Helmut Beckmann Per Anhalter nach Estartit **************** 1 Sonntag, 32 Grad in Deutschland; Wärme, die für einen Frühsommertag in Palermo ausreichen würde. Ich sitze in meinem Garten und lese ein Buch. Ringsum ist Stille wie auf der Piazza von Santa Teresa in Galura in der Mittagshitze, und nicht einmal das gelegentliche Knattern einer Vespa ist zu hören. Christian Klippel hat mich mit seinem Roman auf den Weg geschickt, von Rom Barfuß nach Palermo, zusammen mit Pezzi, einem Punk aus Ingolstadt, und dem Ich-Erzähler, den ein schwarzhaariges Mädchen in der Erzählung Pelle tauft. Pezzi und Pelle haben sich in Italien bei einer Artistentruppe kennengelernt und beschließen, auf ihrem Weg nach Afrika aus der Hand lesend den Menschen Zukunft zu verkaufen, Pezzi als der in bayerischem Dialekt Wahrsagende und Pelle als sein Manager und Übersetzer. Gestern bin ich den beiden bis Rocca di Papa gefolgt, heute erreiche ich - über Santa Teresa in Galura - nach einigen Stunden atemlos Palermo, am Ende des Romans. Unterwegs glaubte ich, vor meinen Augen entfalte sich der Stoff für eine herrliche Komödie mit Kultfilmambitionen, doch dann war ich nachdenklich und verwirrt. Die beiden Punks ziehen die Aufmerksamkeit nicht nur durch die mit Hilfe von birra nazionale zu Pilzen aufgetürmten Frisuren und die Fallschirmspringerkombinationen auf sich, weshalb man sie gerne für verrückte Soldaten hält, sie gehen barfuß - verückkkt, dodal verückkkt, oder dodal ürre, um es mit Pezzis Worten zu sagen. Es war dieses Irresein, welches mich berührte; es war eine sehr persönliche, durch den Roman nicht beabsichtigte Erfahrung. Pezzi und Pelle legten Sehnsucht frei und zwangen zum Nachdenken über ein bürgerlich gelebtes Leben. Nun bringe ich von Erziehung und Einstellung nicht das Zeug zu einem Punk mit, doch erinnerte mich der Roman an einen Kurzurlaub an der Costa Brava, in dem ich, einem spontanen Einfall folgend, eine Geschichte erfand und mit ihr ein siebzehnjähriges Mädchen - Pezzi nennt sie Flottchen - beeindruckte. Die Geschichte, die mein Schwager und ich damals auftischten, hieß Per Anhalter nach Estartit, war aber nicht annähernd so wortgewaltig erzählt wie ich es bei Klippel gelesen hatte, so präzise beobachtet und immer aus dem richtigen Blickwinkel heraus geschildert. Ein Beispiel, dem ich einfach nicht widerstehen kann: Ich öffnete die Augen. Vier Lackschuhe trugen die Bügelfaltenkiele zweier Khakihosen; das Khakihemd über der einen wölbte sich konvex über dem Gürtel. Braune Wolle schob sich durch den Kragen. Da haben Pezzi und Pelle in Cagliari mal eben im Park übernachtet und begegnen, noch vor dem Aufstehen, zwei Polizisten; der eine dickbäuchig, der andere wird sich als kleiner Dünner herausstellen. Ja, leck mich fett, die Bullen, sagt Pezzi, und lacht, mähähähä. Nun, mein Schwager und ich übernachteten nicht in Cagliari im Park, sondern in Südfrankreich am Rande der Landstraße in der Einmündung zu einem Feld auf der Pritsche eines VW Variant. Um vier Uhr morgens berechneten wir den voraussichtlichen Stand der Sonne am Vormittag, plazierten den Wagen entsprechend in den vermeintlichen Schatten, und als wir einige Stunden später die Augen wieder öffneten, schauten wir nicht in die Gesichter von Polizisten, sondern direkt in die Sonne. Mit der später in Estartit erfundenen Geschichte verkaufte ich keine Zukunft, ich verkaufte meine eigene Sehnsucht. 2 Am Anfang der Reise nach Estartit stand Unruhe. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und lief zwischen Schreibtisch und Fenster hin und her. Aus der Rückschau erklärt sich, warum mich die Unruhe von einer Sekunde auf die andere befiel. Ich war zu jung, um bereits daran zu denken, eine Zwischenbilanz für mein Leben aufzustellen, inwieweit ich Wünsche, Träume und Sehnsüchte dem nüchternen Kalkül des Berufslebens geopfert hatte, und ebenfalls zu jung, um zu erkennen, daß eine Depression ihre Wurzeln in unerfüllten emotionalen Bedürfnissen haben kann. Meine Frau empfahl mir gleich den ratlosen Ärzten vergangener Jahrzehnte einen Ortswechsel. Sie hält nicht viel von theoretischen Erörterungen über Ursache und Wirkung. Ich solle eine Woche irgendwo hinfahren, sagte sie, am besten mit ihrem Bruder, der habe Semesterferien und säße bei Mutter und klage, daß alle Freunde ohne ihn in den Urlaub aufgebrochen seien, und allein nach Spanien, dazu habe er so recht keine Lust. Das sollte ihm passiert sein, dem seine Freunde über alles gehen? Ich war skeptisch. Meine Frau telefonierte derweil. Sie ist in diesen Dingen ungeheuer praktisch und zielstrebig. Nach einer halben Stunde hatte ich Urlaub (wir arbeiteten in der gleichen Firma) und ich war als Mitfahrer an die Costa Brava vorgemerkt. In Gedanken überschlug ich die Ausrüstung. Für die Fahrt mit einem Studenten hatte ich nichts Passendes anzuziehen. Braune Cordhose und Polohemden, eine Turnhose und schwarze Halbschuhe aus Leder? Noch am gleichen Nachmittag besorgte ich mir wenigstens bequeme Schuhe mit Kunststoffsohlen, Obermaterial