Aus dem Narrenzyklus: Wie der König lernte, auf seinen Narren zu hören Von Kyamesraal, dem ersten König Ancallons, ist bekannt, daß er oftmals kühn voranging, selbst wenn es besser gewesen wäre, zurückzubleiben. Zu diesem Zwecke nämlich, ihn zurückzuhalten, hatte der Herr des Lichts ihm einen Narren an die Seite gestellt, das war Lúry: der trug die Schelle der Weisheit, wie Kyamesraal das Schwert der Kraft führte. Doch allzu oft wollte der König nicht auf die Weisheit hören, und hätte nicht eines Tages Saighneás selbst seine Hand im Spiel gehabt, Kyamesraal wäre sicher blind in sein Verderben gerannt. Denn es waren die Drachen, die Kyamesraal fürchtete ob ihrer schwarzen Gestalt und ihrer Macht zu fliegen. Und Drachen wollte er mit seinem Schwerte schlagen. "Haltet ein", sprach Lúry, als der König sich bereit machte, zu den Drachen zu gehen. "Sie sind doch nicht Feinde, die wir fürchten müssen. Wohl sind sie Geschöpfe der Nacht, aber sie sind dem Lichte nicht abgekehrt." "Wohl denn, so sind sie doch Drachen", entgegnete Kyamesraal in seinem Übermut, "und es ist kein Raum hier für Drachen und Menschen. Gleichfalls höre ich sie lachen in ihrer Sicherheit, daß sie uns so leicht besiegen könnten." "Das könnten sie wohl, mein König, so haltet ein, sind die Drachen doch viel stärker als Ihr! Schwingt Ihr Euch über sie auf, so werdet Ihr doch nur tiefer enden!" Doch Kyamesraal hörte nicht auf seinen Narren und machte sich auf den Weg in die Nacht, wo er die Drachen zu finden glaubte. Und da fand er sie, die Avvardrák, wohl die mächtigsten Geschöpfe unter dem Lichte, denn sie waren Wesen der dritten Nacht. Groß waren sie, mächtig wie die Nacht selbst, und Kyamesraal mit seinem Schwerte zwischen ihnen weniger als das Licht eines einzelnen Sterns am gewaltigen Himmel der Finsternis. Jedoch wagte der König, sie anzugreifen. Leuchtend im Lichte waren die brennenden Flammen, die sie ihm schickten; gewaltig allein ihr heißer Strahl, der seine Klinge brannte und ihm die Kraft nahm. Da lag er nun, hilflos als ein verloschener Stern; zwischen die Drachen aber trat Saighneás selbst und sah auf ihn herab. "Nun höre, Kyamesraal, der du dich mächtig dünktest und doch so erbärmlich bist unter den Drachen!" sprach der Herr des Lichtes. "Du maßest dich an, über Drachen zu richten: ach glaubst du denn, nur weil du als König eine Krone trägst, seist du gleich die Krone aller Schöpfung? Magst du auch des Tags dich als Herr über Land und Pflanzen und Tiere fühlen, gleichwie die Katze den Mäusen ein mächtiger Herrscher sein muß; über dir sind die Drachen, unter denen bist du doch nicht mehr wie eine Katze unter Löwen. Nein! auf deinen Narren solltest du hören, denn er trägt die Schelle der Weisheit und weiß wohl, daß auf Licht stets Dunkelheit folgt; nun steh auf aus dem Staube und nimm dein Schwert und sei dort König, wo du zu richten genannt wurdest!" So kehrte Kyamesraal zurück in das Licht, und von nun an folgte er der Weisheit seines Narren. Seinen Hochmut aber hatte er an die Nacht verloren, denn er hatte wohl gelernt, daß selbst der strahlendste Stern bei Tag verblaßt gegen das allmächtige Licht der Sonne. Aus dem Narrenzyklus: Der Narr und das Labyrinth oder: Wie der Narr zu seinen Schellen kam Von Lúry erzählt man sich, daß er einmal in arge Bedrängnis kam, nämlich als er einmal vor dem Volke prahlte, er sei weitaus klüger als der König und würde in Wahrheit das Land regieren, während der König nichts anderes tat, als den Ratschlägen des Narren zu folgen. Zu jener Zeit, so muß man wissen, war dem Narren das Lügen noch erlaubt. Außerdem trug er noch keine Schellen außer der einen als Zeichen der Weisheit, so wie Kyamesraal das Schwert trug und Malescaron den Stein. Der König aber hatte Lúrys Prahlerei wohl gehört, denn ein guter König mischt sich bisweilen unerkannt unter sein Volk, um zu erfahren, wie es im Lande steht. Lúry hatte ihn nicht erkannt; erst als sich einer aus der Menge löste und auf ihn zu trat, erkannte er Kyamesraal, seinen König. Der König, der für das Volk in jenem Moment nichts weiter war als ein Fremder in einem dunklen Mantel, faßte Lúry am Arm und zog ihn von der Menge fort in eine dunkle Gasse. "Würde Er nun wiederholen, was Er vor der Menge zu behaupten wagte", verlangte der König. Lúry aber schwieg. Nicht einmal den König anzusehen wagte er. "Nun", sagte der König, "so wird Er bald Gelegenheit erhalten, seine Klugheit unter Beweis zu stellen." Und was der König sprach, geschah. Am nächsten Morgen ließ der König den Narren zu sich kommen und teilte ihm mit, was geschehen sollte. "Er wird den heutigen Tag frei bekommen", erklärte der König. "Am Abend wird Ihm eine Aufgabe gestellt werden, wo Er zeigen kann, was seine Klugheit ihm nützt. Dazu darf Er mitnehmen, was Er für brauchbar erachtet: nur muß Er sich entscheiden, bevor Er die Aufgabe kennt. So soll Er den Tag nutzen, es wohl zu bedenken, denn Er darf nichts mitnehmen als das, womit Er heute zur letzten Stunde hier erscheint." Aber Lúry mußte nicht überlegen, er war ein Narr, und wie ein Narr wollte er handeln. Am Abend also, zur Stunde nach Sonnenuntergang, erschien der Narr vor dem König und hatte nichts dabei als seine Narrenkleidung, doch hatte er den ganzen Tag darauf verwandt, sie über und über mit kupfernen Schellen zu besetzen. Neunundneunzig Stück zierten nun seine Kleidung, dazu trug er die eine, die große, an einem Lederband um den Hals. Schellen als Symbol der Weisheit, war es das, was der Narr unter Klugheit verstand? So trat der Narr vor seinen König, und der König konnte nicht anders als ihn zu belächeln. "Hat Er sich wohl überlegt, was Er mitnehmen möchte? Würde Er mir seine Entscheidung erläutern?" "Ich bin ein Narr, oder nicht?" erwiderte Lúry, und die neunundneunzig kleinen Schellen klingelten leise. "So wählte ich als Narr das Symbol der Weisheit, über und über; ich sollte Klugheit beweisen, oder nicht?" "Klugheit ist nicht dasselbe wie Weisheit", stellte der König fest. "Ein Narr, der das nicht wüßte." "Und ich bin ein Narr", sagte Lúry. "Würde ich Ihn schicken, einen Vogel zu fangen, die Schellen würden Ihn verraten", bemerkte der König. "Ein Narr, der die Stille verschenkte." "Und ich bin ein Narr", sagte Lúry. "Würde ich Ihn schicken, eine weite Strecke zu reisen, das Gewicht der Schellen würde Ihn alle Kraft kosten", erklärte der König. "Ein Narr, der diese Last tragen wollte." "Und ich bin ein Narr", sagte Lúry. "Also gut, Narr", sprach der König, "so höre Er nun seine Aufgabe: Nicht weit von hier wurde aus mächtigem Felsgestein ein gewaltiges Labyrinth erbaut, in dessen Zentrum es eine steinerne Pyramide zu finden gibt, die etwa mannshoch ist: in dieser Pyramide ist eine Öffnung, und darinnen liegt nun eine Kugel aus weißem Glas; die bringe Er uns, wenn Er kann! Wir wollen sehen, ob seine Klugheit Ihm weiterhilft, und all die Schellen. So Er die Kugel bringt, mag Er sie behalten; so Er aber scheitert - und Er wisse, die Frist ist morgen früh - wird sein Leben nicht mehr wert sein als diese Feder." Er hob eine der goldverzierten Schreibfedern vom Tisch auf und zerbrach sie. Mehr mußte er dazu nicht sagen, denn Lúry hatte den König beleidigt in einer Weise, die selbst einem Narren nicht gut ansteht, und so war es des Königs Recht, ihn mit dem Tode zu bestrafen. "Andere haben sich zuvor daran versucht, Lúry, die es wagten, wider den König zu sprechen. Starke Krieger waren unter ihnen, mächtige Männer. Nicht einer kehrte zurück." Lúry wurde also in das Labyrinth gebracht, das Gitter, das den Eingang versperrte, hinter ihm geschlossen: erst am nächsten Morgen sollte es wieder geöffnet werden. Da stand er nun im Dunkeln, der Narr; vor ihm das Labyrinth, irgendwo dort sein Ziel, eine kleine Kugel aus weißem Glas. Und mit ihm nichts als die Nacht, ein Mond, so kupfern wie die Schellen, und wie diese Sterne, unzählige. Aber Lúry wußte sehr wohl, daß sie ihm nutzen würden. Die große, die Schelle der Weisheit, von der er sich sonst niemals trennte, die hängte er an das Gitter, das den Ausgang zeigte: dort hing sie dann und schaukelte und klingelte sacht im leisen Nachtwind. Dann machte er sich auf den Weg, und von der ersten Abzweigung an markierte er seinen Weg mit den Schellen, die er von seiner Kleidung riß; führte ihn der Weg nun auf einen toten Gang, so kehrte er um und sammelte die Schellen wieder ein, bis er einen Gang fand, den er noch nicht gegangen war. Irgendwann führten sie ihn in die Mitte des Labyrinths. Dort stand sie, eine mannshohe Pyramide aus hellem Stein, der beinahe weiß war gegen den dunklen Fels der Mauern. In ihr verborgen lag die weiße Kugel, sie war kalt wie Eis, doch sie erwärmte sich schnell, als Lúry sie in die Hand nahm. Die weiße Kugel, sein Leben; er war verloren, wenn er sie nicht brachte. Doch er würde sie bringen, denn die Schellen wiesen ihm den Weg zurück. Und als die Sonne aufging, konnte er sie hören, die eine, die große, die den Ausgang zeigte. So war er zurück, als das Gitter geöffnet wurde, und in der Hand hielt er die Kugel aus weißem Glas, die im Licht der neuen Sonne strahlte, als sei sie die Sonne selbst. So sprach der König zu Lúry: "Wir sehen, Er hat die Prüfung bestanden; mag Er also die Kugel behalten. So darf ein Narr wohl wider seinen König reden, aber eines wisse Er, Lúry. Er wird all diese Schellen wieder annähen und sie immer tragen, selten soll Er sich von manchen, niemals von allen trennen: denn jeder soll einen Narren erkennen, wenn er einen sieht, und wohl gewarnt sein, nicht auf ihn zu hören." Lúry wußte, daß es eine milde Strafe war, und er machte sich gleich daran, die Schellen wieder dort aufzunähen, wo er sie zuvor herabgerissen hatte. Die weiße Kugel trug er gleichfalls von da an stets bei sich, und manchmal holte er sie hervor und erzählte ihre Geschichte. Sie war ein Leben, eine Sonne; und wie dazu die kupfernen Schellen Sterne und Mond vereinen, so tanzt der Narr durch Tage und Nächte und singt weise Worte, die niemand hören will. So kommt es, daß ein Narr Schellen trägt, Weisheit über und über; und doch wird niemand einem Narren glauben, gleich welch kluge Worte er sprechen mag. Denn nur weise Männer sind weise Männer, und Narren sind eben Narren. So war es seither; so ist es bis heute geblieben. Aus dem Narrenzyklus: Warum der Narr nicht lügen darf oder: Licht ist Licht und Nacht ist Nacht Wenn man den Beruf des Narren ein Handwerk nennt, so war Lúry sicher ein Meister darin. Und wie ein rechter Meister fand er sich eines Tages einen Lehrling, das war Lyeljan. Der aber war ein rechter Schelm. Lyeljan nämlich konnte das Lügen nicht lassen. Er machte sich einen Spaß daraus, den Bauern zu berichten, er habe den Rascón im Hühnerstall gesehen, und den Wachen des Königs erzählte er, des Nachts schlichen fremde Gestalten um den Palast. Und wenn die Bauern oder die Wachsoldaten hastig nach draußen liefen, um nachzusehen, stand Lyeljan da und lachte. "Wart', dir werd' ich helfen!" riefen sie dann meistens und schwangen drohend ihre Fäuste nach ihm. Bald kam der Tag, da glaubten sie ihm nicht mehr. Was immer er versuchte, niemand fiel mehr darauf herein, ja sie hörten ihn einfach nicht und gingen ungestört weiter ihrer Arbeit nach. So konnte es geschehen, daß Mylo ihn überraschte. "Wo willst du hin, kleiner Narr?" fragte der Dämon und trat ihm in den Weg. Lyeljan erkannte ihn wohl, ein Geschöpf der zweiten Nacht, und laut rief er, daß jemand ihm zum Beistand käme, denn er wollte nicht allein sein mit einem Dämonen. "Zwecklos, kleiner Narr", sprach Mylo lachend und hob eine Hand. "Sie hören dich nicht. Sie wollen dich nicht hören, also können sie dich nicht hören!" "Was willst du von mir?" fragte Lyeljan, dessen schelmische Neugier die Angst bald besiegt hatte. "Weißt du das denn nicht? Ich will dir die Nacht zeigen!" "Die Nacht?" lachte Lyeljan. "Aber sieh nur, da geht doch schon die Sonne auf!" Und er zeigte auf eine dunkle Stelle am Horizont. Und der Dämon glaubte ihm und wandte sich nach der Sonne um, aber natürlich war da nichts als Finsternis. "So!" sprach er aufgebracht zu Lyeljan, "also wagst du es, ein Geschöpf der zweiten Nacht zu belügen? Verflucht sein sollst du von nun an, höre gut, was ich dir zu sagen habe: Die Nacht sollst du sehen und nichts als die Nacht; Das Licht sollst du suchen und finden doch nicht; So hast du dich selbst um die Wahrheit gebracht; Sei die Lüge dein Leben, und die Nacht sei dein Licht. So sei es von nun an, als Narr seist du blind, Verflucht bis zu dem Tag, da Narren Wahrsprecher sind." Lyeljan verstand es nicht, doch als Mylo verschwunden war, sah er - nichts. So fand Lúry ihn am nächsten Morgen, den Jungen, er lag am Boden und schien zu schlafen. Er hob ihn auf und trug ihn in Kyamesraals Palast, wo er ihn in seinem Zimmer niederlegte und wartete, daß er erwachte. "Was ist geschehen, Lyeljan", fragte er ihn und ahnte es da längst, "du siehst mir aus, als habest du einen Dämonen gesehen." "Nein", sagte Lyeljan und hatte es doch bejahen wollen, aber die Wahrheit kam nicht länger über seine Lippen. Doch Lúry verstand ihn schon. "Sicher hast du auch ihn belogen", vermutete er und kannte ohnehin die Antwort. "Nein", erwiderte Lyeljan, obschon er nun nichts lieber gewollt hätte als wahr zu sprechen. "Ist es denn Tag oder Nacht nun?" fragte Lúry weiter, denn er kannte die Geschöpfe der zweiten Nacht und wußte, was zu tun sie imstande waren. "Nacht", antwortete Lyeljan. "Und, Lyeljan", wollte Lúry noch wissen, "siehst du denn das Licht?" "Ja", log Lyeljan; da wußte Kyamesraals Narr, daß die Dämonen ihm das Licht genommen