Helmut Beckmann Intuition *************** Meine Friseurin läßt sich scheiden. Der Laden ist kein Friseursalon, sondern ein Haarstudio, eingezwängt zwischen einem Fotozubehörladen und einer Boutique für Übergrößen. Dort, wo eigentlich die Keller für die über den Ladenlokalen liegenden Wohnungen sein sollten, befindet sich eine eingeschossige Tiefgarage für die Kundschaft. Ich halte dies für eine sehr praktische Einrichtung. Die großen Parkplätze vor den Wal-Marts Amerikas sind bei uns eher die Ausnahme und so ertappe ich mich immer öfter, daß ich dort einkaufe, wo ich meinen Wagen problemlos abstellen kann. Ich verschloß die Autotür und ging in Richtung auf die Auffahrt zur Straße. Ein dunkelblauer Peugeot stand auf dem allerersten Parkplatz gleich an der Mauer. Nicht von hier, aus RE, registrierte ich, und stutzte bei der auf die Stadt folgenden Buchstabenkombination: MB. Meine Friseurin heißt Martina B.; sie ist Meisterin ihres Berufsfaches und wohnt in einem nicht entfernten Stadtteil und nicht in RE. Ihr Auto stand nach meiner eher löchrigen Erinnerung wohl häufiger auf dem Platz, auf dem nun dieser Peugeot parkte. Frau B. ist umgezogen, dachte ich, und wie unpraktisch die größere Entfernung von RE zum Arbeitsplatz ist - es sei denn, man läßt sich scheiden. Ein Gedanke, der mich nichts anging. Veränderung ist ein mit wachsendem Lebensalter gewichtiger werdender Umstand. Ich gebe gerne zu, daß ich mich davor scheue, meine Friseurin zu wechseln, sollten ihre familiären Verhältnisse dies erfordern. Sie macht ihre Arbeit gut, findet den Scheitel auf Anhieb und weiß, daß ich das In-Form-bringen der nassen und geschnittenen Haare mit Fön und Haarbürste nicht mag. Statt dessen gleiten ihre Finger wie ein Kamm durch mein Haar. Auf den Fön kann sie natürlich nicht verzichten. Während dessen betrachte ich ihren direkt vor mir an der Wand hängenden Meisterbrief. Sie ist zwanzig Jahre plus zehn Tage jünger als ich. Ich lasse mir die Haare gerne naß schneiden. Auch heute fragt sie nicht danach, ob die Temperatur des Wassers angenehm ist; wir sind ein eingespieltes Team und benötigen keine Floskeln aus dem Repertoire der Serviceleistenden. Wenn das Wasser zu heiß wäre, würde ich zusammenzucken und die Luft hörbar durch die Lippen ziehen. Dann wäre es ohnehin zu spät. Höfliche Fragen, die nur noch rhetorischen Wert haben, verkehren ihre beabsichtigte Wirkung leicht ins Gegenteil. Gewöhnlich schweigen wir die ersten Minuten, wenn nicht einer von uns ein drängendes Mitteilungsbedürfnis hat. Ich sage wie beiläufig, daß ich bei meinem letzten Haarschnitt bei einer ihrer Kolleginnen fremdgehen mußte, weil sie krank und ich nicht bis zu ihrer Genesung warten konnte, und daß die Haare heute lang genug seien, um alles korrigieren zu können. Meine Bemerkung klingt wie eine Entschuldigung, die nicht nach einer Entschuldigung klingen soll. Sie freut sich darüber und erwähnt, ebenso nebenbei, daß sie in den letzten Wochen genug Arbeit gehabt hätte mit dem Renovieren der neuen Wohnung. Meine Friseurin ist umgezogen! Ich fühle mich irgendwie gut. Irgendwie ist zwar die Bankrotterklärung der Ausdrucksfähigkeit, doch halten sich Empfindungen nicht an klare Etikettierungen, sie sind keine Lagerware, nach Material und Abmessungen sortiert. Irgendwie bedeutet Stolz und Zufriedenheit gleichsam, aus einem winzigen Indiz auf einen Gesamtzusammenhang geschlossen zu haben. Weil ich mich gut fühle, werde ich mutig. Ich kenne sie schon einige Jahre. Sie möge es nicht falsch verstehen, sage ich, auf welche verrückten Gedanken man beim Anblick eines Autos kommen könne, und erzähle von meinen Eindrücken in der Garage und meinen Schlußfolgerungen. Stimmt, sagt meine Friseurin fröhlich, ich lasse mich scheiden. Vor einigen Wochen sei sie zu ihrem Freund nach RE gezogen. Intuition ist die spontane, nicht auf diskursiver Reflexion beruhende Erkenntnis; so der Meyers Lexikonverlag. Vielleicht gründet sie sich in diesem Fall auf den Erfahrungswert in einem Umfeld, in dem die durchschnittliche Dauer einer Ehe gegen die Verfallszeit einer Konserve tendiert. Ich kann mich noch gut an die Heirat meiner Friseurin erinnern, kurze Zeit, nachdem sie in diesem