Leder, ein wahrer Glücksgriff. Es waren Chamäleon-Schuhe - eingecremt und poliert genügten sie für jede Gelegenheit, mit ein bißchen Straßenstaub für all die anderen. Ich packte alles zusammen mit Handtüchern, Unterwäsche und Batterierasierer in einen kleinen braunen Lederkoffer, und das Steck-Schachspiel in das seitliche Reißverschlußfach. Tatsächlich brachen wir am nächsten Morgen auf. Ich kann mir unter Aufbruch nichts Treffenderes vorstellen als die Umstände damals. Noch nie war ich in Frankreich oder in Spanien gewesen und sprach abgesehen von meinem Bildungswortschatz zu der Zeit weder französisch noch spanisch. Natürlich kannte ich je t'aime und vom Hörensagen voulez vous coucher avec moi. Die Worte blieben totes Wissen, war ich doch noch nie einer richtigen Französin begegnet. Und ich besaß nicht einmal einen Schlafsack. Nun, die Fahrt mit ihrem ungewissen Reiz versprach, etwas nachzuholen, auch wenn ich das Unerlebte bisher nicht als einen Nachteil betrachtet hatte, sondern als Folge meiner persönlichen und familiären Umstände ansah. Und Aufbruch bedeutete, daß ich zwar ein Ziel kannte, aber keinen Plan hatte. Mein Schwager wollte an die Costa Brava nach Tossa de Mar, mit mir zunächst jedoch nur bis Estartit. Dafür gab es zwei Gründe: Estartit lag näher am spanischen Grenzort Port Bou; von dort würde ich nach etwas mehr als einer Woche die Heimreise mit dem Zug antreten. Und Estartit war eine Empfehlung seiner Eltern. Vor Jahren, als die Spanier begannen, die leerstehenden Zimmer in ihren Häusern für Touristen einzurichten und sich danach Pensión nannten, waren sie in Estartit gewesen. Ich erinnere mich an den lustigen Abend, an dem ich meinen Projektor mitbrachte und die verblaßten Dias meiner Schwiegereltern auf die Leinwand warf. Später dämmerte mir ein dritter Grund, warum mein Schwager mit mir nur bis Estartit wollte: In Tossa waren die Flottchen, Estartit war lediglich das Vorspiel. Verständlicherweise wollte er beim eigentlichen Akt keine Zuschauer. Mein Schwager fuhr einen VW Variant, dessen Modelljahr ich längst entwachsen war. Während wir um die Kurve auf die Hauptstraße einbogen, machte ich mir Sorgen über die Zuverlässigkeit des Wagens, ob er die Strecke bis Spanien und zurück durchhalten würde. Und wenn nicht? Ich durchdachte den worst case, den schlimmsten Fall, wie es in meinem Berufsalltag heißt: Wir bleiben liegen, müßten eine Nacht im Sitzen schlafen und irgendwie zurück nach Hause. Die Vorstellung war nicht beängstigend. Alles andere als die Runden im Tigerkäfig meines Büros war eine Verbesserung für meine Psyche. An einer Autobahn-Raststätte nahmen wir einen Anhalter mit. Der Mitreisende war nicht so unterhaltsam, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Mein Eindruck war der eines Rituals - wo willst du hin, wir wollen nach dort, was machst du, ich mach das, ach so, aha, und dann war wieder Ruhe. Die Studenten blieben trotz des vertraulichen Du's auf Distanz. Und ich war sowieso nicht im Rennen. Als wir im Badischen in Höhe Freiburg vorbeikamen, erklärte mir mein Schwager, warum er die Strecke durch Frankreich minimieren und durch die Schweiz fahren wolle. Die Autobahngebühr ... Ich beschloß, mich weitestgehend seinen Bedürfnissen anzupassen und so zu tun, als habe ich ebenso wenig Geld wie er. Damit war eine gemeinsame Basis geschaffen, die auch während des gesamten Urlaubs ausgezeichnet funktionierte. Ab sofort begann ich wie abgesprochen die Kosten halbe halbe aufzuteilen und nachzuhalten. Wenn nichts anderes zu bereden war und er wieder einmal getankt hatte, rechnete ich aus, wieviel ich meinem Schwager schuldig war. In Spanien würde ich mir Peseta besorgen und meinen Anteil begleichen. Es muß gegen fünf Uhr nachmittags gewesen sein, als wir an Bern vorbeirollten. Meine innere, nach ängstlichen Zwängen funktionierende Uhr hätte mich spätestens jetzt zur Quartiersuche angehalten. Mein Schwager fuhr weiter. Er war verantwortlich, ich war der Rekonvaleszent. Bei dieser Überlegung entspannte ich mich wieder und wartete ab. Ich erinnerte mich an den worst case - notfalls würde ich auf dem Beifahrersitz schlafen. Wir fuhren bis an den Genfer See in einen Ort namens Rolle, nicht ganz auf halber Strecke zwischen Lausanne und Genf. An der Seepromenade stellten wir den Wagen ab und gingen auf Zimmersuche. Hotels und Pensionen wurden ignoriert. Das Zauberwort, so lehrte mich mein Schwager, heiße chambre, also nichts Besonderes, vier Wände, eine Tür und ein Doppelbett. Schnell fanden wir am Seeufer ein Haus mit einem entsprechenden Schild im Parterrefenster. Mein Schwager verhandelte mit der Madame drei Sätze auf französisch, übersetzte den Preis ins Deutsche und rechnete um. Die Nacht würden wir in Betten und nicht im Auto verbringen, und in was für Betten, um die gängige Ausdrucksweise zu gebrauchen. In dem Zimmer war alles antik, sogar die Dickbäuche der Oberbetten. Das schönste Accessoire im Raum war jedoch ein Schachtisch. Wir reduzierten den Proviant und machten uns dann zu