hatten. Also machte sich Lúry auf den Weg in die Nacht, denn er wollte die Dämonen selber sprechen. Er mußte nicht lange suchen, bevor er sie finden konnte, fanden sie ihn. "Nacht ist Licht und Licht ist Nacht", spotteten sie, "bis der Narr die Wahrheit sagt!" "Hört mich an", bat Lúry sie, "ich bitte Euch -" "Licht ist Nacht und Nacht ist Licht", fuhren sie fort, "bis der Narr die Wahrheit spricht!" "Nein, hört mir zu", versuchte Lúry es erneut, und endlich waren sie still. "Seht mich an", sprach er alsdann, "seht mich, und sagt mir nur, was Ihr seht." "Einen Narren", lachten sie, "wir sehen einen Narren." "Einen Narren, der seine Lektion längst lernte", sagte Lúry, "habe ich doch selbst einmal unseren König verspottet. Und einen Narren, den man unter Handwerkern wohl einen Meister nennen würde. Lyeljan aber ist kein Narr, er ist nichts als mein Lehrling." "Lüge!" riefen die Dämonen, "er ist ein kleiner Narr, haben wir doch selbst gesehen!" "Dann seid Ihr blind", widersprach Lúry, "denn ein Narr ist nicht eher ein Narr, als bis sein Lehrmeister es sagt. Der aber bin ich; und als Kyamesraals Narr der einzige Narr am Hofe. Und ich spreche die Wahrheit." "Schwöre es", riefen die Dämonen, sicher, daß der Narr nicht wagen würde, die Macht der Lüge zu vergeben. Lúry aber sah sie mit festem Blick an und schwor, als erster Narr band er sich an die Wahrheit. "Die Wahrheit will ich sprechen von nun an", sagte er, "die Macht der Lüge niemals mehr nutzen. Im Licht will ich sprechen von nun an, den Schutz der Dunkelheit niemals mehr suchen. Die Nacht will ich zu erhellen suchen, die Schatten finden, doch der Wahrheit und dem Lichte dienen und sie in Ehren halten." Also trat Mylo vor und sprach: "So hast du als einziger Narr dich nun an die Wahrheit gebunden, Lúry. Kyamesraals Narr hat die Kraft der Lüge verschenkt! So will ich nun, wie es versprochen war, Lyeljan die Blindheit nehmen; mehr noch, von all euch Narren will ich die Blindheit nehmen, sie sollen Wahrheit und Lüge sehen, Licht und Nacht wohl zu unterscheiden wissen! Aber eines erkenne, Narr, in Wahrheit und Lüge sind wir nun Feinde; denn du bandest dich auf immer an das Licht, unser aber ist die Nacht." Also erkannte der Narr, und er kehrte zurück in den Tag, um Lyeljan zu suchen. "Willst du nun ein Narr sein, Lyeljan", fragte er ihn, "auch wenn es bedeutet, der Lüge zu entsagen und sich der Wahrheit zu verpflichten?" Und Lyeljan bejahte das, denn längst hatte er sich selbst geschworen, niemals mehr zu lügen. Da ließ Kyamesraals Narr ihn den ersten Schwur der Narren schwören, und da Lyeljan nun gleichfalls ein Narr war, riß Lúry eine seiner Schellen herab und gab sie ihm als Zeichen der Weisheit. "Vergiß nie, was du geschworen hast", mahnte er ihn, "denn so du Narr bist, mußt du Narr bleiben; allein wenn du den Schwur brichst, wirst du zurückkehren in die Blindheit, und Licht wird ewig Nacht sein für dich. Das aber wisse, wenn auch du die Macht der Lüge vergeben hast, daß die Macht der Wahrheit sehr viel größer ist; und allein größer noch als die Macht der Worte ist das Schweigen selbst." So haben viele Narren seitdem das Licht gesehen, und alle schworen der Lüge ab; so es aber nicht immer rechte Wahrheiten gibt, bleibt ihnen die Macht zu schweigen. Und von daher kommt, daß man noch heute oftmals sagt: »Schweigen bricht die Macht der Worte«, wenn man erkennt, daß wohl die Wahrheit falsch sein könnte. Aus dem Narrenzyklus: Der Tanz des Narren oder: Die Fesseln der Finsternis Der Narr ist ein Traumtänzer unter Sternen, Mond und Sonne. Er trägt Kugeln, die sind eine hell wie der Tag und drei schwarz wie die Nacht, und Schellen, die sind kupferne Sterne und singen die Lieder der Welt. Ein Narr aber weiß Lieder zu singen, die sind mehr als das, und sein Tanz zeigt den Menschen all ihre Träume; und wer den Narrentanz einmal gehört hat, wird ihn nie vergessen. Lúry war es, der ihn als erster hörte. Lúry, der es wagte zu schweigen. Es ist wohl eine lange Geschichte, die aber kurz erzählt werden kann, so wie ein Narr manche lange Geschichte in wenigen Worten zu erzählen weiß. Es war zu einer Zeit, die sehr lange vorbei ist, lange noch, bevor das Erdbeben die Zweite Stadt zerstörte. Zu einer Zeit, da die Menschen Seite an Seite mit den Drachen kämpften, für den Frieden, für das Licht, und gegen die Dunkelheit. Denn die Dämonen, Geschöpfe der zweiten Nacht und Wächter der Götter, wollten den Tag; wollten auch Wächter der Menschen sein und Wächter des Lebens und Wächter der Lande und der Wasser, so Wächter des Lichts. Das aber wollten die Menschen nicht, noch konnten die Drachen es dulden. So war es, daß unter der Führung Kyamesraals gekämpft wurde für die Gleichheit, den Frieden zwischen allen sechs Dimensionen, denn wenn auch die Götter Götter waren und die Steine Steine, so sollte doch niemand Herr über einen anderen sein. Es geschah, daß Lúry, der Narr des Königs, zwischen die Dämonen geriet, da seine Schellen Mond und Sterne waren, und die waren Geschöpfe der zweiten Nacht, gleich den Dämonen: so konnte es denen gelingen, den Narren zu fangen. Das war zu einer Zeit, da sie den Kampf fast verloren hatten; nur mit dem Narren zwischen ihnen konnten sie die Klinge noch abwenden. Denn er war der Schlüssel zum dritten Tag und zur dritten Nacht, zu denen, die dort kämpften, die Herrschaft der Dämonen zu brechen. Also stellte Moto Lúry ein Rätsel. "Wann sieht die Welt die Sonne nicht, träumen die Menschen? Wenn Lieder Träume sind, wann singen die Drachen?" Nun war es an Lúry zu antworten. Um ihn herum standen die neun Dämonen und warteten, und der Narr wußte die Antwort wohl, es war Nacht, wenn die Menschen träumten, und der Tag die Zeit der Drachenlieder; so lautete die Antwort 'Nacht', und sie lautete 'Tag'. Doch Miki trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach: "Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Nacht. Lautet aber die Antwort 'Nacht', so werden wir wissen, die Menschen zu töten." Und Myne trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach: "Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Drachen. Lautet aber die Antwort 'Tag', so werden wir wissen, die Drachen zu töten." So konnte Lúry weder die eine noch die andere Antwort geben, und da er nicht lügen durfte, blieb er stumm. Aber Mora trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach: "Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Schatten, die Dunkelheit selbst. Wage es nicht zu schweigen, Lúry, oder du wirst die Fesseln der Finsternis niemals wieder brechen." Lúry aber sah sie an und schwieg. Er sprach nicht, auch nicht, als sie ihre Warnungen wiederholten. Er sprach nicht, als sie ihren Kreis enger zogen, und nicht, als sie begannen zu singen. Ihre Gesänge aber waren keine Lieder, nichts als Schreie: sie zerbrachen die Stille in Lúry und ließen doch Stille zurück. Sie ließen den Narren gehen, da sie nicht die Macht besaßen, ihn zu halten. Die drei schwarzen Kugeln gaben sie ihm mit, daß er nicht vergessen möge, warum er nun schweigen mußte. Es war die blaue Stunde, in der die Menschen und die Drachen sich trafen. Zwischen sie trat Lúry und konnte doch nicht sagen, was geschehen war. Malescaron war es, der den Narren sah, und er hielt ihn und sagte: "Drei schwarze Kugeln, Lúry. Ihr wart bei den Geschöpfen der zweiten Nacht." Lúry hörte ihn nicht, er hörte nichts als die Schreie in sich. Er öffnete den Mund, um selbst zu schreien, aber er blieb doch stumm. Sogar die Schellen klangen nicht mehr. So brach der Narr zwischen ihnen zusammen und blieb dort am Boden liegen. Sie wollten ihm helfen, sie hoben ihn auf und brachten ihn fort und blieben bei ihm, selbst die Drachen blieben, obschon es Tag wurde. Lúry aber versuchte zu sprechen und brachte doch kein Wort hervor. Sie wachten bei ihm den ganzen Tag, Menschen und Drachen vereint, aber es blieb, wie es war, Lúry blieb gefangen in diesem Käfig aus dämonischen Schreien und blieb selbst doch stumm. Es wurde Nacht, und Lúry schwieg, so sehr er auch sprechen wollte. Sie sahen den Wahnsinn in seinen Aus dem Narrenzyklus: Als Fárinan für einen Tag König war Zur Zeit des Königs Rorard -- das war eine Zeit, da gab es noch Síor Callÿn, und die Pferde, die man ritt, wurden noch wild gefangen - gab es einen Narren am Hofe, das war Fárinan. Von diesem lustigen Burschen erzählt man sich so manche Geschichte. Die bekannteste ist sicher die von dem Tag, an dem Fárinan König war. Das kam so: Es war eines Abends nach der alltäglichen Konferenz, die wie gewohnt zur grauen Stunde stattfand. An diesem Abend hatte der König viele schwere Entscheidungen zu treffen, denn es waren die Jahre des Windes, und die Leute hatten Angst. Wie es üblich war, stand Fárinan, der trotz seiner Jugend manchen an Weisheit übertraf, ihm dabei zur Seite, doch der König war ein guter König, und selten nur mußte Fárinan ihn von einer Entscheidung abbringen. Als dann die Minister den Saal verlassen hatten und der König mit seinem Narren allein war, stand der König auf und begann, in weiten Kreisen um den Tisch zu laufen. Die Arme hielt er dabei auf dem Rücken verschränkt, und er blickte zu Boden; es schien, als denke er angestrengt nach. Vor dem Tisch, auf dem Fárinan saß, blieb der König schließlich stehen, hob den Kopf und sah den Narren an. "Ach, Fárinan", seufzte er, "wie schön wäre es doch, ein Narr zu sein! Den ganzen Tag kann Er fröhlich sein und Musik machen und Geschichten erzählen oder auch einfach nichts tun, während sein König sich quält, die Entscheidungen für ein ganzes Volk zu treffen! Wie schön wäre es, singend durch die Felder zu laufen, niemand, der einen beachtet! Wie schön, ein Narr zu sein!" Fárinan sah den König einen Augenblick lächelnd an, dann aber wurde seine Miene ernst, und er erwiderte leise: "So einfach ist das nicht, mein König." Dann glitt er vom Tisch herab und begann, wie der König zuvor, in weiten Kreisen darum herum zu laufen. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen und finsterer Leidensmiene sprach er: "Ach, Majestät, wie schön wäre es doch, ein König zu sein! Den ganzen Tag könnt Ihr fröhlich sein, müßt Ihr doch nicht arbeiten und habt doch immer genug Geld! Nur dem Volke sich präsentieren und ab und zu ein bißchen das Land regieren, wie schön wäre das! Auf dem Balkon des Palastes würde man stehen und auf die Bauern herab sehen, und jeder, jeder beachtet einen! Wie schön, ein König zu sein!" Der König lachte, denn eigentlich war er ein sehr fröhlicher König. "So meint Er wohl, es sei leichter, König zu sein als Hofnarr?" fragte er dann. Der Narr grinste und nahm seinen Platz auf dem Tisch wieder ein. "So meint Ihr wohl, es sei leichter, Hofnarr zu sein als König?" gab er zurück, wobei er sich bemühte, die Stimme des Königs so gut wie möglich nachzuahmen. Lächelnd wandte der König sich ab und trat ans Fenster. Eine Weile sah er hinaus in die Dunkelheit, denn längst hatte die Sonne ihren Platz mit dem Mond getauscht und würde ihn erst am Morgen zurückerhalten. "Nun gut", sagte der König schließlich und trat erneut an Fárinan heran, der immer noch auf dem Tisch saß. "Wir werden es herausfinden. Von morgen früh an bis zur grauen Stunde sei Er König, und sein König wird den Platz eines Narren einnehmen." "Abgemacht", erwiderte der Narr kichernd, "mit einem Unterschied. Nicht von morgen früh an werden wir die Rollen tauschen, sondern von jetzt an!" Rasch griff er nach der Krone des Königs und setzte sie sich selbst auf. Dann stellte er sich auf den Tisch, sah von dort auf den König herab und wies schließlich mit ausgestrecktem Arm in herrischer Geste auf die Tür. "Nun geh' Er schlafen, die Konferenz ist längst beendet!" rief er. Der König zögerte nicht lange, da er Spaß verstand; so machte er sich auf zum Zimmer des Narren. Fárinan aber hüpfte fröhlich vom Tisch und schritt dann mit würdevollen Schritten davon, denn heute nacht würde er im königlichen Bette schlafen. Zufrieden machte der König es sich im Zimmer des Narren gemütlich. Er zog den mit Stroh gefüllten Sack unter das Fenster, legte sich darauf und deckte sich mit der bunten Decke zu, glücklich, endlich einmal wie ein einfacher Mann schlafen zu dürfen. Bald aber mußte er feststellen, daß er nicht schlafen konnte. Das Stroh in dem Sack piekste und zwickte ihn, und durch das undichte Fenster zog es so sehr, daß die dünne Decke ihn kaum wärmen konnte. Zudem war der Sack zu kurz, um ganz darauf zu liegen, und so drehte der König sich viele Male hin und her, bevor er endlich schlafen konnte. "Aber was soll's", dachte er sich, "die eine Nacht nur, morgen werde ich wieder in meinem weichen Bette liegen." Fárinan indes hatte einige Mühe gehabt, den Dienern des Königs zu erklären, was vorging. Schließlich aber glaubten sie ihm, denn er war nun mal ein Narr, und diese hatten mitunter etwas wunderliche Einfälle. Und da sie wußten, daß ihr König einen solchen Scherz mitmachen würde, hatten sie keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Dann endlich lag der Narr im großen, weichen Bett des Königs. Es war ein weiter Weg gewesen bis dahin; ständig hatten die Diener ihn gefragt, ob er noch irgend etwas brauchte, nichts hatten sie ihn selbst tun lassen. Selbst beim Auskleiden hatten sie ihm geholfen. Und nun, da er schlafen wollte, waren sie immer noch da! "Was wollt ihr denn noch, kann ich jetzt nicht endlich schlafen?" Die Diener kicherten, als Fárinan ihnen aber einen warnenden Blick zuwarf, waren sie still. "Wenn Seine Majestät es wünscht, werden wir nun gehen", sagte einer, nicht ganz ohne Spott. "Ich wünsche nicht, ich befehle", erwiderte