als Hedwigs Name im Zimmer laut genannt wurde und ihn, selbst gegen seinen Willen, auf der Stelle festhielt. Dort hatte sich inzwischen allerdings ein erbittertes Gespräch gerade darüber entspannen, was ihm in diesem Augenblick am meisten am Herzen lag: über Dorseks Verhältnis zur Gräfin Orlaska. Dorsek stand am Fenster, der Hauptmann mitten in der Stube und sagte, seine Aufregung kaum unterdrückend: »Schon seit einigen Tagen wurde auf der Wache davon gesprochen, aber ich habe es nicht glauben wollen, daß du - dich um die Hand dieser polnischen Gräfin bewirbst...« »Und warum nicht?« fragte Dorsek kalt, ohne ihn jedoch dabei anzusehen. »Weil - weil ich es nicht für möglich hielt«, sagte der Hauptmann mit fast leiser Stimme. »Weil es - weil es nicht möglich ist!« setzte er erregt hinzu. »Rustloh«, erwiderte Dorsek, indem er sich mit finster zusammengezogenen Brauen gegen den Freund wandte, »ich weiß, daß du es gut mit mir meinst, und einem Freund verzeiht man manches, was man sonst von keinem Fremden dulden würde. Du behandelst mich aber in letzter Zeit fast wie ein Kind - wie einen unmündigen Knaben, und ich muß dich ernstlich bitten, das zu unterlassen. Ich bin alt genug, um selber zu wissen, was ich zu tun und - nicht zu tun habe, und brauche deshalb keinem Menschen Rechenschaft über meine Handlungen zu geben.« »Solange sie rechtlich und ehrenhaft sind, nein.« »Rustloh!« rief Dorsek, während ihm alles Blut in das Antlitz strömte. »Dorsek!« entgegnete aber kalt und entschieden der Hauptmann, »meine Vormundschaft, wie du zu glauben scheinst, soll dir nicht länger lästig fallen, sobald ich eben nur eine bestimmte Antwort von dir habe, und die mußt du mir geben. Ich frage dich also offen und ehrlich und Mann gegen Mann: hast du das Verhältnis mit Fräulein Bernold, mit der du dich, wie du mir selbst sagtest, verlobt hast, abgebrochen, und bewirbst du dich um diese reiche Gräfin?« »Und wer gibt dir das Recht, mich so zu fragen!« rief Dorsek trotzig. »Verweigerst du mir eine Antwort?« »Zum Teufel, nein!« erwiderte zornig der so in die Enge Getriebene mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich bin mein eigener Herr und brauche niemandem Rechenschaft über meine Handlungen zu geben. Was ich für Liebe hielt, war nichts als eine flüchtige Neigung, Hedwig gegenüber, während jene schöne Frau mein Herz unauflöslich gefesselt hat. Ich darf glauben, daß ich ihr selber nicht gleichgültig bin, und wenn ich ein sich mir bietendes Glück ausschlage, wäre ich...« »Ein Ehrenmann«, unterbrach ihn hier der Hauptmann, der seinen Zorn, seine Verachtung nicht mehr zurückhalten konnte. »Und so bist du ein Schuft!« Wäre das Wort ein Schlag gewesen, es hätte nicht furchtbarer wirken können. Dorsek war totenbleich geworden und stand wohl eine Minute lang regungslos vor ihm. Endlich sagte er mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »Du weißt, was da folgen muß?« »Ich weiß es«, sagte der Hauptmann kalt und jetzt vollkommen ruhig. »Triff deine Maßregeln - ich werde bis heut abend neun Uhr zu Haus bleiben.« Scharner, der unfreiwillig Zeuge dieses ganzen Gesprächs geworden war, wandte sich erschüttert ab, um das Haus zu verlassen; er brauchte nicht mehr zu hören. Auf der Treppe überholte ihn der Hauptmann, der rasch und aufgeregt an ihm vorüberschritt, um seiner eigenen Wohnung zuzueilen. 8. HERR SCHARNER ZEIGT HEDWIG EINEN BRIEF AUS BATAVIA UND MACHT IHR EINEN VORSCHLAG Die nächsten Tage beschäftigte sich das Stadtgespräch einzig und allein mit dem Duell zwischen dem Hauptmann von Rustloh und Herrn von Dorsek. Über die Ursache gingen die verschiedensten Gerüchte um, an denen, wie gewöhnlich, etwas Richtiges war, das sich die Gesellschaft aber dann auf ihre eigene Weise ausschmückte. Danach hatte der Zweikampf nämlich um die junge reiche polnische Gräfin stattgefunden, und Dorsek, der begünstigte Liebhaber, war von seinem Nebenbuhler, dem Hauptmann, gefordert worden. Daß beide bis dahin intime Freunde waren, machte die Sache natürlich nur noch interessanter, und man bedauerte nur den armen Dorsek, der jetzt mit zerschmettertem Arm zu Haus lag und seinen Erfolg in der Liebe mit einem vielleicht langwierigen Kranken- und Schmerzenslager büßen mußte. Hedwig wußte alles. Scharner hatte jetzt nicht mehr zögern dürfen, ihr die ganze Wahrheit mitzuteilen. Im ersten Augenblick schien sie auch von der Nachricht mehr betrübt als erschüttert zu sein, aber als der Schmerz um den geliebten Mann sie mehr und mehr einnahm, überkam sie auch stärker das Gefühl ihrer Verlassenheit, da sie jetzt in der weiten Welt ganz allein und hilflos stand. Scharner hätte ihr gern geholfen, aber er vermochte es nicht. Selber mit einer großen Familie und in wenig bemittelten Umständen auf das angewiesen, was er selber und allein verdiente, konnte er da kein Opfer bringen - und auch seine Trostgründe übten keine Macht mehr auf das Herz aus, das sich fest und starr in sich selber zurückgezogen hatte. Die Zeit rückte ebenfalls heran, in der Hedwig auch noch ihre Wohnung verlassen mußte, denn ihr Gegner im Prozeß hatte geschworen, und das Urteil war deshalb gegen sie gefällt worden. Früher wohl hatte sie diesem Augenblick mit Zittern und Bangen entgegengesehen, jetzt, nachdem alles andere um sie niedergebrochen war, traf sie die Vorbereitungen dazu so ruhig und kaltblütig, als ob es sich nur darum handle, die alten lieben Räume für wenige Wochen zu verlassen - und doch, mit wie schwerem Herzen schied sie aus dem Haus. Es gehörte früher ihren Großeltern; sie selber war darin geboren worden und hatte es erst in ihrem siebzehnten Jahre verlassen, als die Eltern nach Mainz übersiedelten. Hierher flüchtete sie mit der Mutter, als die letzte schlimme Katastrophe ihnen Vermögen und Vater nahm, und jetzt sollte sie es fremden Menschen übergeben. - Oh, daß Gott sie doch mit der Mutter damals zu sich genommen hätte, um ihr alles das zu ersparen, was für ein Menschenherz ja fast zu viel, zu furchtbar viel wurde! Während des Packens überkam sie oft eine Angst vor der Stadt selbst, in der sie sich befand, und ein Gefühl erfaßte sie, daß sie fort müsse, weit, weit fort von hier, als ob sie hier nie wieder froh und glücklich werden könne. - Aber wohin? - Von jetzt an allein auf ihrer Hände Arbeit angewiesen, durfte sie nicht hoffen, in irgendeinem kleinen fremden Ort hinreichende Beschäftigung zu finden. Deshalb konnte sie das nicht aufgeben, was sie hier schon hatte - wenigstens jetzt noch nicht. Es mußte ertragen werden, wie ja schon so vieles ertragen war, ertragen werden sollte. Die alte Kathrine half schweigend; sie durfte sich ja nicht merken lassen, wie weh ihr selber ums Herz war, um ihr armes junges Fräulein nicht noch trauriger zu machen. Wo es aber ungesehen geschehen konnte, wenn sie sich auf dem Boden oder in den Kammern etwas zu schaffen machte, liefen ihr die großen, hellen Tränen desto stärker über die Wangen nieder. Hedwig hatte ihre Wäsche zusammengepackt und saß erschöpft und still in dem Lehnstuhl der Mutter am Fenster, als Herr Scharner rascher und lebendiger als je den kleinen, jetzt verwaisten Garten betrat und in das Haus kam. Von außen nickte er ihr auch nur einmal freundlich zu - freundlicher, als er das die ganze letzte Zeit getan hatte, und Hedwig schrak zusammen, denn unwillkürlich kam ihr der Gedanke, es müsse etwas Besonderes und diesmal etwas Gutes vorgefallen sein - sollte Oswald...? Ein plötzlicher Schmerz stach ihr durchs Herz - Oswald war für sie verloren, denn wäre er jetzt selbst reuig zu ihr zurückgekehrt, sie hätte ihn nie mehr lieben, nie mehr achten können. Und weshalb dann doch dieser Gram um den Verlorenen? So erregt und von irgend etwas erfüllt der alte Advokat aber auch augenscheinlich gewesen war, ehe er das Haus betrat, so sehr schienen ihm die Worte zu fehlen, als er seinem Gefühl Ausdruck geben sollte. Er saß wenigstens eine ganze Weile verlegen neben Hedwig und sprach von allem, nur nicht von dem, was ihn heute zu einer ganz ungewöhnlichen Stunde hierhergeführt hatte. Selbst von Dorsek erzählte er, dessen Namen er seit jener Enthüllung noch nicht wieder erwähnte, daß es mit ihm besser gehe und die Gräfin Orlaska jeden Tag einen Abgesandten schicke und sich nach seinem Befinden erkundigen lasse. Die Verbindung der beiden war so gut wie ausgemacht, und man schien nur auf seine völlige Genesung zu warten. Hedwigs Herz wurde schwer - was hätte er ihr jetzt noch mitteilen können, das sie trösten mochte. Der alte Mann sprach dann von ihrem künftigen Leben - der gedrückten Stellung, in der sie sich hier befinden würde - der Wohltat, die es für sie sein müsse, wenn sie imstande wäre Frankfurt zu verlassen, um nie, nie wieder an einen Ort zurückzukehren, der so viele der schmerzlichsten Erinnerungen für sie habe, und in einem fernen Land ein heiteres, sorgenfreies Leben zu beginnen. Was wollte er damit? - Hedwig sah staunend zu ihm auf, denn bis jetzt hatte er nur trostreiche Worte für sie gehabt, und jetzt malte gerade er ihr das künftige Leben mit so viel dunkleren Farben aus, da er, vor allen anderen, ja recht gut wußte, daß sie nicht die Mittel besaß, sich ihm zu entziehen. Und doch mußte er noch irgend etwas im Rückhalt haben, er hätte sonst nicht so gesprochen - aber was? »Wozu das alles noch einmal erwähnen, bester Herr Scharner«, sagte sie endlich. »Wieder und wieder habe ich mir dasselbe vorgehalten, aber das Resultat bleibt dasselbe. Ich sehe keinen anderen Ausweg, und mein Leben wird von jetzt an dem jener Tausenden von Unglücklichen gleich sein, die ich immer bedauert habe und die mit der Nadel ihr saures Brot verdienen müssen. Lassen Sie mich vergessen, daß ich in besseren, glücklicheren Verhältnissen erzogen wurde; lassen Sie mich vergessen, daß ich überhaupt eine Vergangenheit hatte und auf eine Zukunft hoffen durfte. Es ist vorbei, und weshalb die kaum vernarbende Wunde immer wieder aufs neue aufreißen - es gibt kein Mittel mehr, sie zu heilen!« »Und wenn ich ein Mittel wüßte?« sagte der alte Mann, und seine Stimme zitterte, als er sprach. »Ein Mittel, mir zu helfen?« sagte Hedwig, traurig den Kopf schüttelnd. »Ihr gutes Herz mag Sie vielleicht mit dem Gedanken gequält haben, aber für mich gäbe es keine andere Hilfe als eine, die mich weit, weit von Frankfurt fortschaffte. Die Häuser erdrücken mich hier, jede Straße, jedes Haus ruft mir die Erinnerung meiner glücklichen Jugendzeit ins Gedächtnis zurück - sagt mir, wie namenlos elend ich jetzt geworden bin, und wird ein Vergessen zur Unmöglichkeit machen.« »Und wenn ich Ihnen gerade eine solche Hilfe brächte!« rief der alte Mann. »Aber gönnen Sie mir ein paar Minuten Gehör«, fuhr er fort, als Hedwig staunend und überrascht zu ihm aufsah, »lassen Sie mich ein wenig weiter ausholen, ich erkläre Ihnen dann alles und habe vielleicht das Mittel in Händen, Ihren heißesten, innigsten Wunsch zu erfüllen.« »So reden Sie«, sagte Hedwig mit fast tonloser Stimme. »Seit langen Jahren«, erzählte da der alte Mann, dem es sich jetzt wie eine Last von der Seele wälzte, »stehe ich in enger Verbindung mit einem fernen Erdteil, mit Batavia. Ein lieber junger Freund von mir, mein Pate und zugleich halbwegs mein Pflegesohn, lebt dort als Kaufmann, und ich besorge hier in Deutschland, mit dem er lebhaften Verkehr unterhält, die Geldgeschäfte seines Hauses. Er hat sich nämlich dort mit einem jungen Holländer etabliert - der Holländer heißt van Roeken, mein junger Freund Wagner -, besitzt mehrere eigene Schiffe, mit denen er nach Sumatra, China und Holländisch-Indien Handel treibt, schickt dann die Güter: Kaffee, Zucker, Cochenille, Tee, Reis, Pfeffer, und wie die Produkte alle heißen, hier nach Europa und macht außerordentlich bedeutende Geschäfte. Beide junge Leute nun, Wagner wie der Holländer van Roeken, gingen als arme Kommis nach Java, und in diesem Augenblick befinden sie sich, ihr Vermögen ganz niedrig veranschlagt, im Besitz einer halben Million, die sie sich durch Fleiß und umsichtige Spekulation erworben haben. Wagners Schilderungen von Java sind dabei entzückend; es muß ein ganz reizendes, wundervolles Land sein, mit einem äußerst gesunden Klima, denn die Märchen, die man sich von der tödlichen Luft Batavias erzählt, sind ja alle veraltet1), und er kann nicht genug rühmen, wie wohl er sich da fühlt.« Der alte Mann schwieg. Der Faden war ihm wieder abgerissen, und er wußte nicht, wie er ihn aufs neue anknüpfen sollte. »Nun?« sagte Hedwig, aufs äußerste gespannt, wie das enden würde. »Ein Übelstand ist aber dort«, fuhr Scharner endlich, so dazu gedrängt, fort. »Es ist größtenteils ein Staat von Männern - von Kaufleuten, die nur selten mit ihren Familien hinübergehen. Mein Pate Wagner ist unverheiratet - ebenso sein Freund van Roeken. Unter den Eingeborenen dort haben sie wahrscheinlich keine passende Verbindung knüpfen können. Wagner ist auch noch sehr jung, kaum achtundzwanzig Jahre alt; van Roeken noch um einige Jahre jünger.« »Aber was hat das alles mit mir zu tun?« »Mein liebes Fräulein«, brach da endlich der alte Scharner los, indem er in die Tasche griff und einen Brief herausnahm, »ich will nicht länger hinter dem Berge halten - lesen Sie diese Zeilen - bitte, jetzt nicht - lassen Sie mich erst fortgehen. Sie müssen ungestört dabei - Sie müssen allein sein; ich komme dann morgen früh wieder, um weiter mit Ihnen über die Sache zu sprechen. Nur noch eine Bemerkung erlauben Sie mir: van Roeken, den Holländer, kenne ich nicht persönlich, wie Sie auch aus dem Brief ersehen werden, Wagner dagegen von Jugend auf - von Kindesbeinen an. Er ist ein durchaus rechtlicher, braver, lieber Mensch, der sich nie mit einem Mann in so enge Geschäftsverbindung eingelassen hätte, wenn er ihn nicht genau und als einen Ehrenmann kennen würde. Außerdem hat mir Wagner schon mehrmals über seinen Freund und Kompagnon geschrieben, und das war immer nur sehr günstig. Aus diesem Grund könnte ich mich selber veranlaßt sehen, als sein wärmster Fürsprecher aufzutreten.« »Und den Brief?« »Behalten Sie jetzt hier und lesen ihn aufmerksam durch«, sagte der alte Mann, von seinem Stuhl aufstehend. Er war jedenfalls froh, das Gespräch so weit gebracht zu haben. »Aber bitte, meine liebe Hedwig, recht, recht aufmerksam. Denken Sie dabei an Ihre ganzen Verhältnisse hier - denken Sie daran, daß Ihnen der Inhalt vielleicht als Mittel dienen könnte, nicht allein allem, was Sie jetzt hier drückt, zu entfliehen, sondern auch - aber ich spreche zu viel«, brach er rasch ab. »Daß ich Ihnen überhaupt den Brief gebe, mag Ihnen beweisen, wie ich über die Sache denke, und wie mir Ihr Wohl am Herzen liegt, wissen Sie, ohne daß ich ein Wort weiter darüber zu sagen brauchte. Ich würde Ihnen bestimmt zu keinem Schritt raten, wenn ich nicht im voraus die feste Überzeugung hätte, daß er Ihrem Wohl dient.« Hedwig hielt den Brief in ihrer Hand und reichte Scharner dankend ihre Rechte. Er drückte sie herzlich, beugte sich zu ihr hinüber, küßte ihre Stirn und verließ dann rasch das Haus. Lange, lange schon war er fort, und Hedwig saß noch immer, wie er sie verlassen hatte, stumm und regungslos in ihrem Stuhl, den Brief in ihrer Hand, den Kopf gesenkt, die Augen starr auf das Papier geheftet. - Aber ,was nützte das Zögern - einmal mußte sie doch lesen, was er enthielt, und mit diesem Entschluß richtete sie sich rasch auf, faltete das Blatt auseinander und las die wenigen, doch inhaltschweren Zeilen. Sie lauteten: Lieber Herr Scharner! In einer wichtigen Angelegenheit wende ich mich, wenn auch persönlich unbekannt, an Sie. Sie sind der intime Freund meines Kompagnons, des wackeren Wagner, der mir sehr viel Gutes und Liebes schon von Ihnen erzählt hat, und welches Vertrauen ich in Sie setze, beweise ich mit diesem Schritt. Wagner hat Sie vielleicht schon mit unseren bürgerlichen Verhältnissen bekannt gemacht. So leicht es für uns hier ist, uns eine behagliche Wirtschaft zu schaffen, so unendlich schwer ist es, eine passende Frau hinein zu bekommen, wenn wir nicht eben zu dem letzten und oft verzweifelten Mittel greifen wollen, eine Liplap, das heißt eine Frau aus gemischtem Blut, zu nehmen - und an eine gemütliche Häuslichkeit ist da selten zu denken. Deshalb nehme ich zu diesem keineswegs ungewöhnlichen Weg meine Zuflucht. Mein Wunsch ist: ein deutsches Mädchen zu heiraten; sie werden anerkannt die besten Hausfrauen - Wagner wenigstens behauptet das. Wissen und kennen Sie also eine junge Dame in Deutschland, die gesonnen wäre, ihr Schicksal mit dem meinen zu vereinigen, so bitte ich Sie freundlichst die Vermittlung zu übernehmen. Meine Ansprüche sind nicht übermäßig. Ich verlange ein gebildetes, braves junges Mädchen von achtzehn bis dreiundzwanzig Jahren, natürlich nicht häßlich, obgleich ich auf wirkliche Schönheit verzichte. Ich verlange kein Vermögen, wünsche aber, daß meine künftige Frau musikalisch ist und, wenn irgend möglich, Französisch spricht - voilà tout. Können Sie eine junge Dame von obiger Beschreibung dahinbringen, meine Hand anzunehmen, so bitte ich Sie, diese mit dem nächsten Mail-Boot hierher zu senden. Für Überfahrt und vielleicht nötige Ausstattung liegt ein Wechsel bei, der auch genügen wird, ihr einen Dienstboten mitzugeben. Ich wünsche, daß meine künftige Frau bequem und anständig reise. Anzufragen brauchen Sie bei mir weiter nicht; mir liegt daran, eine Verbindung sobald wie nur möglich zu knüpfen, und ich erwarte meine Braut deshalb mit der nächsten, spätestens mit der zweiten Mail. Noch eins. Der Fall ist, wenn auch nicht wahrscheinlich, doch denkbar, daß wir uns, falls sie hier eintrifft, nicht behagen sollten. Ist das von ihrer Seite der Fall, so steht ihr ein Rücktritt frei - sollte sie sich dann anderweitig hier verheiraten, so verlange ich nur die ausgelegte Passage zurück - im anderen Fall selbst das nicht. Sollte ich in ihr dagegen das nicht finden, was ich zu finden erwartet habe, also ein Hindernis von meiner Seite eintreten, so biete ich an, ihr freie Rückpassage und außerdem fünftausend Gulden auszuzahlen, die sie für die Reise wenigstens entschädigen mögen. Aber ich erwähne dies nur als Sicherstellung für die Dame, die sich mir anvertrauen will, zweifle dagegen keinen Augenblick, daß wir uns gegenseitig achten und lieben lernen und glücklich miteinander leben werden. Einem günstigen Erfolg dieser Aufforderung in nächster Zeit entgegensehend, zeichne ich indessen, hochverehrter Herr Scharner, in wahrer und aufrichtiger Hochachtung als Ihr ergebener Leopold van Roeken. Hedwig hatte den Brief wieder und wieder durchgelesen und saß noch immer, das verhängnisvolle Blatt vor sich auf den Knien, und starrte still und schweigend darauf nieder. Die Kathrine war mehrmals ins Zimmer gekommen, teils wirklich etwas besorgend, teils sich nur ein Geschäft machend, um zu sehen, ob ihre junge Herrin noch immer nicht aus ihrem Brüten aufwachen wolle - denn sie wagte nicht, sie zu stören. Hedwig hörte weder ihr Kommen noch ihr Gehen. Die Sonne sank, und der Abend dunkelte, ja es wurde Nacht, und noch immer rührte und regte sie sich nicht. »Soll ich Licht hereinbringen?« fragte Kathrine endlich, die das nicht länger ertragen konnte. Sie erhielt keine Antwort und ging hinaus, um die Lampe auf eigene Verantwortung anzuzünden. Auch Essenszeit war es geworden und das frugale Mahl aufgetragen worden; Hedwig aß und trank nicht und saß noch immer, die Augen fest und eisern auf den Brief geheftet. Die treue Magd wagte nicht, das Zimmer zu verlassen; ihr Fräulein mußte krank sein, denn so hatte sie sich noch nie betragen - wenn ihr der unglückselige Brief nicht etwa eine neue Schreckensnachricht gebracht hatte. Endlich sah Hedwig auf, und das Mädchen bemerkend, sagte sie leise: »Geh zu Bett, Kathrine - es ist spät geworden.« »Und Sie sind nicht krank, liebes Fräulein?« rief die treue Dienerin, die schon durch die wenigen Worte ihr Herz von einer schweren Sorge befreit fühlte. »Nein, Kathrine«, sagte Hedwig leise, »ich bin nicht krank.« »Und es fehlt Ihnen auch sonst nichts?« »Nein - es ist alles gut - geh zu Bett; ich werde mich auch gleich schlafen legen. Das Haus ist doch verschlossen?« »Alles fest; Tür und Läden.« »So geh zu Bett. Gute Nacht, Kathrine!« »Gute Nacht, mein liebes Fräulein - aber Sie gehe doch auch gleich zu Bett und grübele nicht länger mehr über de alte häßliche Brief da?« »Ich gehe gleich zu Bett - gute Nacht.« Die Kathrine hatte das Zimmer verlassen; Hedwig sah ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr schloß, dann ging sie zum Sofa, barg das blasse Antlitz in den Kissen und weinte sich still und heimlich aus. 1) Das früher von Mauern eingeschlossene Batavia war allerdings ein für Europäer äußerst ungesunder Ort; aber diese Mauern sind lange niedergerissen; die Seeluft hat freien Durchzug, und da alle Europäer draußen in den Vorstädten und in von Gärten umgebenen Villen leben und nur die Arbeitszeit in der Stadt zubringen, befinden sich auch fast alle Europäer dort inzwischen wohl und gesund: ja, englische Offiziere kommen nicht selten von Britisch-Indien dort hinüber, um ihre angegriffene Gesundheit in den javanischen Bergen wiederherzustellen. (Zum Text) 9. WAGNER ERHÄLT POST AUS DEUTSCHLAND. - EINE ABENDGESELLSCHAFT Die Mail - oder das Postdampfboot - hatte nachmittags auf der Reede von Batavia Anker geworfen, und wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht durch alle Geschäftslokale der regen Stadt. Die Ankunft dieses damals noch monatlich eintreffenden Bootes war auch immer ein Ereignis für die ganze Handelswelt, die nur dadurch mit den übrigen Erdteilen in Verbindung stand; bildeten doch die ankommenden Briefe, Bestellungen und Kurse die Pulsschläge ihres Lebens. Diesmal hatte man aber mehr als je der Ankunft des erwarteten Schiffes mit peinlicher Ungeduld entgegengesehen, da die Mail vom vorigen Monat bei Aden im Roten Meer verunglückt war und man schon fürchtete, daß die ganze Korrespondenz vernichtet sein könne. Wie aber kein Menschenleben dabei verlorengegangen war, so hatte man auch, mit vieler Mühe und Gefahr freilich, die Post gerettet, dadurch aber den ganzen Monat versäumt, und Briefe und Pakete wie auch Passagiere konnten nun nicht eher als mit der nächsten, vier Wochen später dort anlegenden Mail befördert werden. Die war jetzt eingetroffen, und überall in den Geschäftslokalen der Altstadt herrschte reges Leben, um die Korrespondenz vor allen Dingen zu sortieren und erst einmal die Privatbriefe zu lesen - das, was das Geschäft betraf, mußte schon bis zum nächsten Morgen warten. Ach, es ist schon ein erfreuliches Gefühl, Briefe - Kunde aus der Heimat - zu bekommen. Das Herz klopft rascher und freudiger, wenn wir nun schon die Couverts erbrechen, die eine liebe Hand für uns verschlossen hat, und dann die teuren Züge schauen dürfen, die uns verkünden, daß noch alles wohl und froh daheim ist und sie noch alle herzlich an uns denken. Und plaudern sie denn nicht von diesem und jenem? Stadtklatsch, wie wir's zu Hause nennen, und in der Fremde doch so gerne lesen. All die Namen, all die Orte, die darin genannt werden, ob sie uns viel, ob wenig interessieren mögen, sind lauter Punkte, an denen unsere Erinnerung wieder frisch anknüpfen kann, und die erwähnten Gestalten, während sie vor unserer Seele lebendig werden, zaubern mit einem Schlag das ganze liebe Bild der Heimat aufs neue und mit lebendigen Farben um uns auf. Die Herren des Geschäfts haben in dem Augenblick auch alles andere vergessen und sitzen mit umhergestreuten Couverts an ihrem Schreibtisch, um die eigenen Briefe zu überfliegen. Die armen Kommis aber, mit keiner eigenen Zeit in diesem Augenblick, stecken sie in die Tasche und begnügen sich damit, von Zeit zu Zeit danach zu tasten und die Adressen wenigstens zu betrachten. Bald schlägt ja auch für sie die Stunde, wo das Geschäft geschlossen wird, und schon im Bendi, den ein rüstiges Pony rasch den Kali besaar entlang führt, studieren sie dann die eigenen Briefe. Was kümmert sie die wundervolle Landschaft, die sich rechts und links von ihnen ausdehnt; nicht einen Blick werfen sie auf die wehenden, raschelnden Kokospalmen, auf das dunkle hängende Laub der Waringhis, auf den Trupp wunderlicher chinesischer Menschenkinder, die mit ihren tragbaren Waren die Straßen beleben. Das alles sahen sie gestern, sehen sie morgen, gerade so wie heute, und ihr Auge hängt nur an dem Blatt Papier, das ihnen Kunde von der Heimat bringt. Van Roeken war heute etwas länger als gewöhnlich im Geschäft geblieben, Wagner dagegen, einer lieben Einladung folgend, hatte sich in seinen Bendi geworfen und fuhr nach Haus, um erst noch Toilette zu machen. So ungeniert sich nämlich der Batavier auch den ganzen Morgen daheim oder im Geschäft gehenläßt, so streng wird darauf gehalten, beim Diner abends in voller Toilette zu erscheinen, bei der - mag das Thermometer eine Temperatur zeigen, wie es will - der schwarze Frack unerläßlich scheint. Jeder schimpft wohl darüber und wünscht, daß auch bei diesen Gelegenheiten - denn gerade beim Essen sollte der Mensch eine bequeme Kleidung tragen - die leichte und lichte Tracht eingeführt würde, die eigentlich zu den Tropen gehört, aber - die Mode schwingt ihr eisernes Zepter, die Etikette ihre Geißel, und der schwarze, enge, heiße Frack triumphiert auch unter dem Äquator; der hohe steife Zylinderhut schaut höhnisch und stolz auf seinen in die Ecke geschobenen schüchternen - und doch so viel nützlicheren und gesünderen - Verwandten, den Strohhut, nieder. Bessere einmal jemand die Welt. Bei Romelaers war Empfangsabend, und eine Menge geputzter Menschen wogte durch die lichtstrahlenden Räume oder lehnte plaudernd in behaglichen Fauteuils des luftigen Gebäudes. Gewöhnlich bestehen die Wohnungen der Europäer auf Java, wie die der Eingeborenen, nur aus einem unteren Stock, dessen mittlere Front hoch und geräumig, vorn mit einer von Säulen getragenen Veranda versehen, dem Luftzug freien Durchgang läßt. An den Seiten liegen die Wohn- und Schlafzimmer, wenn nicht das Haus eine erste Etage hat, und in getrennten Seitengebäuden die Küche, die Wohnungen der Dienerschaft und die Ställe. Wie schon erwähnt, sucht der Batavier einen Stolz darin, seine Räume abends zu Tageshelle zu erleuchten, und Astrallampen hängen deshalb überall von der Decke, stehen auf den Tischen, sind an den Wänden befestigt und strahlen ihr Licht in zahlreichen goldberahmten Spiegeln wider. Romelaers Wohnung war eine der prächtigsten in ganz Batavia und im Innern mit überall aufgestellten kostbaren Vasen und Büsten, mit seltenen japanischen und chinesischen Schnitzereien fast überladen. Romelaer war aber auch einer der reichsten und glücklichsten Spekulanten in ganz Holländisch-Indien. Seine Schiffe befuhren alle Meere, seine Verbindungen erstreckten sich über die ganze Welt, und während er Häuser in New York und Kalkutta, in Rio de Janeiro und Kapstadt sein eigen nannte, konzentrierte er hier auf dem einen kleinen Punkt sein ganzes ungeheures Vermögen, ohne eigentlich größeren Aufwand zu treiben als irgendein anderer der reichen Handelsherren Batavias, ja vielleicht weniger als mancher in seiner Nachbarschaft, der weit geringere Mittel hatte, den »Rabob« zu spielen, und sich doch so wohl und glücklich in solcher Rolle fühlte. Romelaer hatte zwei Töchter und einen Sohn; der Sohn war gegenwärtig in Amsterdam, die älteste Tochter vor etwa drei Monaten verheiratet worden und die Jüngste noch bei den Eltern. Diese schlenderte jetzt plaudernd, bald Arm in Arm mit einer ihrer Freundinnen, bald die Huldigungen eines der jungen, bei ihnen eingeführten Herren als einen schuldigen Tribut entgegennehmend, durch die verschiedenen Säle, nur manchmal nach dem Geräusch eines außen fahrenden Wagens horchend. Draußen vor dem Gartentor hielt wieder ein Bendi, und Marie begrüßte lächelnd und ihm die Hand entgegenstreckend den jungen Wagner, der eben durch den Garten herankam und die breiten Marmorstufen hinaufsprang, die zu der erleuchteten Terrasse führten. »Eigentlich sollte ich böse auf Sie sein«, sagte sie, dabei mit dem Finger drohend, »denn Sie wissen, daß Sie versprochen hatten, früh zu kommen. So lange haben wir jetzt mit der Musik auf Sie warten müssen.« »Entschuldigen Sie, mein liebes Fräulein«, sagte Wagner bittend, »aber ich habe einen so unangenehmen Brief heute aus Deutschland bekommen, daß ich beinahe mein Versprechen gar nicht gehalten hätte. Fürchtete ich doch, daß meine trübe Laune Ihnen die Lust verderben könnte.« »He? Schlechte Nachrichten?« sagte der alte Herr Romelaer, der hinter ihm herangekommen war und ihm die Hand auf die Schulter legte. »Ist der kleinen Wasserhexe, der neuen Brigg, ein Unglück zugestoßen?« »Es betrifft nicht das Geschäft«, sagte Wagner, die dargebotene Hand herzlich schüttelnd, »es sind Familien- - und nicht einmal Familien-Angelegenheiten, fremde Menschen, die mich eigentlich gar nichts angehen und doch...« »Ihnen das Leben verbittern wollen?« lachte der alte Herr Romelaer, indem er seinen Arm in den des jungen Mannes legte und ihn in den Saal hineinführte. »Lassen Sie die zum Henker gehen, Freund, und schlagen Sie sich das alles aus dem Kopf. Wenn Sie erst einmal älter werden, setzen Sie sich überhaupt über solche Dinge hinweg. Apropos, spielen Sie nachher ein Lombertje oder ein Whist mit?« »Nein, Papa, waarachtig niet!« rief aber Marie, die ihnen gefolgt war. »Herr Wagner ist fest für unser Quartett engagiert und kann sich da nicht für euer Lombertje losmachen. Den Platz füllt auch ein anderer aus, aber am Piano können wir nicht jeden brauchen.« »Nun, nun, ich habe nicht gewußt, daß die Sache so wichtig ist«, lachte der alte Herr gutmütig, »schlepp ihn mir aber nur nicht fort, ehe du ihm wenigstens eine Tasse Tee oder was Kräftigeres zur Stärkung gegeben hast, sonst fällt er dir am Ende noch mitten im Quartett um und in irgendeine schwierige Passage hinein. Hehehehe, Heffken, was meinen Sie, wenn wir beide einmal die erste Violine spielen müßten?« »Hm, Herr van Romelaer«, meinte der kleine Mann, »die spielen Sie hier in Batavia schon eine geraume Weile - sehr zum Ärger vielleicht des Hauptorchesters, aber zur großen Befriedigung des Publikums, während ich selber höchstens einen Platz an der großen Trommel beanspruche, um dann und wann einmal einen Hieb hinein zu tun.« »Und das tun Sie auch, Heffken, das tun Sie wahrhaftig«, lachte van Romelaer, »und tüchtige Hiebe dazu, nach Herzenslust -« »Aber immer doch nur im Takt - wie sie vorgeschrieben sind«, sagte achselzuckend der Verwachsene, indem er einen raschen und eben nicht freundlichen Blick zu Wagner hinüberschickte. Der sah das aber gar nicht; er sprach mit Marie und hatte dabei Herrn Heffkens Gegenwart, wenn überhaupt bemerkt, schon lange wieder vergessen. Marie nämlich, ohne sich weiter um die anderen Herren zu kümmern, hing sich an seinen Arm, daß er sie zum Pianoforte führe, und während dort ein kleiner musikalischer Zirkel Platz nahm, um dem versprochenen Quartett zu lauschen, arrangierten sich an der anderen Seite des Saales in einem kleinen, besonders dazu bestimmten Raum die Spieltische, Zigarren wurden angeboten, und die Karten nahmen bald die Aufmerksamkeit der Spieler vollständig und allein in Anspruch. Während die malaiischen Diener Erfrischungen herumreichten, begann das Quartett eine Komposition von Mozart für Piano, Violoncello und zwei Violinen. Die Herren und Damen aber, die kaum den ersten Takten aufmerksam gelauscht hatten, begannen bald eine sehr lebhaft geführte und interessante Konversation, die dann und wann auch noch durch das laute Lachen aus dem Spielsalon übertönt wurde. Auf die Musik achtete fast niemand mehr, und nur die Malaien kauerten andächtig an der Tür und lauschten regungslos den wunderbaren Tönen. Es war ein eigentümlich lebendiges Bild, diese Soiree in den Tropen, und das südliche Kreuz funkelte hell und klar vom Himmel nieder durch die Federkronen der Kokospalmen wie durch die duftigen Blüten der Gewürzbäume. Da plötzlich, mit einem Schlag, schwieg die Musik - mitten im Takt hörten die Spieler auf, mitten in der interessantesten Anekdote schwiegen die Erzählenden, mitten im entscheidenden Spiel hielten die Männer am L'Hombretisch inne, und der schon gehobene Trumpf schlug nicht nieder, den letzten Stich zu nehmen -, aber ein merkwürdig unheimliches Leben kam in die sonst leblosen Gegenstände: die Lichter flackerten, die von der Decke niederhängenden Astrallampen schwangen langsam hin und her, und die Verbindungsbalken des Hauses krachten und ächzten. Aber dieses Schwingen dauerte nicht lange, und mit einem einzigen gellenden Schrei fuhren plötzlich die Damen von ihren Sitzen empor - eine unterirdische furchtbare Macht erschütterte den Boden, und der zweite Stoß brachte den jetzt entsetzt Emporfahrenden die Gewißheit eines Erdbebens. Alle Regeln der Ordnung und Etikette waren in dem Augenblick gelöst, Tassen wurden um- und zu Boden geworfen, Teller klirrten auf die Marmorplatten nieder und spritzten ihre Scherben umher, und Herren und Damen, jede Frage um einen gerechtfertigten Vortritt vergessend, stürzten dem Ausgang zu, die Stufen hinab und in den Garten hinaus, um dort wenigstens in Sicherheit das Zusammenbrechen des Hauses zu erwarten. Die Malaien indessen, deren Familien ebenfalls die niedrigen Bambushütten verlassen hatten, begannen ein furchtbares Geheul und Geschrei, in dem das Wort »Lenu«1) häufig vorkam; sie warfen sich auf die Erde, schrien und jammerten mit allen Kräften und vermehrten dadurch nur das Unheimliche der ganzen Szene. 1) In meinen »Reisen« habe ich die Sage erwähnt, die sich an dieses Lenu knüpft, und für alle Leser, denen sie noch fremd sein sollte, will ich sie hier wiederholen: »Im Innern der Erde (Javas) wohnt ein ungeheures Tier, das sie Lenu oder Leni nennen und der Gestalt nach für einen gewaltigen Büffel halten. Die Welt wird einmal zerstört werden, aber nicht an einem Jüngsten Tag, wie die Christen glauben, der dann Gerechte und Ungerechte zusammen trifft, sondern erst, wenn alle den Erdboden bewohnenden Menschen gestorben sind, die Welt also vollkommen menschenleer ist. Dann schüttelt sich das Ungeheuer und reckt sich in seiner Höhle da unten, und die Erde muß bersten und stürzt donnernd ineinander. Auch die geringeren Erschütterungen oder Erdbeben stehen mit diesem Tier in Verbindung, und zwar auf folgende Weise: Es gibt vor allem zweierlei Ameisen auf der Insel, die weißen, die allem verderblich sind, was sie nur erreichen können, und die schwarzen. Die letzteren erweisen sich aber nicht allein als vollkommen harmlos, sondern scheinen auch noch grimmige Feinde der weißen zu sein, die sie vertreiben, wo sie sich nur immer zeigen mögen - vorausgesetzt, daß sie in gehöriger Stärke versammelt sind. Die Eingeborenen hüten sich auch, diese schwarzen Ameisen zu töten, und sie gelten ihnen gewissermaßen als Schutz gegen die verderblichen Wirkungen der weißen. Das wissen aber auch die schwarzen Ameisen recht gut, und wird einmal eine von ihnen durch einen schlechten Menschen getötet, der sich nichts daraus macht, ein unschuldiges Leben zu zerstören, dann sucht sie sich zu rächen. So war sie auch hier gleich zum Lenu hinabgelaufen und hatte ihm gesagt, er könne jetzt nur immer anfangen, die Welt über den Haufen zu werfen, denn die Menschen da oben seien alle gestorben. Hätte Lenu ihr das nun gleich aufs Wort geglaubt, so wäre wahrscheinlich ein großes Unglück geschehen. Aber das Untier ist schon zu oft von solchen rachsüchtigen Ameisen angeführt worden, und um sich von der Wahrheit zu überzeugen, hob es nur erst einmal ein Haar empor, was schon diese Erschütterung hervorbrachte. Sobald die Javanen das aber oben fühlen, wissen sie gleich, was es bedeutet. Sie werfen sich dann rasch auf die Erde nieder und schreien ›Lenu! Lenu!‹ hinunter, so laut sie können. Das Tier soll nämlich ihr Rufen hören, und dann weiß es, daß sie nicht alle gestorben sind, sondern noch leben. Sobald der Lenu das aber gemerkt hat, schläft er ruhig weiter und wartet geduldig noch ein paar hundert Jahre - oder auch so lange, bis die nächste schwarze Ameise zu ihm hinunterkommt.« Klar und hell leuchteten die Sterne indessen auf die erschütterte Erde herunter, und der eben aufgehende Mond warf sein mattes, silbernes Licht durch die riesigen Bäume und spielte mit den zitternden Schatten auf dem Boden. Tiefes, erwartungsvolles Schweigen herrschte noch unter den aufgestörten Europäern, die wenigstens ihr Leben vor etwa stürzendem Gebälk in Sicherheit gebracht hatten, während die Javaner nicht aufhörten, dem »Lenu« ihr Dasein ins Gedächtnis zurückzurufen. Es kam aber kein weiterer Stoß; die furchtbare unterirdische Kraft, die gerade auf Java so viele offene Sicherheitsventile hat, schien sich erschöpft zu haben, und nur das leise Schwanken der Astrallampen im Innern des Hauses verriet noch die bestandene Gefahr. Solche kleinen Erderschütterungen sind aber auf Java viel zu häufig, als daß sie einen nachhaltigen Eindruck auf die dortigen Bewohner ausüben könnten. Ein wirklich in seinen Folgen verderbliches Erdbeben war außerdem seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Die niedrigen, festen Häuser leisteten den schwachen vereinzelten Erdstößen vortrefflichen Widerstand, und erst einmal davon überzeugt, daß die größte Gefahr vorüber sei, gewann der daran gewöhnte Sinn der Bevölkerung bald wieder die Oberhand. Allerdings ist solch ein Erdstoß eine wunderbar tüchtige Mahnung der furchtbaren Kraft, die um uns her und unter uns schlummert, und nie fühlt der Mensch so demütigend gering seine Schwäche, als wenn er den Elementen gegenübersteht - aber auch nur eben so lange. Denn kaum ist alles vorüber, schwimmt auch das alte, leichtherzige Geschlecht schon wieder oben mit vollen Segeln. Die Gefahr ist vergessen, wenn überhaupt eine Gefahr gedroht hat - die Vergangenheit liegt zurück, und nur der Gegenwart lebt das fröhliche, leichtsinnige Menschenvolk. »Hat ja nichts zu sagen«, lachte Romelaer, der nichtsdestoweniger ebenso wie die übrigen so rasch wie möglich in den Garten geflohen war, »Lenus Haare sind wieder glatt; unsere braunen Burschen haben ihn von ihrem wertvollen Dasein überzeugt, und wir können ruhig wieder hineingehen. Donnerwetter, Heffken, ich habe im Leben nicht geglaubt, daß Ihr die Beine so werfen könntet - Ihr flogt wie ein Kiedang über die Stühle weg.« »Davon ganz abgesehen«, sagte Heffken, der wieder seine volle Ruhe erlangt hatte, »daß es eben nicht angenehm ist, einen Balken mit einigen Zentnern Kalk auf den Kopf zu bekommen, muß ich doch gestehen, daß ich mit Ihnen nicht Schritt halten konnte, Mynheer, Sie warfen die Beine noch geschwinder.« »Nun ja«, lachte Romelaer treuherzig, »ich kann nicht leugnen, daß ich ebenso rasch wie die anderen Herrschaften ausgekniffen bin, denn der Teufel trau diesem Schütteln. Hundertmal geht es gut ab, und einmal wirft es einem doch die Bescherung über dem Kopf zusammen, und - sicher ist sicher. Aber jetzt haben wir nichts mehr zu befürchten; Noorten, Ihr könnt Gott danken, daß das Haus zu wackeln anfing, denn nichts anderes hätte Euch vor einem Beetje retten können. Ehe er aber fortging, warf er die Karten noch durcheinander - der ist bei Gott so klug wie ein Mensch.« Die übrigen Gäste lachten, und es herrschte - ein paar Damen ausgenommen, die noch immer den Schreck nicht überwunden hatten und bis zu diesem Augenblick unentschlossen schienen, ob sie in Ohnmacht fallen sollten oder nicht - schon wieder der frühere Frohsinn, mit dem sie sich jetzt über die ausgestandene Angst lustig machten. Ohne weitere Besorgnis kehrte auch alles wieder in den Salon zurück, und jeden interessierte es jetzt besonders, sich genau des Moments zu erinnern, in dem ihn der erste Stoß überraschte. »Verd...«, lachte Romelaer, als sie wieder in dem inneren Raum standen und die Verwüstung betrachteten, die der erste Schreck hervorgerufen hatte, »da sieht es lecker aus! Na, wenn die Burschen draußen mit ihrem Lenu-Schreien fertig sind, werden sie vor allen Dingen die Scherben auflesen müssen. Sapáda! Herein mit euch, ihr Halunken, und hier an die Arbeit, nachher könnt ihr brüllen, soviel ihr wollt!« »Der Stoß kam mir sehr ungelegen«, sagte Noorten, »der letzte Stich hätte das ganze Spiel entschieden, und ich mußte es gewinnen.« »Waarachtig niet!« rief aber Romelaer, »nun sieh einer den Vent an; ich hatte den Trumpf schon zum Niederschlagen in der Hand.« »Guter Gott!« rief eine der Damen, eine fast überfette Matrone, die von Seide strotzte und riesige Blumen in ihr Haar geflochten hatte, »da saß ich, auf dem Fleck, und eben wollt' ich die Tasse an den Mund bringen, als sie mir der furchtbare Erdstoß aus der Hand und dort auf das Sofa warf.« »Ja, und mir auf das Kleid«, sagte eine andere Dame, die Frau eines Cochenille-Kontraktors aus dem Innern. »Dann hat's auf dem Sofa ärger gestoßen als anderswo«, lachte Romelaer. »Möglich, daß dort gerade das eigentliche Herz vom Erdbeben saß, und wär' es zum Ausbruch gekommen, hätten wir Sie vielleicht in einer Flammensäule gen Himmel fahren sehen - eine zweite Frau Elias - oder wie hieß der Mann gleich in dem feurigen Wagen?« »Um Gottes willen, spotten Sie auch noch!« rief die alte würdige Dame entsetzt; »Mir ist der Schreck so in die Glieder gefahren, daß ich die nächsten acht Tage werde das Bett hüten müssen.« »Dann können sich ihre Mädchen freuen«, flüsterte ein junger, neben Heffken stehender Kaufmann diesem zu, »denn die müssen ans Bett kommen, um sich ihre Prügel zu holen, wenn die alte Schachtel keine Lust zum Aufstehen hat.« »Ich wollte mir gerade eine Zigarre anzünden«, erzählte ein anderer, »als mir der Junge mit der Lunte zu wackeln anfing.« »Und wir haben alle mitten im Takt mit unserer Sonate aufgehört«, lachte Marie, »das muß wunderbar geklungen haben, wenn es nur irgend jemand hätte hören können.« »Sind Sie erschrocken, Marie?« fragte Wagner leise. »Ja«, flüsterte das schöne Mädchen errötend, »wenn ich aufrichtig sein will. Sie haben mir aber weh getan, denn Sie faßten mich so furchtbar heftig am Arm.« »Ich sah«, gestand Wagner verlegen, »daß Sie nicht so rasch durch die übrigen hindurch konnten, und fürchtete...« »Daß mir das Dach auf den Kopf fiel?« lächelte das Mädchen. »Es hat keine Gefahr. Ich weiß mich schon auf sechs oder acht solche Erdstöße zu besinnen, die aber alle harmlos wie dieser abgelaufen sind. Der plötzliche Schrecken richtet gewöhnlich die einzige Verwirrung an.« »Jetzt möcht' ich nur wissen«, lachte Romelaer, »was van Roekens junge Frau heut abend angefangen hat - die fürchtet sich ja so entsetzlich vor einem Erdbeben. Verd... wie das letzte war, ist sie aus dem Bett heraus, wie sie war, und vors Haus und dort in einen noch zufällig haltenden Bendi gesprungen, und der Junge, der auf dem Bock saß, hat Hals über Kopf mit ihr davonfahren müssen.« »Nun, so jung ist die Frau doch auch nicht mehr«, bemerkte eine der Damen in dem unbestimmten Alter der Zwanziger, »und als ›Eingeborene‹ sollte sie doch eigentlich daran gewöhnt sein.« »Sie sind boshaft, mein gnädiges Fräulein«, sagte Heffken; »Eingeborene nennen wir doch eigentlich nur die Malaien, und Mevrouw van Roeken ist wenigstens von halber Rasse. Übrigens hat er einen goldenen Vogel damit gefangen.« »Wie ist das eigentlich gekommen, Wagner?« sagte Romelaer, den Arm des jungen Mannes nehmend und ihn beiseite führend, »ich weiß, daß Roeken die Liplaps früher gar nicht ausstehen konnte.« »Ich kann es wirklich nicht sagen«, erwiderte der Gefragte ebenso leise, »die Heirat ist vollkommen plötzlich arrangiert worden und hat mich ebenso überrascht wie jeden anderen, ja ich glaube, wie van Roeken selber. Wenn mich nicht alles täuscht, hat die Dame übrigens ihre Hand selber angeboten und van Roeken wahrscheinlich dem lockenden Vermögen nicht widerstehen können.« »Wenn nur die Sache gut geht.« »Es war in mehr als einer Hinsicht ein unüberlegter Streich«, seufzte Wagner leise vor sich hin und fast mehr zu sich selber als seinem Begleiter redend. »Inwiefern?« sagte dieser. »Oh - die - die Verschiedenheit des Alters schon«, meinte Wagner ausweichend, »Mevrouw ist doch wenigstens zwei oder drei Jahre älter als van Roeken, und das tut hier in Indien nicht gut.« »Nein«, nickte Romelaer, »übrigens mögen die beiden sehen, wie sie miteinander fertig werden. So recht, Sapiri«, wandte er sich dann an einen der Malaien, der emsig beschäftigt war, die umherliegenden Scherben aufzusuchen und äußerst vorsichtig zwischen den Splittern herumtrat, »nimm besonders deine Füße in acht, mein Junge. Dort bei Mevrouw liegt noch eine halbe Tasse und da drüben der Löffel dazu - was der Kerl für ein Gesicht schneidet, und wie mißtrauisch er immer nach der Decke hinaufsieht.« Mit den fortgetragenen Spuren der letzten Verwüstung dachte aber niemand mehr an den ausgestandenen Schreck. Die Sache war vorbei, und man lachte jetzt höchstens noch über die komischen Szenen, die dabei vorgefallen waren. Auch das Quartett fand sich wieder zusammen, um die unterbrochene Sonate wenigstens zu Ende zu spielen, aber es war schon keine rechte Andacht mehr dazu da. Besonders die jungen Leute wollten tanzen, und eine der jungen Damen gab durch einen frischen Walzer, den sie selber spielte, die erste Anregung dazu. Das übrige fand sich bald von selbst. Die Tische und Stühle wurden beiseite geschoben, und während die älteren Herren schon lange wieder ihr vorher unterbrochenes Spiel aufgenommen hatten, flogen die jungen Paare lustig durch den Saal und auf dem glatten Marmorboden dahin. Nur Wagner war still und schweigsam; Marie, die den ersten Walzer mit ihm tanzte, neckte ihn, daß ihm das Erdbeben noch in den Gliedern liege, aber er schützte Kopfweh vor, sah auch bleich und angegriffen aus, und bat bald darauf seine schöne Tänzerin, sich beurlauben zu dürfen. Marie schien am Anfang ein wenig pikiert darüber; daß ihm aber nicht ganz wohl sei, sah sie ihm selber an, und wenige Minuten später rollte der junge Mann in seinem Bendi am Kali besaar wieder hinab und van Roekens Wohnung zu. Diesen fand er indessen noch nicht zu Haus - Mevrouw van Roeken war in Gesellschaft, Mynheer aber, wie ihm einer der Malaien sagte, wahrscheinlich noch in der Harmonie, einem batavischen Gesellschaftslokal, und sein Kutscher bekam den Befehl, ihn dorthin zu fahren. Er mußte van Roeken heute noch sprechen. 