einem Spaziergang am Ufer des Sees auf. Mein Schwager erkundigte sich nach meinem Befinden. Es ging mir gut. Wir kamen darauf zu sprechen, wie solche Seelenzustände ausgelöst werden, diskutierten über Kompromisse, die man eingehen muß im Berufsleben und über Positionen, die man auf gar keinen Fall aufgeben darf, um seine Integrität, sein Selbstwertgefühl, nicht zu verlieren. Wir waren in unseren Ansichten meilenweit auseinander. Ich erschien ihm als angepaßt elitär, er mir als utopisch weltfremd. Heute sage ich, ist jeder von uns beiden einige Kompromisse zuviel eingegangen. Zurück auf unserem Zimmer ließ uns der Schachtisch keine Ruhe. Es gab so etwas wie ein permanentes Duell zwischen uns mit einem geringen Vorteil für mich in der Gesamtbilanz. Die erste Partie verlor ich nach fünf Minuten. Schäfermatt! jubelte mein Schwager. Meinen Zustand auf diesen Aufschrei zu beschreiben würde schon zwei, drei Adjektive mehr benötigen. Das war die Blamage schlechthin! Als ich noch keine vierzehn war, sagten wir untereinander: Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen. So ähnlich fühlte ich mich. Auch wenn ich mich aus Prinzip mit dem Schäfermatt nie beschäftigt hatte, weil ich davon ausging, daß kein ernsthafter Spieler das je versucht, setzt er doch damit voraus, daß der andere ein Idiot ist, hätte ich bei Gebrauch meines Verstandes das Schlimmste verhüten können. Ich versuchte zu erklären, zu begründen, daß ich nicht ganz auf der Höhe sei, aber damit schaffte ich keine Fakten aus der Welt. Mein Schwager freute sich nachhaltig. Wir wechselten die Farben und drehten den Tisch um. Sehr konzentriert, wenn auch nicht meisterlich, machten wir uns erneut ans Spiel. Wir griffen an, verteidigten, legten Fallen, erkannten sie und wichen aus, schlugen die Figuren vorsichtig und gleichwertig, und im Endspiel war ich im Vorteil. Es hätte eines langen Hin und Her bedurft, um ihn mattzusetzen, nicht ohne Risiko für mich, auf ein Patt zu spielen. Ich bot ein Remis an und mein Schwager akzeptierte nach kurzer Überlegung. Er sah darin die Anerkennung für ein Spiel, in dem jeder sein Bestes gab und das keinen Verlierer verdient hatte. Für mich bedeutete die Großzügigkeit die unmittelbare Rehabilitation durch eine Partie, die nicht so überlegen von mir geführt wurde, als daß sie ein Schäfermatt hätte eliminieren können. Wir tauften dieses Spiel das Remis von Rolle. Wenn wir es später erwähnten, dann mit ein bißchen Stolz. Im übrigen spiegelt sich im Remis von Rolle ein Teil meiner Lebensphilosophie, den eigenen Vorteil nie bis zur letzten Konsequenz auszuschöpfen und keine Verlierer zu schaffen. In wichtigen Dingen, versteht sich; in der nächsten Schachpartie in Estartit haben wir selbstverständlich alles darangesetzt, uns gegenseitig vom Brett zu fegen. 3 Am nächsten Tag gerieten wir, kaum daß wir den französischen Jura erreicht hatten, in ein Unwetter. Wir fuhren im Schrittempo durch Wasservorhänge, standen im Stau und wurden umgeleitet. Endlich blieben die Berge zurück und liefen in eine Hügellandschaft aus. Mit der Landschaft beruhigte sich auch das Wetter. Die Stimmung war gut und wir hörten Novalis, eine deutsche Gruppe der Teestubenzeit, die mit musikalischen Textbearbeitungen des gleichnamigen romantischen Dichters bekannt geworden war. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, tönte es von der Kassette, sind Schlüssel aller Kreaturen, wenn die so singen oder küssen mehr als die Tiefgelehrten wissen ... Wir waren ein gutes Team. Ich mußte zwar nicht fahren, dafür navigieren, immer mit der Spitze des Zeigefingers auf der richtigen Stelle der Landkarte. In fünf Kilometern, pflegte ich anzukündigen, als sei ich mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet, würden wir auf die N75 stoßen, eine Einmündung, keine Kreuzung, und wir müßten uns links halten, Richtung Lyon. Danach ging es bis Lyon eine Weile geradeaus und es gab für mich nichts vorherzusagen. Wir hörten Novalis. Ein nicht zu lautes zong! klang von vorne aus der Karosserie. Mein Schwager, der herunterschalten wollte, sagte erstaunt ohh! Wir verloren Geschwindigkeit, das Getriebe knirschte, der Wagen bockte untertourig und wir holperten an den Straßenrand. Der Motor spuckte, bevor er erstarb. "Das Kupplungsseil ist gerissen", sagte mein Schwager und trat das Pedal bis zum Bodenblech durch. Ich war zu perplex, um erfassen zu können, was diese simple Aussage bedeutete. Weil ich zu sprunghaftem, vorauseilendem Denken neige, fragte ich: "Was heißt denn Kupplung auf französisch?" Mein Schwager reichte mir ein handtellergroßes Wörterbuch, deutsch französisch. Ich blätterte. "Attelage", beantwortete ich meine Frage. "Wir müssen zur nächsten Tankstelle", meinte er. "Wie kommen wir dahin?" Er erklärte es mir. Bei der Bundeswehr, als er seinen LKW-Führerschein gemacht habe, da gab es einen Unteroffizier, der machte sich einen Spaß daraus, zu schalten, ohne die Kupplung zu treten. Der konnte die richtige Drehzahl hören. Von solchen Unteroffizieren hatte ich