Fárinan gefährlich leise, und da mußten sie ihm gehorchen. Endlich also war der Narr allein. Wie eine Katze rollte er sich im großen Bett des Königs zusammen und wollte schlafen. Doch auf der weichen Matratze wußte er gar nicht, wie er sich legen sollte; zudem waren da Geräusche von draußen, die ihn störten. So stand er schließlich wieder auf und ging zur Tür, um nachzusehen. Vor der Tür standen zwei Wachsoldaten, die sofort Haltung annahmen, als sie den König sahen. "Warum steht ihr hier?" fragte Fárinan, denn er hatte geglaubt, endlich allein zu sein. Dann aber kam ihm in den Sinn, daß sie ihn wohl des Nachts bewachen wollten, denn Wachsoldaten sind dazu da, das Leben des Königs zu schützen. Noch bevor sie antworten konnten, hatte er die Tür wieder geschlossen und sich wieder auf das große, weiche Bett gelegt. Da er aber glaubte, nicht schlafen zu können, so lang er sie vor seiner Tür wußte, ging er abermals hinaus, denn er hatte eine Idee, sie fortzuschicken. "Geht, bewacht den Narren", befahl er ihnen. "Los, tut, was ich euch sage! Und wehe, er bemerkt etwas davon!" Sie sahen sich kurz an, und achselzuckend, bemüht, nicht zu lachen, machten sie sich davon. Nun, da er seinen König sicher wußte, konnte Fárinan endlich schlafen. Der König erwachte früh am nächsten Morgen, da er fror, denn in der Nacht war es bitter kalt geworden. Er fühlte sich müde, und sein Rücken tat ihm weh von dem harten Stroh: da erinnerte er sich, daß er mit seinem Narren die Rollen getauscht hatte. "Nun", so sagte er sich, "dann wollen wir sehen, was wir zum Anziehen finden." Er wollte schon aus Gewohnheit nach seinen Dienern rufen, besann sich aber und ging selbst zu der einzigen Truhe hinüber, die in dem kleinen Zimmer stand. Darin fand er ein Narrenhemd aus grünem Leinenstoff, welches über und über mit kleinen Schellen besetzt war; außerdem lag dort ein Glockenspiel. Das Hemd zog er an und versuchte sich dann darin, den Glöckchen ein Lied zu entlocken. Doch brachte er nur solch schreckliche Klänge hervor, daß die Magd vom Hof herauf rief: "Sei still, du Narr! Kannst nicht einmal an einem so schönen Tag ein schönes Lied spielen?" Der König ließ die Glöckchen sinken und trat ans Fenster. Da unten stand die Magd und hob drohend die Faust nach ihm, denn sie wußte ja nicht, daß er der König war. Der Narr wiederum ärgerte sich, daß er schon im Morgengrauen aufstehen mußte. Sogleich war sein Zimmer wieder voller Diener, die ihm halfen, sich anzukleiden und zurecht zu machen. Fárinan wäre es ja recht gewesen, hätte er sein eigenes Hemd anziehen können und nur die Krone dazu aufsetzen, aber nein: es war der erste Tag des Monats, und so mußte der König sich zur zweiten Stunde auf dem Balkon des Palastes zeigen und die Wünsche und Beschwerden des Volkes entgegennehmen. So mußte Fárinan die ganze Garderobe des Königs anziehen; das Hemd und die Hose aus teurer Seide, so daß er gleich Angst hatte, einen Fleck hinein zu machen; dazu eine Weste aus dunklem Samt und schließlich den schweren pelzbesetzten samtenen Umhang. Und das, wo draußen die Sonne schien und es sicher ein warmer Tag werden würde! Ein Gutes aber hatte das: unter all der schweren Kleidung würde das Volk ihn, den Narren, sicher nicht erkennen, und für einen Tag lang wäre er wirklich König. Der wahre König indes war hungrig, und da ihm einfiel, daß der Narr selbst für sein Frühstück sorgte, machte er sich auf den Weg in die Stadt. Zwar hatte er das Glockenspiel dabei, doch wußte er, daß er es nicht würde spielen können. So machte er sich zunächst auf zum Brunnen, wo er sich niederließ und das Treiben auf dem Marktplatz beobachtete. Niemand beachtete ihn. Das gefiel ihm zunächst, doch mit der Zeit fragte er sich immer mehr, woher er etwas zu essen bekäme. Da lud direkt neben ihm ein Bauer Kisten voller Äpfel von seinem Wagen. Rot und glänzend waren die Früchte, und mit leuchtenden Augen, wie ein hungriger Wolf, sah der König zu. "Ich könnte Euch helfen", sagte er schließlich. Der Bauer sah kurz auf, dann lachte er. "Du?" fragte er spöttisch. "Mir helfen? Die Äpfel willst Du vielleicht stehlen, oder was!" "Nein, ich --" wollte der König widersprechen, doch der Bauer unterbrach ihn. "Ach, sei still!" schrie er, trat vor ihn, faßte ihn am Arm und wollte ihn schon von dem Brunnen ziehen. Doch einer der anderen hielt ihn zurück. "Hey, laß ihn doch!" rief dieser, "soll er zeigen, was er kann! Wenn er mit den Äpfeln jongliert, will ich ihm gerne einen kaufen!" Der Bauer ließ den König los und grunzte irgend etwas zwischen Zustimmung und Gleichgültigkeit. Dann warf er dem König drei Äpfel zu, die dieser zu fangen versuchte, doch zwei davon ließ er sogleich fallen, und als er sich nach ihnen bücken wollte, fiel ihm auch der dritte hinunter. "Die schönen Äpfel", stöhnte der Bauer. "Welch dummer Einfall, Jaron!" Jaron aber lachte über den vermeintlichen Narren, der verzweifelt versuchte, alle drei Äpfel aufzuheben und sie dann auch noch geschickt in die Luft zu werfen. Als er sie wieder fangen wollte, fielen sie erneut alle zu Boden. Hätte er nicht Narrenkleidung getragen, es wäre ein jämmerlicher Anblick gewesen. So aber war es, daß die Menge bald aufmerksam wurde, und belustigt standen bald wohl zwanzig Bauern um den Brunnen herum und lachten und schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel. "Du wirst mir die Äpfel bezahlen, Narr!" tobte der Bauer. "Nun ruhig, Orjen", sagte Jaron, "ich zahl sie schon, jetzt sieh doch, wie lustig er ist! Nun aber, Narr", fuhr er fort und wandte sich an den König, "zeig uns, daß du richtig jonglieren kannst!" Aber das konnte der König ja nicht, so legte er rasch die Äpfel auf den Brunnenrand, murmelte eine Entschuldigung und verließ hastig, und immer noch hungrig, den Marktplatz. Fárinan war derweil in Begleitung der Minister, die nicht schlecht gestaunt hatten, als sie den Narren in der Kleidung des Königs erkannten, auf den Balkon hinaus getreten. Dort stand er nun und sah herab auf die Menge, die sich unten auf dem Hof versammelte. "Was soll ich ihnen sagen?" fragte er leise den Minister, der ihm am nächsten stand. "Nun", erwiderte dieser grinsend, "was Ihr ihnen immer sagt, Majestät." Fárinan wollte ihn schon zurechtweisen, doch die Menge wurde bereits unruhig. "Bürger von Ancallon", rief er deshalb und hob in geradezu königlicher Geste die Arme, "meine Freunde! Sagt, was kann ich heute für Euch tun?" Einen Augenblick lang war es unten still, und man sah überall verblüffte Gesichter. Dann aber ergriff einer von denen das Wort. "Wir haben kein Geld, König! Unsere Kinder haben Hunger!" "Ich werde mich darum kümmern", versprach Fárinan. "Wir haben Angst, König!" rief ein anderer. "Was ist mit den Schiffen, die wir sehen?" "Da ist nichts, was uns beunruhigen müßte", sagte Fárinan. "Was ist mit den Steuern, König? Wir zahlen zuviel, der Winter war hart!" "Ich werde mich darum kümmern", versprach der Narr wieder. Was sonst hätte er sagen sollen? Viele von denen dort unten ballten drohend die Fäuste. "Aber das sagt Ihr immer, König! Wann endlich geschieht etwas?!" Hilfesuchend schaute Fárinan zu den Ministern, die aber wichen seinem Blick aus und sahen in der Gegend umher. "Also gut"; sagte er schließlich, "also gut! Fünf von euch sollen heute abend bei der Konferenz anwesend sein, nun geht und schaut, daß ihr die fünf richtigen auswählt! Später dann sehen wir weiter." Elegant warf er sich dann herum und verließ erhobenen Hauptes den Balkon. Die Minister, die verwirrt und empört auf ihn einredeten, ignorierte er. Des Mittags kehrte der König in den Narrenkleidern auf den Marktplatz zurück. Noch immer quälte ihn Hunger, zwar hatte er den Vormittag damit zugebracht, im nahen Wald Beeren und Früchte zu sammeln, doch angesichts des vorangegangenen kalten Winters kaum etwas gefunden. Nun war er zurück in der Stadt, doch kaum daß er den Marktplatz betrat, hatte der Bauer Orjen ihn schon entdeckt. "Da ist er ja!", rief er laut und zeigte mit dem Finger auf den Narren, so daß alle sich nach ihm umdrehten. "Hey, habt ihr schon mal einen Narren gesehen, der nicht einmal zu jonglieren weiß?" Einer der anderen entdeckte das Glockenspiel am Gürtel des Narren und rief: "Spiel uns ein Lied, Kleiner!" --- "Ja, spiel uns ein Lied!" riefen auch die anderen. So mußte der König das Glockenspiel hervorziehen und ein Lied anstimmen. Doch wie schon am Morgen vermochte er auch jetzt den Glöckchen nur Mißklänge zu entlocken. "Hör auf, Narr, hör auf!" Doch der König hörte die Rufe nicht, so sehr war er damit beschäftigt, doch endlich Musik hervorzubringen. Schließlich griff der Bauer Orjen in eine seiner Kisten und warf einen Apfel nach ihm. Der König steckte das Glockenspiel weg und hob den Apfel auf. Er war alt und wurmstichig, nicht so schön wie die, mit denen er am Morgen hatte jonglieren sollen. Doch dem König erschien er verlockend und saftig, und da Orjen ihn anscheinend nicht mehr haben wollte, schien er doch ein gutes Mittagessen. Aber gerade als der König hineinbeißen wollte, sprang der Bauer Orjen mit einem Satz auf den Brunnenrand und schrie: "Da, seht, der Narr! Er hat meinen Apfel gestohlen, haltet den Dieb!" So war es wohl besser für den König, sich rasch davonzumachen, doch zwei kräftige Männer traten ihm in den Weg und hielten ihn fest. "Was also hast du dazu zu sagen, Narr?" fragte Orjen wütend. Hastig sah der König sich um, doch Jaron, der Orjen am Morgen beruhigt hatte, war nicht da. "Ich wollte nicht stehlen", versuchte er also, sich zu verteidigen. Doch die Bauern lachten nur. "Weißt du, was wir mit Dieben machen?" riefen sie und stellten sich drohend um ihn auf. "Weißt du das? Wir werden zum König gehen und deine Freigabe fordern, und dann --" "Aber ich bin doch der König", unterbrach der König sie kleinlaut. Da lachten sie nur noch lauter und riefen: "Du lügst, Narr! Wir werden dich zum König bringen und Strafe fordern!" So brachten sie ihn fort, zum Palast, wo ein Narr an jenem Tag regierte. Und der wunderte sich sehr, als sie den König brachten. Aber er ließ sie vor, so daß sie ihre Beschwerde persönlich vorbringen konnten. "Was also hat dieser euch getan?" fragte er und zeigte auf den König in den Narrenkleidern, der nicht wagte, Fárinan anzusehen. "Eure Majestät, der Narr behauptete, er sei der König", antwortete Bauer Orjen, sichtlich nervös, da er nicht im Traume geglaubt hatte, einmal mit dem König persönlich zu sprechen. "So", sagte Fárinan und konnte ein Schmunzeln nicht ganz unterdrücken. "Hat Er das, Narr?" Der König antwortete nicht, aber Fárinan konnte sich schon vorstellen, was geschehen war; zu gut kannte er selbst den Bauern Orjen und seine Freunde. "Es ist gut, Bauer Orjen", sagte er deshalb. "Ein Narrenkönig ist er. Ich werde ihn bestrafen." Und als die Bauern den Saal verlassen hatten, wandte er sich an den König und sprach: "Nun, geh Er auf sein Zimmer und denke Er über das nach, was Er gestern abend sagte! Zur Konferenz werde ich Ihn rufen lassen, doch soll Er nicht glauben, daß Ihm bis dahin ein Essen serviert wird!" Denn er ahnte schon, daß der König hungrig war; und zu oft hatte der König selbst ihn auf sein Zimmer geschickt und hungern lassen. Ein wenig tat ihm der König schon leid, doch er wollte nicht nachgeben; nein, er schickte ihm sogar zwei Wachsoldaten nach, daß sie darauf achteten, daß er sein Zimmer nicht verließ. Am Nachmittag dann kam die Stunde, zu der die Minister vorgelassen wurden und ihre Anliegen vorbringen konnten. Da sie ja von dem Rollentausch wußten, machten sie sich einen rechten Spaß daraus und stellten dem Narren Fragen, die sie ihrem König niemals stellen würden. Dennoch war Fárinan bemüht, auf alles eine angemessene und freundliche Antwort zu geben, auch dann noch, wenn der König seine Minister längst vor die Tür gesetzt hätte. Der König verbrachte seine Zeit derweil allein im Zimmer des Narren und wußte nun, daß es nicht so leicht war, ein Narr zu sein, zumindest nicht für einen König. So kam die Zeit der allabendlichen Konferenz. Der König an der Seite des Narren staunte nicht schlecht, als fünf Bürger vorgelassen wurden, unter ihnen Orjen, den die Bauern zu ihrem Sprecher gewählt hatten. "Nun", begann Fárinan, "so sagt mir, was Ihr wünscht, und was Euch beunruhigt." "Was ist mit den Schiffen?" fragte der Kaufmann Soenas. "Es kommen Fremde von Westen, was wird geschehen?" "Wir werden mit ihnen verhandeln", versprach Fárinan. "Sicher wollen sie nichts anderes. Noch gibt es nichts, wovor Ihr Angst haben müßtet. Es gibt keinen Grund anzunehmen, es würde einen Krieg geben; eher denken wir, sie sind Flüchtlinge einer fremden Welt." "Wir zahlen zu viele Steuern", sagte der Bauer Orjen. "Der Winter war hart, und die Kornspeicher sind leer. Uns bleibt kaum mehr Geld, unsere Familien zu ernähren." "Dann sollen Euch die Steuern erlassen werden bis zur nächsten Ernte", erklärte Fárinan. Er bemühte sich, den König zu ignorieren, wie auch dieser es manchmal mit ihm getan hatte, wenn er von der Richtigkeit seiner Entscheidungen überzeugt war. Doch war es nun mehr als das, denn was Fárinan jetzt versprach, würde der König halten müssen. So ging es weiter: was immer die Bürger forderten, versprach der Narr, und die Einwände des Königs hörte er nicht. Jedoch der König mußte sich eingestehen, daß all diese Forderungen berechtigt waren, daß er zum Teil einfach nichts davon gewußt, zum anderen sich nicht die Mühe gemacht hatte, etwas daran zu ändern. Jetzt aber würde er all die Versprechen halten müssen, die der Narr in seinem Namen gab, und er konnte ihm nicht einmal böse sein deshalb. Nach der