10. VAN ROEKENS FATALE SITUATION In der Harmonie, dem großen batavischen Gesellschaftslokal, ging es noch lebendig zu, denn während der Tag ausschließlich bei Geschäften gewidmet bleibt, ist der Abend ebenso gewiß dem Vergnügen, der Erholung bestimmt, und ein javanischer Abend endet nie vor zwölf Uhr nachts. Eine große Anzahl von Fuhrwerken hielt auch auf dem großen Platz, da es selbst in der Nachtkühle niemandem einfällt, zu Fuß nach Haus zu gehen. Die Kutscher saßen schlafend auf dem Bock, die Ponys ließen ebenfalls die Ohren und den Kopf hängen und träumten von ihrem Stall, und die »Herrschaft« vergnügte sich in den hell erleuchteten Räumen und dachte weder an Kutscher noch Pferde. Wagner sprang die hohen steinernen Stufen hinauf, die zu den Gesellschaftssälen führten, und hier und da einen Bekannten grüßend, ging er auf der Suche nach van Roeken langsam durch die inneren Räume. An Spieltischen und Billard vorüber, sah er ihn endlich auf einem bequemen Rohrstuhl ausgestreckt in einer Fensternische eine der heut mit der Mail eingetroffenen Zeitungen durchstudieren. »Ah, Wagner? Schon aus deiner Gesellschaft zurück?« »Ja - und nur, um dich aufzufinden«, lautete die Antwort, »ich möchte gern etwas mit dir besprechen. Wir sind aber hier nicht ungestört - bleibst du noch lange da?« »Ich wollte eben nach Haus.« »Gut, dann laß unsere Bendis hinterherfahren und uns zu Fuß gehen.« »Zu Fuß, den ganzen Weg? Was fällt dir ein?« »Es ist ein wundervoller Abend und kühl wie trocken; der Spaziergang wird uns beiden nicht schaden - oder willst du mich in meine Wohnung begleiten, dann können wir fahren.« »Nun meinetwegen, so laß uns gehen«, sagte van Roeken aufstehend, »du siehst mir aber so verdammt feierlich aus. Ist etwas vorgefallen?« »Heute? Nein - doch davon nachher.« »Apropos, habt ihr das Erdbeben gespürt? Wetter! Der erste war ein starker Stoß, ich habe aber eine Partie Billard dadurch gewonnen. Mein Ball wollte am Loch vorbei, und die Erschütterung warf ihn gerade hinein. Du hättest nur sehen sollen, wie das Volk hier aus dem Saal hinausstürzte. Meine Frau wird wieder eine schöne Angst gehabt haben.« Van Roeken hatte seinen Hut genommen, und Wagners Arm ergreifend, schlenderte er mit ihm durch die Säle, dem freien Platz zu, wo ihre beiden Kutscher, durch ein bestimmtes Zeichen herangerufen, Befehl erhielten, langsam van Roekens Wohnung zuzufahren. Van Roeken besaß jetzt ein eigenes Haus in der Vorstadt Weltefreden, und Wagner wohnte noch etwas weiter draußen. Die beiden Männer hatten sich ihre Zigarren angezündet und schritten eine Weile schweigend nebeneinander her. Wagner wußte nicht recht, wie er beginnen sollte, und van Roeken, mit einer unbestimmten Ahnung des Zusammenhanges, beeilte sich nicht gerade, ihm zu helfen. Endlich begann der Deutsche aber doch und sagte: »Höre, Leopold, ich habe heute einen mir höchst fatalen Brief aus Deutschland bekommen, über den es mich eigentlich Überwindung kostet mit dir zu sprechen.« »Lieber Freund«, sagte van Roeken lachend, »ich habe einen gleichen und wahrscheinlich von derselben Hand erhalten, und meiner kostet mich nicht nur Überwindung, er kostet mich, was viel schlimmer ist, Geld! - Du meinst von Scharner?« »Ja, allerdings!« rief Wagner. »Jetzt erkläre mir aber auch dein ganzes sonderbares Betragen, weshalb du hinter meinem Rücken an meinen Geschätsfreund schreibst und mir keine Silbe davon sagst - ja, noch mehr, daß du nach Deutschland schreibst und dir eine Frau kommen läßt, und inzwischen, während sie noch nicht einmal Zeit gehabt hat, hier einzutreffen, eine andere heiratest. Was soll jetzt werden?« »Hm, ja«, brummte van Roeken vor sich hin, »du erinnerst dich doch jenes Abends, an dem wir, etwas fidel, meinen Geburtstag feierten?« »Allerdings; aber auch du wirst dich wohl erinnern, was ich dir schon damals über deine tolle Idee sagte.« »Nicht ein Wort«, versicherte van Roeken, »keine Silbe, wahrhaftig nicht! Ich war an dem Abend ein wenig aufgeregt und dachte, gute Vorsätze solle man, wie ein altes Sprichwort lautet, nicht bis zum nächsten Morgen hinausschieben.« »Und hast an demselben Abend, vom Wein erhitzt, noch einen so wichtigen Brief geschrieben?« rief Wagner, wirklich erstaunt, aus. »Geschrieben und gesiegelt«, versicherte aber van Roeken, vollkommen ruhig. »Erst wollte ich nach Holland schreiben, da fiel mir aber dein alter, würdiger Freund Scharner ein, von dem du mir so viel erzählt hast. Seine Adresse hatte ich zufällig, da ich ihm damals, als du in Macassar warst, etwas schicken mußte, und so besann ich mich nicht lange und schrieb dorthin. Du hattest mir außerdem immer das häusliche Wesen der deutschen Frauen so sehr gelobt, daß ich glaubte, nichts Besseres tun zu können, als mich von dorther mit einer Lebensgefährtin zu versehen, und da ich die Gewissenhaftigkeit des Alten aus Erfahrung kannte, selbst wenn er uns die unbedeutendsten Sachen besorgte, so glaubte ich auch darin mich auf ihn verlassen zu können.« »Und trotzdem hast du hier geheiratet? Was soll jetzt werden?« fragte Wagner finster. »Nun«, lachte van Roeken, »die Sache ist noch immer nicht so schlimm und ein solcher Fall vorgesehen. Ich habe allerdings heute ebenfalls einen Brief von ihm bekommen und daraus ersehen, daß die für mich anfänglich bestimmte Braut unterwegs ist. Natürlich kann ich nicht zwei Frauen nehmen, und Mevrouw van Roeken würde auch keine zweite Frau neben sich dulden - ich möchte wenigstens nicht die zweite sein. Indessen habe ich die junge Dame dadurch vollkommen sichergestellt, daß ich mich verpflichtete, ihr - im Fall eines Hindernisses - die Rückreise und außerdem noch fünftausend Gulden Entschädigung auszuzahlen.« »Und welchen Begriff hast du dir von einem Wesen gemacht, das du zu deiner Lebensgefährtin haben wolltest, wenn du glauben konntest, sie würde sich, wenn sie abgewiesen wird, augenblicklich und vollständig mit einer gewissen Summe Geldes beruhigen!« rief Wagner erstaunt. »Aber du siehst doch, daß sie gekommen ist«, meinte van Roeken, der daran noch gar nicht einmal gedacht hatte. »Allerdings«, sagte Wagner, »aber Scharner hat mir auch den Inhalt deines Briefes mitgeteilt, nach dem ein solcher Fall als höchst unwahrscheinlich bezeichnet wurde und nur für ein unvorhergesehenes Hindernis - ein mögliches Mißfallen vielleicht - gelten sollte.« »Bah«, sagte van Roeken leichthin, »ein Mädchen, das sich überhaupt entschließt, über See einen wildfremden Menschen zu heiraten, nimmt auch mit fünftausend Gulden vorlieb, und ich kann die Summe leicht entbehren. Mit Mevrouw van Roeken habe ich das hübsche Kapital von hundertzwanzigtausend Gulden hereinbekommen. Fünftausend davon, und mit Her- und Hinfahrt selbst zehntausend gerechnet, bleiben mir immer noch hundertzehntausend, und meine Spekulation war deshalb gar nicht so schlecht. Ich habe wenigstens schon schlechtere gemacht - hoffe es jedenfalls«, setzte er vorsichtig hinzu. »Und doch hast du dich hier sehr geirrt«, sagte Wagner ernst. »Du hattest allerdings recht, als du Scharner für einen braven und gewissenhaften Mann hieltest, der dir, als meinem Freund und Kompagnon, nur eine tüchtige und deiner würdige Frau empfehlen und senden würde. Aber du hast vollkommen unredlich, ja frevelhaft gehandelt, daß du das arme Mädchen jetzt, hier in einem fremden Land, in eine solche Lage bringst.« »Aber die fünftausend Gulden!« rief van Roeken, doch verlegen gemacht durch die ernsten Worte. »Sobald sie sich hier nicht wohl fühlt oder nicht hierbleiben will, steht ihr ja nicht das geringste Hindernis im Wege, sich mit jeder nur erdenklichen Bequemlichkeit wieder nach Deutschland einzuschiffen - ja, wenn du es für nötig hältst will ich gern die Summe noch erhöhen und alles tun, was in meinen Kräften steht, sie zufriedenzustellen, und wäre es nur des alten Mannes wegen.« »Du pochst immer auf dein Geld«, sagte Wagner seufzend, »ich fürchte aber, mit Geld ist die Sache keineswegs so leicht gutgemacht, wie du jetzt noch zu glauben scheinst. Scharner hat an mich geschrieben und mir in seinem Brief einzelne Andeutungen über das junge Mädchen gegeben, das den schweren, sorgenvollen Schritt getan hat, um in einem anderen Weltteil Frieden - und vielleicht häusliches Glück zu finden. Sie scheint aus einer der besten und früher wohlhabendsten Familien des Landes zu stammen und jetzt durch unverschuldetes Unglück gedrückt zu sein, hat sich aber trotzdem doch nur auf sein Zureden und seine Bürgschaft deiner Redlichkeit entschlossen, auszuwandern. Weil er mich von klein auf kennt, weil er weiß, daß wir beide eng befreundet und Teilhaber ein und desselben Geschäftes sind - weil er sich ferner nicht denken konnte, daß du ihm einen solchen Auftrag geben könntest, ohne vorher mit mir darüber ausführlich gesprochen zu haben, also auch meiner Zustimmung gewiß sein mußte, nur aus diesen Gründen hat er ihr, der er das beste und glücklichste Schicksal wünscht und dadurch zu bereiten hoffte, aus voller Seele angeraten, dem Ruf zu folgen. Er kann dabei nicht genug schildern, was für ein liebes, braves Mädchen es ist, wie vortrefflich erzogen, wie gebildet, wie sanft und rechtschaffen sie - eine Waise - in der Welt dort stand. Nun urteile selbst - ein solches Wesen, von allem losgerissen, woran bis jetzt ihre Seele hing, vertrauensvoll einem fremden Weltteil entgegensegelnd, in dem es einen Freund zu finden hofft - ausgestattet dabei mit körperlicher und geistiger Schönheit, also im Übermaß noch die Geberin - ein solches Wesen landet jetzt hier in unserer Stadt, in der jeder Fremde sowieso schon mißtrauisch betrachtet wird, und findet sich, anstatt freundlich aufgenommen, wieder und immer wieder zurückgestoßen in die Welt. Was hilft es ihr, daß die Hand, die sie gerade zurückstößt, voll Gold ist - sie verlangte nicht Gold, sie verlangte ein Herz - sie rief nach Brot, und du gibst ihr einen Stein. Denke dich jetzt in ihre Lage, und sage mir dann, ob du noch glaubst, die ›Sache‹ mit fünftausend Gulden zu aller Zufriedenheit und ohne weitere Gewissensbisse regeln zu können. Und wie steh' ich selber meinem alten wackeren Freund dabei gegenüber, den ich wohl kaum jemals werde überzeugen können, daß ich, bis zu seinem Brief, nicht eine Silbe von der Sache wußte?« »Den Teufel auch«, brummte van Roeken leise vor sich hin. »Du malst mir die Sache viel schwärzer aus, als ich sie mir je gedacht habe! Mit bösem Willen ist da wahrhaftig auch gar nichts geschehen, denn daß ich damals keine Ahnung hatte, meine jetzige Frau je zu heiraten, weißt du wohl besser, als ich es dir sagen könnte.« »Und warum hast du sie geheiratet? Warum nicht wenigstens mit einer festen Zusage gewartet, bis du Antwort aus Deutschland hattest? Du magst die Sache drehen, wie du willst, und gesetzlich magst du dich vollkommen frei und schuldlos wissen - moralisch aber, Leopold, hast du nicht gehandelt, und das schlimmste dabei ist, du kannst das begangene Übel nicht einmal wieder sühnen.« »Und du glaubst nicht, daß sie sich mit dem - mit der Summe«, sagte van Roeken verlegen, »begnügen wird? Mißversteh mich nicht«, setzte er rasch hinzu, als ihn Wagner erstaunt ansah, »ich meine nicht, daß sie mehr Geld verlangen würde, was ich ihr von Herzen gern gäbe - ich meine nur, ob sie das Geld nicht doch vielleicht mit der - mit der Zurücksetzung aussöhnen würde? Zum Henker auch, Wagner, wenn ich mir die Sache richtig überlege, muß ich dir gestehen, daß sie mich halb und halb reut. Ich hätte eigentlich den tollen Brief gar nicht schreiben sollen, da er aber einmal geschrieben war, auch das Resultat abwarten müssen. Wir sind aber hier so sehr gewohnt, alles mit Geld abzumachen, daß ich auch hierüber nie ernsthaft nachgedacht habe und die Sache vollständig mit dem Unterschreiben meines Wechsels erledigt glaubte. Außerdem kam mir die Heirat mit meiner jetzigen Frau so rasch und unerwartet - sie war dabei so verdammt in Eile, und ich - sehnte mich so nach einer dauerhaften und geordneten Häuslichkeit...« »Daß du Hals über Kopf in ein Verhältnis sprangst«, sagte Wagner ruhig, »um das dich keiner deiner Freunde beneidet. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und es ist auch geschehen und nicht mehr zu ändern. Jetzt sage aber, was hier geschehen soll, um wenigstens einigermaßen wiedergutzumachen oder doch zu mildern, was du verbrochen hast.« »Hilf du mir, mein Junge«, bat aber van Roeken, den Arm des Freundes fester pressend, »du hast Vollmacht von mir, zu tun, was dir richtig und gut dünkt. Disponiere über irgendeine Summe, fasse die Sache so zart an, wie - wie sie es verdient und wie du es für gut findest, aber erspare mir und - der jungen Dame für jetzt ein Begegnen, das nur für beide Teile höchst unangenehm und schmerzlich sein könnte.« »Hättest du mich früher zu deinem Vertrauten gemacht«, sagte Wagner erregt, »so wäre dir und mir wie jenem armen Mädchen dieser fatale Moment und manche trübe Stunde erspart worden, und jetzt soll ich ausbaden, was du von Anfang an von Grund auf verdorben hast. Aber ich will es doch übernehmen, nicht deinetwegen, van Roeken, glaube das nicht, denn für recht und billig hielt' ich es, daß du das, was du schamlos angebahnt hast, auch büßen und ertragen müßtest, aber - des armen Mädchens wegen, das völlig allein dieses fremde Ufer betritt!« »Wäre es denn nicht möglich«, rief van Roeken, von einem neuen Gedanken erfaßt, »ihr wenigstens das Unangenehme einer solchen Entdeckung zu ersparen? Wenn ich nun in der Zeit gestorben wäre und dir aufgetragen hätte, für sie zu sorgen? Batavia gilt für ein verteufelt ungesundes Klima; ein solcher Todesfall würde ihr also ganz denkbar scheinen; persönlich kennt sie mich ebenfalls nicht, und Scharner könnte man ja die ganze Sache aufrichtig schreiben.« »Du vergißt, daß wir nicht gleich am nächsten Tag Gelegenheit haben, sie zurückzubefördern«, sagte Wagner, »und daß sie inzwischen an Land kommen muß, wo sie leicht von anderer Seite, und dann noch viel verletzender, die Wahrheit erfahren könnte. Wir wissen überhaupt nicht, ob sie, selbst in diesem Fall, Java gleich wieder verlassen will, und können sie doch nicht zwingen. Überlegung verdient dein Vorschlag aber jedenfalls. Hast du überhaupt hier in Batavia noch zu jemandem von dieser Idee gesprochen?« »Niemandem - nur - nur zu Heffken, der am nächsten Morgen zufällig mit mir zusammentraf.« »Der wäre gerade der letzte, den ich zu meinem Vertrauten wählen würde«, sagte Wagner finster und bestimmt, »aber er weiß wenigstens nicht, daß du sie jetzt erwartest.« »Der Teufel soll es holen«, fluchte van Roeken ärgerlich vor sich hin, »gerade er kam mir heute wieder in den Weg, als ich das Geschäft verließ.« »Und du sprachst mit ihm darüber?« »Ich hatte den Kopf voll von der Geschichte, denn Scharner zeigt mir in seinem Brief an, daß die junge Dame mit der Rebecca am 9. August abgesegelt sei, und wenn sie eine glückliche Reise habe, könnte sie jeden Tag hier eintreffen. Daß die verwünschte Mail auch gerade im vorigen Monat auf den Sand laufen mußte; wenn aber einmal ein Unglück sein soll, so kann man sich auch fest darauf verlassen, daß alles zusammenkommt, die Geschichte nur noch immer tiefer in den Schlamm hineinzureiten.« »Das ist freilich schlimm«, sagte Wagner seufzend, »wäre die Sache unter uns geblieben, so hätte sich noch möglicherweise ein Ausweg finden lassen, aber so, mit Heffken als Mitwisser -« »Wenn man nun mit ihm spräche und ihn bäte...« »Um Gottes willen nicht!« rief Wagner rasch. »Heffken ist ein außerordentlich tüchtiger Geschäftsmann, und auch sonst kann man ihm, was seinen Charakter anbetrifft, nichts Böses nachsagen; er ist aber der boshafteste, schadenfroheste Mensch unter der Sonne und - wenn mich nicht alles täuscht - weder dir noch mir sehr freundlich gesinnt.« »Da irrst du dich!« rief van Roeken rasch, »Heffken ist mir so viele Verbindlichkeiten schuldig, daß ich schon deswegen fest überzeugt sein darf, er würde mir den Gefallen mit Vergnügen tun.« »Es ist möglich, und ich will es wünschen«, sagte Wagner. »Verbindlichkeiten bewirken aber gar nicht selten gerade das Gegenteil von dem, was wir vernünftiger- und rechtlicherweise erwarten könnten. Wie dem aber auch sei, sage ihm nichts weiter; er weiß ohnehin schon mehr als gut und nötig war, und weiteres Vertrauen könnte die Sache nur verschlimmern. Hast du ihm das Schiff genannt, mit dem sie kommt?« »Nein.« »Desto besser, dann ist auch noch nicht alles verraten. Gib mir aber jetzt Zeit zum Überlegen, und ich will sehen, was sich in der Sache tun läßt, um das Zartgefühl jenes armen Mädchens soviel wie möglich zu schonen. Um dir jedoch zu beweisen, daß ich nicht ganz ohne Grund deswegen besorgt hin, gebe ich dir hier Scharners Brief - du magst ihn mir morgen früh wieder mitbringen. Ich weiß nicht, was er dir geschrieben hat, lies aber, was er mir über die junge Dame sagt, die er darin noch einmal meiner besondern Fürsorge empfiehlt.« »Aber ich brauche den Brief gar nicht.« »Lies es«, bestand aber Wagner darauf, »und sieh dann selber, welches Unheil du mit deinem Leichtsinn angerichtet hast. Es ist die geringste Strafe, die ich dir auferlegen kann, und du darfst sie nicht geschenkt bekommen.« »Und versprichst du mir«, sagte van Roeken, »daß du die Sache so gut wie irgend möglich für mich abmachen willst - damit ich auch - damit ich auch meiner Frau gegenüber nicht kompromittiert werde?« »Höre, Roeken«, sagte Wagner, »ich fürchte fast, sie ist bei deiner Reue der gewichtigste Grund. Wie dem aber auch sei, nicht deinet- oder deiner Frau, sondern des Mädchens wegen will ich tun, was in meinen Kräften steht. Mach aber dann auch wenigstens das Übel nicht ärger, als es schon ist, und rede mit keinem Menschen, wer er auch sei, weiter darüber. Wenn du den Brief gelesen hast, wirst du mir selber recht geben, daß das Ganze nicht zart genug behandelt werden kann, hast du doch ohnehin schon rauh genug in ein armes, mißhandeltes Leben eingegriffen, das seine ganze und letzte Hoffnung gerade auf dich gesetzt hatte. Und nun gute Nacht! Hier ist dein Haus, und wenn ich mich nicht irre, sehe ich im Portico auch deine Frau. Ich bin aber heute nicht in der Stimmung, ihr noch Tabé zu sagen; also gute Nacht, Leopold - morgen sprechen wir weiter darüber.« Er reichte van Roeken die Hand, die dieser herzlich schüttelte, und wandte sich dann dem unterdessen heranfahrenden Bendi entgegen. Nur einen Augenblick blieb er noch draußen im Garten stehen, um die erste Begrüßung der beiden Gatten mit anzusehen. Mevrouw van Roeken stand auf den steinernen Stufen des Porticus unter den brennenden Astrallampen, die ihr Licht dort den ganzen Abend einsam und allein ausgegossen. Die Batavier hassen aber ein dunkles Haus, und wenn auch die Herrschaft nicht zu Haus ist, darf die Beleuchtung doch trotzdem nicht fehlen. Mevrouw van Roeken, eine kleine, fast etwas zu korpulente, aber doch ziemlich behende Gestalt mit rabenschwarzem Haar, ebensolchen Augen und einem etwas mehr als sonnengebräunten Teint, hatte das Fuhrwerk vor dem Gartentor gehört und stand dort, ihren Gatten erwartend. »Nun ja, Tuwan van Roeken!« rief sie ihm in ihrer wunderlichen Sprachweise, halb malaiisch, halb holländisch, entgegen. »Segala djangang, daß du nur einmal wieder zurückgekommen bist.« »Aber, mein Schatz, ich wußte dich in Gesellschaft.« »Betoel - in Gesellschaft, bei solch einem goempah - nach Haus bin ich gelaufen, um hier zu sterben, und keine Seele hier - und in der kalten Nachtluft.« »Aber warum bist du nicht zu Bett gegangen?« »Sekarang bagimana tidor tiada bohlih - allein hier, wenn alle Türen offenstehen.« »Aber, mein süßes, liebes Herz...« »Baik, baik, komm nur herein, du bist ein Ungeheuer, das mich noch unter die Erde...« Wagner verstand nichts weiter; die Dame war indessen in das Haus getreten, wohin ihr van Roeken langsam folgte, und der junge Deutsche schritt kopfschüttelnd auf sein in der Zwischenzeit langsam herangekommenes Fuhrwerk zu, um damit die eigene Heimat aufzusuchen. 11. HERR HORBACH ALS FREMDENFÜHRER. - DER BASAR IN MEESTER CORNELIS Mehrere Paalen1) vor Batavia liegt ein altes Fort, Meester Cornelis genannt, das in früheren Jahren mit vielen anderen, ähnlichen, gebaut worden war, um den Europäern Schutz gegen die noch immer nicht vollkommen unterworfenen Eingeborenen zu gewähren. Batavia war damals mit hohen und festen Wällen umgeben, was viel dazu beitrug, den Durchzug der frischen Luft zu verhindern und die Stadt ungesund zu machen, und überall in der Umgebung standen solche detachierte Forts, um Malaien wie Chinesen durch ihre mit Kanonen gespickten Wälle den gehörigen Respekt einzuflößen. Jetzt aber sind sie fast alle geschleift worden, denn die Europäer gebrauchen andere und weit sicherere Mittel, um die Eingeborenen im Zaum zu halten, als Pulver und Blei: nämlich den Eigennutz und das Interesse ihrer eigenen Fürsten, und um sich das zu bewahren, bedarf es keiner Wälle von Lehm und Stein. Die Stadtmauern sind deshalb verschwunden und ebenso die Forts, und nur bei Meester Cornelis war das eine erhalten, um als Gefängnis für Verbrecher zu dienen. Dort aber entstand mit der Zeit ein kleiner geschäftiger Kampong (wie die Dörfer der Eingeborenen genannt werden), und nachdem sich eine Anzahl Javanen da niedergelassen hatte, fehlten auch bald die Chinesen nicht, die Blutsauger der javanischen Bevölkerung. Die Chinesen sind - das kann man ihnen nicht abstreiten - ein fleißiges, tätiges und keine Arbeit scheuendes Volk, und alle Handwerke im ganzen Indischen Archipel werden fast nur von ihnen betrieben. Sie sind aber dabei auch Handelsleute, wie es keine zweiten auf der Welt gibt, und selbst Yankees wie Israeliten könnten von ihnen lernen - und lernen von ihnen. Im Großen wie im Kleinen versteht der Chinese das Geschäft, und während ihm gerade die nötige Quantität Gewissen fehlt, so daß er im Handel alles richtig findet, was ihm Vorteil bringt, schreckt er andererseits vor keiner Mühe zurück und macht den Deut zum Gulden. Fast alle Einzelhändler auf ganz Java sind Chinesen; ebenso haben sie das Opiummonopol von der Regierung gepachtet; Chinesen halten die Spieltische und chinesischen Theater; Chinesen schicken die Ronggings durchs Land, die sie unterhalten und die an sie dafür eine gewisse Summe zahlen müssen; und ob sie nun mit Juwelen oder mit Erdnüssen handeln, ob sie große Güter verwalten oder gemeinen Wucher pflegen, ihre Betriebsamkeit bleibt sich immer gleich. Wo deshalb ein Kampong der Eingeborenen liegt, da sorgt sicher wenigstens ein Chinese dafür, sich mitten zwischen sie hineinzusetzen und ihnen das zu bringen, was sie vielleicht zu ihrem Leben brauchen könnten, denn was sie wirklich brauchen, ist außerordentlich wenig. Dem einen folgen dann wieder andere, ein Tauschhandel wird eröffnet, wobei die Chinesen schlechte europäische Kattune etc. für gute Feldfrüchte geben, und es dauert nicht lange, so entsteht in dem Kampong eine ordentliche Straße mit Laden an Laden, alle Chinesen gehörend, alle einen guten Gewinn abwerfend, denn was der Javaner mit saurem Schweiß verdient, der Chinese hält davon die Ernte. Meester Cornelis nun, ein kleiner Ort in einer günstigen Lage nahe Batavia und an der Hauptstraße von dort nach Buitenzorg und den Preanger Regentschaften, bildete sich bald zu einem nicht unbedeutenden Marktflecken heraus, der alle Segnungen der Zivilisation umschloß. Nicht allein, daß dort ein wöchentlicher sehr besuchter Basar oder Markt abgehalten wurde, ein Chinese errichtete dort auch eine Opiumhöhle. Außerdem frequentierten die Ronggings den Platz, und der Opiumpächter sorgte noch nebenbei dafür, daß nicht allein die Einheimischen, sondern auch batavische Besucher wohlunterhaltene Häuser voll fröhlicher Gesellschaft fanden. Meester Cornelis wurde dann auch mit der Zeit nicht allein ein berühmter, sondern ein berüchtiger Ort, der genug Eigentümliches bot, um besonders die Fremden zu sich hinauszulocken. Die Ergötzlichkeiten des Basars beginnen aber gewöhnlich schon am Abend vorher, da die zum Markt kommenden Leute fast alle größere Strecken zurückzulegen haben und deshalb nicht erst am Markttag selber dorthin aufbrechen können. Und während die Opiumesser2) sich in ihrer Höhle sammeln, führen die Ronggingmädchen draußen ihre Tänze auf und locken auch nicht selten von den auf hohem Bambusgerüst aufgeführten Theatern mit ihrer ohrenzerreißenden Musik die Zuschauer herbei, die dann wieder den Spielpächtern in die Hände fallen. Buntgekleidete, mit Blumen geschmückte Mädchen aller Hautfarben huschen dazwischen umher, und die Fruchtverkäufer und Eßbuden, wie die Stände, in denen ziemlich harmloser Palmensaft und noch harmloseres heißes Wasser3) verabreicht werden, geben besonders für den Neuling ein kaum zu beschreibendes pittoreskes Bild. Das eigentliche Leben eröffnet aber erst der Sonnenuntergang, dem fast unmittelbar die rasch einbrechende Nacht folgt, und der ganze Markt ist jetzt illuminiert. Jeder Fruchtverkäufer, jeder Stand, zündet nämlich seine mit Kokosnußöl genährte Lampe an, die er durch ein breites grünes Bananenblatt vor dem Wind schützt, und unter dem breiten Bambusschuppen der Ronggingmädchen, die sich zum Tanz aufstellen und dabei mit den um sie herdrängenden Javanen und Chinesen kokettieren, wird ebenfalls eine große tiefhängende, von vier Dochten unterhaltene Lampe angebrannt. Wohl gießt der Mond sein silbernes Licht über die ganze Szene und wirft seltsame Schatten auf den weiten Platz, aber der Tanz verlangt grellere Beleuchtung; die Mädchen wollen gesehen und bewundert werden, und doch - wieviel freundlicher würde ihre Erscheinung ohne die helle Lampe sein. Hier und da fährt ein einspänniger Bendi auf den Platz des Basars und hält seitwärts unter einem breiten Schuppen. Auch eine zweispännige Carreta kommt an, und zwei Herren, die nach ihrer Kleidung und ihrem ganzen Wesen den Seemann nicht verleugnen können, steigen mit einem dritten, etwas eleganter, aber auch liederlicher Gekleideten aus und schlendern langsam mitten in das Menschengewühl des Basars hinein. »Gehen Sie, meine Herren«, sagte Horbach, unser alter Bekannter von van Roekens Geburtstagsfest, »hier lernen Sie das eigentliche Leben Batavias mehr kennen, als wenn ich Sie in die ›Harmonie‹ oder alle die übrigen langweiligen Lokale der Stadt führte, um Sie der sogenannten Hautevolee vorzustellen - haute volaille4) wäre übrigens ein viel passenderer Name für derartiges Gelichter, denn Damen und Herren tun doch weiter nichts, als aufeinander herumzupicken und zu kratzen, was sie nachher Unterhaltung nennen. Hier dagegen finden wir die eigentliche Urnatur der ganzen Insel, das Volksleben, wie es im Buche steht, die nackte Wahrheit ohne Schminke und Verkleidung, wenn jene chinesischen Mädchen da drüben, die den Heidenlärm machen, auch ein halbes Pfund Schminke auf den Backen tragen; sie machen wenigstens kein Geheimnis daraus und hängen noch eine besonders große Lampe daneben, daß man es recht deutlich sehen kann. Heut abend werde ich Sie deshalb in die Geheimnisse von Meester Cornelis einweihen, und Sie sollen mir zugestehen, daß Sie einen genußreichen Abend davon haben.« »Schön!« rief der eine, »dann wollen wir uns aber erst einmal vor allen Dingen die Tanzmädels da drüben ansehen. Donnerwetter, da geht's lustig zu, und wie die braunen Halunken so hübsch juchzen können. Die Bauern bei uns daheim verstehen es nicht besser. Wenn nur nicht jeder von den Schuften sein langes scharfes Messer im Gürtel trüge!« »Es hat keine Gefahr«, lachte Horbach, »und ist mehr alte Gewohnheit als irgend etwas anderes; nehmen darf man ihnen das Messer freilich nicht, sonst würden sie, ebenfalls aus alter Gewohnheit, rebellieren; wenn sie es aber nur haben, sind sie zufrieden. Es sticht keiner damit.« »Und dann müssen wir auch einmal die Opiumraucher besuchen«, sagte der andere, »ich habe so etwas noch nie gesehen.« »Überall gehen wir hin«, versicherte Horbach, »keinen Winkel soll es im ganzen Meester Cornelis geben, in dem wir nicht herumkriechen. Ich selber bin hier bekannt wie ein bunter Hund - die braunen und gelben Burschen haben mich alle gern, kosten mich auch schon, wie Sie mir glauben dürfen, ein schönes Geld, und kein Haus steht im ganzen Nest, in dem ich nicht Zutritt...« Er hielt mitten in seiner Rede inne, denn eine ihm bekannte Gestalt, die er hier am allerwenigsten vermutete, glitt gerade zwischen den zwei Lampen dort sitzender Fruchtverkäufer hindurch und verschwand in der dahinter liegenden Dunkelheit. Es sah dabei gerade so aus, als ob der Mann ihm und seiner Gesellschaft aus dem Wege gehen wollte und vielleicht nicht einmal erkannt sein mochte. Horbachs scharfes Auge hatte ihn aber im Nu erfaßt, und die kleine etwas gebeugte Gestalt in dem Frack aus ungebleichter roher Seide war außerdem nicht zu verkennen. Es mußte Heffken gewesen sein; zu welchem Zweck trieb sich der aber - und allein - hier in Meester Cornelis umher? »Wo wollen Sie hin?« fragte einer der Schiffskapitäne, »ich dachte, wir sollten uns erst einmal die Tänzerinnen ansehen?« »Ich hin den Augenblick wieder bei Ihnen!« rief aber Horbach, »bitte, bleiben Sie nur einen Moment hier stehen«, und damit war er schon hinter den Gruppen dort müßig umherschlendernder Eingeborener und Chinesen verschwunden. Unbemerkt folgte er der hellen Gestalt des Buchhalters, bis er wußte, wohin dieser sich wandte, und um seiner Person dann ganz gewiß zu sein, ging er auf dem Rückweg an der Stelle vorbei, wo die Fuhrwerke hielten. Er kannte Heffkens gewöhnlichen Kutscher, der auch tatsächlich an der Stelle hielt, und nun erst suchte er seine beiden mitgebrachten Freunde wieder auf. Was Heffken trieb, ging ihn allerdings nichts an, aber er haßte den kleinen tückischen Burschen, der besonders ihn schon mehrmals sehr verächtlich und wegwerfend behandelt hatte. Wo sich ihm deshalb eine Gelegenheit bot, ihn zu ärgern, wäre er der letzte gewesen, der sie unbenutzt gelassen hätte. Übrigens hatte er sich keineswegs geirrt. Heffken war eben mit seinem Bendi angekommen und wollte, irgendeinem bestimmten Ziel entgegen, quer über den Basar gehen, als er, noch ehe er ihn selber sah, Horbachs etwas scharfe Stimme hörte. So unangenehm ihm der wüste Mensch stets war, um so viel weniger mochte er gerade hier und allein mit ihm zusammentreffen und bog deshalb rasch zur Seite aus, um ihn zu vermeiden - doch freilich nicht früh genug, um ganz unbemerkt an ihm vorbeizuschlüpfen. Jedenfalls glaubte er es aber und verfolgte seinen Weg rasch am Basar entlang auf die letzten Häusern zu, die dort im Dunkeln und von den übrigen etwas getrennt lagen. 1) Durch ganz Java sind auf den vortrefflich instand gehaltenen Poststraßen Meilenpfähle - immer eine englische Meile voneinander entfernt, mit der Nummer daran - aufgestellt. Die Engländer haben dies getan, während Java in ihrem Besitz war, und die Einteilung ist von den Holländern als zweckmäßig beibehalten worden; man rechnet deshalb dort die Entfernung nur nach »Paalen«, was soviel wie eine englische Meile bedeutet. (Zum Text) 2) Sonderbarerweise nennen die Javanen das Opiumrauchen Opiumessen, vielleicht, weil sie den Rauch dabei verschlucken. (Zum Text) 3) Die Javanen sind ein außergewöhnlich mäßiges und genügsames Volk, das sich besonders selten oder nie mit alkoholischen Getränken berauscht. Schon die Bitte der Arbeiter um ein Geschenk ist charakteristisch, denn sie fordern nicht - wie bei uns - ein Trinkgeld, sondern sagen: »Ketil presentie, tuwan, poer makan« (ein kleines Geschenk, Herr, für Essen). Die Eßbuden bilden dann auch ihre Haupterholungsplätze, denn dort können sie trockenen Reis, spanischen Pfeffer, kleine Stücke Fleisch, verschiedene gekochte Gemüsesorten und süße Leckereien bekommen, wobei für einen Deut oder Pfennig eine Tasse heißes Wasser gereicht wird. Das trinken sie wie wir Tee oder Kaffee und scheinen sich dabei vollkommen wohl zu fühlen. (Zum Text) 4) volaille = Geflügel (Zum Text) Eins der niedrigen Bambushäuser stand von dem nächsten durch einen kleinen Garten getrennt. Den Boden aus roh behauenen Planken gelegt, die Wände aus Bambus dicht geflochten, die Stützen darin ebenfalls Bambus und das Dach mit dem Bast der Arekapalme gedeckt, hatte das kleine Haus kein Fenster und nur eine Bambustür, die den Tag über offen blieb, um Licht hereinzulassen. Luft konnte sowieso überall durch die Wände dringen. Im Innern brannte jetzt eine einfache Lampe: eine flach ausgeschnittene Kokosnußschale, mit Kokosnußöl und einem dicken baumwollenen Docht in der Mitte. Sie verbreitete ein ziemlich helles Licht in dem kleinen Raum und ließ zwei Gruppen von Eingeborenen erkennen, die drinnen auf ausgebreiteten, weich aus Binsen geflochtenen Matten saßen. Es waren drei Frauen und ein Mann. Die eine, ein altes, häßliches und widerliches Geschöpf, die schwarzen struppigen Haare wirr um den Kopf hängend, einen Sarong um die Hüften, eine alte schmutzige cabaya über die Schultern geworfen, saß dicht neben der Lampe, deren Flamme ihr volles Licht auf die runzligen, fast dunkelbraunen Züge der Frau warf. Sie war eben beschäftigt, in ein Sirihblatt eine frische Mischung der nötigen Ingredienzen einzuwickeln, um den noch im Mund gehaltenen und ausgekauten gelben Knollen zu ersetzen. Neben ihr, auf dem anderen Ende derselben Matte, kauerte ein alter Bursche, unter dessen Kopftuch grau gesprenkelte Haare hervorhingen und dessen Augen tief und unheimlich in ihren Höhlen lagen. Die Beine steckten in kurzen blaugestreiften Hosen, der Oberkörper war nackt, und als er sich vorbeugte, um seine angezogenen Knie mit beiden, vorn zusammengefalteten Händen zu umspannen, trat sein Rückgrat deutlich aus dem fleischlosen Rücken hervor und zeigte jeden Knochen, jede Rippe, die er hatte. Auch er hielt einen Sirihklumpen1) im Mund, schob ihn aber unruhig von einer Seite auf die andere, und der etwas scheue, rasche Blick, den er oft nach der Tür warf, verriet, daß er dort jemanden erwarte. Ganz in der entferntesten Ecke der Hütte kauerte noch auf einer anderen Matte eine Frau, und neben ihr saß oder lag mehr ein junges bildhübsches Mädchen mit dem Kopf auf dem Knie der Mutter und den rechten Arm um ihren Leib geschlungen. Beide Frauen trugen den Sarong, die ältere noch ein ähnliches Tuch um die Schultern, die jüngere ging mit dem Oberkörper nackt; und dies, wie auch die Sandalen aus festem Leder, die ihre Sohlen schützten, schien sie als Bewohner der Preanger Regentschaften auszuweisen. Keine von ihnen sprach aber ein Wort, und nur die Mutter strich manchmal sanft und liebkosend mit der Hand über das Haupt der Tochter, die sich dann nur fester an sie schmiegte. »Er kommt noch immer nicht«, brummte der Alte endlich zwischen seinem Kauen, »daß ihn der Blitz treffe, den langzöpfigen gelben Schuft; er hat mich betrogen und den weiten Weg von Bandong umsonst hier heruntergelockt. Noch immer nicht, und keinen Deut mehr im Gürtel, keinen einzigen Deut mehr - um nur zurückzugehen.« »Warte«, murmelte aber die Alte, »Schong-ho hält sein Wort; aber der Tuwan wird noch nicht gekommen sein. Die Weißen fahren hier nicht gern heraus, ehe es dunkel wird.« »Keinen Deut mehr«, stöhnte der Alte wieder, »keinen einzigen Deut mehr, um eine Handvoll Reis oder eine Pfeife Opium zu kaufen.« »Das ist's, um was du jammerst, du gieriger, liederlicher Mensch«, schimpfte aber die Alte. »Das Opium steckt dir im Kopf, und du kannst es nicht erwarten, bis du wieder sinnlos auf der Bank liegst, daß dir morgen deine Glieder wie gelähmt und zerschlagen sind. Wenigstens warten solltest du, bis du oben und daheim in deinen Bergen bist.« Der Alte zerkaute einen Fluch zwischen den Zähnen, antwortete aber nichts darauf, und nur der ungeduldige Blick, den er wieder und wieder nach der Tür warf, verriet, wie wenig er gesonnen sei, der Mahnung zu folgen. Da öffnete sich plötzlich knarrend die Pforte, und als der alte Javaner rasch und erschreckt auffuhr, stand eine dunkle Gestalt auf der Schwelle und überschaute wenige Sekunden still und schweigend die Gruppe. Auch die Mutter warf einen scheuen Blick nach der Tür, während das junge Mädchen ihr Antlitz nur fester in ihrem Schoß barg. Aber staunend erkannte die Frau dort eine ganz andere Gestalt als erwartet, und sie konnte einen leisen Ausruf nicht unterdrücken. Der alte Mann aber sprang mit beiden Füßen empor, und seine Augen mit der einen Hand gegen das Licht der Lampe abschirmend, rief er: »Und was willst du hier, Patani! Wer hat dich gerufen, und was folgst du uns heimlich bis an die Seeküste, heh?« »Patani?« stöhnte das Mädchen, als sie den Namen hörte, und das Antlitz hebend, aus dem sie die langen dunklen Haare zurückwarf, starrte sie den jungen Mann wie eine Erscheinung an. Hoch aufgerichtet stand dieser noch immer in der Tür. Ein braunes Tuch hielt, nach der Sitte der Einheimischen, seine langen vollen Haare zusammen, den Oberkörper bedeckte eine kurze Jacke aus dem einfachsten Stoff, die Beine steckten, wie bei dem Alten, in nur bis über die Knie reichenden enganliegenden Hosen. An der Seite hing ihm aber der wohl zwei Fuß lange schwere Klewang, mit dem sich die Eingeborenen im Wald die Bahn freihauen müssen, und im Gürtel steckte der seltsam geformte Kris, freilich mit ganz einfachem, nur etwas ausgeschnitztem Holzgriff und in hölzerner Scheide. Der junge Bursche gehörte jedenfalls den Ärmsten seiner Klasse an, aber hoch und schlank wie er da in der Tür stand, mit einem edlen Ausdruck in den dunklen, so schwermütigen Zügen, hätte man ihn fast für ein schönes Bild seines Stammes halten können, das Schicksal der Seinen mit finsterem Schweigen betrauernd. Der Alte aber kannte ihn nur zu gut und hätte in diesem Augenblick wohl jeden andern lieber da gesehen als gerade ihn. War er doch der einzige, der ihm die Tochter noch immer gegen seinen Machtspruch aufhetzte, und was auf der weiten Welt konnte er ihm bieten, womit bezahlen, was ihn das Mädchen seit ihrer Geburt an Nahrung und Kleidung schon gekostet hatte? Und er war entschlossen, das bezahlt zu bekommen. Der junge Mann antwortete nicht gleich auf die direkt an ihn gerichtete Frage; sein Blick suchte in dem nur notdürftig erhellten Raum das Mädchen, und nach dem ängstlichen Ausdruck seiner Züge schien er zu fürchten, zu spät gekommen zu sein. Erst als er sie in der Ecke neben der Mutter entdeckte, hob ein leichter, aber froher Seufzer seine Brust, und mit leiser, doch klangvoller und melodischer Stimme sagte er: »Was ich suche, Hetavi? Du weißt es, ohne daß ich das Wort auszusprechen brauche - deine Tochter!« »Und du weißt, daß du sie nicht bekommen wirst, Patani!« rief der Alte, in Zorn ausbrechend. »In Bandong habe ich es dir gesagt und sage es dir hier. Hast du Geld, das du mir für sie auf die Matte legen könntest? Hast du...« »Ja«, unterbrach ihn der Jüngling rasch, indem er einige Schritte vor und dicht zur Lampe trat. »Ich weiß, wie gierig du danach bist, ich weiß, daß dir Geld alles, das Glück deiner Tochter aber nichts gilt, und bin dir gefolgt, um dir zu bieten, was ich vermag. Die letzte kleine sawa2), die ich noch mein eigen nannte, habe ich in Bandong verkauft, dies ist das Geld dafür - dreißig Gulden -, für das Feld und für meinen Büffel. Nimm es und gib mir Melattie - ich kann arbeiten, und manche Mittel gibt es, wieder Geld zu verdienen und ein neues Feld zu kaufen.« Mit diesen Worten beugte er sich nieder und legte ein kleines Päckchen recepis auf die Matte dicht vor den Alten hin, der sie mit gierigen Augen betrachtete. Eine volle Minute wohl herrschte Todesschweigen in der Hütte, da flüsterte die Mutter in der Ecke: »Gib sie ihm, Vater - gib sie ihm. Brich ihr das Herz nicht, brich es mir nicht; es tut nicht gut! Es tut nicht gut.« »Sind dreißig zweihundert?« brummte die Alte an seiner Seite höhnisch vor sich hin. »Und ist die Dirne zu gut dafür, daß sie tut, was wir alle getan haben und was Reichtum in die Hütte ihres Vaters bringt?« »Und wenn er nun nicht käme?« sagte Hetavi, halb zu sich, halb zu der Alten redend, »wenn er ausbliebe?« »Und läuft dir der Junge da weg?« lachte die Alte verächtlich vor sich hin. »Aber er kommt. Was Schong-ho unternimmt, das führt er auch durch. Der Tuwan braucht ein Mädchen in seinem Haus, und er weiß, daß Schong-ho die beste Ware liefert. Dreißig Gulden«, setzte sie dann verächtlich hinzu, »und keinen Büffel, keine Sawa - und was dann, wenn die dreißig Gulden verbraucht sind?« »Gib mir dein Kind, Hetavi«, bat da Patani noch einmal in herzlichem Ton, »gib mir Melattie. Bald werde ich wieder eine Heimat haben, und wenn du und die Mutter alt und schwach werden, finden sie ein Dach, zu dem sie kommen können. Nimm die dreißig Gulden und gib mir Melattie!« »Das wäre ein Handel!« lachte in dem Augenblick eine heisere Stimme in der Tür, »hahahahaha - frag mich, ob ich einen Büffel oder lieber einen Reisvogel haben will. Nun, Hetavi? - Schlägst du ein? Dann schick' ich den Tuwan, der draußen vor der Tür steht, gleich wieder weg.« »Ist er da!« rief Hetavi rasch und gierig. »Hab' ich es dir nicht gesagt?« »Und mit dem Geld?« »Bah - er weiß, daß er nicht ohne Geld kommen darf. Er gibt zweihundert und der Mutter außerdem auch noch ein Presentie tetjil. Es ist ein sehr großmütiger und reicher Herr.« »Gib mir dein Kind, Hetavi!« drängte in Todesangst der junge Mann, »stoß mich nicht von dir. Mein Vater und dein Vater waren Freunde, du weißt, was du ihm versprochen hast.« »Fort mit dir, Hitzkopf!« rief aber Hetavi, die dreißig Gulden, von denen er bis zu Schong-hos Ankunft keinen Blick gewandt hatte, verächtlich mit dem Fuß fortschiebend. »Fort, ich habe keine Zeit mehr, dein Geschwätz mit anzuhören.« Patani rührte und regte sich nicht. Wie aus Marmor gehauen stand er da und starrte zu Melattie hinüber. »Wenn er noch lange macht, geht der Tuwan fort«, sagte Schong-ho. »Und jetzt gehst du, Orang gunong«, kreischte da die Alte, die bei solchen Aussichten ebenfalls einen Verlust fürchtete, »es sind noch mehr glatte Gesichter oben in den Bergen, noch mehr Melattieblumen - hol dir eine andere, und nun fort, oder ich schreie nach einem der Oppass3), die dich hinbringen sollen, wo du hingehörst.« Patani hörte gar nicht, was sie sprach. Mit leichten, elastischen Schritten stand er an Melattis Seite, und seine Hand auf ihren Arm legend, flüsterte er: »Komm mit mir, Herz - spring auf zu mir und vertrau auf mich. Sie sollen uns nicht halten und wenn...« »Ich darf nicht«, stöhnte das Mädchen entsetzt. »Der Vater will es nicht - o Patani, gehe nicht fort - bleibe bei mir!« »Wenn der Bursche nicht gutwillig geht«, rief der Chinese, der am Ende noch einen Gewaltstreich befürchtete, »so müssen wir andere Mittel finden, ihn fortzubringen. Nimmst du jetzt dein Geld da und gehst, oder soll ich zur Tür hinausrufen? Die Wächter stehen drüben an meinem Haus.« Die Hand des jungen Mannes zuckte fast unwillkürlich nach seinem Kris, aber auch Hetavi war auf seine Tochter zugesprungen und hatte sich vor sie gestellt. Durfte er die Waffe gegen den Vater der Geliebten heben? - »Soll ich rufen?« fragte der Chinese. »So ruf und schwatz nicht lange!« schrie die Alte. »Beim Bösen auch, soll ich nicht mehr Herrin sein in meiner eigenen Hütte?« »Es ist gut«, sagte der junge Bursche leise, indem er zu der Matte zurückschritt, auf der sein Geld lag. »Schande über dich, Hetavi, daß du dein Kind an einen der fremden Hunde verkaufst - Schande über dich; aber das Sündengeld wird dir unter den Händen zerfließen und dein Alter wird Verzweiflung und Reue sein.« Mit diesen Worten hatte er die Banknoten wieder aufgenommen und in seinem Gürtel geborgen und wandte sich zur Tür, an der ihm der Chinese bereitwillig Raum gab. »Lebe wohl, Melattie!« sagte noch einmal der junge Bursche mit schmerzbewegter Stimme. »Wie ich es ertragen soll, dich zu verlieren, weiß ich noch nicht - lebe wohl!« Und wie ein Schatten glitt er aus dem Haus. - In seiner ersten Aufregung wollte Patani auch die Straße gerade hinabstürmen, als sein Blick eine helle Gestalt traf, die sich scheu und eng in den Schatten des Hauses zurückdrückte. So weit verbergen konnte sie sich aber doch nicht, daß der junge Javaner nicht an dem Schnitt der Kleidung, wie besonders an dem weißen breitrandigen Hut den Europäer erkannt hätte. Unschlüssig, was er tun solle, zögerte er einen Moment, und Heffken hätte Grund gehabt zu erschrecken, wenn er imstande gewesen wäre, den Blick voll Haß und Ingrimm zu sehen, der aus den Augen des Jünglings blitzte. Wieder suchte auch dessen Hand den Dolch, und einen Moment war er unschlüssig, ob er sich auf den Gegner werfen sollte - aber die Scheu, die jeder Eingeborene vor dem Europäer hat und die allein es auch den Holländern möglich macht, mit wenig tausend Menschen viele Millionen Javanen unterjocht zu halten, siegte. Außerdem kam jetzt gerade ein Trupp Chinesen die Straße herab, und um diesen nicht zu begegnen, sprang er zur Seite und verbarg sich in dem Schatten der gegenüberliegenden Häuser. 1) Der Sirih - dasselbe, was im Orient Betel genannt wird - ist eine Mischung, die Eingeborene und Chinesen ebenso leidenschaftlich kauen wie der Matrose seinen Tabak. Der Sirih selbst ist eine pfefferartige Schlingpflanze mit einem Blatt, das unserem Bohnenblatt ähnelt. Die Mischung des Sirih besteht aus kleinen Stücken ziemlich geschmacksneutraler Arekanuß, etwas Kalk, manchmal auch ein wenig Tabak dazwischen und noch einigen anderen Ingredienzen. Sein Genuß soll zu Anfang betäuben und Übelkeit verursachen. Männer und Frauen kauen ihn, nur nicht junge, unverheiratete Mädchen - emanzipierte Damen ausgenommen. (Zum Text) 2) Sawa: Ein kleines Stück Reisfeld von ganz unbestimmter Größe. (Zum Text) 3) Oppass: Aufpasser, der Name für die malaiische Polizei. (Zum Text) c 12. HERR HEFFKEN KAUFT EINE SELTSAME WARE UND GERÄT DABEI IN SCHWIERIGKEITEN Es war in der Tat Heffken gewesen, der die zankenden Stimmen im Haus gehört und seine besonderen Gründe hatte, sich nicht dabei zu zeigen. Als er den Chinesen, der bereits wartete, zu Haus gefunden hatte, war er mit ihm der Wohnung der Alten zugeschritten und schickte ihn dort vor allen Dingen erst einmal hinein, um zu sehen, ob die Luft rein sei; er blieb auch in seinem Versteck, bis Schong-ho wieder aus dem Haus kam und mit leiser Stimme rief: »Tuwan - Tuwan! - Wo zum Henker steckt denn der Tuwan jetzt? Er ist fort!« »Wer ist fort, mein Alter?« sagte Heffken, der hinter dem Haus hervorkam und auf seinen Führer zuschritt. »Wer war der Bursche, der da eben das Haus verließ?« »Bah, ein Tollkopf«, lachte der Alte still vor sich hin, »und verrückt genug zu glauben, er könne ein Mädchen, wie das da drinnen, mit dreißig Gulden von seinen Eltern kaufen.« »Und ist Melattie da?« fragte der Europäer rasch. »Ist sie da?