während meiner Bundeswehrzeit auch gehört. Mein Schwager drehte den Zündschlüssel, der Anlasser drehte den Motor und der Wagen hoppelte vorwärts. "Der zweite Gang ist drin", sagte mein Schwager. Der Motor lief jetzt rund. "Das darf man natürlich nicht zu oft machen, sonst ist die Batterie leer." Der Motor heulte bei fünfzig. Die Wagen hinter uns wollten hundert fahren, drängten und überholten. Sauber legte mein Schwager den dritten Gang ein und beschleunigte auf achtzig. Ich hielt nach einer Tankstelle Ausschau, Kilometer um Kilometer. Wir passierten Autowerkstätten für Renault, Citroën und Peugeot, Fiat und Mercedes Benz. Die Straße spannte uns auf die Folter. Da endlich - eine Total-Tankstelle auf der linken Seite. Wir schafften es, ohne anzuhalten durch den Gegenverkehr auf die Tankstelle zu fahren. Mein Schwager schaltete herunter, bremste und würgte den Motor ab. Wir fanden ein Flottchen an der Kasse, meine erste Begegnung mit einer Französin. Sie hörte uns aufmerksam zu, als wir versuchten, unser Mißgeschick zu erklären. Die attelage, verstehen Sie? Sie verstand, daß wir ein Problem hatten und wiederholte mehrmals a deux heures. Ich schaute auf die Uhr. Ein Uhr mittags, der Tankwart machte Pause. Zwei Stunden sollten wir hier warten? Laß uns nach Lyon fahren, schlug ich vor, in der zweitgrößten Stadt Frankreichs werde es doch eine VW-Werkstatt geben, und hoffentlich auch eine große Tafel am Stadtrand mit Hinweisen auf die Vertragswerkstätten der gängigen Automarken. Mein Schwager zögerte noch. Der Tankwart komme um zwei Uhr, sagte er, und bis er das richtige Kupplungsseil besorgt habe, wenn überhaupt ... Lyon lag fünfundzwanzig Kilometer vor uns. Wir konnten die nahende Großstadt förmlich riechen. Die Abstände zwischen den Ortschaften verkürzten sich und auch ihr Aussehen veränderte sich und wurde urbaner. Mehr und mehr Gewerbe siedelte zwischen den Wohnhäusern, und an Kreuzungen und Fußgängerüberwegen standen Verkehrsampeln. Jeder Halt und jedes Anfahren kostete Batteriestrom. Ich fragte meinen Schwager, ob er wisse, wieviel Ampelstops wir uns leisten könnten. Er hatte keine Ahnung. Weit vor roten Ampeln drosselte er das Tempo und gab Gas, wenn sie auf grün umsprangen. Wir schafften die meisten Ampeln in einer Art von grüner Welle, einem Auf und Ab der Geschwindigkeit, einem Wechsel zwischen Anspannung und dem sportlichem Ehrgeiz, es auf dem letzten Meter vor einer Ampel doch noch zu schaffen. Die N75 mündete in Lyon in eine innerstädtische Schnellstraße. Kreuzungsfrei, ohne Halt sog uns die Stadt in ihren Verkehrsstrom auf und würde uns an ihrem anderen Ende wieder ausspucken. Die aufgeständerte Fahrbahn bog nach links und senkte sich zugleich dem Straßenniveau zu. Gleichzeitig sahen wir beide rechts unten das blaue VW-Enblem, dazu passend eine Ausfahrt. Viermal rechts, um den Block, und wir hielten mitten in der Werkstatt. Die Monteure zu beiden Seiten blickten von ihrer Arbeit hoch. Im Büro, hinter einer großen verglasten Wand, erhob sich der Werkstattmeister. "Na, Schwager", sagte mein Schwager - er redete mich nie mit meinem Vornamen an -, "wie haben wir das gemacht?" Er sprach wie jemand, der sich für etwas lobt, für das er nicht verantwortlich gemacht werden kann. Grenzenlos erleichtert meinte ich, wir hätten unglaublichen Dusel gehabt und seien von der Panne auf direktem Wege in die Werkstatt gefahren, und das in einer unbekannten Umgebung und ohne die Möglichkeit, anzuhalten und sich nach dem Weg zu erkundigen. Mein Schwager erzählte dem Werkstattmeister in Satzfetzen, was mit der attelage sei. Zur Verdeutlichung trat er auf das schlappe Kupplungspedal. Der Meister ging zur Haube vorne und fingerte, und weil er die Haube nicht öffnen konnte, machte er meinem Schwager ein Zeichen. Mein Schwager öffnete die Heckklappe, räumte Gepäck an die Seite und zeigte auf die Motorabdeckung. Mit gemessenen Schritten umrundete der Meister das Fahrzeug. Dann schüttelte er den Kopf. "Der hat noch nie einen Variant gesehen", argwöhnte mein Schwager. Der Meister führte uns in sein Büro. Er redete etwas, ging zu einer Straßenkarte von Lyon an der Wand und zeigte auf einen Punkt. Wir sind hier, verstand mein Schwager. Der Finger wanderte über ein Meer von Straßen nach Norden. Dort sei eine VW-Vertretung, verstand mein Schwager. Die könnten sowas reparieren. Dann gab uns der Meister eine Wegbeschreibung als Folge von Straßennamen, Avenue, Rue, Avenue, Rue, Rue, dem der Finger in geraden und gebogenen Linien nach Norden folgte. Ich sagte merci, als er mir den Zettel mit der Adresse in die Hand drückte. Ich weiß nicht, wie sich dieser Mensch eine Fahrt durch Lyon ohne Kupplung vorgestellt hat. Er dachte wohl, wenn sie reingekommen sind, dann kommen sie auch wieder raus. Nach kaum zu glaubender Erfüllung unserer kühnsten Hoffnungen stieß er uns zurück in den Abgrund. Diese andere Werkstatt zu finden war wie das Schicksal um einen zweiten Zufall herauszufordern. Beide hatten wir die Straßennamen nicht behalten in dem sicheren