Jean Paul Palingenesien Zwei Bändchen (1798) Inhalt: Erstes Bändchen Offner Brief an Leibgeber anstatt der Vorrede Alte Vorrede von Siebenkäs selber Erster Reise-Anzeiger Fata: meine Werthers Freuden in der Ehe - meine Werthers Leiden - das gefährliche Berühren meiner brieflichen Bundeslade - der 21.März voll scharfem Märzstaub - der Vorsatz Werke: mein Protokoll und Nachtblatt der Schläfer Zweiter Reise-Anzeiger Fata: der Hornrichter Stuß - Mr. le Comte Sebaud de Baraillon - warme Kälte des Herzens - die Lust auf Lustreisen - der Lazarus an der Mutterbrust - Baireuther billet doux und poetische Episteln aus Blech Werke: mens sana in corpore insano - Rekommendationsschreiben für Lottos - Statuten der historischen Gesellschaften in Baireuth, Hof etc. - Die Sponsalien im Muff Dritter Reise-Anzeiger Fata: mein Traum - und ein fremder - der Brief Werke: ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf der empfindsamen Kraftdekade schuld zu geben? Vierter Reise-Anzeiger Fata: Kleider-Simultaneum - mein consilium abeundi in Erlang - mein innerer Landsturm gegen Kellner und Kantianer - die schöne Nacht in der schönen Nacht Werke: warum der Kantianer andere leichter bekehren und verstehen kann als sich Zweites Bändchen Frachtbrief vom Juden Mendel Fünfter Reise-Anzeiger Fata: Grenzrezesse - der Paß des Grafen - die Feierlichkeiten bei meinem Einzug - Jagd nach Georgetten und Briefen Werke: Brief des Herrn Hans von Hansmann über seine 365 Gevattern Sechster Reise-Anzeiger Fata: die Monatswesten - das Haussuchen nach Georgetten - der Elegant und roué von Nürnberg - der schöne Sonntag auf dem Dutzendteich - Nürnbergs Beleuchtung - der Meistersänger - und seine Werkstatt - meine Not mit meiner Tochter Werke: syrisches Schreiben über den Wanderungstrieb der Edelleute Siebenter Reise-Anzeiger Fata: die epistolarische Expektantenbank - der Geburtstag und die Versöhnung Werke: Habermanns logischer und geographischen Kursus durch Europa, von ihm selber ganz summarisch dem Erbprinzen der Milchstraße vorgetragen Achter Reise-Anzeiger Fata: meine Todesangst vordem Reichsschultheiß - peinliches Interrogatorium - zwei Siebenkäse - zwei J.P's Werke: Avertissement meiner Rettungsanstalten auf dem Buchbinderblatte, für romantische Scheintote - Personalien vom Bedienten- und Maschinenmann - Fabel vom zepterfähigen Bären - Auszüge aus Briefen Neunter Reise-Anzeiger Fata: der Irrgarten - der Gethsemane-Garten - das Paradies-Gärtlein Werke (der Liebe, nicht der Not): siehe Fata Jean Paul: Palingenesien - Offener Brief an Leibgeber (1) Jean Pauls Fata und Werke vor und in Nürnberg Erstes Bändchen Offener Brief an Leibgeber anstatt der Vorrede1) Ich könnte, lieber Europas-Bürger, ebensogut, wie Petrarca, an Cicero und Augustin und Varro schreiben als an dich, weil du unaufhörlich wie eine Krankheitsmaterie oder wie eine verschluckte Stecknadel in der Jungfer Europa herumziehest und man nicht weiß, hältst du dich in ihrem Magen oder in ihrem Herzbeutel oder im Ärmel oder Stiefel auf. Da aber ein Buch leicht die ganze Welt antrifft, und also auch dich: so geb' ich diesem meine Epistel offen mit. Einige Geheimschreibereien darin, die unter uns bleiben müssen, hab' ich schon mit so viel Klugheit behandelt, daß weiter niemand daraus klug werden kann als ich und du. Eh' ich dir deinen Brief - vom längsten Tage datiert, aber am kürzesten eingegangen - beantworte, muß ich dir sagen, was ich eigentlich mit dem Couvert oder der Brieftasche des meinigen, nämlich mit diesem Buche haben will. Der gelehrten Welt, das ist dir bekannt, hab' ich in der Biographie unsers geliebten Siebenkäs es aufgedeckt, daß und unter welchen Lagen er das anonyme Buch die Auswahl aus des Teufels Papieren geschrieben habe. Seit dieser Schöpfungsgeschichte wurde auf einmal dem Werklein, das vorher kein Mensch ansah, geschweige gelehrt anzeigte, von allen neun Reichskreisen nachgesagt und nachgestellt; besonders waren Hof, Kuhschnappel, Baireuth, Schraplau unglaublich aufs Buch erpicht, nicht sowohl in der Hoffnung, daß es einige satirische Streiflichter auf Blaise, Lenette, den Venner Rosa etc. werfe, als deswegen, weil der Mensch, wenn er den Vater kennt, ungemein gern auch dessen geist- und leibliche Findel-, Mantel- und echte Kinder kennenlernen will. Und ich selber, ich berg' es nicht, wäre imstande, aus unsäglicher Achtung für Shakespeare seinen Töchtern nachzuweisen, ja erotisch nachzugehen, wenn noch genug von ihnen da wäre. Allein das Opus war wie diese beiden Mädchen und wie jeder Mensch gerade vor der Unsterblichkeit, die es jetzt genießet, verstorben, und der Teufel hatte seine eignen Papiere geholt: ich meine, den Goldbarren oder Warenballen seiner Papiere hatte man zu Blättchengold zerlegt und damit Eßwaren und Locken übergoldet. Ich selber hätte ohne die Güte des Verfassers kein Exemplar zur zweiten Auflage aufgetrieben, die er mir aus Gründen, welche dir das erste Kapitel in diesen Palingenesien seiner Papiere erzählt, auszuarbeiten überließ. Tut dirs nicht auch weh, Heinrich, daß ich sein Leben nicht schon damals - er hatt' es doch schon bis zum zweiten Bande gebracht - ans Licht stellte und damit dem Absatze seiner Satiren nachhalf? - Wie würde die selige Lenette, welche seine chemischen Prozesse der Satire nur für kostspielige Vakanzen seiner juristischen hielt, durch die Goldkochkunst und durch die Eßwaren, die der Teufel samt seinen Papieren in den Rauchfang hätte fallen lassen, widerlegt und beruhigt worden sein, wie die Ungarn, die sonst über die Galläpfel an den Eichen wegen verdorbner Eichelmast jammerten, sich jetzt darüber erfreuen, weil sie die Knoppern besser zu Dintenpulver verhandeln! - Ach wenn man doch damals, Heinrich, gerade über die staubende Blütezeit der Ehe, über ihre Flitterwochen ein solches Wetterdach hätte bauen können gegen den Schlagregen des Unglücks, ehe den Blumen der Freude der Samenstaub ersoffen war! Es quält mich oft, wenn ich überlege, welche Environs und Gegenden des Lebens der gepeinigten Lenette entgingen, o wie vor ihrem entzündeten trüben Auge nur schwarze Flecken niederfuhren und wie ihr optische Spinnen und Mücken über das Buch ihres Lebens liefen - und jetzt, da das Auge zu heilen wäre, fällt es auf immer zu!- Ich wollte, ich hätte gegenwärtigen Satyr-Kopf von Meerschaum in dieser zweiten Auflage - um so mehr, da man jeden Pfeifenkopf einmal in der Türkei und einmal bei uns schneidet - unbeschreiblich schön geschnitten und geraucht. Vieles hab' ich wohl getan: ich habe in diesen zwei Bändchen erst vier oder fünf Bogen aus der alten Auflage verbauet, ich habe allemal zwischen zwei satirische Oncle Tobys-Regimentsmärsche, die Siebenkäs im Orchester am Vorhang pfeift, einen historischen Aufzug aus meinem Nürnberger Reisejournal eingeschoben und so unter seinen satirischen Fugen von argumentis fistulatoriis ganze Szenen vom lyrischen Drama meines Lebens deklamiert. - Aber das kann eben mein Unglück sein, Freund: Du schreibst in deinem vorletzten: Die Hypathier baueten dem Lachen einen Tempel, aber die Deutschen haben noch nicht einmal das Modell zu einer Filialkirche fertig. Da sie und ihre Schwert- und Spillmagen, die Belgier, mehr nach den Eicheln greifen als nach den Blättern derselben (ungleich dem Rousseau, der jene pries, aber diese aufsetzte): so haben sie unter dem Brotstudium wenig Lust zu ästhetischen Spielen und Studien; ebenso hat man von einem der nützlichsten Haustiere bemerkt, daß es nie, auch nicht als Ferkel, scherze und spiele, sondern daß sein männlicher Ernst nie auf etwas Schlechteres ausgehe als Eicheln. Das sieht bedenklich aus. Denn besitzt einer ein Konvolut Satiren und durchschießet sie aus Liebe, wie ich im Jubelsenior, mit historischen Episoden: so fängt jeder, der in den Episoden seelenvergnügt wird, Händel an und sagt: Ist das recht, sich, wenn ich dasitze und begierig auf den Verfolg der Geschichte harre, vor mich hinzustellen und mich auszulachen? Könnt' er das nicht in einem besondern Tage und Buche tun? - Ist man dazu willfährig und findet man sich mit einem Folianten bloßer platter Satiren ein, wie Siebenkäs tat: so ist man ein gelieferter Mann: Der Foliant (wird gesagt) würde sich besser lesen, spannte derselbe einen durch kleine ernste Ruhepunkte, durch historische Erfrischungen zuweilen ab - Salz kann wohl Zukost sein, aber keine Kost, und ein schimmerndes Steinsalzbergwerk voll weißer Pfeiler und Altäre aus Salz ist eine verdrüßliche Wohnung und Nahrung. Letzteres ist aus meiner Seele gesprochen. Nirgends erquickten mich ernste Stellen mehr als unter komischen, wie die grünen Flecken an den Schweizerfelsen das Auge sanft unter dem blendenden Schnee und Eise streicheln; daher ist der auf die Saftröhren und das Mark des hohen Ernstes geimpfte Humor des Engländers so hoch über den Humor aller Völker gewachsen. Eine Satire über alles ist gar keine, sondern Unsinn, weil jede Verachtung etwas Geachtetes als Maßstab, jedes Tal einen Berg voraussetzt. Die Persiflage der Franzosen und der Weltleute, welche die Ausnahmen verhöhnt und züchtigt und doch die Regel verkennt und ableugnet, gleicht der hölzernen Ente Vaucansons, welche künstlich einen Unrat in den letzten Wegen bereitet, ohne vorher in die ersten Futter genommen zu haben - kennst du eine giftigere geistige Consomption und Asphyxie als dieses Aussterben aller Achtung?- Ich habe die Teufels-Papiere, darf ich sagen, wohl so oft gelesen wie den Werther, ja ich habe sie exzerpiert und auswendig gelernt, um bald einen Gedanken aus dem BogenA, bald einen aus dem BogenFf anzubringen und einzupassen - und ein neues Schöpfungswerk wäre mir leichter von Händen gegangen als dieses Memorienwerk-: gleichwohl schmeichle ich mir, ich werde - ganz ungleich den Dichtern, denen man die Schwangerschaft mit einer besondern Moral im Schwunge anmerkt, wie Vögeln im Fluge, wenn sie ein Ei im Leibe tragen - mein Zusammenschweißen so fein verlötet haben, wie die Natur die Scherben unserer Hirnschale, so daß Siebenkäs selber die Kopfnaht und Suturen vergeblich suchen soll. Hier wäre aber für einen guten Kritiker, der seine Zeit und Kraft gut anlegen will, Arbeit und ein weites Feld, wenn er meinen Rezensenten vorarbeiten wollte und in einem kurzen Traktate zwischen den Teufels-Papieren und den Palingenesien eine feste Parallele zöge, überall als vergleichender Anatom verführe, jede Abweichung und Variante treu aufsummierte, niemals rastete, bis er heraushätte, warum ich jedesmal abgewichen, und dann die Welt mit der Ausbeute seines Nachgrabens und seiner Silbergruben bereicherte; und warum machen sich denn pädagogische Einladungskarten, die gymnastischen Programmen - diese nicht fliegenden, sondern kriechenden Blätter-, nie über Materien von solchem Belange her?- Du, Lieber, hoff' ich, urteilest nicht nur unparteiisch für mich, sondern auch parteiisch - schnauz also, ich flehe dich, die rezensierende Judenschaft an, die sich aus denselben Gründen zu unsern Schutzgöttern und Kammerrichtern aufwirft, warum die heilige Cäcilia die Schutzgöttin der Tonkunst geworden - nämlich weil sie in ihrem heiligen Leben keine ausstehen konnte. Nimms nicht übel, Alter, daß der Brief nicht mit Schreibelettern gesetzt worden, sondern mit Drucklettern. Es sind aber neue, denen mein Titel Palingenesien auch gebührt. Ich bin recht froh, daß ich mich bei dieser Gelegenheit recht ärgern kann über unser Übersetzen der deutschen Typen in lateinische und über mehr. Wenn man nicht die deutsche Handschrift und alle Archive und alle Ratsbibliotheken und das Cansteinische Bibelwerk umdruckt: so muß der fortdauernde Umgang mit der alten Form das Auge immer bei der neuen um das Vergnügen der summarischen Fassung bringen, die auf den Gründen beruht, aus welchen wir das Griechische schwer in lateinischen Lettern, oder warum wir oft eine schlechte Handschrift, aber nicht deren einzelne Buchstaben lesen können. Sobald wir der gotischen Schrift die Halskrausen, die Troddeln, das Spitzenwerk, die Knickse und Bruchbänder verbieten: so steht sie ungemein schön mit zwei Bestandteilen da, erstlich mit einer geraden Linie wie die römische, und dann, statt des Zirkels der Letztern, mit einer halben Ellipse (zugleich das Sinnbild unsers Geschmacks!). In der Reinigung und Wiederbringung der ersten schönern Form haben nun die Herren Breitkopf und Härtel hier in meinen Palingenesien und in diesem Briefe die ersten glücklichen, obwohl das Auge der Gewohnheit noch schonenden Versuche gemacht, von denen sie zu weitern und ihrem Ideale nähern übergehen wollen, wenn du und das Publikum sie so aufmuntern wie ich. Durch dieses Abglätten der typographischen Runzeln und Falten, welche unsern Druck wie (nach Lavater) die physiognomischen das deutsche Gesicht auszeichnen, wächset mir glücklicherweise ein neues Publikum von 350Mann zu, wovon der größere Teil bisher, samt seinen Miet-Rezensenten zur Rechten und zur Linken, außer Titel und Rezensionen wenig las - es sind die Buchhändler, die nun, weil der Titel sie nicht befriedigt, in meinem Opus blättern und nachsehen, ob etwas daran sei, am Druck.- Die lateinischen Lettern druckten mir vorhin eine Stelle deines Briefes vor, worin du unrecht hast und tust, Leibgeber. Sollen wir denn ewig vor andern Nationen unter Scharrfüßen und Knicksen unsere Bravourarien absingen? - Denken wir nicht sämtlich so kleinlich als Voltaire, wenn wir, vom Kopf bis zum Fuß ebenso wie er von Lorbeerkränzen wie von Faßreifen zusammengehalten, doch ebenso wie er bei der Aufführung seiner Irene bei jedem Akte unsers Spektakelstückes einen Kurierwechsel zwischen uns und dem Komödienhause unterhalten, um zu erfahren, ob man klatsche oder pfeife? - Du mußt, Leibgeber, wahrlich oft grün und gelb vor Grimm geworden sein über den Jammer, wenn, sooft einmal ein Engländer oder Pariser einen Bogen von uns verzierte oder kanonisierte (spät genug ist die Retorsion), nun in allen Journalen dreitägige Freudenfeste angestellt wurden, und die Literatores darin wie unsinnig gegeneinander rannten und sich umhalsten und schrien: wir sind vertiert, Bruder, und ich fetiert! - Haben wir, wenn wir doch einmal gelobt, ehrlich, selig und heilig gesprochen sein müssen, nicht unsere inländischen Herolds- und Reichskanzeleien, die uns zu den größten Laureaten, zu Patriziern, zu Nobilis mit einem und zwei Helmen, ja zu Kreatoren von Nobilis kreieren können - haben wir nicht unsere Fakultisten, die uns zu literarischen Granden, und zwar auch durch Hutaufsetzen erheben können - und im moralischen Fach statt der Päpste unsere Oberhofleichenprediger - und im Notfall eine Schiffsmannschaft von 25Millionen Parentatores, wogegen HeinrichIV. etwas abfällt, ders nach Bayle zu funfzig Lobrednern brachte? Und kann denn nicht überhaupt jeder Narr so gescheut sein und sich selber loben, womit ich mir schon längst geholfen?- Das Publikum sehe mir die kleine Freiheit nach, daß es hier an meinem Privatbrief mitlesen und mitbezahlen muß (sowohl Porto als Schreibmaterialien): leider ist der ewige Strandläufer Leibgeber, dessen Leben ein musikalischer Läufer über alle Tasten und Brücken ist und der auf der Erde zirkuliert wie eine Maxd'or, der die Reichsintegrität hat, fast nirgends anders zu erwischen als in Buchladen. Dabei laufen im Briefe viele Dinge mit unter, die ich dem Publikum ohnehin in der Vorrede sagen würde, wenn ich eine machte. Jean Paul: Palingenesien - Offener Brief an Leibgeber (2) Besonders nimmt dein Tadeln der Deutschen (weniger das in deinem Briefe als das, welches du in meinem Titan vorbringst) mich wunder, da du doch in Italien und Frankreich warest, wo jeder Fremde den Rest von Treuherzigkeit und Keuschheit achten lernt, den beide unserem Deutschland noch übrig gelassen. Unser Pindus, ein monte nuovo, der in zwei Dezennien so weit reifte wie ein Mensch, kann zwar nicht mit dem gallischen verglichen werden, der ewig die Terrasse und der Schneckenberg der Thronen und Weltleute bleiben wird - denn er darf einem Messias die voltairische Borussias entgegenstellen - dessen Held sogar im Leben so groß ist wie im Epos, wenn nicht größer - und den Schauspielen Goethes wenigstens ein kühnes shakespearisches bürgerliches Trauerspiel von fünf Jahren, woran halb Frankreich, und zwar ohne die gewöhnliche Blutwasserscheu, geschrieben hat, und ohne den tragischen Mord, wie sonst, hinter die Szene zu verlegen - allein, mein Freund, das setzet darum uns nicht unter ein Volk, dessen politische Rechtssache wir nur - wie unsere, aber leider mit umgekehrtem Effekt - mit den Sachwaltern verwechseln.