« wiederholte der Alte mit seinem heiseren Lachen. »Hat es Euch Schong-ho nicht versprochen, und wird der sein Wort nicht halten? Gewiß ist sie da und wartet mit Schmerzen auf den Tuwan, der ihr das Leben einer Nona geben wird - was kann solch ein armes, in den Bergen wild aufgewachsenes Ding Besseres auch wohl verlangen?« »Und ihr Vater ist auch da, um den Handel gleich fest abzuschließen?« »Alles in Ordnung, wie es Tuwan befohlen haben«, erwiderte der Chinese in seiner kriechenden Freundlichkeit. »Kommt nur herein, ich darf heut abend nicht so lange von zu Hause wegbleiben, denn es ist Basar, und die Mädchen wollen immer unter strenger Aufsicht gehalten sein, wenn sie nicht Unsinn treiben sollen.« Heffken zögerte noch einen Augenblick und sah zurück. Es fiel ihm der Javaner ein; aber die Straße war jetzt leer; das Mondlicht beleuchtete sie hell und klar, und seinem Führer folgend, betrat er vorsichtig die schwankende Veranda des kleinen Bambushauses. Darin hatte sich indessen die Szene verändert. Der alte Mann war an die Tür getreten, und als er die Stimme des Weißen draußen hörte und diesen mit Schong-ho herankommen sah, schritt er auf seine Tochter zu, faßte sie am Arm, und das zitternde Mädchen emporziehend, sagte er leise und rasch: »Jetzt sei vernünftig, Melattie. Der Tuwan ist ein reicher Herr; du wirst es gut haben - hübsche Kleider, goldenen Schmuck und reichlich zu essen. Was hätte dir der arme Tropf, der Patani, bieten können, und ist es nicht außerdem ein tollköpfiger, heißblütiger Bursche, der nur immer Zank und Streit mit den Opass hat? Sie wollen ihn sowieso nicht mehr in Bandong dulden, weil er die Abgaben verweigert und den Vornehmen den gehörigen Respekt. Das wär' ein Glück für dich gewesen, mit dem Vagabunden im Land herumzuziehen und deinen Reis zu erbetteln; Hetavis Tochter ist zu gut dafür.« »Ich fürchte mich, Vater«, flüsterte das Mädchen, indem es sich fester an die Mutter klammerte. »O laß mich bei euch; ich will arbeiten von früh bis in die Nacht und niemals klagen, niemals!« »Ob du gehorchen wirst!« zischte der Alte sie zornig an. »Hab' ich das Geschwätz doch jetzt satt und übersatt. Komm - du weißt, daß du mußt.« »Ich weiß es«, hauchte das arme Kind, und willenlos erhob sie sich und folgte dem Vater, der sie auf die andere Matte, dicht zu der noch immer dort kauernden Alten führte. Die Mutter blieb in der Ecke sitzen, barg ihr Gesicht in ihrem Schultertuch und weinte still; sie wußte, daß sie ja doch keine Stimme gegen den Willen des Mannes hatte. So finster und herrisch der alte Javaner aber noch vor wenigen Sekunden gegen die Tochter gewesen war, so kriechend freundlich und demütig verbeugte er sich jetzt gegen den eintretenden Weißen und kauerte vor ihm, als er nur auf der Schwelle erschien, neben der Matte mit seinem »Tabé1) Tuwan - tabé« nieder. - Hoch aufgerichtet aber und nur den Blick gesenkt, die Arme auf der nackten Brust gekreuzt und am ganzen Körper zitternd, stand das schöne Mädchen, und Heffkens gieriger Blick sog sich fest an der lieblichen Gestalt. Schong-ho hatte in der Tat Wort gehalten. Melattie, nach der duftenden Blume ihrer Heimat genannt, in frischer Jugendblüte aus den freien Bergen herunterkommend, war eins der schönsten Mädchen ihres Stammes und hätte wohl einen braven Mann ihres Volkes - so gut wie schön - glücklich machen können. Aber was fragte der weiße Käufer nach ihrem Herzen - nur die Gestalt hatte er sich ausbedungen -, nur für den Körper bezahlte er das Blutgeld, und die Angst nicht achtend, die auf den anmutigen Zügen lag und ihr Herz in raschen Schlägen pochen ließ, ging er auf sein Opfer zu, nahm ihre Hand, die sie ihm willenlos überließ, und sagte, sich jetzt zu dem Vater wendend: »Deine Tochter soll es gut bei mir haben, Alter. Weiß sie alles, Schong-ho, was sie bei mir zu beachten hat?« »Die Mutter hat sie darin unterwiesen, Tuwan«, bemerkte der Chinese, der mit gekrümmtem Rücken neben dem Weißen stand. »Versteht sich von selber, daß sie ihre Pflichten kennt.« »Es ist viel Geld, das ich zahlen muß«, meinte der Weiße. »Ein Spottgeld für das Mädchen«, versicherte aber Schong-ho, »wir wollen uns wiedersprechen, und der Tuwan wird seinen gehorsamen Diener bei all seinen hohen Freunden empfehlen.« »Und an wen hab' ich das Geld zu zahlen?« »An mich, Tuwan«, sagte der Chinese; »ich mache dann alles mit dem Bergmenschen ab - Tuwan können sich nicht weiter mit ihm einlassen.« »Das Mädchen verläßt nicht eher das Haus«, rief aber der Alte, der dem Chinesen nicht trauen mochte, »bis ich die zweihundert Gulden in Händen habe.« »Zweihundert?« fragte Heffken mit einem Blick auf seinen Unterhändler. »Du sagtest mir ja...« »Ich muß seine Reise hin und zurück bezahlen, Tuwan, und der Alten hier ebenfalls einen Anteil geben. Dann habe ich selber die Reise nach Bandong machen und dort lange umhersuchen müssen, bis ich das Rechte fand. Rechne ich alles zusammen, behalte ich keine zehn Deut Nutzen. Nur die Ehre, für Sie ein Geschäft zu machen, und die Hoffnung auf weitere Empfehlung.« »Schon gut, Schong-ho«, unterbrach ihn der Weiße, »ich kenne Eure Art von Uneigennützigkeit. Hier, Alter, sind deine zweihundert Gulden.« »Halt, großer Herr«, wollte Schong-ho abwehren, »Hetavi hat noch außerdem an mich...« »Das geht mich nichts an«, schnitt ihm aber der Weiße kurz das Wort ab. »Ich will hier keine weiteren Umstände haben und kümmere mich nicht um euren Handel. Hast du sonst noch etwas von ihm zu fordern, so laß es dir geben.« Gierig griff indessen der Javaner nach dem Geld, und während der Weiße dem Chinesen eine andere Summe in die Hand zählte, kauerte er auf der Matte neben der Lampe nieder, um es in kleine Haufen abzuteilen. Melattie aber, das arme Mädchen, lief zurück zur Mutter, warf sich neben ihr nieder und barg ihr Antlitz in deren Schoß, und die Frau beugte sich über sie und lehnte ihre Stirn auf das Haupt der Tochter. So saßen sie viele Minuten lang, keiner sprach ein Wort, und ungeduldig wartete Heffken indessen, bis der Alte mit dem Zählen und wieder Zählen fertig war. So viel Geld hatte er noch nie auf einmal in Händen gehabt, und es ging nicht so rasch mit ihm, bis er sich da hineinfand. Heffken wurde endlich die Zeit lang. »Nun, Braunfell«, sagte er, »bist du bald fertig? Du darfst es mir auf mein Wort glauben, daß die Summe richtig ist; ich würde dich nicht um ein paar Gulden betrügen, wenn es auch vielleicht andere täten«, setzte er mit einem verächtlichen Seitenblick auf den Chinesen hinzu. »Alles gut - alles gut, Tuwan«, murmelte der Alte vor sich hin, »schönes Geld - gutes Geld - braves Geld! Da nehmt das Mädchen - Melattie, komm, der Tuwan wartet. Wirst du ein Ende machen!« rief er, heftig auf den Boden stampfend, als sich die Tochter noch immer nicht von der Mutter losreißen konnte. »Geh - geh, mein Kind«, flüsterte diese. »Allah sei mit dir und schütze und hege dich - deiner Mutter Segen geht mit dir - deiner Mutter Gebet wird für dich jeden Tag zum Himmel steigen. Geh, dein Vater zürnt und der weiße Tuwan wartet auf dich.« Noch einmal preßte das arme Kind sich fest an der Mutter Brust, dann erhob es sich langsam und schritt auf den Vater zu. »So, mein Herzchen«, sagte dieser freundlich, aber in Hast, denn er konnte die Zeit schon nicht mehr erwarten, wo er die Opiumhöhle betreten sollte. »Komm, mach schnell! Dummes Ding; weint, als ob ihr das größte Unglück begegnen sollte, während es jetzt vornehm wird und in einem schönen Haus wohnt mit dem weißen Tuwan. - So, so, das ist genug«, rief er, die Tochter leise von sich drückend, als sich diese ebenfalls an seine Seite schmiegte. »Der Tuwan wird freundlich zu dir sein und dich nicht schlagen, wenn du hübsch folgst.« »Du bringst mir das Mädchen an meinen Bendi, Schong-ho«, sagte jetzt Heffken, der unwillkürlich an den jungen Javaner dachte und diesem nicht draußen mit dem Mädchen allein begegnen mochte. »Tabé, Alter - Tabé, Mutter - eure Tochter soll es gut bei mir bekommen, und ist sie brav, dann schicke ich sie euch auch einmal in die Berge zum Besuch - komm, Melattie -«, und ihren Arm ergreifend, führte er sein Opfer mit sich vor die Tür. Die Mutter blieb regungslos auf ihrer Matte sitzen; aber die Alte krümmte und bog sich und winselte ihr »Tabé«, solange sie den Weißen sehen konnte, während der Vater kaum einen Blick hinter seiner Tochter herwarf und nur mit zitternden Händen das Geld, das viele Geld betastete. Heffken zögerte noch einen Moment auf der Schwelle. Er dachte daran, ob es nicht vielleicht besser sein würde, seinen Bendi gleich hier an das Haus kommen zu lassen. Dieser nichtsnutzige Bursche aber, der Horbach, dem er vorhin fast in die Hände gelaufen war, hätte die Straße herabkommen können. In das Haus wollte er auch nicht noch einmal hinein - der Abschied zwischen Mutter und Tochter war ihm fatal gewesen -, und auf der Straße hier so lange zu warten, wo der junge Bergbewohner vielleicht noch irgendwo umherkroch, behagte ihm ebenfalls nicht. Das beste blieb, wie er es zuerst beschlossen hatte, daß Schong-ho das Mädchen zu der Stelle führte, wo die Wagen standen; er brauchte dann nicht einmal bei ihm zu bleiben und traf dort nur mit ihm zusammen. Erst einmal mit seiner Beute im Bendi, war er so gut wie daheim. Ein paar dem Chinesen zugeflüsterte Worte, bei denen dieser sich nur mehrmals, zum Zeichen seines Gehorsams, verbeugte, genügten auch, um alles Weitere zu ordnen, und während dieser Melatties Arm ergriff und sie mit sich fortführte, schritt Heffken so lange hinter den beiden her, bis sie den belebten Teil des Ortes erreichten und hier auch eine Menge anderer lachender und erzählender Chinesen und Javanen trafen. Zwischen diesen wollte sich der Europäer nicht sehen lassen, da ihn manche vielleicht von Batavia her kannten, und er bog deshalb links ab, um oben den Basar zu umgehen. Die hier entlangführende Straße lag aber so dunkel und einsam und war außerdem so schmutzig, daß er fürchtete, in irgendein Schlammloch zu fallen. Auch war es ihm fast, als ob er ein paarmal Schritte hinter sich hörte, wenn er auch niemanden erkennen konnte, und mit nicht reinem Gewissen bog er wieder in die belebtere Richtung ein, dem Basar zu, von wo die wilden, wunderlichen Töne eines Anklong2), mit den kreischenden Stimmen der Tänzerinnen untermalt, zu ihm herüberdrangen. Der Platz war nicht sehr groß, und dessen ganzer Verkehr drängte sich hier zusammen; desto unbeachteter konnte aber auch der einzelne hindurchkommen, und Heffken, rasch seinen Weg verfolgend, hatte sich schon durch den eckigen Schwarm, der vor der Opiumhöhle lagerte, gearbeitet und schritt rasch die hier freier werdende Straße hinab, als er plötzlich einen derben Schlag auf seiner Schulter fühlte und eine lachende Stimme jubelnd ausrief: »Heffken, alter Junge, wie geht's! Auch auf dem Schnepfenstrich, he? Sieh einer den Duckmäuser an, wie ehrbar er sonst tut, und jetzt kriecht er hier ganz allein in Meester Cornelis herum, der kleine Don Juan.« 1) Tabé ist der malaiische Gruß. (Zum Text) 2) Anklong: Ein aus Bambus hergestelltes javanisches Musikinstrument, das nur gestoßen und geschüttelt wird. »Herr Horbach«, sagte der Buchhalter, der ohne ein Wort zu erwidern an ihm vorbeigegangen wäre, hätte ihm Horbach nicht boshafterweise den Weg verstellt, »ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich zu dieser Vertraulichkeit komme, und muß Sie bitten...« »Keine Umstände zwischen Freunden, mein Herz«, lachte aber Horbach, der gerade genug Unverschämtheit besaß, alle derartigen Kleinigkeiten als kein Hindernis im gesellschaftlichen Verkehr zu betrachten, »um Gottes willen keine Umstände, noch dazu mit mir! Meine Herren, ich habe hier das Vergnügen, Ihnen Tuwan Heffken, Hauptbuchhalter der hochverehrlichen holländischen Maatchappey - eigentlich könnte ich sagen, eine Hauptstütze derselben - vorzustellen. Lieber Heffken, Kapitän Hersing von der Euphrosine, Kapitän Meier von der Gesina Hollwig - beide prächtige Menschen, die ich hier in javanisches Leben einführe. Sagte ich es Ihnen nicht gleich, daß wir hier die nobelste Gesellschaft finden würden? Heffken ist ein Mordskerl, wo es gilt einen tüchtigen Spaß auszuführen. Wie wär's, wenn wir jetzt ein bißchen zusammen herumstromerten?« »Meine Herren, ich muß bitten, mich zu entschuldigen«, erwiderte Heffken zu den beiden Kapitänen gewandt und ohne Horbach weiter eines Blickes zu würdigen, »dringende Geschäfte rufen mich wieder...« »Hahahahaha«, unterbrach ihn das Gelächter Horbachs. »Eure dringenden Geschäfte hier in Meester Cornelis kennen wir auch - famose Geschäfte sind das, hahaha - prächtiger Kerl der Heffken, nie um eine Ausrede verlegen - aber wir begleiten Sie ein Stückchen.« »Dem Herrn scheint aber gar nicht viel an unserer Gesellschaft gelegen zu sein«, flüsterte einer der Kapitäne Horbach zu; ehe dieser aber etwas darauf erwidern konnte, bestätigte Heffken diesen Verdacht auf das vollständigste, indem er, wütend über den zudringlichen Menschen und mit einem plötzlichen »guten Abend, meine Herren!« gegen die Kapitäne gewandt, Horbachs Griff entging und die Straße hinabeilte. »Heffken - oh! Tuwan Heffken!« schrie ihm Horbach nach, der recht gut wußte, daß den Buchhalter nichts mehr ärgern würde, als in dieser Gesellschaft, noch dazu mit dem malaiischen Tuwan davor, seinen Namen so laut ausgeschrien zu wissen. Er würde sich auch noch mehr gefreut haben, hätte er die bitteren Verwünschungen hören können, die der Davoneilende vor sich hin murmelte - und doch sollte dieser seinem Verfolger noch nicht entzogen sein. Horbach nämlich, der ihn die gerade Richtung zu den Kabrioletts einschlagen sah und mit den batavischen Sitten nur zu gut bekannt war, ahnte etwas, was den kleinen, sich sonst nur in der besten Gesellschaft bewegenden Mann hierher geführt haben könnte, und beiden Kapitänen zuflüsternd, daß er ihnen jetzt wieder ein Stück javanische »Sitte« vorführen wolle, faßte er sie unter dem Arm und führte sie mit sich dem Buchhalter nach. Heffken erreichte indessen gerade die Reihe der dort haltenden Wagen, als Schong-ho von der anderen Seite mit Melattie herankam. Der Chinese hatte noch immer das Handgelenk seines Opfers gefaßt, daß sie ihm nicht in dem Gewirr von Menschen entgleiten konnte, und demütig, den Kopf gesenkt, die schönen dunklen Augen von stillen Tränen überfließend, folgte ihm die Unglückliche - wußte sie doch, daß ihr Schicksal entschieden sei und kein Schritt von ihrer Seite das über sie verhängte Los mehr abwenden konnte. Es war aber das Schicksal von Hunderten ihres Geschlechts und Stammes, und durch den Befehl des Vaters dem ausgeliefert, hatte sie keine Wahl mehr, als zu gehorchen. Der Kutscher des Bendis schlief natürlich auf seinem Bock, denn die armen Teufel sind schon daran gewöhnt, stundenlang in Sonnenhitze oder Regen die Befehle ihrer Herren zu erwarten1), und Heffken brachte ihn am schnellsten damit zum Erwachen, daß er das Pferd am Zügel ergriff und von der Stelle rückte. Sein Kutscher wäre dadurch freilich beinahe vom Bock gefallen, aber das schadete nichts, er erwachte doch wenigstens, und mechanisch die Zügel aufgreifend, fuhr er aus der Reihe der übrigen heraus und hielt. Er wußte, daß es jetzt nach Hause ging. Schong-ho war mit Melattie an den Wagen getreten und flüsterte ihr noch etwas zu, was das arme Mädchen gar nicht verstand. Ihr Blick schweifte angstvoll durch die Dunkelheit umher, als ob sie Hilfe suchen wollte - Hilfe von der freien Welt, von der sie jetzt für immer Abschied nahm. Aber wer von allen denen, die sich hier gleichgültig und nur ihrem Vergnügen nachgehend umhertrieben, hätte ihr hier helfen können oder mögen! Ihr Vater hatte sie von sich gestoßen, selbst die Mutter ihn nicht daran hindern können, und er - er, an dessen Seite sie gern Kummer und Not ertragen hätte, ein ganzes Leben lang -, er war weit von hier, weit, und auch er hatte sie ihrem Schicksal überlassen. Hätte sie die scheue dunkle Gestalt sehen können, die mit der Hand am Kris zähneknirschend im Schatten der nächsten Wagen stand, sie würde vielleicht neue Hoffnung gefaßt haben - oder eine neue Sorge hätte ihr das Herz zerrissen. Was konnte der arme Eingeborene gegen die Macht des Weißen ausrichten, gegen die Sitte ihres eigenen Volks. Sie war verkauft, und der Weiße hatte nichts weiter zu tun, als seine Beute nach Haus zu führen. Heffken wußte das auch außerordentlich gut. Der Handel war abgeschlossen, der Vater wie der Chinese hatten das ausbedungene Geld, und allen Anforderungen war Genüge getan - das Mädchen wurde ja nicht um seine Einwilligung gefragt, und wenn es auch die ersten Tage den Kopf hängenließ, vergaß es das doch bald in dem neuen Leben, das es erwartete. »Komm, Melattie - wir haben nicht viel Zeit.« »Saya, Tuwan«, stöhnte das arme Mädchen und stieg langsam in den Wagen ein. Heffken hielt sich an der Seite, um ihm zu folgen. »Nicht so schnell, Heffken!« schrie der unverwüstliche Horbach, der mit seinen Freunden gerade noch zur rechten Zeit kam. »Donnerwetter, er hat sich tatsächlich eine Nona eingepackt. Hallo, Mann, wir müssen doch wenigstens der Dame guten Abend sagen.« Heffken war mit einem Sprung im Kabriolett. »Vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, »vorwärts, hau auf dein Pferd, du faule Kanaille, hörst du nicht, oder soll ich dir Arme machen?« Der Malaie hieb aus Leibeskräften auf sein überraschtes Pferd ein, das den leichten Wagen in voller Flucht die Straße hinabzog. Horbachs lautes, schallendes Gelächter tönte hinter ihnen drein, aber es war nicht das einzige, was sie begleitete. Hinter dem Wagen her flog, sich aber immer in dem Schatten der Häuser haltend, eine dunkle Gestalt. Ein Trupp Chinesen kam dem Läufer entgegen und prallte erschreckt auseinander, als er mitten zwischen sie hineinsprang. Aber im Nu war er, wie eine Erscheinung, in dem Schatten der hohen Hecken verschwunden, und flüchtig wie das Reh seiner Wälder hielt er mit Leichtigkeit neben dem Wagen aus. Doch der Weg war zu lang. Meester Cornelis lag eine weite Strecke von den Vorstädten entfernt, und der junge Javaner durfte seine Kräfte nicht ganz erschöpfen. Deshalb, eine günstige Gelegenheit wahrnehmend, wo hohe Bäume den Weg verdunkelten, sprang er quer über den Weg auf das dahinrollende Fuhrwerk zu - seine Hand lag hinten darauf, und leicht und behende schwang er sich hinauf, lauernd hinter dem, der ihm das Liebste auf der Welt entriß, um mit fortgenommen zu werden. Jetzt hatten sie die belebteren Teile der Vorstädte erreicht; rechts und links verrieten lichtdurchflossene Räume, die aus dem dichten Gebüsch hervorschimmerten, die Nähe holländischer Wohnungen. Deutlich konnte man diese von der Straße aus erkennen, und wie hell und glänzend erleuchtete reizende Bilder, mit durch die Entfernung winzigen, aber zierlich geputzten Figuren, lagen sie einen Moment von dem grünen Rahmen der sie umschließenden Bäume eingefaßt und verschwanden im nächsten Augenblick wieder zu zuckenden Lichtern, die aus dem Dickicht blitzten. Aber was kümmerten die den Javaner. So fremd und neu ihm das alles sein mochte, hing sein Auge doch nur teils an den Sternen, teils an vorragenden und leicht erkennbaren Baumgruppen, um sich genau der Richtung zu versichern, die sie nahmen. Der kleine Strom, an dem sie jetzt entlangfuhren, Kali besaar (der große Fluß) genannt, diente ihm dabei als beste Markierung, bis sie links abbogen, um in eine andere, enger von Gärten zusammengedrängte Gasse hineinzufahren. Wie weit, wie entsetzlich weit schien ihm dabei der Weg, den er mit fortgeführt wurde, und scheu warf er den Blick zurück, ob er die Bahn aus diesem Labyrinth von Häusern und Gärten wiederfinden würde. Aber fest aufeinander biß er auch die Zähne, denn er kannte nur ein Ziel - Melattie, und wohin ihn das führte, mußte er folgen. Da bog der Wagen plötzlich rechts in einen Garten ein. Zu beiden Seiten konnte Patani die weiß angestrichenen Pfähle des jetzt weitgeöffneten Gartentors erkennen. Er beugte sich zur Seite, und vor ihnen lag ein nicht großes, aber freundliches Gebäude mit weißen Säulen, zwischen denen zwei helle Astrallampen brannten. Aber der Platz war auch belebt - das Rollen des Wagens mußte jedenfalls gehört worden sein, denn mehrere Gestalten sah er sich in dem hellen Raum zwischen den Säulen bewegen. Was wurde jetzt aus ihm? Aus Melattie? Einen Plan hatte er sich gar nicht gemacht; nur das Bewußtsein lebte in ihm, sein armes Mädchen nicht hilflos den Händen ihres Henkers zu überlassen. Auf dem Basar konnte er freilich nichts gegen den Weißen wagen, denn ein einziger Hilferuf hätte dort im Nu Hunderte von Chinesen und malaiischen Gerichtsdienern zusammengerufen. Entführte aber der verhaßte Fremde seine Braut, so blieb die Möglichkeit, daß er sie im Dunkeln in seine Wohnung brachte. Dort wollte er ihn überraschen, dort dem Verhaßten die schon sicher geglaubte Beute wieder aus den Zähnen reißen, und nur mit diesem Gedanken war er ihm gefolgt. Jetzt flog der Wagen plötzlich einem hell erleuchteten Gebäude zu, in dem wahrscheinlich die Diener des Weißen ihn erwarteten, und durfte er da noch hoffen, seinen kühn unternommenen Plan auch glücklich auszuführen? Aber nicht einmal Zeit zum Überlegen blieb ihm, denn der kleine Macassar-Hengst flog nur so, den Stall witternd, mit dem leichten Fuhrwerk über den Boden dahin. Wenige Sekunden später hielten sie schon auf dem hell erleuchteten Vorplatz, dicht vor dem Treppenaufgang, und Patani behielt kaum Zeit, von seinem Sitz herunter und in den Schatten des Wagens zu gleiten, als auch schon ein paar Diener aus dem Haus heraus- und auf den Schlag zusprangen, um ihrem gestrengen Herrn das Aussteigen zu erleichtern. Heffken ersparte ihnen aber heute die Mühe, denn mit einem Satz war er aus dem Bendi. »Melattie! Komm!« flüsterte da eine leise Stimme an der dunklen Seite des Wagens, »ich bin hier!« »Patani!« stöhnte das Mädchen in Todesangst, »gütiger Himmel, wenn...« »Habe ich es mir nicht gedacht!« schrie da Heffken, dessen scharfes Ohr den flüsternden Laut gehört hatte, wobei er um den Wagen herumsprang. »Hierher, meine Burschen - faßt mir einmal den Schuft hier!« Er selber war durch die Gegenwart seiner Leute ermutigt, und sich der Sicherheit bewußt, die ihm sein eigenes Haus bieten mußte, flog er auf den Javaner zu, um ihn zu halten. Er war ja nur ein Eingeborener, der sich seinem Willen fügen mußte. Schon hatte auch seine Hand die leichte, dünne Jacke des fremden Burschen gefaßt, und von beiden Seiten sprangen seine eigenen Leute hinzu, um den Befehl ihres Herrn auszuführen und den frechen Eindringling zu fassen, während nur der Kutscher ruhig auf dem Bock sitzenblieb. Heffken aber hatte sich hier ganz ungeahnt in eine Gefahr begeben, der er nicht rasch genug wieder entweichen konnte. Denn Patani, zum Äußersten getrieben, sah seine letzte Hoffnung zerstört, seine Freiheit, sein Leben vielleicht bedroht, und außerdem Haß und Grimm gegen den Weißen im Herzen, riß er seinen Kris aus der Scheide und warf sich in wilder und stummer Wut gegen ihn. »Hilfe!« schrie Heffken, als er im Lampenlicht die scharfe Waffe blinken sah. »Hilfe!« Aber es war zu spät. Der blitzschnell gegen ihn geführte Stoß, den zu parieren er nur den Arm emporwerfen konnte, saß, und während der Weiße mit einem Aufschrei zusammenbrach, warf sich Patani gegen den nächsten Malaien. Dieser sprang ihm indessen behende aus dem Wege, und der Javaner war, ehe ihn jemand daran hindern konnte, wie ein Schatten in den dichten Kakaobüschen verschwunden. Eine Verfolgung bei Nacht zwischen all den Gärten wäre, wenn überhaupt einer der Malaien daran gedacht hätte, vollkommen hoffnungslos gewesen. Die Burschen hüteten sich aber auch wohl, dem bewaffneten Javaner zu folgen, und sprangen auf ihren Herrn zu, um ihm womöglich noch Hilfe zu leisten. »Nehmt das Mädchen in das Haus!« stöhnte dieser, »ich bin...« Er sank ohnmächtig zurück, und die malaiischen Diener standen ratlos, was sie mit dem verwundeten Tuwan beginnen sollten. Nur der Kutscher, der die ganze Szene mit dem größten Gleichmut betrachtet hatte, tat das einzige, was unter diesen Umständen zu tun war. Kaum hatten die Leute Melattie aus dem Wagen gerufen, in dem sie noch zitternd saß, lenkte er wieder um und hieb auf sein Pferd ein, um so rasch er konnte, einen Arzt herbeizuholen. Die übrigen mochten inzwischen den Verwundeten in das Haus schaffen. 1) Das Bendi- und Droschkenwesen ist in Batavia höchst eigentümlicher Art. Man kann jederzeit einen Bendi zur Miete bekommen, aber auf nicht weniger Zeit als sieben Stunden, was drei Gulden kostet. Für die kleinste Fahrt hätte man also drei Gulden zu bezahlen, kann aber das Fuhrwerk dafür die einmal berechneten sieben Stunden benutzen, und der Kutscher bittet sich in dieser Zeit höchstens einige Deut für Essen aus. (Zum Text) 13. IN DEN GASSEN UND OPIUMHÖHLEN VON MEESTER CORNELIS Herrn Heffkens Wagen war von Meester Cornelis aus schon lange in Nacht und Nebel verschwunden, als noch immer Horbachs Gelächter und Jubel hinter ihm drein tönte, und dessen Begleiter baten ihn endlich ganz ernsthaft, mit seiner allzu lauten Fröhlichkeit einzuhalten, wenn er nicht den ganzen Basar um sich zu sammeln beabsichtige. Javanen wie Chinesen hatten sich in der Tat schon um ihn hergedrängt und fragten, was hier geschehen sei. Horbach aber, die Arme seiner beiden neuen Freunde ergreifend, erzählte diesen jetzt lachend den Zusammenhang der Sache, die er ziemlich genau erraten hatte, und gab ihnen außerdem noch eine Menge für den Beteiligten nicht eben schmeichelhafte Anekdoten aus Heffkens Leben zum besten. Langsam dabei über den Markt drängend, waren sie zu Schong-hos Haus gekommen, den der Deutsche nur zu gut kannte und mit dem er schon manches Geschäft, selbst in Geldangelegenheiten, abgeschlossen hatte. Schong-ho - obgleich er den Trunkenbold, von dessen ganzem liederlichen Leben er genauer unterrichtet war als irgendein anderer Mensch in Batavia, gründlich verachtete - zeigte sich doch stets freundlich und gefällig gegen ihn. Manche neue Kundschaft hatte er ihm ja schon zugeführt, und dazu ließ sich der »wilde Tuwan«, wie er bei den Chinesen hieß, noch immer gebrauchen. Das Haus bot auch Interessantes genug, um einen Fremden wohl auf kurze Zeit zu fesseln, denn wie es nach der Art der javanischen Wohnungen nur aus einem großen Raum bestand, schien dieser auch wieder nur ein einziger geräumiger Schlafsaal zu sein, in dem rechts und links und im Hintergrund, mit kaum einem Fuß breit Platz dazwischen, lauter große, von bunten Kattungardinen verhangene Betten standen. Durch diesen Saal aber drängten in bunten Gruppen die lachenden und schwatzenden Söhne des »Himmlischen Reiches« zwischen einer Menge weiß geschminkter und mit stark duftenden Blumen geschmückter junger Mädchen dahin. Düstere Kokosnußölflammen verbreiteten dazu nur ein flackerndes, unsicheres Licht, und es gehörte ein längeres Vertrautsein mit diesem Treiben dazu, sich in ein Gedränge von solchen Menschen keck hineinzuwagen. Horbach schien allerdings mit derartigen Szenen außerordentlich gut bekannt und nicht einmal mehr etwas Besonderes dabei zu finden; die beiden fremden Kapitäne weigerten sich aber, ihm da hinein zu folgen. Sie behaupteten, schon mehr als genug an dem Überblick zu haben, den sie von der Tür aus gewinnen konnten, und wünschten, vorderhand zum Markt zurückzugehen, von woher jetzt ein fast infernalischer Lärm aller möglichen Arten von Instrumenten und menschlicher Stimmen herübertönte. Die Aufmerksamkeit des Kapitäns Meier war aber indessen auf ein dicht anschließendes Gebäude gerichtet, das im Gegensatz zu Schong-hos Residenz bis jetzt in tiefer Dunkelheit gelegen hatte. In diesem Augenblick kam jedoch daraus ein kleiner dicker Javaner mit seiner Frau zum Vorschein, und die letztere trug eine der üblichen Lampen in der Hand, um ihrem Herrn und Gemahl zu leuchten, während dieser sorgfältig ein hölzernes Vogelbauer von der äußeren Veranda nahm, in dem eine der kleinen, zierlichen javanischen Tauben ängstlich vor dem Licht hin und her flatterte. »Siehst du!« rief der Mann dabei auf Malaiisch, »du hast es tatsächlich vergessen, und jetzt gerade, wo die Zeit, die lange Zeit um ist. Wenn ich nicht an alles dächte.« Neben Horbach stand ein junger javanischer Bursche und zupfte ihn sachte am Ärmel. Es war Tojiang, sein Diener, der ihn gewöhnlich auf allen derartigen Exkursionen begleitete. »Was gibt's?« fragte sein Herr. »Ketjil presentie sama makan, toewan!« sagte der Bursche, den runden schildartigen Hut unter den Arm gepreßt, mit der üblichen Bittformel seiner Art, »bin den ganzen Tag auf den Füßen gewesen und sehr hungrig.« »Dein Essen kenne ich«, lachte Horbach, in seiner Tasche nach einigen Deuten suchend und sie ihm gebend, »untersteh dich aber, in eine der Opiumhöhlen hineinzugehen.« »Mit dem Betrag?« bemerkte Tojiang nicht ohne Humor, indem er einen wehmütigen Blick auf die kleine Kupfermünze warf, »das würde mir verwünscht wenig helfen.« »Desto besser«, sagte sein Herr. »Du weißt doch nicht mit Geld umzugehen.« Der Malaie zog sich mit einigen leise gemurmelten Worten, die zu seinem Glück sein Herr nicht verstand, hinter die Weißen zurück. Der eine Kapitän aber hatte indessen das Vogelbauer bemerkt und rief: »Halt, Alter - bitte, Herr Horbach, dolmetschen Sie einmal - der Bursche da hat, glaub' ich, einen seltenen Vogel, und wenn er ihn verkauft, so soll er sagen, was er dafür haben will; ich möchte gern einige javanische Merkwürdigkeiten mit nach Hause nehmen.« »Der Vogel?« lachte Horbach, »das ist nur eine Taube, wie sie hier zu Tausenden herumfliegen.« »Das kleine Tier eine Taube?« rief der Kapitän erstaunt; »o bitte, fragen Sie ihn, was er dafür haben will.« Horbach erfüllte den Wunsch, der kleine dicke Javaner aber, das Vogelbauer jetzt unter dem Arm, drehte sich langsam und mit einem verschmitzten Lächeln zu dem Frager um und sagte: »Wollt Ihr sie kaufen, Tuwan?« »Ja, wenn du nicht zuviel forderst!« »Habt Ihr viel Geld - sehr viel?« fragte der Javaner zurück. »Nun, hoffentlich doch genug, um solch ein Ding zu bezahlen, Dickwanst!« rief der Deutsche, der schon ärgerlich wurde. »Sag, was du haben willst, und damit genug.« »Gut«, erwiderte der kleine Eingeborene, das Bauer mit beiden ausgestreckten Armen vor sich haltend und den Vogel darin mit zärtlichen Blicken betrachtend. »Legt mir hundert Säcke Kupfer1) hier vor das Haus, und dann noch hundert darauf, und dann noch hundert, und immer noch hundert, bis sie so hoch liegen, wie ich reichen kann, um das Bauer oben daraufzusetzen - und dann - will ich mich erst noch bedenken, ob ich ihn hergebe.« »Was sagt er?« fragte der Kapitän. »Er ist einfach verrückt«, meinte Horbach, sich von ihm abwendend. Dann sich aber noch einmal halb zu dem Malaien umdrehend, sagte er. »Wenn du deinen Verstand wiedergefunden hast, Alter, dann frag einmal wieder nach, ob wir die Taube haben wollen.« »Er hat seinen Verstand gut genug beisammen, Tuwan«, lachte aber der Chinese still und pfiffig vor sich hin, »und gerade deshalb gibt er die Taube nicht her.« »Aber ich kaufe ein Dutzend von den Tauben für zwei Gulden auf dem Basar!« rief Horbach ärgerlich. »Ja, Tuwan, ja«, nickte Schong-ho, »junge Tauben, so viel wie Sie wollen, aber keine von dem Alter.« »Ich dächte, daß das Alter eben keine Empfehlung für sie wäre.« »Doch, Tuwan, doch«, sagte aber der Chinese, während der Javaner, überzeugt, daß er mit den Weißen keinen Handel machen würde, mit seinem Vogelbauer im Innern der Hütte verschwand, »die Javanen hier haben eine alte Sage - und wer weiß, ob's nicht wahr ist -, daß diese Vögel, wenn sie hundert Jahre alt geworden sind, statt der gewöhnlichen, diamantene Eier legen.« »Und will der tolle Bursche warten, bis sie das Alter erreicht hat?« lachte Horbach. »Nein, Tuwan«, sagte kopfschüttelnd der Chinese, »das hat sie schon, denn die Taube ist noch von den Großeltern des kleinen Burschen, die sie aus einer anderen Familie gekauft haben.2) Die Taube erreicht in der nächsten Woche ihr hundertstes Jahr, und die ganze Umgegend wird dann hier zusammenkommen, um das längst erhoffte Wunder mit anzuschauen« »Was sagt er?« rief Kapitän Meier jetzt, der ungeduldig wurde; »das ist ja ein verdammtes Kauderwelsch, von dem man nicht eine Sterbenssilbe versteht.« »Bah«, lachte Horbach, »es ist einer von ihren verrückten Aberglauben, von denen sie bis obenhin vollstecken; daß diese Tauben nämlich, wenn sie hundert Jahre alt werden, diamantene Eier legen.« »Das glaub' ich auch«, lachte der Seemann, »sie werden aber nie so alt.« »Und doch«, sagte Horbach, »diese kleinen Tauben erreichen in der Tat ein sehr hohes Alter, sie werden nicht selten von Familie auf Familie vererbt. Wo ihnen solch ein Aberglauben aber einmal im Kopf steckt, ist natürlich nichts anzufangen. Wenn Sie jedoch solche Tauben haben wollen, verschaffe ich sie Ihnen morgen in der Stadt. Die hier gäbe der Tropf nicht her, und wenn man sie ihm mit Gold bedecken würde.« »Wo sind denn die Opiumhöhlen?« fragte der andere Kapitän, der sich wenig für den Handel interessierte. »Gleich dort drüben.« »Auf dem Markt scheint der Teufel los zu sein, das ist ja eine ohrzerreißende Musik. Hören Sie nur den Höllenlärm.« »Da müssen wir erst noch einmal hin«, lachte Horbach, »dort sind jedenfalls noch einige Ronggings angekommen, und da können Sie sehen, welche Quantität von Musik die Eingeborenen und Chinesen zu ertragen imstande sind.« Dicht am Basar lagen ein paar niedrige schmale Gebäude, denen, im Vergleich zu den anderen wenigstens, Licht und Luft nur spärlich zugemessen schien. Sie waren auch nicht aus Bambus geflochten, sondern hatten Lehmmauern mit einem Ziegeldach, aber nur wenige und kleine, mit hölzernen Latten vergitterte und mit Läden verwahrte Fenster - eine Vorsichtsmaßnahme, die man bei keinem Haus der Eingeborenen, höchstens bei den Chinesen fand. Der Platz hier war eine der berüchtigten amfion Kits oder Opiumhöhlen, durch einen Chinesen gepachtet, der hier das ganze Jahr hindurch, besonders aber an Basarabenden, seine Ernte hielt und im Einzelhandel3) das schleichende, mörderische Gift, das Opium, verkaufte. In der Vorhalle, wenn man einen schmutzigen, dunklen und stallähnlichen Raum mit diesem Namen bezeichnen will, war zugleich das Kontor aufgeschlagen - ein gewöhnlicher hölzerner langer Tisch, der auch dazu diente, die Käufer von dem dahinter aufbewahrten »Vorrat« zu trennen. Hinter dem Tisch saß, die Beine übereinandergeschlagen, ein alter Chinese, um den Verkauf zu überwachen, während ein paar jüngere Burschen beschäftigt waren, die kleinen, gewöhnlich verlangten Quantitäten auf Sirihblättern abzuwiegen und den Käufern, nachdem sie jedoch vorher das Geld einkassiert und geprüft hatten, hinzuschieben. Der alte Chinese, eine Figur wie sie prächtig zu einer Pagode auf irgendeinem Kamin gepaßt haben würde, wenn man sie vorher ein wenig abgewaschen und sauber angezogen hätte, saß da mit seinem Tuschpinsel und einigen Bogen liniierten Papiers sowie ein paar alten Kontobüchern daneben, und seinen kleinen grauen, mit einer scharfen Brille versehenen Augen entging nichts - kein Deut, der auf den Tisch geworfen wurde, keine ausgeteilte Portion, keine Gestalt, die sich in dem Raum herumtrieb, mochte sie sich auch noch so fern in den dunklen Ecken halten. Vor ihm galt dabei weder Rang noch Stand, und er hatte recht. Wer zu ihm an den Ladentisch kam, stellte sich mit der Hefe der Bevölkerung gleich - und wer das selber tat, konnte nicht mehr verlangen, daß andere auf ihn Rücksicht nahmen. Aber kein wirklich anständiger Javaner oder Chinese, mochte er dem Laster des Opiumrauchens noch so sehr ergeben sein, kam auch, wie er recht gut wußte, hier zu ihm auf den Basar in Meester Cornelis. Derartige Leute hatten elegant hergerichtete und abgeschlossene, meist geheimgehaltene Gemächer, in denen sie sich dem Genuß des berauschenden Giftes hingaben. Nur das verworrenste Gesindel seiner eigenen Landsleute oder verdorbener und schon halb zugrunde gerichteter Javanen besuchte diesen Ort, um dem Rausch auf schmutzbedecktem Lager in die Arme zu sinken. Auch heute sammelte sich die gewöhnliche Schar der »Opiumesser«, wie die Malaien sonderbarerweise das Opiumrauchen nennen (amfion makan), nach und nach in diesem Comptoir der Sünde, und hohläugige, abgemagerte, elende Gestalten krochen in großer Menge zu dem Tisch heran, um ihre Portion, oder soviel sie eben bezahlen konnten, gegen ihre Barschaft einzutauschen. Entweder kehrten sie damit in die übrigen Höhlen des Lasters zurück oder träumten gleich hier an Ort und Stelle, mit einer anderen Zahl ähnlichen Gelichters, dem süßen Rausch entgegen, den sie mit dem Mark ihrer Knochen bezahlen müssen. Der Tisch vorn war vollkommen besetzt, denn Mann an Mann standen etwa zehn oder elf der dunklen Gestalten, denen selbst das Licht der düsteren Kokosflamme zu hell schien und die scheu den Blick davon abwandten. Sie warteten, bis die Reihe an sie kam, ihren Teil zu empfangen, und der kleine dicke Chinese hatte kaum Augen genug, die vielen Finger der Burschen alle unter Aufsicht zu halten. Da drängte sich ein alter hagerer Javaner mit eingefallenen Zügen, aber gierig leuchtenden Augen durch die übrigen und schob hastig einen Guldenzettel auf den Tisch. »Gebt mir! Gebt!« rief er dabei. »Nun? Habt Ihr's nicht verstanden? Ich will von dem Stoff haben, es eilt.« »Hoho!« lachte der kleine Chinese, indem er ihm einen verächtlichen Blick zuwarf. »Haben wir doch warten müssen, bis du kamst, mein Bursche, so wirst du jetzt auch warten können, bis die Reihe an dir ist. Gib dem Alten zuletzt, Keiho«, sagte er dann zu einem seiner Verkäufer, »er soll uns die Ordnung nicht stören, und wenn es ihm nicht recht ist, mag er gehen und sich sein Opium woanders kaufen.« Der kleine dicke Chinese lachte dabei still vor sich hin, denn er wußte recht gut, daß die Raucher hier gezwungen waren zu ihm zu kommen und, einmal an das Gift gewöhnt, doch nicht von der Stelle gingen, bis sie es hatten. Der alte Javaner duckte sich auch bei den barschen Worten scheu zusammen; hatte man ihn doch von Jugend auf dazu erzogen, sich dem Willen anderer gehorsam zu fügen. Nur in seiner eigenen Familie war er Herr und natürlich auch Tyrann, und so willkürlich er da handelte, so scheu und gedrückt fühlte sich Hetavi unter den Fremden. Geduldig wartete er, bis einer der Chinesen zu ihm kam, um sein Geld zu nehmen, und zerdrückte indessen den alten, angegriffenen Guldenzettel derart zwischen den zitternden Fingern, daß er kaum wieder zu glätten und anzubringen war. »Schlechteres Papier hast du wohl nicht auftreiben können, du Bergläufer?« sagte auch der Bursche, der ihm das Geld abnahm, »wieviel willst du haben?« »Für alles«, lautete die Antwort. Die Portion wurde ihm auf einem Sirihblatt hingeschoben, aber kopfschüttelnd betrachtete er das kleine Stück und fragte ängstlich: »Gebt ihr nicht mehr?« »Für einen Gulden? Nein. Iß das erst und dann komm wieder.« »Ich will mehr haben«, flüsterte Hetavi, indem er mit der zitternden Hand in die Seitentasche seiner Jacke fuhr. Fast unwillkürlich ließ er aber dabei das scheue Auge über seine Umgebung gleiten und begegnete da dem auf ihm haftenden Blick eines andern seines Stammes, der aufmerksam forschend an ihm hing. Als sich dieser bemerkt sah, drehte er allerdings langsam den Kopf zur Seite; dem aufmerksamen und mißtrauischen Hetavi war die Bewegung aber nicht entgangen, und die Hand zurückziehend, murmelte er leise vor sich hin: »Es ist gut, es ist gut.« Damit ergriff er seine gekaufte und bezahlte Ware und verließ, sich rasch durch die verschiedenen Gruppen drängend, die Vorhalle, um in den eigentlichen Tempel dieses Lasterorts einzutauchen und sich dort dem langersehnten Genuß mit voller Wollust hinzugeben. Kein Gedanke störte ihn dabei, daß er sich diese Freuden mit dem Blutgeld für Glück und Leben seines einzigen Kindes erkaufte, und wenn ihm doch ein solcher Gedanke kam, so bedauerte er nur, daß er nicht mehr Töchter habe, um immer noch größeren Reichtum für seinen wilden, unheimlichen Genuß anzuhäufen. Was kümmerte ihn das Kind. 1) Ein Sack Kupfer (in kleinen, aus Binsen geflochtenen Beuteln) enthält gewöhnlich dreißig holländische Gulden. (Zum Text) 2) Der Handel mit diesen kleinen Tauben, die etwa von der Größe eines Pirols sind, ist sehr bedeutend. Die Tiere steigen bei dem herrschenden Aberglauben natürlich im Preis, je älter sie werden. Selten findet man besonders im Innern des Landes eine Hütte, in der nicht eine oder mehrere solcher Tauben gehalten werden, über deren Alter dann eine sehr genaue Kontrolle geführt wird. (Zum Text) 3) Die Erlaubnis, Opium im Einzelhandel zu vertreiben, wird auf Java von der niederländischen Regierung öffentlich an den Meistbietenden verkauft, das heißt an den, der sich vertraglich verpflichtet, die größte Quantität Gift umzusetzen und der Regierung abzukaufen. Natürlich muß der Pächter dann auch jedes ihm zur Verfügung stehende Mittel nutzen, um seinem Opium soviel Absatz wie möglich zu verschaffen, und statt den Genuß des schädlichen Giftes mit den Jahren zu vermindern, wird der Umsatz auf solche Weise nur vermehrt. Die einzige Entschuldigung, welche die Holländer für diese rein finanzielle Sache, der die Moral geopfert wird, geltend machen, ist die, daß sie den Genuß doch nicht verhindern könnten, und wollten sie es verbieten, so würde das Opium geschmuggelt werden. (Zum Text) Sowenig er aber jetzt, das gekaufte Opium krampfhaft in seiner Hand festgeballt, an seine Umgebung dachte und nur durch die dort Stehenden drängte, um die eigentliche Höhle zu erreichen, so aufmerksam wurde er von jenem Fremden beobachtet, dessen Blick er vorhin auf sich gezogen und der ihn davon abgehalten hatte, seine verborgene Barschaft hervorzuholen und zu zeigen. Der Bursche schien einer der gewöhnlichen Bergjavanen zu sein, wie sie häufig als Boten oder mit Güterkarren aus dem Innern kommen, ihr schwer verdientes Geld auf den batavischen Basaren vergeuden und dann, wie sie hier angelangt sind, in ihre Berge zurückkehren. Er trug die Landestracht: baumwollene Jacke und kurze Hose, das braune Kopftuch und einen kleinen runden, korbartigen Hut, aber den Kris im Gürtel und den längeren Klewang an der Seite, und dazu ein finsteres Gesicht mit lauernden dunklen Augen, die keine Sekunde fest an einem Gegenstand hafteten, sondern rastlos umherschweiften und nichts mehr zu scheuen schienen als den Blick eines anderen Menschen. Hatte er aber die Absicht gehabt, sich selber Opium zu kaufen, so änderte er sie jetzt, und als Hetavi den Tisch verließ, zog er sich ebenfalls zurück und folgte ihm in kurzer Entfernung, bis er sich überzeugt haben mochte, wohin der Alte ging. War der erst einmal in dem Rauchzimmer, würde er von dort nicht so bald zurückkehren, es sei denn, um eine neue Dosis Gift zu holen. Wenn es auch niemand weiter bemerkt haben mochte, dem kleinen dicken Chinesen hinter seinem Tisch war es nicht entgangen, und als der fremde Javaner das »Kontor« wieder betrat, rückte er sich seine Brille zurecht und sah den Burschen scharf und forschend an. Ob das diesem nun fatal oder er überhaupt nur hierher gekommen war, um sich das Leben an einem solchen Platz einmal anzusehen, er hielt sich jedenfalls nicht lange in dem menschengedrängten dumpfen Raum auf, sondern trat wieder hinaus vor die Tür und mitten in das eigentliche Leben des Basars hinein, durch dessen Scharen er sich langsam drängte. Dort draußen schien der Lärm inzwischen seinen höchsten Grad erreicht zu haben, denn neben dem ersten Rongging der chinesischen Tänzerinnen hatten noch drei andere ihre Lampen entzündet, jeder natürlich mit einem Musikchor von Anklongs und anderen nationalen Instrumenten, die ihr disharmonisches Toben zusammen begannen. Dicht nebeneinander, verfolgte jedes einzelne Orchester auch seine eigene Melodie - wenn ein solches Chaos von Tönen überhaupt Melodie genannt werden konnte. Das hämmerte und schlug, klopfte, strich und schrie auf eine Weise durcheinander, daß dem Europäer davon die Ohren gellten und schmerzten. Eingeborene wie Chinesen erfreuten sich aber trotzdem dieses, immer aufs neue wiederholten Skandals und standen voller Seelenruhe mitten zwischen den tobenden Instrumenten. Und dabei schrien die Tänzerinnen bei ihren tollen Sprüngen ihre kreischenden Lieder in die Nacht hinein, wirbelten und hüpften um die in der Mitte aufgehängte Lampe, kokettierten durch ihre Fächer mit den sie umstehenden Zuschauern und schienen in ihren Anstrengungen unermüdlich. Dann und wann aber sprang auch wohl ein Javaner oder Chinese in den Kreis und einer der Tänzerinnen gegenüber, und der wildeste Cancan konnte dann nicht widerlicher, nicht sittenloser ausbrechen als diese nächtlichen Tänze des javanischen Basars, was die Zuschauer mit jubelndem, wieherndem Gelächter und Beifallsrufen belohnten. Mitten zwischen diese Gruppen hatte Horbach seine beiden Freunde, die Kapitäne, geführt und ihnen wohl nicht zuviel versprochen, wenn er ihnen sagte, daß sie hier besser als in Batavia echt javanisches Leben sehen könnten. Horbachs Diener aber, Tojiang, verwertete die geringe Summe, die er aus seinem Herrn herausgepreßt hatte in einem Glas Arak - schlechter Muselmann, der er war - und einem Teller trockenen Reis mit Curry oder rotem Pfeffer und war dann eben im Begriff gewesen, seinen Herrn noch einmal anzureden und einen zweiten Angriff auf seine Börse zu versuchen, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte und, sich rasch danach umdrehend, ein Gesicht erkannte, das er, wie es schien, hier nicht erwartet hatte. »Klapa!« rief er, sein Erstaunen im ersten Augenblick nicht verhehlend, »was zum Henker machst du hier, mitten auf dem Basar? Weißt du nicht...« »Pst«, warnte aber der Javaner, unser Bekannter aus der Opiumhöhle, indem er seinem wiedergefundenen Freund ein Zeichen gab, vorsichtig zu sein. »Wenn du meinen Namen etwas weniger laut schreien wolltest, mein alter Gefährte, so würde ich dir dankbar sein. Wir sind hier eben nicht allein.« »Aber weißt du nicht«, flüsterte ihm Tojiang leise zu, »daß die Polizei der Weißen deine Streiche noch lange nicht vergessen hat und daß jenen armen Teufel von Chinesen die Krokodile keineswegs...« »Pst«, winkte aber Klapa wieder warnend mit der Hand, während er nur einen scheuen Blick nach rechts und links hinüber warf, ob nicht vielleicht unberufene Lauscher die leichtsinnigen Worte gehört haben könnten. Der Lärm der Anklongs übertönte freilich alles, und er brauchte deshalb nicht besorgt zu sein. »Laß die alten Geschichten - es ist dunkel, und Jahre sind darüber vergangen, seit ich den Boden hier betreten habe. Wer kennt Klapa noch? Wer kümmert sich um ihn?