Konferenz waren der König und der Narr allein im großen Saal, wie am Abend zuvor. Die graue Stunde war angebrochen und die Zeit der vertauschten Rollen nun vorbei. Also gab Fárinan die Krone zurück. "Hat Euch der Tag gefallen, Narrenkönig?" fragte er mit der Dreistigkeit eines Narren. "Hat Er keine Angst vor Strafe, nach allem, was Er getan hat?" fragte der König zurück. Fárinan aber kletterte auf den Tisch, blickte auf den König herab und lachte. "Ihr müßt hungrig sein, mein König", sagte er, fast klang es spöttisch. "Es ist gut, Fárinan", gab der König zurück. "Ich habe begriffen, daß es keinesfalls leicht ist, ein Narr zu sein." "Nein", erwiderte der Narr. "Vielmehr ist es so, daß einem stets das Schicksal anderer leichter erscheint als das eigene." Und der König wußte, daß der Narr recht hatte. Viel bleibt nicht zu sagen. Der König hielt selbstverständlich, was der Narr in seinem Namen versprochen hatte, und das Volk war glücklich und zufrieden. Fárinan ging ohne Strafe aus, im Gegenteil: er erhielt einen eigenen Schlüssel zur königlichen Speisekammer, so daß er nie mehr zu hungern brauchte. Doch zog er es meist vor, sich wie zuvor sein Brot auf dem Marktplatz zu verdienen. Ja, so sind sie, die Narren; bescheiden und glücklich in ihrer Einfachheit, und wann immer sie die Gelegenheit erhalten, halten sie anderen den Spiegel vor und zeigen ihnen ihre Fehler. Aus dem Narrenzyklus: Die Legende vom Kupfertag oder: Das Leben eines Narren Eine Kupfermünze ist eine Kupfermünze. Niemand würde das bestreiten wollen, ja viele würden sich nicht einmal die Mühe machen, ein zu Boden gefallenes Kupferstück wieder aufzuheben. Was ist ein Kupferstück schon wert in einer Zeit, in der selbst das Brot Silber kostet. In dieser Geschichte aber geht es um eine Kupfermünze, deren Wert mit Gold nicht aufzuwiegen war, denn ohne diese Kupfermünze hätte Jeshka sein Leben verloren. Es waren die Jahre des Frostes, selbst zur Erntezeit war es nicht warm geworden. König Rasmuel führte das Land, und bald jeden Tag standen Scharen von Bauern vor den Toren des Palastes und verlangten Einlaß, denn sie wollten den König bitten, daß er ihnen die Abgaben erließe, so sie doch kaum genug zum Leben hatten. König Rasmuel erhörte sie nicht, er wies seine Wachen an, die Tore geschlossen zu halten und die Bauern zu vertreiben. Der König aber hatte einen Narren am Hofe: Jeshka. Jeshka war einer von denen, die die Schatten kannten. In seinen grünen Augen blitzte das Wissen der Katzen, und gleich einer Katze wußte er unbemerkt den Palast zu verlassen und ebenso unbemerkt zurückzukehren, selbst wenn es bedeutete, im Schutz der hohen Nadelbäume an den steilen Mauern des südlichen Turmes emporzuklettern. Oft schon hatte Jeshka sich so davonstehlen können. In den ersten Stunden des Abends war er stets zurück gewesen: denn am Abend pflegte der König im großen Saal die Pläne für den neuen Tag zu fassen, und nie tat er das ohne seinen Narren. So ahnte niemand, was Jeshka tagsüber trieb, und kein Geräusch verriet ihn, wenn er wieder einmal während der morgendlichen Parade an den Wachsoldaten vorbeischlich, wie nie eine Katze zu hören sein wird, gleich wie viele Glöckchen sie um ihren Hals tragen mag. Es geschah am zweiten Tag des Erntemonds. Wieder einmal hatten die Bauern vergeblich seit dem Morgengrauen vor den Mauern des Palastes ausgeharrt, nur um wiederum fortgejagt zu werden, kaum daß die Sonne den Horizont überstiegen hatte. Doch diesmal folgte ihnen ein grauer Schatten mit grünen Katzenaugen, und die kupfernen Schellen an seinem Umhang schwiegen stille. Auf dem Marktplatz dann, wo die Bauern sich versammelten, sprang er mitten unter sie und stieg auf den Rand des Brunnens, der in der Mitte des Platzes stand. Aus einer seiner vielen Taschen zog er eine Münze, kupfern wie die Narrenschellen, hielt sie hoch und rief: "Seht her, Bauern dieses Landes, die ihr fürchtet, bald Hunger zu leiden!" Rot wie die aufgehende Sonne leuchtete die Münze in der Hand des Narren. "Sagt mir, was seht ihr hier?" Sie sahen zu ihm auf und lachten. "Bist du nicht Jeshka, der Narr?" fragte einer. "Willst du mit dem Kupferstück da unsere Steuern zahlen? Verspotte uns nicht, oder willst du hungrige Wölfe aufhetzen!" Jeshka verbarg die Münze in seiner linken Hand, warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein hungriger Wolf. Es war seine Pflicht, sie zu verlachen, wenn sie ihm doch sonst nicht zuhörten. "Wage es nicht!" brüllte der Bauer und hob drohend die Faust, aber einer der anderen hielt ihn zurück. "Laß ihn, Hanuz. Er ist ein Narr, siehst du es nicht?" Und wieder lachten sie, aber es war das Lachen der Verzweiflung, denn nicht einem von ihnen stand der Sinn nach Späßen. "Nein, hört mir zu", flüsterte Jeshka, und mit einem Mal waren sie alle still. "Einer von euch soll diese Münze haben. Wer sie aufhebt, soll nie mehr Hunger leiden müssen, in diesem Jahr nicht, und nicht in den folgenden. Im Gegenteil, Reichtum soll die Schwelle seines Hauses überschreiten und dort Einzug halten, wo nun das letzte trockene Stück Brot die hungrigen Mäuler nicht mehr ernähren kann." Er hielt die Münze wieder hoch, und das Sonnenlicht fing sich auf dem blanken Kupfer und warf rote Lichter über den dunklen Stein des Brunnens. "Denn eines will ich euch sagen", fügte er hinzu, leiser noch. "Dieses ist Kupfer, aber nicht Gold noch Silber können euch ernähren, so es nicht das Gold des Weizens und das Silber des Hafers ist. Dieses ist Kupfer, aber ---" "Was willst du, Narr?" unterbrach ihn Hanuz mit lauter Stimme. "Sollen wir denn Kupfer fressen?" Sie lachten nicht, denn sie wollten hören, was der Narr zu sagen hatte. Aber Jeshka sprach nicht weiter. "Ja, meinetwegen freßt Kupfer!" rief er statt dessen. "Ihr werdet nicht daran ersticken!" Mit elegantem Schwung warf er die Münze in den Himmel, so hoch, daß die meisten der Bauern ihm längst den Rücken zugekehrt hatten, als sie den kalten Boden traf. Dann wandte der Narr sich um und wollte den Platz verlassen, aber jemand trat ihm in den Weg. Ein langer dunkler Mantel verhüllte seine Gestalt, aber Jeshka erkannte den König wohl. "Was höre ich da, Narr?" fragte er zornig. "Warum verspricht Er, was niemand halten kann?" "Ihr könntet schon, mein König", gab der Narr zurück, denn ein Narr darf wider seinen König sprechen. "Ihr könntet, wenn Ihr wolltet." Aber was kümmert es den König, was der Narr darf. "Schweig Er still!" befahl der Herrscher, und Jeshka schwieg. Mit gesenktem Kopf folgte er dem König zurück in den Palast. Er wußte, die Bauern waren die wahren Narren, der König selbst war ein Narr. Denn auf dem Marktplatz lag unbeachtet die kleine Kupfermünze, die bald so viel wert sein sollte wie das Leben eines Narren. Traurig klangen die Schellen, als die Wachen des Königs den Narren fortbrachten, denn der König hatte befohlen, Jeshka in den südlichen Turm zu sperren. Auch wies er sie an, das Fenster mit Brettern zu vernageln, daß nicht einmal eine Katze den Weg ins Freie finden konnte. Im Dunkeln sollte er sitzen, der Narr, und darüber nachdenken, ob es rechtens war, etwas zu versprechen, das der König nicht halten wollte. Denn wenn ein Narr etwas verspricht, so spricht er stets im Namen des Königs. Am Himmel stieg die Sonne hoch und höher, aber nirgends vermochten ihre Strahlen den kalten Boden zu erwärmen. Nur dort, wo die Münze lag, erreichte die Wärme den dunklen Stein. Derweil wartete Jeshka in der Finsternis, daß der Tag zu Ende ging, denn er hoffte, daß der König ihn zur abendlichen Konferenz holen ließe. Damit ihm die Zeit nicht zu lang wurde, zog er unter dem Umhang sein Glockenspiel hervor, aber er vermochte den Glöckchen keine fröhlichen Lieder zu entlocken. Seine Gedanken nämlich waren bei der Kupfermünze, und er fragte sich, was er wohl tun würde, wenn sie jemand fand. Denn dann galt das Versprechen, das er gegeben hatte, und er mußte dafür sorgen, daß es erfüllt wurde. Doch bei Sonnenuntergang lag die Münze noch immer dort, wohin sie gefallen war. Ihr leuchtendes Rot stand der Pracht der untergehenden Sonne in nichts nach, und doch befand sie keiner derer, die sie sahen, für wertvoll genug, um sich danach zu bücken. Und bei Sonnenuntergang wartete der Narr noch immer im finsteren südlichen Turm, aber niemand kam, ihn zu holen. So brach die Nacht herein, und die Katze war gefangen. In der abendlichen Konferenz ward beschlossen, daß der Narr gefangen bleiben solle, bis sich jemand fand, der ihn freikaufte: diesem dann sollte er gehören und dienen. Auch den Preis setzte der König fest, und zwar benannte er eben jene Kupfermünze; und als Frist setzte er die letzte Stunde des folgenden Tages. Fand sich bis dahin niemand, der den geforderten Preis zahlen mochte, so mußte der Narr sterben. Und wer dann die Münze sein eigen nennen konnte, sollte nie mehr Hunger leiden, vielmehr sollte Reichtum in dessen Hause Einzug halten, so wie es versprochen war. So wurde es festgeschrieben und erstmals verkündet zur blauen Stunde des nächsten Morgens. So herrschte bald ein reges Treiben auf dem Marktplatz, denn ein jeder wollte dort die Münze finden. Diese aber war längst fort, geholt schon in der Nacht und gebracht in das Haus des Bauern Hanuz. Jeshka erwachte im südlichen Turm mit der aufgehenden Sonne. Ein Diener des Königs verlas ihm durch die geschlossene Tür das Urteil, und mit geschlossenen Augen hörte der Narr zu, ohnmächtig in seiner Finsternis. Das Glockenspiel blieb still an jenem Tag, wenngleich niemand es vermißte, nicht einmal der König selbst, den der fröhliche Klang der Glöckchen sonst täglich erfreut hatte. Denn welch eine Hoffnung sollte Jeshka haben? Wer immer die Münze haben mochte, wohl niemand würde sie hergeben, wenn ihr Besitz ihm Reichtum versprach. Und so es doch jemanden gab, der die Münze geben würde für das Leben eines Narren, was wäre Jeshkas Leben wert? Wie sollte ein Narr Diener sein? Nein, gleichwie: der Narr würde sterben. Vielleicht mochte Jeshka am Leben bleiben, doch der Narr würde sterben. Auf dem Hof des Bauern Hanuz stand eine alte Bank aus schwerem Holz; dort saß Hakan, des Bauern Hanuz Sohn, und drehte die kupferne Münze in seinen Händen, so daß sie das Licht der Sonne fing. Er hatte sie gefunden in der Nacht, als er im Licht des Mondes über den Marktplatz ging, wie er es oft tat, denn er war gern allein. Das Mondlicht hatte auf dem dunklen Stein die Münze rot schimmern lassen, und so hatte er sich gebückt, um sie aufzuheben; hatte sie dann so vorsichtig gehalten, als sei sie zart und zerbrechlich und nicht aus hartem Kupfer. Schließlich hatte er sie in seine Tasche gesteckt und mit nach Hause genommen, und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er sie vergessen. Bis dann der Bote des Königs verkündet hatte, was geschehen sollte. Nun also besaß Hakan die Münze, und er wußte nicht, was er tun sollte. Die Jahre des Frostes waren hart, und seine Familie war arm: und hieß es nicht, wer die Münze hatte, sollte nie mehr Hunger leiden? Aber Hakan kannte Jeshka, und er mochte den Narren: wie könnte er ihn sterben lassen, war doch der Preis für sein Leben nicht mehr als ein Kupferstück? Es war bald Mittag; so blieben nicht mehr allzu viele Stunden bis Sonnenuntergang. Niemals Zeit genug, um eine solche Entscheidung zu fällen. Auf dem Marktplatz versammelten sich die Bauern, denn ein jeder wollte wissen, wer die Münze gefunden hatte. Viele boten große Teile ihres Besitzes für die kleine Münze, und wie am Markttag schrien sie wild durcheinander, ein jeder bemüht, das beste Gebot zu nennen, doch wollten sie heute kaufen und nicht verkaufen. So hätte man an jenem Tag für ein Kupferstück mehr bekommen als für Gold und Silber. In lauten Rufen überboten sie sich gegenseitig, doch niemand wußte ja, wer die Münze hatte. Am lautesten schrie der Bauer Hanuz, dessen Sohn das Leben des Narren gerade in seinen Händen hielt. Es wurde Nachmittag, und noch immer schwieg das Glockenspiel. Jeshka hatte es aufgegeben, einen Ausweg zu finden; er würde sein Schicksal ruhig ertragen. Eine Katze in der Falle, nie würde sie ihren Stolz verlieren. Hakan stand vor dem südlichen Turm und sah nachdenklich hinauf, derweil die Schatten länger wurden. Dort oben also hielten sie den Narren gefangen, würden ihn nicht freigeben, so sich nicht jemand fand, der Reichtum verschenken wollte für ihn. Doch Hakan, er wollte schon, aber er begriff, daß Jeshka auch dann nicht frei sein würde. Sollte der Narr denn niemals wieder frei sein? So verstrich die Zeit, während Hakan, die kleine Kupfermünze fest in der Hand, verzweifelt eine Antwort auf diese so schwierige Frage suchte. Die Münze machte ihn zum Richter über etwas, über das er niemals richten wollte: die Freiheit, das Leben eines anderen. Sicher, er hätte die Münze einem anderen überlassen können, die Münze und somit die Entscheidung, nur wußte er zu gut, wie jeder andere entscheiden würde. Also ging der Tag zu Ende, ohne daß eine Lösung gefunden war. Doch dann, als die letzten Strahlen der Sonne die Erde erreichten, wußte der Sohn des Bauern Hanuz, was er tun würde. Jeshka im Turm sah nicht, daß es langsam dunkler wurde. Das vernagelte Fenster schenkte ihm weder Licht noch Hoffnung. Aber es war egal nun, und er wußte, daß es richtig war: er hatte einem der Bauern Reichtum versprochen, und das Versprechen würde sich erfüllen, die Worte würden nicht zu einer Lüge werden. So war es gleich, was geschah, und ruhig, wie nur die wissende Katze ruhig sein kann, zog er abermals sein Glockenspiel hervor und ließ die Glöckchen klingen. Sie spielten den Narrentanz, und so zerbrach