Gefühl, daß es zwecklos sei, und selbst wenn sie auf dem Zettel gestanden hätten, glaubte ich nicht, daß die Batterie die benötigten Nachfragen überstanden hätte. Wir bogen von der Werkstatt links ab in der Annahme, die Himmelsrichtung nach Norden einzuschlagen. Im Norden lag als Fernziel Dijon und daran würden wir uns zunächst orientieren. Nach wenigen Kilometern waren wir, ohne Orientierung, mitten in der Stadt, überquerten die Rhône, wie ich glaubte, und entschieden uns aufs Geradewohl, links die breite Promenade entlang dem Fluß zu nehmen. Ich bemerkte den hinter uns fahrenden Wagen des französischen Straßenhilfsdienstes durch den Rückspiegel. Im laufenden Verkehr hielten wir an, ich sprang aus dem Wagen und klopfte an die Scheibe. Ich brachte nur das eine Wort heraus - attelage, und winkte den irritiert blickenden Mann zu uns. Mein Schwager zeigte ihm das Kupplungspedal. "L'embrayage", sagte der Mann vom Straßenhilfsdienst. Ich wußte nicht, was er damit meinte und zeigte ihm den Zettel mit der Adresse der VW-Vertretung. Der Mann schüttelte den Kopf. "A-de-a-ße?" fragte er. "Oui!" antwortete mein Schwager und holte den Auslandsschutzbrief aus dem Handschuhfach. Ich glaubte zu träumen. Mein Schwager hatte Vorsorge getroffen, ausgerechnet er! Nie gab er eine Mark anders aus als für das Notwendigste und das Vergnügen drumherum; Vorsorge war ihm zu bürgerlich. Warum nur, um alles in der Welt, hatte er mir den Schutzbrief verschwiegen, mich Anspannung, Hoffnung und zuletzt Hilflosigkeit erleben lassen? Warum hatten wir den ATI nicht gleich an Ort und Stelle, als das Kupplungsseil riß, von der nächsten Notrufsäule aus bestellt? Diese Frage wurde nie gestellt. Schwager, wir sollten das im Nachhinein noch klären. Vielleicht hattest du doch mehr Streß, als du nach außen hin gezeigt hast. Wir schoben den Variant auf die neben uns liegende Bushaltestelle. Nach zwanzig Minuten kam, wie versprochen, der Abschleppwagen. Nach weiteren zwanzig Minuten bog er in eine schmale, unscheinbare Einfahrt, die sich zum Hof hin verbreiterte und in eine Werkstatt mit drei Hebebühnen mündete. Die Einfahrt war bis zur Werkstatt mit liegengebliebenen Fahrzeugen vollgestellt. Rechter Hand, in einem Schuppen, befand sich das Büro und ein kleiner Aufenthaltsraum. Hier wurden die Formalien geklärt. Wir müßten warten, wurde uns gesagt, bis das Ersatz-Kupplungsseil besorgt sei. Warten. Wir begannen eine Partie Schach, konnten uns aber nicht konzentrieren, machten Fehler und fragten, gegen alle Regeln, ob wir den Zug zurücknehmen könnten. Als sich die Fälle mehrten und gerecht nicht mehr zu entscheiden waren, gaben wir auf und beschäftigten uns mit Nichtstun oder kommentierten, was wir beobachteten und um uns herum ablief. Der Chef pendelte zwischen Büro und Werkstatt, er holte sich von seiner Frau die Reparaturaufträge und brachte sie später wieder zurück ins Büro, damit sie die Rechnung schreiben konnte. Zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Langeweile in Blödeln umschlug, titulierten wir ihn Maître d'Atelier, getreu nach dem über dem Werkstattor hängenden Schild, das Wort Atelier in schön geschwungener Schreibschrift. Eine Kunst war auch das Rangieren der Wagen, die reparierten heraus und die zu reparierenden hinein. Nur der Variant blieb hartnäckig stehen. Wir fragten den maître, aber der zuckte mit den Schultern. Sobald das Ersatzteil eingetroffen sei, auf jeden Fall noch heute ... Dann begann es heftig zu regnen, fast so wie heute morgen im Jura. Als der Regen nachließ, machten wir uns auf den Weg, eine Bar zu suchen. Von Haustür zu Haustür rannten wir, stellten uns unter, warteten Wolkenlöcher ab, bis wir endlich an die Uferpromenade der Saône anlangten - oder war es die Rhône? Wir tranken café au lait, und weil wir nach Spanien unterwegs waren, dachte ich an olé. Zurück in der Werkstatt, hatte sich die Einfahrt zur Hälfte geleert. Trotzdem dauerte es bis halb acht Uhr abends, bis der Wagen fertig war. Wir kamen als letzte dran und konnten sogar dem Monteur bei der Arbeit über die Schulter schauen. Natürlich waren wir froh, als wir endlich weiterfahren konnten. Wären wir nicht so sehr mit unserem Malheur beschäftigt gewesen, hätten wir das Schild über der Werkstatt im Lichte seiner wahren Bedeutung gesehen. Hier im Hinterhof waren Künstler am Werk, sie nahmen jedes Fabrikat und jedes Modell, wie es ihnen vor die Tür gestellt wurde; sie waren fleißig und arbeiteten entsprechend dem Bedarf und nicht nach der Arbeitszeit. Um acht Uhr fanden wir auch noch einen geöffneten Supermarché und holten an der Snackbar das Mittagessen nach. Jetzt könne uns nichts mehr aufhalten, meinte mein Schwager. Olé!Wir fanden aus Lyon heraus auf die N7. Da wir wieder beliebig anhalten und unseren Standort mit der Karte abgleichen konnten, war das keine Schwierigkeit. Wir erreichten Vienne, Valence und Montélimar. Längst war es dunkel geworden und wir fuhren lange Zeit parallel zum Lichterband der Autobahn. Mitternacht war vorbei, als wir Orange passierten, wo