- Ich will jetzt auf einige Stellen deines Briefes etwas versetzen. Dein Verzeichnis von historischen Druckfehlern, die ich in deiner und Siebenkäsens Geschichte begangen, soll, wie deine Zusätze, wider dein Verhoffen bei einer neuen Auflage bestens genützet werden. Die Menschen stellen sich jetzt auf den Kopf; aber, Teuerster, das ist unsere natürlichste und früheste Stellung, die wir schon als Fötusse vier Monate vor der Geburt annehmen. Ja manche Völker lassen sich in derselben beerdigen, um auf die Füße zu kommen, wenn sich die auferstehende Erde umschlägt. Ist es recht, Leuten, die nur noch die Hälfte der Freiheit haben, zur Strafe den Rest zu nehmen? Du meinst die Franzosen: ebenso recht, sag' ich, als wenn die alten Römer einen Selbstmörder, dem die Tat verunglückte, mit dem ganzen Tode züchtigten. Ohnehin ist ein reformierendes Volk, Guter, ein alter Lappen, der sich selber durch Blankscheuern des Silberservices ungemein schwarz macht. In dem politischen Gemeinwesen handelt zwar die Kommunität oder der esprit de corps (es sei auf dem Schlachtfelde, oder im paziszierenden Kabinett oder in der Rentei) auffallend unmoralischer als das Individuum: allein dafür taugt in der gelehrten Republik oft das Individuum (der Autor als Mensch) den Henker nicht, sondern nur das schriftstellerische Gemeinwesen ist öffentlich verhandelnd trefflich, in welchem von einem Journal zum andern sehr auf echte Tugend gedrungen und gesehen wird. Wir Gelehrten haben hier etwas von den Athenern, die sonst in ihrem geistigen Flore - denn Demosthenes1) klagt über das Abwelken desselben - die öffentlichen Gebäude, z.B. den Hafen, die Propyläa, herrlich ausstatteten und bereicherten, indes die Bürger, z.B. Themistokles, Miltiades, sich gern mit wahren Privat-Hundshütten behalfen. Ach freilich wohl werden die Gesetze der Zukunft zu oft auf Grabhügeln2) promulgiert, oder auf einem Sinai voll Kartätschen, und die sausende Wasserhose der Revolution rückt aufgetürmt, innen voll Donner, mit Blitzen überzogen und Staatsschiffe und Menschen und Tränen aufschlingend, über die weite Erde, und niemand kann die steilrechte Gewitterwolke halten oder sie in niedrige tragende Wellen zerlegen - ausgenommen mit dem Evangelium Johannis.3) O nie konnte Liebe und Schonung und Mäßigung und das Sonnen-System der überirdischen Hoffnungen jedem Autor notwendiger und heiliger sein als in dieser brausenden Zeit voll unmoralischer Niederlagen und - Siege, wo man den Höllenstein zum Stein der Weisen, und den tarpejischen Felsen zum Ararat jedes Staates macht. Unter so vielen Menschen oder Heklas voll egoistischer Eisschollen und leidenschaftlicher Krater wird jedes gedruckte heftige Wort, das gegen die Kälte der Weisheit und gegen die Wärme der Liebe sündigt, jede unmoralische Zeile, und hätten alle neun Musen in sie wie in einen Antikensaal ihre Insignien niedergelegt, jedes unvorsichtige Betasten oder gar Abblatten der Sinnpflanze4) liebender zärtlicher Affekten, jede solche Sünde wird durch die Nachbarschaft der Zeit blutiger Hochverrat an der Nachwelt; und es ist ohnehin unvorsichtig, daß jetzt so viele in ein Gerüste gefügte ebene Spiegel von Autoren eine Brennspiegelhitze auf eine Stelle richten und werfen, auf welcher ebensogut Schießpulver als gutes Gesäme liegen kann, und die auch im letztern Falle ihre Wintersaat schöner unter der schonenden und gleich verteilten Sonnenwärme treiben würde. Ich nannte noch das Sonnen-System der überirdischen Hoffnungen, nämlich die Religion (worunter ich das Leben für die Unsterblichkeit und die Gottheit meine), die in sehr tatenvollen arbeitenden Zeiten, unter dem Treiben der Plane, unter dem Stürmen aller Kräfte sich wie am Tage der gestirnte Himmel am ersten verhüllt: nur im Frieden und in der Stille öffnet diese leise Göttin ihre Lippe und ihr Herz. O diese Trösterin und Schutzheilige der Leidenden sucht jetzt selber bei Leidenden Schutz, - an deinem so oft von ihr erquickten und geheilten Herzen, du sanftes stilles Geschlecht, liegt sie nun angeschmiegt, und wenn vor deiner Einsamkeit die gezückten Schwerter der Männer und blitzende Parzen-Augen und Hände voll Blut und bleiche aufgerissene Menschen und der ganze lange Sturm der Zeit vorüberziehen, so weint und blutet und tröstet die Unsterbliche mit dir, und ihr umfasset euch dann fester. Ich bin sehr ernsthaft geworden, nicht wahr, Heinrich? - Aber über folgende Stelle deines Briefes bleib' ichs doch noch: Wenigstens tut der allgemeine europäische frohe Anteil an jedem Bilde der Freiheit ihr Dasein im Busen, wenn auch nicht im Lande dar: ist nur einmal das, so brütet sich der Adler schon mit seiner heißen Brust durch den hohen Schnee5) auf den festen Boden hinab. Ich leugne nicht dieses, sondern jenes. Die von irgendeiner typographischen und chalkographischen Gesellschaft verkauften Gemälde vom häuslichen, Idyllen- und Landlebenglück entzücken nicht den Landmann oder Bürger, der es hat, sondern den Hofmann, der es entbehrt und ders auf jenen genießet; und wohl einen Fürsten, aber nicht seine Schnitter können Gesänge von frohen Schnittern laben. Ebenso würden die Altarblätter des Freiheitsaltars einen freien Kanadier oder alten Deutschen wenig rühren, weil der Schritt vom wirklichen Besitz zur poetischen Anschauung noch genialischer ist als der von dieser zu jenem, und unsere poetischen Kinder werden, wie die physischen, gerade der Sache ähnlich, wornach man sich in den neun Monaten vergeblich sehnte. Indes wenn der Traum, daß man trinke, wenigstens beweiset, daß man wirklich dürste: so kommt der Mensch auf dem dichterischen Umwege durch die bestechenden Gemälde einer verschmähten Wirklichkeit wieder zu ihr zurück, und auf ewig und reiner, und sie geben dann der Natur, der Freiheit, dem häuslichen Glück, der Wirklichkeit einen treuern Freund zurück, als sie ihnen entführet haben. Nun lebe wohl! Siebenkäs und seine Frau grüßen dich herzlich. - Grüße, wenn du etwan hinkommst (wir verstehen uns, denk' ich), den guten Duodezimus Fixlein in Z-ch, ferner Herrn W-ss-k in M-rf, weiter meinen lieben Schütz inB., denen ich allen Briefe für ihre guten schuldig bin, und endlich auch seinen wohlwollenden Bruder, dem du zu sagen hast, er habe in allen seinen historischen Vermutungen im Februar des Deutschen Magazins ganz recht. Stößest du nicht auf sie, so lesen sie es hier ohnehin selber. Mir tut diese leichte Manier, auf Briefe in brieflichen Vorreden zu antworten, jetzt unter dem Antworten so wohl, daß ich künftig öfters zu ihr greifen werde, besonders da die Sache das Publikum nichts angeht, das froh sein muß, wenn ich ihm keine bogenlange, nur mir ersprießliche Dedikation in den Weg und unter die Füße werfe. - Kommst du nach Nürnberg, so schwöre, wie ich allda schon selber tat, daß ich im ganzen Buche auf kein Individuum satirisch gezielet: ich kann und mag keinem Menschen auf seiner fliegenden Flucht durch das Leben den Giftpfeil der persönlichen Satire vorn ins Herz oder auf das Schulterblatt nachwerfen, die, ungleich der allgemeinen, keine heilenden Schmerzen macht, sondern nur eiternde. - Couvertiere deine Briefe nicht mehr nach Hof, sondern nach Leipzig, wohin mich das Schicksal kurz vor Empfang deines Briefes selber couvertieret hat: ich stehe noch an, ob ich mich da habilitiere als Bakkalaureand. Ach trätest du einmal da zu Meßzeiten auf! Wahrlich ich würde dich kennen! - Lebe denn wohl! Das Verhängnis reiche dir (um deine Allegorie zu brauchen) recht viel aufgelöseten Grünspan und viel Löschpapier6) zu deinem Himmel und gebe dir kein oleum tartari per deliquium zu Wolken darin, oder doch sogleich das Vitriolöl eines nassen Auges. Ach, Heinrich! Doch noch ein Wort! Sagen denn eben diese deine sehnsüchtigen Ausdehnungen, die den seufzenden Busen mitten in allen blauen und goldnen Himmeln des tiefen Lebens drücken, dir nicht, du Ungläubiger, daß dein Firmian recht hat, wenn er glaubt, daß wir, gleich Menschen in polnischen Steinsalzbergwerken, unter und in der Erde leben - daß wir in dem auf ihr liegenden Himmel oben nie gegangen sind - daß aber doch an der Ein- und Ausfahrt eine blaue Stelle, ein Blitz des überirdischen Tages zu uns niederkomme, vor welchem das elende Flimmern des Salinen-Souterrains erlischt - und daß wir eben darum, bis wir oben ins Freie hinauf sind, uns so unendlich sehnen, Heinrich? Leipzig, den 23. März 1798. Jean Paul Fr. Richter. Demosth. in Aristocrat. Auf der Insel Man müssen sie stets auf einem alten Grabe (Tynwald-Hille) publizieret werden, nach Robertson. Physische Wasserhosen bekämpfte sonst der Aberglaube damit; moralische der Glaube. Zwei Revolutionen, die gallische, welche der Idee oder dem Staate die Individuen und im Notfall diesen selber opfert, und die kantisch-moralische, welche den Affekt der Menschenliebe liegen lässet, weil er so wenig wie Verdienste geboten werden kann, diese ziehen und stellen uns verlassene Menschen immer weiter und einsamer auseinander, jeden nur auf ein frostiges unbewohntes Eiland; ja die gallische, die nur Gefühle gegen Gefühle bewaffnet und aufhetzt, tut es weniger als die kritische, die sie entwaffnen und entbehren lehrt, und die weder die Liebe als Quelle der Tugend noch diese als Quelle von jener gelten lassen kann. Da hierin viele moralische Professionisten sich dem strengen Ideal, das sie aufstellen, auch in ihrem Leben nähern, das sie in Kathedern und Streitschriften führen: so bitt' ich sie, mich meiner Behauptung wegen nicht eher anzufallen, bis ich sie ausführlich angefallen, wozu ich Hoffnung mache. Nach Chardin schmilzt der Geierfalke in Persien mit seinem auf den Schnee gebaueten Horst oft eine Klafter tief bis auf die Erde herab. Anspielung auf eine Erfindung von Hooke, der (1670) den blauen Himmel durch Löschpapier voll filtrierten Grünspan und die Wolken durch obiges Oleum nachmachte und diese wieder durch Vitriolöl vertrieb. Jean Paul: Palingenesien - Alte Vorrede von Siebenkäs selber Alte Vorrede von Siebenkäs selber Der heilige Ambrosius sagte, der Müßiggang sei das Kopfkissen des Teufels. Da ich nun glaubte, der Satan verdiene keines: so hab' ichs ihm, wie einem Sterbenden, vor einigen Vierteljahren unter dem Kopfe weggezogen und mich selber darauf gesetzt und meine Zeit nicht unedel mit dem Zusammenschreiben einiger ganz munterer Pasquille verbracht. Meine besten setzt' ich freilich vor meiner Geburt schon auf, und es sollen nachher die Personen ohne Scheu spezifizieret werden, die mir solche gestohlen: die schlechtern, die ich bloß auf hiesiger Erde ausheckte, leg' ich hier der gelehrten Welt mit Achtung vor. Mein Jammer ist nämlich der, daß wir alle - welches jeder aus seinem Plato sich erinnern muß, wenn nicht aus seinen dunkelsten Erinnerungen - vor diesem Leben und Nationalbankerutt der Geisterwelt auf einem trefflichen Kometen1) (wenns nicht gar Whistons seiner war) ganz vergnügt zusammenlebten, bis wir sämtlich einiger Spitzbübereien oder Todsünden wegen auf diese Pönitenzpfarre des Universums durch die Geburt heruntergetrieben wurden, so daß dieses Leben nur die Narbe eines vorigen ist. Der Whistonsche Schwanzstern scheint mich und Meusels Deutschland und alle Seelen in Gestalt seines Schwanzes, wie ein reifer Frosch den seinigen, abgeworfen zu haben auf die grüne Erde herein. Eh' nun das geschah, bracht' ich droben auf dem Bartstern meine besten Stunden und Jahrhunderte damit zu, daß ich den ganzen Tag statt auf dem Musen- oder Stecken- oder irgendeinem Schaukelpferde bloß auf einem festen Lese-Esel saß und darauf Werke am Schreibpult ausspann und aufsetzte, wie zu wünschen wäre, daß sie jeder schreiben könnte. Die Werke waren zwar spaß- und ernsthaft, aber himmlisch: ich vereinigte darin alle Schulen, die niederländische, die welsche, die gallische, und alle Manieren, die trockne, die fette, die warme, die kalte, und alle Kunstrichter und wahre Unmöglichkeiten - und die Flügel, die ich darin der Dichtkunst und der deutschen Sprache ansetzte, waren von Holz und Windmühlenflügel, damit die kursächsischen Kunstrichter nichts dazu zu machen brauchten als den Wind. Meisterstücke sind im Himmel leicht: man hat da keine Eßlust, kein Brotstudium und weder Kind noch Kegel und schreibt ohne Unterleib und mit transparenten Fingern ganze Ewigkeiten a parte ante am ersten besten Opus fort. Ich war da mit schönen Geistern bekannt, die, bevor sie hienieden alles vergaßen, droben wenigstens so viel wußten als ein hiesiges Titularmitglied einer Akademie, wenn nicht so viel wie ein wirkliches. Schwer ists mit einem solchen supralunarischen Scharfsinn zu paaren, daß ich droben mich dermaßen vergaß, daß ich in einigen von meinen Manuskripten andere Leute blättern und studieren ließ. So viel ist wenigstens ausgemacht, Swift und Sterne und Butler hatten weiter keinen Schaden davon, daß ich ihnen solche Werke wie das Märchen von der Tonne und Tristrams Leben und Hudibras - welche ich für die drei besten Satiren und unerbittlichen Parzen gegen Toren halte, die ich je gemacht - nicht nur vorlas, sondern auch wochenlang vorstreckte im Manuskript. Die Folgen weiß jeder: ich setzte dadurch die Briten instand, es wie jener alte Poet zu machen, der (nach Seneka) die Gedichte, die ein anderer Poet öffentlich herlas, augenblicklich in seinem Fang-Gedächtnis behielt und sie für seine erklärte, weil ihr echter Verfasser sie nicht wie er vermochte herzusagen. - Trugen die drei Engländer nicht meine drei Werke, jeder sein Stück satirisches Polen, in ihrem weiten Gedächtnis und Gewissen wider die gemeine Moral auf die Erde herab und nahmen daselbst weiter nichts - um den Ruhm großer Autoren zu erringen - vor, als daß sie mir, der ich in der andern Welt noch passen mußte und es auf keine Weise zur Geburt bringen konnte, den meinigen stahlen und für meine zum hiesigen Fortkommen hingeworfnen Gedanken das Honorar einzogen? - Ich merkte das den Augenblick, da ich geboren war, und wollte vor Erbosung wieder in den alten Bartstern hinauf, sitz' aber noch hienieden. Gleichwohl würd' ich darüber hinweg sein, weil ich den Trost hätte, daß die Welt, wenn sie jenes stechende Klee- und Nesselblatt in die Hände nimmt, sich eigentlich bloß um mich verkettet stelle, gleichsam um einen frischen Zitteraal, und daß mich das erste Glied bei den Schwanzflossen, das letzte beim Kopfe angreife, damit ich elektrisch in den verknüpften Zirkel dreinschlage - ich würde das tragen, sag' ich, daß man meinen bessern und überirdischen Satiren ihren Geburtsort nicht anmerkt, da sie so trefflich die irdischen Toren (die ja aber auch droben hausten) abschatten - ich würde über alles dieses wenig Umstände machen: müßt' ich nicht erleben, daß meine ernsthaften Werke, diese ausländischen Gewächse eines höhern ätherischen Vaterlandes, diebisch vor meiner Geburt gedruckt, als inländische umlaufen. Es ist ein trauriges Los, daß gerade meine Ideen zur Geschichte der Menschheit und meine zerstreueten Blätter von meinem Plagiarius Herder für seine Werke und für Autochthonen von Weimar ausgerufen werden, so daß solche Erzeugnisse eines schönern Klimas - bei allem ihren höhern Erd- oder vielmehr Himmelsgeschmack, ungeachtet ihrer Sonnensysteme und Sternschichten strahlender Ideen und ungeachtet eines zugleich Blüte und Früchte tragenden Stils - nun in allen deutschen Kreisen als Werke kursieren, die auf dem Planeten geschrieben worden. Freilich wenn Cicero sagt, er glaube, wenn er seinen Kato vom Alter lese, den Kato selber zu lesen, so glaub' ich oft, wenn ich meine Herderschen opuscula lese, ihn selber zu hören, da ich ihn kenne; aber es tut doch nicht gut. Jetzt da ich nun endlich nach langem Harren auf das Theater des Lebens hereingesprungen bin und zwölf der besten Köpfe unter dem großen breiten Lorbeerkranz stehen sehe, den ich allein aufhaben wollte, jetzt wird mirs niemand verdenken, daß ich in einer Vorrede meinen Kranz bescheiden, aber durchaus wiederhaben und allein aufsetzen will, wiewohl er nicht viel leichter ist als Davids Hundertunddreizehn-Pfünder von Krone. Sollte man mir denn härter mitfahren wollen als den Benediktinern des dreizehnten Jahrhunderts, die endlich doch im siebenzehnten eine ehrliche Seele fanden, welche ihre Werke, die man so lange einem Virgil, Cicero und Livius zuschrieb, ihnen wieder zustellte, nämlich den Pater Hardouin?