die Dunkelheit in ihm; und als Hakan unten das bekannte Lied hörte, wußte er, daß seine Entscheidung richtig war. Die letzte Stunde des Tages brach an, die Sonne war bereits untergegangen und der Himmel von tiefem Grau, weshalb man jene Stunde die Graue Stunde heißt. Der König wartete im großen Saal, daß jemand kam, den Narren freizukaufen: doch glaubte er nicht, daß sich jemand finden würde. Wer würde dumm genug sein, Reichtum zu verschenken für das Leben eines Narren? Doch die schwere Tür wurde geöffnet, und zwei Diener führten einen jungen Mann herein und stellten ihn als den Sohn des Bauern Hanuz vor. Dann ließen sie ihn mit dem König allein. "Wie ist dein Name, Junge?" fragte der König, aber es interessierte ihn nicht wirklich; vielmehr suchte er zu verstehen, warum dieser junge Mann --- so er denn die Münze hatte --- den Narren wollte und nicht all das Geld, das ihm geboten war. Hakan nannte seinen Namen, und er wagte es, den König anzusehen. "So", sagte der König, "Hakan. Und weshalb nun bist du hier?" "Ich habe die Münze", erklärte Hakan und zog das kleine Kupferstück hervor. Der König lachte. "Du bist der Sohn des Bauern Hanuz, der kaum das Geld hat, seine Familie zu ernähren. Willst du also den Narren freikaufen?" Hakan sah den König unverwandt und forderte mit fester Stimme: "Ich will den Narren sehen, bevor ich ihn kaufe. Unter uns Bauern ist es üblich, die Ware vorher zu begutachten, oder glaubt Ihr, ich wollte die Katze im Sack kaufen?" Einen Moment lang war es still, dann erwiderte der König ruhig: "Das sind gewagte Worte wider deinen König, Hakan. Du sprichst fast wie ein Narr. Aber gut, du sollst ihn sehen: und überlege dir wohl, was du dann tust. Kaufst du ihn frei, so stürzt du deine ganze Familie ins Unglück. Den Preis ist sein Leben nicht wert." "Das weiß ich erst, wenn ich ihn gesehen habe", widersprach Hakan. So rief der König seine Diener und ließ den Sohn des Bauern Hanuz in den südlichen Turm bringen, vor die verschlossene Tür zum Käfig der Katze. Jeshka erhob sich, als er die Schritte hörte, und sah durch das winzige vergitterte Fenster in der hölzernen Tür, daß sie Hakan brachten, den Sohn des übellaunigen Bauern Hanuz. Hakan, der --- so schien es --- hier war, um die Kupfermünze einzutauschen gegen ihn, den Narren. "Laßt mich einen Augenblick zu ihm hinein", verlangte Hakan, und da es nichts gab, was dem widersprach, folgten die Diener und öffneten die schwere Tür. "Was willst du", fragte Jeshka mit leiser Stimme. "Du solltest gehen, Hakan, wenn du morgen früh die Münze noch hast, müßt ihr niemals mehr Hunger leiden." Aber Hakan trat an ihm vorbei in den Raum, während die Diener die Tür hinter ihm schlossen und so von neuem Finsternis den Raum erfüllte. Er trat an das vernagelte Fenster und fuhr in Gedanken mit den Fingern über das rauhe Holz, bevor er sich zu Jeshka umwandte und ihm antwortete. "Ich will das Lied von Euch hören, Narr", sagte Hakan. "Laßt die Glöckchen klingen und tanzt dazu, vielleicht weiß ich dann, was zu tun ist." So erklang in der Finsternis einmal mehr der Tanz des Narren, und die kupfernen Schellen klangen im Tanze wie die Glöckchen des Glockenspiels, wie eine kupferne Münze, die im Dunkeln zu Boden fällt. Als die graue Stunde vorüber war und die Nacht begann, waren viele der Bauern vor den Toren des Palastes versammelt, denn sie wollten wissen, ob jemand Jeshka das Leben schenkte; auch Hanuz war unter ihnen. Der König ließ sie hereinrufen, und so betraten sie alle den großen Saal und bildeten dort einen Kreis. In dessen Mitte standen der König und Hakan, und als es still geworden war und alle aufmerksam warteten, was geschehen würde, ergriff der König das Wort. "Wir sind hier, um zu sehen, ob es jemanden gibt, der ein Kupferstück, das Reichtum hält, verschenken will. --- Bringt den Narren!" Zwei der Diener verließen den Saal und kehrten kurze Zeit später zurück, Jeshka, der nicht einmal den Kopf hob, zwischen ihnen. "Hier bei uns steht Hakan, der Sohn des Bauern Hanuz", fuhr der König fort, "vielleicht will er den Narren kaufen!" Hakan aber kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn die Menge wurde laut, da sie nun sahen, wer das Kupferstück wohl hatte. Am lautesten wiederum war der Bauer Hanuz. "Wenn du die Münze hast, Hakan", schrie er, "wenn du dieses verfluchte Kupferstück hast und dafür diesen Narren kaufst, dann bist du nicht länger mein Sohn!" "Ich habe die Münze nicht", flüsterte Hakan, und doch hörte es ein jeder. Sofort war es still. "So wagst du es, wider deinen König zu reden, doch nicht wider deinen Vater?" fragte der König gefährlich leise. Da war nicht einer im Saal, der auch nur wagte, laut zu atmen. Selbst Hanuz schwieg, was niemand von ihm kannte. Schließlich war es Jeshka, der die Stille brach. "Er spricht die Wahrheit, er hat die Münze nicht. Er hat sie nicht, so wird er mich nicht kaufen." "Wer hat sie denn?" fragte der König spitz, obwohl er es längst wußte. "Ist nun jemand hier", rief er dann, "der den Narren kaufen will? Er hebe die rechte Hand und halte die Münze hoch!" Die Bauern standen schweigend und schauten, wie der König und seine Diener, wer die Münze heben würde. Hakan aber sah zu Boden, denn er ahnte, was geschehen würde. Leise klingelten die Schellen, als Jeshka die Hand hob, und die Lichter des Palastes fingen sich auf dem blanken Kupfer und ließen die Münze rot funkeln. Mit geschlossenen Augen vernahm Hakan nun, was der König zu sagen hatte. Jedes Wort davon drang zu ihm wie aus weiter Ferne, denn er war nicht länger er selbst, nicht länger der Sohn eines Bauern, hatte er doch Reichtum und alles verschenkt, als er dem Narren die Münze gab. "Wie wir versprachen", sagte der König, "daß der Narr dem, der für ihn die Münze gibt, gehören und dienen muß, so soll es geschehen. Da du, Jeshka, selbst den Preis zahltest, seist du nun frei und sollst niemandem gehören als dir selbst." So war es gesprochen, so würde es geschehen, denn ein König bricht sein Wort nicht, noch das seines Narren. "Die Familie des Bauern Hanuz aber", sprach der König weiter, "dessen Sohn Hakan ist, der die Münze fand, muß weiter Hunger leiden. Es sei denn ---", er machte eine wohlüberlegte Pause, "--- es sei denn, Hakan, der gezeigt hat, daß er ein wahrer Narr ist, verläßt den Hof seines Vaters und wird Narr am Hofe des Königs. Wir würden für ihn zahlen, was wir für die Münze versprachen: so würde der Bauer Hanuz wohl einen Sohn verlieren, doch auf immer Geld genug haben, seine Familie zu ernähren, und mehr als das." Ja, Hakan hatte es gewußt, und er verstand es, so wie er verstand, daß sein Vater keinen Moment zögerte, ihn an den König zu verkaufen. So wurde Hakan der Narr am Hofe des Königs, und er war dem König ein guter Narr. Stets wagte er, dem König zu widersprechen, da ein Hofnarr wider seinen König sprechen darf, ja sogar muß, und nicht selten hörte der König auf ihn und folgte seinem Rat. Jeshka aber, die Katze, war von Stund an frei und blieb doch Narr. Mit seinen Glöckchen zog er durch die Länder und erzählte die Legende vom Tag, an dem er mit nichts als einem Kupferstück seine Freiheit erkaufen konnte: diesen Tag hieß man von da an Kupfertag und feiert ihn heute noch am dritten Tag des Erntemonds als Fest der Narren und Spielleute. So erklärt es sich auch, daß ein freier Narr stets eine Kupfermünze bei sich trägt, wie auch Jeshka stets die Münze trug, die sein Leben kaufte und die der König ihm schenkte, wie er ihm auch die Freiheit schenkte. Denn diese Kupfermünze der Narren ist Zeichen der Freiheit, und wenn für manchen eine Kupfermünze nur eine Kupfermünze ist, so sollte er doch stets daran denken, daß sie für einen Narren ein Leben bedeuten kann. Aus dem Narrenzyklus: Der Narr und der Silberreif Von einem Narren namens Lusvin kennt man ein Märchen, das zeigt, wie ein Mensch auf der Suche nach seinem Glück manchmal das Licht nicht findet, weil er von der Sonne so geblendet ist. So erging es auch Lusvin, der als freier Narr durch die Länder zog, den Menschen Geschichten sang und niemals lang an einem Ort verweilte. Eines Tages geschah es, daß ihn nach seinem Spiel jemand beiseite nahm, ihn in eine dunkle Gasse zog und sagte: "Es gibt etwas, was ich dir geben will, Narr." Dann zog der Fremde aus einer Tasche einen kunstvoll gearbeiteten Silberreif hervor und warf ihn dem Narren zu. Lusvin war zu überrascht, als daß er ihn hätte fangen können, und so mußte er sich in der dunklen Gasse danach bücken und ihn suchen. Nun, er wollte ein so kostbares Geschenk nicht annehmen, doch als er den Reif endlich gefunden und aufgehoben hatte, war der Fremde längst fort. So steckte Lusvin den Reif ein und sagte sich: "So will es das Schicksal wohl, daß ich den Reif behalte; mag sein, er ist mir einmal von großem Nutzen, doch will ich von nun an seinen Besitzer suchen und ihm den Reif zum Schluß zurückgeben." Wie für jeden Narren, so kamen auch für Lusvin Zeiten, in denen es ihm schlecht erging. Viel wollten und konnten die Menschen ihm nicht geben für seine Lieder, und oftmals war es so wenig, daß es zum Leben nicht reichte. So hätte Lusvin nun den kostbaren Silberreif verkaufen können, aber er hielt an ihm fest, denn er wollte ihn ja eines Tages seinem Besitzer zurückgeben. Hungernd und frierend zog er darum weiter durch die Welt, auf der Suche nach seinem Glück, und auf der Suche nach dem rechten Besitzer des kostbaren Schmuckstücks. Schließlich führte ihn seine Reise in die Stadt Ferrnow. Dort, wie überall, zeigte er auf dem Marktplatz, wo er sang und die Glöckchen spielte, den Silberreif vor und erzählte, wie er an ihn gekommen war. Hier aber gab es einen Jungen, das war Conja; der glaubte, den Reif zu kennen. "Es ist ein Wappen darauf", stellte er fest, "und es mag sein, daß es das Wappen des Lord ad Cariljar ist. Nun, Lusvin, wir sollten zu ihm gehen; vielleicht hat der Mann, der ihn dir gab, ihn gestohlen." So machten der Narr und der Junge sich auf den Weg zum Lord ad Cariljar. Die Wachen aber, die bei dem Narren den Silberreif fanden, hielten ihn für den Dieb, denn tatsächlich war das Schmuckstück einmal gestohlen worden. Sie glaubten ihm seine Geschichte nicht, sondern warfen ihn in den Kerker, und den Jungen noch dazu. "Das hat man nun davon", schimpfte Conja, "da ziehst du schon seit Jahren durch die Lande, ungeachtet Hunger und Frost, nur um den Reif seinem rechtmäßigen Besitzer zu bringen; und kaum hast du den gefunden, sperren sie dich zum Dank dafür ein!" "Schlimmer noch", erwiderte der Narr, aber seine Stimme blieb ruhig, "sie werden uns hängen dafür, denn der Lord ad Cariljar wird sich gewiß nicht die Mühe machen, uns anzuhören. Selbst wenn, so wird er uns sicher nicht glauben." Dann zog er seine Glöckchen hervor und begann zu spielen, wie er es gelernt hatte. Conja aber lief rastlos in dem kleinen Raum umher, da er um sein junges Leben fürchtete. Am nächsten Morgen aber ließ der Lord den Narren zu sich rufen, und als er da sah, daß er einen Narren vor sich hatte, fragte er ihn: "Nun also, Narr, sage mir, wer von euch den Reif gestohlen hat. Wenn du es warst, so soll der Junge frei gehen, und du wirst als Dieb an den Galgen kommen. Wenn du es aber nicht warst, gleich wer es war, dann soll der Junge sterben. Sage mir, was wird ein Narr in dieser Lage antworten?" "Ein Narr wird schweigen", erwiderte Lusvin, "denn lügen darf er nicht, und doch muß er alles tun, um zu verhindern, daß einem Unschuldigen ein Leid zugefügt wird." "So ist das", sagte der Lord, und in seinen Augen blitzte es, denn er wußte schon eine weitere Frage, um den Narren in die Enge zu treiben: denn immer schon war es ihm seltsam vorgekommen, wie manche der Kraft der Lüge so entschlossen entsagen konnten. "Was aber sagst du, wenn ich dir verspreche, wenn du schweigst, so kommt der Junge gleichfalls an den Galgen?" Lusvin überlegte lange, denn er zweifelte nicht daran, daß der Lord seine Worte wahr machen würde. "Das Gebot, das mir als oberstes erscheint", antwortete er schließlich, "fordert mich, meinem Gewissen stets zu folgen. Mein Gewissen aber sagt mir, daß der Junge, so er unschuldig ist, nicht sterben darf." "So weißt du nicht einmal, ob der Junge unschuldig ist?" fragte der Lord verwundert. "Recht ist's, das weiß ich nicht", bestätigte der Narr. "Und so werd' ich lügen und Euch sagen, ich hätt' den Reif genommen, allein daß ihr den Jungen gehen laßt, wenn es denn keinen anderen Weg gibt." Da aber ließ der Lord den Narren zurück in den Kerker bringen und sagte ihm, daß er ihn erst am Abend fragen werde. "Was nun hat der Lord von dir gewollt?" fragte Conja, der sichtlich erleichtert war, daß man den Narren wohlbehalten zurückgebracht hatte. Lusvin wollte erst gar nicht antworten, aber da ihn Conja ein zweites Mal fragte, mußte er ihm schließlich doch die Wahrheit sagen. "Ach, Conja", erklärte er also, "der Lord will dich töten, wenn ich nicht sage, daß ich den Reif gestohlen hab'. So aber müßt' ich lügen, und dann die Strafe des Narren tragen." "Was also willst du tun?" fragte der Junge. "Ich werde lügen", antwortete der Narr, und dann schwiegen sie beide, bis des Abends die Diener kamen, Lusvin erneut vor den Lord zu führen. "Nun", so sprach der Lord, "wie hast du dich entschieden, Narr?" "Fragt mich", erwiderte Lusvin, "so werd' ich Euch antworten." Und so fragte der Lord: "Hast du den Silberreif gestohlen, Narr?" Da wollte Lusvin gerade antworten, da rief eine Stimme hinter ihm laut "Halt!", und er wandte sich nach ihr um. Hinter ihm stand Liesliann, die Tochter des Lords, und sprach: "Ich, Vater, habe den Silberreif gestohlen." "Du