sich die Autobahn Richtung Spanien und nach Marseille und zur Côte d'Azur verzweigt. Langsam verstummten unsere Gespräche. Wir starrten nach vorne in die Nacht, sagten gelegentlich etwas, als müßten wir sicher sein, daß der andere noch wach ist. Nîmes, die alte Römerstadt, um halb zwei morgens ruhig und festlich angestrahlt, verscheuchte für Minuten die Müdigkeit. Längst hatte ich es aufgegeben, die Route vorherzusagen, und mich auf das Notwendigste beschränkt, den nächsten Ortsnamen - Montpellier, Beziers, Narbonne, und zählte quälend und sinnlos die Kilometer ab. Endlich, um vier Uhr morgens, hielt mein Schwager in der Einmündung zu einem Feld mit Rebstöcken. Wir luden das Gepäck nach vorne und klappten die Rückbank um, bliesen die Luftmatratzen auf, krochen in die Schlafsäcke und suchten die richtige Schlafstellung. Eine VW-Pritsche ist eng und läßt Veränderungen im Liegen nur unter gegenseitigen Störungen zu. Köstlicher Schlaf überfiel mich. Die Sonne und der Verkehrslärm der nahen N9 weckten uns auf. Der Himmel war herrlich blau, mit ein paar Wolken darübergewischt. Die klare, warme Luft half, die klamme Nachtwärme aus der Unterwäsche zu vertreiben. Wir packten ein und um. Wie es den weitergehe, fragte ich. Mit Frühstück, meinte mein Schwager. Wir mußten nicht weit fahren, bis uns ein Schild Petit dejeuner begegnete und wir uns einen Milchkaffee und belegte Baguettes bestellten. Die Welt draußen sah freundlich aus, ganz anders als gestern in den Wolkenbrüchen des Jura, und wir mußten uns keine gute Laune machen, wir hatten sie und ließen sie uns auch nicht durch den Stau hinter Perpignan vermiesen. Die Autobahn endete hier und vereinte alle Spanien-Urlauber auf der Landstraße. Es ging kaum vorwärts und dazu machte uns die Hitze zu schaffen, die in einer Autoschlange immer noch ein paar Grad wärmer ist. Ich meinte, daß man unter diesen Umständen auch zu Fuß nach Spanien gehen könnte, schneller als mit dem Auto und weniger schweißtreibend. Ich probierte es gleich aus, und wirklich, ich konnte einige Meter gegenüber den Autos gutmachen. Dann mußte ich sprinten, weil die Kolonne plötzlich in Bewegung kam, und als ich endlich im Wagen saß, stand die Kolonne wieder brav. Wir entschieden uns, eine Nebenstrecke zu fahren. Diese Idee hatten auch andere und so machte es keinen Unterschied, in welchem Stau wir standen. Auf der Paßhöhe in den Pyrenäen dachte ich, daß dies der weiteste Punkt war, von dem ich mich bisher von zu Hause entfernt hatte. 4 Lange bevor man Estartit erreicht werben mannshohe Schilder für den Campingplatz La Serena. In regelmäßigen Abständen tauchen die Schilder erneut auf, mit stetig niedriger Entfernungsangabe. Nur hundert Meter bis zum Strand, ist die immer gleiche Botschaft; diese Entfernung ändert sich auf den wechselnden Schildern nicht. Wir checkten uns am Empfang ein, ein Auto, ein Zelt und zwei Leute, und bekamen unseren Platz in einem der durch Büsche und Bäume abgeteilten Felder, Zelt Nr. 434. Rechts und links von uns campten junge Leute, lauter Pärchen und nicht so arme Studenten wie wir. Beim Zeltaufbau brach für mich ein Klischee zusammen. Niemand von den Umwohnenden bot sich an, uns zu helfen. Wir richteten uns ein und gingen dann zum Strand, planschten im Mittelmeer und schliefen uns den Rest der Fahrt aus den Knochen. Prompt holten wir uns einen Sonnenbrand, ich mehr, mein Schwager weniger. Als Student war er schon ausreichend vorgebräunt. Die Werbetafeln auf der Hinfahrt hatten nicht gelogen. Der Campingplatz war zum Strand hin offen. Ein breiter Schotterweg führte hundert Meter an einem Pinienwäldchen vorbei und mündete im Sand. Einige Zelte standen schattig unter den Pinien. "Schwager", sagte mein Schwager am nächsten Vormittag auf dem Weg in den Ort, wo wir uns kundig machen wollten, "wir ziehen um." Wir hatten den Weg am Strand entlang genommen, am Pinienwald vorbei. "Wie stellst du dir das vor?" "Wir fahren vorne raus und hinten rein", sagte er. Ich machte halbherzige Einwendungen. Ich hatte den Diensthabenden schon mehrfach am offenen Ausgang zum Strand gesehen, wie er die Ein- und Ausgehenden beobachtete und sich möglicherweise Gedanken über die verlorenen Zelte im Wald machte. Was, wenn er uns beim Gang zur Toilette erkennen würde? Mein Schwager mit den langen Haaren und dem Bart hatte ein leicht zu merkendes Gesicht. Wir müßten eben wachsam sein, meinte mein Schwager. Zwei Stunden später zogen wir um. Wir bauten ab, bezahlten bei der Ausfahrt, fuhren drei Querstraßen weiter, luden Zelt und Ausrüstung aus und bauten im Pinienwald wieder auf, etwas versteckt hinter einem anderen Zelt. Der Nachbar nahm kurz Notiz von uns und warnte vor den nachts umherstreifenden Ratten. Dafür war es im Wald nicht so heiß. Die Büsche und Bäume auf dem Campingplatz waren zu kleinwüchsig, um die hochstehende Sonne von unserem Zelt fernzuhalten; da waren wir früh aufgestanden, nach dem wir uns eine Stunde mehr ohnmächtig als schlafend in der stickigen Luft gewälzt hatten. Zum Mittag gab es