- Anlangend gegenwärtiges Buch, so ist es dumm genug; denn nun, da ich auf der Erde sitze, kann ich so wenig zeugen wie sie selber. Was wird überhaupt ein Wesen in einem hypochondrischen Körper (diesem innen mit Nägeln bedornten Regulus-Faß) und im Frondienste des Magens und des Pfortadersystems wohl Sonderliches für seinen Verleger und Vor- und Nachdrucker in die Presse schicken? Weit muß alles unter die blühenden Abkömmlinge seines freiern wärmern Lebens fallen, und er muß sich selber welkend im Spätjahr des Daseins bücken. Hält man mein antediluvianisches Märchen von der Tonne oder Tristram zusammen mit gegenwärtigem Posthumus, den ich bloß auf dem Planeten gemacht: so erstaunt man über den Unterschied und begreift nicht, wie derselbe Kopf vor seinem Leben so gut schrieb und nachher so schlecht. - Keine Zeile hätte ich machen sollen. - Es kann wenig Leser haben - wenigstens nicht zwei. Denn es ist überhaupt, kantisch davon zu sprechen, nicht mehr als einer möglich, und der bin ich selber. Ich kam erst heute vormittag mit einem Grade des Schreckens darhinter, den ich einmal an andern observieren möchte. Ich war nämlich vergnügt über einen Traum voll Potentaten aufgestanden und hatte unter dem Anlegen der Montierungsstücke die Städte zusammengezählt, die mich lesen würden: als der Teufel einen kritischen Philosophen in die Stube führte, der - vielleicht neidisch über die Saat meiner Lorbeerwälder - mir sein System wie ätzendes Sublimat eingab und mich auf der Stelle schwächte. Er tat mir dar, der Raum und die Zeit und die Kategorien wären an und für sich oder für andere Wesen ganz und gar nichts, aber für Menschen alles, und wir erschüfen uns durch diese Denkformen die ganze Sinnenwelt (so daß wir sie sogleich darauf oder darunter empfänden) - Inzwischen bezögen sich alle diese innen von uns gemachten äußern Erscheinungen unverhofft auf wahre echte Dinge an sich, auf wirkliche, ihm ganz unbekannteX's (wiewohl nicht auszumitteln sei, wie und warum), und er selber, als sein eigner optischer Betrug, bezöge sich auf ein solches in ihm angesessenesX, welches eben der eigentliche Granitkern und das Ich seines Ichs sei. - Aber da er von diesem ganzen Inkognito-Universum nie, auch nicht nach dem Tode, etwas oder nur so viel zu sehen bekomme, als Hogarth auf seinen Nagel zeichnen könne, so seh' er nicht ab, warum er sich um ein ewig gleich dem Nichts verstecktes Etwas, um eine ewig unsichtbare Spiegelfolie sichtbarer Gestalten im geringsten so viel wie um gute hübsche Erscheinungen scheren solle, die er doch wenigstens als solche kenne. - Gelte nun das, so behalte er keine Welt übrig als die in seinen plastischen (Denk-)Formen gebackne, nämlich die von ihm ins durchsichtige verborgne weiteX gewürkten und gestickten Figuren oder Erscheinungen, worunter er mich zu stellen sich die Freiheit nehme. Ich kehrte aber auf dem Platze den Spieß um und versetzte ihn selber unter die nur in meinem Kopfe seßhaften Phänomena, die ich aus Gefälligkeit mit den Grund-, Vor- und Passerformen meiner Sinnlichkeit und meines Verstandes gestalte. Wir kamen hart hintereinander, jeder wollte der Idealist sein und den andern in seinen Sprößling und Nestling verkehren und ihn nicht außer dem Kopfe leiden - bis ich den Philosophen außer der Stube hatte, wodurch ich ihn so denken konnte, wie ich wollte. Inzwischen hatt' er mir darin in seinem idealistischen System einen häßlichen Stoßvogel des ganzen Universums dagelassen, der alles erwürgte und abrupfte - mein kritisches Basiliskenauge brachte alles in Kuhschnappel um, die Patrizier, den Venner, meinen Mietsherren, die gute Lenette, und vor einem Spiegel hätt' es mir selber zusetzen können - durch den giftigen Samielwind des Philosophen waren alle Weltteile, sogar die unentdeckten, und die regierenden Häupter in den genealogischen Verzeichnissen und ihre Hofkalkanten und alle Pupillenkollegien und die vier Fakultäten und die vier großen Monarchien und der ewige Jude samt der ewigen Judenschaft wie weggeblasen - und es blieben kaum so viele Wesen stehen, als man mit einer Nachtmütze bedecken kann, welches nur ein einziges, nämlich ich unter meiner war. Durch diesen giftigen Hüttenrauch starb auch die ganze Lesewelt bis auf einen Leser aus - sogar dem kritischen Philosophen war nicht zu helfen, und es mangelte ihm an Existenz, mich durchzugehen. -- Wahrlich dem Philosophen kanns nimmermehr wohlgehen, daß er in der tödlichen Arsenikhütte seines Lehrgebäudes mich in wenig Stunden so weit gebracht, daß ich jetzt der kurze Inbegriff und Extrakt oder das Phlegma aller verflüchtigten Leser sein muß und der Repräsentant des verdampften corpus. So sitz' ich hier und schreibe unmäßig und bin von niemand gelesen: denn ich selber habe dazu wenig Zeit und kaum genug zum Schreiben. Was mich erhält und beruhigt, sind die Rezensenten, denen zwar als unbekanntenX's oder als Sachen an sich Organe zum Lesen nicht zugesprochen werden können, die aber auch keine brauchen: es ist genug, wenn sie mich öffentlich preisen und dann erst (falls sie genugsam außer mir existieren) lesen. Ich baue mich gegen ihre kleinen Dragonaden - obgleich unter allen Dingen, selber unter den schlimmen, keines so leicht ist, als sich selber verteidigen, oder so komisch oder so süß - in folgenden Verhack aus Gründen ein. Kein humoristisches Werk kann - seinen zweiten, dritten, vierten, xten Teil ausgenommen - das erstemal gefallen, sondern erst, wenn man es zum zweiten, dritten, vierten, xten Male lieset: muß nicht Swift dreimal, Hudibras neunmal, Tristram einundachtzigmal durchgelaufen werden, ehe man etwas davon goutiert? - Wenigstens einmal muß jedes launige Werk gelesen werden, wenn es affizieren soll; und ich postuliere nicht weniger. Ferner. Wenn auch die Satire viel seltener die Laster als die Narrheiten wegjagt, und beide mehr vom Markt als aus der Stube: so wirft sie doch den Lastern die zerbrochnen beschmutzten Wappenschilde vor die Füße und hängt sie in effigie und tut ihnen überhaupt so viel Schimpf und Schande an, daß ein ehrlicher Mann mit ihnen, außer im Notfall, nichts zu verkehren haben mag und sie ganz verachtet, indem er sie gebraucht. In allen Jahrhunderten hatten die Laster ihre Lehnleute, ihre Lehnlakaien, ihre Rudersklaven und Schwarzen; aber nur in den verdorbensten hatten sie ihre Parentatores, ihre Laureaten, ihre chevaliers d'honneur und Kammermohren; und es ist kein gleichgültiges Zeichen unsers jetzigen moralischen Wohlstandes, daß wir in unsern Tagen noch die Unkeuschheit z.B. völlig ebenso kühn und so oft als die Keuschheit persiflieren. Daher hat noch jeder eine sittliche und eine unsittliche Sprache, wie die Juden außer dem Christendeutsch noch ihr Judendeutsch.- Sooft ich an anatomischen Theatern der Sektion von Kinnen beiwohnte, so sah ich, daß uns der Prosektor an zwei Arten von Kinnen keine Lachmuskeln, die etwan ein Butler, Steele, Addison hätte fassen können, auszuschälen und zu zeigen vermochte, an den Kinnbacken ohne alles Barthaar und an den zu langbärtigen. Da nun an Jünglingen jene und an akademischen Lehrern diese sitzen, und da gerade beide mich rezensieren werden: so muß ich ihnen hier zugleich drohen und versprechen, um sie zum Loben wider eigne Überzeugung zu zwingen. Ich sage das: die Juden erzählen: wenn der Prophet Samuel aus einem guten Traum erwacht war, so fragt' er verneinungsweise: Reden wohl die Träume Eitelkeiten? - Hatt' er einen schlimmen gehabt, so sagte er und behauptete es: Es reden wohl die Träume Eitelkeiten. - So will ichs machen. Werd' ich von den kritischen Blättern hinlänglich gepriesen: so steck' ich sie ein und gehe zu einigen guten Freunden und frage: Sollte denn an allen gelehrten Anzeigen nichts sein? Unmöglich: viele haben ihre Meriten; nur ziehen schlechte Autoren aus ganz begreiflichen Gründen gegen sie los und zu Feld, indes bessere sie immer achten und scheuen, so wie die Schönen, aber nicht die Fliegen vor den Spinnen wie vor Siegern laufen und ihre Gewebe schonen, da doch nur die Fliegen von ihnen gefressen werden. - Wagt man es aber, mich in kritischen Schatten zu setzen: so geh' ich herum und sage es frei: Ich kenn' ein wenig das Rezensiten-Wesen, und jeder danke Gott, den sie nicht loben. Wer gern für die Nachwelt einmariniert sein will, der muß den Mumien gleichen, denen man vorher das Gehirn ausnahm, und die man mit beizenden Mitteln ausrieb, eh' man sie mit wohlriechenden Spezereien die für Ewigkeit in Rauch aufhing. So, glaub' ich, hab' ich meinen Lorbeerbaum gegen kritische Setzhasen genug bedornet und kann nun meines Weges gehen. Der Verfasser ist ein neuangehender Ehemann, und das Werk, das er hier in die Welt setzt, ist die erste rechtmäßige Frucht seiner Ehe. Und so schütt' ich denn diese gezahnten Sennesblätter in den fliehenden breiten Strom des dunkeln Lebens, bis er mein Ufer und mich selber unterwühlt und mit seinen Wellen wegzieht, und ich den Blättern und den ältesten Lesern nachschwimme. Übrigens wünsch' ich von Herzen, daß dieses eine Vorrede ist, und empfehle mich Unzähligen, will aber durch Stillschweigen nichts eingeräumt haben, sondern setze Freunden und Feinden generalia juris entgegen, reserviere mir quaevis competentia und protestiere gegen Reprotestationen. Kuhschnappel, im August 1785. Firmian Siebenkäs, zeitiger Armenadvokat. Nach Lambert wohnen auf Kometen feinere höhere Wesen als auf Planeten. Jean Paul: Palingenesien - Erster Reise-Anzeiger (1) Erster Reise-Anzeiger Fata: meine Werthers-Freuden in der Ehe - meine Werthers-Leiden - das gefährliche Berühren meiner brieflichen Bundeslade - der 21ste März voll scharfem Märzstaub - der Vorsatz Werke: mein Protokoll und Nachtblatt der Schläfer Schon als ich über die erste Sehenswürdigkeit der Reichsstadt, nämlich über die Abcbrücke, ging, stellten sich die Gewissensbisse ein. Muß denn nicht Siebenkäs denken, (sagt' ich) daß du mehr wegen seiner Auswahl aus des Teufels Papieren als deiner Frau halber nach Nürnberg gekommen? -- Nichts macht den Anfang eines Buchs verdrüßlicher, als daß man darin dem Leser erst hundert Dinge notifizieren muß, die er nicht weiß; die Exposition ist ganz kurz diese: In Siebenkäsens Lebensbeschreibung macht' ich bekannt, daß er die Teufels Papiere geschrieben: viele deutsche Kreise wollten das Buch um des Menschen willen sehen, wie sonst umgekehrt; es war aber bei keinem Spezereihändler mehr zu haben. Wie man sonst in Paris vor der Erfindung des Drucks ein Buch in 200Hefte zersetzte und es so für ein Geringes an 200Leser auf einmal verlieh1): so hatte man für die Teufels-Papiere, die ihrer Satire wegen dem ernsten Publikum schwer beizubringen waren, etwas Ähnliches mit Erfolg inkaminiert: man ließ sie in den merkantilischen Zergliederungshäusern auseinandernehmen und die Satyrs (zwar nicht wie die athenischen mit Grazien, aber doch) mit Goutées und dergleichen füllen - wie man für die Kinder aus Pfefferkuchen eine Abcbrücke macht - und brachte sie völlig durch diesen Stückverkauf und unter den mannigfaltigsten stereometrischen Formen in Kurs. So setzte man in kurzem die erste Auflage ganz leicht ab. Aber an die zweite wollte der Verfasser nicht gehen: Siebenkäs ist, wie ich schon vor einigen Jahren berichtete, Inspektor in Vaduz und hat nun mehr die Werke des Teufels als die Papiere desselben in die Waschmaschine zu werfen. Noch weniger konnte ich machen, da er mir vorhielt: Du bist daran schuld, J.P., also schreibe du sie! - Überhaupt: der Rechtsgang ist ein Gallengang, und den Steindamm der Geschäfte pflastern lauter Gallensteine - und eben darum und vor lauter Zorn kann man den Zorn nicht ästhetisch, d.h. satirisch auslassen, so wenig als der Jüngling die Liebe während seiner Liebe malen kann: erst nach dem kürzesten Tag kommt sowohl die größte Kälte als nach dem längsten die größte Wärme. Und bedenke nur, daß mich der Graf zu seinem Prozeß nach Wetzlar schickt, wo ich ganz andere Papiere vorbekomme als teuflische, und wo ich - weil dieses Amphiktyonengericht wie jede Republik nur langsame Entschlüsse fasset, und weil überhaupt die Ewigkeit a parte ante eines ewigen Kriegs vor der Ewigkeit a parte post eines ewigen Friedens ablaufen muß - so fest sitzen werde wie ein Schröpfkopf. Mit einem Wort, du, du machst die Edition! -- Der Inspektor Siebenkäs war mitten im Hornung nach Wetzlar abgegangen, um vor diesem ersten Reichsgerichte und Reichsvikarius der Themis im Lager oder Winterquartier von 20000Prosessen die Zeltgasse des gräflichen Prozesses aufzusuchen und womöglich in einem Vierteljahre mobil zu machen: so spät wollt' er erst wieder zurück. Wenn ein Freund verreiset, bleibt man ungerne zu Hause, daher Kastor und Pollux die Ober- und Unterwelt miteinander bezogen. Vaduz, wo Firmian richtet und wohnt, liegt von Hof (meiner Wohnpfalz) nur einige Kanonenschüsse und darum setzt' ich mich, da ich ihn fliegen sah, auch aufs Flugbrett heraus und spannte die Flughaut auf. Können denn nicht, dacht' ich, unsere Weiber - seine Natalia und meine Hermina, mit der ich am neuen Jahre als ihr ewiger Hausfreund auf die Freundschaftsinsel der Ehe gezogen war - oder vielmehr unsere Strohwitwen (wozu die jetzigen Strohhüte, Strohgürtel und Strohbesatzungen ungemein passen), können sie nicht zusammenziehen und den ganzen Tag von ihren lieben Männern reden und fragen: wo mögen die herrlichen Seelen wohl jetzt hausen? Auch taten sie es, und noch wohnet Natalia in Hof bei meiner Hermina. Und wie leicht war mit einer kleinen Reise zugleich die zweite Auflage zu machen! Denn neue Werke kommen in Wirtshäusern und auf Straßendämmen aus gänzlichem Mangel aller Bücherschränke, dieser treibenden Glaswände, nicht fort, aber neue Editionen der alten geraten wie Flugsand und Steinflechten auf jedem Boden. Bei Firmians Papieren bestand das Verbessern ohnehin bloß in Verkleinern. Überhaupt sollten die Papiermüller für die jetzige romantische und philosophische Literatur ein Druckpapier aus Steinflachs machen, damit man eine neue gereinigte, durchaus verbesserte Auflage bloß durch die Scheidung auf dem trocknen Weg veranstaltete, indem man die alte ins Feuer würfe und dann den Asbest herauszöge. Die Schönheitslinie solcher Werke sollte steilrecht, nicht waagrecht laufen, so wie auch Eisenstäbe vertikal magnetischer wirken als horizontal; und daher stellen eben die Rezensenten gerade mit Schwabacher (der Horizontallinie im Manuskript), womit die Autoren die Schönheiten vorheben, die Fehler ans Licht.