lügst, Tochter, warum willst du ihn schützen?" rief der Lord. "Wohl kaum würdest du dein eigenes Schmuckstück stehlen!" Doch Lusvin erkannte wohl, daß sie die Wahrheit sprach. "Ich ließ den silbernen Reif dem Narren bringen, Vater", erklärte sie, "denn ich sah ihn einst auf dem Markte einer fernen Stadt, er aber wollte meine Liebe nicht erhören! Nun aber hat er den Reif zurückgebracht, und, Vater, Ihr solltet ihn dafür belohnen; wenn Ihr nun ihm mich zur Frau gebt, so kann er es nicht verweigern!" Der Lord verstand wohl, was seine Tochter wollte, und er nickte bedächtig. Lusvin aber glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. "Eher schon sterb' ich!" dachte er sich, aber er wußte schon, es besser nicht zu sagen. Statt dessen erklärte er, so ruhig er konnte, daß es ihm als Narren verwehrt war, eine Frau zu nehmen. Das wollte Liesliann wohl nicht hören, der Lord aber hatte es gehört und bot dem Narren wohl Reichtum und Macht, wenn er sie zur Frau nähme; sollte er sich aber noch länger weigern, wären sie dort wieder angelangt wie zuvor, und der Narr würde hängen. So bat sich Lusvin eine Nacht Bedenkzeit aus; die aber nutzte er wohl, denn er erzählte dem Jungen, was vorgefallen war. "Es ist wohl schade für dich, daß du sie als Narr nicht lieben darfst", meinte Conja, denn Liesliann war hübsch und reich und wohl ein großes Glück für jeden, der sie haben durfte. "Wie gern wollte ich sie zur Frau haben! Aber mich würde sie nie beachten; bin ja nichts als ein Sohn armer Eltern." "Du würdest sie wollen, Conja?" fragte Lusvin nach, denn er gönnte dem Jungen die Tochter des Lords wohl, und er hatte einen Plan. Als Conja bejahte, wußte der Narr, daß es die beste Lösung war. So trat er vor den Lord ad Cariljar und ließ auch all dessen Diener herbeirufen. "So habe ich entschieden", begann er, "und ich wünsche, daß ein Vertrag darüber aufgesetzt wird: derjenige, der den Silberreif zurückbrachte, soll die Lady Liesliann zur Frau bekommen und obendrein Reichtum und Macht!" Und die glückliche Liesliann drängte darauf, daß der Vertrag geschrieben wurde, und unterzeichnete ihn sogar als erste. "Nun hört mich an, den Narren, der nicht lügen darf", fuhr Lusvin fort. "Ich habe den Silberreif besessen und durch die Lande getragen auf der Suche nach dem rechten Besitzer; zurückgebracht aber hat ihn Conja, der als einziger das Wappen erkannte! Und da es hier geschrieben steht, soll Conja nun der Mann der Lady werden, und all den Reichtum des Lords einmal erben; es ist die Wahrheit, der Narr hat nicht gelogen!" Da gab es natürlich ein großes Geschrei, und die Lady fühlte sich gar übel getäuscht und belogen. Doch ihrem Vater war es schon recht, daß sie den jungen Conja zum Manne nehmen mußte, denn der schien ihm ein ehrlicher Junge zu sein, wohingegen er dem Narr noch immer nicht trauen wollte; denn wie konnte einer, der der Lüge entsagte, Weisheit sprechen? Nun, so waren sie alle glücklich, bis auf die Lady vielleicht: doch Verlierer wird es immer geben. Schließlich war sie es gewesen, die das falsche Spiel begonnen hatte, und Lüge zahlt sich niemals aus; allein in ihrem eigenen Spiel hatte Lusvin sie geschlagen. Der Narr also wanderte weiterhin durch die Lande, und vielerorts erzählte er die merkwürdige Geschichte von dem Silberreif. Sein Glück aber mußte er nicht mehr suchen, das hatte er jetzt gefunden und endlich erkannt, wo er es doch so lange schon besessen hatte: das war die Narrenfreiheit. Aus dem Narrenzyklus: Warum die Stadt Tonar keine Glocken hat So wie die kleine Stadt Tonar bekannt ist für ihre einfältigen Bürger, kennt man den Narren Nonja für seine schelmischen Streiche. Die Stadt Tonar besitzt einen der größten Glockentürme des Landes, doch keine Glocke. Daran ist Nonja nicht ganz unschuldig, doch wahrhaft schuld daran sind die Bürger von Tonar, die so dumm waren, auf den Narren zu hören. Denn Nonja kam eines Tages zum Bürgermeister, da hatte man Tonar gerade die Stadtrechte zugesprochen, und nun wollte man einen Glockenturm bauen. "Wir sollten den größten und schönsten Glockenturm des Landes haben", sagte Nonja, und die Bürger stimmten ihm zu. Da ließ der Bürgermeister den bekanntesten Baumeister des Landes kommen und trug ihm auf, den schönsten und größten Glockenturm des Landes zu bauen. Das tat der Baumeister, doch als der Bürgermeister ihn bezahlt hatte, war da kein Geld mehr im Stadtsäckel für die Glocke. "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir den schönsten und größten Glockenturm des Landes, und doch keine Glocke!" "Nun", erwiderte Nonja, "wir sollten die schönste und größte Glocke des Landes haben. Also sammelt alles Gold, Silber und Kupfer, was in der Stadt zu finden ist, und laßt eine große Glocke gießen!" Die Bürger waren begeistert von Nonjas Vorschlag, und gerne gaben sie all ihren Schmuck, ihre letzten Kupfermünzen und selbst ihre Waffen. Aus all dem Metall wurde dann eine wunderschöne große Glocke gegossen. Doch als die Glocke fertig war, war da nicht einmal mehr das Geld für den Schlegel. "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir den schönsten und größten Glockenturm des Landes, und wir haben die größte und schönste Glocke des Landes, und doch bleibt sie stumm, haben wir doch kein Geld für den Schlegel!" "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir den Glockenturm wieder einreißen und einen kleineren bauen lassen. Die Steine verkaufen wir und kaufen von dem Geld einen Schlegel. Dann haben wir zwar nicht mehr den größten und schönsten Glockenturm des Landes, doch immer noch die schönste und größte Glocke." Also wurde der schöne große Glockenturm wieder abgerissen und durch einen kleineren ersetzt. Die überzähligen Steine wurden verkauft, und von dem Geld ließ der Bürgermeister für die Glocke einen Schlegel anfertigen. Doch als der Schlegel fertig war und man die Glocke anbringen wollte, da war der neue Glockenturm zu klein für solch eine große Glocke. "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir die schönste und größte Glocke des Landes, aber sie paßt nicht in unseren kleinen Glockenturm!" "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir die Glocke wieder einschmelzen und eine kleinere gießen lassen. Dann haben wir zwar nicht mehr die schönste und größte Glocke, aber wenigstens paßt sie in unseren kleinen Glockenturm." Also wurde die schöne große Glocke wieder eingeschmolzen und eine kleinere Glocke gegossen. Die paßte jetzt in den Glockenturm, doch paßte der Schlegel nicht mehr in die Glocke, und so war die Glocke wieder stumm. "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir nur einen kleinen Glockenturm, und nur eine kleine Glocke, aber sie kann nicht einmal läuten, denn wir haben keinen kleinen Schlegel!" "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir wohl den großen Schlegel verkaufen und einen kleineren Schlegel anfertigen lassen." Doch niemand wollte einen Glockenschlegel ohne eine passende Glocke kaufen. Also wurde das übrige Metall eingeschmolzen und daraus ein kleiner Schlegel angefertigt, der in die Glocke paßte. So hätte die Stadt Tonar jetzt eigentlich einen hübschen kleinen Glockenturm gehabt, mit einer hübschen kleinen Glocke, die wohl läuten konnte, und dazu einen großen Glockenschlegel. Aber ach, die Bürger Tonars waren nicht zufrieden. Sie hatten den schönsten und größten Glockenturm des Landes haben wollen, und jetzt stand da nur ein mickriges Türmchen mit einem Glöckchen, dessen Schlag man nicht einmal bis zum Stadtrand hören konnte! "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir nur einen winzigen Glockenturm und eine winzige Glocke, das ist doch nichts! Aber wir haben nicht das Geld, einen großen Glockenturm bauen zu lassen." "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir wohl das Glöckchen verkaufen. Von dem Geld kaufen wir Steine, und damit bauen wir einen großen Glockenturm." Also wurde das Glöckchen verkauft, und mit dem Geld wurden Steine gekauft, und mit denen wurde ein größerer Glockenturm gebaut. Jetzt endlich merkten die Bürger von Tonar, daß sie wieder dort waren, wo sie begonnen hatten, nur daß sie statt ihres Geldes und ihres Schmuckes jetzt einen großen Glockenschlegel besaßen, den niemand gebrauchen konnte. Der Narr aber stieg lachend auf den leeren Glockenturm hinauf und rief von dort herunter: "Hört mir zu, Bürger Tonars, ihr Narren! Wißt ihr nun, was geschieht, wenn man blind den Worten eines Narren folgt? Seht ihr nun, wohin es führt, wenn man mehr erreichen will, als man sich leisten kann?" Da jagten sie ihn aus der Stadt, weil sie nicht sehen wollten, daß sie selbst so dumm gewesen waren. Der Glockenturm aber ist heute noch ohne Glocken, und der große Schlegel liegt im Keller des Rathauses und wartet darauf, daß irgendwann vielleicht doch eine große Glocke gekauft werden kann. So kommt es, daß man heute noch von einer Sache, die überhaupt nicht zu gebrauchen ist, sagt, sie sei so nutzlos wie der Glockenschlegel von Tonar. Und von einem, der nie genug bekommen kann, sagt man, er würde für einen Glockenturm selbst seine Glocke verkaufen. Als Reljakin mit den Wölfen heulte Es gab einmal einen Narren, das war Reljakin, der verstand die Sprache der Tiere und war gut Freund mit ihnen. Eines Tages ließ der Bürgermeister Reljakin zu sich rufen und sagte: "Die Bauern sind sehr aufgebracht, Reljakin, sie haben in den letzten Tagen Schafe und Ziegen verloren. Sie beschuldigen deine Freunde, die Wölfe, und du sollst dafür sorgen, daß das Rauben ein Ende nimmt." "Dann will ich zu ihnen gehen", erwiderte der Narr und machte sich gleich auf den Weg. Im Wald traf er die alte Wölfin, die das Rudel führte. "Die Bauern beschuldigen euch, ihr hättet Schafe und Ziegen gestohlen", sprach Reljakin in der Sprache der Wölfe. "Ich werde sie fragen", gab die Wölfin zurück und rief das Rudel. Fünfzehn Wölfe erschienen und bildeten einen Kreis um sie und den Narren. "Hat einer von euch eine Ziege, ein Schaf geholt?" fragte sie dann. "Keiner von uns", antworteten die Wölfe, "keiner von uns. Wir sind keine Räuber." Reljakin wußte, daß sie nicht logen. So kehrte er zurück ins Dorf und teilte dem Bürgermeister mit, daß die Wölfe keine Schuld traf. "Ich werde es den Bauern berichten", sagte der Bürgermeister. Doch am Mittag ließ er den Narren erneut zu sich rufen. "Keine guten Neuigkeiten, Reljakin", bemerkte er. "Die Bauern sagen, sie hätten die Wölfe gesehen, und für jedes Schaf, jede Ziege, die fehlt, wollen sie einen von ihnen töten." "Die Wölfe lügen nicht", entgegnete Reljakin. "Sie sind nicht die Räuber." "Das mußt du schon den Bauern selber sagen", erwiderte der Bürgermeister. Also ging Reljakin auf die Felder zu den Bauern. "Was willst du, Narr?" riefen sie, als sie ihn sahen. "Ihr sagt, die Wölfe hätten euch Schafe und Ziegen gestohlen", erklärte Reljakin. "Aber das haben sie nicht. Ihr solltet den Räuber besser unter euresgleichen suchen." "Was sagst du, Narr? Du beleidigst uns! Wir haben die Wölfe mit unseren eigenen Augen gesehen!" Aber Reljakin wußte, daß die Bauern logen. "Ich habe gehört, ihr wollt einen Wolf töten für jedes Tier, das euch fehlt", sagte der Narr leise. "Das werden wir", sagten die Bauern, "das werden wir." "Das wollt ihr tun?" fragte Reljakin noch einmal. "Obschon ich euch sage, daß es nicht die Wölfe waren?" "Wer sonst sollte es gewesen sein, Narr? Glaubst du, wir würden unsere eigenen Schafe stehlen?" "Dann will ich von nun an ein Wolf sein", sagte Reljakin, leiser noch, "und mit den Wölfen heulen. Und wenn ihr sie alle töten wollt, so müßt ihr auch mich töten: dieses eine Mal noch sage ich euch, sie waren es nicht." Die Bauern sahen sich an, dann aber lachten sie nur und wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Keiner beachtete mehr den Narren, der schweigend auf alle viere niederging und behende wie ein Wolf davonlief in den nahen Wald. Der Bürgermeister rief die Bauern zu sich, da er hörte, was geschehen war, und stellte sie zur Rede. "Er heult mit den Wölfen, weil er Angst vor ihnen hat", verteidigten sich die Bauern. "Er heult mit den Wölfen, weil er ihre Gesellschaft der euren vorzieht", widersprach der Bürgermeister. "Ihr habt ihn zu den Wölfen getrieben, so solltet ihr sehen, daß er zurückkehrt. Diesmal ist es wohl an euch, sich zu entschuldigen." Doch die Bauern stellten sich taub, sie kehrten zurück auf ihre Höfe und machten sich bereit zur Jagd. Des Nachts dann schlichen sie auf die kleine Lichtung zu; dort saß das Rudel von sechzehn Wölfen, mitten unter ihnen der Narr, und sie heulten den vollen Mond an. Sie sahen die Bauern zu spät, und zahllose Pfeile stoben unter sie und töteten fünfe. "Es tut mir leid", sagte Reljakin zu der alten Wölfin, als sie die Bauern vertrieben hatten. "So sind sie, sie glauben den Wolf zu kennen und geben ihm alle Schuld, ungeachtet der Tatsachen." "Sie werden dich zurückholen wollen, Narr", meinte die Wölfin, denn sie war alt und weise und kannte die Menschen wohl. "Du gehörst zu ihnen, bist du doch ein Mensch." "So will ich kein Mensch mehr sein", erwiderte Reljakin. "Wolf will ich sein von nun an und bleiben." "Du bist ein Narr, Reljakin", bemerkte die Wölfin, doch sie lächelte dabei, wie nur ein Wolf lächeln kann. Ein weiteres Mal rief der Bürgermeister die Bauern zu sich. "Nun habt ihr Wölfe getötet", stellte er fest. "Sind denn weitere Schafe verschwunden?" "Drei Schafe, fünf Ziegen", sagten die Bauern. "Wir werden alle Wölfe töten, dann wird es ein Ende haben." "Alle Wölfe?" fragte der Bürgermeister nach. "Alle Wölfe", bestätigten die Bauern. "Auch den Narren?" fragte