« »Und warum bist du nicht in deinen Bergen geblieben?« »Schlechtes Leben da oben«, sagte der Eingeborene, unwillig dabei den Kopf schüttelnd, »nichts zu verdienen, nichts zu machen; ein faules, ärmliches Leben mit noch schlimmerer Polizei als hier. Klapa haßt die Berge!« »Und was willst du jetzt hier?« »Geld verdienen - viel Geld, und dann...« »Und dann?« »Nach den tausend Inseln gehen als Tuwan«, sagte der Javaner mit solchem Ernst, daß Tojiang laut auflachte. »Und womit?« fragte er spottend. »Als Boedjang vielleicht oder als Lastträger bei den orang Wolandas oder als...« »Bah«, unterbrach ihn Klapa unwillig; »wenn ich hätte ein Sklave sein wollen, wäre ich nicht hierhergekommen. Klapa weiß besser Bescheid in der Welt. Zeig mir nur einen Weg, und ich finde mich zurecht. Lieb ist mir's aber, daß ich dich hier getroffen habe, denn du bist bekannt und kannst mir vielleicht helfen; sollte dein Schaden nicht sein.« »Und der Chinese?« »Laß die alten Geschichten ruhen!« rief unwillig der Berg-Javaner, »ich habe jede nötige Vorsicht gebraucht und« - setzte er leise flüsternd hinzu - »Mit seinem Blut meine Lippen genetzt.1) Gefahr ist deshalb nicht zu fürchten. Du bist der einzige Sterbliche, der davon weiß, und du wirst schweigen - weil du eben nicht reden kannst.« »Und willst du dich wirklich nach Batavia hineinwagen?« fragte kopfschüttelnd der vorsichtigere Tojiang. »Und warum nicht?« lachte Klapa. »Wenn es nämlich nötig sein sollte; vorderhand versuch' ich aber, ob ich hier draußen nicht eine angenehme Beschäftigung finde - vielleicht irgendwo einen guten Handel machen kann.« Tojiang sah eine Weile nachdenklich vor sich nieder, dann sagte er leise. »Der alte Tonké da drüben von Tji-soka hat eine hundertjährige Taube, aber - er verlangt viel Geld dafür.« »Weißt du das gewiß!« rief Klapa rasch. »Aber zum Henker mit den Schuften; sie lügen es alle, um die orang Wolanda und sich selber zu betrügen.« »Nein«, sagte Tojiang, »ich wußte es schon von meines Vaters Bruder. Die Mutter Tonkés hat sie geerbt, und als die im vorigen Jahr auch gestorben ist, hat sie der Alte an sich genommen und bewacht sie jetzt wie seinen Augapfel. Mein Tuwan fragte ihn nach dem Preis; er forderte einen Berg von Säcken dafür.« »Weißt du, wo er wohnt?« »Kennst du noch Schong-ho?« »Den alten Fuchs? Gewiß; aber ich gehe ihm aus dem Weg.« »Gleich rechts das Haus daneben - aber...« »Ein Dienst ist des andern wert«, nickte Klapa, der keinen Augenblick an den Sagen seines Vaterlandes zweifelte und so fest davon überzeugt war, daß hundertjährige Tauben Diamanten statt Eier legen müssen, wie von dem Wiedererscheinen der Sonne am nächsten Morgen. »Wenn er sie hergibt«, und der schlaue Bursche lachte dabei still vor sich hin, »so weiß ich ein reizendes Plätzchen in den Bergen, wo sie ganz ungestört ihre guten Eier legen könnte, und dann, Tojiang, besuchst du mich einmal dort oben.« »Nimm dich in acht«, warnte Tojiang, »der alte Tonké ist mißtrauischer als zehn Wolandas.« »Was tut's?« lachte Klapa, »ich muß doch hin und ihm Grüße von Tji-panas bringen, wo er so lange gelebt hat und wo ich den ganzen Kampong kenne.« »Nimm dich in acht!« warnte Tojiang, der dabei nicht aufgehört hatte, seine Nachbarschaft zu mustern, noch einmal, »da drüben steht auch einer der Oppass und hat schon ein paarmal hier zu uns herübergesehen.« »Du fürchtest wohl für deinen Ruf?« lachte Klapa, nichtsdestoweniger aber der vorsichtig angedeuteten Richtung den Rücken kehrend. »Hab keine Angst; die müssen schnell sein, die Klapa bei Nacht und auf einem Basar erwischen wollen.« »Hast du denn Reisegeld?« »Etwas - nicht viel - werde aber schon mehr bekommen.« »Ich bin blank...« »Wie immer«, nickte der Javaner, »aber du hast mir eine gute Nachricht gegeben, und was ich habe, teil' ich gern. Komm indes mit fort von hier in den Schatten der Häuser da drüben. Es braucht gerade niemand zu wissen, daß wir beide Geldgeschäfte miteinander haben«, und die beiden Burschen schlenderten, als ob sie einander gar nichts angingen, nach verschiedenen Richtungen durch die Menge, um sich heimlich an der von Klapa bezeichneten Stelle wiederzufinden. In der Opiumhöhle ging es inzwischen zu wie in einem Bienenschwarm, nur daß diese Bienen - im Gegensatz zu jenen in der Fabel - allein das Gift sogen und in ihre Zellen trugen, sich dabei wenig um den Honig kümmernd. Es gehörte aber auch schon Opium dazu, sich in Lust und Seligkeit hineinzuträumen, wo nichts als Jammer, Laster und Elend sie in Wirklichkeit umgab. Auch Horbach war mit den beiden Kapitänen hier herübergekommen, weniger um das Treiben selber anzusehen, das er fast bis zum Ekel kannte, als es ihnen, den Neulingen, einmal zu zeigen. Bald betraten sie einen engen, düsteren Raum, der nur von den dunkelbrennenden Lampen erleuchtet wurde, die vor den Rauchern zu deren Gebrauch standen, und acht oder zehn halbnackte Menschenkinder lagen hier ausgestreckt auf einer von Bambus geflochtenen Pritsche, einige ein altes mit Dapatwolle gestopftes schmutziges Kissen, andere einfach nur ein plattes Stück Holz unter dem Kopf. Die kurze Pfeife hielten sie dazu in der Hand; ihr Opium hatten sie, hier und da mit etwas Tabak, auf dem Sirihblatt vor sich ausgebreitet liegen, und nur dann und wann sich in halber Betäubung aufrichtend, stopften sie eine kleine Kugel davon in die winzige Öffnung der Pfeife, zogen den Dampf mit einem leisen Pfeifen langsam ein und bliesen ihn dann wieder, nachdem sie ihn eine Weile im Mund behalten und halb verschluckt hatten, durch die Nase aus. Ein widerlicher, warmer und weicher Dunst herrschte in dem niedrigen Raum, in dem sich nur die Raucher wohl und behaglich zu fühlen schienen; die beiden Kapitäne aber, fortwährend an frische, gesunde Luft gewöhnt, konnten kaum Atem holen und hätten am liebsten gleich wieder den verpesteten Ort verlassen, wenn sie nicht Horbach daran gehindert hätte. »Nicht so rasch, meine Herren«, sagte er lachend, »das ist ein Ort, den Sie wahrscheinlich nicht so bald wieder besuchen, und den müssen Sie sich deshalb auch ein wenig genauer ansehen. An der ganzen Einrichtung ist freilich nicht viel zu bewundern, aber die Menschen darin, wenn Sie diese Geschöpfe überhaupt Menschen nennen wollen, sind der Mühe wert, daß man sie einmal genauer betrachtet.« »Ach was«, sagte der eine Kapitän, »ich sehe da auch keinen großen Unterschied zwischen einem gewöhnlichen deutschen oder europäischen Säufer und diesen Kreaturen, die sich halb bewußtlos auf ihrem harten Lager herumwälzen. Ja, wenn ich die Wahl haben soll, sind mir die hier noch lieber, denn sie machen wenigstens keinen Skandal, werfen sich keine Bierkrüge an den Kopf, stechen sich keine Messer in den Leib und schreien, juchzen und toben nicht.« Horbach fühlte sich möglicherweise durch diesen Vergleich mehr getroffen, als der ehrliche Seemann ahnen mochte, hatte auch vielleicht an eine solche Ähnlichkeit zwischen sich und einem Opiumraucher, den er von Herzen verachtete, noch nicht einmal gedacht. War ihm aber ein solcher Gedanke in diesem Augenblick durch das Hirn gefahren, so lag es keineswegs in seinem ganzen Wesen, sich dem lange hinzugeben, und lachend rief er: »Das wäre immer noch eine Schmeichelei für diese Schufte, die sich hier zu Skeletten abzehren und nur den ganzen Tag in einem Halbtraum vergeuden, um abends wieder aufs neue das faule Gift in ihre Adern zu ziehen. Sehen Sie den Alten da an! Können Sie sich ein scheußlicheres Bild menschlicher Versunkenheit denken als diesen alten Knaben, der, selber nur noch Haut und Knochen, an seiner schmutzigen Pfeife saugt, um auch das letzte Fünkchen Verstand zu verlieren? Das Trinken endet doch in einem fröhlichen, wenn auch wilden Rausch - das Rauchen hier mit einem elenden Absterben des Geistes wie der Glieder.« »Nun, der Bursche da sieht wenigstens noch nicht so aus, als ob ihm die Glieder abgestorben wären«, sagte Kapitän Meier, indem er auf einen neuen, eben den Raum betretenden Raucher zeigte, der das Sirihblatt mit dem Opium in der Hand hielt und sich, wie es schien, nach einem Platz umsah, auf dem er sich bequem niederlegen konnte. Sein muskulöser kräftiger Körper und die breite nackte Brust, die durch die geöffnete Jacke frei gezeigt wurde, verriet auch nichts weniger als einen entnervten Körper, und der flüchtige, fast scheue Blick, den der Bursche auf die hier keinesfalls erwarteten Europäer warf, zeigte, daß auch seine Geistesfähigkeiten noch nicht durch das Gift gestört seien. »Das ist jedenfalls ein Neuling«, sagte Horbach, während Klapa, der neue Ankömmling, vorsichtig auf das Bambuslager stieg, eine der dort stehenden Lampen anzündete und sich dann neben dem Alten, unserem Bekannten Hetavi, niederlegte. »Ich wollte nur, Sie könnten ihn mal in ein oder zwei Jahren wiedersehen, um festzustellen, welche Wirkung der Genuß des Opiums dann bei ihm hervorgebracht hat.« »Kommen Sie«, sagte aber der eine Kapitän, »ich werde seekrank, wenn ich hier noch länger in dem Giftdunst bleibe. Der Kopf wird mir schon schwindlig, und der Schweiß tritt mir auf dem ganzen Körper heraus. Das ist eine Luft zum Ersticken.« »Ich habe ebenfalls nichts dagegen, wenn wir wieder ins Freie gehen«, meinte der andere, »es ist hier auch nicht viel zu sehen, denn von dem, was die Burschen da träumen, erfahren wir doch nichts. Der junge Bursche scheint übrigens schon halb im Schlaf zu sein.« »Faulheit«, sagte Horbach, »weiter nichts, denn so schnell wirkt das Opium nicht; aber kommen Sie, denn wenn Sie es hier satt haben, fühl' ich auch kein Bedürfnis, mich länger hier herumzutreiben.« »Wollen wir nicht noch einmal zu dem Chinesen gehen?« sagte Meier. »Aha, die jungen Damen stecken Ihnen im Kopf!« lachte Horbach; »meinetwegen, es wird jetzt drüben auch vielleicht nicht mehr so voll sein. Zuerst müssen wir uns aber die Ronggings noch einmal ansehen, denn die stehen jetzt in voller Blüte. Das Haus hier zittert ordentlich von dem infernalischen Lärm, und dann werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie einmal meinem alten Freund Schong-ho vorzustellen.« Die drei Europäer verließen das dumpfe Gemach, und Klapa hob langsam den Kopf, um ihnen nachzusehen. Als sie den Raum hinter sich hatten, schweifte sein Blick noch einmal über die träumenden Raucher hinweg; dann drückte er sich fester an die Seite des schon fast bewußtlosen Hetavi und sank wie schlafend auf sein Kissen zurück. 1) Die Javanen haben einen alten Aberglauben, daß nämlich ein verübter Mord verborgen und unentdeckt bleibt, wenn sie mit dem noch blutigen Kris ihre Lippen berühren. (Zum Text) 14. EIN JAVANISCHER GAUNER. - NÄCHTLICHER DIEBSTAHL Es war spät geworden, aber immer noch tobte der Lärm der Ronggings auf dem Basar, immer noch rasten die unermüdlichen Tänzerinnen um ihre Lampe herum, wehten mit ihren Fächern, schwangen sich herüber und hinüber und sammelten Deute von den kaum weniger zähen Zuschauern. Aber die Neugierigen auf dem Markt waren jetzt doch weniger geworden; die Fruchtverkäufer hatten sich ebenfalls zum großen Teil entfernt und dadurch die Beleuchtung des Marktes wesentlich verringert, und nur der dem Untergang nahe Mond sandte noch sein rotes unheimliches Licht über die wilde Szene und spielte mit dem Schatten der wehenden Kokospalmen, die hier und da die einzelnen Gebäude mit ihren zierlichen Kronen überragten. Die Tür von Schong-hos »Gesellschaftszimmer« stand noch weit geöffnet, aber nur einzelne Chinesen trieben sich zwischen den darin gruppierten Mädchen umher, und die Häuser daneben lagen in tiefer Dunkelheit. An das eine Nachbarhaus klopfte ein Javaner - einmal - zweimal, ehe man ihn im Innern hörte und ihm antwortete. »Was gibt's? Wer ist da?« fragte eine Stimme von innen heraus. »Ein Freund aus Tji-panas«, lautete die Antwort, »eben aus den Bergen heraus, der Euch Grüße bringt von daheim.« Keine Antwort erfolgte - nur leise flüsternde Stimmen wurden im Innern gehört, endlich kam der, der zuerst gesprochen hatte, an die Tür und sagte, ohne sie jedoch zu öffnen: »Wie heißt du?« »Delankeng - ein Verwandter Eures Vetters in Tji-panas.« Wieder schien eine Beratung stattzufinden, aber der innere Raum erhellte sich, und bald darauf wurde der hölzerne Riegel zurückgeschoben, der die Tür bis dahin verschlossen hielt. Sie öffnete sich aber zuerst nur ein klein wenig, und das aufmerksam vorgebeugte Gesicht des kleinen dicken Javaners kam über der Lampe zum Vorschein, um den späten verwandtschaftlichen Besuch, ehe er ihn einließ, etwas genauer zu betrachten. »Tabé, Tonké«, sagte dieser aber mit freundlichem Nicken, »du brauchst keine Furcht zu haben, wenn ich auch spät an deine Tür klopfe.« »Und woher kommst du mitten in der Nacht?« sagte der Alte, ohne bis jetzt noch dem Fremden den Eintritt zu gestatten. »Direkt von Tji-panas«, erwiderte dieser, »bin tüchtig marschiert, um den Basar heut abend noch zu erreichen.« »Hast du was mitgebracht?« »Soll ich Euch das alles hier draußen im Freien erzählen?« fragte der angebliche Delankeng. Tonké zögerte noch immer, aber er fühlte doch auch das Unschickliche, jemanden, der sich als Verwandter anmeldete, an der Tür stehenzulassen, und diese langsam öffnend, sagte er: »Komm herein, Delankeng.« Der vermeintliche Delankeng zögerte nicht, von der Einladung Gebrauch zu machen, und schritt gleich auf die alte Frau zu, um sie zu begrüßen. Tonké indessen betrachtete ihn aufmerksam, so gut es das ungewisse Licht der Lampe gestattete, und schüttelte dazu den Kopf, denn diesen Verwandten hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Delankeng dagegen betrug sich, als wenn er hier zu Haus wäre, setzte sich ohne weiteres auf die Matte, dicht zu Tonké, den Rücken der Lampe zugedreht, und plauderte und erzählte von Tji-panas und den benachbarten Kampongs nach Herzenslust. Die meisten Fragen, die Tonké an ihn richtete, wußte er auch geschickt zu beantworten; ein paarmal wurde er aber doch in die Enge getrieben, und nur seine bodenlose Frechheit mit der er aufs Geratewohl ins Blaue hineinriet, half ihm durch. Dabei wußte er es so einzurichten, daß er langsam und vorsichtig, aber deshalb so viel genauer, das ganze kleine Zimmer überflog. Genau merkte er sich dabei besonders die Stelle, wo das Bauer mit der Taube hing, zählte die Bambusstäbe, die von der Ecke des Daches bis dorthin führten, und hatte in kaum einer Viertelstunde, während er mit dem Alten lachte und schwatzte, das ganze Innere des Hauses vollkommen im Kopf. So anscheinend absichtslos das aber auch geschah, so entging es dem mißtrauischen Tonké doch keineswegs. Er fand, daß sein Besuch die Blicke fortwährend da hatte, wo er sie eigentlich nicht haben sollte, und ihm fast nie oder doch sehr selten selber ins Auge sah. Auch einige der Antworten gefielen ihm nicht, wenn sie auch mit großer Zuversicht und Ruhe gegeben wurden. Zweimal hatte der späte Gast sogar über seine eigene Familie ganz unrichtige Angaben gemacht, und wenn auch Tonké tat, als ob er es nicht bemerke, wurde er dadurch nur um so aufmerksamer. Klapa aber, der sich hier unter dem Namen Delankeng eingeführt hatte, bekam es endlich satt, über Sachen und Leute Rede zu stehen, die er gar nicht oder doch nur oberflächlich kannte, und um gleich und ohne weiteres zum Ziel zu kommen, sagte er endlich: »Alle die Fragen, Freund Tonké, beantworte ich Euch lieber morgen; ich habe einen langen Marsch gemacht, und meine Füße brennen mich. Gebt mir eine Matte, daß ich mich niederlegen kann; morgen sprechen wir weiter darüber.« Das war aber gerade, was Tonké nicht beabsichtigte, den Fremden nämlich über Nacht in seiner Hütte zu behalten, und er sagte langsam: »Tut mir leid, Freund wir haben aber nur die eine Matte, und du wirst dich schon nach einem anderen Nachtquartier umsehen müssen.« »Aber du wirst doch nicht den Vetter« - rief da die Frau - »bei Nacht und Nebel aus dem Haus schicken wollen?« »Sollte mir wenigstens fatal sein«, meinte Klapa ruhig, »denn ich hatte fest darauf gerechnet, bei euch bleiben zu können.« »Tut mir aber doch leid, daß ich es muß«, sagte der kleine Javaner ganz fest und entschieden. »Ich habe hier im - hm - ich - ich kenne Euch überhaupt noch zu wenig und bin nicht gewillt, solange ich so dicht am Basar wohne, irgendeinen Fremden nachts zu beherbergen - ob das nun ein Verwandter ist oder nicht.« »Aber, Mann!« rief die Frau erschrocken. Tonké jedoch, seinen Sarong ganz in der Art, wie es die Matrosen mit ihren etwas tief hängenden Hosen machen, ein wenig über den Hüften in die Höhe ziehend, warf erst einen scheuen Blick zu seiner Taube hinüber und dann auf seinen angeblichen Vetter (dem beide nicht entgingen, wenn er dem Mann auch nicht dabei in die Augen sah) und sagte entschlossen: »Dabei bleibt's heut abend - morgen wollen wir weiter sehen, wenn - Delankeng dann überhaupt noch im Basar ist. Tabé, Freund, es ist Zeit zum Schlafengehen, und du hast ebenfalls nichts zu versäumen, um noch in einem der Logierhäuser ein Unterkommen zu finden.« »Freundlich ist das gerade nicht von Euch, Tonké«, sagte Klapa, indem er aufstand, denn solcher direkt gegebenen Mahnung durfte er sich nicht widersetzen; er war dabei zugleich auf die Seite der Tür getreten, auf der das Bauer mit dem Vogel hing. Ob aber der dorthin geworfene Blick von Tonké aufgefangen worden war oder ob es aus alter Gewohnheit geschah, seinen einzigen Schatz in Sicherheit zu wissen, er trat jedenfalls zwischen ihn und den Fremden und wich diesem nicht von der Seite, bis er ihn wieder draußen vor der Tür wußte. »Aber, Tonké«, sagte vorwurfsvoll die Frau, als er den Riegel wieder vorgeschoben hatte, »so ungastlich habe ich dich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wenn auch der Besuch ein wenig spät war, so darf man es doch unter Verwandten nicht so genau nehmen, und der arme junge Delankeng - aber was machst du denn?« »Was ich mache?« sagte der kleine Javaner, der die letzten Worte und Vorwürfe seiner Frau gar nicht gehört zu haben schien, sondern nur mit besorgten Blicken die Stelle betrachtete, an der sein Taubenbauer hing, dieses dann vorsichtig abnahm und an die entgegengesetzte Seite der Hütte, und zwar an die hintere Wand brachte. »Das will ich dir sagen«, setzte er dann langsam hinzu, »der Bursche heißt so wenig Delankeng wie ich, und was er hier bei uns gewollt hat, kann ich mir etwa denken; so dumm ist der alte Tonké aber nicht, und wenn er den betrügen will, muß er früher aufstehen.« »Torheiten, Tonké!« rief aber ärgerlich die Frau. »Du hast nur immer deine alberne Taube im Kopf, die schon seit drei Monaten ihre Diamanten hätte legen können - wenn sie eben gewollt...« »So? Du redest, wie du es verstehst«, sagte der kleine Mann; »glaubst du, daß ein Diamant so leicht gelegt ist wie ein Ei? Und eine Taube ebenso rasch damit fertig wird? Und wie hat sich die arme Alte in der letzten Woche abgequält, und wie schwach und matt ist sie dabei geworden! Die hat dem Schuft in der Nase gesteckt, und morgen früh... Raschelte da nicht etwas?« fuhr er plötzlich erschrocken herum. »Ach, was soll rascheln«, sagte die Alte mürrisch, rückte sich ihr Kopfkissen zurecht, kauerte wieder auf der Matte nieder und war bald, trotz der sie umsurrenden Moskitos, sanft eingeschlafen. Tonké jedoch traute dem Frieden noch nicht, und als er die Lampe ausgelöscht hatte, war es ihm, als ob er bald hier, bald da einen Schritt oder das Knacken irgendeines kleinen Zweiges oder Holzes um das Haus höre. Ob der nichtswürdige Halunke noch da draußen herumschlich? Indessen waren zwei Bendis auf Meester Cornelis angekommen und aus jedem ein einzelner Europäer gestiegen. Beide ließen ihre Fuhrwerke an dem üblichen Halteplatz warten und schritten zusammen dem Markt zu. »Das ist eine ganz unnötige Nachtfahrt, die wir hier machen«, sagte der eine, »morgen früh hätten wir den Burschen ebenso sicher und mit viel weniger Umständen aus seinem Bett holen können. Wo will er denn hin. Er kann ja gar nicht fort.« »Wenn er überhaupt fort könnte«, meinte der andere, »wäre ich der letzte, der ihn hielte, denn auf die Art würden wir ihn am allersichersten und besten los. Weil er aber eben hierbleiben muß, sind wir auch genötigt, ihm auf die Finger zu sehen. Übrigens glaube ich selber nicht, daß er mit der Sache das mindeste zu tun hatte.« »Aber Heffken hat doch ausgesagt...« »Weiter nichts, als daß er den schon etwas angetrunkenen Menschen barsch abgewiesen und dadurch wahrscheinlich gereizt habe; dabei stecke er fortwährend mit den Malaien und Eingeborenen zusammen, und es sei leicht möglich, daß er den einen oder anderen, von Wein oder Arrak erhitzt, veranlaßt habe, ihn zu rächen. Ich wäre auch gar nicht auf einen so schwachen Verdacht hin darauf eingegangen, ihn zu verhaften, wenn nicht der Kutscher in dem Eingeborenen den Diener Horbachs, den nichtsnutzigen Tojiang, erkannt haben wollte. Wäre das wirklich der Fall, so läge allerdings ein stärkerer Verdacht vor.« »Horbach ist noch hier?« »Ja - sein Bendi steht dort drüben, und es ist Befehl gegeben, ihn nicht fortzulassen, bis wir selber mitkommen. Sehen Sie jetzt einmal zu, ob Sie ihm hier nicht irgendwo begegnen können; wahrscheinlich steckt er in einer der Spelunken, vielleicht bei Schong-ho oder in der Nachbarschaft. Ich werde indessen die hiesige Polizei aufsuchen, ob die vielleicht irgend etwas Verdächtiges entdeckt hat.« »Wenn aber Tojiang der Täter wirklich gewesen wäre, könnte er kaum wieder hier sein.« »Die Burschen laufen wie der Teufel«, sagte der erste, »besonders wenn sie irgend etwas verbrochen haben - wir kommen nachher hier wieder zusammen.« Damit bog er in die Richtung ein, in der fortwährend eine Wache von Oppass stationiert blieb, um Ordnung auf dem Basar zu halten, auf dem sich gern allerlei Gesindel herumtrieb, und traf nach kaum einer Viertelstunde seinen Begleiter schon wieder an dem vereinbarten Ort. »Haben Sie ihn gefunden?« »Ja, er war tatsächlich bei Schong-ho und hat noch zwei Fremde bei sich. Sie wollen eben nach Haus fahren und werden hier gleich vorbeikommen.« »Der Klapa ist hier wieder gesehen worden«, sagte der erste Beamte, »und er hat lange und heimlich mit Tojiang verhandelt. Eben hörte ich auch, daß in der Opiumstube ein Diebstahl an einem Javaner begangen wurde. Der alte Bursche, halb vom Opium voll, schreit und wütet, daß ihm ein paar hundert Gulden gestohlen wären. Ich habe ihn festnehmen lassen, daß er morgen, wenn er wieder bei Verstand ist, erst einmal Rechenschaft gibt, woher er das viele Geld hat.« »Da kommt Horbach«, flüsterte der zweite, »er scheint angetrunken, und ich glaube das beste wäre, wir ließen ihn ruhig nach Haus fahren, um hier kein Aufsehen zu erregen.« »Vielleicht, ja - fahren Sie mit«, sagte der Ältere, »nehmen Sie die beiden Oppass mit, die uns begleitet haben, und verhaften Sie ihn vor seinem Hotel; er wird keinen Widerstand leisten. Lassen Sie aber besonders den Tojiang nicht entwischen. Ich will indessen sehen, daß wir den Klapa bekommen. Er ist gleich dort drüben in ein Haus gegangen, wo er wahrscheinlich übernachtet.« »Guten Abend, meine Herren«, jubelte in diesem Augenblick Horbachs fidele Stimme, der, die beiden Kapitäne unter den Arm gehakt, in äußerst guter Laune quer über den jetzt ziemlich menschenleeren Basar kam. »Hallo, was für hübsche Gesellschaft wir da noch zusammenfinden - guten Abend, alter Junge! Hurra! Batavia soll leben!« »Ruhig, Horbach, ruhig!« sagte der Kapitän Meier, auch mit ein wenig schwerer Zunge, »Donnerwetter, der geht immer vor dem Wind, vierzehn Knoten die Stunde, hat aber keinen Ballast und ist top heavy - he, alte fidele Seele?« »Guten Abend, meine Herren«, sagte der eine Polizeibeamte, indem er den dreien etwas aus dem Weg trat und seinem Begleiter einige Worte zuflüsterte. »Hier, meine Herren«, rief Horbach, und versuchte sich, in seiner Leidenschaft, fremde Leute einander vorzustellen, von seinen Begleitern loszumachen, »hier habe ich die Ehre, Ihnen...« »Komm, Horbach, alter Seehund«, unterbrach ihn aber der eine Kapitän, der sich selber schwer im Kopf fühlte und nach seinem Wagen verlangte, »keine Abschweifungen mehr - Kurs gehalten!« »Aber, meine Herren, diese beiden würdigen Greise da«, rief Horbach, keineswegs gewillt, sich eine so günstige Gelegenheit entschlüpfen zu lassen. »Kurs gehalten«, lachte aber auch der andere, »laß seine Finne nicht los, Meier, denn wenn er uns noch einmal abtreibt, bekommen wir ihn gar nicht wieder ins rechte Fahrwasser.« Horbach machte noch einige, aber vergebliche Versuche loszukommen, und während die beiden Beamten zur Seite traten und ihnen höhnisch lächelnd nachblickten, arbeiteten sich die beiden Kapitäne mit ihrem unruhigen Freund »im Schlepptau« wacker durch die leeren Tische und Sessel des Marktplatzes hindurch, was ihnen gerade in den Weg kam, zur Seite schleudernd. Langsam folgte ihnen der eine Beamte, während der andere zu einigen schon auf ihn wartenden, in Diensten der Regierung stehenden Malaien, und dann geradenwegs auf Tonkés Wohnung zuschnitt. Tonké hatte sich eben, noch immer nicht beruhigt, auf seine Matte gelegt und lauschte einem draußen dann und wann laut werdenden Geräusch, das vielleicht von einer Maus, möglicherweise aber doch auch von einem Menschen herrühren konnte. Da war es ihm, als ob plötzlich einer der Bambusstäbe knarrte, die das Dach trugen, wie wenn ein schweres Gewicht darangehängt würde. Rasch richtete er sich auf seinem Arm empor, um besser zu hören, da klangen deutlich die Schritte mehrerer Männer zu ihm herüber, die vor seinem Haus hielten. Gleich darauf wurde an die Tür geklopft. »He, Tonké! - schläfst du, alte Ratte? Mach einmal deine Falle auf!« »Wer ist da?« fragte der vorsichtige Malaie. »Die Oppass«, lautete die Antwort, »du hast nichts zu fürchten.« »Ihr seid recht!« rief Tonké rasch und erfreut, und schob ohne weiteres den Riegel zurück. Bei dem Geräusch hörte er aber nicht, wie ein scharfes Messer, von einer geübten Hand geführt, das dünne Bambusgeflecht seiner hinteren Wand durchschnitt und den abgetrennten Teil zurückbog. »Hast du Besuch hier?« »Nein - aber gehabt«, sagte der Malaie, »und ich fürcht er treibt sich noch näher hier herum, als mir lieb ist.« »Wer war es, Alter?« sagte der eine Oppass, in die Tür tretend. »Delankeng von Tji-panas - den Namen gab er wenigstens an, aber ich glaub's ihm nicht.« »Ist weiter niemand bei dir gewesen?« »Nein.« »Und warum ist er fort?« »Weil ich ihn nicht bei mir behalten mochte. Er wollte hier schlafen.« »Ausgeflogen«, sagte der Oppass, sich zu seinen Gefährten herumdrehend. »Wer weiß, wo der Schuft jetzt steckt.« »Ihr seid hinter ihm her?« »Es ist wahrscheinlich der Klapa von Tjanjor, der sich die letzten Jahre irgendwo in den Bergen herumgetrieben hat.« »Da hast du's!« rief Tonké, sich rasch und triumphierend zu seiner Frau umsehend, »was hab' ich dir gesagt. Hallo!« rief er plötzlich und sprang mit einem Satz über seine Matte hinweg zur hinteren Wand. Es klang dort, als ob einer der Bambusstäbe scharf angezogen worden war und, zurückschnellend, gegen die anderen schlug. »Meine Taube!« schrie der alte Mann aber auch schon im nächsten Augenblick in Todesangst. »Meine Taube! Hilfe! Diebe! Mörder!« Die Oppass waren rasch im Haus, ihnen aber entgegenstürzend, schrie Tonké: »Hinaus! In den Garten! Hinten herum - er ist dort! Er hat sie! Er hat sie! Draußen läuft er! Faßt ihn! Schlagt ihn zu Boden, den Dieb, den Schuft, den Halunken!« Es blieb hier keine lange Zeit zu weiteren Erklärungen; die erregten Ausrufe des Alten ließen die Leute auch glauben, daß er in der Tat jemanden in diesem Augenblick dort gesehen habe, und rasch hinausstürzend, suchten sie dem, wer er auch immer sei, den Weg abzuschneiden. Das war allerdings nicht so leicht. Der kleine Garten, der hinter dem Haus lag, stieß an ein größeres, von einer hohen Akazienhecke eingefaßtes Grundstück. Als sich einer der Oppass dort hindurchdrängte, war es ihm zwar im ersten Augenblick, als ob er den raschen Schritt eines Davonspringenden vernehmen könne. Im nächsten Moment war aber alles wieder totenstill, und vergebens durchsuchten die Oppass jetzt mit Laternen den ganzen umliegenden Distrikt. In Tonkés Haus zeigte sich indessen die Spur des begangenen Einbruchs deutlich genug, denn der schlaue und gewandte Dieb hatte ein großes Stück der Bambuswand aufschneiden müssen, um das kleine Vogelbauer hindurchzubekommen. Außen am Haus lag, als weiteres Zeichen, sein kurzes gebogenes Messer, der sogenannte arit, und an den Bambusstäben hingen einige Blutstropfen; an dem scharfen Bambus hatte er sich jedenfalls geschnitten. Das war aber auch alles, was Klapa hinterlassen hatte, und der alte Tonké wälzte sich im Innern auf seiner Matte umher, raufte sich die Haare und rief Allahs Fluch auf den frechen Räuber herab. 15. EINIGE NEUIGKEITEN IN DER ALTEN STADT BATAVIA Die nächsten Tage sprach man in Batavia von nichts anderem als Heffkens Verwundung durch einen Malaien und von der Verhaftung des liederlichen Horbach, die natürlich damit in Verbindung gebracht wurde. Am Anfang, solange sein Diener Tojiang ebenfalls festgehalten wurde, glaubte man allgemein, dieser habe auf seines Herrn Befehl den Mordangriff durchgeführt, so unwahrscheinlich dies auch den meisten vorkam und so ungewöhnlich dieses Beispiel in dem javanischen Leben dastand. Der Javaner mordet nämlich wohl aus irgendeiner Leidenschaft, sei es Rache oder Eifersucht, aber höchst selten oder nie wegen Geld, und Raubüberfälle kommen deshalb auch im Innern des Landes fast nie vor. Durch die Aussage von Heffkens Leuten aber: daß ihr Herr nämlich an jenem Abend ein fremdes Mädchen mitgebracht habe, kam das Gericht sehr bald auf eine andere, und zwar die richtige Spur, daß dieser Überfall nämlich nichts anderes gewesen sei, als der Wutausbruch eines eifersüchtigen Liebhabers. Ob Klapa aber, der seine diebische Tätigkeit an demselben Abend in Meester Cornelis ausgeübt hatte, zugleich auch der gewesen war, der das Blut eines Weißen vergossen hatte, ließ sich nicht so bald ermitteln. Denn unglücklicherweise war in jener Nacht Melattie, die einzige, die darüber hätte Auskunft geben können, verschwunden. Man hatte sie, da Heffken mehrmals ohnmächtig wurde und alles nur mit ihm beschäftigt war, vorläufig in einer der kleinen Dienerschaftswohnungen untergebracht. Mitten in der Nacht aber entwich sie daraus - ob allein, ob mit Hilfe, ließ sich nicht ermitteln -, und alle Nachforschungen, die sogar die Polizei am nächsten und an den folgenden Tagen nach ihr in Batavia anstellte, um ihr Zeugnis gegen den Mörder zu bekommen, blieben fruchtlos. Als sich Heffken wieder so weit erholte, um Rechenschaft geben zu können, erfuhr man allerdings durch ihn, daß Schong-ho ihre Heimat kenne, und die Möglichkeit blieb, daß sie dorthin zurückgekehrt sei. Zwei im Dienst der Regierung stehende Eingeborene wurden dann auch unverzüglich dorthin abgesandt; aber Melattie war nicht daheim; ihre Eltern hatten seit jenem Abend nichts wieder von ihr gesehen, und Hetavi, dem das für den Verkauf seines Kindes eingenommene Sündengeld an demselben Abend wieder entwendet worden war, klagte Patani als den Räuber seines Eigentums wie auch wahrscheinlich seiner Tochter an. Aber selbst diese neue Spur half der Polizei nichts, denn auch Patani war und blieb verschwunden; und die einzige Möglichkeit war, daß er Mittel und Wege gefunden hatte, mit Melattie auf einer Prau zu irgendeiner anderen Insel zu entfliehen. Wer aber sollte ihn da verfolgen und wiederfinden, wo der Ostindische Archipel, selbst ganz in der Nähe Javas, Unmengen von Schlupfwinkeln bot, die nie der Fuß eines Weißen betrat. Es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen. Unter solchen Umständen lag allerdings kein weiterer Verdacht gegen Horbach vor, und dieser sowohl wie Tojiang, sein Diener, mußten freigelassen werden. Horbach hatte aber auch erfahren, daß er diese schimpfliche Behandlung niemandem weiter als Heffken verdanke, und seine Wut gegen den kleinen Buchhalter kannte keine Grenzen. Unzertrennlich von ihm war Nitschke, und die Holländer sprachen schon ernsthaft davon, die nötige Summe aufzutreiben, um die beiden vollkommen verdorbenen Menschen aus der Kolonie fortzuschaffen, denn sie konnten den Eingeborenen als weiße Tuwans nur ein ärgerliches Beispiel geben. Da erlag Horbachs Körper endlich, wenigstens für den Augenblick, diesen ewigen Ausschweifungen; man fand ihn eines Morgens, noch betrunken und dabei in einem hitzigen Fieber, mitten auf dem chinesischen Marktplatz nahe der alten Stadt liegen. Natürlich blieb jetzt nichts anderes übrig, als ihn in das Spital zu schaffen, denn auf der Straße konnte man ihn nicht sterben lassen. Die ganze Nacht hatte Nitschke noch mit ihm durchgetrunken und war dann selber am nächsten Morgen nicht in seine Wohnung zurückgekommen. Zwar wurde überall nach ihm geforscht, er blieb aber verschwunden, wenigstens die nächsten Tage, und länger suchte ihn niemand. Was lag daran, wenn das nutzlose Menschenkind im Kali besaar auch ein unzeitiges Ende genommen hätte, sparte man in dem Fall doch Passage, um ihn von Java fortzuschaffen, und er fiel keiner Seele mehr zur Last. Mit Heffkens Wunde besserte es sich indessen rasch. Der Stoß des Mörders war allerdings mit großer Sicherheit und Stärke geführt worden, dadurch aber, daß Heffken den Arm vorwarf, wurde die etwa zehn Zoll lange Klinge aufgehalten, durchstach ihm zwar den Arm und drang noch in seine Seite ein, verletzte aber doch keine edlen Teile und war nur dadurch gefährlich, daß die rauh damaszierte Schneide eine sehr böse und schwer heilende Wunde machte, die den Patienten einem heftigen und in diesem heißen Klima gefährlichen Wundfieber preisgab. Heffkens ansonsten gesunde Natur überwand dies aber bald, und nach einigen Wochen schon war er so weit hergestellt, daß er seine Arbeiten wieder aufnehmen konnte. Es war an einem Montagmorgen, als die Kaufleute aus den luftigen und freundlichen Vorstädten, in denen ihre Wohnungen lagen, in die eigentliche »alte Stadt« Batavia eilten, in der sich ausschließlich die Kontore befinden, um ihre am Sonnabend verlassenen Geschäfte wiederaufzunehmen. Am Kali besaar herrschte schon reges Leben; Massen von Lastträgern drängten sich mit ihrer an einem starken Bambusstab hängenden Ladung auf dem Steindamm des Flusses dahin, an dem überall indische Prauen gelandet waren, um Fracht einzunehmen oder von eingetroffenen Schiffen auszuladen.1) Fruchtverkäufer, denen ihre Waren in zwei von einem Stab getragenen Körbchen über der Schulter hingen, keuchten ihren verschiedenen Ständen zu, und chinesische wandernde Krämer, alles nur Erdenkbare auf dieselbe Art mit sich führend, schauten in die verschiedenen Läden hinein, um ihre Waren an den Mann zu bringen. Dazwischen rollten die Bendis der Weißen unaufhörlich aus den Vorstädten heran, und die Kutscher hielten, wenn ihre Herren ausgestiegen waren, geduldig unter besonders zu dem Zweck errichteten Schuppen den ganzen Tag, um jeden Augenblick abrufbereit zu sein. Hier und da trabte auch wohl ein langbeiniger Chinese auf einem so kleinen javanischen Pony, daß seine Füße fast den Boden berührten, zwischen diesem Treiben dahin und hielt dabei seinen langen Zopf vorsichtig in der einen Rocktasche, damit das seidene Band an dessen Ende nicht auf dem Rücken des kleinen schweißbedeckten Tieres beschmutzt würde. Vor den Türen der Schiffsmakler, in denen die Schiffskapitäne fortwährend aus und ein gingen, hielten Eingeborene, die lebendige Tiere und Vögel zum Verkauf hereingebracht hatten und die ganze Nacht damit marschiert waren, um sie in der Morgenkühle schon bereit zu haben. Scharen neugieriger Malaien und Chinesen standen darum her, um die eingesperrten Tiere zu bewundern und sich über den Wert zu streiten. Oben in den Kontoren der alten düsteren Gebäude saßen indessen die Kommis hinter ihren Büchern oder übernahmen unten in den geräumigen und luftigen Hallen hereinkommende Waren, die dann wieder eingeborenen »Markthelfern« übergeben und in die verschiedenen dazu bestimmten Lokalitäten geschafft wurden. Und wie seltsam sonnengebrannt und verwittert diese alten Kaufmannshäuser aussahen, die jetzt nur als Warenhallen und Schreibstuben benutzt wurden, während früher Glanz und Pracht in ihren Bäumen herrschte. Noch waren auch die Anzeichen davon an den Wänden in verblichenen oder zerstörten Malereien, in Goldleisten und wertvollen, jedenfalls früher einmal sehr kostbaren Schnitzereien zu sehen, mit denen die alten Handelsherren von Batavia ihre Wohnungen schmückten. Noch steckten die eisernen oder bronzenen Bolzen in den Wänden und über den Fenstern, von denen früher schwerseidene Stoffe niederhingen, aber diese Zeiten waren vorbei. Nur die alten Gehäuse früherer Herrlichkeit waren geblieben, und wo damals seltene Kostbarkeiten die Hallen zierten, waren jetzt gleichförmige hölzerne Regale angebracht, auf denen seltsame Mischungen europäischer Waren zusammengeschichtet auf Ballen mit Pfeffer, Zimt, Kaffee, Reis und anderen Produkten der Tropen lagen. In früheren Zeiten bildeten diese Hallen auch den Mittelpunkt des ganzen ostindischen Handels, und Reichtümer wurden in Monaten erworben, denn die Ostindische Kompanie war allmächtig und duldete keine Konkurrenz neben sich. Hatte sie doch den Handel so sehr in der Gewalt, daß sie einmal sogar ganze Schiffsladungen von Gewürzen verbrennen konnte, um nur zu verhindern, daß sie im Preis sanken. Aber so massenhaft in jener Zeit auch Schätze angehäuft wurden, während die Europäer selbst noch um den Besitz der Insel mit den Eingeborenen kämpfen mußten, so lagerte doch ein böser und gefährlicher Feind in den Ringmauern der alten Stadt, der weder mit Gold bestochen noch mit Feuergewehren besiegt werden konnte, und das war die »ungesunde Luft«, die furchtbar unter den Nordländern aufräumte. Freilich trug auch viel die Bauart der Stadt dazu bei. Die alten Holländer hatten, den Gebräuchen ihrer Heimat getreu, enge dumpfe Straßen angelegt, die noch dazu von jeden Luftzug abschneidenden Wällen und Bastionswerken umgeben wurden. Der »große Fluß«, von den Malaien Kali besaar, von den Javanen der Tji-liwong genannt, mündete in seichten, schlammigen, die Luft verpestenden Ufern, und während eine Menge mit langsam fließendem Wasser gefüllte Kanäle die Einschiffung von Waren zwar erleichtern mochte, vermehrte sie doch nur die schädlichen Dünste, die den Aufenthalt in der »alten Stadt« zuletzt für die Europäer tödlich machten. Erst seit der Regierung des Generalgouverneurs van der Capellen wurden diese Übelstände zum großen Teil behoben. Der Fluß bekam eine feste Eindämmung, wodurch er die schlammigen Ufer verlor und rascher strömte; ebenso wurden die Kanäle ausgebaut. Sobald die Kriege mit den Eingeborenen beendet und diese vollständig unterworfen waren, bedurfte man auch nicht mehr der Wälle und des Kastells, die bis dahin die frische Luft aus den Straßen abhielten. Ja, man fühlte sich endlich so vollkommen sicher vor einem neuen Aufstand der Eingeborenen, daß weit vor der Stadt draußen, in einem gesünderen und luftigen Distrikt, Vorstädte angelegt wurden, in die hinaus selbst der Gouverneur seine Wohnung legte. 1) Batavia hat, seiner seichten Meeresufer wegen, keinen Hafen, sondern nur eine Reede. Die Schiffe ankern draußen auf See, eine ziemliche Strecke vom Ufer entfernt, und sämtliche Ladungen müssen deshalb mit nicht tief gehenden Prauen an Bord oder an Land geschafft werden. (Zum Text) Von da an zogen sich die Kaufleute, Beamten und Offiziere, denn weiter gab es dort keine Europäer, alle von der eigentlichen Stadt zurück; Kasernen und Gefängnisse wurden ebenfalls hinaus verlegt, und Batavia selber blieb nur noch, was es jetzt ist, der Hauptstapelplatz für den Handel, mit Warenhäusern und Kontoren, und nur Chinesen und Malaien behielten ihre alten Wohnungen bei, da sie auch früher weit weniger als die Europäer durch das diesen verderbliche Klima gelitten hatten. So fahren denn jetzt die Kaufleute oder Beamten morgens in die Stadt, um ihre Geschäfte dort zu besorgen, und kehren abends in ihre freundlichen Wohnungen auf dem Lande zurück, die Warenlager einzig und allein der Obhut von malaiischen Dienern, denen sie übrigens vollständig vertrauen dürfen, überlassend. Auch heute wieder saßen die Kaufleute an ihren verschiedenen Pulten, aber sie arbeiteten noch nicht, denn eine Neuigkeit hatte die Stadt durchlaufen, die besonders die Kaufmannswelt auf das innigste interessierte. Eine der Prauen nämlich, die von der Maatchappey aus Waren an die für sie auf der Reede liegenden Schiffe bringen sollte, war, trotz der strengen Aufsicht, die darüber geführt wurde, mit einer ziemlich wertvollen Ladung von Gewürzen abhanden gekommen. Bei dem ruhigen Wetter konnte sie nicht unbemerkt gescheitert sein, und doch war keine Spur wieder von ihr aufzufinden. Ein ähnlicher Vorfall lag noch dazu erst einige Zeit zurück, und die Regierung hatte schon damals alles aufgeboten, was in ihren Kräften stand, der Sache auf die Spur zu kommen, wenn auch vergeblich. Jetzt schien sich dasselbe Spiel, mit ebenfalls glücklichem Erfolg, wiederholt zu haben, und ein dunkles Gerücht durchlief sämtliche Kontore, daß irgendein ebenso schlauer wie kecker Betrug an der Maatchappey verübt worden sei. Die laufenden Geschäfte mußten aber besorgt werden, und als vor einer der Kaufhallen der eine Chef des Hauses, Herr Wagner, mit seinem Bendi hielt, nahm alles rasch seine Plätze ein. Wagner war ein sehr guter Prinzipal und gab nur höchst ungern einen Verweis, deshalb bemühten sich seine jungen Leute aber auch desto mehr, ihm nicht die geringste Ursache dazu zu geben. Van Roeken, obgleich viel strenger und heftiger, war lange nicht so sehr gefürchtet. Wagner brachte verschiedene Aufträge mit, die sämtlich so rasch wie möglich ausgeführt werden mußten, denn zwei europäische, an ihr Haus abgesandte Schiffe waren heute morgen als auf der Reede eingelaufen signalisiert worden, und mit denen kam dann frische und unaufschiebbare Arbeit, vor der man besser alles übrige erst erledigte. Van Roeken war gleich von seiner Wohnung aus zum Zollhaus hinuntergefahren, und es mochte zehn Uhr sein, ehe er von dort in Begleitung der Kapitäne zurückkam. Während diese aber ihre Papiere ordneten, bat er Wagner, mit ihm einen Augenblick in ihr kleines Privatzimmer zu kommen, da er ihm etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Wagner folgte ihm dorthin, sah aber zu seinem Erstaunen, daß der sonst so ruhige und kaltblütige Freund in großer, ganz ungewöhnlicher Aufregung schien und mit schnellen Schritten und verschränkten Armen in dem kleinen Raum hastig auf und ab ging. »Ist etwas Unangenehmes vorgefallen?« fragte er besorgt, denn sein erster Gedanke war, daß van Roeken irgendeine das Geschäft betreffende schlimme Nachricht bekommen habe. »Unangenehmes? Nein«, sagte van Roeken, »oder wenigstens nichts Unerwartetes.« »Dann ist der Schoner tatsächlich untergegangen!« rief Wagner rasch. »Der Schoner? Nein - nicht daß ich wüßte wenigstens; was ich dir sagen wollte, betrifft auch nicht das Geschäft, sondern meine eigenen Angelegenheiten. Aber ich - will dich nicht länger darüber in Zweifel lassen. Meine - Braut ist angekommen.« »Fräulein Bernold!« rief Wagner rasch und erschreckt. »So heißt die junge Dame, glaub' ich«, sagte van Roeken, »und du kannst dir jetzt etwa denken, in welcher Verlegenheit ich mich nicht allein dem Mädchen, sondern auch meiner Frau gegenüber befinde, falls sie die leiseste Ahnung davon bekommen sollte.« »Das arme Kind«, sagte Wagner seufzend. »Leopold, du hast da ein schlimmes Spiel mit einem Mädchenherzen getrieben.« »Du vergißt«, sagte der junge Holländer, »daß das Herz nicht das geringste mit der ganzen Sache zu tun hatte. Es war meiner Ansicht nach einfach ein Privatgeschäft, das ich beabsichtigte, zwischen mir und irgendeiner jungen Dame abzuschließen. Von irgendwelchen tieferen Gefühlen konnte nicht die Rede sein, wo es sich nur um eine Geldfrage handelt.« »So hast du es dir gedacht, aber nicht jenes Mädchen!« rief Wagner, »und unerklärlich bleibt es mir und wird es mir ewig bleiben, wie du erwarten konntest, mit einem Wesen glücklich zu werden, das einzig und allein deine Hand annehmen sollte, um eine Versorgung zu bekommen? Was nun?« »Ja, das ist eben das Teuflische«, sagte van Roeken, sich hinter dem Ohr kratzend. »Deine letzte Schilderung der jungen Dame und besonders der Brief des alten Scharner haben mich lange bereuen lassen, einen solch leichtsinnigen Streich begangen zu haben. Aber das Unglück ist nun einmal geschehen, und es bleibt für den Augenblick nichts weiter übrig, als das Ganze so zu erledigen, daß das Zartgefühl des armen Mädchens so wenig wie möglich verletzt wird. Du hast mir schon früher versprochen, das für mich abzumachen, und ich nehme dich jetzt beim Wort. Du mußt es halten.« »Sie ist mit der Rebecca gekommen, nicht wahr?« »Ja. Aber noch nicht an Land. Sie hat den Kapitän an dich verwiesen, um über ihren nächsten Aufenthalt zu bestimmen. Sie - mochte sich doch wahrscheinlich nicht direkt an mich wenden.« »An Bord kann sie nicht länger bleiben«, sagte Wagner rasch, »das arme Kind wird die überlange Seereise außerdem herzlich satt haben. Aber wohin mit ihr? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als sie vorderhand in einem Hotel unterzubringen - vielleicht daß sich - daß sich später in irgendeiner Familie für sie ein Unterkommen finden läßt.« »Wenn sie es nicht vorziehen sollte, nach Deutschland zurückzukehren«, bemerkte van Roeken. »Du weißt aber, daß die nächste Mail erst in drei Wochen geht.« »Ja, leider!« seufzte van Roeken. »Konnte das verwünschte Schiff nicht vierzehn Tage früher oder später kommen? Aber es kann jetzt nichts helfen; die Sache ist einmal soweit verdorben, und es gilt nun, soviel wie möglich auszugleichen und gutzumachen, und darin, bester Freund, verlaß ich mich ganz allein auf dich.« »Ja, ich danke dir; daß ist für dich jedenfalls das Bequemste; ich weiß aber wahrhaftig nicht, ob ich nicht lieber irgend etwas anderes täte, und sei es das Unangenehmste, als diesem armen Mädchen jetzt gegenüberzutreten. Doch es kann nichts helfen; draußen auf der Rebecca dürfen wir sie nicht sitzenlassen, und das freundlichste wäre am Ende, wenn ich gleich selber ein Boot nähme und sie abholte.