Haarstudio angefangen hatte, und ihr Vater die Küche im frisch getrauten Heim aufbauen mußte, weil er doch vom Fach ist. Einige Tage später öffne ich einen großen Umschlag in meinem Büro. Vor mir auf dem Schreibtisch liegt, noch in verkürzter Fassung, der Jahresabschluß des Unternehmens, das zu betreuen zu meinen beruflichen Pflichten gehört. Die kleine Kollegin ist krank. Der Gedanke kommt mir spontan beim Anblick der anderen Unterschrift, so wie in der Garage, als ich an dem dunkelblauen Peugeot vorbeiging und das andere, fremde Kennzeichen las. Nun ist am Jahresanfang - wegen des zurückliegenden Jahresendes - immer sehr viel zu tun und eine Entlastung täte der kleinen Kollegin sehr gut. Insoweit ist die andere Unterschrift mehr als erklärbar. Mein Fremdwörterbuch ergänzt zur Intuition: Plötzliches, ahnendes Erfassen. Drei Tage trage ich die ahnende Vermutung mit mir herum, ganz nebenbei und ohne ihr zunächst besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Vermutung wiegt nicht schwer, wenn sie nicht mit Ängsten belastet wird. Dann rufe ich an und die Ahnung wird zur Gewißheit. Irgendwann in diesen Tagen komme ich ins Sekretariat, auf einem von drei bis fünf täglichen Gängen dorthin. Die Sekretärin beugt ihren Kopf zur Schreibtischplatte, den Telefonhörer am Ohr und den Arm mit dem Ellenbogen aufgestützt. Ihr Gesicht ist auch von der Seite erkennbar von Hitze durchflutet; sie lacht auf eine besondere, nervöse Art und dreht dabei ihren Kopf. Frau I. telefoniert mit ihrem Liebsten. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Er ist nicht ihr Liebhaber, nicht ihr Freund oder Partner (der arbeitet in einer anderen Abteilung), sondern ein großer, dunkelhaariger Kollege mit Augen wie ein Bernhardiner, treu und hilflos, stark und doch in jeder Frau alle Mutterinstinkte weckend, an dessen Brust sie sich schutzsuchend wirft, auch wenn das alles sehr paradox klingt. Frau I. liebt ihn, habe ich irgendwann beiläufig mitbekommen, zwischen einer Rücksprache und meiner Bitte, das Protokoll der letzten Sitzung möglichst umgehend zu kopieren und zu verteilen. Frau I. hatte es damals nicht bestritten. Mich begeistert dieser Vorgang: Ich komme zur Tür herein, sehe, schnappe Satzfetzen auf und weiß, mit wem Frau I. telefoniert. Ich bin sogar von meinem nicht auf diskursiver Reflexion beruhenden Eindruck so überzeugt, daß ich gegenüber der anderen noch im Zimmer befindlichen Kollegin ein paar Gesten mache, die das Turtelige der Situation parodieren. Die Kollegin lacht und nickt zur Bestätigung. Intuition. Worin liegen ihre Wurzeln? In einer inneren Verbundenheit mit dem Menschen, den man so intuitiv erfaßt? Ich schaue meine Frau an und weiß, was sie will; möglicherweise auch, was sie gerade denkt. Intuition? Es war nur eine kleine Bewegung mit dem Oberkörper, eine kleine Veränderung im Gesicht - ich weiß, was es an ihr bedeutet. Nicht unbedingt Intuition, sondern die Erfahrung eines langjährigen Zusammenlebens. Man kennt sich halt in- und auswendig, Mitteilungen schrumpfen auf winzigste Ausdrucksformen. Meine Friseurin kenne ich von jährlich acht mal dreißig Minuten freundlichem small talk. Zu wenig, um von wirklichem Kennen zu reden. Wir kennen uns lediglich ausschnitthaft. Sie erzählt von ihren beiden Katzen, die sie aus dem Tierheim hat, und ich von unserem inzwischen dreibeinigen Kater, den ich im Alter von vier Wochen aus dem Schaufenster der Tierhandlung gerettet habe. Sie erzählt von ihrem Florida-Urlaub mit einem befreundeten Pärchen, der in letzter Minute platzte, ich schwärme von Key West. Ich erzähle vom Urlaub auf Elba, sie von Spanien und dem mit Freunden über drei Ecken angemieteten Haus, das sie erst schrubben mußten, um einziehen zu können, und aus dem sie nach einer Woche frustriert wieder auszogen. Technische Defekte, mangelnder Komfort. Jetzt fährt sie mit ihrem neuen Freund allein in Urlaub, nach Ägypten. Ihr Mann blieb immer schemenhaft, über meine familiären Verhältnisse schweige ich mich aus. Nie ein Wort von Streit und Mißverständnis - schließlich kennen wir uns nicht gut genug, um uns unser Herz auszuschütten. Das eigentliche Nichtwissen - das macht die Intuition so faszinierend.