der Bürgermeister, aber er erhielt keine Antwort. Wiederum gingen die Bauern des Nachts in den Wald, die Wölfe zu jagen. Wiederum töteten sie fünf von ihnen, bevor die Wölfe sie vertreiben konnten. "Du solltest zurück zu den Menschen gehen, Reljakin", sagte die alte Wölfin. "Hier gibt es nichts, was du tun kannst." "Ich gehöre nicht zu ihnen, Wölfin", wiederholte Reljakin, "ich bin ein Wolf." "So fürchte ich, wirst du als Wolf sterben", erwiderte die Wölfin. "Und sag mir, wem hat es dann genutzt?" Darauf konnte der Narr nichts antworten. Auch am nächsten Tag wurden die Bauern ins Rathaus gerufen. "Wie soll es weitergehen", fragte der Bürgermeister bekümmert. "Habt ihr nun nicht genug angerichtet?" "Es fehlen weitere vier Schafe und drei Ziegen", sagten die Bauern. "Wir werden nicht aufhören, bevor alle Wölfe zur Strecke gebracht sind." "Auch der Narr?" fragte der Bürgermeister wieder. "Auch der Narr", antworteten die Bauern diesmal. Ein weiteres Mal töteten die Bauern in der Nacht fünf Wölfe. Allein der Narr und die alte Wölfin blieben zurück. "Nun müssen sie doch erkennen, daß nicht die Wölfe die Räuber waren", sagte Reljakin, doch es klang mutlos. "Du weißt, daß sie nicht erkennen wollen", meinte die Wölfin. "Geh fort von hier, Narr, mehr kannst du nicht tun." "Ich werde nicht gehen", entgegnete Reljakin. "Ich bin ein Wolf. Ich bleibe ein Wolf." "Warum willst du sterben, Reljakin?" fragte die Wölfin, doch was sollte der Narr darauf antworten. Ein letztes Mal rief der Bürgermeister die Bauern im Rathaus zusammen. "Er heult noch immer mit den Wölfen", sagten die Bauern. "Da sind keine Wölfe mehr", erwiderte der Bürgermeister. "Seht ihr denn nicht, daß der Narr recht hatte?" "Es fehlen weitere Schafe", gaben die Bauern zurück. "So lange der Narr dort draußen ist, gibt es noch Wölfe." In der nächsten Nacht töteten sie die alte Wölfin und fingen den Narren. Sie banden ihn mit Stricken und zerrten ihn vor den Bürgermeister. "Wir bitten um Erlaubnis", sagten die Bauern spöttisch, "diesen Wolf töten zu dürfen." "Ich kann euch nicht verbieten, einen Wolf zu töten", erwiderte der Bürgermeister leise. "Dieser da aber ist ein Narr." "Er ist ein Wolf", beharrten die Bauern. "Er ist ein Wolf, seht doch." Ja, wie ein Wolf lag der Narr gebunden am Boden und schnappte nach ihnen, als sie ihn berühren wollten. "Es ist genug, Reljakin", sagte der Bürgermeister zum Narren. "Steh auf, du bist doch ein Mensch." Doch der Narr sah ihn nur an, knurrend wie ein gefangener Wolf, ansonsten stumm. "Er ist ein Wolf!" riefen die Bauern und schwangen ihre Knüppel, doch der Bürgermeister hob die Hand, und sie hielten inne. "Reljakin", versuchte er es ein zweites Mal. "Du bist ein Mensch, so sprich zu uns. Sie werden dich totschlagen sonst, und ich kann sie nicht daran hindern." Der Narr hob den Kopf und sah ihn an, aber er blieb stumm. "Er ist ein Wolf!" riefen die Bauern wieder, und nur mit Mühe konnte der Bürgermeister sie noch zurückhalten. "Du bist ein Narr, Reljakin", sagte er leise und ging vor ihm in die Hocke. "Beende es jetzt, lang genug hast du gespielt. Du erreichst doch nichts damit." Aber nein, der Narr sprach nicht. So erhob sich der Bürgermeister und sah auf ihn herab, und dann rief er: "Nun gut, Narr, du wolltest es so! Zerstöre doch, was du zerstören willst, zerstöre dich selbst! Ich werde dich nicht zurückhalten." Der Narr warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Wolf, ein letztes Mal. Der Bürgermeister aber wandte sich ab und sah nicht zu, wie sie ihn erschlugen. Natürlich nahm das Rauben kein Ende. Viele weitere Tiere verschwanden, bevor sich endlich herausstellte, wer die Diebe waren: eine Bande von Bauernlümmeln aus dem Nachbardorf. Die Bauern mußten ihren Fehler nun erkennen, doch das brachte sie nicht zurück, nicht Reljakin noch die Wölfe. Bald plagten Scharen von Rasconte die Gegend, jetzt, da die Wölfe, ihre natürlichen Feinde, verschwunden waren. Sie stahlen Hühner und Gänse, und bald selbst Zicklein und Lämmer; und es gab niemanden mehr, der mit ihnen reden und sie überzeugen konnte, die Gegend zu verlassen. Die Verluste der Bauern waren weit größer nun als zuvor; und doch verlor niemand mehr ein Wort über das, was geschehen war, denn nicht einer hatte das Gefühl, falsch gehandelt zu haben. So hatte Reljakin es gesagt: sie glaubten den Wolf zu kennen, so war es klar, daß immer den Wolf die Schuld traf. Denn so lange es Fremde gibt, wird niemand den Feind im eigenen Volk vermuten. Ein Narrenmärchen Vor vielen Jahren lebte in der Gegend der Sternenstadt ein junger Mann namens Danallya, der war der Sohn eines Grafen und bekannt für seinen Edelmut. Manchem schon hatte er selbstlos und großherzig geholfen, doch als er selbst einmal in Bedrängnis geriet, fand sich da niemand, der Gleiches an ihm tun mochte. Es geschah nämlich, daß Danallya eines Pferdediebstahls bezichtigt wurde, den er gar nicht begangen hatte. Ein anderer hatte das Pferd des Nachts aus den Stallungen eines bekannten Kaufmannes am Orte geführt, doch meinte der Stallbursche, ganz sicher den jungen Grafen erkannt zu haben. Zwar glaubte der alte Graf seinem einzigen Sohn, doch wußte der reiche Kaufmann wohl, das Volk auf seine Seite zu bringen: und so sah der Graf bald die ganze Stadt gegen sich. Bei Nacht und Nebel schickte er den jungen Danallya fort, daß er in der Fremde ein Handwerk lerne und als einfacher Mensch lebe, denn das war besser, als in der Heimat als Sohn eines Grafen gehängt zu werden. So floh Danallya aus der Sternenstadt, und in der Ferne lernte er den Beruf des Narren. Ja, Danallya wurde ein Narr, er entsagte der Lüge und verschrieb sich der Freiheit. Denn so sollen die Narren sein, frei in all ihrem Tun und gebunden an die Wahrheit auf ewig. Und als Narr kehrte er zurück in die Sternenstadt, denn er hatte gehört, daß sein Vater im Sterben lag. Doch die Wachen des Grafen wollten ihn nicht in die Burg lassen. "Was will Er, Narr, auf der Burg des Grafen? Verschwinde Er, nichts hat Er hier verloren!" "Wenn aber ich Euch sage", sprach Danallya mit ruhiger Stimme, "daß der Graf mein Vater ist und ich sein Sohn?" So hätten sie ihm eigentlich glauben müssen, wußten sie doch, daß ein Narr nicht lügen darf. Aber nein, mochten sie sich wundern, daß er log, doch sie wußten es besser. "Der Graf hat keinen Sohn", erklärten sie, "er hatte wohl einen, doch der wurde vor neun Jahren als Dieb gehängt, droben auf dem Rabenberg; wir haben es selbst gesehen. Fort nun, Narr, oder will Er eingesperrt werden?" "Nein, ich geh' fort", erwiderte Danallya betrübt, "doch ich komm' wieder, wenn ich Euch beweisen kann, was ich bin." Da ließen sie ihn gehen und vergaßen ihn bald, und dem Grafen erzählten sie nichts davon, denn sie wollten ihn in seinen letzten Stunden nicht beunruhigen. Danallya aber verließ abermals die Stadt, und traurig ließ er sich auf einem Stein am Waldrand nieder, zog seine Flöte hervor und begann zu spielen. Wie er so spielte, kamen die Tiere des Waldes und ließen sich um ihn herum nieder, und schließlich ließ der Narr die Flöte sinken. "Ach, was soll ich nur tun", sagte er. "So liegt mein armer Vater im Sterben, und ich kann nicht einmal zu ihm. Wissen möcht' ich, wen sie damals an meiner Statt gehängt haben. Und herausfinden auch, wer nun das Pferd stahl, da ich es doch nicht war! Aber wie, wie nur soll ich das machen; und wie sonst ihnen zeigen, daß ich Danallya bin, der Sohn des Grafen!" Da sprach der schlaue Fuchs, der seine Worte wohl gehört hatte: "Nun, Danallya, ich weiß schon, wer von dem Pferdedieb weiß, und auch, wie du herausfindest, wen sie auf dem Rabenberg hängten. Wenn auch du mir einen Gefallen tust, will ich es dir verraten." "Das will ich gern", erwiderte Danallya. "Sag mir nur, was ich für dich tun kann, und so ich es vermag, will ich es tun." "Es gibt etwas, was ich gerne hätte", sagte also der listige Fuchs, "das sind ein paar Beeren des Goldstrauches. Die sollen eine rechte Leckerei sein, doch weiß ich selbst nicht, wo ich sie finden kann." "Dann will ich sehen, was ich tun kann", entgegnete der Narr. So machte Danallya sich auf in die Welt, die Beeren des Goldstrauches zu finden. Unterwegs spielte er die Flöte, doch da er selbst traurig war, vermochte er ihr kein fröhliches Lied zu entlocken. Dabei achtete er auf alles, was auf Feld und Wiese wuchs, aber goldene Sträucher sah er nicht, nur silberne manchmal zwischen all den grünen. Am Wegrand schließlich traf er einen alten Schneck, der saß auf einem rotschimmernden Stein. "Sei gegrüßt, Meister Schneck", begrüßte Danallya ihn, "sag, was schimmert dein Stein so rot?" "Ach", jammerte der Schneck, "man hat mich einst verzaubert, und nun schimmert der Stein so rot, weil ich nicht herunter kann von ihm; er hält mich fest und ich kann nicht fort, die Blätter des Liekenkrauts zu holen, die mich erlösen könnten." Der Narr aber hatte Mitleid mit dem Schneck, und obgleich er nicht viel Zeit hatte, versprach er, ihm zu helfen. "Sag an, Meister Schneck, weißt du denn, wo ich das Kräutlein finden kann?" fragte er dann. Das wußte der Schneck wohl, und er beschrieb Danallya den Weg zu einer wunderschönen Waldlichtung. Dort wuchs das Liekenkraut über und über, und rasch pflückte der Narr eine Handvoll Blätter davon. Doch goldene Sträucher wuchsen dort nicht, nur silberne manchmal zwischen all den grünen. Mit den Blättern kehrte er zurück zu dem Schneck und erlöste ihn alsbald von dem Stein. "So wollte ich dir zum Dank gern helfen, wenn ich kann, junger Graf", sagte der Schneck, der sehr wohl wußte, daß der Narr, den er sah, nicht nur ein Narr war. "Wenn du es weißt", so bat der Narr, "dann sage mir, wo ich den Goldstrauch finden kann." "Das weiß ich nicht", erklärte der Schneck, "doch frage die Lerche, sie kennt Wiesen und Felder; vielleicht hat sie einmal einen goldenen Strauch gesehen." Also machte Danallya sich auf die Suche nach der Lerche, und als er sich am Feldrand niederließ und auf seiner Flöte spielte, kam sie herbeigeflogen. "Sei gegrüßt, holde Sängerin", begrüßte er sie, "sag an, hast du einmal einen goldenen Strauch gesehen? Ich bin nämlich auf der Suche nach den Beeren des Goldstrauches, die will ich dem Fuchse geben, daß er mir sagt, wer den Pferdedieb kennt, so daß ich meine Unschuld beweisen und meinen alten Vater noch einmal sehen kann." "Nie sah ich einen goldenen Strauch, junger Graf", antwortete die Lerche, die sehr wohl wußte, daß der Narr, den sie sah, nicht nur ein Narr war. "Doch wenn du mir einen Gefallen tust, so will ich ausfliegen und danach Ausschau halten." "Das will ich gern", erwiderte Danallya. "Sag mir nur, was ich für dich tun kann, und so ich es vermag, will ich es tun." "Nun", sagte die Lerche, "seit einigen Tagen klingt meine Stimme nicht mehr so schön wie früher. Ich hörte wohl, ein Tee aus den Blättern des Liekenkrauts könnte mir helfen, doch weiß ich nicht, wo das zu finden ist; es ist so klein und unscheinbar, daß ich es aus der Luft nicht erkennen kann." Aber der Narr wußte es ja zu finden, und obwohl es ein recht weiter Weg war zurück zu der Lichtung, versprach er der Lerche, es für sie zu holen. So trafen sie sich nach einer ganzen Weile am Feldrand wieder. "Ich habe das Liekenkraut für dich gefunden", sagte der Narr. "So habe ich für dich auf allen Feldern und Wiesen nach einem goldenen Strauch gesucht", erwiderte die Lerche, "aber, Danallya, ich sah nur silberne manchmal zwischen all den grünen." "Ach, was soll ich nun tun", klagte der Narr, "in den Wäldern wächst der Goldstrauch nicht, und auch auf den Wiesen und Feldern ist er wohl nicht zu finden. Wo soll ich noch suchen?" "Frag einmal die Möwe", riet ihm die Lerche. "So wie ich die Felder kenne, kennt sie die Meere. Vielleicht wächst der Goldstrauch dort." Also machte Danallya sich auf die Suche nach der Möwe, und als er sich am Strand niederließ und auf seiner Flöte spielte, kam sie herbeigeflogen. "Sei gegrüßt, kühne Seglerin", begrüßte er sie, "sag an, hast du einmal einen goldenen Strauch gesehen? Ich bin nämlich auf der Suche nach den Beeren des Goldstrauches, die will ich dem Fuchse geben, daß er mir sagt, wer den Pferdedieb kennt, so daß ich meine Unschuld beweisen und meinen alten Vater noch einmal sehen kann." "Nie sah ich einen goldenen Strauch, junger Graf", antwortete die Möwe, die sehr wohl wußte, daß der Narr, den sie sah, nicht nur ein Narr war. "Doch wenn du mir einen Gefallen tust, so will ich ausfliegen und danach Ausschau halten." "Das will ich gern", erwiderte Danallya. "Sag mir nur, was ich für dich tun kann, und so ich es vermag, will ich es tun." "Nun", sagte die Möwe, "in der letzten Zeit fehlte mir oft die Kraft, lange Strecken zu fliegen. Man sagt aber, ein Sud aus den Blättern des Liekenkrautes könnte mir helfen, doch weiß ich nicht, wo das zu finden ist; es ist so klein und unscheinbar, daß ich es aus der Luft nicht erkennen kann." Aber der Narr kannte ja die Stelle, wo es zu finden war; und obwohl es ein sehr weiter Weg war zurück zu der Lichtung, versprach er der Möwe, es zu holen. So trafen sie sich nach einer ganzen Weile am Strand wieder. "Ich habe das Liekenkraut für dich gefunden", sagte der Narr. "So habe ich für dich auf allen Inseln der Meere nach einem goldenen Strauch gesucht", erwiderte die Möwe, "aber, Danallya, ich sah nur silberne manchmal zwischen all den grünen." "Ach, was soll ich nun tun", klagte der Narr, "in den Wäldern wächst der Goldstrauch nicht, und auch auf den Wiesen und Feldern nicht, und auch auf den Meeren ist er wohl nicht zu finden. Wo soll ich noch suchen?" "Frag den weisen Goldadler, der