« »Das ist gar nicht nötig«, sagte van Roeken, »und wäre auch jetzt zu spät, denn der Kapitän der Rebecca hat sein Boot schon hinübergeschickt, um sie abzuholen. Wir brauchen ihr nur einen Wagen hinunter an das Zollhaus zu schicken, der sie in das Hotel schafft. Du selber kannst dich aber unmöglich an der Landung einer Szene aussetzen, und das einzige, um was ich dich bitten möchte, ist, nach Tisch zu ihr zu fahren und mit ihr zu sprechen. Mündlich läßt sich das alles besser abmachen als schriftlich, und deinem Scharfsinn und Zartgefühl muß es dann überlassen bleiben, alles auf die beste Weise zu ordnen. Von mir hast du, wie ich dir auch schon früher gesagt habe, unbedingte Vollmacht, zu tun, was du für gut befindest.« »Und so glaubst du, daß ich nicht selber hinunterfahren soll?« »Um Gottes willen nicht!« rief van Roeken, »der Zollkontrolleur unten kommt täglich in unser Haus; er ist ein Verwandter meiner Frau, könnte sich eine ganze Geschichte daraus zusammensetzen und bei mir daheim das größte Unheil anrichten.« »Ah, deshalb!« nickte Wagner, »um deine Frau nicht zu beunruhigen. Nun gut, ich will keine Ursache geben, euren häuslichen Frieden zu stören. Und in welches Hotel meinst du, sollen wir sie schicken?« »In das der Nederlanden«, sagte van Roeken, »das ist nicht so weit von deiner eigenen Wohnung entfernt, und die Wirtsleute sind freundlich und gutmütig; das Hotel ist eins der besten; sie wird sich dort wohl und behaglich fühlen, und du kannst dann alles nach deiner Bequemlichkeit in Ordnung bringen.« »Am liebsten holte ich sie gleich selber aus dem Boot ab«, sagte Wagner. »Wie unheimlich muß es dem armen Mädchen vorkommen, wenn sie sich beim ersten Betreten des Landes von lauter Fremden umgeben sieht. Natürlich spricht sie weder Holländisch noch Malaiisch, und wie soll sie sich nur verständlich machen?« »So schicke einen von unseren jungen Deutschen hinunter«, sagte van Roeken, »das fällt wenigstens nicht so sehr auf. Drin auf dem Pult liegen außerdem ein paar Briefe für den Robert Burns, der heute segelt; die kann er zugleich besorgen. Nicht wahr, das geht?« Wagner erwiderte nichts darauf, schüttelte nur unzufrieden den Kopf und ging dann in das Kontor zurück, um die dazu nötigen Anordnungen zu treffen. 16. AUF DER REEDE Draußen auf der Reede von Batavia, mitten zwischen den Flaggen fast aller Weltteile und Nationen, ankerte die holländische Bark, die Rebecca, und die Matrosen stiegen vergnügt und singend, trotz der heißen Sonne, in den Masten umher, um die verschiedenen Segel festzumachen und das Schiff, auf eine Zeitlang wenigstens, in Ruhestand zu versetzen. Sehnsüchtige Blicke warfen sie freilich zum fernen Land hinüber und wunderten sich dabei, daß man von dem so gerühmten Batavia nichts in der Welt weiter sehen sollte als ein paar rote Ziegeldächer, die aus dem dichten Grün der Baumschatten hervorschimmerten - aber das alles half ihnen nichts. Ihre Seereise war freilich beendet, aber deshalb kamen sie noch immer nicht an Land, denn die Gesetze in Batavia sind sehr streng gegen die Seeleute, und es ist ihnen keineswegs vergönnt, in tollem Übermut den Frieden der Uferbewohner zu stören wie in mancher anderen Hafenstadt. Nur sehr selten werden sie deshalb auch von ihren Kapitänen einmal auf ein paar Stunden hinübergelassen, und wollten sie sich da betrinken und zu lärmen anfangen, würde die javanische Polizei verwünscht wenig Umstände mit ihnen machen. Jetzt mußten sie sich deshalb nur mit dem begnügen, was ihnen einige vom Land herüberkommende Fruchtboote bringen konnten, und selbst die zu befriedigen, hatten sie noch kein Geld. Das einzige, was ihnen übrigblieb, war, Hemden und andere leichte Kleidungsstücke, die sie entbehren konnten, hervorzusuchen und den Malaien für die süßen und so lang entbehrten Früchte anzubieten, und die Eingeborenen ließen sich nicht einmal gern auf einen solchen Handel ein, wenn sie nicht übermäßigen Profit dabei machen konnten. Komische Gruppen bildeten sich aber dadurch an Deck, und der Pinsel eines Malers hätte reichlichen und dankbaren Stoff zu vortrefflichen Genrebildern hier gefunden. Unten schaukelte längsseits mit seiner süßen Fracht gefüllt das Boot, und zwei kleine schmächtige Malaien mit rabenschwarzem Haar und blitzenden Augen waren teils beschäftigt, ihr schmales und nicht eben sehr festes Fahrzeug von der Schiffsseite abzuhalten, teils die von oben heruntergerufenen Aufträge auszuführen. Drei andere, zwei Ruderer mit ihrem Bootsmann, Dolmetscher und Handelsagent in einer Person, waren indes nach oben an Bord gekommen, aber auf der Schanzkleidung oder den Bulwarks des Schiffes vorsichtig sitzen geblieben, da ein großes Windspiel gravitätisch an Deck herumging und den halbnackten braunen Gestalten ärgerlich die Zähne wies. Dort oben fühlten sie sich insofern sicher, als sie augenblicklich über Bord einem möglichen Angriff des Hundes ausweichen konnten, und dort saßen sie nun, ängstlich die Beine in die Höhe ziehend, sobald das Tier in ihre Nähe kam, und damit schlenkernd, sobald es sich entfernte. Währenddessen boten sie den vor ihnen stehenden Matrosen die von unten heraufgeworfenen Kokosnüsse und Ananas an. Die Matrosen hatten aber alles hervorgesucht, was möglicherweise noch zu einem Tauschartikel dienen konnte, und gingen dabei von der irrigen Ansicht aus, daß diese Malaien außerordentlich entzückt über einen gelben Knopf, ein Stückchen Spiegelglas oder einen alten Nagel sein würden, wie es die Indianer Amerikas früher gewesen waren. Darin hatten sie sich aber vollständig geirrt, denn dazu standen die Eingeborenen schon zu lange mit Europäern und Chinesen in Verbindung, durch die sie die Wertlosigkeit solcher Artikel nur zu gut kannten. Selbst ein erst acht Tage getragenes Hemd betrachteten sie mißtrauisch und boten ein sehr geringes Quantum von Früchten dafür, während der Dolmetscher ein Paar ihm angebotene Leinwandhosen sogar zurückwies. Der Eigentümer hielt sie nämlich so vor ihn hin, daß der kleine braune Bursche die etwas defekte Rückseite nicht bemerken sollte. Dieser aber, gerade mißtrauisch gegenüber jenem Teil, faßte mit der den Malaien eigentümlichen Geschicklichkeit, und während er in jedem Arm eine große Kokosnuß trug, die Hose mit den Zehen des rechten Fußes, drehte sie, ehe es der Eigentümer verhindern konnte, herum, und rief dann lachend in seinem gebrochenen Englisch: »Oh yes - you smart - very smart - but me no fool - thank you.« »O verdamm mich!« sagte der verlegene Matrose, während seine Kameraden ein lautes und schadenfrohes Gelächter anschlugen, »das alberne Loch da hab' ich selber nicht gesehen.« »Weil es hinten saß, Jan«, lachte ein anderer, »wenn du dich aber einmal herumgedreht hättest, wärst du mit dem Kopf hineingefahren.« »Aber warum kann sich der braune Heide die denn nicht flicken?« sagte Jan ärgerlich, indem er das so verächtlich zurückgewiesene Kleidungsstück wieder vorsichtig zusammenrollte. »Ich nicht anderer Leute Hosen flicke«, erwiderte ruhig und in gebrochenem Holländisch der Malaie, der die Worte recht gut verstanden hatte, »ich kein Schneider.« »Hol' der Teufel, der Kerl spricht holländisch!« jubelten die anderen um ihn her, und der Malaie feierte im stillen seinen Triumph, denn er fühlte, daß er in der Achtung der übrigen sehr gestiegen sei. Rascheren Handel schloß indes der Steward des Schiffes mit den Bootsleuten für den Bedarf der Kajüte ab, und nicht ohne heimlichen Neid sahen die Matrosen, wie Korb nach Korb der saftigen Früchte von dem Kajütsjungen aus dem Boot heraufgewunden und unter Deck geschafft wurde. Der Steward hatte freilich das, was ihnen gerade fehlte: Geld, und die braunen Burschen kannten dessen Wert gut genug. Auf dem mit einem rot eingefaßten Sonnensegel gegen die heißen Strahlen geschützten Quarterdeck saßen die Passagiere des Schiffes, die bis dahin damit beschäftigt gewesen waren, ihr Gepäck in Ordnung zu bringen, um mit dem nächsten Boot an Land hinüberzufahren. Es war ein junges, etwas bleich und angegriffen aussehendes Mädchen mit ihrer Dienerin, ein älterer Herr mit ziemlich gelber Hautfarbe, der schon ein Lebensalter unter den Tropen zugebracht hatte und in Batavia ansässig war, und ein anderer, jedenfalls erst frisch aus dem Norden kommender Passagier, dessen fast etwas zu blühende Gesichtsfarbe dem sengenden Klima noch Trotz zu bieten schien. Der ganze Anzug des letzteren verkündete dabei den protestantischen Geistlichen: der schwarze, für diese Gegend etwas zu heiße Rock, der breitkrämpige flache, aber anständig steife Filzhut, die weiße Halsbinde und auch die ruhige, gemessene Haltung, die nur dann und wann durch das kleine, lebendig graue Auge Lügen gestraft wurde. Der ältere Passagier hatte sich durch den Kajütsjungen einen kleinen Tisch auf Deck bringen lassen und ordnete hier, ohne sich weiter um das vor ihnen ausgebreitete Land auch nur im geringsten zu kümmern, seine Papiere und Briefe, während der Geistliche in einem kleinen, schwarz eingebundenen Buch las und nur dann und wann bald nach der waldbedeckten Küste hinüberschaute, aus der die dunklen Ziegeldächer der alten Stadt Batavia hier und da hervorschimmerten, bald einen Blick auf seine Nachbarin, die junge Dame, warf. Diese war freilich ganz in das Anschauen des fremden, geheimnisvollen Landes versunken, das sich selbst jetzt noch unter einer dichten Laubdecke versteckte, und in wachen Träumen schweifte ihr Geist dabei zurück zu der verlassenen Heimat - zu dem Vaterland - zu dem Grab ihrer Mutter. »Jetzt nicht mehr weine, lieb's Fräule«, flüsterte die alte treue Magd an ihrer Seite, als sie die versteckten Tränen an ihren Wangen niederrollen sah, »jetzt nicht mehr weine - die schlimme Zeit liegt dahinte. Was da geschehe, ist alles nicht wahr gewese und nur verloge, und jetzt sind wir erst neu geschaffe und wolle miteinander auch ein neues, frisches Leben beginne.« »Es ist gut, Kathrine«, sagte Hedwig leise, »und ich danke dir für deinen freundlichen Trost. Es soll auch nicht wieder geschehen; nur bei dem Anblick des frischen, grünen Landes, das von so weiter Ferne fast aussieht wie ein deutscher Wald, fiel mir die alte Heimat wieder ein. Daß ich sie aber ganz vergessen soll, wirst du doch auch nicht verlangen.« »Vergesse - das Vaterland!« rief die Kathrine, schon über den Gedanken empört, »da müßte mer ja - na ich will nix weiter sage, aber wann ich mei Frankfort je vergess' - dann lieg' ich auch tot und kalt unter dem Erdbode drunte und denk' an überhaupt nix weiter wie schlafe.« Der alte magere Herr hatte einen Blick über Bord nach der Stadt zu geworfen und nahm jetzt, weil ihn dort jedenfalls etwas interessierte, sein kleines Fernrohr auf, das ausgezogen neben ihm lag. Sorgfältig schaute er eine kurze Weile durch das Glas, schob es dann wieder zusammen, und seine Papiere in einer breiten Ledertasche verschließend, stand er von seinem Platz auf. Der Geistliche hatte einen fragenden Blick auf ihn geworfen, aber der alte Herr beachtete ihn nicht und ging an ihm vorüber; zu der jungen Dame tretend, sagte er mehr barsch als freundlich: »Machen Sie sich zurecht, mein Fräulein. Das Boot kommt, und ich möchte gern rasch an Land, weiß aber schon, daß Damen nie fertig werden.« »Ich bin bereit, das Fahrzeug jeden Augenblick zu verlassen«, sagte Hedwig leise. »Ich habe alles fertig und gepackt.« »Sehr gut«, bemerkte der alte Herr, indem er die Hände in die Taschen schob und ein paarmal an Deck auf und ab ging, und Kathrine sagte leise.- »Ist das ein alter Brummbär - auf der ganzen Reis' hat er keine zwei Worte gesprochen und jetzt fängt er an - das ist Zeit.« Der alte Herr hatte wieder nach dem Boot gesehen, das immer näher kam, und auch Hedwig warf einen verstohlenen, fast ängstlichen Blick hinüber. Es ließ sich aber nicht erkennen, ob irgendein Passagier darin saß, da das darüber gespannte Sonnensegel den inneren Raum vollständig verdeckte. Der Batavier - denn der alte Herr war früher schon lange Jahre Kaufmann in Batavia gewesen und hatte sich jetzt nur einige Jahre in Europa aufgehalten, um seine Gesundheit zu restaurieren - war wieder zu ihr getreten, betrachtete sie vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann: »Sie wissen doch wohl, daß Sie in Batavia, um sich dort aufhalten zu können, zwei Bürgen stellen müssen?« »Nein«, erwiderte Hedwig, »das habe ich nicht gewußt - schreiben die Gesetze das vor?« »Allerdings - aber Sie kennen doch jemanden in Batavia?« »Nein«, stammelte Hedwig und fühlte, wie ihr dabei das Blut in die Schläfe stieg, »ich bin noch völlig fremd.« »Völlig fremd?« rief der alte Herr erstaunt, »und Sie haben keine Familie, bei der Sie absteigen?« »Keine«, sagte Hedwig leise, »aber - ich habe Briefe und - hoffe, daß mich jemand bei der Landung erwartet. Jedenfalls gibt es doch in Batavia ein Hotel, in dem ich die erste Zeit mit meiner Begleiterin logieren könnte?« Der Batavier maß sie wieder mit einem erstaunten Blick von oben bis unten, dann schüttelte er den Kopf, drehte sich ab, nahm seine Mappe unter den Arm und schritt zu der Stelle, wo die Fallreepstreppe niederhing und wo jetzt zwei Matrosen standen, um dem heranschießenden Boot ein Tau hinunterzuwerfen. Was ging ihn auch das künftige Schicksal einer Fremden an, die jedenfalls alt genug war, für sich selber zu denken. Hedwig aber fühlte sich durch das sonderbare Wesen des alten Herrn, der jedenfalls Batavia und dessen Sitten genau kannte, beunruhigt, und zu ihm tretend, sagte sie leise und schüchtern: »Glauben Sie denn, verehrter Herr, daß man mich an Land lassen wird, ohne daß ich vorher Bürgschaft geleistet habe?« »Torheit«, brummte der Batavier, »an Land kann jeder kommen, und so lange, bis dieses Schiff wieder segelt, können Sie sich unbehindert in der Stadt aufhalten. Haben Sie bis dahin aber keine Bürgen gefunden, so muß Sie der Kapitän wieder mit fortnehmen - ob er will oder nicht. Batavia ist außerdem ein sehr teurer Aufenthalt, wenn man in einem Hotel leben muß - doch das ist Ihre Sache, und ich will Ihnen nur wünschen, daß Sie sich nicht bloß auf ein paar Empfehlungsbriefe verlassen haben. Die nützen Ihnen gar nichts. Wenn ich Ihnen übrigens raten soll, so lassen Sie jetzt Ihr Gepäck herbeischaffen, sonst bleibt es zurück, denn jener Herr da scheint eine ganze Bootsladung eigener Fracht mitnehmen zu wollen.« Und mit diesen Worten, als ob er mehr als genug gesagt und sich mit fremden Angelegenheiten beschäftigt habe, wandte er sich ab, um seinem eigenen Diener die nötigen Befehle zum Landen zu geben. Der »andere Herr«, den der Batavier meinte, war aber der Geistliche, der in der Tat, von dem Untersteuermann dabei unterstützt, eine Anzahl Koffer und fünf oder sechs Kisten an Deck und bis zur Fallreepstreppe schaffen ließ, wo ein paar Matrosen rasch ein Tau darum schlugen und anfingen, das »Passagiergut« über Bord zu bringen. Unweit von ihnen stand der Steuermann des Schiffes, wie der Obersteuermann im Unterschied zu seinem Untersteuermann genannt wird. Es war ein noch junger Mann, eine edle, wenn auch sonnengebräunte und etwas rauhe Gestalt, dem der runde Panamahut auf den dichten braunen Locken und die leichte Seemannstracht vortrefflich standen. Aber das sonst so offene und ehrliche Gesicht sah ernst und düster aus, und als er an den Wanten des Besanmastes lehnte, schweifte sein Blick wie ungeduldig zu dem jetzt anlegenden Boot und der Gestalt der jungen Frau hinüber, die sich vorbereitete, das Schiff, auf dem sie monatelang mit ihm gefahren war, in wenigen Minuten für immer zu verlassen. Ein paarmal zuckte er auch fast unwillkürlich empor, und es war, als ob er sich dem Mädchen nähern wolle, um Abschied von ihm zu nehmen - Abschied für immer. Er aber, der vor keiner Gefahr zurückschreckte und dem wildesten Taifun dieser Meere schon kühn und unverzagt die Stirn geboten hatte, wagte es nicht, das letzte Abschiedswort an ein bedauernswertes, unglückliches Menschenkind zu richten, das zitternd an der Schwelle eines neuen Lebens stand. Aber Hedwig hatte ihn nicht vergessen, wenn sie auch nicht ahnen konnte, was gerade in diesem Augenblick in seinem Herzen vorging. Er war immer so freundlich und achtungsvoll gegen sie gewesen, hatte unverdrossen, unermüdlich ihre kleinsten Wünsche auf der langen Reise zu befriedigen versucht und selbst für die alte Kathrine gesorgt und nie über sie gelacht, wenn die etwas ungeschickte Alte zu irgendeinem komischen Mißverständnis Veranlassung gab; sie durfte deshalb nicht vom Schiff gehen, ohne ihm wenigstens ein freundliches Wort zu sagen. Unbefangen und mit ihrem milden, lieben Wesen, wie es ihr überhaupt eigen war, ging sie auf den jungen Mann zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich: »Leben Sie wohl, Steuermann. Ich danke Ihnen für alles Liebe und Gute, das Sie mir und meiner alten Kathrine auf der langen Reise erwiesen haben. Vergelten kann ich es Ihnen freilich nicht anders als nur mit Worten, aber sie sind ehrlich gemeint. Leben Sie wohl, und wenn Sie noch einmal an uns denken sollten, so lassen Sie es nicht in Groll sein, daß wir ungeschickten Frauen Ihnen so manchen Ärger bereitet haben.« »Fräulein Bernold«, stammelte der Steuermann, der blutrot geworden war und die Worte kaum über die Lippen bringen konnte, die angebotene Hand aber nahm und so heftig drückte, daß Hedwig kaum ihren Schmerz verbergen konnte, »Gott schütze Sie in dem fremden Land, lasse es Ihnen gut gehen und Sie so treue Freunde finden, wie Sie - hier an Bord verlassen haben. Groll gegen Sie? Guter Himmel; das Schiff wird wie ausgestorben sein, wenn Sie fort sind, und ich - mag an die Zeit gar nicht denken.« »Leben Sie wohl, Steuermann«, wiederholte das junge Mädchen, das vor der Heftigkeit des Mannes erschrak, und versuchte, ihre Hand aus der seinigen zu ziehen. Der Steuermann fühlte das aber kaum, als er sie verwirrt losließ. »Leben Sie wohl, Fräulein Bernold«, sagte er noch einmal leise, drückte sich dann seinen Hut in die Augen und ging mit raschen und heftigen Schritten nach vorn - schämte er sich doch vor den Matrosen, die nicht sehen durften, daß ihm das Wasser in den Augen zusammenlief; sie hätten im Leben keinen Respekt wieder vor ihm gehabt. Hedwig blieb, als er sie verlassen hatte, noch eine ganz Weile nachdenkend und überrascht auf ihrer Schwelle stehen; es überkam sie eine Ahnung, daß dieses merkwürdige, heftige Benehmen des Steuermannes ein weit tieferes Gefühl verrate, als er wohl bei dem Abschied eines gewöhnlichen Passagiers gezeigt haben würde. »Armer Steuermann«, seufzte sie dabei leise vor sich hin, »arme Hedwig!« »Ja, aber, liebes Fräulein!« rief die alte Kathrine, die in diesem Augenblick ihre Gedanken und Träume unterbrach. »Sie stehen hier und sehe sich die alte Schiffsplanke an, auf dene wir das gesegnete halbe Jahr umhergetrampelt sin, und da driwwe lade se das ganze Boot voll Kiste und Kaste, daß kei Mensch mehr 'enein kann mit seinem Gepäck.« Hedwig schrak empor und wollte nach dem Boot sehen, als ihr der Batavier schon zuvorkam. »Ist das ein Passagierboot oder eine Prau?« sagte er finster, »und glaubt der fromme Herr vielleicht, daß es wichtiger und eiliger ist, seine Kisten mit wollenen Strümpfen und Unterröcken an Land zu schaffen als uns Passagiere mit ihrem nötigsten Gepäck?« »Der Herr da ist zuerst bei der Hand gewesen, als das Boot anlangte«, sagte mürrisch der Untersteuermann, der wahrscheinlich ein gutes Trinkgeld von dem Geistlichen bekommen hatte, »und muß deshalb auch den Vortritt haben.« »So?« sagte der Batavier ruhig. »Bloß weil er am unverschämtesten war? Das ist ein vortrefflicher Grund.« »Ich habe den festen Kontrakt bei meiner Einschiffung mit dem Kapitän gemacht«, sagte der Geistliche ruhig, »daß ich unverzüglich, sobald das Schiff Anker geworfen hat, mit meinem Reisegepäck an Land gesetzt werde. Es ist auch nicht etwa meinetwegen, daß ich so dränge, aber Tausende von durstigen, verschmachtenden Seelen harren des Heils, das ihnen meine Worte bringen sollen, und jede Stunde - jede Minute, die ich hier vergeude und zögere, wird mir von dem Herrn da droben angerechnet werden und mein Schuldregister vergrößern.« »Was Sie für Schulden haben«, sagte trocken der Batavier, »geht mich nichts an. Ihre Waren aber gehören in eine Prau, nicht in das Boot. Wenn Sie selber mitfahren wollen, soll uns Ihre Gesellschaft ganz angenehm sein; beabsichtigen Sie aber, sich nicht von Ihrem Gepäck zu trennen, so werden Sie wohl bis gegen Abend an Bord bleiben müssen, denn dreimal hintereinander können die armen Teufel nicht fahren.« »Ein Teil meines Gepäckes ist unten«, entgegnete ruhig der Geistliche, »der andere wird nachfolgen, und wenn dann noch Raum ist, werde ich um Ihre Gesellschaft bitten. Ich fürchte aber, wir überladen das Boot dadurch zu sehr, und Sie werden deshalb die viel kühlere Fahrt am Abend vorziehen müssen.« »Verdammt, wenn ich's tue!« rief aber der alte Herr gereizt und gleich darauf den Malaien eine Flut von Worten in ihrer Sprache hinunter, daß diese zögerten, noch ein Frachtstück an Bord zu nehmen. »Ihr werdet einladen, was ich euch hinunterschicke!« schrie der Untersteuermann in das Boot hinab. »Was gibt es da?« sagte in diesem Augenblick die ruhige Stimme des Steuermanns, der den Lärm gehört hatte und von vorn kam, um nach der Ursache zu fragen. »Der fromme Herr dort«, rief der alte Batavier, »will uns zwingen, daß wir noch an Bord bleiben, damit er nur alle seine Kisten und Kästen auf einmal an Land bekommt.« »Ich habe das Versprechen des Kapitäns.« »Wem gehören all die Sachen, die da unten sind?« fragte ruhig der Steuermann. »Mir«, erwiderte der Geistliche. »Und was hier oben an Deck steht?« »Das an dieser Seite mir.« »Und dies wollten Sie alles mit ins Boot nehmen und die anderen Passagiere zurücklassen?« »Mich treibt eine heilige Pflicht!« rief der Mann, dessen rotes Gesicht in diesem Augenblick noch viel röter wurde. »Laßt die Haken hinunter und holt die Sachen wieder an Bord«, sagte der Steuermann ruhig und ohne den Blick von dem Boot zu wenden, denn er fürchtete, Hedwigs Auge wieder zu begegnen. »Meine Sachen, die unten sind?« rief der Passagier erschrocken. »Was unten ist, darf nicht mehr angerührt werden.« »Soll ich's noch einmal sagen?« wiederholte langsam der Steuermann, der in Abwesenheit des Kapitäns dessen Stelle vertrat. »Nur seinen Koffer und die Reisesäcke laßt unten, das übrige bleibt hier. Eilt euch ein wenig.« Es bedurfte keiner weiteren Worte. Die Malaien, die schon aus der vorhergehenden Anrede einen ihrer gefürchteten »Tuwans« vom Festland erkannt hatten, waren nur zu bereitwillig, diesem zu gehorchen, und weit rascher als sie hinuntergeschafft worden waren, lagen die Kisten wieder oben auf Deck, den Weg versperrend. Ein paar den Matrosen zugerufene Worte beorderten sie jetzt zu dem Gepäck der jungen Dame, das sämtlich hinabgelassen wurde. Der alte Batavier erklärte, heut abend nur einen kleinen Koffer mitnehmen zu wollen, das andere dann morgen früh selber zu holen. In kaum zehn Minuten war das alles geordnet und hinabgeschafft - Hedwig, von zwei Malaien dabei unterstützt, hatte ihren Platz im Boot mit Kathrine an ihrer Seite eingenommen. Ihr folgte der alte Batavier und zuletzt erst mürrisch und verdrossen Herr Holderbreit, der Geistliche, den es besonders kränkte, daß er seinem Ärger nicht in für seinen Stand doch unpassenden Worten Luft machen durfte. Der Steuermann war vorn auf den Bulwarks stehengeblieben, um das Ganze zu überwachen, und erst als er alles sicher unten im Boot und dieses von Bord abgestoßen dem Land zurudern sah, wandte er sich ab. Er hatte vielleicht gehofft, daß Hedwig noch einmal den Kopf nach ihm wenden, ihn noch einmal grüßen würde - umsonst. Das Herz des armen Mädchens war von anderen Gedanken erfüllt, und mit klopfenden Schlägen wandte es sich dem Land zu, wo sein künftiges Schicksal jetzt entschieden werden sollte. Der Steuermann hatte sich abgewandt und lehnte am entgegengesetzten Bord, um auf die See hinaus zu sehen, wo hier und da einzelne kleine Inseln aus der monotonen Fläche am Horizont emporstiegen und eine Menge seltsam geformter und aufgeblähter Segel auf dem Wasser schwammen, aber er hielt es nicht lange aus. Das Herz zog ihn zu dem einen Punkt zurück, und in seine Kajüte hinuntersteigend, nahm er das Teleskop und schaute durch das kleine dort befindliche Fenster so lange hinter dem davonrudernden Fahrzeug drein, bis es zwischen den verstreut ankernden Schiffen in der Einfahrt des Kanals verschwunden war. 17. MYNHEER LOCKHAART. - ANKUNFT IM HAFEN So klein, schmächtig und kraftlos diese malaiischen Ruderer aussehen, die gewöhnlich solche Boote führen, so zäh und ausdauernd sind sie trotzdem. Den ganzen Tag schaffen sie unermüdlich das nicht eben leichte Fahrzeug herüber und hinüber, mehrere englische Meilen weit, und eine Handvoll Reis mit etwas rotem Pfeffer genügt ihnen vollkommen, um dem Körper die nötige Stärkung zu geben. Nicht einmal Schutz gegen die Sonne verlangen sie dabei, denn das im Boot ausgespannte Sonnensegel schützt zumeist nur den Steuernden und die ihm zunächst Sitzenden, während der vordere Teil des Bootes frei und unbedeckt bleibt. Bei dieser Fahrt hatte indessen der alte Herr aus Batavia das Steuer selber genommen und den Bootsmann nach vorn geschickt. Er kannte genau die Richtung und wußte, wie ein Steuer geführt werden mußte, so daß es ihm der Malaie wohl überlassen konnte, und rechts neben ihm saßen die beiden weiblichen Passagiere der Rebecca, links der Geistliche, der finster und mürrisch vor sich niederschaute und die seltsame und interessante Szenerie gar nicht zu beachten schien. So entschieden er aber auch zu Anfang der Reise aufgetreten war und manches Vorrecht beansprucht hatte, das er glaubte seinem Stand nach verlangen zu können, so entschieden wies ihn der alte Herr mit der gelben Hautfarbe jedesmal zurück und ein paarmal so derb und kräftig zurecht, daß er eine ordentliche Scheu vor dem kleinen, ruhelosen Auge des Alten bekam und ihm auswich, soweit es nur möglich war. Froh war er nur, daß er jetzt, mit dem Betreten des Landes, der Nähe und Überwachung des alten Kaufmanns enthoben war, der gleichmütig umherschaute, während er das richtige Fahrwasser einhielt, als ob er hier alle Tage aus- und eingefahren wäre und nur seine gewöhnliche Spazierfahrt mache. Um die Mitpassagiere, die er auf der ganzen langen Fahrt nicht beachtet hatte, kümmerte er sich natürlich jetzt, wo er sich in kürzester Frist von ihnen auf immer trennen sollte, noch viel weniger. Nur manchmal zuckte ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln um seine Lippen, wenn die alte Kathrine, außer sich über das viele Neue und Seltsame, das sie umgab, in laute Rufe des Staunens und der Überraschung ausbrach; aber das ging fast so rasch wieder vorüber, wie es gekommen war, und der alte Herr Lockhaart saß dann wieder so ernst und schweigend vor dem Steuerruder wie je, die beiden Hände, in denen er die am Ruder befestigten kurzen Taue hielt, auf seinen Knien ruhend und das kluge, sinnende Auge auf die vor ihnen liegende Bahn gerichtet. Die alte Kathrine hatte aber trotzdem Ursache, erstaunt zu sein, denn nicht allein ein neues Land und Leben, nein, eine ganze neue Welt umgab sie, die mit ihren ungeahnten, ja unbegriffenen Formen ihr Auge von einem Punkt zum andern lockte. Kaum blieb ihr jedoch Zeit, das eine anzustarren, als schon ein anderer, noch viel außergewöhnlicherer Gegenstand ihre Aufmerksamkeit aus neue fesselte. Unglücklicherweise hatte sie noch ganz kurz vor ihrer Abreise in irgendeinem Kalender eine alte, aber furchtbare Geschichte von einem Seeräuber gelesen, der mit schauderhafter Kühnheit alle Schiffe auf dem Meer angefallen und geplündert und die Mannschaft, um eine Entdeckung zu verhindern, ermordet hatte. Unterwegs schon hielt sie deshalb jedes Schiff, das in Sicht kam, für diesen Seeräuber, dem sie ihrer Meinung nach und trotz allem, was Hedwig tun konnte, sie zu beruhigen, jedesmal nur wie durch ein Wunder entrannen. In der letzten Zeit hatten sie nur sehr wenig Fahrzeuge angetroffen, und hier auf der Reede, wo alles ruhig vor Anker lag, glaubte sie selber an keine Gefahr mehr, bis ihnen plötzlich, von Batavia herauskommend, ein ganz merkwürdig gebautes Fahrzeug mit eigentümlichen Segeln, die wie Flügel aussahen, und einem Paar furchtbar großer Augen, vorn auf den Bug gemalt, entgegenkam. Kannte der alte Herr Lockhaart die Furcht der Kathrine, oder war es nur Zufall, er hielt ihr Boot der heransegelnden Prau schnurstracks entgegen, und zwar so dicht daß die Malaien selber schon fürchteten, sie könnten übersegelt werden. Ihr Bootsmann sprang, um sein Boot besorgt, von seinem Sitz auf. Wie nun die alte Kathrine die entsetzlich aufgerissenen Augen des fremden Fahrzeugs erblickte und näher und näher kommen, ja endlich dicht und drohend vor sich sah, überkam sie eine unsagbare Angst, und sie stieß einen so lauten Schrei aus, daß sich alle erschrocken nach ihr umsahen. Der alte Herr Lockhaart schien aber damit seinen Zweck erreicht zu haben, denn dicht unter dem Auge der Prau lenkte er das Boot vorbei, daß die Ruderer aber noch immer vollen Raum für ihre Riemen behielten, und im nächsten Augenblick glitten sie sicher und leicht in das offene Fahrwasser hinter den Schiffen hinaus, das zwischen diesen und dem Land lag. Unmengen kleiner Boote kreuzten hier, zumeist von Malaien geruderte Jollen, die den Verkehr der Kapitäne mit ihren Schiffen unterhielten oder Passagiere hinaus auf die Reede sowie von einlaufenden Schiffen an Land brachten. Eine Menge schwerbeladener Prauen wechselte zu gleicher Zeit ebenfalls hin und her, Fracht für Java holend, Ladung von Landesprodukten den übrigen Schiffen hinausbringend, und Möwen, wie eine andere Art hellbrauner Raubvögel mit einem weißen, viereckigen Fleck vorn auf der Brust, schossen über die eiligen Fahrzeuge hinweg und brachten nur noch mehr Leben in das sonnige Bild. Und endlich näherten sie sich dem Land. Ein düsteres Kastell wurde sichtbar, und starke Mauern starrten in die See hinaus, den zeitweise wild anstürmenden Wogen Trotz zu bieten. Jetzt fuhren sie in den großen Kanal ein, zu dem die früher so seichte, schlammige Mündung des Kali besaar zusammengedrängt ist und wo dem Fremden zuerst das Eigentümliche des Landes vor Augen tritt. Überall trafen sie hier Malaien und selbst Chinesen, die entweder faul in ihren Booten lagen und rauchten, während eine leichte Brise sie den Kanal hinaufführte, oder sich rüstig gegen Wind und Fluten mit ihren Rudern herausarbeiteten. Jetzt schoß das Boot eines amerikanischen Kriegsschiffes an ihnen vorüber, acht Mann an den Rudern (oder Riemen), die mit Takt und Schlag zugleich ins Wasser schnitten und das scharfgebaute Fahrzeug jedesmal ein Stück fast über die Flut hinausschnellten. Hinten am Heck flatterte die Flagge mit den Sternen und Streifen, und ein junger Offizier lag mit offener Uniform, den breitrandigen Strohhut neben sich, lang und bequem ausgestreckt unter dem Sonnensegel neben dem Bootsmann, der das kleine schlanke Fahrzeug steuerte. Fruchtboote begegneten ihnen ebenfalls in großer Zahl, die hinaus auf die Reede fuhren, um einlaufenden Fahrzeugen den Genuß frischen Obstes zu bringen. Und allerlei andere Handelsartikel hatten sie nebenbei in ihren kleinen Schaluppen aufgehäuft, die an die Fremdem immer leicht verkäuflich waren. Dazu gehörten ganz besonders Affen und Reisvögel sowie viele am Ufer wertlose Gegenstände, die aber wertvoll für die Bewohner eines fremden Landes waren und von den Seeleuten in ihre Heimat mitgenommen und dort verkauft wurden. Und weiter und weiter kamen sie den Kanal hinauf, der hier schon anfing sich als Fluß zu zeigen. Die Einfassungen von Pfahlwerk an der einen und einer starken Mauer an der anderen Seite waren verschwunden, und niedrige, mit Weiden bewachsene Ufer dämmten ihn hier ein. In der Ferne wurden die Häuser der Stadt schon sichtbar; das Zollhaus wenigstens trat deutlich hervor, und kaum eine Viertelstunde später warfen die Malaien ihre Ruder ins Boot, und der Steuernde lenkte dessen Bug dicht an das linke Ufer und die dort aufgemauerte Steintreppe, um das kleine Fahrzeug vor allen Dingen den Steuerbeamten zur Untersuchung vorzuzeigen. Hier am Ufer hielten auch eine Anzahl Wagen, Ein- und Zweispänner, teils leer hier heruntergekommen, um gelandete Passagiere mit in die Stadt hinaufzunehmen, teils jungen Kaufleuten gehörend, die im Auftrag ihres Geschäfts Besorgungen beim Zollhaus oder an Bord eines der Schiffe hatten. Bis hierher geht die Wagenverbindung mit Batavia; bis hierher kann man mit den Bendis und Karreten kommen; von hier ab aber hinaus beginnen die Boote ihre Fahrt. Der alte Herr Lockhaart legte das schlanke Fahrzeug mit einer geschickten Bewegung des Steuers dicht an die steinerne Treppe heran. Die Steuerbeamten kannten ihn und grüßten ihn ehrfurchtsvoll; er erwiderte den Gruß kaum durch ein flüchtiges Kopfnicken. »Auch wieder glücklich zurückgekehrt, Mynheer Lockhaart?« fragte der eine, indem er sich ihm, den Hut in der Hand, näherte. »Sie haben doch nichts Steuerbares bei sich?« »Nein«, sagte der alte Herr, »ich und die Damen hier haben nichts; den anderen Herrn mögen Sie selber fragen.« Hedwig sah staunend zu ihm auf, da er auch für sie geantwortet hatte, und wollte ihm danken, daß er sich ihrer in solcher Weise annahm; aber er sah sie gar nicht an, stieg aus und an Land, und winkte einen Wagen herbei, ihn und seinen Koffer in die Stadt zu schaffen. In wenigen Minuten war dieser beladen, und während Hedwig noch zögernd und unschlüssig am Ufer stand und vergebens hoffte, von einem der Fremden angeredet zu werden, schritt der alte Herr zu dem Fuhrwerk, setzte den Fuß auf den Wagentritt und sah zurück. Es war fast, als ob er sie noch einmal anrufen wolle, als plötzlich noch ein Bendi herangerollt kam, ein junger Mann heraussprang und rasch, sehr höflich grüßend, auf Hedwig zueilte. Das geschah in demselben Augenblick, als sich Mynheer Lockhaart zu dem jungen Mädchen umdrehte. »Hab' ich das Vergnügen, Fräulein Hedwig Bernold zu begrüßen?« sagte der junge Mann. Hedwig war blutrot geworden bei der Anrede und flüsterte leise: »So ist mein Name.« »Dann bitte ich Sie, sich meines Wagens zu bedienen«, fuhr der junge Kaufmann fort. »Ich bin im Geschäft von Wagner und van Roeken und habe Auftrag, Sie und Ihre Sachen in das Hotel der Nederlanden zu schaffen - vorausgesetzt nämlich, daß Sie mir nicht einen anderen Ort bestimmen, wohin ich Sie fahren lassen soll.« Einen anderen Ort? Du großer Gott, Hedwig fühlte sich so einsam und verlassen, so gänzlich fremd und ausgestoßen in dem weiten Land, in dem sie nicht einmal einen Namen kannte, wie hätte sie einen Ort bestimmen sollen. »In wessen Auftrag«, sagte sie endlich schüchtern, »haben Sie mich hier aufgesucht?« »Herr Wagner hat mich herausgeschickt«, erwiderte der junge Mann, »er wäre gern selber gekommen, aber wir haben zu viel jetzt mit der Mail zu tun.« »Ich werde Ihnen folgen«, sagte Hedwig, und während sich der junge Kaufmann leicht verneigte und dann seinem Kutsch winkte, hier vorzufahren, war Herr Lockhaart kopfschüttelnd in seinen eigenen Wagen gestiegen. Dem Kutscher rief er nur ein paar Worte auf Malaiisch zu, und ohne Gruß, ohne eine einzige freundliche Silbe an seine bisherigen Reisegefährten zum Abschied zu richten, rasselte er schon im nächsten Augenblick davon und der eigentlichen Stadt zu. Der junge Mann aber, dem aufgetragen war, die Fremde mit ihrer Begleiterin in das Hotel zu schaffen, war inzwischen auch nicht müßig gewesen. Sämtliches Gepäck, das sie bei sich führten und das auf die Versicherung des alten Lockhaart hin von den Zollbeamten nicht einmal geöffnet wurde, bekam eine Anzahl Lastträger mit dem Auftrag, es ungesäumt nicht allein die Stadt, sondern gleich an den Ort seiner Bestimmung zu schaffen. Das nötigste, was Hedwig bezeichnete, nahmen sie zu sich in den Wagen, und wenige Minuten später rollte das leichte Fuhrwerk, von zwei kräftigen Ponys gezogen, rasch unter den wehenden Kokospalmen der hier noch aus einzelnen Häusern bestehenden Stadt dahin, am Kali besaar hinauf. Nur der Geistliche blieb mißvergnügt und mürrisch am Zollhaus zurück, denn der Beamte dort bestand darauf, sein Gepäck, trotz aller Erklärungen, daß auch nicht das geringste Steuerbare in dem Koffer sei, auf das genaueste zu untersuchen. 18. HEDWIG WIRD ABGEHOLT. - VAN ROEKEN IN AUFREGUNG Als der junge Mann, der beauftragt worden war, die Fremde mit ihrer Begleiterin vom Zollhaus abzuholen, die Beförderung des nicht unbedeutenden Gepäcks zum Bestimmungsort arrangiert hatte, entstand noch eine kleine Schwierigkeit. Denn die alte Kathrine, die sich keineswegs als »Dame« betrachtete, wollte absolut auf dem Bock neben dem Kutscher sitzen, und dieser, darüber aufs äußerste erstaunt, da ihm etwas Derartiges im Leben wohl noch nicht vorgekommen war, weigerte sich ebenso bestimmt, sie zu sich heraufzulassen. Glücklicherweise kam noch der Kommis zur rechten Zeit, um einer auffälligen Szene vorzubeugen, denn schon sammelte sich eine Anzahl von Malaien und Chinesen aus der Nachbarschaft, die den Versuchen der »weißen Nona«, auf den Bock zu steigen, zuschauen wollten. Der Kommis hatte Takt genug, etwas Derartiges nicht zu dulden, denn wenn auch Dienerin, war die Alte doch immer eine Weiße oder Europäerin oder Wolanda (wie sie die Malaien nannten), und als solche durfte sie sich schon des schlechten Beispiels wegen, nicht auf eine Stufe mit der braunen Rasse stellen. Erfolgreich überredete er sie dann auch mit Hedwigs Hilfe, im Wageninnern Platz zu nehmen, aber keine Macht der Welt hätte sie, als sie sich dem endlich fügte, dazu gebracht, sich mit in den Fond zu setzen. Die Stelle mußte der Kommis mit Hedwig einnehmen. Als sie dann das »Notwendigste«, trotz aller Versicherungen, daß in einer Stunde spätestens sämtliches Gepäck in ihrem Hotel sein würde, mit in dem Wagen untergebracht und einen riesigen Koffer hinten sicher befestigt hatte sowie eine Hutschachtel und drei oder vier Körbe neben sich wußte, beruhigte sie sich soweit, die Abfahrt zu gestatten. Hedwig befand sich indessen in einer unsagbaren Aufregung, denn einen ganz anderen Empfang hatte sie sich bei ihrer Landung in Batavia gedacht - und vielleicht gefürchtet -, nämlich die Begegnung mit ihrem zukünftigen Gatten zwischen fremden Menschen. Noch nie hatte dabei der Gedanke, welchen kühnen und fast unweiblichen Schritt sie unternahm, als sie dem Rat ihres alten Freundes Scharner folgte, mit solcher Last auf ihrer Seele gelegen, wie gerade jetzt, da man sich einer Entscheidung näherte, und wäre es ihr in diesem Augenblick noch möglich gewesen, alles rückgängig zu machen, sie würde es unverzüglich und ohne weiteres Bedenken getan haben. Aber es war zu spät - zu spät, zu zögern, zu bereuen; die Kugel rollte, und ihr Geschick mußte sich jetzt erfüllen. Ängstlich musterte sie dabei die Gestalten der Europäer, die sie zuerst am Zollhaus traf und denen sie dann später unterwegs begegnete. Ob ihr zukünftiger Gatte sich vielleicht unerkannt ihr nähern wollte, um sie, ehe er sich ihr vorstellte, erst einmal zu sehen? Aber nur gleichgültige Gesichter waren es, auf die ihr Auge traf, und völlig allein fühlte sie sich, als selbst der alte Lockhaart so kalt und teilnahmslos, wie er sich auf der ganzen langen Seereise gezeigt hatte, ohne Abschied, ohne Gruß jetzt von ihr schied. Und doch hatte sie eine Art von Schutz selbst in seiner Nähe gefunden, ja es war ihr manchmal gewesen, als ob unter der rauhen, barschen Hülle ein edles, teilnehmendes Herz schlagen müsse - und sie hatte sich doch geirrt, denn ein letztes Lebewohl hätte er ihr wenigstens sagen können, ehe sie hier in die fremde, für sie leere und trostlose Welt allein hinausging. Kalt, wie immer, war er aber in seinen Wagen gestiegen und davongerollt, ohne noch zu fragen, wo sie bleibe - was kümmerte er sich um das fremde, unglückliche Mädchen. Die Kathrine dachte an nichts Derartiges, denn wie in einem wachen Traum sah sie plötzlich eine neue, nie geahnte Welt um sich entstehen. Da war auch nichts mehr, was mit der alten, verlassenen auch nur die geringste Ähnlichkeit hatte, denn selbst die Häuser und Gebäude sahen fremdartig aus, und die Kutschen und Kabrioletts - selbst ohne die winzig kleinen Pferde davor - würden schon durch ihre braunen Kutscher, mit den umgestürzten und buntbemalten oder vergoldeten Backschüsseln statt Hüten auf den Köpfen, ihre laute Bewunderung erweckt haben. Und dazu die sonderbaren hochstämmigen Bäume - Palmen -, die sie bis jetzt nur auf Bildern gesehen und dann für etwas künstlich Gemachtes gehalten hatte; die Chinesen mit ihren langen Zöpfen und spitzen Hüten; die Malaien mit ihren Lasten, die sie an einem Stock über der Schulter trugen; die Frauen und Mädchen der Eingeborenen mit ihren dünnen, unanständigen Kleidern - keine von ihnen eine Haube auf und mit den nackten Beinen in der Welt herumlaufend; die fremde Sprache dazu, mit Tönen, aus denen sie auch nicht den geringsten Sinn finden konnte - das alles zusammen mit einem plötzlichen Schlag auf sie einstürmend, machte sie ganz wirr im Kopf, so daß sie wie betäubt von einem zum andere starrte, manchmal hell auflachte und dann wieder sich fast erschreckt an ihren Sitz anklammerte. Ihr junger Begleiter, der sich über das halb verdutzte, halb erstaunte Gesicht der Fremden amüsierte, versuchte ein paarmal sie anzureden, um ihr einiges zu erklären; aber sie gab entweder ganz verkehrte Antworten oder hörte gar nicht, und er mußte sie zuletzt sich selber überlassen, damit sie sich mit der Zeit an ihre neue Umgebung gewöhnen könne. Hedwig dagegen bemerkte kaum, daß sie sich in einem andern, fremden Land befand. Sie sah wohl die seltsamen und außergewöhnlichen Gestalten, die ihr begegneten, aber wie Schatten glitten sie an ihr vorüber, und ihr Bild wollte nicht an ihrem Auge haften. Nur ein Gefühl bemeisterte sich ihrer, nur ein entsetzliches Gefühl: das Bewußtsein, daß sie nicht mehr frei sei, zu handeln, wie sie wolle, wie sie es für gut finde - daß sie sich verkauft habe an einen fremden Mann, daß sie den Kaufschilling nicht zurückzahlen könne und Körper wie Seele nicht mehr ihr eigen nennen dürfe. Eine unsagbare Angst überkam sie, ihr Auge verdunkelte sich, immer bänger wurde ihr zumute, immer heftiger schlug ihr Herz, und wie sie fühlte, daß ihr zuletzt sogar die Kraft fehlte, sich lange aufrecht zu halten, sank sie halb ohnmächtig in der Wagenecke zusammen. Ihr junger Begleiter hatte etwas Ähnliches schon lange gefürchtet. Sie gab ihm auf seine Fragen keine Antwort, wurde mit jedem Augenblick blasser, das Auge starrer, und wäre jetzt vielleicht, als sie ihr Bewußtsein ganz verließ, aus dem Wagen gefallen, wenn er nicht rasch zugegriffen und sie gehalten hätte. Die Kathrine schien von alledem auch nicht das geringste bemerkt zu haben, bis ihr Fräulein wirklich bewußtlos zusammenbrach. Dann aber war auch alles andere für sie im Nu verschwunden, nur in der Angst um das ihrem Herzen so teure Wesen, das, wie sie schon fürchtete, in ihren Armen sterben würde. »Kein Wunder«, rief sie dabei in ihrem ärgsten Dialekt, Seereise, Land und Leute verwünschend, »kein Wunder, daß das arme zarte Herz alle die Mißhandlungen von Salzfleisch und Backofenhitze, von braunen Teufeln und Jammer und Leid nicht aushält; kein Wunder, daß sie mir stirbt! Aber du darfst nicht fort, Engel; du darfst nicht deine arme, alte Kathrine hier allein unter den Heiden und Unmenschen zurücklassen oder wieder über das weite, schreckliche Meer schicken!« Der junge Mann hatte die größte Mühe, sie nur zu beruhigen, und Geistesgegenwart genug, dem Kutscher nicht zu erlauben, daß er anhielt, sondern ihn anzuweisen, seine Pferde zu nur noch stärkerem Trab anzutreiben. Hedwig kam dann auch bald wieder, selbst ohne äußere Mittel, zu sich, und als sie vor dem geschmackvollen Portal des Hotels hielten, hatte sie sich schon so weit wieder erholt, daß sie den Wagen allein verlassen und ihr Zimmer aufsuchen konnte, wo ihr dann die Kathrine vernünftigerweise ein paar Stunden Schlaf als bestes und beruhigendes Mittel verordnete. Sie schrieb den ganzen Unfall auch nur der übermäßigen und unmenschlichen Hitze zu, die niemand aushalten könne, ohne ohnmächtig zu werden, der nicht gerade von Stahl und Eisen wäre. Ruhe war dem armen Mädchen aber besonders nötig. Sie mußte ihren Geist erst wieder sammeln, um dem zu begegnen, auf was sie sich allerdings in der langen Zeit der Seereise hatte vorbereiten können, was aber doch, als es ihr plötzlich so nahe gerückt wurde, sie zu überwältigen und zu entnerven drohte. Kathrine hielt dabei treue Krankenwache, und als spät am Nachmittag ein Bote kam und anfragte, ob Fräulein Bernold einen Besuch empfangen würde, wies ihn die Alte mit der Bemerkung kurz ab, daß ihr Fräulein heute nicht ganz wohl und von der Reise noch zu angegriffen sei. Wer sie sprechen wolle, möge morgen oder übermorgen wieder nachfragen. Es war ein Sonntagmorgen. Wagner hatte sein übliches Bad genommen und gefrühstückt und saß eben noch emsig mit einem Paket Papieren beschäftigt, als draußen ein Bendi hielt und gleich darauf van Roeken in sein Zimmer trat. »Hast du sie gesehen?« waren die ersten Worte, die er sprach, noch ehe er den Freund begrüßt hatte. »Hast du sie gesprochen?« »Noch nicht«, sagte Wagner lächelnd. »Du bist ja in einer ordentlichen Aufregung. Ist etwas vorgefallen?« »Davon nachher - aber sie war doch gestern den ganzen Nachmittag im Hotel.« »Allerdings - ich ließ auch anfragen, ob ich sie sprechen könnte, aber sie fühlte sich unwohl und ließ mich abweisen. Henkel ist übrigens entzückt von ihr. Er behauptet, daß es ein wunderschönes Mädchen sei und jetzt nur etwas bleich und angegriffen aussähe.« »Henkel hat nicht den geringsten Geschmack«, sagte kopfschüttelnd van Roeken. »Muster darf man ihn zum Beispiel gar nicht aussuchen lassen. Ich traue ihm auch hierin nicht; das bleibt sich aber gleich, schön oder nicht, sie ist einmal da und muß so rasch wie möglich wieder fort.« »Wieder fort? Und womit? Liegt denn ein Schiff segelfertig?« »Es sind fünf, die in der nächsten Zeit und noch vor der Mail segeln werden«, sagte van Roeken. »Eins über New York, eins nach Toulon, und der Orion, der Falling star und der Christian direkt.« »Direkt keins von allen dreien«, warf Wagner ein; »der Christian geht erst nach China, der Orion nach Bengalen, um seine Fracht einzunehmen, und der Falling star hat so ziemlich alle Molukken anzulaufen; du wirst aber dem armen Mädchen nicht zumuten wollen, allein ein halbes oder dreiviertel Jahr in der Welt und auf See herumzufahren, nur um dir wieder rasch aus dem Weg zu kommen. Auch über Toulon und New York darfst du sie nicht schicken - wer weiß, welche Gelegenheit sie in New York nehmen müßte, den Umweg und Aufenthalt gar nicht gerechnet. Und das nach Toulon bestimmte Schiff ist ein alter Kasten, der wahrscheinlich noch nicht einmal von hier auslaufen darf, ohne vorher nachgesehen und repariert zu werden. Jetzt hilft es nichts; hast du gesündigt, mußt du auch dafür büßen, und wenn die junge Dame selbst vorziehen sollte, in Batavia zu bleiben, wäre ich der letzte, der es ihr ausreden würde.