-- Ich eile nun wieder auf die Brücke zurück, wo ich schon seit acht Seiten mit Gewissensbissen stehe und auf mich warte. Ich hatte unterdessen die beiden Pyramiden der Brücke besehen, auf deren einer eine Taube und auf deren zweiter ein Doppelschnabel von Adler sitzt, der vielleicht auf die Taube stieße, besäß' er nur so wenige Schnäbel als Mägen, nämlich einen. - Man ging dann in den sogenannten Irrhain (bei Kraftshofe) spazieren. Ein anderer wäre auf die Hallerwiese oder auch in den Jüdenbühl (durch den ich schon am Morgen eingezogen war) oder der Gesellschaft wegen gar auf den Dutzendteich gegangen. Aber heute hätte mich nichts aus dem Irrgarten gebracht. In einigen der nächsten Reise-Anzeiger werden der Welt die Ursachen vorgezählt, warum ich mich gerade den ersten Tag in Nürnberg kaum auf den Beinen halten konnte; und eben diese an die Erweichung grenzende Ermattung trieb mich in den Hain: das Schwellen des Herzens wie das der Adern kommt nicht immer von Vollblütigkeit, sondern oft von Schwäche der Gefäße her. Ich wußte, daß der Irrgarten im Jahr1644 für den sogenannten Harsdörferschen Hirten- und Blumenorden an der Pegnitz gesäet und gepflanzet wurde2); und als Kind hatt' ich oft in einem Quartanten voll Kupferstiche, den der Orden geliefert, herumgeblättert: das zog mich an. Die ersten grünen Frühlingsmonate unsers Lebens liegen in einem so dunkel-zauberischen tiefen Tempetal, in das bloß ein blauer griechischer Himmel ohne eine Sonne hineinscheinet, daß die kleine spielende Seele in dieser glänzenden Correggios-Nacht nur Engel, Silberpappeln, Sterne auf der Erde und vergrößerte, obwohl undeutliche Gestalten erblickt. Sogar der Inhalt der ersten Lektüre nimmt daher etwas vom Glanze unserer ersten Tage an. Ich wußte z.B. lange nicht, warum ich mich so sehr in den dreißigjährigen Krieg und in die Polarländer hinsehnte, bis ich herausbrachte, daß ich die schimmernde Zeit, worin ich zuerst in beide schauete, mit der trüben vermenge, die man darin verleben muß. Ebenso hat der von Maifrösten kühle und von Reifen glänzende Wonnemonat unserer Literatur, worin Gellert, Gärtner und die Belustiger des Verstandes und Witzes schrieben, für mich, für Adelung und die kursächsischen Kunstrichter ungemein viel Reiz, bloß weil wir sie als Kinder lasen und nun die Wieglebsche Magie unserer Kindheit von der Magie der deutschen nicht mehr trennen können. Je länger ich vor den grünenden Seitenlogen des Irrhains, dessen Front- und Mutterloge ein belaubtes Labyrinth war, auf- und abstrich und mich bald in jene, bald in diese Hütte setzte und daran dachte: hier saß 1644 Harsdorf, Klai und ihre Chorsänger - und je länger ich in den bedeckten Gängen, gleichsam in den Katakomben der vorigen Pegnitzschäfer ging und wieder heraus zu den wachsenden Blumen kam, die öfter aufgelegt wurden als die gedruckten des Blumenordens: desto mehr fing vor mir der Blumengarten an zu phosphoreszieren, und endlich lag er als ein himmlischer Hesperiden-Garten da, und das lichte Gewölk, durch das er oben aus der ätherischen Vergangenheit in die dicke Gegenwart hereingesunken war, hing noch merklich in leuchtenden Flocken an seinen Gipfeln.-- Meine Freuden und meine Schmerzen waren jetzt Milchbrüder und Menächmen und schwer zu unterscheiden - Gewissensbisse und Wünsche (wovon ich bald deutlicher sprechen werde) druckten ein paar Dornen mehr in meine Kopfnaht, als die Reichsstadt Nürnberg unter ihren Reichsheiligtümern3) aufzuzeigen hat - ein lauer Frühling streuete seine Winde und seine Sommersaat aus Blumenstaub und seine niedrigen Blumen aus - die Gärten lagen mit Saugestacheln am blauen warmen Himmel, und an den Gärten lagen wieder die Saugerüssel der Bienen.-- Solche Umstände mußten nun zusammenkommen und zusammenwirken, damit ich meinen Stockknopf ergriff und ihn abschraubte und das niedliche Reise-Schreibezeug, das ich darin führe, heraussetzte, um an meinen Firmian in Wetzlar folgenden Brief mitten im Irrhain auszufertigen: Du guter Siebenkäs! Hier sitz' ich und erlege das Abzugsgeld der Sehnsucht in die Invalidenkasse der Erinnerung. Wir sind nun beide in Reichsstädten. Du hast den Schleifstein in der Hand und wetzest das Themis-Schwert so laut, daß die Iltisse aus ihren Löchern gegen dich springen, wie es die kleinern bei dem Wetzen der Messer tun. Um mich hingegen stößet der Lenz in sein Oberons-Horn und spielet auf der Stangenharmonika knospender grünender Volieren und lässet das Tierreich tanzen - die Gassen stellen, als lägen sie in Neapel, musikalische Akademien von Kanarienvögeln vor, denen ich nie lieber zuhöre als im Vorbeigehen - sogar diesen Brief schreib' ich auf einer dichterisch geweihten Erde, im Irrhain der Pegnitz-Blumisten - und ich selber logiere in der Mausfalle, worin sonst, eh sie ein Wirtshaus4) wurde, der gute Hans Sachs auf dem Schusters- und auf Apollos Freifuß für Menschen- und Klangfüße arbeitete. Du fragst, mein Geliebter, warum dir dein Biograph, dein Herausgeber der zweiten Auflage schon heute schreibt? Eben weil er zu weich und zu glücklich ist, um es zu ertragen, daß er dir etwas verbarg oder gar - vorlog. Du sagst einmal in den Teufels Papieren: nicht das Unglück selber, sondern die dazwischenfallenden kleinen Erquickungen und Hoffnungen zersetzen und entnerven den festen Mut, so wie nicht der harte Winter, sondern die warmen Tage, die ihn ablösen, die Gewächse aufreiben. Aber, Lieber, so ist uns auch umgekehrt mitten in der warmen Freude das kalte Anschnauben des windigen Schicksals am schädlichsten, wie Personen im Sonnenschein auf den Gletschern das plötzliche Blasen der Eisspalten. Ein einziger Gewissensvorwurf macht im Sonnenschein der Freude eine Sonnenfinsternis und in der Nacht des Leidens gar eine Mondfinsternis. Höre mir zu! Es war erstlich nur eine halbe Wahrheit oder ein Halbroman, daß ich meine Fußreise bloß deshalb angetreten hätte, um von deinen Teufels Papieren unterwegs eine umgearbeitete Edition zu besorgen: -- nein, meine Frau ist am Reisen mit schuld; und über diese erleid' ich den zweiten Vorwurf. - Es muß dir recht ausführlich berichtet werden. Du erinnerst dich noch des letzten schönen Abends vor deiner Abreise, da du bei uns warst - schon der ganze Tag, obgleich mitten im Februar, war ein Vorsabbat des Frühlings, dessen glänzender Vorgrund oft der Kotmonat ist, indes der sogenannte Wonnemonat bloß einen schmutzigen Hintergrund formiert - du weißt, daß wir deinetwegen nicht in die Redoute gingen und die poetischen Freiheiten zu Hause allen Maskenfreiheiten vorzogen - und endlich weißt du, daß Hermina und ich von dir einen beklommenen weinenden Abschied nahmen, als verreisetest du ins Heilige Grab oder gar in deines. Dazu kam nun noch das Musizieren. Ich halte es selber für besser, eine Abendvisite mit Musik nicht zu beginnen, noch zu unterbrechen, sondern zu beschließen. Musiziert man früher als zuletzt, so werden entweder die kleinen Bewegungen der Visitenzungen von den großen des Herzens aufgehoben, oder diese von jenen. Hingegen gibt man, wie der Schwan, nur dem Ende einen Konduktgesang: so gehen die Menschen mit süßen Seufzern auseinander und kommen an der Hand des Schlafs mit der Brust voll Träume unverändert in das Land der Träume. -- Aber mit welchem Abendgeläute des innern Nachklangs und mit welcher Fülle der Sehnsucht ließest du uns beide im stillen Zimmer zurück! Ich stellte mich ans Fenster vor das grüne Gewölbe der Mondnacht; Hermina räumte selber schnell auf und kam bald nach. Man sollte für Seelen von zarter und warmer Empfindung, mithin für die weiblichen nur die Minuten auslesen und aufheben, worin man selber wärmer und zärter empfindet als sonst, wie man die empfindlichen Kanarienvögel nur mit warmen Händen anzufassen hat. Ich versäume das nie. - Der Mond brannte wie ein unterirdischer Schatz noch halb in der Erde, und schwebend wurd' er von den Sternen über ihm ins Himmelblau hinaufgezogen. Aus den Tälern und aus den Schatten quoll weißer Dunst, und die Nebelbänke wankten auf dem Strome und sogen wie Diamanten den Schimmer ein und wuchsen endlich glänzend und blitzend auf zu Hügelketten. 'Wie kommt es,' - fragte Hermina nach ihrer bescheidnen Sitte, ihre Bemerkungen in Fragen aufzulösen - 'daß in der Nacht nicht nur unsere Erinnerungen, sondern auch unsere Hoffnungen erwachen, sogar der Mut?' - Firmian, du kannst so gut wie ich sagen: warum soll denn bei dem Weibe das Denken das Lieben, das Licht die Wärme ausschließen? Vertragen sich nicht bei dem Manne Kopf und Herz - gleichsam die Sonne und der Mond - an einem Himmel?-- 'Hermine!' (sagt' ich begeistert) 'in der Nacht tritt die zweite Welt in Gestalt der gestirnten Unermeßlichkeit näher an das einsame Herz und zeigt ihm in dem Tag der fremden Welten den künftigen ewigen seiner Welt; von der kleinen Erde fallen alle Reize ab, aber die Edelsteine unsers Wesens werfen dann, wie Lichtmagnete, in der Finsternis einen vergrößerten Glanz - wir gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre Blüten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre Heimat ist. - Sieh, Hermine, so wenig braucht unser Herz um sich, und es ist am größten, wenn es am einsamsten ist.'- Vielleicht mißverstand sie meine letzten Worte oder ich ihre erste Frage oder auch ihre jetzige verklärte Miene: ihr Auge sank schwer auf die wandelnden flimmernden Nebelberge und ruhte sinnend und feucht in ihnen. - Ach du kennst ja an deiner Natalia dieses weibliche Vergleichen der Hoffnungen mit der Gegenwart, des Herzens mit dem Leben; und für welche schöne Seele war nicht die Zukunft ein Eisberg, auf dem sie in der Ferne warmes Abendrot und spielende Tulpenfarben liegen sah und an dem sie in der bleichen Nähe erstarrte? Meiners Vergleichung des Mittelalters etc. II. p. 540. Der Blumenorden existiert noch in Nürnberg, ist aber, wie oft Dichter und Zeitalter, ein Frucht- und Blätterorden, nämlich eine historische und literarische Gesellschaft geworden. Erst fünf Dornen hebt das Reich in drei Monstranzen auf, und es muß es noch erwarten, ob es die ganze Dornenkrone als Reichsinsignie erringe. Ich kannte das Wirtshaus schon aus Reichards Handbuch für Reisende S.392, 2te Aufl; logierte mich aber aus Gründen hinein, die weiter unten kommen. Jean Paul: Palingenesien - Erster Reise-Anzeiger (2) Ich sagte zu ihr: 'Ich weiß, was du denkst, Hermine.' Ihr Auge hob sich an den Mond, aber sie gab mir ihre Hand. 'Du denkst' (fuhr ich fort) 'vor diesem weißen Gewölke der Erde an das, was unser Firmian sagt: das Schicksal gab allen menschlichen Wesen auf dem Wege zum Grabe eine Wolke zur Hülle; jedes geht mit einer andern umzogen. Über und durch sie blickt keiner, und sie lagert sich beständig zwischen ihm und der Wahrheit. Geht er mit ihr durch einen Schatten: so hält er sie für eine Wetterwolke oder für eine Winternacht mitten im weiten Sonnenschein der Natur. Tritt er mit ihr wieder in den Glanz heraus, daß sie wie Abendröte glimmt und ihn umleuchtet: so ist er glücklich, und er freuet sich, wie es in dem Wolkenhimmel so schön untereinander wallet und flimmert, und sieht die bemalten treibenden Dunstkügelchen für Erd- und Himmelsgloben an. So kommt er mit ihr an das weite Grab, in das sich der Wasserfall des herabziehenden Menschengeschlechts verstaubt und das ihre blinkenden Dünste überdecken - betöret tritt er hinunter und fället aus der liegenden Wolke in die Nacht, ohne in die ausgebreiteten lichten Gefilde der Wahrheit gesehen zu haben. -- Ach, Hermine, Gott geb' uns transparente Altarwolken.' - 'Und wie könnten wir auch das alles schon wissen,' antwortete sie, 'wenn wir nicht schon durch einige durchbrochene Fugen der Wolke sehen könnten! Das wars eben, was ich vorhin dachte, lieber J.P.: das Leben wird wie die Träume gegen Morgen immer klärer und geordneter und rückt weiter auseinander, je länger es währt und je näher sein Ende ist. Im Alter kann es wohl keine Täuschungen mehr geben, es müßten denn - traurige sein.'-- Jedes ihrer Worte quoll in meinem Innern auf und macht' es eng und voll: ich schauete sie an, diese Seele, die neben den kleinen Foderungen der Gegenwart die großen der Zukunft befriedigt, und die weder die Erde noch den Himmel vergisset, gleich dem Monde, der zugleich um die kotige Erde läuft und um die ferne reine Sonne zieht: da stand auf ihrem Angesicht jene höhere Schönheit, welche der Widerschein betender Gedanken ist oder der herabfallende Glanz der erhabnen Gegend, wohin wir aufschauen - wie in der römischen Rotunda alle Gestalten unter dem bloß von oben niederkommenden Lichte schöner werden. Hermine zeigte schweigend auf die Schönheiten der Nacht. Die Wellen des Stromes und die langen Lämmerwolken des Himmels hingen immer Lichter wie silberne Ketten um die Finsternis. Der Winter war gleichsam von den grünen Saaten und aus den dunkeln Bächen aufgezogen und streckte sich ruhend auf den weißen Gipfeln der Wälder und Berge aus - unten auf dem Strome und auf den Auen und zwischen den Ästen spielten die weißen Sommerwolken des Nebels - der Mond schauete aus einem höhern Himmel, gleichsam als hätt' er den silbernen Nebel wie einen flatternden Schleier auf die Erde geworfen, frei und rein in unsere stille Kugel nieder -- Plötzlich lag ein zweiter Mond auf der Erde, von den Frühlingswassern einer Wiese nachgemalt, und es schien, als hätte die Mitternachtssonne unter ihr die Rinde durchschmolzen und durchdrungen und schimmere aus dem zweiten fernen Himmel voll Liebe zu uns herauf. 'O wie himmlisch, wie himmlisch!' sagt' ich, als ihn plötzlich der schwimmende Nebel überbauete. 'Sieh, wie ein blasses Menschenherz lag er in seiner Erde und hat nun seinen Hügel', sagte sie weinend, und eine mir unbekannte Erinnerung entwickelte ihre Schmerzen in Herminen: ich achte alles an ihr, sogar den Kummer, den ich nicht zerteilen, und die Vergangenheit, die ich nicht erraten kann. O Firmian, was hat der Mensch gerade in der Minute, wo er sein Herz und alle seine Himmel so freudig auf den Opferaltar für ein geliebtes Wesen legen möchte, was hat er gerade in dieser größten Minute mehr zu geben als Worte, als verflatternde Worte ohne Gehalt? Ja, er kann etwas Höheres, das Höchste kann er geben durch die Worte, die erhabene Aufrichtigkeit, die der Liebe gehört. O Geliebter, du weißt es gewiß auch, in welcher unvergeßlichen Stunde die liebestrunkne Seele aus Liebe die Liebe hinwagt und vor der teuersten alle Vorhänge der Vergangenheit und des Innersten zerreißet und saget: so war ich, so bin ich, aber ich liebe dich ewig, und wenn ich dich verliere, so lieb' ich dich ewig. Ich führte sie jetzt gleichsam in meinem Herzen herum und zeigte ihr seine ganze Vergangenheit, seine Fehler und seine Träume und seine Ruinen. Drangen jetzt nicht lichtere Sterne hinter den Wäldern herauf? Sank nicht der hellere Mond aus seinem Himmel liebend gegen die Erde zu, die ihm eine wallende Lilienlagerstätte aus glänzendem Dufte unterbreitete? Ging nicht mein Geist, wie ein Gestirn, immer höher an seinem Himmel hinauf? - Auf einmal wurde Hermine bleich - unter uns wandelte eine schlanke männliche, weißgekleidete Maske vorbei, gleichsam ein im Leichenkleide zurückkehrender Scheintoter - Hermine ging weg und kam mit einem Briefe zurück - sie gab ihn mir: 'Weiter hab' ich nichts', sagte sie und weinte sanft an mir, als ich las. Gerade in dieser Nacht hatte sie vor drei Jahren einen schönen, aber kränklichen Jüngling in derselben Maskenkleidung, die wir gesehen hatten, zum ersten- und zum letztenmal erblickt: ein nächtlicher Ritt durch den angeschwollenen Fluß hatte ihn aus dem Tanzsaale auf dem Umwege weniger Wochen in die Eisgrube des Todes hinabgeführt; und nach seinem Versinken ist ihr eben dieser an sie überschriebne Brief, den sie mir geliehen, als der letzte Nachklang der verstummten Brust gegeben worden. Als ich das heilige Blatt trauernd überlesen hatte: nahm sie es, ohne es mehr anzusehen, und ließ es am Lichte mit festen Augen verlodern. 'Aber du', sagte sie, 'sollst nichts verbrennen, was ich morgen lese.' Sie sank erschüttert an mich, und jetzt erst zerfloß das Auge und das Herz in die Tränen, die es leichter machten. Die Erdkugel wölkte sich jetzt ein wie eine zerspringende Dampfkugel - der Leichenschleier des Nebels schwoll aufgebläht an den Mond hinan und verhing Himmel und Erde weiß - aber hinter der blassen Nacht gingen laut die frohen Töne und Tänze der Menschen fort. Und ich erwiderte jeden Schmerz Herminens und weinte an ihrem nassen Augenlide; aber was hätt' ich sagen können? - Ach Firmian, die glänzende weiche Stunde tritt wieder zu nahe vor mein Herz, und es wird mir zu schwer, fortzufahren. Nie, du Guter, sei in deinem Leben und Herzen ein Wölkchen, das größer ist als das, was der helle Diamant einschließet!