Ravioli und Champignons aus der Dose. Wir bereiteten das Essen auf einem einflammigen Gaskocher zu, einem klappbaren Gestänge, das über eine Gaskartusche gestülpt wird. Wir mußten folglich den ersten Gang erst essen, bevor der zweite zubereitet werden konnte. Eigentlich ist es ohne Belang, über das Essen zu berichten. Allerdings fand ich neuerdings in Romanen mehr und mehr Beschreibungen, die einem Kochrezept ähneln. Ich erhitzte etwas Margarine in der Pfanne, gab die zuvor gut abgetropften Champignonscheiben aus der Dose hinzu und dünstete die Pilze mit einer gehackten Zwiebel. Zum Schluß schlug ich zwei Eier über das Ganze, verrührte sie in der Pfanne und würzte mit Pfeffer und Salz. Ja, Pfeffer und Salz hatten wir dabei, und ein Marmeladenglas, zur Hälfte mit Zucker gefüllt. Wir nannten das Pfannengericht Pilze alla Serena. Diese Namensgebung ist der zweite und der maßgebliche Grund, warum ich das Essen erwähne, als Ausdruck der guten Laune. Meine Unruhezustände existierten nicht mehr, nur ein kleines bißchen unterschwellige Sorge wegen des wilden Campens. Ich meldete mich freiwillig zum nicht legalen Abwasch. Um es vorwegzunehmen: Wir wurden die ganze Woche nicht erwischt, auch wenn der Diensthabende das Treiben im Walde nach wie vor argwöhnisch beobachtete. Mit den Ratten gerieten wir ebenfalls nicht aneinander. Wir hatten das Wäldchen tagsüber für uns, nachts zogen wir uns in unsere Zelte zurück und ließen uns vom Rascheln und Pfeifen nicht stören. Am zweiten Abend in Estartit fanden wir eine Szenekneipe ganz nach unserem Geschmack, bei der höchstenfalls der Eigentümer spanisch war. Alles andere unterschied sich nicht von London, München oder Dortmund. Die Musik war laut genug, um ordentlich schreien zu müssen, die Lücken vor der Theke schmal und die Tische mit fröhlichen, jungen, quatschenden oder knutschenden Leuten besetzt. Wir standen in der zweiten Reihe vor der Theke, links von mir eine Engländerin in guten Jahren. Sie wiegte sich zur Musik in den Hüften und sprach gelegentlich mit dem Mann auf dem Hocker vor ihr. Ihre Augen glänzten passend zu dem verklärten, lächelnden Gesichtsausdruck. Die suche jemand für die Nacht, klärte mich mein Schwager auf. Die könne ich haben, wenn ich wollte. Tatsächlich? Wir tauschten unsere Vornamen aus und die Namen der Ortschaften, where we are coming from. In welchem Hotel sie denn wohne. Aha. Das lag einen Kilometer den Strand hinunter, außerhalb des Ortes. Wir würden auf dem Campingplatz nächtigen, La Serena. Ihre Augen glänzten, egal was wir beredeten. Der Mann auf dem Hocker, mit dem Rücken zu Theke, legte seine Hand auf ihren Schenkel. Ich probierte es mit der Hüfte. Die Engländerin wiegte sich weiter und lächelte ihr verklärtes Lächeln. Dazu tranken wir Bloody Mary. Zwischendurch mußte ich zur Toilette. Danach zeigte mir mein Schwager ein Mädchen, gut anzuschauen und mit allem ausgestattet, was eine richtiges Flottchen braucht. Er sprach sie an und lud zu einem Drink ein; es folgten die üblichen Beschnupperungsfragen. Sie zeltete mit ihrem Freund an einer anderen Stelle des Strandes, aber mit dem hatte sie sich verkracht und da war sie halt allein losgezogen. Eine gute Idee, befanden wir. Verkrachte Freundschaften sind ein guter Nährboden für wechselnde Beziehungen. Ich war nicht in dieser Absicht hergekommen, aber reizvoll war es schon, den Gedanken einmal in den Kopf zu nehmen und ihn fortzuspinnen, eigene Untiefen auszuloten. Mein Schwager befand sich in einer Phase zwischen zwei Beziehungen und konnte sich einlassen, wie er wollte. Für mich wäre dann lediglich die Frage des Schlafplatzes zu klären. Sie hieß Manuela und war siebzehn. Warum sie sich mit ihrem Freund gestritten hätte, wollte mein Schwager wissen. Sie erzählte naiv, ohne über die Bedeutung nachzudenken, und so war auch der Anlaß des Streites. Sie konnten sich nicht über die Gestaltung des Abends einigen. Wir boten an, sie könne sich mit uns amüsieren. Damit hatten wir die Frage, wer bezahlt, geklärt. "Und was macht ihr so?" "Ich studiere", sagte mein Schwager. Lange Haare, ein Bart, das schlabberige Batik-Unterhemd und die strapazierten Jeans bewiesen es. "Und du?" fragte sie mich. "Der", antwortete mein Schwager für mich, "ist Jungmanager."Manuela wollte ihm nicht glauben, doch ich bestätigte, was mein Schwager gesagt hatte. Und so naiv war sie nicht, daß sie nicht den Unterschied bemerkte. Ich war acht Jahre älter, normal frisiert und trug die hellbraunen Cordjeans. Von der letzen Reinigung war noch die Bügelfalte sichtbar. Sie wollte wissen, wie zwei so unterschiedliche Typen zusammenkommen. Die Frage erreichte mich in einem Augenblick großer Entspanntheit, dem genauen Gegenteil meiner Unruhezustände vor einigen Tagen. Das Pendel hatte zur anderen Seite ausgeschlagen; ich fühlte mich frei und stark genug, die Zwänge vergangener Jahre abzulegen. Ich trat aus mir heraus und erlebte meine eigene Sehnsucht. "Wir haben uns auf der Straße getroffen", sagte ich, und ließ sie fragen, wo. "Er stand hinter