auf der Spitze des höchsten Berges wohnt", riet die Möwe. "Wenn einer weiß, wo der Goldstrauch zu finden ist, dann er, und er wird es dir gewiß sagen; denn ich wüßte neben dir keinen, der es so sehr verdiente." Also machte Danallya sich auf die Suche nach dem Goldadler, und als er den höchsten Berg bestiegen hatte und auf seiner Flöte spielte, kam er herbeigeflogen. "Sei gegrüßt, weiser Adler", begrüßte er ihn, "sag an, hast du einmal einen goldenen Strauch gesehen? Ich bin nämlich auf der Suche nach den Beeren des Goldstrauches, die will ich dem Fuchse geben, daß er mir sagt, wer den Pferdedieb kennt, so daß ich meine Unschuld beweisen und meinen alten Vater noch einmal sehen kann." "Nun, junger Graf", erwiderte der Goldadler, denn er wußte sehr wohl, daß der Narr, den er sah, nicht nur ein Narr war, "ich weiß, wo die Goldsträucher wachsen, und ich will es dir sagen; doch eine Aufgabe mußt du noch erfüllen, denn du weißt, nichts ist umsonst außer dem Tod." "Das weiß ich wohl", entgegnete Danallya, "so sage mir, was ich tun soll, und so ich kann, will ich es tun." Der Goldadler neigte den Kopf, als wolle er überlegen; schließlich aber sah er den Narren wieder an und sprach: "Drei Ringe gibt es, die einst verlorengingen: einer trägt einen blauen Stein, einer einen grünen und einer einen roten. Bringst du mir alle drei, will ich dir sagen, wie die Goldsträucher zu finden sind." Also machte der Narr sich auf den Weg, die drei Ringe zu suchen, doch er wußte nicht, wie er es anstellen wollte. So kehrte er zurück zum Strand und traf dort die Möwe. "Ach, Möwe", sagte er betrübt, "nun soll ich drei verlorene Ringe finden, und weiß doch nicht, wo ich suchen soll." "Nun, Danallya", entgegnete die Möwe, "du hast mir geholfen, so will ich dir jetzt helfen. Auf dem Grunde des Meeres liegt ein Ring mit einem blauen Stein, den will ich dir holen. Schließe du nur die Augen und spiele die Flöte, noch bevor dein Lied vorüber ist, will den Ring ich gebracht haben." Und der Narr tat, wie die Möwe sagte, und als die Flöte verstummte, lag vor ihm im Sand der Ring mit dem blauen Stein. Aber es fehlten ihm noch zwei Ringe, und so machte er sich auf den Weg, diese zu suchen. So kehrte er zurück zum Feldrand und traf dort die Lerche. "Ach, Lerche", sagte er betrübt, "nun soll ich noch zwei verlorene Ringe finden, und weiß doch nicht, wo ich suchen soll." "Nun, Danallya", entgegnete die Lerche, "du hast mir geholfen, so will ich dir jetzt helfen. Inmitten aller Wiesen der Welt liegt ein Ring mit einem grünen Stein, den will ich dir holen. Schließe du nur die Augen und spiele die Flöte, noch bevor dein Lied vorüber ist, will den Ring ich gebracht haben." Und der Narr tat, wie die Lerche sagte, und als die Flöte verstummte, lag vor ihm auf der Erde der Ring mit dem grünen Stein. Aber es fehlte ihm noch ein Ring, und so machte er sich auf den Weg, diesen zu suchen. So kehrte er zurück zu dem roten Stein und traf dort den Schneck. "Ach, Meister Schneck", sagte er betrübt, "nun soll ich noch einen verlorenen Ring finden, und weiß doch nicht, wo ich suchen soll." "Nun, Danallya", entgegnete der Schneck, "du hast mir geholfen, so will ich dir jetzt helfen. Dieser rotschimmernde Fels birgt einen Ring mit einem roten Stein, den will ich dir holen. Schließe du nur die Augen und spiele die Flöte, noch bevor dein Lied vorüber ist, will den Ring ich gebracht haben." Und der Narr tat, wie der Schneck sagte, und als die Flöte verstummte, lag vor ihm im Gras der Ring mit dem grünen Stein. So kehrte der Narr zurück zum weisen Goldadler, der auf dem Gipfel des höchsten Berges wohnte. "Hier bringe ich, was du verlangtest, weiser Adler", sagte Danallya und schaute besorgt in den Himmel, wo die Sonne bald schon unterging. "Nun", sprach der Adler, "so will ich dir sagen, wie du den Goldstrauch finden kannst. Es mag einfacher sein, als du denkst. - Hör zu, Narr, selten ist etwas so, wie es auf den ersten Blick scheint. So wie du, ein Schellennarr, der Sohn des Grafen bist, so wie das unscheinbare Liekenkräutlein in Wahrheit große Kräfte birgt, so mag wohl ein Strauch mit silbernen Blättern in Wahrheit ein Goldstrauch sein. Wie so vieles ist er nicht schwer zu finden, nur schwer zu erkennen, denn nichts an ihm ist golden." Hastig bedankte sich der Narr und machte sich auf den Weg zurück, jetzt, da er wußte, den Goldstrauch zu finden. Auf der Lichtung des Liekenkrauts hielt er an und machte eine letzte Rast, und das Lied, das er nun auf seiner Flöte spielte, klang längst nicht mehr traurig. Die Möwe, die Lerche und der Schneck kamen herbei, als sie seine Melodie hörten, und halfen ihm, die Beeren der silbernen Goldsträucher zu pflücken. Mit einer Handvoll Beeren kehrte Danallya dann schließlich zum Wald nahe der Sternenstadt zurück. "Meister Fuchs", rief er, "ich habe hier etwas für dich!" Und sogleich lief der Fuchs herbei und labte sich an den köstlichen Beeren. "Nun will ich dir wohl sagen, was ich weiß", sprach der Fuchs, "denn, junger Graf, du hast gelernt, daß das, was man sieht, nicht immer die Wahrheit ist. Also sage ich dir, die Schwalbe, hat gesehen, wer einst des Nachts das Pferd des Kaufmanns stahl, und der Rabe hat gesehen, wen man dafür auf dem Rabenberg hängte. Viel Glück wünsche ich dir, Graf des Sternenlands, hoffentlich kommst du nicht zu spät, es wäre nicht recht; hast du doch so viel Zeit darauf verbraucht, anderen in ihrer Not zu helfen." So kehrte Danallya zurück in die Sternenstadt, ließ sich dort auf dem Marktplatz nieder und spielte ein Lied, so daß alsbald die Schwalbe und der Rabe dahergeflogen kamen. "Seid gegrüßt, teure Schwalbe und Meister Rabe", begrüßte er sie. "Man sagte mir, Schwalbe, ihr kenntet den Pferdedieb; und ihr, Meister Rabe, wüßtet, wen sie damals gehängt haben oben auf dem Rabenberg. Beides aber muß ich wissen, daß ich meine Unschuld beweisen und als der Sohn des Grafen meinen alten Vater noch einmal sehen kann." "Nun, Danallya", sprach der Rabe, "dein Vater schickte dich vor neun Jahren fort von hier, an deiner Statt aber ließ er einen jungen Burschen hängen, der dir recht ähnlich sah; daß das Volk glaubte, du seist tot, und man nicht nach dir suchte." "Das ist nicht recht", sagte Danallya, "so hat ein anderer Unschuldiger sterben müssen, wo ich Unschuldiger hätte hängen müssen, und nur, weil ich der Sohn eines Grafen bin! Nein, Sohn eines Grafen will ich nicht länger sein und kann es auch nicht; dieser da war wohl der Sohn des Grafen und ich bin nur ein einfacher Bursch', der nichts gelernt hat als das Narrenhandwerk!" "Nun, Danallya", sprach die Schwalbe, "der Junge, der das Pferd gestohlen hat, hat das Tier am nächsten Tage verkauft auf dem Markt in der Nachbarstadt, um von dem Geld Kräuter zu kaufen für seine kranke Mutter; da hat er ja keinen anderen Ausweg mehr gewußt, hat ihm doch sonst niemand helfen wollen. Er ist ein Pferdebursche des Kaufmanns, wenn du ihn nun den Männern des Grafen nennst, sollst du sicher frei gehen." "Aber nein", sagte Danallya, "wie könnte ich das? Hat er doch recht gehandelt in meinen Augen; und ist längst ein anderer dafür gestorben, das kann er nun auch nicht wieder gut machen! Nein, so will ich schweigen darüber; und frei gehen will ich als Narr und nicht als Sohn des Grafen. --- Und doch will ich ein weiteres Mal versuchen, in die Burg vorgelassen zu werden." Also kehrte Danallya zurück zu der Burg seines Vaters, und dort standen die selbigen Wachsoldaten und versperrten ihm den Weg. "Sieh an, der Narr!" sagte der eine. "Will Er noch immer behaupten, Er sei der Sohn des Grafen?" "Oder will Er gar erzählen, Er sei der Graf vom Sternenland selbst?" spottete der zweite. "Es ist gleich nun", bemerkte der dritte mit leiser Stimme, "Er kommt zu spät, der Graf ist nicht mehr unter uns." Da warf der Narr wütend seine Flöte zu Boden, so daß sie zerbrach. "Wie könnt ihr da noch spotten!" schrie er, "so ist der Graf vom Sternenland tot, und mit ihm sein Sohn, den ihr wohl vor neun Jahren unschuldig gerichtet habt! Nichts, niemand ist da mehr als ein armseliger Schellennarr!" Und er riß sich die Schellen herab und warf sie gleichfalls zu Boden. Da endlich erkannten sie ihn, und auf den Knien baten sie ihn um Vergebung. "Nun", sprach der Sohn des Grafen, ruhig alsdann, "so habt ihr jetzt wohl gelernt, daß das, was man sieht, nicht immer die Wahrheit ist, so wie ein Goldstrauch vielleicht keine goldenen Blätter trägt. Ich vergebe euch; denn ihr seid Narren und wißt es nicht besser. Und doch gehe ich fort, denn ich will der Sohn des Grafen nicht sein; an meiner Stelle mag der Stallbursch' des Kaufmanns der Graf vom Sternenlande werden. Ich, wie ihr seht, bin nur ein Narr und bleibe ein Narr; denn die Narrenfreiheit ist mehr als alles, das ich je besitzen könnte." So sank er jetzt selbst vor den Wachen auf die Knie herab und las sorgfältig die Schellen vom Boden auf; auch die zerbrochene Flöte hob er auf, obschon sie wohl niemand reparieren mochte. Dann verließ er mit der Würde eines Narren die Sternenstadt und blickte nicht einmal mehr zurück. Der neue Graf der Sternenlande aber wurde, wie Danallya gesagt hatte, der Stallbursche des Kaufmanns, der Pferdedieb, der doch ein guter Mensch war und die Sternenlande mit Anstand führte; denn nicht immer ist das, was man sieht, die Wahrheit: manchmal trägt auch ein Goldstrauch nur silberne Blätter. Die Narrenzunft Wie schon Lúry der erste Meister der Narren war und Lyeljan sein erster Schüler, so ist bis heute der Beruf des Narren geblieben, wenngleich er sich gewandelt hat vom Berater des Königs bis hin zum freien Musikanten und Geschichtenerzähler. Dieses ist der Eid, den ein Narr leisten muß, bevor er die Schellen der Weisheit tragen darf: »Die Wahrheit will ich sprechen von nun an, die Macht der Lüge niemals mehr nutzen. Im Licht will ich sprechen von nun an, den Schutz der Dunkelheit niemals mehr suchen. Die Nacht will ich zu erhellen suchen, die Schatten finden, doch der Wahrheit und dem Lichte dienen und sie in Ehren halten. Musik und Tanz des Narren will ich erlernen im Kampf gegen die Fesseln der Finsternis; sie allein sollen meine Waffen sein gegen die dunklen Mächte. Mit Liedern will ich sie vertreiben und das Licht besingen, und mein Leben sei gerichtet auf das Ziel, die Dunkelheit zu brechen. So will mit drei Kugeln ich den Tanz des Narren tanzen, und sie sollen brechen, Nacht und Drachen und Schweigen; die vierte Kugel aber, das Licht, will ich schützen. Als Kämpfer soll ich nicht dienen, so es nicht ein Kampf um die Freiheit ist. So soll ich Waffen nicht andere tragen als das Rapier der edlen Männer, und Rüstung nicht andere als die Kleidung eines Narren. Das Ansehen der Narren soll Schutz genug mir sein, daß ich vor der Nacht mich nicht fürchten muß. Meine Pflicht sei es zu helfen, wann immer meine Hilfe vonnöten ist. Nicht achtlos vorübergehen darf ich an Wesen in Not, ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Rasse. Ungeachtet auch ihrer Taten, muß ich doch ihnen helfen, denn Großmut soll mein Meister sein und Vergebung mein Beispiel. Verboten sei mir zu töten, so es nicht in Not geschieht oder um Leiden zu ersparen. Auch will ich niemandem handgemein werden noch ihn für meinen Vorteil peinigen oder ihm die innere Ruhe nehmen. Versprechen will ich, desgleichen von anderen nicht zu dulden und den mit meinem Leben zu schützen, der Folter erleiden soll, gleich seiner Taten. Freiheit will ich finden selbst in den Ketten der Tyrannen, frei sein im Geiste, welche Strafe immer sie mir auferlegen. Nicht klagen will ich, was immer mein Herz zerfrißt, sondern allein Glück und Zuversicht finden in der Freiheit der Narren. Doch will ich Hilfe annehmen, wenn sie aus Freundschaft mir geboten wird, denn mein Leben ist verschrieben dem Lichte und soll nicht in Dunkelheit untergehen. Freund will ich sein jedem, selbst meinen Feinden. Doch will ich einsam bleiben im Herzen, der Liebe selbst entsagen, daß nicht die Zuneigung zu einem mich blind macht gegen die Nöte der anderen. Denn unterscheiden will ich nicht zwischen den Menschen, sollen Könige mir nicht edler sein als Mörder. Nicht blenden lassen will ich mich von dem Glanz des Geldes, noch will ich handeln für Ruhm und Ehre. Allein das Wissen um Wahrheit sei mein Antrieb, und die Freiheit des Narren sei mein Lohn. Was immer ich vollführe, soll geschehen für das Licht, und tun will ich es nur, wenn mein Gewissen es mir gebietet. Als Narr will ich die Freiheit anderer Narren achten, ihnen Raum gewähren und mich nicht niederlassen, wo es schon Narren hat. Denn ihre Lieder will ich nicht übertönen und ihre Geschichten nicht vorwegnehmen, daß ich sie des Lebens nicht beraube. So will ich leben von dem, was man mir zum Geschenk macht, und es nur annehmen entgegen der Lieder und Geschichten, die ich zu bieten habe. Einen Beruf außer dem des Narren will ich nicht erlernen, denn als Narr bin ich berufen, und Narr werde ich bleiben. So kann ich der Zunft der Narren von nun an niemals mehr den Rücken kehren, und ich sei gehalten, stets ihre Regeln zu befolgen. Blindheit aber soll mich schlagen, wenn ich es wage, ihre Regeln zu brechen; blind sein vor dem Lichte will ich und schutzlos sein im Banne der Nacht. Die Schellen, die ich nun erhalte, will ich tragen als Zeichen der Weisheit. Selten willl ich mich von manchen, niemals von allen trennen: denn jeder soll einen Narren erkennen, wenn er einen sieht. Und Wahrheit will ich sprechen, wann immer ich weiß, was Wahrheit ist, denn als Narr bin ich Diener im Lichte.« So also schwören die Narren, und sind Diener des Lichtes von da an.