- J.P. * Nach einigen peripatetischen Stunden unter dem von Vögeln mit Sphärenmusik gefüllten Frühlingshimmel war ich imstande, die Nachschrift zum vorigen Briefe aus dem zurückgestimmten Herzen nachzuliefern. Nachschrift. Lieber Firmian! Die Zeit formet uns mehr um als der Ort. Es geht mir im Schreiben wie im Handeln: vor Enthusiasmus überschreiet man sich bei der besten Stimme. Der Aschermittwoch nach der epischen Nacht besäete mich mit Asche und vielleicht mit einigen darin nachglimmenden Kohlen: das ists, was ich dir noch zu berichten habe, und was eigentlich die Ursache meines Briefes und meiner - Reise ist. Der schöne Brief des zerstörten Jünglings und Herminens beklommene Erinnerung an seinen letzten freudigen Abend bewegte und neigte in meiner Seele die Sonnenblume der Liebe bloß noch näher gegen die Gute zu: ich wollt' eher die ganze Blume gar nicht in meinem Flore haben, eh ich so toll wäre - wie tausende-, daß ich foderte, eine geliebte Seele soll mir zehn Jahre früher treu sein als gut, sie soll ihre Liebe vorrätig zurücklegen für eine ungeborne. Hingegen da ich Herminen am Tage darauf - um ihr das ganze Geheimhauptbuch meines Lebens offen vorzulegen - die Bundeslade meiner weiblichen Korrespondenz getragen brachte und da sie in einer und der andern Briefschaft geblättert hatte: so machte sie die Lade langsam wieder zu und wollte nichts mehr lesen. Die korrespondierenden Mitglieder sprechen alle von Freundschaft; aber kurz ein innerer harter Druck hatte in ihr nacktes Herz schon einige Quetschwunden gemacht, eh ich nur Blut sah. -- Ich hatte freilich zwei der wichtigsten Fehltritte getan. Erstlich sollte ein Ladenvater die schön verzierte Bundeslade voll Schaubrote höchstens der Braut aufsperren, aber nicht der Frau: jene lässet sich, wie ein Leser, jede Exposition im ersten Kapitel gefallen, diese leidet wie er nichts Neues in den folgenden Kapiteln. - Zweitens hätt' ich nach diesem Fehltritt nicht den zweiten machen, sondern mit ihr den Schrift- und Reliquienkästen schon an demselben Abend, wo sie mir ihr einziges Zettelkästchen gab, durchlaufen sollen: im Enthusiasmus legen wir die Hand an unser Herz und die andere auf den fremden Kopf und sprechen weinend los. Ich stand jetzt an einem fatalen Herisson oder Schlagbaum mit Stacheln. Aufbauen durch Sprechen ist stets hier mißlich: aus den Gassen des zerstörten himmlischen Jerusalems, die man aufzustellen denkt, springt leicht Feuer. Auch präsumier' ich, daß die Weiber zu einer Zeit, wo sie gern Kreide essen, leicht mit doppelter schreiben; und daß die Zeit da sei, präsumiert' ich auch. Die ganze Sache und Wunde bloß der Bandagistin, der Zeit, zu übergeben, kostet - da diese erst aus vielen kleinen Minuten den Verband zusammenwebt, oder die Scharpie auszupft - außer der Zeit oft noch etwas Besseres. Und wer möchte, Firmian, einem so engen einschraubenden Verhältnis sein halbes Schicksal oder gar das einer geliebten Seele anvertrauen, für die ohnehin ein erkrankender Körper mehr das innen mit Nägeln besteckte Regulus-Faß als eine frohe Diogenes-Tonne ist, und das noch dazu jetzt zur Saatzeit, wo sie das schönste Wetter des Lebens um sich haben sollte und alle Freuden, malerische, melodische, poetische und die höchsten?- Hermine handelte und sprach zwar wie sonst und schwieg über den Rest, aber diese Meerstille war für mich - zwar nicht das Anzeichen des Sturms, aber doch - dieser selber. Und jetzt zog noch dazu deine gute Natalie bei uns ein und machte Herminens Schweigen größer und meines unvermeidlicher. Noch immer stellt' ich mir vor, ich würde zu Hause bleiben und in Hof deine Teufels Papiere emendieren; ja ich arbeitete da sogar deine Satire S.3431) um, die ich wundershalber beischließe. In dieser Lage erschien Frühlings-Anfang - aber nur im meteorologischen Sinn-, der, wie du dich aus dem ersten Teile deiner Biographie erinnerst, zugleich mein eigner ist. Hermine konnte noch nicht wissen, daß ich und das Frühlings-Äquinoktium denselben Geburtstag haben, aber ich brachte die Anzeige desselben mit aller Mühe nicht aus mir heraus. Ich hatte auf den ersten Geburtstag in meinem Ehestand ungemein gezählt - die Nachtgedanken, die man daran oft hat, sollte Hermine, hofft' ich, wie Billington die Youngischen, in Musik setzen - gegen Abend wollt' ich (nach meiner Rechnung) alles aufs höchste treiben und in die drei Himmel auf einmal hineingehen und hineingreifen, in den Lufthimmel der hiesigen Lust, in den Sternenhimmel der Unsterblichkeit und in den Freudenhimmel der gerührten Liebe --- Beim Himmel! ich konnte kaum in den Lufthimmel hinein! Ich trug den ganzen Tag hinter meiner Brust ein widereinanderschreiendes Babel von Liebe, von Ärgernis über mich, über jeden, über den versalzten Tag, und von Rührung herum. Den ganzen Tag stellt' ich mir nur Herminen und ihr Herz voll Geduld und Liebe vor und alle ihre schönen Gedanken und sah immer ihrer langen Gestalt und ihrem langen Haare, bis sie aus der Türe war, sehnsüchtig und sprachlos nach - jedes seelenvolle Wort zu deiner Natalie, jeder frohe Ausruf über den blauen Vergißmeinnichttag kam mir neu, wichtig und schöner vor - und ich schilderte mirs ab (und zerfloß in Liebe-), mit welcher großen Erwärmung und Erhebung und Eröffnung ihres edlen Herzens (das wußt' ich gewiß) sie das Ansagen der Geburtsfeier empfangen würde --- aber eben darum, da eine solche Ansage zu sehr den Schein der geistigen Gewinnsucht und einer zwingenden Bittschrift haben konnte, regt' ich (ob ich gleich nur im ersten Teil deiner Biographie hinten meinen Geburtsschein, nämlich das Fruchtstück, als zufällig aufgeblättert hinlegen konnte) weder Finger noch Mund. Hermine war in mir der Engel, und ich der ringende Jakob, der sich die Glieder ausrenkte. Ein ganz fataler Tag!- Inzwischen war der folgende ärger. Wenn der Festtag vergeblich am versperrten Herzen rüttelte, so macht der Wochen- und Postfesttag darauf es mit neuen Nachtschrauben noch fester zu. Ich versucht' es sogar, in der Wärme, die ich hatte, einige Zuckersäuere anzusetzen, und ging im Kopfe den wie der Briefsteller zu Asche gewordnen Nachlaß des armen Jünglings etwas aufmerksam durch. Aber ich schämte mich bald der Untreue an - meinen Grundsätzen: 'Sei doch vernünftig' (sagt' ich hitzig zu mir) 'und bedenke, daß im jetzigen Säkul kein Mensch mehr in der ersten Liebe heiratet, sondern jeder erst in der vierten, zehnten, vierzigsten, und daß keiner mehr eine einsitzige und einschläferige Herzkammer aufzumachen hat - bloß transzendente Witwer wechseln mit transzendenten Witwen jetzt Ringe, sag' ich dir.' Jetzt stand mir zu meiner Heilung nur ein Ausweg offen - das Tor: kurz das beste Errettungsmittel schien mir zu sein, auf und davon zu laufen und recht bald wiederzukommen. Denn die Entfernung des Ortes löset an Menschen, wie an Bühnendekorationen, die harten Striche in Schönheitslinien und die Kleckse in Laubwerk auf; der Abwesende ist ein Toter, den unser lossprechendes Herz verklärt und der selig wird, wenn er wieder aufersteht. Am grünen Donnerstag, als abends die Frühlingserde um uns dampfte und wir wieder ohne Nachtlicht, bloß vor der Abendröte soupierten und die Gassenkinder und die Spatzen lauter schrien, wurd' ich den alten Wanderungstrieb, der mich allezeit im Frühjahr (Vögel aber im Herbst) in meinem oben weichgefütterten Wachtelbauer ergreift, in einer solchen Stärke (zumal in einer solchen Passionswoche) in mir gewahr, daß ich das erste beste Posthorn, in das einer aus einem Stalle blies, als eine Gelegenheit vom Zaun ergriff, um beiden Weibern zu melden, in wenigen Tagen dürft' ich mich gleichfalls aufmachen und ein wenig in Nürnberg einsprechen, weil ich nirgends bequemer und besser die zweite Auflage von des Teufels Papieren zu besorgen wüßte als auf Reisen. Hermine sah mich mit einem erschrocknen großen Auge an, das eine Terzie lang fragte und sogleich (von eignen Seufzern beantwortet) tief bezogen untersank. Deine liebe prophetische Natalie sagte zum Ablenken: 'So machen sich die Männer alles bequem: sie richten die Uhren (die Umstände) nach ihren Gängen, und wir arme Weiber richten unsere Gänge nach den Uhren.' - 'Desto besser für sie und für uns', sagte Hermina so ergeben - Firmian, wär' ich allein gewesen, ich hätte mich an ihr gedrücktes Herz gestürzt und meines verklagt und aufgerissen. Auch hätt' ich das jetzt - da dem innern bösen Gott ein paar Lichter mehr angezündet waren durch die Ansage des Abmarsches als dem guten - viel leichter gekonnt; und ich kam immer näher zur Einsicht, daß ihr die obige Bundeslade nur einige Freuden genommen, und keine, keine Liebe. Ach ihr lieben Wesen tragt ja fast in jedem Nervenknoten ein Herz und habt, wie das bewegliche Meer, immer gleiche Temperatur, indes auf unserem festen Lande alle Zonen abwechseln! Ich wollte, wir Männer wären Engel, wenigstens ich.- Da Herminens Augen glänzten - aber nicht von Freude-, fingen Nataliens ihre sympathetisch auch zu schimmern an, und Natalie suchte sich und die Freundin hinter dem ihr eigenen trotzigen Spott über uns Männer zu verstecken und schlug statt des donnerstägigen heiligen Fußwaschens an Höfen das stärkende Waschen der männlichen Köpfe vor. -- Beiläufig! Erst am zweiten Ostertag wurde ich in Streitberg vor die wahre Vauclusens-Quelle der Rührung Herminens geführt und - du wirst auch noch an diese Quelle gebracht. Aber nun wurd' ich über alles so irre - und so hart-, und ich stand so fern, daß ich aus den allmählich zusammenrückenden Zügen des Ernstes nicht eine Leidensgeschichte, sondern ein weibliches Kriegsgebet herauslas. Kurz statt der Osterbeichte, statt des Osterfestes griff ich an Ostersonntage zum Wanderstab: ich brauche dir nichts weite von der Reise zu erzählen, denn in der Ostermesse bekommst du sie in der zweiten Auflage deiner teuflischen Papiere ohnehin zu lesen. Lebe so gesund und lang, als wärest du ein Reichskammergerichtsprozeß! J. P. N. S. Hier ist eine umgearbeitete Satire zur Probe. Ich muß eilen: die Verlagshandlung hat deine Teufels Papiere schon im Intelligenzblatt der Literaturzeitung auf Ostern der Welt versprochen. Erzählung dessen, was ich einige Schlafende reden hören. Jean Paul: Palingenesien - Erster Reise-Anzeiger (3) Mein Protokoll und Nachtblatt der Schläfer. Haller beweiset, daß man so lange nicht höre, als man gähne: daher ist die große Welt in jedem Sinne ebenso taub als schläferig, sie hat zwar ein musikalisches, aber auch ein schweres Gehör. Da ich in meiner Kindheit keine Hauben um die Ohren litt: so kann ich sie gleich einem Wilden bewegen und spitzen wie ein Pferd und höre trefflich, indessen das gehaubte Publikum seine Ohren so wenig, als wären sie von Silber, falten kann. - Jedes Wort, das die Leute im Schlafe sprechen, fährt mir wie einer Fledermaus ins Ohr, wenn ich nachts auf der Gasse vor den Sprachgittern der Schlafkammern vorbeigehe. Oft fället es einem zur Last, wenn eine ganze schlafende Hauptgasse auf einmal spricht. Um für die taube Welt sogar mit meinen Gehörknochen zu arbeiten, bracht' ich um 1Uhr in einer schönen Sommernacht das Erheblichste, was ich die Schläfer sagen hören, praeter propter zu Papier. Den Tag darauf wurde gerade der Geburtstag des Landesherrn gefeiert. Vorher merk' ich zwei Dinge an. Erstlich die Todsünden, die Simonien, Meineide und Blutschulden, die ich im Beichtstuhl der Gasse erfuhr, verleib' ich meinem Nachtblatt - so sehr sie es zieren möchten - ein für allemal nicht ein: ich steckte ja die Stadt in Kriegsflammen und läutete mit meiner Türkenglocke Generalstürme, Dragonaden, Approchen gegen den Hof, Kontraapprochen des Hofs gegen die Stadt und Lusttreffen in den Familien ein. -- Gott bewahre! Verfahr' ich nicht zehnmal gewissenhafter, wenn ich diese babylonische Turm-Baute oder vielmehr deren Einreißung verhüte und lieber den Jesuiten folge, die niemals das, was das Beichtkind bekannte, eröffnen, sondern nur, wenn man schärfer in sie dringt, das offenbaren, was es nicht beichtete? - So flattert auch die Nachtigall um die Stellen, wo sie kein Nest hat, schreiend herum, schweigt aber plötzlich an der, wo es ist, um es nicht zu verraten. Ich würde mir z.B. kein Bedenken machen, es allgemein auszubringen, daß der Minister nichts vom Gießen und Anbrennen der Wachsfackel der Aufklärung - dieses fatalen Grubenlichts, das oft den ganzen Schwaden moralischer Giftdämpfe entzündet - im Schlaf gesprochen habe; aber für unbesonnen würd' ich es halten, es publik zu machen, ob er von der Krone als bonsoir oder Lichttöter der Fackel etwas geäußert.- Zweitens freu' ich mich, daß ich hier Gelegenheit habe, die deutsche Nation auf die Zensur- und Sprechfreiheit aufmerksam zu machen, die sie allgemein genießet, wenn sie im Bette ist und im Schlafe spricht. Die Schriftsteller, die so häufig über das Zensur-Nestelknüpfen des Geistes, über das ewig-offne Dionysius-Ohr1) der Großen klagen - indes diese ihre andern Ohren vor dem tausendzüngigen Elend zuhalten und ebenso viele taube als stumme Sünden begehen-, diese Skribenten können unmöglich daran gedacht haben, daß der Reichsbürger gerade die Hälfte seines Lebens, nämlich die Nächte durch, wornach ja sonst der Teuton rechnete, unter der Bettdecke die freiesten Religionsübungen hat, daß er hinter dem Bettvorhange, ohne die geringste Gefahr vor stechenden Mouchards oder Traum-Fiskalen, alles ungehindert sagen kann, was er über die wichtigern Gegenstände der Menschheit etwan denkt. In den Gassen sind keine Schlaf-Denunzianten mit guten Ohren verteilt, welche etwan den semperfreien Bürger behorchten, wenn er im Hemde ist, und die am Morgen darauf ein Reichsnachtsjournal seiner Träume ablieferten: nein, hat er einmal die Augen zu, so soll und darf er mit eignen sehen, gleichsam als wenn das Bettuch oder die Matratze die britische Küste sein sollte, die den Neger emanzipiert. Ich habe oft die hohe Geistlichkeit hinter dem Bettschirm Meinungen äußern hören, die in keinem Freistaat am Tage geduldet würden - der Schwur auf symbolische Bücher, das schema examinandi, das Edikt vom 9tenJul. wollen sich gar nicht auf die Gardinenpredigten erstrecken - die verbotensten Bücher werden in Wien auf dem Kopfkissen zu lesen und zu machen (welches im Traume eins ist) erlaubt. -- Auf diese Freiheit tue der Deutsche groß, und er erkenn' es, daß die Schlafmütze seine Freiheitsmütze ist.- Mein Nachtblatt ist folgendes: Als ich aus meinem Hause trat, hört' ich zehn Schritte weit nichts als eben diese und ein paar Sphären der schönen Nacht. - Im Hause des Kommendanten hört' ich einige zu undeutliche Flüche, es ist mir unbekannt, tat er sie selber oder sein Kerl. Im untersten Zimmer saßen ein paar eingeschlafne Kammerherren einander in zwei Wachsesseln (Veilleuses) gegenüber und wünschten - wahrscheinlich kam ihnen der Geburtstag ihres Herrn im Traume vor-, daß er den Hals bräche. Im rechten Flügel (ich sprach bisher vom linken) hielt der kleine Erbprinz eine deutsche Anrede an seinen Herrn Vater. Ich will aus Liebe annehmen, daß ers im Schlafe getan - und ich wollte darauf schwören, da er wachend wissen müßte, daß man mit Menschen wie mit Hunden nur französisch spricht-; aber den Oberhofmeister mach' ich aufmerksam, daß er bei seiner Cyropädie auch auf eine anständige ausländische Sprache des kleinen Moguls im Schlafe acht gebe. Im prächtigen Nebengebäude hört' ich ein herrliches Englische, das ich dem Papagei zuschrieb, den der englische Gesandte der Frau des Hauses geschenket hatte; aber der Herr des Hauses hatte diesem gefederten Thersites und Denunzianten einen kurzen Injurienprozeß gemacht und dem Zoilus den Kopf abgedreht. Seine Frau hatt' ich gehört. Ich unterdrücke gern das, was eine sogenannte philosophische Dame drei Häuser weiter sprach, um die Schamhaftigkeit meiner männlichen Leser zu schonen. Zwei Kantianer, ein Paar junge Leute, sahen aus einer Mansarde disputierend heraus, hielten aber ihr polemisches Vesperturnier leise und sanft, um sich nicht einander aufzuwecken. Es ist schön, daß der Mensch gerade in den jungen wilden Jahren, wo er am wenigsten systematisch handelt, am leichtesten neue Systeme, ohne sie zu verändern und zu kastrieren, aufnimmt; so bemerkt Sydenham, daß der Veitstanz, den er den Würmern beimisset, gerade Personen ergreife, die noch nicht mannbar sind; so verwarf Belling, der Kommandeur der schwarzen Husaren, Rekruten, die schon bärtig waren; so mußten die Priesterin des pythischen Orakels und die Sänger des säkularischen Jubelgesangs durchaus ordentliche wahre Kinder sein. Porto und der Teufel! rief der Sammler einer Monatsschrift im Eckhaus; aber hatte denn der wunderliche Heilige nicht die unfrankierten Briefe, die er im Traume erbrach, selber geschrieben? Und wurd' ihm von dem Verleger nicht die Auslage wieder erstattet, als er erwachte? Ein