« »Du bist des Teufels!« rief van Roeken rasch und erschrocken. »Und was glaubst du, würde meine Frau dazu sagen? Sie ist auf der Spur!« »Aber wie wäre das möglich!« rief Wagner erstaunt. »Gestern mittag ist die junge Dame an Land gekommen; Mevrouw van Roeken steht, soviel ich weiß, mit dem Hotel in gar keiner Verbindung.« »Du weißt, daß Heffken wieder ausgeht«, seufzte van Roeken still vor sich hin; »der unglückliche Mensch scheint aber eine stille Neigung zu mir gefaßt zu haben, denn wie er mir gestern abend versichert hat, bin ich sein erster Besuch gewesen, den er nach seiner Verletzung beglückt hat.« »Du scheinst nicht recht erbaut davon zu sein?« »Nein!« rief van Roeken heftig. »Weil ich fest überzeugt bin, daß er bloß zu mir herübergekommen ist, um zu spionieren, wenn ich auch nicht recht begreife, welches Interesse er an der ganzen Sache haben kann.« »Er weiß doch noch nichts von Fräulein Bernolds Ankunft?« rief Wagner rasch. »Gewiß weiß er davon«, bekräftigte van Roeken mit einem Fluch, »und irgendein böser Geist muß es ihm verraten haben, sonst bleibt es ein Rätsel, wie er schon Wind davon bekommen konnte.« »Und hat er etwas geäußert?« »Gewiß; und noch dazu in Gegenwart meiner Frau. Ich dachte, der Schlag solle mich rühren, als er mich direkt fragte, was das für eine junge Dame gewesen sei, die heute - also gestern - mit einem von unseren Kommis vom Zollhaus heraufgekommen wäre.« »Und was sagtest du?« »Ich gab natürlich eine ausweichende Antwort«, versicherte van Roeken, »denn meine Frau wurde gleich stutzig und schien sich außerordentlich für die Sache zu interessieren.« »Du hättest ihr einfach die Wahrheit sagen sollen«, meinte Wagner. »Daß du früher heiraten wolltest, ist keine Sünde, und daß du von ihren Reizen bezaubert worden bist und alle weiteren Verpflichtungen vergessen hast, könnte gerade für deine Frau doch auch nur schmeichelhaft sein.« »Dann kennst du meine Frau schön«, lachte van Roeken, »heiliger Himmel, wenn ich ihr das gestanden hätte und sie das Mädchen jetzt auf Java wüßte, ich glaube, sie würde rein toll vor Eifersucht.« »Und wenn sie es jetzt zufällig erfährt, ist die Sache noch viel schlimmer«, sagte der Freund. »In dem Fall muß sie, schon deines Schweigens wegen, Verdacht schöpfen, daß doch nicht alles so richtig sei. Du kannst die unangenehmsten Szenen mit ihr bekommen.« »Ich habe jetzt alles auf dich geschoben«, sagte van Roeken abwehrend, »und damit hat sie sich vollständig beruhigt.« »Ich bin dir unendlich verbunden!« rief Wagner, nicht eben angenehm überrascht, »aber ich hoffe doch nicht, daß du das in Heffkens Gegenwart getan hast?« »Er hat gar nicht darauf geachtet«, sagte van Roeken ausweichend. »Da kennst du den schlecht!« rief der junge Deutsche, von seinem Stuhl aufspringend und mit raschen Schritten die Stube durchmessend. »Und wenn er die Geschichte zu Romelaers hinüberträgt, kann mein Betragen das größte und ungerechteste Mißverständnis hervorrufen - ganz abgesehen davon, in welches Licht du die bedauernswerte junge Fremde bringst.« »Ach was«, lachte der Holländer, der sich durch nichts so leicht beunruhigen ließ, was ihn nicht selber und direkt betraf. »Dort klären ein paar Worte ein mögliches Mißverständnis auf; bei meiner teuren Gattin aber würden ein halbes Dutzend Demosthenesse nicht ausreichen, sie zu überzeugen, daß ich unschuldig sei. Tu mir nur den Gefallen und widersprich mir heut abend nicht.« »Heut abend nicht?« »Sie - hat mich gebeten, dich für heute einzuladen - zu ihrem Geburtstag, glaub' ich.« »Ihrem Geburtstag? War denn der nicht im vorigen Monat?« »Allerdings haben wir ihn da gefeiert«, bestätigte van Roeken, »aber sie muß das vergessen haben oder benutzt auch den Geburtstag mehrfach als passende Gelegenheit, sich einmal ein paar gute Freunde einzuladen. Die unglückliche Idee dabei ist nur, daß ich - Fräulein Bernold auch - bei mir einführen soll.« »Aha, Heffken hat sie neugierig gemacht«, lachte Wagner, »und um die Gefahr gleich zu kennen, der sie ausgesetzt ist, rückt sie ihr direkt in die Zähne. Keck bleibt das immerhin und ganz gescheit obendrein; nach der Einleitung aber, die du, wie mir scheint, gemacht hast, werd' ich dich bitten, mich zu entschuldigen nicht allein meinet-, sondern auch der jungen Dame wegen, die wir doch hier in Batavia nicht in schlechten Leumund bringen wollen, nur damit du einer Gardinenpredigt entgehst. Außerdem möchte ich dich bitten, mir zu sagen, wie du dir das ungefähr gedacht hast, wenn du Fräulein Bernold - die sich bis jetzt noch für die dir bestimmte Gattin halten muß - bei Mevrouw van Roeken einführen willst.« »Alle Teufel!« rief van Roeken erschrocken, »daran hab' ich noch nicht einmal gedacht. Aber du hattest mir ja doch auch versprochen, alles mit ihr zu klären.« »Wenn es sich um eine Schiffsladung Pfeffer oder Kaffee handelte«, sagte Wagner kalt, »so wäre es auch schon abgetan. Daß diese Sache anders angefaßt sein will, scheinst du noch immer nicht zu begreifen.« »Aber meine Frau!« stöhnte van Roeken. »Zum Henker auch«, rief Wagner ungeduldig, »mach' mit ihr, was du willst. Warum hast du deine eigene Torheit gegen diesen Heffken ausposaunen müssen; jetzt trage auch die Folgen. Schütze dabei vor, wen du willst, nur bitte ich dich ernstlich, mich aus dem Spiel zu lassen, denn du weißt besser, als ich es dir sagen könnte, wie rasch sich hier in Batavia das geringste derartige Gerücht in allen Familien verbreitet. In dem Verhältnis aber, in dem ich zu Romelaers stehe, könnte es mir, wie du wohl begreifen wirst, nicht wünschenswert sein, den Verdacht auf mich zu lenken, als ob ich noch nebenbei eine Liebschaft unterhielte - ganz abgesehen davon, welchen nachteiligen Einfluß es auf das Schicksal und den Ruf des armen Mädchens haben müßte.« »Aber du kommst doch heut abend?« »Ich will kommen, vorausgesetzt, daß du mich nicht in Verlegenheit bringst; ich mache sonst das Recht der Selbsterhaltung geltend und stehe dir für nichts.« »Wenn ich nur wüßte, wie ich meine Frau davon abbringen soll, der jungen Dame eine Einladung zu schicken, denn sie vergißt nie etwas Derartiges.« »Das mache, wie du willst. Um elf oder zwölf Uhr werde ich übrigens zu Fräulein Bernold hinüberfahren und womöglich alles in Ordnung bringen - ich wollte, es wäre erst überstanden. Wenn sie dann erfährt, wie die Sachen hier stehen, möchte sie es vielleicht selber vorziehen, mit der hiesigen Gesellschaft in weiter keine Berührung zu kommen.« »Und soll sie in dem Hotel bleiben?« »Nein«, sagte Wagner; »schon allein am table d'hôte zwischen all den fremden, sie angaffenden Menschen zu sitzen muß ihr unerträglich werden, und ich will sehen, daß ich sie während der Zeit ihres Aufenthalts in irgendeiner Familie unterbringen kann.« »Aber wo?« »Erst muß ich sie selber kennenlernen, um zu beurteilen, wohin sie paßt, nachher... Alle Wetter, wer ist das? Ich bekomme Besuch.« Beide Männer wandten sich dem Garten zu, in den eben einer der gewöhnlichen Mietbendis einfuhr, und van Roeken rief: »Das ist der nichtsnutzige und liederliche Nitschke, von dem es ja schon einmal hieß, daß er ertrunken oder auf andere Weise umgekommen sei. Was will er bei dir?« »Gott weiß es; jedenfalls um irgend etwas anhalten.« »Laß dich ja nicht mit ihm ein, du wirst ihn sonst nicht wieder los.« »Schade um den armen Teufel«, sagte Wagner; »er ist ein ganz talentvoller Mensch, wenn er seine Sinne eben beieinander hält, aber jeder Verführung augenblicklich preisgegeben und in den Händen dieses nichtsnutzigen Horbach ein vollkommen willenloses Instrument, mit dem der Bursche machen kann, was ihm gerade beliebt. Er kommt wirklich auf das Haus zu.« »Ich mag ihm hier nicht begegnen«, sagte van Roeken, indem er seinen Hut nahm, »sonst bettelt er mich am Ende auch an. Also ich verlasse mich auf dich, daß du noch heute alles in Ordnung bringst, und heut abend sagst du mir dann Bescheid; komm nicht zu spät.« Und mit diesen Worten verließ er nach dem Hof zu das Haus, um dort sein Fuhrwerk wiederzufinden und dem eben den Porticus betretenden Nitschke nicht in den Weg zu kommen. 19. WAGNER GIBT NITSCHKE EINE CHANCE Van Roeken hatte kaum das Zimmer verlassen und Wagner nur eben Zeit gehabt, sich eine frische Zigarre anzuzünden, als Herr Nitschke die steinernen Stufen heraufkam, den Hut abnahm und mit einer leichten, aber ehrfurchtsvollen Verbeugung, bei der es Wagner vorkam, als ob er etwas schwanke, an der Tür stehenblieb. »Kommen Sie herein, Herr Nitschke.« »Guten Morgen, Herr Wagner.« »Was führt Sie zu mir?« Nitschke schwieg und sah wohl eine Minute still und wehmütig vor sich nieder, endlich sagte er leise: »Die Not.« »Das dachte ich mir«, erwiderte seufzend der junge Mann, indem er in seine Tasche griff und ein paar Guldennoten herausnahm. »Sie sind unverbesserlich, Nitschke, und Vorhaltungen helfen bei Ihnen ebensowenig wie die paar Gulden - es sind alles nur Tropfen Wasser auf einen heißen Stein. Da nehmen Sie - ich habe zu tun und kann mich nicht lange mit Ihnen beschäftigen. Nun?« Wagner hatte allerdings Grund zu staunen, denn Nitschke trat einen Schritt zurück, und die Hand abwehrend gegen das Geld ausstreckend, blieb er stehen. »Ich danke Ihnen«, sagte er aber dann und war in den wenigen Sekunden blutrot geworden, »ich danke Ihnen; ich - ich bin schon tief gesunken, aber - so tief noch nicht.« »Aber was sonst verlangen Sie von mir?« fragte Wagner erstaunt, indem er das Geld neben sich auf den Tisch legte. »Wollen Sie mir nur wenige Minuten Gehör schenken?« »Wenn Sie sich auf wenige Minuten beschränken, gern - bitte, setzen Sie sich; Sie scheinen heute morgen ein wenig schwach auf den Füßen zu sein. Nitschke, Nitschke, um Gottes willen, wohin soll das führen? Sie sind selbst heute morgen schon angetrunken.« »Wenn Sie für das Wort ›angetrunken‹ hungrig sagten«, lächelte wehmütig der Mann, indem er sich mit einer dankenden Bewegung auf dem nächsten Stuhl niederließ, »so könnten Sie eher recht haben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Wagner, daß ich seit drei Tagen keinen Tropfen Arrak oder Wein über die Lippen gebracht habe. Seit derselben Zeit habe ich aber auch an keinem gedeckten Tisch gesessen.« »Also hat Sie Geldmangel daran gehindert?« »Ich hatte noch genug, um den Bendi draußen zu bezahlen.« »Und Sie haben wirklich heute morgen noch nicht gefrühstückt?« fragte Wagner, dem es nicht entging, daß der Mann jetzt wieder sehr bleich wurde. »Heute morgen und gestern morgen nicht«, lächelte Nitschke wehmütig, »und - aber was wollen Sie tun?« Wagner war aufgesprungen und hatte sein »Sapáda!« zur Tür hinausgerufen. »Mit einem Menschen, der schwach von Hunger vor mir sitzt«, antwortete er jetzt gutmütig, »kann ich mich nicht unterhalten. Sie müssen wenigstens erst etwas essen. Nachher teilen Sie mir mit, was Sie mir zu sagen haben.« Nitschke faltete verlegen die Hände, Wagner hatte aber die nötigen Befehle schon gegeben, und während seine beiden Diener rasch und behende den Tisch deckten und eine Menge kalter Speisen auftrugen, hatte sich Wagner wieder zu seinen Papieren gesetzt, um sie zu ordnen und zusammenzupacken. Er warf jetzt einen flüchtigen Blick darüber hinweg auf den gedeckten Tisch und sah, daß alles fertig war. »Langen Sie zu, Herr Nitschke«, sagte er freundlich, »genieren Sie sich nicht - wir sind allein.« »Wenn Sie es mir erlauben«, sagte der Mann, »so will ich von Ihrer Güte Gebrauch machen - ich glaube sogar, daß ich einiger Speise bedarf.« Und ohne weiter ein Wort zu verlieren, ging er zum Tisch, ließ sich von den beiden Malaien bedienen und setzte nun die zwei braunen Burschen in nicht geringes Erstaunen, als er eine Schüssel nach der anderen aufräumte und wahrhaft unersättlich schien. Eine Flasche Rotwein stand auf dem Tisch, und der eine Diener hatte sie geöffnet und neben den Saft gestellt, aber Nitschke rührte sie nicht an, bis Wagner selber aufstand, zum Tisch trat und die Flasche ergriff. »Sie trinken doch ein Glas?« sagte er dabei, »es wird Ihnen guttun.« »Ich glaube es auch, Herr Wagner«, erwiderte Nitschke und ergriff das für ihn gefüllte Glas. Noch stand ein anderes auf dem Tisch, und er warf einen schüchternen Blick darauf, wagte aber nicht, etwas weiter anzudeuten. Wagner hatte indessen den Blick bemerkt, und das zweite Glas für sich füllend, sagte er lächelnd: »Auf gute Besserung, Herr Nitschke!« »Auf gute Besserung!« wiederholte mit feierlichem und sogar wehmütigem Ernst der frühere Trunkenbold - und leerte sein Glas auf einen Zug. Wagner wollte ihm noch einmal einschenken, aber er zog es zurück und sagte: »Ich danke Ihnen, Herr Wagner. Ich habe alkoholischen Getränken nicht ganz abgeschworen, weil ich weiß, daß es mir doch nichts hilft. Mein Körper ist so zerrüttet, daß er dann und wann einer unnatürlichen Stärkung bedarf, und wenn ich es, wie mich mehrfache Versuche gelehrt haben, ganz lassen will, so geht das wohl eine Weile, aber ich komme immer mehr herunter dabei. Die Sehnsucht nach solch einem Genuß wird zugleich immer stärker, rasender, und - es geht zuletzt nicht mehr. Ich breche mein Wort und tobe nachher, aus reiner Verzweiflung, ärger als je zuvor.« »Also muß ich annehmen«, sagte Wagner, »daß Sie gegenwärtig wieder Ihren ruhigen Zustand, eine kurze Pause in Ihrem wüsten Leben haben, der, voll guter Vorsätze, etwa gerade so lange anhält wie ein starker Rausch.« »Ich habe Ihnen begründete Ursache gegeben, sich eine solche Meinung von mir zu bilden«, sagte Nitschke ruhig, fast demütig. »Gute Menschen, besonders Herr Kuhn, den ich zu meinen größten und nachsichtigsten Wohltätern zählen muß, gaben sich die größte, unverdrossenste Mühe mit mir, aber - wir fingen es beide falsch an. Ich sollte auf einmal und mit einem Schlag ein Laster, eine Gewohnheit von mir abschütteln, die mit mir bis in mein innerstes Leben verwachsen war, und deshalb scheiterte jeder derartige Versuch. Jetzt will ich sehen, ob ich mir in anderer Weise beikommen kann. Ich werde trinken - wenn ich nämlich erst imstande bin, mir Brot zu verschaffen -, aber nur mäßig, nie mehr als ein Glas; das, weiß ich, kann ich erzwingen.« »Und wenn ich es richtig errate«, sagte Wagner, »verlangen Sie meine Fürsprache bei Herrn Kuhn, daß er Sie wieder annimmt und es noch einmal mit Ihnen versucht?« »Nein«, sagte Nitschke entschlossen. »Ich kann von Herrn Kuhn nicht verlangen, daß er mir noch einmal auf mein Wort glaubt. Ich habe ihn zu oft hintergangen und dann auch - den Respekt bei seinen Leuten vollständig verloren. Er selber wäre vielleicht gutmütig genug, mir das alles noch einmal hingehen zu lassen, aber mit den Eingeborenen ist das etwas anderes; die braunen Burschen vergessen nicht so leicht etwas Derartiges, und wenn man sich bei ihnen erst einmal den Respekt vergeben hat, ist er im Leben nicht wiederzugewinnen.« »Aber was führt Sie dann zu mir?« sagte Wagner, denn Herr Nitschke hatte aufgegessen und sich erhoben. Er blieb jetzt vor Wagner stehen, sah ihm fest ins Auge und sagte endlich bewegt: »Eine noch viel dringendere Bitte, als bloße Fürsprache für mich einzulegen, was, wie ich überhaupt fürchte, ein trost- und nutzloses Geschäft wäre...« »Und diese besteht in...?« »Sie sollen mir selber Arbeit geben«, sagte Nitschke entschlossen. »Sie sollen mich in Ihr Geschäft nehmen - als was Sie wollen, am Anfang um jedes Gehalt, daß ich nur eben existieren kann, und mir selber es überlassen, mich emporzuarbeiten.« »Sie vergessen, daß ich nicht der alleinige Chef unseres Hauses bin...« »Ich weiß, daß, was Sie sagen und wollen, Gewicht hat«, warf aber Nitschke ein. »Ich selber habe Vertrauen zu Ihnen. Sie sind nicht allein ein braver Mann und als solcher in der Kolonie bekannt...« »Lieber Herr Nitschke, ich muß Sie ernsthaft bitten, mir keine Schmeicheleien zu sagen, denn ich glaube kaum, daß Sie auf die Art Ihren Zweck erreichen werden.« »Ich will Ihnen nicht schmeicheln, Herr Wagner«, fuhr Nitschke ruhig fort. »Ihr Ruf ist bei mir auch das wenigste, da ich heute schon an ganz andere Türen, ohne Erfolg, geklopft habe. Sie aber haben mich als Mensch behandelt - nicht daß Sie mir zu essen, sondern wie Sie es mir gegeben haben, hat mich ergriffen. Sie scheuten sich sogar nicht, mit mir zu trinken, und seien Sie versichert, Herr Wagner, daß ich Ihnen das nie vergessen werde.« »Mein lieber Herr Nitschke, das alles bringt uns nicht zum Ziel -« »So will ich mich kurz fassen«, sagte Nitschke. »Ich weiß, daß Sie gerade in diesem Augenblick einen Mann brauchen, der Ihre englische Korrespondenz besorgen kann. Versuchen Sie es mit mir.« »Herr van Roeken wird nie einwilligen.« »Ich weiß, daß er mich nicht mag«, versetzte Nitschke, »und - kann es ihm auch eigentlich nicht verdenken; aber - stoßen Sie mich nicht von sich - nicht in diesem Augenblick. Bedenken Sie, jeder Mensch hat einen Gipfelpunkt - einen Gipfelpunkt des Glücks, des Unglücks und - des Lasters; glauben Sie mir, glauben Sie mir nur dies eine Mal, daß ich auf meinem angelangt bin, und nehmen Sie dann später das beseligende Gefühl mit auf Ihren Lebensweg, nicht ein Menschenleben - meins wäre in diesem Augenblick sowieso wertlos - nein, ein Menschenherz gerettet zu haben.« »Und haben Sie keine anderen Aussichten?« »Keine«, sagte Nitschke; »die letzten Deute habe ich heute zusammengescharrt, um den Wagen zu bezahlen, weil ich zu schwach war zu gehen und - ein Europäer hier auch nicht gehen darf. Ich wollte am Anfang gar nicht zu Ihnen kommen - wollte zu einem mehr Fremden gehen, um mir meinen Weg zu ebnen. Ich war deshalb schon gestern abend bei Herrn Heffken, der großen Einfluß in der Maatchappey besitzt. Er hat mich wie einen Hund behandelt, und jetzt bin ich an der Grenze angelangt. Stehlen kann ich nicht, betteln werde ich nicht, Handarbeit gibt man hier keinem Europäer, schon des Beispiels wegen, wenn auch mein Körper stark genug wäre, der heißen javanischen Sonne Trotz zu bieten, was er nicht ist. Noch bei drei, vier anderen Herren war ich - sie wollen alle nichts mit mir zu tun haben. Sie trauen dem Trunkenbold nicht und ließen mich nicht einmal vor.« »Aber Heffken haben Sie gesprochen?« »Erlassen Sie mir die Schilderung jenes Auftritts«, bat Nitschke; »wäre ich nicht an Geist wie Körper so gebrochen, ich - hätte ihn erwürgen müssen.« Nitschke war, während er sprach, totenbleich geworden; seine Glieder zitterten, und Wagner schob ihm fast unwillkürlich einen Stuhl hin, auf den er sank; er wäre sonst vor ihm zusammengebrochen. Wagner ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab, und immer wieder haftete sein Blick auf der Jammergestalt des Unglücklichen, der, wenn auch durch eigenes Verschulden, auf der letzten Stufe des Elends angelangt war und vielleicht noch durch ihn gerettet werden konnte. Wohl fiel ihm in diesem Augenblick wieder Heffkens Erzählung an jenem Abend ein, und die verkommene Gestalt vor ihm bestätigte nur zu sehr den Verdacht, daß mit solchem Überrest eines Menschen kaum noch Versuche anzustellen seien. Sein gutes Herz zwang ihn aber auch, den Unglücklichen nicht so barsch von sich zu stoßen. Wenn er nun doch vielleicht, wie er sagte, auf dem Scheitelpunkt seines liederlichen Lebens angelangt war und von jetzt an, durch sein früheres Unglück gescheit geworden, ein anderes Leben begann - wenn nicht, blieb ja noch immer Zeit, den Unverbesserlichen wieder auszustoßen. »Herr Nitschke«, sagte Wagner nach einigem Zögern, während der arme Teufel mit Furcht und Hoffnung im Blick zu ihm aufsah, »ich will Ihnen jetzt nicht vorhalten, was Sie einst gewesen sind; Sie fühlen es in diesem Augenblick wahrscheinlich stärker, als Worte es imstande wären auszudrücken - ich will Sie auch nicht verletzen, aber - ich werde Ihnen Beschäftigung geben.« »Herr Wagner - Sie - Sie wollten...«, rief Nitschke, halb von seinem Stuhl fahrend, indem er unwillkürlich die Hände faltete. »Oh, wenn Sie mir nur dieses eine Mal glauben wollten...« »Halt!« unterbrach ihn aber Wagner, »keine Versprechungen, deren Sie schon genug gegeben haben. Ihr eigenes Gefühl, Ihre eigene Existenz muß mir größere Bürgschaft sein. Kommen Sie morgen früh in unser Geschäft - Sie kennen die Arbeitsstunden -, Ihr Gehalt wollen wir nach der ersten Woche und gegenseitigem Übereinkommen festlegen. Sie sollen genug bekommen, daß Sie anständig leben können, denn ich weiß, daß Sie imstande sind, den Posten, den ich Ihnen zugedacht habe, auszufüllen. Wo wohnen Sie jetzt?« Ein wehmütiges Lächeln zuckte um Nitschkes Lippen, während sich bei dem Angebot, das ihm wie eine rettende Hand erscheinen mußte, ein Strahl von Glück über seine Züge gelegt hatte. »Wo ich jetzt wohne?« sagte er leise. »Ich habe mit den Reisvögeln ein und dasselbe Hotel.« »Mit Gepäck werden Sie da auch nicht sehr belastet sein«, sagte Wagner, dem der arme Teufel jetzt unendlich leid tat. »Nein«, flüsterte Nitschke, indem er ein Taschentuch aus der Tasche zog, »ich - trage es bei mir.« Es lag in der Bewegung, mit der er dies sprach, eine so reuige Zerknirschung und doch wieder ein so wehmütiger Humor, daß Wagner laut auflachen mußte, während ihm die Tränen in die Augen traten. »Ich dachte es mir«, sagte er freundlich, »später muß sich das freilich ändern, für jetzt aber - bis wir ein Unterkommen für Sie gefunden haben - bleiben Sie bei mir; ich werde Ihnen ein Zimmer anweisen lassen, und Ihren Wagen benutzen Sie jetzt - ach so, es ist Sonntag«, unterbrach er sich, »gut, dann mögen Sie das morgen früh besorgen, ehe Sie ins Geschäft kommen, denn - Sie nehmen mir das nicht übel - etwas anständiger müssen Sie in unserem Kontor erscheinen, schon Ihrer selbst wegen.« »Aber - ich...« »Ich weiß schon; natürlich brauchen Sie dazu Vorschuß. Herr Nitschke - ich mache jetzt gleich die Probe mit Ihnen, inwieweit Sie Besserung versprechen. Hier haben Sie dreißig Gulden, die Sie in dem Notwendigsten anlegen mögen. Ich rechne fest darauf, daß Sie keinen Deut davon zum Trinken verwenden.« »Sie wollen kein Versprechen von mir, Herr Wagner«, sagte Nitschke ernst, »und ich fühle auch, daß ich das Recht verscherzt habe, eins zu geben. Haben Sie nur Geduld mit mir, weiter verlange ich nichts, denn ich muß nicht allein neue und reine Kleider, ich muß auch einen neuen und reinen Menschen anziehen.« »Genug - hier ist das Geld«, sagte Wagner. »Übrigens sind wir ziemlich einer Größe, und ich denke, daß Ihnen etwas von meinem leichten Sommerzeug wohl passen wird, damit Sie wenigstens heute anständig erscheinen können. Kommen Sie mit in mein Schlafzimmer.« »Herr Wagner«, sagte Nitschke, indem er die Hand seines neuen Beschützers trotz dessen Widerstreben ergriff, während ihm die großen, hellen Tränen von den Wangen niederrollten, »wenn ich Ihnen das je vergesse...« »Keine Versprechungen«, lachte aber Wagner gutmütig, »ich bin jetzt selber neugierig, ob ich mehr aus Ihnen mache als Kuhn, dessen Erziehung doch am Ende nichts gelangt hat.« Und sich von Nitschke losmachend, schritt er diesem voran in das nächste Zimmer, um seinen neuen Schützling mit der ihm besonders nötigen Wäsche und einigen leichten Kleidungsstücken zu versehen. Eine Stunde später fuhr Wagner, der Nitschkes Fuhrwerk fortgeschickt hatte, in seinem Bendi die Straße hinab, dem Hotel der Nederlanden zu, und Nitschke, der inzwischen ein Bad genommen und reine Kleider angezogen hatte, saß in dem Portico des luftigen Gebäudes auf einem der bequemen chinesischen Stühle, hielt die Hände auf den Knien gefaltet und schaute mit einem ganzen Himmel von Seligkeit in den bleichen, eingefallenen Zügen zu den wehenden Wipfeln der Palmen hinauf, die den Vorhof des Hauses beschatteten. 20. WAGNERS BESUCH BEI HEDWIG Während Nitschke mit einem Schatz von guten Vorsätzen im Herzen und außerdem gereinigt, gekleidet und genährt daheim saß und sich dem behaglichen Gefühl hingab, wieder einen Platz zu haben, den er daheim nennen konnte, befand sich Wagner auf dem Weg, einen der unangenehmsten Aufträge zu erfüllen, den er je hatte. Sollte er doch Hedwig Bernold auf das vorbereiten, was sie hier erwartete. Unter keinen Umständen würde er das allerdings übernommen haben, wäre es ihm nicht um das arme Mädchen selber gegangen, das ihm sein Freund, der alte Scharner, so warm empfohlen hatte. So schonend wie möglich mußte sie es erfahren, und was er selber dann für sie tun konnte, sollte selbstverständlich geschehen. Bitterböse war er aber auf den Freund, der mit so unerhörtem Leichtsinn Glück und Ruhe eines bedauernswerten Wesens seiner Laune preisgab und jetzt glaubte, mit einer Handvoll Geld das alles wieder ausgleichen zu können. Van Roeken war überhaupt der Meinung, daß mit Geld in der Welt alles zu regeln wäre, und durch was auch immer belastet die menschliche Lebenswaage sinke, Geld das vortreffliche Mittel sei, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei war er aber nicht verschwenderisch, und daß er in diesem Fall freiwillig anbot, eine weit größere Summe zu zahlen, als eigentlich vereinbart war, zeigte deutlich, wie sehr er selber daran zweifelte, richtig und ehrlich gehandelt zu haben. Und das alles sollte Wagner jetzt ausgleichen - ja, das nicht allein, sondern später auch noch die Verantwortung seinem alten Freund gegenüber übernehmen. Und war der nicht eigentlich selber schuld daran? Hätte Scharner, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat, nicht wenigstens erst an ihn schreiben können? Aber natürlich mußte Scharner ja glauben, daß er von allem unterrichtet, mit allem einverstanden sei, und wie er es auch drehte und wendete, die Verantwortung blieb immer allein bei van Roeken, der, selber herzlos, mit dem Herzen und Lebensglück der armen Fremden auf das leichtsinnigste und unverantwortlichste gespielt hatte. Mißmutig und auf die ganze Welt ärgerlich, auf den alten Scharner in Deutschland, auf das Mädchen sogar, das einen solchen Schritt getan hatte, auf den Freund, der ihn in ein so mißliches Geschäft verwickelte, auf sich selber, daß er es übernahm, fuhr er, in den leichten Wagen zurückgelehnt, die Straße entlang und kam eigentlich erst wieder zu sich, als das Fuhrwerk in den Vorgarten einbog und vor dem hohen, von Säulen getragenen Portico des Hauses hielt. Er befahl dem Kutscher zu warten, stieg aus und in den mit Marmorplatten ausgelegten Saal hinauf, wo er die malaiischen Diener eben beschäftigt fand, den Frühstückstisch abzuräumen und wieder zum späteren Diner zu ordnen. Gäste waren nicht dort, ein paar eben angekommene Schiffskapitäne ausgenommen, denen auf einem kleinen Seitentisch serviert wurde. Da die Gästezimmer in den Hintergebäuden lagen, schritt er rasch durch den Saal hindurch und im wahren Sinne des Wortes über eine kleine Gruppe von malaiischen Jungen hinweg, die dort mit ihren ewig brennenden Kokosbastlunten kauerten und auf der Welt weiter keine Beschäftigung hatten, als auf das befehlende »Api!« irgendeines Europäers zu warten. Ertönte das, woher auch immer, so schnellten sie von dem Marmorboden empor und boten den Gebrauch ihrer Lunten an, um nachher wieder an ihren alten Warteplatz geduldig zurückzukehren. Wagner wollte rasch über den hinteren Porticus in den Hof hinabgehen, da sich dort um diese Tageszeit und noch dazu an einem Sonntag viele Gäste sammelten, als er seinen Namen rufen hörte. Sich umdrehend, erkannte er den alten Herrn van Romelaer im Gespräch mit einigen holländischen Offizieren. »Heda, Wagner, wohin so eilig!« rief ihn der alte Herr freundlich an. »Wie wär's mit einem Gläschen echten Schiedam? Hoogesand hat einen famosen Stoff mit der Rebecca bekommen und ein Probefäßchen erst heute morgen an Land geschafft.« »Ich trinke morgens nicht gern Spirituosen«, sagte Wagner, die Herren grüßend. »Der Gesellschaft wegen kann man aber wohl schon einmal eine Ausnahme machen.« »Das ist recht«, lachte Romelaer gutmütig. »Wagner ist ein famoser Vent, verdirbt nie einen Spaß und macht alles mit - na, was führt Ihr hier heute morgen im Schilde?« »Nichts, Mynheer«, sagte Wagner etwas verlegen, indem er das zu ihm hingeschobene Glas nahm und leerte, »nur einen Besuch wollte ich machen.« »Die Herren kennen sich wohl? Herr Wagner, Firma Wagner und van Roeken, und Leutnant van Hoevelen und Hauptmann Bernstoff - kommen gerade von Bali und haben eine schmähliche Zeit dort mit durchgemacht. Apropos, Wagner, kommen Sie heut abend ein bißchen hinüber? Meine Marie will gern einmal wieder tanzen, und wir sind eine ganz nette Gesellschaft.« »Ich bedauere sehr«, erwiderte Wagner, »aber für heute abend hin ich leider schon versprochen.« »Aha, wahrscheinlich Ihr Besuch! Aber um Gottes willen keine Umstände; Sie wissen, daß Sie bei mir nicht im geringsten geniert sind. Vielleicht können Sie sich noch später losmachen, vor ein oder zwei Uhr gehen wir doch nicht auseinander. Die Herren hier haben seit acht Monaten keinen Ball mitgemacht und wollen sich einmal tüchtig austanzen. Hatten auch Gelegenheit, sich in Bali ordentlich auszuruhen. Hauptmann Bernstoff hat einmal da drüben vierundzwanzig Stunden in einem Strich bis an die Schultern im Schlamm gesteckt und eine Bande der rothäutigen Schufte mit ihren Blasrohren und vergifteten Pfeilen um sich her gehabt - das soll die Glieder außerordentlich geschmeidig machen - hahahaha!« »Sie würden wahrhaftig nicht lachen, wenn Sie an seiner Stelle gewesen wären«, meinte der andere Offizier. »Allen Respekt davor!« rief Romelaer rasch. »Apropos, Wagner, haben Sie lange nichts von Heffken gesehen?« »Seit einiger Zeit nicht. Er soll wieder vollkommen genesen sein.« »Gesund wie ein Fisch, ist auch schon seit acht Tagen wieder im Geschäft, hält sich aber merkwürdig zurück und kommt zu keinem Menschen. Ein wunderlicher Kauz; ich muß heute einmal zu ihm hinausschicken, denn wenn alles tanzt, bleiben uns sonst die Spieltische leer stehen, und das wäre für uns ›altes Volk‹ ein Unglück. Aber Sie wollen fort - keine Umstände, Freundchen - nicht erst noch ein Glas?« »Ich danke bestens - ein andermal, wenn ich bei Ihnen vorbeikomme«, und die Gesellschaft freundlich grüßend, schritt Wagner in die rechts vom Hof gelegene Galerie hinein, um dort in der Wirtswohnung die Zimmernummer seiner Schutzbefohlenen zu erfragen. Es war ihm nicht recht, gerade Romelaer hier getroffen zu haben, denn wenn der alte Herr erfuhr, daß er hier eine junge Dame aufgesucht habe, konnte er sich auch fest darauf verlassen, einen vollen Monat damit geneckt zu werden. Es ließ sich aber jetzt nicht mehr ändern, und vielleicht konnte er es auch eben noch so einrichten, daß Romelaer gerade nicht bemerkte, wem der Besuch in diesem Hause galt. In der Wohnung des Wirts erfuhr er augenblicklich die Nummer des Zimmers, das die beiden fremden Damen bewohnten, zugleich aber auch, daß die Ältere von ihnen vor kaum einer Viertelstunde mit einem Bendi aus dem Hotel zu seiner eigenen Wohnung gefahren sei, um ihn aufzusuchen und einen Brief an ihn abzugeben. Die jüngere Dame hatte diesen nicht durch einen Malaien schicken wollen. Wagner war unschlüssig, was er tun solle: die Dame trotzdem aufsuchen oder augenblicklich zurückfahren, um zuerst den an ihn gerichteten Brief in Empfang zu nehmen. Die Wirtin aber bewegte ihn bald, den ersteren Weg einzuschlagen, da sie ihm sagte, sie hätte von der Frau, die nur eine Dienerin der jungen, sehr hübschen Dame sei, schon gestern erfahren, daß sie einen Besuch erwarteten, und erst nachdem dieser bis heute morgen spät nicht gekommen sei, habe sie sich entschlossen, den Brief abzuschicken. Wagner hat deshalb, ihn in diesem Fall zu melden, und die Tochter des Hauses ging selber hinüber, um die Botschaft auszurichten. Hedwig war allein in ihrem Zimmer. Sie hatte einen trüben und peinlichen Morgen verbracht und lange mit sich gekämpft, welchen Schritt sie tun solle: geduldig warten, bis sie aufgesucht würde, oder wenigstens den Freund ihres alten Scharner wissen zu lassen, daß sie da sei, und ihm den Brief zu senden, den ihr dieser noch für ihn mitgegeben hatte. Allerdings war ihr mitgeteilt worden, daß schon gestern jemand nach ihr gefragt hatte - war das van Roeken selbst gewesen? Aber warum kam er dann nicht heute morgen wieder? Sie erhoffte seinen Besuch und fürchtete doch auch wieder, ihm zu begegnen; und keinen, keinen einzigen Freund hatte sie hier, an den sie sich wenden konnte, kein Herz, das Anteil an ihrem Schicksal nahm. Nur von Wagner, van Roekens Freund, hatte ihr Scharner viel und gern erzählt und ihn stets als einen Ehrenmann geschildert - es war ihr fast, als ob dieser ihr nicht so ganz fremd wäre wie alles andere, und sie beschloß endlich, den Brief an ihn abzuschicken, um ihn vorher zu sprechen, ehe sie mit ihrem künftigen Gatten zusammentraf. Mit diesem Entschluß war es ihr fast, als ob sie die erste gefürchtete Begegnung mit van Roeken noch hinausschieben könne, und sie fühlte sich kräftig genug, später dem nun doch einmal Unvermeidlichen voller Fassung entgegenzutreten. Als sie den Rat des alten Scharner befolgte, hatte sie ja ihr eigenes Geschick aus der Hand gegeben - ob sie recht daran getan hatte, ob nicht - es war zu spät, das jetzt zu überdenken, und was nun auch kommen mochte, sie mußte es geduldig hinnehmen und ertragen. Nur zurück durfte sie nicht denken. Es war ein so schöner Traum gewesen, den sie geträumt hatte, so zauberhaft schön und glücklich, und das Herz hätte ihr zerspringen mögen, wenn sie daran dachte, daß gerade die Hand, der sie vertraut hatte, so rauh, so herzlos ihren Traum zerschlug. »Er hat dich nie geliebt!« Das war das einzige Trostwort, das sie sich wieder und wieder zurief, und doch, welch ein bitterer Trost in solchen Qualen! »Er hat dich nie geliebt!« Und wenn das so wäre, was blieb dann selbst von jenen seligen Stunden, in denen er sein Herz ihr ausgeschüttet und anvertraut hatte? War das alles Lüge, alles nur Betrug und Verstellung gewesen? O großer Gott, welchem Menschen auf der weiten Welt hätte sie dann noch trauen können; welches Herz konnte dann treu und ehrlich sein, wo Treue und Ehrlichkeit so klar und unverkennbar auf den Zügen des Geliebten eingegraben standen? »Fort mit den Gedanken!« rief sie sich dann selber gewaltsam zu; »die Zeit liegt hinter mir - mit allem Leid und Jammer, mit allem, was mir die alte Heimat im letzten Jahr an Qualen gebracht hat; ich muß und will es vergessen! Bin ich doch jetzt in einem andern Land, in einer andern Welt, und mein alter Freund daheim hat mir versichert, daß hier ein rechtschaffenes Herz auf mich wartet. Mit Gott will ich ihm entgegengehen, und er wird mich hier die Ruhe, den Frieden finden lassen, den ich so sehr - so lebensnotwendig brauche!« »Liebes Fräulein«, sagte in dem Augenblick die Wirtstochter, die den schwarzen Lockenkopf in das kleine Zimmer steckte, »ein Herr ist draußen, der Sie zu sprechen wünscht - darf er hereinkommen?« »Ein Herr?« rief Hedwig rasch emporfahrend, und sie fühlte dabei, daß sie glühend rot wurde. Wer war das? Herr Wagner? Kathrine konnte kaum den halben Weg zu ihm zurückgelegt haben, denn man hatte ihr gesagt, daß es wenigstens eine Stunde dauern würde, bis ein Bote von dort zurückkommen könne. Also van Roeken selber? Das Herz klopfte ihr fast hörbar in der Brust, und sie hätte jetzt alles darum gegeben, wenn wenigstens Kathrine dagewesen wäre. »Darf er kommen?« drängte das junge Mädchen, die lächelnd die Verwirrung in den Zügen der schönen Fremden bemerkte. »Es wird mir sehr angenehm sein«, sagte Hedwig, die in diesem Augenblick kaum wußte, was sie sprach, und im Nu war die junge, fröhliche Wirtstochter wieder von der Tür verschwunden. Hedwig stand in der Mitte des Zimmers, wie sie das Mädchen verlassen hatte; eine eigene Angst überkam sie, ihre Glieder versagten ihr fast den Dienst, aber das dauerte nur einen Moment. Im nächsten Augenblick schon fühlte sie ihre Kraft zurückkehren, und wenn auch alles Blut ihre Wangen verlassen hatte, schaute sie doch dem jetzt Eintretenden fest und ruhig entgegen. Wagner hatte, schon auf der Schwelle, noch einen Blick zum Haus zurückgeworfen, ob er von dort aus gesehen würde, und allerdings stand dort noch der alte Herr van Romelaer mit seinen beiden militärischen Freunden, und neben ihm stand der Wirt des Hauses, den Romelaer etwas gerufen hatte. Möglich, daß sie ihn immer noch beobachteten; keinesfalls ließ es sich jetzt mehr vermeiden, und nach flüchtigem Anklopfen das Zimmer betretend, in dem er schon angemeldet war, stand er in der nächsten Sekunde vor Hedwig, deren Blick ihm erwartungsvoll und scheu begegnete. »Mein wertes Fräulein - ich muß um Entschuldigung bitten...« »Mein Herr -« Wagner sah sich der mädchenhaft anmutigen Gestalt der jungen Frau - noch immer mit Romelaers Anwesenheit beschäftigt - so plötzlich gegenüber, daß er fast in Verwirrung kam. Er hatte das Gespräch mit einigen alltäglichen Entschuldigungen und Redensarten beginnen wollen; als aber die großen, seelenvollen Augen Hedwigs auf ihm hafteten, fühlte er das Unpassende, das Fade solcher Einführung. Ein eigenartig wehmütiges Gefühl schoß ihm dabei durchs Herz. So schön, so lieb wenigstens und so edel in ihrem ganzen Wesen, wie er die junge Fremde fand, hatte er sie sich doch nicht gedacht, und dieser Frau gegenüber fehlte ihm fast der Mut, seinen schmerzlichen und fatalen Auftrag zu erfüllen. »Herr van Roeken?« fragte da Hedwig leise und mit niedergeschlagenen Augen. Sie wollte den Namen gar nicht aussprechen - ihre Gedanken nur hatten sich zu dem Wort gebildet, und sie erschrak regelrecht, als sie dessen Klang auf einmal hörte. »Van Roeken? Nein!« rief Wagner rasch, der fast erschrak, als er sich verwechselt sah. »Das ist ein Mißverständnis, mein Fräulein - mein Name ist Wagner, und ich glaubte, die junge Dame, die mich Ihnen meldete, hätte Ihnen auch gesagt, wer ich bin.« Hedwig sah ihm fest, ja fast starr in die Augen. Das war nicht van Roeken? Und daß er es nicht war! Soviel Vertrauen hatte ihr schon der erste Anblick dieser Züge eingeflößt - aber sie gehörten einem Fremden. Und wenn nun van Roeken... Eine Menge verworrener Gedanken kreuzte ihr das Hirn, und sie fand keine Worte, selbst nur die erste Begrüßung Wagners zu erwidern. Auch dieser fand sich dadurch in peinlicher Verlegenheit und mußte sich endlich fast gewaltsam zusammennehmen, um ein gleichgültiges Gespräch zu beginnen. »Ich höre eben«, sagte er, »daß Sie einen für mich mitgebrachten Brief in meine Wohnung gesandt haben.« »Ich bin gestern schon angekommen«, sagte Hedwig zögernd. »Zu meinem Bedauern erfuhr ich gestern, daß Sie unwohl hier eingetroffen wären.« »Dann hatten Sie mich schon gestern aufgesucht?« »Wir erwarteten Sie mit der Rebecca, und das Schiff wurde uns gestern von der Reede signalisiert - wie das mit allen gerade einlaufenden Schiffen geschieht.« »Aber darf ich Sie nicht bitten, Platz zu nehmen?« Beide hatten das Peinliche des ersten Begegnens überwunden, und während Hedwig auf dem kleinen, im Zimmer stehenden Rohrsofa Platz nahm, ließ sich Wagner auf einem Stuhl ihr gegenüber nieder. »Sie haben hoffentlich eine angenehme Reise gehabt?« sagte er und holte dabei tief Atem, denn es war, als ob ihm jemand die Brust zuschnüren wolle. »Sehr lang, aber doch insofern glücklich, als wir ohne Unfall hier eingetroffen sind«, erwiderte Hedwig, die es ihm dankte, ihr noch mehr Zeit zu lassen, sich zu sammeln. »Der Kapitän war sehr nachsichtig und gut mit uns.« »Und mein alter Freund Scharner befindet sich wohl? Ich freue mich sehr darauf, ihn wieder einmal begrüßen zu können.« »Körperlich vortrefflich. Wollen Sie - wieder nach Deutschland hinüber?« »Unser Geschäft bringt es mit sich, daß einer der Kompagnons von Zeit zu Zeit eine Reise nach Europa macht, um teils hier gefragte Waren einzukaufen, teils Bestellungen aufzugeben, die sich nun einmal nicht gut brieflich abmachen lassen.« Hedwig schwieg, und auch Wagner fand nicht gleich einen Punkt wieder, an dem er anknüpfen konnte. Und so sanft, so freundlich, so geduldig saß ihm das anmutige Geschöpf gegenüber, so vertrauensvoll erwartete sie die Botschaft des Mannes, dem sie ihr ganzes Leben anvertrauen wollte. Sie hatte ihn selbst erwartet, und jetzt sollte er der Fremden mit dürren, kalten Worten sagen, daß Herr van Roeken inzwischen schon seit längerer Zeit verheiratet sei; sollte ihr eine Summe zur Verfügung stellen, damit sie, wenn sie wolle, nach Europa zurückzukehren oder auch hierbleiben könne, um das Geld an Ort und Stelle zu verbrauchen, ganz wie es ihr gefiele. Nein, das ging nicht, das war zuviel verlangt. Wie kam auch van Roeken dazu, von ihm gerade zu fordern, eine so peinliche Situation aufzudecken und mit durchzustehen? Das konnte und wollte er schriftlich regeln, und dann brauchte er der bedauernswerten jungen Dame auch gar nicht wieder zu begegnen. War ihm doch nichts schrecklicher auf der Welt als Frauentränen. »Java«, sagte Hedwig endlich, »scheint ein so schönes, herrliches Land zu sein, daß man den kalten Norden wohl darüber vergessen könnte, wenn es eben nicht die Heimat wäre.« »Sie sind ungern von Deutschland fortgegangen?« »Wer verläßt das Vaterland gern?« sagte Hedwig. »Schon früher war es mir immer ein recht schmerzliches Gefühl, wenn ich Auswanderer sah, die, durch die Verhältnisse oder Not gezwungen, eine fremde Welt aufsuchen mußten. Ich glaubte damals freilich nicht, daß ich selber einmal mit zu diesen Auswanderern gehören würde.« »Aber dazu dürfen Sie sich doch wirklich nicht rechnen«, erwiderte Wagner, der nicht recht wußte, was er darauf antworten sollte. »Sie - sind doch nicht gezwungen, in dem fremden Land zu bleiben; die Rückkehr steht Ihnen jeden Augenblick frei, wenn Ihr Gefühl Sie hier nicht halten sollte.« »Herr Scharner hat Ihnen doch geschrieben«, sagte Hedwig bestürzt, »daß ich...« »Jawohl, mein bestes Fräulein, alles«, beruhigte sie Wagner, der nicht ohne Bangen sah, wie fest vertraut sich Hedwig schon mit dem Gedanken gemacht hatte, in Batavia ihre neue Heimat zu finden. Und wie anders hätte er es auch erwarten können, da sie ja nur mit dieser Aussicht und in diesem Glauben Deutschland verlassen hatte. »Er hat mir alles geschrieben«, setzte er hinzu, »und - wenn van Roeken sich auch damals ohne mein Wissen in dieser delikaten Angelegenheit nach Deutschland und an meinen alten Freund Scharner gewandt hat, so versteht es sich wohl von selbst, daß ich trotzdem darüber wachen werde, daß jede Pflicht gegen Sie, mein liebes Fräulein, erfüllt wird, wie - wie sich auch alles noch gestalten möge.« »Herr Scharner hat mir viel von Ihnen erzählt«, sagte Hedwig leise, »viel Liebes und Gutes. Er hängt noch sehr an Ihnen, und - gerade weil er so volles Vertrauen in Ihre Redlichkeit setzte...« »Er ist mir immer ein lieber, väterlicher Freund gewesen«, versicherte Wagner, der sich bei diesem Lob nicht ganz wohl fühlte, »aber ich fürchte, daß er - daß er manchmal meine Eigenschaften überschätzt hat.« »Es war jedenfalls sehr freundlich von Ihnen«, sagte Hedwig herzlich, »daß Sie mich zuerst hier in dem fremden Land begrüßt haben, das soll mir eine gute Vorbedeutung sein. Sie mögen mir auch glauben, werter Herr Wagner, daß Ihre Gegenwart mir neue und frische Zuversicht gegeben hat. Ich war recht niedergedrückt, als ich das Land betrat; so richtig uneins mit mir selber, und noch an diesem Morgen fühlte ich mich einsam und verlassen wie kaum je zuvor. Das ist besser jetzt - viel besser, und ich kann nun wohl sagen, daß ich der nächsten Zukunft fest und vertrauensvoll entgegengehen stehe ich ja doch auch hier in Gottes Hand, gerade wie daheim.« »Halten Sie den Glauben fest, liebes Fräulein«, rief Wagner bewegt, von seinem Stuhl aufspringend und ihr die Hand reichend, »halten Sie ihn fest und vertrauen Sie auf Gott. Manches erscheint uns armen Sterblichen hier oft als ein Unglück, als ein neuer Schlag des Schicksals, während es uns geradewegs doch nur einem späteren Glück, späterer Zufriedenheit entgegenführt. Aber Vertrauen müssen wir haben, Vertrauen und Zuversicht, und alles kann und wird dann gutgehen. Wie sich aber auch alles hier für Sie gestalten möge, betrachten Sie mich als Ihren wahren und treuen Freund, der Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. Tun Sie keinen Schritt, ohne ihn vorher mit mir besprochen zu haben, ich kenne die Verhältnisse hier genau und meine es gut mit Ihnen.« »Ich danke Ihnen für diese Teilnahme, Herr Wagner«, sagte Hedwig gerührt, durch die Worte aber auch - sie wußte eigentlich selber nicht recht, warum -, etwas beunruhigt, »und - wann glauben Sie, daß ich Herrn van Roeken sehen werde?« »Van Roeken?« sagte Wagner, der nicht imstande gewesen wäre, ihr gerade jetzt und in diesem Augenblick die kritische Situation aufzudecken, in die sie seines Freundes taktloses und leichtfertiges Benehmen gebracht hatte. »Morgen vielleicht oder - in den nächsten Tagen. Er hat einen kleinen Ausflug gemacht, von dem er aber in allernächster Zeit zurückkehren muß. Gedulden Sie sich nur noch ein ganz klein wenig, und wenn .Sie inzwischen irgendeinen Wunsch haben, den ich zu erfüllen imstande bin, so bitte ich Sie recht freundlich, ihn mich unverzüglich wissen zu lassen. Sie sind doch hier gut aufgehoben?« »Vortrefflich und über meine Erwartung«, sagte Hedwig schüchtern. »Es ist nur fast alles zu großartig, zu reich. Doch sind die Wirtsleute freundlich und gefällig, wo ich mit ihnen in Berührung komme, und für die - und ich gefinde mich wohl hier«, brach sie plötzlich ab. »Dann erlauben Sie mir, daß ich Sie jetzt verlasse«, sagte Wagner, seinen Hut ergreifend, denn das Gespräch fing an, ihm drückend zu werden. Er konnte diesem Mädchen gegenüber nicht länger lügen und hatte auch nicht den Mut, ihr frei und unverhohlen die Wahrheit zu sagen. Die Nachricht, daß der Mann, der um ihre Hand geworben hatte, inzwischen schon verheiratet sei, mußte sie ohne Zeugen erhalten, damit ihr jede Beschämung in Gegenwart anderer Menschen erspart blieb. Das war die geringste Rücksicht, die sie erwarten konnte. Wußte sie das erst, hatte sie den ersten Schmerz über diese Zurücksetzung, das erste Gefühl gekränkten Stolzes überwunden, dann erst galt es, mit ihr zusammen den nächsten Schritt zu beraten - ob sie nach Deutschland zurückkehren oder hier im Lande bleiben wolle, vielleicht bei irgendeiner Familie als Gouvernante. Jedenfalls mußte ihr die Wahl darin vollkommen frei gelassen, ihr Wille durfte in keiner Weise beschränkt und eingeengt werden. »Aber der Brief, den ich für Sie absandte?