Perpignan im Stau", erzählte ich. "Und ich stand am Straßenrand und habe den Daumen geschwenkt, kurz vor dem Hitzschlag."Mein Schwager grinste. Er nahm den Erzählfaden auf. "Ich habe ihn aufgelesen", bestätigte er, "ihn und sein kleines schweinsledernes Köfferchen. Er war ziemlich am Ende, fix und fertig." Manuela musterte mich interessiert. "Er hatte noch nicht einmal was Ordentliches zum Anziehen", fuhr mein Schwager fort und zeigte auf mein graues, zu groß geratenes T-Shirt. "Das habe ich ihm ausgeliehen." "Stimmt", sagte ich. Mein Schwager fühlte sich offensichtlich nicht wohl in Begleitung eines Polohemdes und hatte mir sein T-Shirt angedient. "Und wie bist du nach Perpignan gekommen?" wollte Manuela wissen. "Getrampt. Ich bin einfach abgehauen", sagte ich. "Ich hatte die Schnauze voll." "Echt?" fragte Manuela. Ich schilderte ihr meine verantwortungsvolle Jungmanager-Tätigkeit, den Streß, die ständigen Verhandlungen und die Entscheidungen, die Dienstreisen in Sardinenbüchsen gleichenden Flugzeugen ganz ohne den Anstrich von Jet Set. Und dann sei da noch meine Frau. Und schnell dichtete ich ein Kind dazu. Und das Haus im Rohbau, der ständige Ärger mit dem Bauträger. Wahnsinn. Da hätte ich einfach den ganzen Krempel hingeschmissen und sei Hals über Kopf nach Spanien, ohne ausreichend Geld, aber der nette Student würde mir helfen, über die Runden zu kommen. Hier wollte ich noch einmal ganz von vorn anfangen, irgend etwas, was richtig Spaß macht. Es war nicht der Reiz der Geschichte selbst, sondern die Art, wie sie zuhörte, die mich anspornte, die Art, wie sie alles für bare Münze nahm und mich bewunderte. Und ganz gelogen war die Geschichte nicht, schließlich hatte ich mich tatsächlich Hals über Kopf aufgemacht, doch in allerbestem Einvernehmen. Meine Frau würde zu Hause sitzen und zufrieden sein in dem Gefühl, daß es mir gut ginge. Dann erzählte Manuela. Sie war siebzehn und wirklich von zu Hause abgehauen, nach München, wo sie keinen Menschen kannte, nur mit Rucksack und Schlafsack. In München hatte sie Jungens in ihrem Alter angesprochen. Einer habe sie in seine Wohnung mitgenommen. Bei dem sei sie aber nur eine Nacht geblieben. Am nächsten Abend, in einer Disco, habe sie ihren jetzigen Freund kennengelernt. Ob sie keine Angst gehabt habe, wollte ich wissen. Wovor sollte sie Angst haben? Ich dachte, daß sich vielleicht einer an ihr vergreifen würde, aber das schien sie nicht so zu sehen. Warum sollte sie nicht mit jemand schlafen, der sie für eine Nacht beherbergte und den sie sich selbst ausgesucht hatte? Jetzt wolle sie erst einmal Urlaub machen und dann jobben. Sie lebte, wenn auch in einer anderen Welt. Sie mußte zu den Vögeln gehören, die Jesus in dem Gleichnis meinte, die für nichts vorsorgen und für die der Tisch doch immer gedeckt ist. Für Manuela war ich mit ihr Mitglied einer Glaubensgemeinschaft. Wir haben angeregt miteinander geplaudert und dabei Bloody Mary und Bier getrunken. "Unglaublich", sagte mein Schwager zwischendurch, so daß sie es nicht hören konnte. "Du stiehlst mir hier total die Show." 5 Wir trafen Manuela nicht wieder. Tags darauf gingen wir an ihrem Zelt vorbei und sahen sie. Der Streit mit ihrem Freund war belanglos gewesen und sie machte nicht den Eindruck, als zöge sie ausgeflippte Jungmanager oder unfertige Studenten vor. Sie hatte keine Sehnsucht, weil sie sich ihre Bedürfnisse täglich erfüllte; und so gesehen brauchte sie uns nicht. Ihre Probleme im Leben würden frühestens beginnen, wenn sich ihre Bedürfnisse ändern würden. Nach einer Woche brachte mich mein Schwager nach Port Bou. Ich löste eine Fahrkarte nach Dortmund. Von Cebére, der französischen Seite der Grenze, gab es sogar einen direkten Zug. Wir genossen einige Stunden Eisenbahn-Atmosphäre beim Beobachten des Zugverkehrs zwischen Spanien und Frankreich. Direkt hinter der Bahnhofsausfahrt von Port Bou verschwanden die Züge im Tunnel, und wenn sie herauskamen, waren sie in Frankreich, in Cebére. Vorher mußten sie die automatische Spurwechselanlage durchfahren, um die Radsätze der Waggons auf die breitere Normalspur der SNCF, der französischen Staatsbahnen, zu bringen. Das Ganze funktionierte natürlich auch umgekehrt. Der Zug nach Dortmund fuhr erst nach sieben Uhr abends ab. Ich ergatterte einen Sitzplatz in einem Abteil, der als reserviert gekennzeichnet war, und ich hatte Glück, denn während der gesamten Fahrt erhob niemand Anspruch. Die Gänge vor den Abteilen und an den Wagenenden waren mit jungen Leuten und ihren Rucksackgestellen gefüllt. Sie reisten pauschal und verbilligt durch ganz Europa, und ihr Ticket kostete nur unerheblich mehr als ich für die einfache Fahrt ausgeben mußte. Also war es Gerechtigkeit, daß ich saß und sie standen oder übereinander lagen. Mit der einsetzenden Dunkelheit verlor die Zugfahrt durch Südfrankreich den romantischen Reiz, den wir ihr bei der Besprechung meiner Rückfahrt zugemessen hatten. Mit dem Hellwerden in Deutschland war ich zurück im Gleichmaß, in Norm und Ordnung. 11. Oktober 2000