alter Ratsherr (der Mietsherr des Sammlers) votierte in seiner Schlafkammer, als säß' er auf dem Rathause und urteilte über die wichtigsten Dinge. es ist nur sonderbar, daß er der Session am andern Tage selber erzählte, ihm habe geträumt, er schliefe. Nun ging ich vor dem Gasthofe zum Teufel vorbei: im ersten Stockwerk (auf dem Stroh) beteten, im zweiten (auf Federn) fluchten die Schläfer. Im fünften vorne heraus parlierte einer, den ich für den neuen Sprachmeister des Gymnasiums nahm; aber am andern Tage fuhr Herr von Kempele mit seiner linguistischen Sprachmaschine ab. Im vierten referierte ein Kammergerichtsassessor aus Wetzlar dem geträumten Reichsgericht einen dreißigjährigen Krieg rechtens. Mehr als Roman - kein Roman - leider doch nur Roman - weder Roman noch Journal - Halbroman - diese Titel waren ja doch bei Gott schon alle da, Herr! - sagte der Verleger zu dem Autor, von dem er träumte. Gut Freund! sagte selber die Schildwache im Schilderhause, welche mich im Schlafe für eine hielt und dachte, ich fragte: wer da? Opium, Opium! rief unser schlummernder Landesherr in einem Lusthaus und Dormitorium des Publikums, das viele lieber besuchen als benennen. Erst einige Monate nachher erfuhr ich, daß jetzt die Großen anfangen, der Gehirn- und Rückenmarksdörre ihres zerstörten welken Geistes durch den türkischen Metallreiz des Opiums wenigstens die Zuckungen eines momentanen Lebens abzulocken. Ich hätte wenig vom Lust- und Raubhaus und vom Fürsten herausgebracht ohne den eingeschlafnen Kammerdiener, der bei seinem Herrn den Nomenklator der Untertaninnen, die zu regieren waren, samt dem Sachregister machte. Fürsten, die das Land und das Vergnügen lieben und die sich nicht verbergen, wie wenig die nicht geräumige Spitze des Thrones eine große Familie gut fasse oder wie wenig die Landeskassen große Apanagengelder, Fürsten von solcher Einsicht springen gern vom Wipfel des Thrones auf dessen breitere Stufen hernieder, um darauf weniger ihre Ebenbilder als ihre Landeskinder zu vermehren und zurückzulassen: völlig der Lerche gleich, deren Flug und Sang in der Höhe und deren Nest in einer schmutzigen Furche ist, oder auch dem Johanniswürmchen, das herunterfliegt auf sein ungeflügeltes und an den Boden geleimtes Weibchen. Im Waisenhause war eine allgemeine Klage über den Spitzbuben von Vorsteher: woraus ich den allgemeinen Schlaf ersah; denn wachend ist man mit ihm zufrieden; auch schlägt er die Unzufriedenen tot. Ich kam wieder vor meiner Wohnung vorbei, wo mein Staats- und Ladendiener vor dem Lichte schlief und auf mich wartete: er hinterbrachte den Meinigen ganz kurz mein frühzeitiges Ableben und beantwortete die Kondolenz gut genug. Zu meinem Erstaunen stammelte er nicht - er wiedergebiert sonst jedes Wort-; ich will aber dieses Phänomen den Philosophen ganz unerklärt zuwerfen, damit sie etwas davon haben. Eine ganze Gasse lag stumm hinab wie ein Gottesacker. - Im Rücken des letzten Hauses war jemand auf jenem umgekehrten Rauchfang und Isolierschemel eingeschlafen, der wenig genannt wird - außer von den Ärzten, deren Objektenträger er ist - und auf dem, wie Swift anmerkt, der Mensch am ernsthaftesten aussieht - wiewohl er meines Bedünkens ebensowenig lacht, wenn man ihn balbiert-: das schlafende Wesen (Mitarbeiter an recht guten Journalen) beurteilte die Romane mit Nachsicht, mit welchen in der Hand es eingeschlafen war und die von ihren Fischbeinreißern, den Lesern, ordentlich wie Fürsten nur in sezierten Gliedern der Erde übergeben werden, wovon sie genommen sind. Es hat mich oft gefreuet, daß die deutschen Romane jene unsichtbare Kirchen oder Filiale, die man in großen Gärten bald in einen hölzernen Obeliskus, bald in ein Monument, bald in ein Wasserhaus, bald in einen ausgehöhlten Holzstoß verkleidet, im literarischen Lustgarten unter ebenso niedlichen typographischen Einkleidungen vorstellen, man mag nun den Inhalt oder den Gebrauch von beiden oder auch das vergleichen, daß die gebaueten die Re- und Korrelationssäle der gedruckten sind. Im Hause einer vornehmen Witwe hielt ein verwitibter Vesperprediger eine gute Trauungsrede im Schlafe: der Trauredner foderte zu tausend Tugenden und zu den reinsten Sitten auf; ich nenne ihn aber aus Schonung nie. Die Tragiker und die Inquisiten stellen sich gern wahnsinnig an, beide, um ihre Richter zu bestechen. Ich weiß also nicht, wars ein Poet, der ein englisches Trauerspiel machte, oder ein Akteur, der es memorierte, oder ein physischer echter Narr, den ich aus der Dachstube herunter hörte - und ich wollte, ich hätte deswegen das ganze Haus aufgeweckt. Ebenso kann in der Dachkammer zwar ein träumender Hund, aber ebensogut ein träumender Versemacher gebollen haben, der seine Verse, worin jetzt Tierstimmen so künstlich wie die Menschenstimme in der Orgel eingebauet werden, einem freundschaftlichen Zirkel - der darüber nicht einschlief, weil er gar nicht existierte - vorzudeklamieren wagte. Ich kam vor dem Postwagen vorüber, worauf ein unter dem Abpacken in Schlaf gefallener Jude Christen- und Judenschwüre tat: er habe wahrlich seinen Leibzoll schon bezahlt, und ob es denn recht sei, ihm solchen zweimal abzufodern? - O armer Passagier, es war schon unrecht und himmelschreiend, ihn einmal zu fodern, diesen Blutzehnten, diese Schandmedaille an unserer Brust; aber unser kaufmännisches, zu den Metallen verurteiltes Jahrhundert, dessen Licht wie das elektrische bloß den Metallen nachgeht, dankt nur graue kostspielige Barbarismen ab, nicht aber einträgliche, wie diese christliche Weglagerung ist.-- Da ich vor dem Gasthofe zum Teufel wieder vorbeiging, um heimzukommen: fuhr der Wetzlaer Assessor in seinem gedrängten Aktenauszug fort, und ich glaube, in einer dem Reichstag an Länge gleichen Reichsnacht hätt' er die Relation spielend hinausgebracht. Drei Stimmen überraschten mich jetzt mehr als den Leser. Die eine gehörte dem Nachtwächter, der, auf einer steinernen Bank liegend, im Schlafe sang und schon abdankte, obgleich erst zwölf Uhr vorüber war. Die zweite sagte:Unmöglich! - Ach was gäb' ich darum, wenns wäre! Ich guckte hinauf: zwei gut frisierte Damen verwachten die Nacht am Fensterbrett, um den Ofenaufsatz und die erhobene Arbeit ihres Kopfes, die sie sich vom zeitarmen Friseur vierundzwanzig Stunden voraus hatten machen lassen, unzerbrochen auf den Geburtstag aufzusparen. In einer Obstbude schlummerte gebückt ein blinder grauer Bettler, dem ich am Tage einen Notpfennig samt der Valvationstabelle des Pfennigs geschenkt. Der Traumgott führte ihn aus der finstern Trophonius-Höhle der Blindheit heraus und stellte ihn vor die blumige fruchttragende Welt, und das genesene Auge weinte über die schönen Farben und den Tag. Du Armer! wie gönn' ich dirs! Mög' es ein Genius auch uns so gönnen, daß die Träume der Dichtkunst unsere dunkeln Augen heilen und uns die elysischen Felder zeigen, die das Wachen bedeckt!- Am stillen Komödienhause hielt ich das nächtliche Schweigen darin und die Finsternis und den unbewegt hängenden Vorhang gegen den Glanz und Lärmen des Tages und dachte an das künftige Verstummen und Verfinstern des großen Erdtheaters, wovon die kleinen Nationaltheater nur Dekorationen sind. Ich hörte jetzt hinter mir gehen: der Blinde war aufgestanden und ging mit geschlossenen Augen umher und sagte zur Nacht: Teilt einem armen stockblinden Manne auch was mit. Ich weckte den betörten Nachtwandler auf und führte ihn in seine Bude zurück. Dann ging ich meiner zu, und der Ernst meiner Betrachtungen über den dunkeln gestirnten, rund um unsern Geist gezognen Schlummer ließ bald vor den Träumen, die den Morgen der Jugend heraufzogen, seine Wolken fallen. Bekanntlich ein oben zu einem Trichter zugespitztes Gefängnis, das wie ein Hörrohr dem Dionysius alle Klagen der Gefangnen sagte. Jean Paul: Jean Paul: Palingenesien - Zweiter Reise-Anzeiger (1) Zweiter Reise-Anzeiger Fata: der Hornrichter Stuß - Mr. le Comte Sebaud de Baraillon - warme Kälte des Herzens - die Lust auf Lustreisen - der Lazarus an der Mutterbrust - Baireuther billet doux und poetische Episteln aus Blech Werke: mens sana in corpore insano - Rekommendationsschreiben für Lottos - Statuten der historischen Gesellschaften in Baireuth, Hof, Erlangen etc. - Sponsalien in einem Federmuff Ich habe jetzt die allgemeine Erwartung auf den ersten Ostertag gespannt, und die Welt versammlet sich immer mehr an Fenstern und Türen, um mich und meinen Boten ausreisen zu sehen. Aber eh' ein Mensch aufbricht, hat er da wohl weniger zu tun als ein preußischer Steuerrat, der in einem Jahre 3000Sachen von den Unterinstanzen und 2000Verordnungen erhält, 200 ausstellt und 80Excitatoria dazu samt 1600Relationen, wobei es ihm freilich an Zeit nicht fehlen kann, noch 24Kommissionen abzutun und 12Städte als 12himmlische Häuser seines Tierkreises zu bereisen? Oder hat ein Passagier nicht vorher Lippenpomade zu kaufen (weil er mit heiler Lippenhaut ankommen will) - Locken und Knöpfe zu papillotieren - Pässe und Marschrouten einzustecken - Gold und Wäsche zu wechseln - einen Mantelsackträger und für diesen wieder einen Mantelsack mietsweise zu bestehen - und das Haushalten mit der Verlassenschaft von Reichsabschieden, Generalreglements, 50Dezisionen und Agenden zu verproviantieren? Und wenn ers nicht selber tut: wird es nicht wenigstens von seiner Frau gefodert?- Schon am heiligen Karfreitage ließ ich einen armen Teufel, namens Florian Stuß, zu mir holen, um ihm ein paar Pfennige, nämlich die Charge meines grand-maitre de garderobe oder meines Mantelsackträgers zuzuwenden. Der Mensch war in Nürnberg zu Hause: denn er hatte als Horndrechsler da gearbeitet und contra sextum pekziert und lange als sogenannter Hornrichter und Weibergeselle, weil er nun nicht mehr Meister werden konnte, Klauen für die Kammacher zugerichtet. Er empfing die Vokation des Tragamtes mit Jubel: die Feiertage mehrten sein Konsumo, aber nicht seine Konsumptibilien, besonders da er auch an Wochentagen wenig erschwang. Sooft er nach Böheim Boten lief, steckt' er einen kleinen, von ihm selber fabrizierten Warenballen und Auerbachischen Hof von weiten Kämmen, Stock- und Westenknöpfen, Würfeln und Wildrufen und Kruzifixen ein und trieb auf dem Franzenbad bis nach Eger einen Kontrebande-Handel, der ihm oft noch einmal so viel abwarf als das Botenlohn. - Laufen ist mein Vergnügen, sagt' er; und ich wünschte daher, daß Siebenkäs jetzt dem Drechsler, da er noch bei Kräften ist, in Wetzlar etwa die Expektanz zu einem lutherischen Reichskammergerichts-Supranumerar-Akzessist-Boten auswirkte; es wäre Stussen dann ein Leichtes, mit der Zeit Supranumerarakzessist, dann Akzessist und in seinen alten Tagen gar Bote zu werden. Ich erlaubt' es ihm, noch einen blinden Passagier (d.h. einen Brief, ein Paket etc.) im Mantelsack zu seinem Vorteil einsitzen zu lassen und darnach überall in der Stadt und auf dem Postamt herumzufragen. - Ja, bei einer frohern Seele hätt' ich mir nichts daraus gemacht, dieses Inserat in das Höfer Intelligenzblatt einzusenden: Ein homme de lettres hiesiger Stadt, der nach Nürnberg reiset und noch einen Platz im Mantelsack leer hat, wünschet, daß Personen, welche gesonnen, den Platz mit zu bestehen, sich noch vor Sonntags im Intelligenzkomtoir angeben, wo ein Mehreres zu erfragen. Entweder der Hornrichter Stuß oder die Höfer Landeshauptmannschaft, bei der ich um einen Krankheitspaß nachsuchte, ließ dem Grafen Mr. Sebaud de Bataillon etwas davon merken, daß ich nach Nürnberg gedachte: der Graf - ein armer Emigrant und Gefangner im deutschen Babylon oder Freier in der Botany-Bay - kam am heiligen Abende zu mir, lobte in der Kürze Mann und Frau, exkusierte sich siebenundsiebenzigmal, ging endlich damit heraus, daß er eine Tochter in Nürnberg und hier einiges an sie habe. Nähm' ichs freilich mit - er exkusierte sich hier bloß 770mal-, so unterständ' er sich und händigte es ein. Ich bewies durch Haupt-Juramente und ad hominem meine freudige Willigkeit. Endlich legt' er eine Büchse mit Patentpomade auf den Tisch, seinen Reisepaß und einen Fächer mit einem Miniaturporträt: das war die Überfracht des Mantelsacks und gehörte an die Comtesse Georgette, seine Tochter. Er hielt es für Höflichkeit, mich wenigstens über die Exportation des Passes aufzuklären: seine Tochter hatte nämlich liaisons mit einem vornehmen refugié (d.h. er war ihr Liebhaber und wahrscheinlich das Fächer-Porträt das seinige), und dieser konnte jetzt vielleicht mehr Gebrauch vom Passe machen als der Comte selber (d.h. der refugié gab sich für diesen aus). Der Paß-Plagiarius und Ableiher hatte einem Hofe (nach der Versicherung seines Schwiegervaters) so große Dienste getan, daß ihn der Hof zu stürzen und zu entfernen suchte; ebenso wie man, sagt' ich, auf dem Schiffe jedes Wasserfaß, sobald es ausgeleert worden, zerschlagen muß, weil kein Platz da ist. - Die Seele des Comte war - wie bei allen Menschen, die ein gedrücktes Leben führen und jeden Fußbreit vom Paradies dem Verhängnis erst mit sauerem Kampfe abgewinnen-, obwohl nicht kriechend, doch immer gebückt, wie Menschen, die in bergigen Ländern wohnen, immer mit gebognem Rücken gehen. Inzwischen fügt' er doch flüchtig bei, hätt' er Zeit (er stickte und dozierte), so nähm' er Extrapost. Du armer überladner Sebaud de Baraillon! prahl immer, denn du hast nichts! Nicht den Stolz des Unglücks, sondern des Glücks verarg' ich, weil ich ja unmöglich so hart sein kann, daß ich unter dem zerschlagnen geschwollnen Rücken das letzte Unterbette wegzöge, nämlich das Windbette der Eitelkeit, das sich allzeit selber bettet!- Eh' ich fortreise, will ich mich nur entschuldigen, daß ich bei der Höfer Landeshauptmannschaft, wiewohl vergeblich, auf einem Krankheitspasse bestand. Einen Gesundheitspaß haben Libertins in Ordensbändern nötig, und wenn sie auch nicht weiter reiseten als aus ihrer Stube in die nachbarliche; aber ein homme de lettres ist gerade wie ein Krebs nicht eher zu genießen als in der unpäßlichen Mause. Was sagt Siebenkäs S.139 etc. in den teuflischen Papieren hierüber in der ersten Edition? Folgendes in der zweiten: Jean Paul: Palingenesien - 2. Reise-Anzeiger (2) Mens sana in corpore insano. Einem Gelehrten fehlet immer etwas, entweder die Farbe - oder der Atem - oder die peristaltische Bewegung - oder der Magensaft - oder der sogenannte gesunde Verstand; wie die Juden (zum Andenken des ruinierten Jerusalems) an ihren Häusern etwas unausgebauet stehen lassen oder wie aus einer gewissen bekannten Galerie nach einer Inhibitiv-Bulle (zum Andenken der verstümmelten Antiken) nur amputierte Nachbilder und Krüppelkopien ausgehen dürfen, denen zu Hause der Kopist erst die Füße oder die Hände oder die Köpfe anschient. Griechen und Römer, bei denen die körperliche Gesundheit der geistigen mehr Vorschub als Eintrag tat und die den tierischen Leib und die menschliche Seele miteinander unterwiesen und hoben, wie in der Reitschule zugleich die Pferde und die Scholaren reiten lernen, diese Nationen können vielleicht keinen andern Vorteil von dieser Schulfreundschaft zwischen unsern beiden zankenden Teilen aufzeigen als den, daß der Mensch damals gleich gut dachte und handelte. Aber der Gelehrte soll eben besser denken, als er handeln kann, er soll eben seine Stärke, wie der Tolle, oder sein Werk, wie der Instinkt, der siechen Einseitigkeit verdanken. Man schieße lieber den einzigen Kopf zur Bildung aus, wie die Juden an Gänsen die Leber zum Mästen, worein eben die Auguren das Ich verlegten. Zwerge haben große Köpfe; man sorge also zuvörderst für Zwerg-Rümpfe. Eben alsdann werden in den niedrigsten Wechselbälgen unsers Handelns niemals edle Ahnenbilder glänzender Entschlüsse fehlen, weil gerade die körperliche Gebrechlichkeit uns an Vorsätzen erstattet, was sie uns an Taten benimmt. Genie und Krankheit sind so sehr Milchbrüder, daß in unsern Tagen Männer von Talent sich häufig den giftigsten Ausschweifungen unterziehen, bloß weil sie ihrer satirischen Schärfe mit ihrer skorbutischen, und mit den Nervenfiebern den Nervengeistern nachzuhelfen denken: so impfte Linné auf dieselbe Art den Perlenmuscheln - die desto mehr Perlen ballen und liefern, je kränker sie sind - künstliche fruchtbringende Krankheiten ein. In drei Terzien sieht Deutschland mich und den Boten reisefertig unter der Tür. Nachdem der disharmonische Sonnabend ausgehalten war, wo ich die häuslichen einheimischen Gefühle, die ich von den für das Fest aufgerichteten Thron- und Futtergerüsten erhielt, immer durch die weltbürgerlichen einbüßte, die mir der Reise-Bündel zuführte: so tat es mir am Ostermorgen viele Dienste, daß ich aus meiner weichen Schneckenhaut eine steinerne Schale ausschwitzte und mich damit überzog; ich wollte durchaus nicht eher gerührt sein als bei meiner Retour, und da desto heftiger. Ich behielt deswegen immer den Botenmeister Stuß im Zimmer, der geschmackvoll in einem geschenkten Paar grünplüschenen Hosen erschien, aus deren Wiesenrund die Sense der Zeit ganze lange grüne Ränder noch nicht ausgemähet hatte. Hermine sagte auf einmal mit leiser, aber wankender Stimme (die immer Neben-Monde des Gedankens anzeigt): Vergiß vor Streitberg unsern Rosenhof und die Rosensonne nicht; sie blühen vielleicht dieses Jahr - und du kommst wohl morgen abends hin? - Beides! sagt' ich; aber ich ging hinaus. Ich will nur in der Eile dem Leser berichten, daß ich - als ich einmal mit ihr auf jener Anhöhe die Sonne wie einen Apollo aus diesem Arkadien gehen sah, der unter der Trennung ein Gott wurde und glühend verschwand - auf meinem und ihrem Standort eine wachsende Spur zu lassen suchte, indem ich Zimtrosensamen so enge und rund und Samen von weißen Rosen so weit und zirkelförmig steckte, daß die Blumen des erstern einmal eine purpurne Sonnenscheibe und die weißen einen bleichen Kranz oder Hof um sie bilden konnten. Ich ging hinaus, halb als Petrus, halb als Judas, und der Gottseibeiuns war bei mir. Als ich mir draußen einige Fühlfäden abgeschnitten hatte, die ich nicht eher regenerieren wollte als unterwegs: kam ich wieder hinein und fand sie redend neben dem Hornrichter, dem sie - mutmaßt' ich damals - Sorge und Fleiß für ihren ehelichen, zur Salzsäule angeschossenen Loth empfohlen hatte, der wie ein Gewitter gerade bei dem Abzuge am schlimmsten war. Beim Himmel! auf demselben Mensch wachsen, wie auf einem Weinberg, oft viererlei Weine, auf der Mittagsseite der herrlichste und auf der Nordseite einer, der nicht zu trinken ist. Endlich wurde geschieden, und ich vertröstete mich darauf, daß ich bei meiner Ankunft den Abschied nachholen würde. Ich weiß es, daß oft das verhüllte überbauete weibliche Herz voll Tränen hängt wie die von der Glocke überdeckte Blume voll Tau; aber Hermine, mit welchen hellen warmen Marientagen wird nicht deine Natalie dein doppeltes Siechen umgeben und das Regenwetter verjagen, das dem Blühen deines Weinbergs Schaden täte! Wie arkadisch und in reiner Himmelsluft mehr schwimmend als fliegend werdet ihr Ostern verträumen! Gleich Tönen, die geräumig und leicht und unverworren und doch verbunden in der Luft ihr wiegendes Leben führen, so werden euere Gefühle und Wünsche und Stunden nahe, frei, leicht, harmonisch und doch unterschieden nebeneinander schweben und verklingen!1) Und als mir das Kirchengeläute durch das Himmelsblau noch einige Nachklänge des zurückweichenden Lebens nachwarf und an der Stadt das, was Tithon behielt, hinter mir starb, ihre Stimme: so sagt' ich: jetzt zieht vielleicht Natalie das gefüllte Herz der Guten an ihres und lässet sie weinen, ohne zu fragen worüber.-- Welcher frische kräftige Morgen! - Wie schrumpfen in dem weiten Gebäude der Natur unsere Schnittwunden zu roten Mückenstichen ein! Hier fühlet man es, daß unser Geschrei über jeden Stich des Lebens höhern Wesen in diesem Tempel klingen muß wie uns in der Kirche unter dem Nachdenken über große Gedanken der Aufschrei eines Kindes. Nach Leid kömmt Freude, die Sonne tanzt am Ostertage, die der Karfreitag verfinsterte. Und in der Tat war unsere die Vortänzerin, und ich und der Bote tanzten nach. Ich würde mich freuen, wären ich und Stuß auf Glas gemalt und steckten in einer magischen Laterne, und der Leser könnte unsere marmorierten Schatten über die lichte Wand weglaufen sehen - erstlich mich voraus mit dem langen geschwenkten Dintenfaß des Stocks, wie ich freudig den Kopf im Sonntagsmorgen umherwerfe, weil mir das Schicksal die vollsten Blumenrabatten der Freude immer an den Straßendämmen herumsäet (daher kann mein künftiger Himmel in bloßen Durchmärschen durch Himmel bestehen) - zweitens den Hornrichter, wie er nachschreitet und nachträgt in einem geschenkten knappen Jagdkleide und mit einem Spazierknüttel, um seinen Reiseprinzipal in der Not zu decken, und wie er die Spitzsäule eines Morgenbrots anbeißet - und endlich uns zusammen, wie wir auf der erhelleten Wand bald hinter grünen Bäumen, bald hinter kouleurten Staketen, bald hinter offnen Scheuern hervorkommen, bis wir uns in die runde Nacht des Laternenrands verlieren.-- Da meine Reiseträume, wie ein Geisterschatz, bei jedem fremden Worte zurücksinken und verschwinden: so durfte der Träger nicht reden, aber gar wohl (wie in kleinern Kirchen) in den Wäldern singen. Es wäre zu wünschen, ich könnte der musikalischen Welt die Partitur seines schmetternden Singspiels, worin er das fröhliche sorgenlose Wandern der Handwerkspursche besang, aus der Rellstabischen Musikhandlung mitteilen: - welche Vollstimmigkeit! Die Zugvögel hatten die zweite Stimme - der Wind rauschte durch alle gedackte Register des Waldes - die Türme der Dörfer läuteten mit zergangenen Chortönen darein und ich ging als Echo voraus mit vier Gehirnkammern, als vier Schallgewölben, worin die Klänge wachsend umliefen. Weil Stuß dem Portier des Höfer Tors aus Spaß berichtet hatte, er wandere wieder mit dem Wanderbündel: so hatt' ich seiner Kehle unter der ganzen Kantate den Text meiner Phantasien, die sich bloß auf seine Wander- und Jugendjahre bezogen, untergelegt. Ich erinnere mich fast gerührter und lieber der fremden Erinnerung, des Morgenhimmels einer fremden Jugend - und gehe dabei mit dem Cyanometer oder Himmelsblaumesser zu Werk-, als ich mich nach meinem eignen Osten umkehre. Im Ehestand singt Er aus einem andern Tone, Meister? sagt' ich zum Weibergesellen. Was will man machen? versetzt' er mit der lustigsten Ergebung, womit der gemeine Mann so oft unsere unersättlichen Bittschriften um vermehrten Lebens-Gehalt beschämt. Ich suchte gegen seine Singstimme gerecht zu sein. Im roten Roß (sagt' er und meinte den Gasthof) loben sie mein Singen sehr; und ich schreie mir oft an zweiten Feiertagen die Lunge entzwei. Denn was ein ordentlicher Mann ist, bleibt am ersten zu Hause und trinkt seinen Krug Bier viel lieber mit seiner Frau und Kind: ich kann nicht so sein wie manche. Jetzt war Mittag und Berneck da und der Eßtisch. Der Meistersänger holte seinen Brottorso heraus und wollte drei Quärge fodern - denn nach meinem hanseatischen Fürstenbund mit ihm sollt' er bloß von seinem Gelde leben-; aber wie hätte das ein Oberhaupt verstatten können, dem heute der Himmel voll welscher Viole d'amours und anderer Instrumente hing? Und hätte mich nicht wenigstens sein Donum zu einer Änderung der capitulatio perpetua vermocht, daß er nie zwei Dinge satt bekam, das Leben und das Essen im Leben? Denn ich verlange wenigstens keinen Boots- und Hausknecht in die Kost, der diese wie ein stummer Knecht nur bringt und nicht braucht, und der in den Magen ein so philosophisches Anatomiermesser wie sein Befehlshaber setzt. Die offne Tafel eines Fürsten ist ein fataler sättigender Anblick, aber die des Volks ist ein schöner voll Magensaft. Mein Bedienter, sagt Voltaire, soll einen Teufel haben; - wenigstens einen Magen, sag' ich. Stuß hatte beides. Es kommt doch meinem Leib zugut, sagt das Volk, wenn von der Wahl zwischen Essen und anderem Genuß die Rede ist, und zeigt und schlägt auf den plexus solaris, wo Herr Fabre und Parmenides die Seele und die gemeinen Leute das Glück derselben suchen. Und müssen denn diese Armen nicht aus dem Körper und dessen Stärkungsmitteln zu viel machen, da ihre Ernährung von seiner abhängt und sie von diesem Nicht-Ich gerade die Schmerzen, die Freuden, die Unterstützung empfangen, die uns das Ich zuteilt? Während der Häresiarch und Dozent der Glückseligkeitslehre, der Bote, im Treibkübel seines Leibes Freuden-Vergißmeinnicht statt der vorigen Distelköpfe des Hungers erzog, suchte sein Brotherr im Gasthof etwas zu verdienen und eine oder die andere Stelle in den Teufels-Papieren neu aufzulegen: mit einem besondern Vergnügen bau' ich mir aus jeder Passagierstube meine Studierstube. Ich hatt' aber lange keine Materie, bis ich endlich eine aus dem Glücksrad zog, und zwar - über das Rad selber. Mir gegenüber steckte die königlich-preußische Lottokollektion die herausgekommenen fünf Wunden-Nummern heraus. Auf einmal kam ein armer Teufel freudig in Dreihaar-Samthosen herein und berichtete, er hätte beinahe eine Terne gewonnen und nur immer um eine Zahl fehlgegriffen: Statt meiner 15, 36, 79, sagt, er, hätt' ich nur 14, 37, 78 nehmen dürfen: ich muß es erzwingen, und sollte das Bett unter dem Leibe daraufgehen. Daher sollt' auch jede Lottokollektion zugleich ein Pfandhaus, dieses Widerspiel eines britischen Assekuranzhauses für Möbel, sein; ja es sollte angenommen werden, wenn einer sich selber und Frau und Kinder ins Lotto einsetzen wollte: könnte dadurch nicht ein Regent die Untertanen insgesamt erspielen und damit machen, was er wollte?- Der Samt mit seinen Knieglatzen machte endlich meinem Plüsch mit seinen - denn Plüsch und Samt dienen wie Pferde von oben herab, aus dem Lustschlosse ins Armenhaus, und oft bettelt Samt am Hofe und Samt vor der Türe - Lust zur Sache, und Stuß wollte in Baireuth sein heutiges Botenlohn daran wagen. Ich machte daher in Berneck weiter nichts als eine verbesserte Auflage vom Lobe der Lottos S.368. Auf der Landstraße las ich ihm, bevor er ein Rädertier des Lottorads wurde, folgende Umarbeitung vor: Weibliche Freundschaft ist zwar seltener als unsere, aber dann auch zärter: unsere grenzt nicht so nahe an Liebe - da wir einander nur im Widerschein der Taten lieben - als die weibliche, da die Freundin von der Freundin (wie vom Liebhaber) weniger die Beweise als die Äußerungen der Liebe begehrt und die Liebe fast nur fodert, um eine zu fühlen und zu erwidern. Jean Paul: Palingenesien - 2. Reise-Anzeiger (3) Rekommendationsschreiben für Lottos. In unsern Tagen, wo man das Pflugrad für das einzige Reichtümer verdrehende Glücksrad hält und wo so viele Zahlenlottos eingehen, scheint es ein Verdienst zu sein, wenn man in satirischen Palingenesien wieder dartut, wie ungemein viel Lottos sowohl den Untertanen als den Fürsten eintragen. Alles, was beide Teile davon zu fürchten haben, Stuß, ist das große Los, das oft - weil die Freude das Blut stromweise ins Gehirn aufspritzt - zugleich die Adern des Untertanen und das Lotto des Regenten sprengt. Ich stand dabei, als ein armer Schuster mir ein Paar Stiefel auseinandertreiben wollte und durch einen Kurier die Hiobspost einer gewonnenen Quaterne bekam: er fiel, von diesem ins Ohr gegossenen aurum potabile vergiftet, maustot um und war nicht mehr zu beleben. Noch mehr fiel dem Landesherrn der Verlust der Quaterne empfindlich, wenn er auch leichter den Verlust des Schusters verschmerzte. Allein hier kann man beiden Teilen aus der Mathematik dartun, daß eine gefährliche Quaterne oder gar Quinterne - wegen der besten arithmetischen Vorkehrungen - fast gar niemals, wenigstens in Vergleichung gegen die kleinern, für beide Parteien unschädlichen Gewinste, nicht so oft erscheine als ein großer Arzt, der nach Kardan alle hundert Jahre einmal geboren wird. Ich verweise hier Fürsten und Einsetzer und Ihn, Stuß, auf jenen Spaßvogel in der Schweiz, der ein Lotto errichtete, worin der Einsatz bloß in welschen Nüssen geschah - in kurzem war in der ganzen spielenden Gegend keine Nuß mehr zu haben, welches meines Bedünkens der größte Beweis ist, wie wenig man Nuß-Quaternen oder nur -Ternen zog. Gesetzt sogar, das Unglücksrad haspelte diesen roten und weißen Arsenik hervor: so ist doch das eine Art von Trost, daß diese giftige Basis mit einem solchen corrigens von Erschwerungen und Beschneidungen versetzt und aus einem aurum potabile zu einem so unschädlichen aurum fulminans gemacht wird, daß der Verfasser und Vorleser dieses ohne Furcht vor dem Freudentod erbötig ist, das aurum zu nehmen und zu erwarten, was wird. Jetzt will ich zeigen, was der Untertan, besonders Er, vom Lotto hat. Mit dem Verbieten der ausländischen will die Regierung kein schlimmes Licht auf innere werfen; sie gleicht nur einem Herrn, der aus guten Gründen den Hofhunden von keinem Fremden Brot anzunehmen erlaubt. - Hoffnungen sind gleichsam die menschlichen Besitzungen in der neuen Welt der Glückseligkeit, und ich glaub' es leicht, daß jener Lord seine jährlichen Hoffnungen nicht für 500Pfund hingeben wollte. Im Lotto werden nun der ärmern Klasse des Volks - da der Staat unmöglich jedem solche teuere und große Hoffnungen wie Personen von Geburt und Verdienst anbieten kann - mancherlei und selber die ansehnlichsten Hoffnungen (Hoffnungen von 5fl. bis zu Hoffnungen von 100000fl.) für wenige Groschen zugestanden. Der Fürst selber behält sich keine vor: denn was er dabei gewinnt, ist der Einsatz, aber keine Hoffnung: vielmehr hat er bei jeder Ziehung die kleine Furcht, viele Auszüge, wo nicht gar eine Ambe zu verspielen, die der Untertan als Überschuß und Zugabe seiner Hoffnung einsteckt. Dieser hingegen kann nie mehr verlieren als seinen Einsatz. Dabei bereichert Er noch, Stuß, viele sogenannte Landaussauger, die Er, sowie auch Spieler, Glücksritter und selber Rechtsgelehrte und Kaufleute einer gewissen Art, nicht eher und leichter vom Halse bringt - so daß sie aufs Land ziehen und aufhören-, als bis Er sie satt gemacht, so wie Schröpfköpfe von selber abfallen, wenn sie nur voll sind. Das hat nun die ärmere Volksklasse vom Lotto. Aber ohne Vergleich mehr bringt es dem Regenten selber ein, lieber Mann! Das Glücksrad ist das beste Schöpfrad, das auf der einen Seite das Vermögen des Volks einschöpft und erhebt und es auf der andern vor die regierenden Füße niedergießet. Überhaupt kommen mir die Staatsbürger, die um den Thron stehen und die zu empfangen scheinen, indes sie wirklich geben, gleich den künstlichen marmornen Tieren in Palermo1) vor, die aus dem Becken des Brunnens das Wasser, das sie hineingießen, auszusaufen scheinen. Gerade vom ärmern Teile des Volks, der nur Schutzgeld steuert, erhebt das Lottodirektorium eine wahre Kopfsteuer, und die fünf güldnen Mäuse der fünf Nummern, die der arme Teil von den Philistern zu fangen hofft, höhlen, in lebendige verwandelt, dessen ganzen Brotschrank und Brotsack aus. Es wäre leicht, Fürsten, die zum Lotto angefrischt sein wollen, in ganze Dörfer zu führen, die dadurch an den Bettelstab kamen und alles einbüßten; so daß also der nutzlos herumfliegende Goldstaub recht glücklich in einen einzigen Goldwürfel geschmolzen war, oder richtiger, daß der unwirksam unter tausend Häusern wie ein Dunst versplitterte Reichtum sich in der Lottokasse wie der gefallene Rhein zu einem Strome zusammengezogen hatte, der nun Maschinen treiben konnte. Aber so urteilen wenige Kameralisten. Ich frage Ihn noch, Meister, ob wohl das Lottospiel die Neigungen weniger und kürzer festhalte als jedes andre Spiel. Oder läuft nicht vielmehr einer, den das Glücks-Spornrad sticht, wie in Rom die mit Stachel-Blechen besetzten Pferde, immer hitziger fort und verdoppelt Schritte und Stiche zugleich? - Und was kann mir hierauf ein Mann wie Schlözer entgegensetzen?