« fragte Hedwig. »Jedenfalls begegne ich dem Boten, den Sie abschickten«, sagte Wagner, »und nach der Beschreibung ist es eine Deutsche, die Sie mitbrachten und die ich leicht erkennen werde. Bringt sie den Brief zurück, nehm' ich ihn an mich, wenn nicht, finde ich ihn bei mir zu Haus. Vielleicht hat mir auch Freund Scharner darin noch weiteres aufgetragen, das wir dann später besprechen können.« »Also auf Wiedersehen!« sagte Hedwig, ihm freundlich die Hand reichend. »Auf Wiedersehen!« sagte Wagner, und wie eine Zentnerlast fiel es ihm von der Brust, als er das Zimmer hinter sich hatte und wieder seinem Wagen zueilte. 21. MEVROUW VAN ROEKEN, IHR GATTE UND WAGNER So aufgeregt fühlte sich Wagner durch diese Unterredung, daß er jetzt mit niemandem zusammenkommen mochte, um in irgendein gleichgültiges Gespräch verwickelt zu werden. Es drängte ihn auch, van Roeken aufzusuchen, und den linken Weg einschlagend, der um das Haus herumführte, traf er seinen Bendi dort unter einer kleinen Gruppe von Muskatnußbäumen, warf sich hinein und befahl dem Kutscher, so rasch er könne nach Hause zurückzufahren. Er vergaß dabei ganz, daß er unterwegs hatte Hedwigs Dienerin anreden und sie nach dem Brief fragen wollen. Der Bendi mit der alten treuen Kathrine, die indessen glücklicherweise das Schreiben in seinem Haus gelassen hatte, rollte unbemerkt an ihm vorüber, und er kam eigentlich erst wieder zu sich selber, als ihm daheim Nitschke begegnete und den ihm anvertrauten Brief übergab. Herr Nitschke wollte ihm dabei, nicht ohne Humor, eine Schilderung der komischen Alten geben, die sich erst vor dem Haus, ehe er dazukam, mit den verwunderten Malaien auf Deutsch herumgezankt hatte. Wagner war aber jetzt nicht in der Stimmung, ihm geduldig zuzuhören, nahm den Brief an sich, sprang wieder in den Wagen und befahl dem Kutscher, so rasch sein Pferd laufen könne, ihn zu Herrn van Roekens Wohnung zu fahren. Hier aber verweigerte der Malaie den Gehorsam. Das Pferd hatte die Tour zum Hotel der Nederlanden hin und zurück gemacht, andere, frischere standen im Stall, und er erklärte, nicht fahren zu wollen, bis er nicht ein anderes Tier eingespannt habe. Wagner mußte sich ihm fügen; in dem heißen Klima Batavias dürfen die Tiere nicht unnötigerweise zu sehr angestrengt werden, und während der Bursche das Pferd ausschirrte und in den Stall brachte, warf er sich in einen Stuhl, um den Brief zu lesen, den ihm die Fremde von Deutschland mitgebracht hatte. Er war lang und eng geschrieben, und das frische Pferd schon wieder eine gute Weile eingespannt und fertig; aber er winkte mit der Hand, ihn ungestört zu lassen, bis er das Schreiben zu Ende durchgelesen habe, und selbst dann noch saß er längere Zeit mit dem Brief in der Hand und darüber hinweg in den Wipfel eines mächtigen Waringhi starrend, bis ihn Nitschke, der ihn mit keiner Bewegung unterbrochen hatte, endlich darauf aufmerksam machte, daß der Wagen warte. »Ich danke Ihnen«, sagte Wagner freundlich, sprang von seinem Stuhl auf und ließ sich, so rasch das Pferd laufen konnte, dem Ort seiner Bestimmung zuführen. Unterwegs las er den Brief noch einmal durch und war noch nicht wieder damit fertig, als das leichte Fuhrwerk schon in van Roekens Anwesen einlenkte und vor der Veranda hielt, in der Mevrouw eben, behaglich in einem chinesischen Lehnstuhl ausgestreckt und mit einem kleinen malaiischen Mädchen neben sich, das ihr Kühlung zufächeln mußte, die nötigen Befehle erteilte, den Mittagstisch zu decken. Van Roeken lag neben ihr in einem ähnlichen Stuhl, die Zeitung lesend und mit einer Manilazigarre zwischen den Lippen, stand aber auf, als er Wagner in dem heranfahrenden Wagen erkannte, und ging ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. »Ah, Tuwan Wagner, tabé!« rief auch Mevrouw van Roeken, ohne ihre Stellung im mindesten zu verändern und in ihrem gebrochenen oder vielmehr mit malaiischen Wörtern reichlich gemischten Holländisch. »Wie geht es? Das ist recht, daß Sie gerade jetzt kommen, da können Sie gleich mit uns essen. Mynheer van Roeken ist sowieso immer bei Tisch so schrecklich langweilig und macht nur den Mund auf, wenn er etwas hineinstecken will.« »Guten Tag, Mevrouw«, grüßte sie Wagner, indem er auf sie zuging und ihr die Hand bot, die sie freundlich lächelnd nahm, dabei aber in ihrer alten Lage blieb, »wie geht es Ihnen? Noch immer des Lebens Last und Hitze tragend?« »Wel, Mynheer, wel!« seufzte die dicke, fette Dame, die mit ihrer bronzefarbenen Haut ihre Abstammung nicht verheimlichen konnte. »Wir armen Frauen führen auch ein geplagtes Leben, Kassiang - aber die Männer wollen es immer nicht einsehen - wenigstens sobald sie Ehemänner sind. Solange sie noch so herumlaufen, ist es freilich was anderes.« »Warst du dort?« flüsterte ihm van Roeken zu. »Ja; ich muß dich dann dringend allein sprechen.« »Nun«, sagte die Dame, der die paar leise gewechselten Worte trotz ihrer behaglichen Stellung nicht entgangen waren, »was haben die beiden Herren miteinander zu flüstern? Geheimnisse?« »Geschäftssachen, liebes Kind«, sagte van Roeken gleichgültig, »wir tun dir einen Gefallen, wenn wir dich damit verschonen.« »Es ist merkwürdig«, sagte Mevrouw mit etwas scharfer und schneidender Betonung, »wieviel Geschäfte Mynheer van Roeken hat, seit wir miteinander verheiratet sind. Vorher hab' ich im Leben nichts von Geschäften gehört, und jetzt nehmen sie kein Ende.« »Es ist eine höchst unbedeutende Sache, Mevrouw«, nahm da Wagner das Wort, der die Gelegenheit passend fand, seinen etwas voreiligen Schritt mit Nitschke dem Kompagnon mitzuteilen und jetzt dessen Zugeständnis zu erlangen. Da er nämlich schon vorher mit ihm geflüstert hatte, mußte es Mevrouw nun darauf beziehen, und van Roeken konnte nicht anders als einverstanden damit sein. »Ich habe Ihrem Gatten nur eben mitgeteilt, daß ich ein bisher etwas liederliches Subjekt, das aber fest versprochen hat, sich von nun an zu bessern und ordentlich zu werden, in das Geschäft genommen habe - den Deutschen Nitschke.« Van Roeken mußte wirklich an sich halten, sein Erstaunen darüber nicht ganz unvermittelt zu verraten, Mevrouw hätte sonst jedenfalls Verdacht geschöpft. Er drehte sich deshalb nur rasch ab und sagte: »Du hättest auch etwas Gescheiteres tun können, denn Nitschke ist ein durch und durch verdorbenes Subjekt, das sich im Leben nicht wieder bessern wird. Wir haben drei oder vier Wochen den Ärger mit ihm, um ihn dann sicher wieder fortzuschicken.« »Ich glaube nicht«, sagte Wagner, »er ist vollkommen niedergedrückt und herunter...« »Das war er schon zehnmal, und es hat ihn nie gehindert, sowie er sich nur ein klein wenig erholt hatte, mit beiden Füßen wieder in das tolle und liederliche Leben hineinzuspringen. Wir haben nur, wie gesagt, für die Zeit den Ärger und vielleicht auch den Schaden davon. Übrigens bin ich mit dir quitt und darf nicht einmal viel sagen, denn heute morgen habe ich Horbachs früheren Diener, den nichtsnutzigsten Halunken, der je in einer malaiischen Haut gesteckt hat, als Packer in Dienst genommen. Die beiden können ein prächtiges Gespann geben, und wir werden unsere Freude an ihnen erleben.« »Ist das etwa Tojiang?« »Derselbe. Du kennst den Patron?« »Gewiß; nun, er kann arbeiten, wenn er will.« »Er will aber nie.« »Wir werden ihn schon dazu bringen, und Nitschke versteht vielleicht sogar am besten mit ihm umzugehen.« »So peitschen wir einen mit dem andern«, lachte van Roeken. »Und zu was kannst du Nitschke gebrauchen?« »Zur englischen Korrespondenz - er ist der Sprache vollkommen mächtig, und es ist überhaupt jammerschade, daß der Bursche seine wirklich tüchtigen Kenntnisse nicht früher und besser verwertet hat. Er weiß am kleinen Finger mehr als der ganze Horbach.« »Und gerade wegen Horbach wollte ich mit dir sprechen. Ich habe heute erst zufällig die Nachricht durch einen Passagier erhalten, der mit der letzten Mail angekommen ist, daß Horbachs Vater in Deutschland gestorben ist und ihm ein sehr bedeutendes Vermögen hinterlassen hat.« »Keinenfalls zu groß für Herrn Horbach, um rasch damit fertig zu werden«, sagte Wagner; »aber warum hast du das heute erst erfahren?« »Um Porto zu ersparen, sind die Leute daheim so schlau gewesen, den Brief einer Gelegenheit - einem herüberkommenden Passagier - anzuvertrauen, und der hat ihn natürlich so lange in der Brieftasche behalten, bis er ihm einmal zufällig wieder in die Hände kam.« »Und wo steckt Horbach jetzt?« »Er liegt im Spital«, sagte van Roeken, »wohin sie ihn schon vor vierzehn Tagen, als sie ihn einmal morgens auf dem pasar haroeh betrunken und in Fieber fanden, geschafft haben. Mir ist jetzt ein Wechsel für ihn auf unser Haus geschickt worden, und das beste wird sein, daß wir am Nachmittag zusammen hinfahren und sehen, wie es ihm geht und ob er von dort zu transportieren ist.« »Und wenn er erfährt, daß er so viel Geld geerbt hat, ist das erste, was er tut, daß er sich vor lauter Freude den Tod an den Hals trinkt.« »Ein Unglück wäre es nicht«, sagte van Roeken gleichgültig; »aber solange es geht, müssen wir es doch verhindern. Er soll es nicht eher erfahren, bis er wieder vollkommen hergestellt und bei vollem Verstand ist. Außerdem hat er in der letzten Zeit ein so entsetzlich wüstes Leben geführt, daß ihm Ruhe und Ordnung nach diesem Toben guttun wird.« »Sonderbar«, sagte Wagner, »da wird so viel von diesem ungesunden, ja tödlichen Klima Batavias gesprochen, wo man sich, um den gefährlichsten Folgen zu entgehen, vor jeder Extravaganz im Essen und Trinken auf das strengste zu hüten hätte, und diese beiden Menschen, der Horbach und der Nitschke, haben jetzt jahrelang mit ihrer Gesundheit förmlich herumgewütet, ohne mehr als ein gelegentliches Unwohlsein, von dem sie in Europa nicht rascher wieder geheilt worden wären. Die Burschen müssen wahrhaft eiserne Körper haben.« »Spiritusflaschen«, sagte van Roeken wegwerfend, »wir dürfen die beiden noch immer als spezielle Landplage betrachten, und ich will meinem Gott danken, wenn wir sie erst einmal auf der Insel wieder los sind.« »Jetzt hört einmal mit eurem langweiligen Gespräch auf!« rief Mevrouw van Roeken, die in immer wachsender Ungeduld der für sie trostlosen Unterhaltung gefolgt war. »Liebes Kind, ich sagte es dir gleich«, erwiderte, mit den Achseln zuckend, ihr Mann, »daß du keine Freude an unserer Unterhaltung finden würdest.« »Betoel! betoel!« rief die Dame, den etwas starken Kopf ungeduldig herüber und hinüber werfend, und sie winkte dabei ihrem Mann mit der Hand, zu schweigen. »Was ich aber sagen wollte, Mynheer Wagenaar, was ist das für eine junge Dame, die hier kürzlich von Wolanda oder Ihrem Land angekommen ist und die ein Kommis aus Ihrem Geschäft vom Zollhaus abgeholt hat. Sie soll sehr hübsch sein?« »Sehr hübsch, Mevrouw«, bestätigte Wagner mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt, und van Roeken mußte an sich halten, daß er ihm nicht ein Zeichen zu geben suchte, denn seine eifersüchtige Gattin fixierte ihn scharf von der Seite. »Und wie kommt das Geschäft mit ihr in Verbindung, wenn man fragen darf?« »Sehr einfach«, sagte Wagner, »sie ist auf einem von unseren Schiffen als Passagier herübergekommen, da erfordert es schon die Artigkeit, daß man sie wenigstens abholen läßt.« »Also sehr hübsch ist sie?« »Wie ich Ihnen sagte. Leider hilft uns das aber nichts mehr, denn soviel ich gehört habe, ist sie mit einem Kaufmann hier aus Batavia verlobt und wird wahrscheinlich nächstens getraut werden.« »So?« sagte Mevrouw, durch die Nachricht, wie es schien, nicht unangenehm überrascht, »darf man Ihnen da gratulieren?« »Mir?« rief Wagner fast erschrocken aus, »waarachtig niet! Ich bin schon halb und halb vergeben, könnte wenigstens nicht mehr zurück, wenn ich überhaupt daran dächte, und muß die allerliebste Deutsche schon ihrem glücklichen Bräutigam überlassen.« »Sie sind bekannt mit ihr?« »J-a«, sagte Wagner nach einigem Zögern, denn erfuhr Madame durch jemand anderes, daß er heute morgen dort war, so wußte sie, daß man ein Geheimnis vor ihr hatte, und alles war verdorben; »ich habe ihr wenigstens heute morgen meine Aufwartung gemacht. Roeken, es wäre nicht mehr als nur gewöhnliche Höflichkeit, wenn du ihr ebenfalls deinen Besuch machtest.« »Ich sehe die Notwendigkeit gar nicht ein«, fiel Mevrouw dem jungen Mann in die Rede, »Mynheer van Roeken hat nichts dort zu tun, und einem jungen Mädchen, wenn sie sonst anständig ist, wird ebenfalls nichts daran liegen, so vielen Besuch von Herren zu bekommen. Damit er aber ihre Bekanntschaft macht - wenn ihm so viel daran liegt -, beabsichtige ich heute abend die ›wunderbare Schönheit‹ zu mir einzuladen. Mein Mann hat Ihnen heute morgen schon davon berichtet?« »Ja - allerdings«, versicherte Wagner, »und das war mit ein Hauptgrund - Ihrem Wunsch nämlich nachzukommen -, daß ich dort heute morgen meinen Besuch machte, denn ich, als Junggeselle, kann die Dame nicht in mein Haus bitten.« »Also sie kommt?« »Sie läßt tausendmal um Entschuldigung bitten«, sagte Wagner ruhig, »aber sie fühlt sich von der Reise noch so angegriffen, daß sie nicht einmal imstande ist, das Haus zu verlassen. In einigen Tagen hofft sie indessen, sich so weit erholt zu haben, Mevrouw ihre Aufwartung zu machen.« Die Dame warf verächtlich den Kopf zurück. »Wenn das alberne Ding glaubt, daß ich mich deswegen gräme«, sagte sie, »so ist sie sehr im Irrtum. Braucht eine Woche, sich von einer Seereise zu erholen - lächerlich. Ihre zarten Glieder sind wohl die Anstrengung nicht gewöhnt. Nun warte nur, mein Täubchen, du wirst dich hier noch an andere Dinge gewöhnen müssen. Aber wie ich sehe, ist endlich das Essen aufgetragen - Mynheer Wagenaar, Ihren Arm, wenn ich bitten darf. Sie essen doch einen Teller Suppe mit uns?« »Jawohl, bester Freund«, bestätigte van Roeken, »denn wir müssen gleich nach dem Essen zusammen in das Hospital, um diesen nichtsnutzigen Menschen aufzusuchen.« »Wenn Mevrouw mir erlaubt -« Die Dame nickte ihm gnädig zu, nahm den ihr angebotenen Arm, erhob sich etwas mühsam von ihrem Stuhl und wackelte neben Wagner zu dem Tisch hinüber, der inmitten des hohen, luftigen Saales gedeckt war und eine Unmenge von Speisen und Getränken trug. Bei Tisch war indessen bei Mevrouw strenges Gesetz, daß nicht von Geschäften, am wenigsten von einem Spital gesprochen werden durfte. Die Unterhaltung drehte sich dann meist um Vorfälle in Batavia selber, von denen die Dame genaue Kenntnis zu haben schien, obgleich sie ihr Haus nur höchst selten verließ. Am liebsten verweilte sie natürlich bei Räuber- und Diebesgeschichten. So war ein Kommis der Maatchappey verhaftet worden, weil man ihn in Verdacht hatte, um das Verschwinden jener Prau zu wissen. Außerdem hatte in Anjer ein malaiischer Soldat einen Kameraden mit dem Kris erstochen und sollte deshalb in der nächsten Zeit hier gehängt werden. Ferner hatte ein »Mädchen von den Inseln« - Sklavin natürlich - den Versuch gemacht, ihre Herrin mit Arsenik zu vergiften, war aber glücklicherweise noch dabei ertappt und tüchtig ausgepeitscht worden. Immer wieder kam die gute Frau dabei auf die junge Fremde im Hotel der Nederlanden zurück, von der sie entschlossen schien, mehr zu erfahren, und Wagner dankte Gott, als die Mahlzeit endlich vorüber war und er sich mit van Roeken entfernen konnte. Wären sie nicht im Begriff gewesen, das Hospital gerade zu besuchen, so würde sie auch Mevrouw van Roeken jedenfalls begleitet haben. Vor diesem Institut aber hatte sie eine ganz heilsame Angst und wäre ihm unter keiner Bedingung irgendwie zu nahe gekommen, ja, sie sah es sogar nicht einmal gern, daß Mynheer van Roeken es besuchte, aus Furcht, er könne irgendeine schreckliche, ansteckende Krankheit mit nach Hause bringen. Van Roeken mußte ihr auch versprechen, sich nicht zu lange dort aufzuhalten, und während Wagner seinen Bendi heimschickte, um in der zweispännigen Carreta des Freundes rascher und bequemer ihr Ziel zu erreichen, fuhr diese vor, die beiden stiegen ein und der Wagen rollte mit ihnen zum hohen Gartentor hinaus. »Und du warst dort?« sagte van Roeken, als er sich weit genug vom Haus entfernt wußte, um Mevrouws Ohren nicht mehr zu fürchten. »Du hast sie gesehen und gesprochen?« »Ja, Leopold«, sagte Wagner ernst, »und weiß es Gott, die größte Strafe, die ich dir auferlegen kann, ist: das gleiche zu tun, und dann jenes Mädchen mit deiner jetzigen Frau zu vergleichen. Du hast einen schönen Tausch gemacht.« »Ist sie so schön?« fragte van Roeken etwas kleinlaut. »Schön und gut«, sagte Wagner seufzend. »Du hast eine schwere Schuld auf dich geladen, mit dem Herzen dieses armen Geschöpfes in solcher Weise zu spielen, und glaube ja nicht, das je wieder mit Geld ausgleichen zu können, denn jetzt hat mir Scharner auch ausführlich und offen den ganzen Grund geschrieben, weshalb sie Deutschland verließ.« »Und weshalb?« fragte van Roeken kleinlaut. »Weil sie dort schon verraten und betrogen wurde. In den besten Verhältnissen erzogen, machte ihr Vater Bankrott und starb, die Mutter folgte ihm bald, und die Waise sah sich von dem Mann, der ihr geschworen hatte, ihr Unglück vergessen zu machen, verraten und verlassen - verlassen, nur um das Herz einer reichen Gräfin zu gewinnen. Der Aufenthalt in ihrer Heimat wurde ihr danach zur Qual, und gerade in dieser Zeit, als ihr Herz gebrochen, ihr Gemüt erbittert war, traf dein Brief ein, der ihr die Möglichkeit zeigte, das unglückliche Deutschland für immer zu verlassen. Jetzt kommt sie hierher, und nun sage selbst, mit welchem Gesicht du ihr entgegentreten möchtest, um dich zu entschuldigen.« »Aber die ganze Sache haben wir doch eigentlich schon zusammen abgemacht«, warf van Roeken ein, der sich nur höchst ungern solchen fatalen Reflexionen hingab. »Es ist doch nun einmal geschehen; ich habe eingestanden, daß ich falsch handelte, und will alles tun, was in meinen Kräften liegt, es wieder gutzumachen. Mehr kann ja doch kein Mensch von mir verlangen.« »Aber es ist noch immer die Hauptsache«, sagte Wagner, »wie etwas Derartiges geschieht, denn mit Geld allein ist hier nichts getan. Dem Mädchen gegenüber war ich auch nicht imstande, ein Wort davon über die Lippen zu bringen, und es ist deshalb nötig, daß du ihr schreibst.« »Ich?« rief van Roeken, erschrocken zu ihm herumfahrend; »aber, bester Freund, du hast mir fest versprochen, daß du das alles mit ihr ordnen willst, und jetzt soll ich schreiben? Woher weißt du denn auch, wenn sie so außerordentlich zartfühlend ist, daß ich nicht in meinem Brief ganz unschuldigerweise irgendeinen Ausdruck gebrauche, der sie, natürlich wider meinen Willen, aufs tiefste verletzen könnte? Ich hin ungeschickt in solchen Dingen und fürchte, daß ich da am Ende mehr verschlimmern als gutmachen würde.« »Aber wenn ich geschrieben habe, mußt du sie selber sprechen.« »Daß es meine Frau erführe, nicht wahr? Wenn ich nur den geringsten haltbaren Grund einsehen könnte, weshalb das nötig ist.« »Dann kann sie auch nicht in dem Hotel bleiben«, sagte Wagner, »wir müssen irgendeine Wohnung in einer achtbaren Familie für sie ausfindig machen.« »Aber weshalb?« »Weil es nicht angeht, daß das junge Mädchen dort allein in dem Hotel wohnt«, sagte Wagner bestimmt. »Wäre ich schon verheiratet, so böte es keine Schwierigkeit; ich nähme sie im Augenblick zu mir, bis sich ihr künftiges Schicksal entschieden hätte, aber so - ob nicht Romelaers vielleicht bewogen werden könnten, sie auf kurze Zeit in ihr Haus aufzunehmen.« »Das wäre das allerbeste!« rief van Roeken, dem dieser Gedanke außerordentlich gefiel. Seine Frau wußte nämlich, daß er Romelaers Haus nie mehr betrat, und dort hätte jeder Verdacht, jede Eifersucht von ihrer Seite aufhören müssen. »Aber nun, lieber guter Wagner, tu mir auch den Gefallen und erwähne die ganze Geschichte heute nicht mehr. Du verdirbst mir den ganzen Tag ohne den geringsten Nutzen, du hast meine Vollmacht; ordne alles, wie du es für das Beste hältst. Frage mich gar nicht dabei um Rat, tue, als ob ich gerade in Celebes oder Macassar oder sonstwo wäre, und schaffe mir die junge Dame, so zartfühlend wie du willst, aber sobald wie irgend möglich, wieder aus Java fort. Ich habe geheiratet, um Frieden und Bequemlichkeit zu finden, nicht um in einem unausgesetzten Guerillakrieg mit meiner Frau zu leben. Also habe nicht allein Mitleid mit der jungen Dame, sondern auch mit mir, der ich dir doch näher stehe.« Wagner seufzte tief auf; aber er kannte das phlegmatische Temperament seines Freundes, und da der Wagen außerdem gerade vor dem Hospitalgarten hielt, ergab er sich schweigend in die ihm auferlegten Bedingungen. 22. HORBACH ERHÄLT KRANKENBESUCH. - HEFFKEN ZEIGT INTERESSE AN HEDWIGS SCHICKSAL Dicht vor dem Eisengittertor hielt der Wagen, und die beiden Freunde stiegen aus, um zu Fuß zu jener Abteilung der Gebäude hinüberzugehen, in der die Fieberkranken abgesondert von den übrigen lagen. Das Hospital bestand deshalb aus mehreren niedrigen und luftigen Gebäuden, einstöckig, und jedes von einem freien Gartenplatz umgeben, auf der einen Seite dabei durch den Fluß, auf der anderen durch Mauern von der Nachbarschaft getrennt, um jeden Verkehr mit der Außenwelt, um den der Arzt nicht wußte, zu verhindern. Nur zu häufig kommt es nämlich vor, daß Rekonvaleszenten, denen besonders Spirituosen auf das strengste verboten sind, alles daransetzen, sich diese trotzdem zu verschaffen, und ein für die Kranken selber sehr gefährlicher, für die Unternehmer aber sehr lukrativer Handel wird deshalb fortwährend und trotz aller Aufmerksamkeit und Vorsicht besonders von Chinesen mit dem Hospital geführt. Allerdings stehen strenge Strafen darauf, wenn man einen solchen Schmuggler dabei erwischt. Das aber hält die übrigen nicht ab, es immer wieder aufs neue zu versuchen, und oft müssen besondere Aufseher nur deshalb angestellt werden, die anderen Aufseher wieder zu überwachen. »Weißt du, wo der Bursche liegt?« sagte Wagner, als die beiden Männer zwischen den sauber gehaltenen Beeten des Gartens hindurchschritten. »Ungefähr«, lautete van Roekens Antwort. »Die Fieberkranken sind übrigens, wenn ich mich nicht irre, mit den am Delirium tremens Leidenden in einem Haus, wenigstens unter einem Dach, und wir haben da keinesfalls weit zu gehen, um ihn zu finden.« »Und du willst ihm den Tod seines Vaters noch nicht mitteilen?« »Nein«, sagte van Roeken, »obgleich ich nicht glaube, daß er ihn sich sehr zu Herzen nehmen würde. Erst müssen wir ihn gesund und aus dem Spital heraus haben.« »Aber gibst du ihm dann Geld, beginnt er das alte Leben von neuem; er wird es sowieso tun, nur auf seinen jährlichen Wechsel hin. Mit einem so verdorbenen Subjekt würde ich jetzt auch keine Umstände weiter machen, ihm einfach sagen, was geschehen ist und daß er von mir Reisegeld zu erwarten habe - und damit basta.« »Vielleicht wäre es auch das beste«, meinte van Roeken, der sich damit einer Mühe enthoben sah, »jedenfalls müssen wir uns den Patron aber erst einmal ansehen. Wer weiß, wie es mit ihm steht. Schade nur um das Geld, das in solche Hände fällt.« Sie waren indessen durch eine der Türen in den Raum getreten, in dem die leichteren Fieberkranken lagen, und befanden sich hier in einem weiten, luftigen Schlafsaal, der, dem Klima angemessen, mit allen nur möglichen Bequemlichkeiten für die Kranken versehen war. Diesen ziemlich hohen Saal umgab eine etwa zehn bis elf Fuß hohe Mauer ohne Fenster, das Dach war dagegen hoch auf Zwischenpfeiler gestellt, so daß die Luft von allen Seiten freien Durchgang hatte, und während dort zugleich reichlich Licht hereinfiel, konnte kein sonst so schädlicher Zug die Kranken treffen. Den ganzen Saal entlang standen zwei Reihen eiserner Betten, alle mit schneeweißem Leinen überzogen und immer weit genug voneinander entfernt, daß die zahlreichen Krankenwärter vor, hinter und zwischen ihnen hindurchgehen konnte, um die Patienten zu bedienen oder ihnen sonst eine nötige Hilfe zu leisten. Das Ganze stand unter einem Oberarzt und war von diesem erst in neuerer Zeit auf das vortrefflichste und in ganz militärischer Ordnung eingerichtet worden. Er beaufsichtigte alles, während die Unterärzte, denen jeweils eine bestimmte Sektion zugewiesen war, die Kranken unter seiner Leitung behandelten. Was unter den günstigsten Umständen überhaupt für die Kranken geschehen konnte, wurde hier geleistet, und die Rekonvaleszenten fanden in dem sorgfältig gehaltenen Garten, in dem zugleich die Pflanzen und Gewächse wissenschaftlich geordnet waren, nicht allein Erholung, sondern auch Unterhaltung und Belehrung. Das Ganze machte überhaupt gar nicht den Eindruck eines Hospitals, noch dazu eines Hospitals in Batavia, das sich der Fremde nur zu leicht mit düsteren und unheimlichen Farben ausmalt, und so geräuschlos schritten die Wärter zwischen ihren Pflegebefohlenen umher, lüfteten hier ein Kissen, reichten dort ein erfrischendes Getränk oder die vorgeschriebene Medizin, und taten das alles mit einer so ruhigen Sicherheit, daß nur hier und da das fieberheiße Antlitz eines der Kranken den Ort verriet, an dem man sich in Wirklichkeit befand. Van Roeken, der häufig Gelegenheit gehabt hatte, den Platz zu besuchen, wandte sich jetzt an einen der jungen im Vorzimmer befindlichen Ärzte, der die Wache hatte, um das Lager Horbachs zu erfragen, und wurde von diesem zu dem Bett des Rekonvaleszenten, als welchen ihn der Arzt selber bezeichnete, geführt. Horbach lag dort, ein Buch in der Hand, in dem er blätterte, und wenig auf die Leute achtend, die fortwährend in dem Saal hin und her gingen, bis die beiden Freunde an seinem Bett stehenblieben und van Roeken ihn anredete. »Ah - Besuch?« sagte der Kranke lächelnd, indem ein leichtes Rot seine etwas eingefallenen und bleichen Wangen färbte. »Herr van Roeken - Herr Wagner - die ganze Firma. Das ist sehr freundlich von Ihnen, wenn ich mir wirklich diese Ehre zuschreiben darf.« »Wir hatten hier im Hospital zu tun, Herr Horbach«, sagte van Roeken, indem er näher zu ihm trat, »und da wir hörten, daß Sie sich hier befinden, wollten wir doch einmal sehen, wie es Ihnen geht. Ich bemerke übrigens zu meiner Freude, daß Sie sich auf dem Wege der Besserung befinden.« »Noch nicht reif zum Abfahren, mein lieber Herr van Roeken«, lächelte Horbach, indem er abwechselnd die Züge der beiden scharf und forschend beobachtete, »tut mir leid, wenn ich damit vielleicht eine angenehme Hoffnung von irgendeiner Seite zerstören sollte; merkwürdige Lebenskraft, wie? Meinen Sie nicht?« »Mein lieber Herr Horbach«, sagte Wagner ruhig, »Sie können allerdings Gott nicht genug für Ihre gesunde Konstitution danken, denn was ein Mensch imstande ist zu leisten, um seine Gesundheit mutwillig und geflissentlich zu zerstören, das haben Sie allerdings redlich und unverdrossen getan. Hunderte lägen an Ihrer Stelle in der Tat schon jahrelang auf dem hiesigen Kirchhof, anstatt nur in dessen Vorhof - im Hospital. Um Ihnen indessen zu beweisen, daß wir nicht in der Hoffnung hierher kamen, Sie sehr gefährlich krank oder gar tot zu finden, ja, daß wir im Gegenteil wünschen, Sie wieder vollständig hergestellt und im Freien zu sehen, möchte ich Sie fragen, was wir für Sie tun können. Wenn Ihr gewöhnlicher Wechsel auch noch nicht von Deutschland für Sie angekommen ist, möchten wir Sie doch nicht länger als nötig hier im Krankenhaus wissen, wo Sie sich draußen vielleicht rascher erholen können. Natürlich unter der Bedingung, daß Sie endlich einmal Ihr wildes Leben einstellen, wenn nicht der Kolonie, so doch Ihrer selbst wegen.« Horbach sah erst Wagner und dann van Roeken erstaunt und nicht ganz ohne Mißtrauen an. Die beiden Leute hatten sich allerdings früher unendlich viel Mühe gegeben, ihn zu einem ordentlichen Leben zu bringen, als aber alles fehlschlug und er immer wieder sein wüstes Treiben von vorn begann, ihn seit etwa einem Jahr ganz aufgegeben. Was bewog sie jetzt plötzlich, ihm auch aufs neue ihre Hilfe anzubieten? Denn daß er sich ihrer nicht würdig gezeigt hatte, wußte er recht gut. Aber was kümmerte das ihn? Horbach war wirklich nicht der Mann, eine aus irgendeiner Ecke angebotene Hand zurückzustoßen, wenn sie ihm augenblicklich nützen konnte; alles weitere mochte er dann ruhig der Zeit überlassen. »Sie fühlen sich doch wohl genug, das Hospital verlassen zu können?« fragte ihn van Roeken. »Ich denke ja«, erwiderte Horbach, »habe eine verwünscht häßliche Zeit durchgemacht.« »Der junge Mann«, mischte sich hier der Arzt in das Gespräch, der inzwischen den Saal hinabgegangen war und wieder zurückkam, »hat ein sehr schweres Fieber erstaunlich schnell überwunden. Acht Tage lag er völlig besinnungslos und phantasierte in einem fort; am neunten besserte sich sein Zustand wie durch ein Wunder. Er hat eine vortreffliche Natur.« »Selbst die Ärzte haben mich nicht totmachen können«, lächelte Horbach. »Und glauben Sie, daß er fortgeschafft werden kann?« fragte Wagner den Arzt. »Ohne Bedenken«, sagte dieser; »nur muß sich der Patient die nächste Zeit noch sehr diät halten und besonders vor Spirituosen hüten, denn ein Rückfall könnte unangenehmste Folgen haben.« Van Roeken nahm Wagner beiseite und flüsterte ihm leise zu: »Es wird mir nichts anderes übrigbleiben, als ihn in mein Haus zu nehmen; wir können ihn sonst in keiner Weise überwachen, und dort geniert er sich auch noch am ehesten vor meiner Frau. Sobald dann ein Schiff segelfertig ist, sagen wir ihm alles und schicken ihn an Bord. Vielleicht kann er nachher mit Fräulein Bernold die Reise zurück nach Deutschland machen.« »Das wäre eine Gesellschaft für eine junge Dame«, sagte Wagner finster, »wie magst du nur an so etwas denken!« »Nun, das bleibt ja auch Nebensache«, meinte van Roeken. »Und inzwischen«, lachte Wagner, »haben wir beide uns in die zwei liederlichsten Menschen dieser ganzen Insel geteilt. Wir wollen nun einmal sehen, wessen Erziehung besser ist - deine mit Horbach oder meine mit Nitschke.« »Können Sie mir vielleicht sagen, wo Nitschke jetzt steckt?« fragte Horbach, der die beiden Freunde nicht aus den Augen gelassen und jedenfalls das letzte Wort verstanden hatte. Van Roeken drehte sich etwas überrascht zu ihm um, und Wagner sagte: »In meinem Haus, Herr Horbach. Herr Nitschke hat sich entschlossen, ein anderes Leben zu beginnen, und wird in der nächsten Zeit in unserem Kontor arbeiten.« »Alle Wetter!« rief Horbach erstaunt, »da weiß ich wahrhaftig nicht, wessen Mut ich mehr bewundern soll, den seinigen oder den Ihrigen. Aber hol's der Teufel; er hat vielleicht recht. Es ist auch ein elendes Leben, sich immer so herumzutreiben, wie wir beide es in der letzten Zeit getan haben. Ich hätte selber Lust, es einmal in anderer Weise zu versuchen.« »Ich will Ihnen Gelegenheit dazu geben, Herr Horbach«, sagte van Roeken, »und Sie so lange in meine Wohnung nehmen, bis Sie sich vollständig erholt haben. Natürlich müssen Sie mir versprechen, sich in meinem Haus ordentlich und mäßig zu betragen.« »Meine Herren«, sagte Horbach, »Sie setzen mich in immer größeres Erstaunen. Batavia muß sich, seit ich hier im Fieber lag, außerordentlich verändert haben, oder irgendwo in der Welt ist eine Schraube losgegangen. Wie dem aber auch sei, ich nehme Ihr Anerbieten unter den gestellten Bedingungen an - sobald ich nämlich imstande bin, diesen Ort zu verlassen.« »Der Arzt hier bestätigt Ihnen, daß Sie es können«, sagte van Roeken. »Auf anständige Weise nicht«, versicherte aber Horbach; »ich besitze nämlich keine weitere Garderobe als die, mit der ich hier im Bett liege, und wenn diese auch dem Klima vollkommen genügt, so würde ich mich doch höchst sonderbar in einem Bendi darin ausnehmen und keinenfalls Ihrer Frau Gemahlin vorgestellt werden können.« »Aber was, um Gottes willen, ist aus Ihren Kleidern geworden!« rief van Roeken erstaunt. »Tut mir leid, Ihnen keine genaue Auskunft darüber geben zu können«, sagte Horbach ruhig; »meine Erinnerung reicht kaum so viele Stunden zurück, als Tage dazu nötig wären.« »Ohne Kleider können Sie natürlich das Hospital nicht verlassen«, meinte van Roeken, »ich werde Ihnen deshalb gegen Abend, wenn es kühl geworden ist, einen Bendi - den Sie dann gleich benutzen können, zu mir zu kommen - mit dem Nötigsten schicken. Alles übrige hier im Hospital werde ich ebenfalls regeln, so daß Sie sich um weiter nichts zu sorgen haben. Das wäre also abgemacht?« »Vollkommen«, lächelte Horbach, »und, wie ich hoffe, zu allseitiger Zufriedenheit. Also Nitschke in fester Arbeit - hm, hm, hm, was doch nicht alles aus einem Menschen werden kann. Armer Nitschke!« »Sie sind unverbesserlich«, lachte Wagner. »Also guten Tag, Herr Horbach«, sagte van Roeken, der sich nicht länger mit dem Mann einlassen mochte. »Um sechs Uhr etwa wird der Wagen hier sein und Sie abholen. Halten Sie sich bereit.« »Ich werde jedenfalls zur bestimmten Zeit zu Haus sein«, versicherte Horbach und grüßte, als ihm die beiden Freunde zunickten, mit einer entlassenden Handbewegung hinter ihnen drein. Van Roekens hatten ihren Empfangsabend, und so ungern Wagner dorthin ging, weil ihm die Frau von jeher unangenehm war, so ließ es sich heute dennoch nicht vermeiden. Noch besonders eingeladen, hatte er zugesagt, und wenn ihn sein Herz auch zu Romelaers zog, wo er jetzt, die junge, reizende Marie im Arm, hätte durch den Saal fliegen können, mußte er schon, wenigstens ein paar Stunden, dort ausharren - Mevrouw van Roeken würde es ihm sonst im Leben nicht verziehen haben. Wider Erwarten fand er bei van Roekens nur eine sehr kleine Gesellschaft und noch dazu großenteils von »gemischtem Blut« - allerdings mit die reichsten Leute der Kolonie und viele Verwandte von Mevrouw. Unter diesen hatte sich aber auch Heffken eingefunden, der in besonderer Gunst bei Frau van Roeken stand, weil er ihren Launen zu schmeicheln und mit einem gewissen Talent und Witz, wie mit hinlänglicher Bosheit interessant zu sein, die gesellschaftlichen Schwächen der Kolonie zu geißeln wußte. Er kannte dabei die Geheimnisse von jeder Familie - oder tat wenigstens, als ob er sie kenne -, wobei ihm sein nicht unbedeutendes Kombinationstalent vortrefflich zustatten kam. Er war daher vor allen anderen der Mann, den Mevrouw brauchen konnte, um ihr nicht allein manche müßige Stunde zu Haus zu verkürzen, sondern auch hinlänglichen Stoff zu liefern, andere Gesellschaften dadurch in Erstaunen zu setzen, daß sie eben alles wisse. Heffken war es dabei keineswegs entgangen, daß ihn Mynheer van Roeken nicht mochte; das genierte ihn aber nicht im mindesten, denn Mevrouw war eben der »Herr« im Hause und van Roeken selber eine unvermeidliche Nebensache, über die man nur nicht hinwegkonnte und die man dulden mußte. Daß ihn Heffken auf diese Weise betrachtete, konnte van Roeken kein Geheimnis bleiben und ärgerte ihn vielleicht am meisten. Wagner stand mit dem kleinen boshaften Buchhalter auf einem besseren und daher friedlicheren Fuß. Ihre Wege hatten sich noch nie gekreuzt und liefen deshalb, ohne ein weiteres Hindernis, ruhig nebeneinander her. Wagner wußte freilich, daß Heffken auch auf ihn herabsah, weil er eben ein Deutscher war und dem Holländer deshalb von vornherein das Wasser nicht reichen konnte. Zu gutmütig aber, diese kleine Nationaleitelkeit mehr zu beachten, als sie verdiente, ließ er ihn eben gehen, fertigte ihn kurz ab, wenn er einmal übermütig werden wollte, und sah dem kleinen, ohnehin von der Natur so sparsam bedachten Mann dafür wieder manche von seinen Schwächen nach, die ihn selber weiter nicht berührten. Heffken war von dem letzten Krankenlager der Kriswunden, über deren Ursache er sich eine ganz glaubwürdige Erzählung ausgedacht hatte, noch ziemlich angegriffen und sah heute noch bleicher als gewöhnlich aus, war aber trotzdem gerade heute aufgeweckter und munterer als je und wußte wieder eine Menge Stadtneuigkeiten - meist Skandalgeschichten - und Anekdoten, die Mevrouw in einem steten Lachen hielten. Mevrouw wurde aber ernsthaft, als Heffken mitten in einer anderen Anekdote eine Anspielung auf die junge Fremde machte und dabei van Roeken mit einem ganz eigentümlichen Blick von der Seite ansah. Ob er indessen in dieser Hinsicht wirklich diskret war oder noch nicht mehr davon wußte, als daß sie eben angekommen war und von dem Geschäft Wagner und van Roeken protegiert wurde, mußte dahingestellt bleiben. Daß er jedoch van Roeken in eine unbehagliche Stimmung brachte, konnte ihm nicht entgehen und war Grund genug für ihn, die Sache wenigstens nicht ruhen zu lassen. Wagner sah das, und da er Heffken nicht einer direkten Bosheit für fähig, sondern das Ganze mehr für Neckerei hielt, beschloß er, dem ein Ende zu machen. Dadurch überhaupt, daß er die Sache immer und immer wieder berührte, mußte Mevrouw zuletzt so neugierig werden, daß sie am Ende mit ihrer gewöhnlichen Rücksichtslosigkeit irgendeinen Fauxpas beging, der nicht allein ihren Mann, sondern auch die arme Fremde kompromittierte. Als sich die Gelegenheit ergab, nahm er deshalb den kleinen Buchhalter beiseite und sagte freundlich: »Heffken, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen.« »Stehe mit Vergnügen zu Diensten. Eine Neuigkeit?« »Nein - ich möchte Sie nur bitten - Sie erwähnten vorhin ein paarmal in Gegenwart von Mevrouw die junge Dame, die mit der Rebecca angekommen ist.« »Ja«, nickte Herr Heffken und hielt den Kopf dabei gesenkt, so daß Wagner das um seine Augen zuckende verschmitzte Lächeln nicht sehen konnte. »Wenn Sie mir und - van Roeken einen Gefallen tun wollen«, fuhr Wagner fort, »so - unterlassen Sie es.« »Aber weshalb?« sagte Heffken, indem er jetzt mit der unschuldigsten Miene von der Welt zu Wagner aufsah. »Ich wüßte nicht, daß...« »Sie haben einen Hintergedanken dabei«, unterbrach ihn aber Wagner, den diese Miene nicht täuschte; »da ich aber weiß, daß Sie nicht Unfrieden in der van Roekenschen Familie stiften wollen, obgleich Sie auf dem besten Wege dazu sind, genügt Ihnen gewiß die Andeutung, daß die Gegenwart der jungen Dame...« »Die Gegenwart der jungen Dame...?« wiederholte Heffken lauernd. »... daß wir Ihnen beide dankbar sein würden, wenn Sie es unterließen«, brach Wagner kurz ab. »Wir? Das Geschäft also«, lächelte Heffken. »Ich wußte in der Tat nicht, daß die Dame Geschäftssache sei.« »Und wer hat Ihnen das gesagt?« »Mein lieber Herr Wagner«, lächelte Heffken still vor sich hin, »Sie haben allerdings recht, mir zuzutrauen, daß ich nicht absichtlich Unfrieden in diese mir befreundete Familie bringen möchte. Wenn man aber vollkommen unschuldig ein Thema berührt, das, ohne daß man es weiß, verboten ist, so trägt niemand die Schuld als die, die eben unnötigerweise ein Geheimnis aus der Sache machten. Ich bin - ich muß es zu meiner Schande gestehen - entsetzlich neugierig, aber dabei auch außerordentlich diskret, wo ich eben in das Vertrauen gezogen werde. Schwebt also um die junge Dame irgendein Geheimnis, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich es noch auf irgendeine Weise herausbekomme.« »Und wenn Sie sich nun vollständig irrten?« »Ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Herr Wagner«, fuhr Heffken wieder mit seinem eigentümlichen Lächeln fort. »Ich habe in der Tat schon einen Verdacht, und hätte van Roeken mir ehrlich - wie es sich unter so alten Freunden gehört - die ganze Sache gesagt, so wäre ich - wie Sie mir auf mein Wort glauben können - der letzte, der unrechten Gebrauch davon machen würde. Ja, im Gegenteil, ich hätte ihm wahrscheinlich in mancher Hinsicht gerade in dieser Sache von Nutzen sein können.« »Sie haben einen Verdacht? Und welchen?« »Das will ich Ihnen ganz aufrichtig sagen«, antwortete Heffken. »Van Roeken hat, wie ich genau weiß, und zwar aus seinem Munde, nach Europa um eine Frau geschrieben. Sie erinnern sich vielleicht selber der Wette, die er uns an seinem letzten Geburtstag anbot. Bald darauf überraschte er uns, und ich glaube auch sich selber, durch die plötzliche Verbindung mit Mevrouw, die er Knall auf Fall heiratete. Inzwischen kommt jetzt die angeforderte junge Dame an, und unser Freund befindet sich - nachdem er früher keine einzige Frau bekommen konnte - in der höchst sonderbaren Situation, zwei zu haben, so daß - wie das gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten der Fall ist - die eine nichts von der anderen wissen darf. Hab' ich recht?« Wagner zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick über seine Schulter; die übrigen waren gerade in ein eifriges Gespräch verwickelt. Soviel sah er ein: Heffken hatte vielleicht großenteils durch van Roekens eigenen Leichtsinn alles teils schon erfahren, teils erraten, und unter diesen Umständen blieb es in der Tat das beste, ihn zum Vertrauten zu machen. Es war wenigstens der einzige Weg, ihn hier zum Schweigen zu bringen. »Und wenn Sie recht hätten?« sagte er leise. »Dann beweist es nur, wie wenig mich Ihr Freund kennt«, erwiderte Heffken ruhig, »er würde sonst gleich von Anfang an aufrichtig gegen mich gewesen sein. Möglich sogar, daß ich ihm einen Ausweg angeboten hätte, die fatale Sache ohne weiteres zu beseitigen.« »Und werden Sie jetzt, nachdem Sie davon unterrichtet sind, nichts weiter gegen Mevrouw erwähnen? Werden Sie die Sache auf sich beruhen lassen?« »Aber, lieber Wagner«, sagte Heffken gutmütig, »das versteht sich ja doch wohl von selbst. Beantworten Sie mir nur noch eine Frage: was gedenkt Ihr Freund jetzt zu tun?« »Die Sache ist abgemacht«, sagte Wagner, der nicht wünschte, daß sich gerade Heffken weiter damit befasse. »Van Roeken hat leichtsinnig gehandelt, wie sich nicht leugnen läßt - wie er selbst nicht leugnet; da er aber natürlich weitere Verbindlichkeiten nicht einging und sich in diesem Fall freie Wahl vorbehalten mußte, wird oder ist vielmehr die junge Dame schon zufriedengestellt. Sie bekommt ihre Reise vergütet, außerdem eine kleine Summe Geld und wird mit dem nächsten Schiff nach Europa zurückkehren. Sie sehen, Herr Heffken, daß ich in jeder Hinsicht offen gegen Sie bin. Geben Sie mir nun aber auch Ihr Ehrenwort, gegen jedermann von dem, was ich Ihnen eben mitgeteilt habe, zu schweigen?« Heffken besann sich einen Augenblick, dann legte er seine Hand in die ihm dargebotene Rechte und sagte: »Mit Vergnügen, mein lieber Herr Wagner. Ich begreife jetzt erst ganz van Roekens delikate Situation und würde der letzte sein, der ihm weitere Unannehmlichkeiten bereitete; er sitzt außerdem schon fest genug drin. Also - wie Sie sagen, ist die Sache vollständig abgemacht und reguliert?« »So vollständig, wie es wenigstens in der kurzen Zeit möglich war. Van Roeken wird dadurch von all seinen Verbindlichkeiten befreit.« »Und die junge Dame hat auch keine weiteren?« »Gott bewahre. Sie ist vollkommen eigenständig.« »Sehr schön«, lachte Heffken, sich vergnügt die Hände reibend, »da hat sich das Ganze noch viel besser abgewickelt, als ich geglaubt habe. Sehen Sie, wie gescheit das war, daß Sie mir einen Wink gaben. In der besten Absicht hätt' ich da wirklich Unheil stiften können.« »Aber was haben die beiden Herren denn da nur so angelegentlich zu besprechen!« rief in diesem Augenblick Mevrouw herüber, »irgendein Geheimnis, das man nicht wissen darf?« »Nicht im geringsten«, lachte Heffken, »wir sprachen von Kaffee und Zimt.« »Haben Sie schon von dem letzten Einbruch gehört?« sagte Mevrouw, »von dem uns Mynheer Rastlopp eben erzählt?« »Von dem letzten Einbruch!« rief Heffken, drehte sich um und ging in die entfernteste Ecke des Zimmers, wo auf einem kleinen Tisch einige Likörflaschen und Gläser standen. »Sehen Sie, daß Sie doch nicht alles wissen, mein kluger Herr. In Buitenzorg haben sie einen Chinesen erwischt, der bei Hoodwell u. Co. heute gegen Morgen einbrechen wollte. Auf frischer Tat, noch dazu mit allen möglichen Werkzeugen und Mordinstrumenten, ertappt. Die Post hat eben die Nachricht mitgebracht.« Heffken hatte sich ein Glas Likör eingeschenkt und mit einem Zug geleert. Er holte, als er sich der Gesellschaft wieder zudrehte, tief Atem und sagte gleichgültig: »Der dumme Teufel hätte vorher wissen können, daß er erwischt wird. Unsere Vorsichtsmaßnahmen sind überall so ausgezeichnet getroffen, daß ein Diebstahl mit Einbruch fast unmöglich ist.« »Wenn uns unsere übergroße Sicherheit nur nicht einmal schadet«, sagte ein anderer Kaufmann von sehr dunkler Färbung, der lang ausgestreckt in einem Rohrstuhl lag. »Wir verlassen uns viel zu sehr auf unsere Oppass, bis wir einmal tüchtig mit diesen selber auflaufen. Wenn man aber auch wirklich so einem Lump nicht mehr traut, kann man ihn nachher nicht einmal gut wegschicken, da er mit allen Schlichen und Gängen im ganzen Lager bekannt ist.« »Apropos«, lachte van Roeken, zu Wagner gewandt, »da wir gerade von Lumpen reden, fällt mir mein neuer Hausgenosse ein. Mir ist seine Ankunft noch gar nicht gemeldet.« »Hast du denn seinen früheren Diener, den Tojiang, auch hier im Haus?« fragte Wagner. »Ich werde mich hüten«, sagte van Roeken, »der schläft mit den übrigen Arbeitern in der Stadt und bekommt nur bezahlt, was er den Tag über leistet. Ich habe mich mit dem Burschen nicht weiter einlassen wollen. He! Sapáda - ist Tuwan Horbach in dem Bendi gekommen?« »Tra tau, Tuwan«, antworteten die verschiedenen Diener achselzuckend - »haben ihn nicht gesehen.« »Das ist merkwürdig«, sagte van Roeken, indem er von seinem Stuhl aufstand und zum hinteren Teil des Hauses ging. »Ist etwas vorgefallen?« fragte Mynheer Rastlopp. »Nicht das geringste«, erwiderte van Roeken; »ich habe nur vor beinahe drei Stunden ein Bendi hinunter zum Hospital geschickt, um den liederlichen Horbach von dort abzuholen; aber weder Bendi noch Horbach lassen sich blicken.« »Der Kutscher wird versehentlich nach Haus gefahren sein«, sagte Wagner. »O bewahre!« rief Roeken. »Ich habe ihn nicht allein im voraus bezahlt, um Horbach kein Geld in die Hände zu geben, sondern auch die versprochenen Wäsche- und Kleidungsstücke mitgeschickt.« »Und kennst du den Kutscher?« »Versteht sich; es ist ein Geschirr von Thihaing aus dem nächsten Kampong, wo ich stets mein Fuhrwerk holen lasse, wenn ich einmal mit meinen Pferden auf dem trocknen sitze.« »Dann schickt doch einmal hinüber«, sagte ein anderer der Gäste, »das ist das einfachste. Ein Diener kann in einer Viertelstunde wieder zurück sein.« Van Roeken befolgte den Rat und schickte einen von seinen Leuten ab, um sich zu erkundigen, was aus Bendi und Passagier geworden wäre. Der Bursche kam auch in sehr kurzer Zeit, aber mit der Meldung zurück, daß der Kutscher schon seit einer Stunde etwa wieder zu Haus sei. Er habe den weißen Tuwan aus dem Hospital abgeholt und ihm das Paket mit Kleidungsstücken übergeben, wie ihm befohlen war. Der Tuwan hatte sich aber nicht hierher fahren lassen wollen, sondern verlangte, in die Stadt, auf den chinesischen Markt geschafft zu werden. Natürlich konnte sich der Malaie dem Weißen nicht widersetzen. Auf dem chinesischen Markt sei der Tuwan dann ausgestiegen und habe ihm befohlen, nach Haus zurückzufahren - weil er ihn nicht mehr brauche. - Van Roeken schüttelte zu dem seltsamen Bericht den Kopf; heut abend ließ sich aber doch nichts mehr in der Sache tun. Morgen wollte er dann zusehen, wie das Ganze zusammenhing. Heffken, der sich außerordentlich wenig darum kümmerte, was aus dem »nichtsnutzigen Deutschen« geworden war und ob er sich je wiederfinde, hatte sich inzwischen mit einigen anderen Herren zu einer Partie Whist gesetzt, und als Mynheer Rastlopp fortging, nahm van Roeken seine Stelle ein. Wagner hatte sich um elf Uhr empfohlen, um noch zu Romelaers hinüberzufahren, wo er auf das herzlichste empfangen wurde, und van Roeken wäre zuletzt auch gern zu Bett gegangen, aber Heffken schien heute abend unermüdlich in Whist und Anekdoten. Er wollte nicht aufhören zu spielen wie zu erzählen, und während Mevrouw schon lange in ihrem Rohrstuhl sanft schlummerte, provozierte er noch immer wieder einen neuen Rubber. Van Roeken als Hausherr konnte natürlich nicht aufbrechen, und Heffken wäre diesmal vielleicht bis zur Morgendämmerung sitzen geblieben, hätten die anderen beiden Herren nicht endlich den todmüden Wirt erlöst. Es war zwei Uhr morgens, als man die armen Teufel von Malaien, die schon seit vielen Stunden draußen auf dem Bock ihrer Fuhrwerke saßen und ihre Herren erwarteten, endlich herbeirief. Die Boedjangs zündeten ihre Bambusfackeln an und stiegen hinten auf; die Kutscher schnalzten mit der Zunge, und fort rasselten die Wagen in die stille, sternhelle Nacht hinein, bis ihre Lichter endlich in der Ferne, wie sinkende Sterne, erloschen. 23. EIN SELTSAMER EINBRUCH. - HEFFKENS INTRIGEN. - WAGNERS RECHTZEITIGES ERSCHEINEN BEI HEDWIG Am nächsten Morgen fuhr Herr Heffken zur gewöhnlichen Zeit in sein Kontor. Die jungen Leute, die unter ihm arbeiteten, waren schon dort, mußten aber auf ihn warten, da er die Schlüssel mitbrachte, und einer von ihnen, schon ein ziemlich alter Knabe, vertrieb ihnen indes die Zeit so gut, daß sie oft in schallendes Gelächter ausbrachen. Herr Joost war überhaupt ein merkwürdiges Individuum, mit sehr bleichen, durch dunkle fettige Haare scharf konturierten und von Sommersprossen fast entstellten Zügen und zwei Reihen richtig unheimlich weißer Zähne, aber mit etwas sehr Drolligem in seinem Ausdruck sowie einem unverwüstlichen, trockenen Humor. Herr Heffken kam endlich und schloß sein Kontor auf, und malaiische Diener sprangen, während er selber sein kleines Blechkästchen mit den nötigen Papieren auf sein Schreibpult setzte, hinzu, um den Raum zu lüften und zu reinigen, als ein Ausruf eines der jungen Leute die Aufmerksamkeit aller auf den Geldschrank richtete. »Die Kasse ist erbrochen!« rief der junge Mann, und nur ein Blick genügte, die schlimme Wahrheit zu bestätigen. Die obere Tür schien allerdings geschlossen, aber die kleinen Klappen und Schieber, die geheimgehaltene Schlüssellöcher verdeckten, waren mit einem scharfen, noch daneben am Boden liegenden Instrument abgebrochen worden, und der Schrank stand offen. Einer der jungen Kommis wollte gleich darauf zuspringen, um alles näher zu untersuchen, aber Heffken hinderte ihn daran. »Halt!« rief er ihm zu. »Rühren Sie den Schrank nicht an - Joost, fahren Sie augenblicklich, so rasch Ihr Pferd laufen kann, auf die Polizei hinunter, machen Sie die Anzeige und bringen Sie gleich die nötigen Beamten mit, um den Tatbestand zu konstatieren. Von Ihnen verläßt inzwischen keiner das Zimmer - wir wissen nicht, ob es vielleicht wünschenswert ist, die Sache vorderhand geheimzuhalten. Jedenfalls mögen die Beamten darüber entscheiden.« Wenige Sekunden später rollte Joost in seinem Bendi rasch dem Polizeigebäude zu, während Heffken indessen selber das Zimmer auf das sorgfältigste untersuchte, um weitere Spuren aufzufinden. Diese zeigten sich vor allen Dingen am Fenster - zwei der eisernen Stäbe, die es nach außen schützten und ohnehin schon arg von der Zeit gelitten hatten, waren durchgesägt, und die Stücke, nachdem sich der Dieb entfernt hatte, wieder zurückgebogen worden, vielleicht um eine vorzeitige Entdeckung von außen zu vermeiden. Im Zimmer lag ein Stück halbgerauchter Zigarre, und einige angebrannte Schwefelhölzer daneben zeigten, daß der Dieb auch mit Feuerzeug versehen war und mit diesem entweder die Zigarre oder vielleicht eine Blendlaterne angezündet hatte. In sehr kurzer Zeit kamen übrigens die Beamten angefahren, und eine Untersuchung des Schranks ergab vor allen Dingen einen nicht unbeträchtlichen Verlust an Banknoten und Gold, was in der obersten Abteilung des Schranks gelegen hatte und sich im ganzen auf eine Summe von zirka zwanzigtausend Gulden belaufen mochte. Sechzehntausend Gulden gehörten der Kompanie, und viertausend waren Heffkens eigenes Kapital, das er vor kurzer Zeit aufgenommen hatte, um es, wie er angab, nach Holland zu senden. Das untere Fach, das eigentlich die wertvollsten Papiere, wie außerdem eine nicht unbedeutende Summe in spanischen Doublonen enthielt, hatte der Dieb nicht aufbekommen. Auch hier waren die Schieber teils zurückgebogen, teils nur beschädigt. Unerklärlich blieb, wie der Dieb den oberen Teil aber geöffnet hatte, wenn er keinen Schlüssel dazu besaß, denn obgleich an dem Schlüsselloch viele Zeichen von dem gewaltsamen Einpressen und Scheuern eines harten Instruments erkennbar waren, schien das Schloß doch nicht hinlänglich beschädigt zu sein und diesen Einwirkungen nicht nachgegeben zu haben. Heffkens Schlüssel konnte es noch auf- und zuschließen, und der innere Mechanismus war in keiner Weise gestört; wenn aber der Dieb einen Nachschlüssel hatte, wozu dann diese Anstrengung, das Schloß zu sprengen? Er mußte aber einen Schlüssel gehabt haben, denn ein Dietrich hätte das komplizierte Schloß nie geöffnet, und außerdem wäre er auch nicht imstande gewesen, die untere Klappe zu öffnen, die ein anderes Schloß trug. Auch vor dem Haus wurde jetzt nachgesucht, doch ließen sich natürlich auf dem mit Steinplatten belegten Boden keine weiteren Spuren entdecken. Aber im Kontor hatte inzwischen einer der Kommis ein kleines Zahnstocher-Etui aus Schildpatt gefunden, das niemandem von ihnen gehörte. Auf der einen Seite war mit einem Messer oder einer Nadel ein R. eingekratzt, und es wurde den Polizeibeamten mit dem Stemmeisen, dem Zigarrenstummel und den Schwefelhölzern übergeben und ihnen überlassen, aus diesen toten Zeugen die möglichen Schlußfolgerungen zu ziehen, um den Täter zu entdecken. Vorderhand baten die Beamten aber Herrn Heffken - außer der Maatchappey gegenüber, der er natürlich gleich Bericht erstatten mußte -, über den Diebstahl zu schweigen, bis sie nähere Nachforschungen angestellt hätten. Törichte Vorsicht! Der Dieb wußte doch, daß seine Tat jetzt entdeckt war, und hatte den Raub wohl schon lange in Sicherheit gebracht. Hedwig hatte indessen einen trüben Tag verbracht und Wagners Besuch an jenem Morgen, anstatt sie zu beruhigen, ihr Herz nur noch mehr mit Sorgen und Zweifeln erfüllt. Weshalb kam van Roeken nicht selber? War er wirklich verreist? Sie wollte daran zweifeln, und doch - weshalb hätte er sie dann nicht schon aufgesucht; sie war ja sein - Eigentum, das er sich bestellt und gekauft hatte - und von diesem Gedanken aufs äußerste zerknirscht, verbarg sie ihr Antlitz in den Händen, um in schmerzlichem und doch so nutzlosem Grübeln den Tag zu verträumen. Die alte Kathrine ging in dem Zimmer aus und ein - sie hätte ihre junge Herrin gern getröstet, aber der ganze Empfang hier kam ihr selber unheimlich und jedenfalls ganz anders vor, als sie ihn wohl erwartet haben mochte. Dabei fühlte sie sich zwischen den vielen rothäutigen und gelben Malaien und Chinesen, von deren Sprache sie kein Wort verstand, ebenfalls nicht wohl: es kam ihr immer so vor, als ob sie von ihnen ausgelacht würde und als ob jemand hinter ihr drein Gesichter schnitte. Sie hätte wer weiß was darum gegeben, wieder daheim, wieder in ihrem alten freundlichen Frankfurt zu sein und das fremde, seltsame Land nie gesehen zu haben. Der ganze Sonntag verging, ebenso der ganze Montag. Das war ein Leben und Treiben in dem Haus, ein Hinundherfahren und Laufen und Rufen, und auf dem breiten Hof brannte die Sonne dazu nieder, und über die Dächer schauten die Palmenkronen so fremd herüber - da war auch nichts, das die armen Frauen an die Heimat erinnert hätte - nicht einmal die Sterne nachts, die in anderen Bildern über ihnen standen. Jetzt schlug wieder die Mittagsstunde; die farbigen Diener schleppten Schüsseln nach Schüsseln in den großen Saal hinüber, die Kutscher brachten ihre Pferde in die Ställe, und die jungen Burschen, die erst nach der Tafel mit ihren brennenden Lunten gebraucht wurden, lagen auf dem steinernen Boden der Vorhallen und hielten ihren Mittagsschlaf vor Tisch. Hedwig hatte sich von den Wirtsleuten ausgebeten, in ihrem Zimmer essen zu dürfen, denn sie wagte sich nicht zwischen die vielen fremden geputzten Menschen hinaus, und Schüssel nach Schüssel wurde ihr jetzt gebracht, obwohl sie von der ersten kaum gekostet hatte, während sie sich den Leuten nicht verständlich machen konnte, daß sie nichts weiter bedürfe. Sie hätte weinen mögen, so traurig - so von Herzen traurig war ihr zumute. Die Unruhe der alten Kathrine erstreckte sich indessen nicht auf den Magen, und die Essenszeit war die einzige, die ihr noch gewissermaßen Ersatz für alle übrigen »Entbehrungen« brachte. Sie tat ihr möglichstes, und nach dem Essen, als die Diener das Geschirr wieder hinausgeräumt hatten, wollte sie ihrem lieben Fräulein eben das Lager ein wenig zurechtrücken, damit sie unter dem Moskitonetz, vor den zahllosen Mücken geschützt, ein Stündchen ruhen könne, als einer der malaiischen Burschen an die Tür pochte und, den Kopf hereinsteckend, meldete: Ein Tuwan wünsche sie zu sprechen. Daß Tuwan Herr bedeute, hatte Hedwig schon gelernt, wenn sie auch weiter nichts von der Mitteilung verstand. Zitternd fuhr sie aber von ihrem Stuhl auf, denn sie fühlte, daß der Augenblick sich näherte, in dem sich ihr künftiges Geschick entscheiden solle. Der Malaie wartete übrigens gar nicht auf weitere Antwort, denn schon im nächsten Moment war er wieder verschwunden, und gleich darauf pochte es ziemlich herzhaft an die Tür. »Herein«, hauchte Hedwig, denn die Stimme versagte ihr fast den Dienst, und krampfhaft preßte sie die Hand auf das Herz, als mit dem Wort sich auch schon die Tür öffnete und eine kleine, verwachsene Gestalt auf der Schwelle stand und ein Paar kleine graue, unstete Augen ihrem Blick begegneten. »Mein Fräulein, ich hoffe, daß ich Sie nicht störe«, sagte die Gestalt, während sie ohne die geringste Schüchternheit ins Zimmer trat und der jungen Dame eine etwas förmliche Verbeugung machte, »Fräulein Bernold, nicht wahr?« Hedwig schnürte es fast die Kehle zu - sie konnte nicht Atem holen - sie konnte nicht antworten. Jeder Blutstropfen hatte ihr Antlitz verlassen, und nur ein leises Neigen des Kopfes bestätigte die Frage. »Schön«, sagte der Besuch, indem er seinen Hut auf den Tisch legte, einen Stuhl heranrückte und dann ruhig fortfuhr: »Ich habe mich ohne weitere Umstände bei Ihnen eingeführt, aber als ein alter Freund van Roekens, der kein Geheimnis vor mir hat...« »Sie sind...«, stotterte Hedwig, und die Aufregung, in der sie sich in diesem Augenblick befand, konnte Heffken unmöglich entgehen. »Ich glaube nicht, daß ich das Vergnügen habe, von Ihnen gekannt zu werden«, sagte der Mann mit einem süßlichen Lächeln, »mein Name ist Heffken - ich hin Buchhalter in der holländischen Maatchappey und nur hierhergekommen...« »Gott sei Dank!« stieß da die alte Kathrine heraus, die mit gefalteten Händen in der Ecke gestanden und den Besuch mit stieren Augen betrachtet hatte. Herr Heffken sah sich etwas erstaunt nach ihr um; die Kathrine erschrak aber schon selber genug über die Worte, die ihr unwillkürlich entschlüpft waren, und fuhr ohne weiteres aus der Tür, um draußen erst wieder einmal ordentlich Atem zu holen. »Was hat denn die Frau?« fragte Heffken, ihr erstaunt nachsehend. »Es ist eine alte, treue Dienerin«, sagte Hedwig, die durch diese Unterbrechung Zeit gewann, sich zu sammeln. »Ich fürchtete mich, die lange Seereise allein zu machen.« »Hm«, sagte Herr Heffken und sah ein paar Sekunden still vor sich nieder, »aber das läßt sich alles einrichten - die Hauptsache ist, mein Fräulein, daß ich Anteil an Ihrem Schicksal nehme und gern alles dazu beitragen möchte, Sie nicht bereuen zu lassen, nach Java gekommen zu sein.« Hedwig konnte den Ideengang des Mannes nicht verfolgen. Sie verstand wohl die Worte, denn Heffken sprach, wenn auch mit etwas ausländischem Akzent, doch das Deutsche vollkommen korrekt, aber sie verstand den Sinn dieser Worte nicht. Auch sah der Mann vor ihr gerade nicht aus, als ob er an irgend etwas großen oder innigen Anteil nehmen könne - wenigstens an nichts, was das Herz betraf. Sein nicht gerade besonders einnehmendes Gesicht war von einer fliegenden Röte - vielleicht den Folgen des eben beendeten Diners - überzogen; seine engstehenden grauen Augen schossen fortwährend blitzartig im Zimmer umher und begegneten ihrem Blick nicht zwei Sekunden ruhig hintereinander, und der ganze Ausdruck seiner Züge hatte etwas Höhnisches und Abstoßendes, das nicht für ihn einnehmen konnte. Heffken wußte allerdings liebenswürdig zu sein - wenn er eben wollte -, aber er hielt das hier entweder nicht für nötig, da er nur hergekommen war, um eine Geschäftssache zu erledigen, oder er war möglicherweise heute nicht in der Stimmung, einmal so ganz aus sich herauszugehen. »Ich verstehe Sie nicht«, sagte sie leise. »Ich will deutlicher sprechen«, erwiderte Heffken und bemerkte gar nicht, daß Kathrine in diesem Augenblick wieder ins Zimmer trat, oder achtete nicht darauf. Die alte treue Magd hatte sich nämlich überlegt, daß sie ihr junges liebes Fräulein doch nicht mit dem »alten, häßlichen Menschen« allein lassen könne, und war deshalb zurückgekehrt, so unheimlich sie sich in seiner Nähe fühlte. »Ich will deutlicher sprechen«, wiederholte Heffken langsamer, »möchte aber vorher die Frage an Sie richten, ob Sie sich schon entschlossen haben, hier auf Java - was ich Ihnen anraten möchte - zu bleiben, oder - ob Sie wieder nach Deutschland zurückkehren wollen?« »Mein Herr«, sagte Hedwig, der diese unzarte Berührung ihres ohnehin peinlichen Zustands weh tat, »Sie haben mir eben versichert, daß Sie ein Freund des Herrn van Roeken sind und« - dunkle Röte überzog dabei ihr Gesicht - »den Grund kennen, weshalb ich Batavia besucht habe. Sie müssen dann aber auch wissen, daß ich, nachdem ich diesen Schritt getan habe, nicht mehr unabhängig bin.« »Vollständig, mein liebes, bestes Fräulein, vollständig!« rief aber Heffken. »Von dem Augenblick, als van Roeken seine jetzige Frau nahm, konnte er nicht mehr darüber bestimmen, wo Sie künftig Ihren Aufenthalt wählen würden.« »Herr van Roeken?« sagte Hedwig, indem sie den Arm langsam gegen Heffken ausstreckte und ihn starr und staunend ansah - »Herr van Roeken, sagen Sie? - seine - seine jetzige - Frau nahm?« »Ja«, nickte Heffken, sprang aber auch im nächsten Augenblick schon von seinem Stuhl auf und rief: »Alle Teufel, davon haben Ihnen die beiden wohl noch gar nichts gesagt, daß van Roeken inzwischen geheiratet hat? Ah, das nehme mir aber kein Mensch übel, das ist ein bißchen stark!« »Der Herr van Roeken hat schon geheiratet?« schrie in diesem Augenblick Kathrine, die sich nicht länger zurückhalten konnte. »Ei, so ein nichtsnutziges, erbärmliches Dos - daß er die Kränk kriegt!« »Die alte Person spricht ein sehr verständliches Deutsch«, sagte Heffken mit einem boshaften Lächeln, »und van Roeken hat eben nichts versäumt, daß er die Äußerung nicht hörte.« Hedwig hatte keine Silbe von dem, was die Kathrine sagte, verstanden; nur das eine hörte - begriff - fühlte sie, daß sie schändlich und erbarmungslos verraten und betrogen sei, herausgelockt aus ihrer Heimat in ein fremdes Land, um jetzt den Leuten als Spott zu dienen, daß sie mit Fingern auf sie zeigen konnten. »Barmherziger Gott«, flüsterte sie leise vor sich hin und verbarg dabei ihr Antlitz in den Händen, »hab' ich denn das verdient? Hab' ich denn das verdient?« Die Kathrine war eigentlich erschrocken, als ihr die heftigen Worte so in Gegenwart ihres Fräuleins und des Fremden entschlüpften. Als sie aber jetzt das arme junge Mädchen zusammenbrechen sah, als sie an die Qual dachte, die sie schon ertragen mußte, und alles, alles unverschuldet, alles mit einer Geduld und Sanftmut, die einen Engel hätte beschämen können, da brach ihr fast das Herz. Zu Hedwig springend, sagte sie, ihren Arm um ihren Nacken, leise und liebkosend: »Komme Sie, mei liebs, guts Fräule, komme Sie. Nicht weine vor dem - vor dem Aff' do«, flüsterte sie ihr so leise zu, daß Heffken die Worte nicht verstehen konnte. »Wir beide gehn widder heim, gehn widder nach Frankfort, und wann wir auch die lange eklige Reis' noch als emol mache misse. Nicht weine über die schlechte Mensche, die sin kei Träne wert, und dorch komme mer aach schon. Nur kei Furcht, mei Herzenskind, nur kei Furcht, der alte Gott lebt noch und - die alte Kathrine aach.« Heffken hatte dieser Szene allerdings vollkommen ruhig und gleichgültig, aber doch auch wieder mit einem gewissen unbehaglichen Gefühl zugesehen, da es ihm fast schien, als ob er für seine Zwecke hier ein wenig zu früh gekommen sei. »Besser zu früh als zu spät«, dachte er aber auch wieder, »ein bißchen austoben muß man die Sache lassen; nachher gibt sich alles von selber. Und dieser scheinheilige Wagner - hat mich richtig angelogen, um mich von der rechten Fährte abzubringen. Alles abgemacht, alles in Ordnung - ja den Teufel! Ob er aber nicht am Ende selber...?« fuhr er plötzlich auf, ohne jedoch dem Gedanken Worte zu geben. »Zum Henker auch, ich bin am Ende doch nicht zu früh gekommen und muß nun das Eisen schmieden, weil es warm ist.« »Ich danke dir, liebe Kathrine«, sagte Hedwig in diesem Augenblick, indem sie langsam das Antlitz zu der alten, treuen Person emporhob; »habe keine Sorge um mich, es ist schon alles gut und vorüber. Sei nur so gut und setze dich dort hinten still in die Ecke, es ist noch einiges, was ich mit dem Herrn besprechen muß. Nachher ordnen wir dann unsern Reiseplan. Ängstige dich nicht, wir bleiben beieinander, und ich bin stark genug, zu tragen, was da komme.« Die Kathrine küßte den Arm, der gegen sie ausgestreckt war, wie eine Mutter ihr Kind geküßt haben würde. »Also Sie haben wirklich kein Wort von der ganzen Geschichte gewußt?« sagte Heffken noch einmal. »Das finde ich sehr unrecht, und mir hat Wagner noch gestern abend versichert, daß alles geordnet und abgemacht sei, während ich selber nur hergekommen bin, um zu sehen, ob es zu Ihrer Zufriedenheit geschehen ist und ob ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen könne.« »Sie sind sehr gütig«, hauchte Hedwig leise. »Aber - hat Sie vielleicht Herr van Roeken zu mir gesandt?« fragte sie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen. Heffken wußte nicht gleich, was er darauf antworten sollte; er wußte aber auch nicht, wohin ihn eine direkte Unwahrheit führen könnte, und sagte deshalb: »Nein - gesandt, was man so nennt, gerade nicht, aber - ich dachte mir, daß es Ihnen vielleicht unangenehm sein könnte, mit dem Mann, der Ihre Gefühle so verletzt hat, unmittelbar zu verhandeln, und wollte Ihnen deshalb meine Dienste anbieten. Er muß zahlen, da gebe ich Ihnen mein Wort, so befreundet ich sonst mit ihm bin; zahlen muß er, und tüchtig, und wenn er sich auch nicht gleich darauf einläßt, wir haben Zeit zu warten, ich verschaffe Ihnen inzwischen schon ein Unterkommen hier. Denn wenn Sie ihm unabhängig gegenüberstehen, können Sie Ihr Recht viel besser und nachdrücklicher verfolgen.« »Was meinen Sie damit?« fragte Hedwig verwirrt, denn das erste Gefühl der Demütigung hatte sie so niedergedrückt, daß sie nicht einmal richtig begriff, was Heffken mit seinen Worten sagen wollte. »Nun«, erwiderte Heffken ruhig, »Sie haben doch jedenfalls Anspruch auf einen tüchtigen Schadenersatz, den er Ihnen auch nicht verweigern kann, aber - wenn Sie es verstehen, ordentlich darauf zu drängen, und vor allem jemanden an der Seite haben, der mit den Verhältnissen hier bekannt ist, können Sie bei der ganzen Geschichte noch Ihr Glück machen. Van Roekens Frau ist steinreich - eine Farbige - Liplap, wie wir hier sagen, von einem weißen Vater und einer malaiischen Mutter abstammend. Er hat sie auch nur ihres Geldes wegen genommen und vor der Frau jetzt eine Heidenangst, daß sie nämlich erfährt, wie er mit Ihnen steht. Sie ist furchtbar eifersüchtig, und wenn alles geschickt arrangiert wird...« »Großer Gott!« rief Hedwig erschrocken, die jetzt erst begriff, auf was er hinaus wollte. »Und glauben Sie, daß ich zu einem solchen Mittel meine Zuflucht nehmen würde? Ich Geld erpressen? Barmherziger Himmel, arbeiten will ich - arbeiten, soweit meine Kräfte ausreichen und über meine Kräfte, aber Geld von dem Mann nehmen, der mich auf solche Weise hintergangen hat? Nie - nie im Leben!« »Mein liebes Fräulein«, sagte Heffken lächelnd, »Sie sprechen jetzt in der ersten Aufregung und in dem Gefühl gekränkter weiblicher Eitelkeit, die hier auch vollkommen gerechtfertigt ist, aber - das wird sich schon geben. Nur darin haben Sie vollkommen recht, daß Sie sich so rasch wie irgend möglich von van Roeken frei machen müssen. Schon das würde mir - an Ihrer Stelle - ein drückendes Gefühl sein, hier in dem Gasthof zu wohnen, den er für Sie bezahlt. Der Gang unseres Rechtsverfahrens, wenn es überhaupt dazu kommen sollte, ist übrigens in Batavia ein erstaunlich langsamer und weitläufiger, auch würde ich Ihnen nicht einmal raten, das Land, das Sie vorher doch erst einmal kennenlernen müssen, sofort wieder zu verlassen. Manche junge Dame hat hier schon ihr Glück gemacht und sich später sehr wohl hier befunden. Die Hauptsache würde also sein, daß Sie, um vollständig unabhängig von Herrn van Roeken dazustehen, vor allen Dingen in irgendeine Stellung eintreten, in der Sie sich, ohne Ihre Kräfte zu sehr anzustrengen, Ihr Brot selber verdienen könnten.« »Aber wie ist das möglich?« sagte Hedwig, der bei den seltsamen Reden des Fremden der Kopf wirbelte. Nur das Verletzende, Kalte, Abstoßende fühlte sie auch heraus, so freundlich und teilnehmend die Worte auch eingekleidet waren. Aber meinte er es nicht doch vielleicht gut mit ihr - so unfreundlich auch sein Äußeres war, so scharf und schneidend seine Worte ihr in die Seele drangen? Wie herzlich, wie teilnehmend hatte Wagner mit ihr gesprochen, und doch wußte er dabei um den Verrat seines Freundes und hatte sie nicht gewarnt - nicht einmal davon in Kenntnis gesetzt, um ihr diese Szene jetzt, ihr diese schonungs- und erbarmungslose Darstellung der Verhältnisse zu ersparen. Wer war da ihr Freund - wer ihr Feind? »Möglich? Sehr leicht«, sagte Heffken gutmütig; »und um Ihnen zu beweisen, welchen Anteil ich selber an Ihnen nehme, biete ich Ihnen diese Hilfe an. Würden Sie sich zum Beispiel entschließen können, auf einige Zeit - solange es Ihnen nämlich selber zusagt - meine kleine Haushaltung zu führen, in der Sie vollkommen freie und unbeschränkte Hand behielten, also quasi die Hausfrau repräsentierten? Ihre alte Begleiterin«, fuhr Heffken fort, als ihn Hedwig staunend und überrascht ansah, »würde dabei gar kein Hindernis sein. Sie versteht jedenfalls, wie ich voraussetzen darf, vortrefflich zu kochen - alle deutschen Frauen kochen gut -, und es ließe sich da sehr leicht ein Arrangement treffen.« Die auf den Porticus führende Tür war, solange sich der Besuch in Hedwigs Stube befand, offen geblieben. Jetzt fiel ein Schatten herein, und als sich beide danach umsahen, stand Wagner dort und sagte: »Mein Fräulein, ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich... Herr Heffken!« unterbrach er sich aber in demselben Augenblick, erstaunt, gerade diesen hier zu finden. »Das ist allerdings eine Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hatte.« »Wie Sie sehen, mein lieber Herr Wagner«, lachte Heffken, indem er ihm, ohne seinen Platz zu verlassen, nur leichthin zunickte. »Und Sie in Tränen, Fräulein!« rief aber Wagner, ohne den Buchhalter weiter eines Blickes zu würdigen. »Ich darf kaum mehr fragen, weshalb, denn wie mir scheint, hat sich dieser Herr hier auf sehr unberufene Weise eingeführt, um Ihnen Schmerz und Qual zu bereiten.« »Unberufenerweise?« sagte Heffken spöttisch lächelnd; Hedwig unterbrach ihn aber, und mit vor innerer Bewegung zitternder Stimme, doch ihre ganze Kraft zusammenraffend, sagte sie: »Mein Herr - ich kann diesem fremden Herrn nur dankbar sein, daß er mich offen und ehrlich von dem unterrichtet hat, was ich in der ersten Viertelstunde meines Hierseins hätte erfahren müssen. Gott vergebe Ihnen allen, wie Sie an mir gehandelt, wie Sie mich mit herzlichen Worten hierher gelockt haben, um nachher Ihren Spott mit meinem Unglück zu treiben - Gott vergebe es Ihnen, wie Sie mich alle getäuscht und hintergangen haben, aber häufen Sie nicht auch noch Vorwürfe auf den einzigen Mann, der wahr und ehrlich gegen mich gewesen ist.« »Fräulein Bernold«, sagte Wagner mit tiefer Bewegung, »wenn auch absichtslos, trage ich vielleicht die größte Schuld Ihrer jetzt gerechten Vorwürfe. Diese Szene hätte ich Ihnen ersparen können, wenn auch nicht den Schmerz, den van Roekens Betragen Ihnen leider bereitet. Aber lassen Sie das Wort meines alten Freundes Scharner für mich sprechen - vertrauen Sie mir, und seien Sie versichert, daß ich alles tun werde, was jetzt zu tun noch möglich ist.« »Keine Redensarten mehr, lieber Wagner - keine Redensarten mehr«, sagte da Heffken, dem dieses Zusammentreffen keineswegs erwünscht war, der aber jetzt nicht mehr zurück konnte. »Die junge Dame verlangt mehr als das und braucht nicht etwa darum zu bitten - sie kann es fordern.« »Herr Heffken«, sagte Wagner kalt, »ich weiß nicht, wer Sie gerade zum Vermittler in dieser Sache, die keinen Vermittler weiter braucht, aufgerufen hat.« »Das Fräulein selbst«, erwiderte Heffken keck, »sie hat sich unter meinen Schutz gestellt, und ich werde ihr beweisen, daß ich wenigstens meine Zusage halte.« Wagner sah erstaunt Hedwig an. »Der Herr«, sagte Hedwig schüchtern, »hat mir ein Asyl in seinem Haus angeboten.« »In seinem Hause!« rief aber der junge Mann empört. »Und hat er Ihnen dabei auch gesagt, daß er Junggeselle ist?« »Oh, der schändliche Kerl!« rief die Kathrine aus der Ecke heraus; Hedwig aber wurde totenbleich, und das Gesicht in den Händen bergend, stöhnte sie: »Auch das noch.« »Sie sehen«, fuhr Wagner, der sich hoch aufgerichtet hatte, kalt zu Heffken fort, »daß Ihre Gegenwart hier nicht mehr nötig ist - nicht mehr gewünscht wird. Sie haben eine klägliche Rolle gespielt, Herr Heffken, und ich möchte nicht, um alle Schätze Javas, in diesem Augenblick an Ihrer Stelle sein.« »Ich bin offen und ehrlich mit dem zu Werke gegangen«, sagte Heffken boshaft, indem er aufstand und seinen Hut ergriff, »was andere nur auf Umwegen zu erreichen suchen.« »Noch ein Wort der Beleidigung gegen die junge Dame«, rief Wagner, der seine Fassung kaum bewahren konnte, »und beim ewigen Gott, ich vergesse, daß Sie - ein Krüppel sind!« »Setzen Sie Ihrem Treiben auch noch die Krone durch rohe Gewalt auf«, sagte Heffken verächtlich, indem er sich jedoch zur Tür zurückzog. »Übrigens werde ich Sie später dieser Worte wegen um Erklärung bitten.« »Ich stehe Ihnen zu Diensten«, sagte Wagner kalt, und der Buchhalter verschwand ohne Gruß, ohne ein weiteres Wort aus der offenen Tür. Wagner stand regungslos dem jungen, unglücklichen Mädchen gegenüber. Er mußte ihr Zeit lassen, sich zu fassen, er mußte sich selber erst wieder so weit sammeln, sie mit ruhigen Worten zu trösten. Endlich sagte er mit leiser, bewegter Stimme: »Mein liebes Fräulein; mich trifft allerdings in dieser Sache eine große Schuld; wenn ich aber gefehlt habe, geschah es in guter und redlicher Absicht. Ich wollte Sie mit dem, was Sie doch erfahren mußten, auf so schonende Weise wie möglich bekannt machen und hatte, als ich Ihnen neulich gegenüberstand, nicht den Mut, offen mit Ihnen zu reden. Ich nahm mir da vor, Ihnen alles zu schreiben und Ihnen dann erst mündlich die weitere Erklärung zu geben - aber auf dem Papier erschienen mir die Worte, die Sie trösten und beruhigen sollten, wieder so kalt und herzlos. Ich fing zwei, drei Briefe an und zerriß sie alle wieder, denn ich fühlte, daß Sie mehr von uns fordern könnten als eine tote Erklärung des Geschehenen. Ich bin deshalb zu Ihnen gekommen, um Ihnen diese zu geben, und wie ich sehe, gerade zur rechten Zeit, um Sie der Gegenwart jenes Menschen zu entheben, der Ihr Unglück und - wie er glaubte - Ihre schutzlose Lage zu seinen nichtswürdigen Zwecken auszubeuten hoffte. Darf ich reden?« »Reden Sie«, sagte Hedwig leise, »ich habe keine Wahl weiter.« Mit klaren und einfachen, aber herzlichen Worten erzählte ihr jetzt Wagner - auf so schonende Weise wie möglich - zuerst von van Roekens Wunsch, sich eine Häuslichkeit zu schaffen, dann von der plötzlichen Aussicht, die sich ihm hier bot und die er, an die anderen Verbindlichkeiten nicht denkend, annahm. Er versicherte ihr dabei, daß ihn van Roeken nicht um Rat gefragt, ja die ersten Schritte hinter seinem Rücken getan hatte, so daß er das Ganze erst erfuhr, als es zu spät war. Auf so zarte Weise wie möglich berührte er hierauf die Verpflichtungen, die van Roeken gegen sie übernommen und auf ihn übertragen habe, weil er sich scheute, ihr nach dem Vorgefallenen vor Augen zu treten. »Seien Sie versichert, mein liebes Fräulein«, setzte er dann herzlich hinzu, »daß diese unglückliche Sache in keine besseren Hände gelegt werden konnte. Ich werde für Sie - schon meines alten Freundes Scharner wegen - handeln, als wenn Sie meine Schwester wären, und wenn Sie mir nur vertrauen wollen, sollen Sie wenigstens keine weitere Sorge haben. Jetzt muß Ihnen nur vor allen Dingen Raum zur Überlegung bleiben, ob Sie längere Zeit auf Java zubringen oder nach Deutschland zurückkehren wollen. Van Roeken ist Ihr großer Schuldner; gestatten Sie ihm, daß er nur einigermaßen wiedergutzumachen sucht, was er angerichtet hat. Sie selber sollen außerdem, falls Sie nach Europa zurückkehren, mit einer so delikaten Sache nicht behelligt werden, und ich bitte Sie nur, mir und unserem gemeinschaftlichen Freund Scharner zu erlauben, das alles für Sie zu ordnen.« Hedwig erwiderte noch immer kein Wort; sie zitterte an allen Gliedern und sah still und schweigend vor sich nieder. »Ich lasse Sie jetzt allein, mein liebes Fräulein«, fuhr Wagner nach kurzer Pause fort; »aber ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie solchen Kränkungen, wie der eben erlebten, nicht wieder ausgesetzt sind. Ich bin hier in Batavia in manchen achtbaren Familien bekannt und werde Ihnen in einer davon, bei lieben Freunden von mir, ein Unterkommen schaffen, in dem Sie ruhig und ungestört, unter guten Menschen, einen Entschluß fassen können. Sie sollen auch die Lichtseiten unseres Lebens hier kennenlernen«, setzte er heiterer hinzu, »damit Sie später einmal nicht nur böse und schmerzliche Erinnerungen aus unserem schönen Java mit in die Heimat nehmen. Die nötigen Schritte dazu werde ich schon heute oder morgen tun und hoffe, Ihnen dann recht bald gute Nachricht bringen zu können. Also fassen Sie Mut, Fräulein Bernold! Gottes Wege sind wunderbar; wer weiß, ob sich nicht alles, was Ihnen jetzt wie Nacht und schwarz erscheint, noch zum Guten und zum Segen wenden kann. Scharner hat an mich ausführlich über Sie geschrieben; Sie kommen hier deshalb nicht unter lauter fremde, teilnahmlose Menschen. Wenn ich selber auch noch nichts getan habe, Ihr Vertrauen zu verdienen, will ich es doch zu verdienen suchen, und wenn Sie Java wieder verlassen, sollen Sie wenigstens nicht von mir in Groll scheiden.« Wagner war aufgestanden und grüßte achtungsvoll das in sich zusammengesunkene Mädchen; Hedwig regte sich aber nicht, und noch als er schon eine ganze Zeitlang fort war, blieb sie bewegungslos in dieser Stellung. Kathrine war leise hinter ihren Stuhl getreten und flüsterte: »Fräulein, liebes Fräulein...« Hedwig gab kein Zeichen, daß sie es gehört, verstanden habe. Der Alten liefen die großen hellen Tränen über die Wangen, und langsam legte sie ihr die Hand auf die Schulter. Erst bei dieser Berührung schrak Hedwig empor, sprang von ihrem Stuhl auf, und die Arme um den Nacken der alten treuen Dienerin schlingend, warf sie sich an ihre Brust und hielt sie so lange Zeit fest und krampfhaft umschlossen. 24. HORBACH WIRD GESUCHT UND SCHLIESSLICH GEFUNDEN Wagner hatte sich, ohne mit irgend jemandem im Hotel zu verkehren, in seinen Bendi geworfen und fuhr in das Geschäft hinunter, um dort van Roeken von dem Geschehenen sowohl in Kenntnis zu setzen als auch ihm mitzuteilen, was er jetzt zu tun beabsichtige. Als er aber gerade über die Brücke kam, wo der Weg in das chinesische Viertel hineinführt, begegnete ihm van Roeken in seinem Einspänner, auf dem hinten der erst kürzlich angenommene Arbeiter und frühere Diener Horbachs, Tojiang, stand. Die beiden leichten Fuhrwerke hielten nebeneinander. »Wo willst du hin?« »Den liederlichen Horbach suchen«, sagte van Roeken, »er ist tatsächlich bis jetzt noch nicht nach Haus gekommen, und keine Spur ist von ihm zu finden. Im Hospital unten war ich ebenfalls schon. Der Bendi hat ihm gestern die neuen Kleider gebracht und ihn abgeholt; dann ist er fortgefahren, aber niemand weiß, wohin.« »Und wo, glaubst du, daß er jetzt steckt?« »Tojiang, den ich mitgenommen habe, meint, er kenne die Spelunken ganz genau, wo er sich gewöhnlich herumtrieb; er soll mich jetzt führen. Aber lieber ist mir's, ich habe Gesellschaft; komm mit, in einer halben Stunde machen wir die ganze Sache ab.« »Gut«, sagte Wagner, »dann komm ich mit zu dir hinüber - ich habe doch einiges mit dir zu besprechen, und Tojiang mag sich zu meinem Kutscher setzen. Wenn wir den Burschen finden, wird es dem einen Pferd außerdem zuviel, euch alle fortzubringen.« Der Wechsel war rasch vollzogen. Während Tojiang Befehl erhielt, voranzufahren und den Weg zu zeigen, hielt sich van Roekens Bendi dicht hinter ihm, und beide bogen jetzt, quer über den chinesischen Basar hinüber, in die krummen und engen Gassen des chinesischen Viertels ein, in denen sie sich keinen besseren Führer hätten wünschen können, als eben den liederlichen Tojiang. Rasch konnten sie hier auch nicht vorwärtsrücken. Es wimmelte in den Straßen nicht allein von Lastträgern und wandernden Krämern, sondern auch von Kindern, die sich entweder hetzten und haschten oder mitten in der Straße mit ihren Spielen saßen und sehr erstaunt die hier ganz außergewöhnlichen Fuhrwerke ankommen sahen, ohne Miene zu machen, ihnen auszuweichen. Der Kutscher mußte sie erst anrufen, damit sie ihm nur Raum gaben, hindurchzukommen. Und was für Höhlen schlossen sich ihnen da auf! In eine der Querstraßen einbiegend, sahen sie eine Seitengasse, die in einen Sack auslief und in der sie nicht einmal hätten wenden können. Sie waren deshalb gezwungen, auszusteigen, weil Tojiang hier die erste Nachfrage halten wollte und van Roeken ihm nicht traute. Die Gasse hinaufgehend, die von Schmutz starrte, sahen sie überall in den offenen, wenn auch engen Hausfluren Trupps von chinesischen und malaiischen Mädchen sitzen, junge und doch schon verlebte Gestalten und widerliche Weiber, in lange schmutzige Kattunlumpen gehüllt und mit unechtem Schmuck behangen, die Gesichter mit weißer Schminke gefärbt. Einzelne müßige Chinesen trieben sich zwischen ihnen herum, mißtrauische Blicke auf die Fremden werfend, und erst als Tojiang zwischen sie sprang und von einigen als alter Genosse erkannt wurde, grüßten sie die Tuwans. Im anderen Fall hätten sie auf keinen Gruß der sonst so demütigen Burschen rechnen dürfen, denn sie waren, als sie sich hier zeigten, zu tief aus ihrer Sphäre herabgestiegen. Tojiangs Nachfragen blieben jedoch erfolglos. Der weiße Mann oder der »wilde Tuwan«, wie sie ihn nannten, war ihnen recht gut bekannt, aber schon seit langer, langer Zeit - wenigstens vierzehn Tage - nicht in diese Gegend gekommen. Sie gingen zu ihren Wagen zurück und fuhren weiter. Jetzt kamen sie durch eine lange Gasse, in der lauter Färber wohnten, jetzt in das Viertel der Tischler, in dem die riesigen chinesischen Särge auf Vorrat aufgeschichtet standen. Nun wieder kreuzten sie eine andere Quergasse, und gleiche Lasterhöhlen zeigten sich hier. Aber auch dort suchten sie vergeblich nach ihrem Entflohenen. Tojiang tauchte in die unglaublichsten Winkel ein, klopfte an Türen, wo man gar keinen Eingang vermutete, drang in das Innere der Häuser vor und führte seine beiden Begleiter durch Gänge, in denen sie sich scheuten, selbst den Boden mit den Sohlen ihrer Stiefel zu berühren. Trotzdem fanden sie den Gesuchten nicht, und Tojiang schien schon alle Hoffnung aufzugeben. Er erklärte auch endlich, daß er in der Tat nicht mehr wisse, wo der weiße Tuwan stecken könne, denn alle die Orte, an denen er je mit ihm zusammen gewesen sei, das heißt ihn wahrscheinlich selber einführte, hätten sie abgesucht. Als einzige Möglichkeit blieb nur, daß er sich nach einem der entfernt gelegenen Basare gewandt habe; wahrscheinlich sei es, daß sie ihn im Basar bharoeh, im Basar snin oder vielleicht sogar in Meester Cornelis finden könnten, und wenn es den Herren zu weit wäre, so wolle er selber gern hinüberfahren und stünde ihnen dafür, daß er ihn doch noch aufstöbere. Wagner wäre damit vollkommen einverstanden gewesen, denn Horbach interessierte ihn viel zu wenig, um Stunden daran zu wenden, hinter ihm her zu fahren. Van Roeken dagegen, mehr mit diesen Leuten und ihren Schlichen und Wendungen vertraut, hatte einen Verdacht geschöpft, daß Tojiang noch irgendeinen Platz hier in der Nähe wisse, an den er ihn nicht hinführen wolle, und war um so mehr entschlossen, den Grund dafür zu erfahren. Während der Bursche nämlich mit seinen früheren Kameraden und einigen chinesischen Mädchen sprach, war verschiedene Male ein Wort vorgekommen, das sie sich immer nur zuflüsterten, so daß er den Namen nie deutlich verstehen konnte. Er wußte allerdings, daß es hier in der Nähe einige Opium- und Branntweinhöhlen gab, die vor dem kontrollierenden Arm der Regierung streng geheimgehalten wurden, und wenn Tojiang den Verdacht hatte, daß Horbach in einem solchen Versteck liege, so war es mehr als wahrscheinlich, daß er wünschen mußte, ihn auch dort allein aufzusuchen. Einmal aber auf solcher Fährte, und van Roeken war nicht so leicht wieder davon abzubringen. »Paß auf, mein Bursche«, sagte er, während er neben dem Bendi stehenblieb und Tojiang fest ansah, »und höre mir einmal ein wenig genau zu. Ich bin nicht taub und verstehe das Malaiische ziemlich so gut wie du selber. Wenn du nun behauptest, daß deiner Meinung nach dein früherer Herr auf einem der Basare zu finden sei, so lügst du wie ein nichtswürdiger Halunke, der du auch bist. Ich habe gehört, daß dir die Dirnen den Ort nannten, wo du deinen Tuwan Horbach aller Wahrscheinlichkeit nach finden würdest, ich weiß auch etwa die Gegend, wo der Ort liegt, wenn auch nicht ganz genau das Haus, und verlange jetzt von dir, daß du uns direkt hinführst, oder ich werde dir zeigen, was ich tue.« »Aber, Tuwan«, sagte Tojiang erschrocken, »wenn ich weiß, wo der Tuwan Horbach steckt, will ich - will ich gleich...« »Halt; keine von deinen doppelzüngigen Ausflüchten«, sagte aber van Roeken ruhig; »ich weiß recht gut, daß du noch nichts Bestimmtes darüber erfahren hast, aber deiner Vermutung nach steckt er dort. Er hat mir selber erzählt, was ihr an diesem Ort schon alles getrieben habt und wie geheim und abseits, von anderen Gebäuden vollständig geschützt, der Ort läge, ja zu Haus habe ich sogar ein Buch von ihm, in dem er genau beschrieben ist. Fahre ich jetzt nach Haus und hole das, so gebe ich dir mein Wort, daß ich auch zugleich die Polizei mitbringe, und ich brauche dir nicht mehr zu versichern, daß wir den Platz nachher finden, und wenn wir die Häuser in seiner Nachbarschaft alle bis in die letzten Winkel hinein durchstöbern müßten. Du selber aber kommst dann als Mitwisser dieser geheimen Höhlen, in denen Opium geraucht, getrunken und gespielt wird, ebenfalls in Teufels Küche und wirst so sicher eingesteckt, wie du jetzt da vor mir auf deinen zwei Füßen stehst. Sitzt du aber erst einmal im Gefängnis, dann, denk ich mir, kommen auch noch andere Dinge an den Tag, von denen ich habe munkeln hören. Da ist einmal ein alter Chinese gewesen - du verstehst schon, wen ich meine...« »Tuwan Roeken«, sagte Tojiang erschrocken, »ich weiß bestimmt nichts von einem alten Chinesen.« »Nun, so alt war er auch eigentlich noch nicht«, fuhr van Roeken fort, der auf gut Glück hin riet, denn unter hundert von Malaien verübten Diebstählen kann man fest darauf rechnen, daß neunzig einen Chinesen zu ihrem Opfer hatten. »Doch das alles bringen die Gerichte schon heraus, wenn sie dich erst einmal unter dem Daumen haben, und du magst jetzt tun und lassen, was du willst.« »Ich glaube nicht, daß er den Aufenthalt weiß«, sagte Wagner zu van Roeken in deutscher Sprache. »Und ich möchte mein Leben zum Pfand setzen«, versicherte van Roeken, »daß er ihn nicht allein jetzt ganz sicher vermutet, sondern daß wir auch keine dreihundert Schritt davon entfernt sind. Laß ihm nur Zeit, er wird es sich schon überlegen, daß sein eigener Vorteil darin liegt, die Polizei nicht zu bemühen, und ist er erst einmal darüber mit sich im reinen, so schwindet für ihn jede andere Rücksicht. Nun, mein Bursche, willst du uns führen?« »Wenn Tuwan den Ort so genau weiß«, sagte der Bursche störrisch, »dann braucht er ja gar nicht Tojiang dazu, um ihn zu finden.« »Ich habe dir aber schon gesagt, daß ich ihn nicht genau weiß, jedoch finden könnte, wenn ich eben die Polizei zu Hilfe nehmen will. Da ich die Sache aber jetzt erledigen möchte und mir daran liegt, den Tuwan Horbach noch heute aufzufinden, sollst du uns führen. Tust du es freiwillig, so verspreche ich dir, mich um weiter nichts zu kümmern. Ich gehöre nicht zur Polizei, und was die Leute da sonst treiben, geht mich nichts an; tust du es nicht freiwillig, so hast du dir die Folgen selber zuzuschreiben.« Tojiang erwiderte kein Wort; er stieg aber wieder auf den Bock, flüsterte dem Kutscher ein paar Worte zu und fuhr langsam die Straße hinunter; Wagner und van Roeken folgten in ihrem Bendi, und die Gasse hinunter bogen sie gleich darauf rechts in eine kleine Querstraße ein, die zwei breitere miteinander verband und in der Mitte durch eine schmale hölzerne Brücke getrennt wurde. Unter dieser Brücke wälzte sich einer jener Kanäle hin, die den Schmutz des ganzen chinesischen Viertels aufnehmen und dafür in ihrer unmittelbaren Nähe eine Unmenge schädlicher Dünste ausströmen. In diese Gasse, obgleich sie so eng war, daß kaum noch ein Mann neben dem Bendi herschreiten konnte, lenkte Tojiang dennoch ein, und wenn auch das Pferd vor der schmalen Brücke scheute, ließ er sich davon nicht abschrecken. Er sprang selber vom Bock herunter, nahm es am Zügel, führte es hinüber und hielt dann gerade weit genug drüben, um van Roeken noch Platz für seinen Bendi zu lassen. »Und ist dies die Stelle, Tojiang?« fragte van Roeken. »Ta-u, Tuwan«, erwiderte achselzuckend der Malaie mit dem bei dieser Antwort eigentümlichen singenden Ton, »ta-u - wollen sehen.« »Halt, wir gehen mit!« rief aber van Roeken, als Tojiang Miene machte, seine Untersuchung allein anzustellen, und sprang dabei aus dem Wagen. »Gut«, sagte Tojiang, ließ sich aber dadurch nicht abhalten, das kleine, niedrige Bambusgebäude vorher allein zu betreten. Ehe van Roeken es verhindern konnte, war er durch die Tür hindurchgeschlüpft und blieb, als die beiden Freunde ihm dort hinein folgen wollten und durch einen stockfinsteren Gang daran gehindert wurden, etwa zehn oder vierzehn Minuten fort. Als er endlich zurückkehrte, wollte van Roeken schon mit einem Sturm von Vorwürfen über ihn herfallen; Tojiang aber legte den Finger auf die Lippen, und indem er den beiden Herren winkte, ihm zu folgen, flüsterte er leise und vorsichtig: »Er ist da.« »Hab' ich's nicht gesagt?« lachte van Roeken. »Ob ich das Gesindel nicht durch und durch kenne. Aber pfui Teufel, was für ein Gestank und Dunst hier herrscht; die reine batavische Pestluft, wie sie noch in uralten Reisebüchern geschildert wird und auch vollständig wahr wäre, wenn sich nämlich dieser Dunstkreis über die ganze Insel zöge.« »Und hier, in diesem furchtbaren, widerlichen Loch sollte sich Horbach aufgehalten haben?« sagte kopfschüttelnd Wagner; »das ist gar nicht möglich, der Schuft von Tojiang hat uns nur hierher gelockt, um unsere Geduld zu ermüden und seine eigenen geheimen Verstecke nicht zu kompromittieren.« »Das werden wir bald herausgefunden haben«, meinte van Roeken; »lange bleibe ich selber aber auch nicht in dieser Nachbarschaft, denn mir wird schon ganz übel und krank zumute - und was für eine Dunkelheit. Wenn wir jetzt in diesem Korbgeflecht auf eine geheime Fallbrücke stoßen, können wir im Nu unten in dem schmutzigen Kanal liegen, um zu ertrinken oder zu ersticken. Ob hier wohl nicht manchmal solche Dinge vorfallen?« »Mal den Teufel nicht an die Wand«, erwiderte Wagner, dem es hier selber ganz unheimlich wurde. »Wenn ich eine Ahnung hätte, daß mein Tod irgend jemandem in Batavia von Nutzen sein könnte, würde ich mich, weiß es Gott, nicht in diese Höhle wagen. Aber da ist Licht - ah, hier finden wir Gesellschaft!« Tojiang hatte, um die beiden Weißen durch den dunklen Gang zu bringen, van Roekens Hand gefaßt und, während er voranging, ihn geführt. Er schien vortrefflich hier Bescheid zu wissen. Wagner faßte dann wieder den Rockschoß des Freundes an, und so waren sie etwa zwanzig oder fünfundzwanzig Schritt im Dunkeln vorwärtsgetappt, als sie plötzlich ein helles, sonniges Gemach betraten. Hell und sonnig, allerdings, war das Gemach, denn das dem Untergehen nahe Tagesgestirn warf seine goldenen Strahlen gerade in das geöffnete Fe