-- Oder auch einer wie Er, Stuß? beschloß ich. Ich merke wohl, versetzt er, Sie blasen mit dem Bernecker Biergast in ein Horn. Aber nun übersetzt' ich erst meine Sprache in seine. Wir trabten lange fort, und niemand bemerkte etwas als der Bote, daß der Weg und das Bier besser werde, und als ich, daß der Schritt die Blumen und die Blätter größer mache. Mir ist nichts Schöneres bekannt, als mitten in einen elenden Nachwinter voll Blätter- und Baumskelette eingefroren zu sein und einige Poststationen von sich den reifsten Vorfrühling voll belaubter grüner Welten zu wissen und dann (wie ichs jährlich mache) auf einmal wie Grundeis aufzustehen, mitten in den ausgebreiteten Frühling hineinzuschwimmen und darin zu schmelzen, indes man doch noch immer zu Hause seinen Retour-Lenz stehen hat. Ja ich könnte einem reichen Engländer eine Marschroute angeben, worauf er von einem Frühling in den andern, durch zwölf jährliche Maimonate zu reisen vermöchte; so wie ich gegenüber dem ewigen Juden eines solchen ewigen Frühlings einen andern Pilger könnte einen ewigen Herbst bereisen lassen. Aber noch mehr erhob ich den Wärmteller unsers erkältenden Lebens, die laue Frühlingserde, als ich unweit Benk vor einer Wiese vorbeizog, aus der ein armer, in ein großes mütterliches Wams eingeknöpfter Junge bettelnd zu mir lief, nachdem er vorher ein Wickelkind, das sich an ihn suchend und durstig nach der ersten Wässerung des Lebens an die leeren Danaiden-Milchgefäße seiner Brust andrückte, ins Gras geschoben hatte. Die Mutter machte weiter unten den Bach zur Waschwanne und den Zweig zum Trockenseil. Ich suchte mit diesem Terzett, das ein elendes Lebens-Miserere aufführte, in Verbindung zu geraten. Die junge, aber hagere welke Mutter - von deren Laiterie das Wickelkind den Kopf vielleicht ebenso durstig abwendet als von der brüderlichen - sagte vor mir aus, der Große (der, an dem das Wams als jakobinischer Rock herabhing) sei von einem Bauernsohne und das Kleine von einem Fröner - beide hätten sie geehlicht, hätte jener seinen Freischein, dieser den Konsens des Gutsbesitzers ausgewirkt-, sie bettele sich ins Hohenfließische (genauere Nachrichten von diesem Fürstentum streu' ich in meinen Titan ein), und sie verlasse sich mit ihren armen Würmern (beschloß sie mit jenen kalten Tränen, die bloß über einen so oft erzählten und wiederkäueten Jammer fließen) auf Gott und gute Leute. Nie treibt in mir das Mitleiden seine Seufzer und seinen Rausch aus innern Tränen höher als auf Reisen; und ich weiß recht gut, daß ich es aus dem Kontraste der großen Natur und des Genusses und aus der Entkräftung durch Gehen herzuleiten habe. Äußerst grimmig blickte ich, nach diesem aufgeführten Lagrimoso, auf die Weidenallee vor mir hin, weil mir einfiel, daß sonst an ihr eine Warnungstafel mit einer gemalten Hand unter einem gemalten Beile gestanden und durch dieses Terroristen-Schlachtstück Weiden-Frevlern ihre Amputation vorgemalet habe: Wie? (fuhr ich fort) solche Malefiz-Hackstöcke für Weiden-Totschläger erschrecken uns mitten in der gütigen Natur; indes die Großen die wahren Eckstämme und Brotbäume des Staats, den eigentlichen Reichsforst (das Volk) ausästen, abrinden und zur Harzscharre und zu Bierzeichen verbrauchen und ihnen, wie die Gärtner den Gurken, die männlichen Blumen nehmen. Ich sollte reden dürfen. Als ich mich ebenso gerührt als erzürnt von der Doppel-Braut geschieden hatte, fiel mir der Nutzen des Frühlings und Sommers besonders auf: Beide geben doch, sagt' ich, diesen armen leeren Gläubigern des Reichtums, diesen kriechenden Krüppeln ohne Krücken eine weiche trockne Wiese, ein freies Logis am Tage, eine warme Stube, ein blumiges aufgelockertes Unterbette, einige Landschaftsgemälde und zuweilen eine Blume - nein, im Winter ists zu hart, wenn ein Mensch den andern draußen lässet. Sechs oder sieben Schritte davon richtete sich in einem Gebüsch ein erwachender Junge auf und hielt mir seine Hand heraus, damit ich etwas hineinwürfe. Ich stellte mir vor, er sei der dritte Teil der Buße des vorigen Weibes und verberge (nach dem Bettler-Anti-Nepotismus) seine Verwandtschaft aus dem Grunde, warum sie andere erdichten, um zu erben: Ich habe deiner Mutter erst gegeben, sagt' ich. Er versetzte pikiert, er gehöre nicht dort zum Bettelvolk, er sei aus Benk und spinne, nur heute und morgen trag' er Brot zusammen. Einer, der Sonntags reiset, kanns unmöglich behalten, daß es Sonntag ist: der kleine Lazarus brachte mir nur mit Mühe bei, daß wir Ostern hätten, wo die religiöse Statik seines Spinnrades die seinige aufhebe, weil er an Sonn- und Festtagen die Schuld des Lebens nicht wie an Werkeltagen spinnend abzusitzen, sondern bettelnd abzulaufen habe. Ich halte es leicht geheim, die Rührung, die ich vom leidenden verwelkten Kleeblatt mitgebracht, kam der kleinen und noch dazu ehrgeizigen und also doppelt elenden Läuferspinne neben mir sehr zustatten, die so lange Fäden aus Geduld und Baumwolle ziehen mußte, eh' sie darin ihre dünnen Viktualien zusammenfing. - Ich lockerte mich sogar durch Wortspiele weicher auf und durch Belesenheit, indem ich mich bemerken ließ, wie wenig Benk, das nach Professor Langs2) Ableitung von einer Bank an einer Quelle für Wallfahrter nach Harsdorf den Namen bekam, dem feurigen armen Teufel eine Bank oder eine Quelle gebe, höchstens eine Ruderbank und eine Hungerquelle - Und dann stellt' ich um den Jungen die ganze eingesperrte verdorrende Poularderie von armen Kindern, die mit ihrem feurigen Geäder und zuckenden Nervengewebe aufs Spinnrad geflochten werden - den ganzen Tag hungernd und mehr von den Gespielen als der Mutter erbettelnd - in die schwarze Höhle der Spinnstube geklebt - neben geißelnden Kerkermeistern und Mitarbeitern von allen Kinderspielen durch ihr Stachelrad getrennt - bleicher als ihr Garn, ohne zu erbleichen - schlaff, müde, nur durch umtreibenden Magensaft noch eingeölt, unreif und wachsend ohne Jugend - und das auf einer Erde, wo die Jugend doch die Villegiatura des Lebens ist, und wo wir uns mehr laben, indem wir uns umschauen, als indem wir vorwärts blicken -- ich will mich nicht mehr nach dem kleinen Benker pauvre honteux umsehen; aber ihr Menschen, o! macht nur wenigstens die Menschen glücklich, die es am leichtesten, am unschuldigsten, am längsten werden, die Kinder!3)- Als ich vor Baireuth kam, das so heiter wie ein Lustlager vor mir war, ging ich um dasselbe herum: bloß den Hornrichter ließ ich mit dem Furierzettel im Gasthof zur Sonne um das Zimmer anhalten, worin einmal Siebenkäs und Leibgeber (s.3.T. der Blumenstücke) gewohnet und geliebet hatten. Ich aber zog nach Eremitage, fast bloß um wieder abends nach Hause zu gehen, wie Siebenkäs in der Biographie, und um, wie er, vorher durch das Baumdorf Johannis zu kommen: ich flicke ungemein gern die von mir geschriebnen Bocks- und Trauerspiele selber als Forcerollen in mein Leben ein und bin der Theaterdichter und die spielende Truppe zugleich. In Eremitage saß Baireuth ohne die Häuser - gedeckte Tischchen unter Bäumen standen als Sozietätsinseln da und teilten den langen bunten Flor in Rabatten ab - ein Konzerttisch setzte die Passionsgeschichte derer, über die man sprach, in Musik von Graun - alle Ostergäste saßen in himmlischen verklärten Kleidern aus dem Heiligen Grabe erstanden da - ich allein sah' in meinen aus, als wollte man mich erst in eines senken. Schon überhaupt brachte es der Verfasser der Palingenesien durch allen Kleider- und Schneider-Wechsel nie dahin, daß ihm sein Habit so glatt und nett gesessen hätte wie einer Statue das nasse Gewand - entweder saß er an wie ein Wappenrock, oder er war defekt wie ein Leichentalar - ja und wenn die ganze Pariser Schneider-Gilde mir einen vollständigen Anzug anmäße und sich auf den Tisch setzte und ihn in Kompagnie ausnähete und steppte, so bin ich überzeugt, ich würde doch, wenn ich ihn abbekäme, darin aussehen wie ein gekrönter Kaiser in der Dalmatica, der Alba, der Stola und dem Chormantel und Schweißtuch. So ergeht es schon meiner Parüre. Im demi-negligé und en chenille fahr' ich noch schlechter. Eben in Eremitage trug ich einen Staub- und Pudermantel von Überrock, worin ich durch seine Außenwerke und Eckschränke voll Papiere für zweite Editionen einen solchen Abstich mit den ins reine geschriebnen Baireuthern machte, daß einer und der andere mich heimlich auslachte. Das nahm ich mir sogleich vor zu erwidern: ich setzte mich an ein leeres Trinktischchen, stellte den Stockknopf darauf, zog die Handschriften aus den Arbeitsbeuteln und arbeitete öffentlich unter den Bäumen Satiren um. Sooft ein paar Leute vor dem Schreiber im Nachtmantel mit höhnisch-verzognem Munde vorübergingen, besserte er die Papiere wilder um und flocht den persönlichen Raptus ein. Um des Himmels willen greife man literarische Passanten sanft an: sie kehren sich sonst stößig und beißend wie angeschossene Elefanten gegen die Stadt und trampeln auf den Negernhütten herum! - Die Arbeit ist zugleich mein viertes Werk vor Nürnberg und kommt jetzt herein unter dem Titel: Kleine Reis. 3. Band. Lang. Opuscul. hist. pontif. relig. vestig. in superior. Burggrav. Norici terr. apparent. exhibituri Particul.I. Das frohere Kind ist überall das bessere, und die Not ist die Mutter der Künste, aber auch die Großmutter der Laster. Jean Paul: Palingenesien - 2. Reise-Anzeiger (4) Statuten der historischen Sozietäten in Baireuth, Hof, Erlangen und andern Städten. Es gibt meines Wissens keinen szientifischen Zweig, der sich rühmen kann, so ausgebreitet - ich meine von 2300 deutschen Städten, noch mehrerern Marktflecken und von 82000 Dörfern - oder so allgemein - kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter ist ausgenommen - oder so unausgesetzt - nämlich jahraus, jahrein, an Buß-, Hochzeit- und Sterbetagen - und so eifrig - weil viele gar nichts anders machen und darein versenkt wie Sokrates und Archimedes auf den Gassen stehen - bearbeitet zu werden als die Geschichte. Ich spreche hier nicht von der alten Geschichte - obgleich bisher jedes Jahr aus dem Flügel der Zeit eine Feder zog und damit eine neue alte schrieb, so daß einer schon viele historische Kenntnisse von den neuern Zeiten hat, der weiß, was darin über die ältesten geschrieben worden-, sondern ich meine die neueste, die vaterländische, vaterstädtische, für die es jetzt, nach Maupertuis' vorgeschlagnem Muster einer lateinischen Stadt, ordentliche historische Städte gibt. Wenn auf den dicksten Ästen des Baums der historischen Erkenntnis ganze Akademien horsten, und Zeitungs- und Programmenschreiber als Schneidervögel auf dessen dünnsten äußersten Zweigen nisten: so seh' ich die historischen Blattminierer die Blätter desselben bewohnen und bearbeiten und gut verdauen. Doch glaub' ich, würde dieses Studium der neuesten Geschichte zu wenig oder nichts geführet haben ohne die spezialhistorischen Sozietäten, die ich beschreiben will. Die Akademisten derselben halten ihre Sessionen, wie es trifft. Keiner hat etwas aufgeschrieben, sondern sagt seine Ausarbeitung auswendig her. Ein Geschichtsforscher dieser Art und noch mehr seine Frau, die Geschichtsforscherin, sieht nichts für unbedeutend an und schildert nicht, wie Rousseau der Historie vorwirft, Könige und Kriege, sondern den Menschen im Schlafrock. Sie liefern zwar die Walchische Kirchen- und Ketzergeschichte dasiger Geistlichkeit, Fischers Geschichte des Höfer, Baireuther etc. Handels oder die Statistik eines einzelnen Hauses, seiner Tafelgüter, seiner Nationalschulden, seiner Regierungsform, aber sie denken darum nicht von dem Martyrologium hohler Zähne, von den Confessions eines Wochenkindes oder von den Personalien einer Schoßkatze geringe. - Synchronologie fodert ihren eignen Mann und ihre eigne Frau, nämlich eine alte. Manche tragen aus Liebe zur Wahrheit wie Xenophon und Cäsar keine Geschichte vor als ihre eigne. Viele bearbeiten den historischen Roman und fingieren gut. Redliche Konsistorialräte schwärzen nicht wie Bahrdt in Halle Dogmatik unter dem Namen Kirchengeschichte ein, sondern Kirchengeschichte unter dem Namen Dogmatik und machen Ketzereien zum Vehikel der Personalien. - Die besondern Konzilien der einen Gasse liefern ihre Konzilienakten an die Konzilien der andern ab und diese an jene. - Verscheidet ein Inwohner, so fängt der Geschichts-Ort erst recht an zu leben und geht hin und verfaßt den Nekrolog oder auch das Tyburn Chronicle. - Will einer ans Licht der Welt, so ist man, eh' ers erblickt, imstande, eine so gute Biographie von ihm zu liefern, als die Portugiesen von der Marie abfaßten, da sie noch im Mutterleibe der heiligen Anna war.1) - Büschings wöchentliche Nachrichten liefert jede Frau, die Sonntags einen Kopf und einen Friseur dazu hat, und ihre eheliche Treue ist oft bei seiner historischen.-- Außer den historischen Hülfswissenschaften - der Archäologie, Genealogie, Münzwissenschaft - hat ein solcher Spezial-Livius (oder Livia), Spezial-Cornelius (oder Cornelia), Gibbon (oder Miß Gibbon) noch die besten korrespondierenden Mitglieder, nämlich die Bedienten, die Wartfrau, die Hebamme, den Balbier und die Mamsell. - Wie Ritter Michaelis denen, die nach dem Orient reiseten, wichtige Fragen mitgab, so zeigen Stadt- und Gassenhistoriker ihren Kindern die erheblichern historischen Lücken an, die sie in fremden Häusern auszufüllen haben. Ja machen sie sich nicht selber auf und bereisen, wie griechische Geschichtschreiber die Länder ihrer Annalen, die Häuser derer öfters, an deren Chronik sie gehen wollen? Ist das Kirchengehen - so wie die alten Historiker ihre große Tour oft durch Tempel nahmen, um aus ihren Inschriften einzuernten - nicht ebensosehr den historischen Kenntnissen bestimmt als den religiösen? - Und ist denn nicht jeder Tanzsaal, jede Frontloge, jeder Lustort, jeder Eßsaal ein Salon de la correspondance wie der des Herrn delaBlancherie in Paris?- Es gibt dann wenige, die in der akademischen Sitzung ihre Ephemeriden nicht in jenem einfältigen Stile des Polybs vortragen, den Monboddo so hoch über Tacitus seinen stellt. Die Hauptfoderung, die Dionys von Halikarnaß an Historiker macht, als solche keine Religion, keine Freundschaft und kein Vaterland zu haben, befriedigen viele. Anlangend ihre Wahrhaftigkeit, so ist sie vielleicht nicht klein, wenn die Erfahrung wahr ist, daß jeder dem andern widerspricht; denn wenn Chrysostomus schon aus der so wenig bedeutenden Disharmonie der Evangelisten auf ihre Glaubwürdigkeit zu schließen riet, weil sie den Verdacht der Verabredung abwendet, so lass' ich jeden selber ermessen, wie groß erst die Glaubwürdigkeit von Historikern sein mag, deren Disharmonie zehnmal größer ist und also der Argwohn der Verabredung zehnmal geringer.... So weit war ich, als ich merkte, daß man an einigen Tischen über mein Schreiben rede; ich fuhr aber gelassen fort: Viele solcher Rhapsoden mengen in ihre Spezial-Quotidienne, gleich Voltairen, Satire oder sogenannte Verleumdung; aber sie billigen nie die Verleumdungen anderer Spezialhistoriker, ja sie klagen über die Medisance der Stadt. So loben und beleidigen jetzige Dichter die Tugend auf einem Blatte. Überhaupt achten Poeten, Philosophen und deren Leser die Tugend wie die Mexikaner ihr unsägliches Gold so hoch, daß sie jene, wie die Amerikaner dieses, bloß zur Ausschmückung der Tempel verbrauchen und aus Ehrfurcht nicht als Kurrentgeld im Handel und Wandel kursieren lassen... Jetzt gingen zwei herrlich eingekleidete Herren nahe vorbei und lachten den Schreiber der Reise-Anzeiger aus; er fuhr aber gelassen fort, wiewohl mit weniger Zusammenhang: Immer mehr Gift find' ich in Historikern, in Arsenik und in Brillen-Schlangen, je heller und schöner ihre Außenseite ist. Wenn daher der römische Prätor seinen Purpur- und Galarock abwarf, um jemand zu verdammen: so zieht man jetzt eben den besten an, wenn man ausgeht, über jemand den Stab zu brechen. Und überhaupt schenk' ich dem Elegant mein ganzes Mitleiden und kann ihm doch nicht helfen. Was hat ein solcher Mensch getan, daß ihm jeden Morgen - in Gerichtsstuben die gewöhnliche Zeit der Folter - der Haarkräusler mit glühenden Zangen die tadellosen Haare zwickt und ihm einen dänischen Mantel oder Marterkittel (den Pudermantel) umhängt - daß ihm der Schuster an die kranken Füße, da der Kriminalist sonst nur gesunde foltert, enge Schuhe, d.h. kürzere spanische Stiefel anlegt? Ist es erlaubt, daß ein solcher büßender Bruder - angeschlossen ans Zank- und Halseisen der Wulst-Krawatte, liegend in der tratto di corda der Strumpfbänder und knappen Doppel-Hosen, und überhaupt an Haupt und Haar, an Hals und Hand zugleich gestraft - die Dornenkrone aus Haarnadeln oder Papillotten oder engem Filze aufbekömmt, daß ihm ein Herodes-Purpurmantel und ein Sanskulotten-Zepter zur Schmach